Malta (Die Gartenlaube 1854)

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Autor: unbekannt
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Titel: Malta
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aus: Die Gartenlaube, Heft 19, S. 218–219
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Malta.

Der Inselfels Malta, durch die Einschiffung der europäischen Truppen jetzt wieder in den Vordergrund getreten – eigentlich eine Gruppe von vier Inseln im mittelländischen Meere, Sicilien gegenüber – ist als einer der wichtigsten Punkte des Mittelmeeres stets ein Zankapfel seefahrender Handelsvölker gewesen. Von dieser natürlichen Meerfestung aus konnte man früher, als sich die Civilisation noch nicht über die Säulen des Herkules handelnd ausgebreitet hatte, den Völkern Europa’s, Asiens und Afrika’s Gesetze vorschreiben. Deshalb war Malta der Reihe nach immer im Besitz der seemächtigsten Nation, der Phönizier, Griechen, Römer, Spanier, Franzosen und Engländer. Letztere machten bekanntlich jetzt Malta zu ihrer Hauptstation für die nach der Türkei bestimmten Truppen und Schiffe. Malta ist in mehrfacher Beziehung ein Fels der orientalischen Frage, eine Garantie gegen russisches Uebergewicht auf der Südseite Europa’s. Charles Napier sucht diesen Felsen eben für die Nordseite.

Wir begnügen uns in historischer Beziehung zu bemerken, daß die St. Johannis-Ritter, von den Türken aus der Insel Rhodus vertrieben, von Karl X. Malta und die benachbarten Inseln als Asyl angewiesen bekamen und dort als Malteser-Ritter bald weit und breit berühmt und berüchtigt wurden, bis sie endlich von ihrem eigenen Großmeister an die Franzosen verrathen wurden (1798). Diese mußten im Jahre 1800 Malta an die Engländer abtreten, welche seitdem immer Meister derselben blieben und sie zum Hafen der Mittelmeerflotte gut zu benutzen verstanden. Napoleon der Große konnte es nie vergeben, daß er bei den Verhandlungen um Malta überlistet worden war. Und die russischen Czaren, welche die Malteser-Ritter seit Jahrhunderten reichlich unterstützt und eine Art Protectorat über Malta zu üben suchten (wie neuerdings über die Türkei), fühlten den Verlust am Stärksten und Nachhaltigsten, seitdem die Engländer dort herrschen.

Die Hauptinsel Malta, höchstens zehn Meilen im Umfang, verdankt ihre Wichtigkeit weder ihrer Größe, noch ihrem Boden, sondern blos ihrer Lage und Gestalt. Sie ist ein ungeheuerer Felsen von Magnesia-Kalk und auf der südlichen Seite so steil und unzugänglich, daß kaum eine Katze landen könnte. Die Felsen steigen fast schnurgerade 800 Fuß hoch aus dem Meere. An der südöstlichen Küste befinden sich die beiden Haupthäfen, blos durch eine etwa 3/4 Stunden lange Landzunge von einander geschieden. Am Ende dieses Vorsprunges erhebt sich die Schloßfestung St. Elmo und ein Leuchtthurm für beide Häfen, und in der 400 Fuß über den Meeresspiegel steigenden Mitte streckt sich la Valetta, die Cidatelle der Insel und der Sitz der Regierung empor. Zu der natürlichen Befestigung dieses Vorsprunges kommen die grandiosesten Fortificationen der Kunst, die größtentheiln von jenen soldatischen Mönchen des Johannes von Jerusalem – den Malteser-Rittern – aufgeführt wurden. Gegenüber erheben sich andere Befestigungen von ziemlich gleicher Kraft, worunter das Schloß St. Angelo, das den Eingang in den andern Hafen bewacht, mit seiner vierfachen Reihe von Kanonen sich wohl den meisten Respect verschaffen würde. Die Engländer fanden bei ihrer Besitzergreifung 800 Kanonen in den Fortificationen vor; doch damit nicht zufrieden, verdoppelten sie nicht nur deren Zahl, sondern ersetzten die alten auch durch neue, größere, weitertragende, so daß man wohl überzeugt sein kann, die Engländer werden diesen Schlüssel des mittelländischen Meeres nicht um den tausendfachen [219] Preis eines Schlüssels zur Bethlehems-Kirche von Jerusalem (dem früher angeblichen ersten Werkzeuge, das den Janustempel des europäischen Friedens schloß) herausgeben. Die andern kleinern Trabanten von Malta sind ebenfalls gut verbarrikadirt, so daß Engländer und Franzosen, jetzt im Verein – die Jahrhunderte lang sich bekämpfenden Feinde – eines festen Haltes in ihren Operationen zur Lösung der orientalischen Frage – vorläufig, wie es scheint, einer sehr Ruhe störenden Kanonenlösung – sicher sind. Malta ist das Depot und der Fels dieser Operationen.

Der größere der beiden Hafen ist einer der besten in der Welt. Er erstreckt sich östlich von la Valetta, etwa 3400 Yards lang und am Eingange 400 Yards breit und sonst im Durchschnitt von einer Breite von 450 bis 700 Yards. Das Wasser ist überall so tief, daß die größten Kriegsschiffe dicht unter den Bastionen von la Valetta Anker werfen können.

Die Gartenlaube (1854) b 219.jpg

Malta.

Die beigefügte Zeichnung ist von einem englischen Maler an Ort und Stelle aus bedeutender Entfernung entworfen worden. Die klare Luft hindert auch in großer Ferne ein gutes Auge nicht, Festungswerke, Stadt, Schiffe und Gestadegrenzen in deutlichen Umrissen zu erkennen.

Natur- und Menschenleben auf der Insel bieten nichts besonders Anziehendes, da ersteres trotz der warmen lachenden Sonne durch Felsen, letzteres durch soldatische Etikette immer trocken gehalten wird. Als Hauptflottenstation bietet die Insel nur im Hafen großartige Scenen, die freilich nicht das Gefühl des Nützlichen, Produktiven und der Civilisation erwecken, wie die Häfen der Handelswelt. Es ist und bleibt peinlich, civilisirte Völker barbarischer Verhältnisse wegen so ernstlich mit Schießgewehren spielen zu sehen.