Martin Behaim, der „große Kosmograph“

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Stanislaus von Jezewski
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Martin Behaim, der „große Kosmograph“
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 11, S. 176–179
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1884
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Porträt von Martin Behaim und seinen Leistungen
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[177]
Die Gartenlaube (1884) b 177.jpg

Martin Behaim erklärt seinen ersten Erdglobus.
Nach dem Oelgemälde von Chr. Max Baer.

[178]
Martin Behaim, der „große Kosmograph“.
Zum vierhundertjährigen Jubiläum der Entdeckung des „Königreiches Congo“.


Durch die Straßen von Alt-Nürnberg schritt im Jahre 1491 ein sonderbar gekleideter Mann, dessen buntfarbiges Gewand auf südliche Abstammung deutete. Staunend sahen ihm die Leute nach, aber, unbekümmert, um die Menge, bog er sicher von der einen Straße in die andere, als ob er eines Führers nicht bedürfte, bis er in der Zistelgasse in dem wohlbekannten Hause des Rathsherrn Michael Behaim verschwand.

Bald darauf verbreitete sich in den Patricierhäusern die Kunde, daß jener „fremde Herr“ ein Nürnberger Kind sei, der Martin Behaim, der vor 32 Jahren hier das Licht der Welt erblickt hatte, der Martin, der einst nach Venedig, Antwerpen und Wien reisen mußte, um den Tuchhandel zu betreiben, dann aber in der weiten Welt verschwunden war, ohne von seinem Wohlergehen viel nach der Heimath zu berichten. Jetzt sei er wieder gekommen, um „seine wertheste Angehörige“ zu besuchen. Gerade von Lissabon führe sein Weg, wo er am Hofe des Königs von Portugal lebe und wo er zum Ritter geschlagen wurde.

Da schüttelten die alten Herren ihr Haupt aus Verwunderung ob solcher seltsamen Schicksale, die ein Sohn ihrer Stadt erlebt, und neugierig schauten schöne Frauenköpfe aus den Erkerfenstern, wenn der Ritter Martin wieder einmal in der buntfarbigen portugiesischen Tracht durch die engen Gassen dahinschritt und Bekannte mit spanischer Reverenz begrüßte. Und wenn er die alten Gefreunde zum ersten Male besuchte, da erröthete wohl tief manches Jungfrauenantlitz, wenn Herr Martin die Tochter des Hauses scharf ansah, das naive Fräulein, welches in dem festen Glauben lebte, daß ein Nürnberger nur eine Braut aus den Töchtern der befreundeten Sippe heimführen könne und folglich in den fernen Ländern ledig geblieben war.

Aber die Gunst der Frauen verlor er bald, da er ihnen erzählte, daß er wohl 700 Meilen von hier auf der Insel Fayal (in der Azorengruppe) sein Gemahl habe. Und wenn er auch hinzufügte, daß sein Schweher, der über die Insel regiere, kein farbiger Heide sei, sondern ein fürnehmer deutscher Herr, der sich Jobst von Hürter nenne, so konnten sie ihm doch nicht vergessen, daß er keine Nürnbergerin gefreit.

Auch die Männer schienen mit dem Ritter Martin nicht zufrieden zu sein, denn selbst in dem denkwürdigen Jahre 1492, da Columbus im Hafen von Palos die Anker lichtete, um die Neue Welt zu entdecken, hingen sie fest an alter Sitte. Martin Behaim aber setzte sich über die hergebrachten Regeln leicht hinweg. Auf die strenge Kleiderordnung achtete er nicht, sondern trug das leichtfertige scheckige Gewand der Portugiesen. Auch steckte er zu auffällig den Gelehrten heraus, und er, der früher den Tuchhandel betrieb, hielt es jetzt unter seiner Würde, sich mit Handelsgeschäften zu befassen.

Aber sein Wissen ehrten die angesehensten Väter der Stadt, und ihnen zu lieb hat der vielgereiste Mann seinen berühmten „Erdapffel“ angefertigt, den ersten dieser Art, der noch heute von der Familie Behaim in Nürnberg pietätsvoll aufbewahrt wird. Als das Kunstwerk vollendet war, da erschienen wohl oft Gäste im Hause des Rathsherrn Michael Behaim, und mehr als einmal wiederholte sich hier das fesselnde Schauspiel, daß der alte Rathsherr und der anmuthige Kreis junger Damen, den Erklärungen des gelehrten Anverwandten lauschten – jener Moment, den der talentvolle Maler Max Baer, ein Schüler des Professor Lindenschmit, in seinem Bilde (vergl. S. 177) so trefflich wiederzugeben wußte.

Später wurde unser Martin zu den berühmtesten Söhnen seiner Stadt gezählt, um seinen Namen wob die Nachwelt einen dichten Sagenkreis, und lange Zeit hindurch wollte man ihm den Ruhm großartigster Entdeckungen sichern und ihn sogar über Columbus stellen. Die kritische Forschung hat inzwischen das Dunkel gelichtet, und indem wir ihren Fingerzeigen folgen, wollen wir versuchen, in aller Kürze ein Lebensbild dieses außerordentlichen Mannes vor den Augen unserer Leser zu entrollen.

Wie kam es wohl, daß schon über die Herkunft Martin Behaim’s die früheren Geschichtsschreiber so verschiedenartige Nachrichten verbreiteten, daß sie ihn bald für einen Eingeborenen der Insel Fayal, bald für einen Portugiesen, bald für einen Böhmen slavischer Rasse ausgaben? Die letzte Angabe wird uns leicht erklärlich, wenn wir ein wenig in dem Stammbaume seiner Familie blättern und dort erfahren, daß dieselbe ihren Ursprung auf das alte Geschlecht derer von Schwarzbach in dem Kreise von Pilsen in Böhmen zurückführt. Auch der Umstand, daß man ihn für einen Portugiesen hielt, darf uns in Anbetracht einer Zeit nicht verwundern, in welcher das Nationalitätsprincip nicht so stark ausgebildet war, wie dies heutzutage der Fall ist. Martin Behaim wirkte in Diensten des Königs von Portugal, und Leute, die ihm persönlich ferner standen, hielten ihn für einen geborenen Portugiesen.

Damals herrschte überhaupt ein reger Verkehr zwischen Deutschland und jenem südlichen Königreiche. Viele Deutsche wanderten schon vor Behaim’s Zeiten nach Portugal aus. Sie ließen sich dort nicht allein als Kaufleute nieder, sondern führten auch neue Gewerbe ein. Namentlich waren die deutschen Buchdrucker dort sehr zahlreich und deutsche Artilleristen sehr gesucht. Außerdem rüstete auch die deutsche Hansa für die Entdeckungsreisen der Portugiesen die Schiffsexpeditionen aus, und die Könige von Portugal nahmen gern deutsche Colonisten auf, welchen sie die neu entdeckten Inseln zur Ansiedelung übergaben. So war, wie wir schon in der Einleitung erwähnten, der deutsche Jobst von Hürter Gouverneur der Insel Fayal in den Azoren.

Kein Wunder also, daß auch Martin Behaim dem Auswandererzuge nach Portugal folgte. Als er in Venedig auf seinen Handelsreisen den Hafen mit dem buntbewimpelten Mastenwalde erblickte, von den Wundern der fernen Länder hörte, da ergriff ihn das Gefühl des Großartigen, das in den weiten Seereisen lag, da faßte er den Entschluß, hinauszusteuern in die weite Welt, nach den durch Sage und Märchen verklärten Ländern des Südens. Und wem sollte er sich anschließen, um seine Sehnsucht zu stillen, wenn nicht jenen portugiesischen Seefahrern, von deren kühnen Plänen damals die gesammte gebildete Welt sprach, deren frischer Ruf den Glanz der berühmtesten Reisenden der Vorzeit überstrahlte?

Und er brauchte seine Wahl nicht zu bereuen. In Lissabon fand er den Mittelpunkt aller jener hochfliegenden Bestrebungen, die darauf gerichtet waren, den Schleier von dem „Meere der Finsterniß“ zu heben, „hinter welchem nichts mehr bekannt ist“, den Seeweg nach Ostindien und der Goldinsel Cipangu, dem japanesischen Inselreiche, zu entdecken. Hier aber, wo die Pläne der größten Seefahrer seiner Zeit einer sachverständigen Kritik unterzogen wurden, erschien er keineswegs als ein Abenteurer und Neuling. Er war ein würdiger Sohn Nürnbergs, in dem die mathematischen Studien in hoher Blüthe standen und in dem ein Regiomontanus lehrte. Wohl durch die Erfindungen dieses berühmten Meisters angeregt, führte er bei den dortigen Seefahrern ein wichtiges Instrument ein, das neue Astrolab.

Seit uralten Zeiten waren die Sterne die untrüglichen Wegweiser für die kühnen Seeleute, die ihre zerbrechlichen Fahrzeuge dem Meere anvertrauten. Aus ihrem Stande wurde der Ort berechnet, an dem man sich befand, und schon frühzeitig haben die Griechen einfache Instrumente erfunden, mit deren Hülfe die Höhenwinkel von Sonne, Mond und anderen Sternen gemessen wurden.

Aber die alten Astrolabien, welche auch die Araber benutzten, waren aus Holz gearbeitet und ruhten auf einem Dreifuß, eine Einrichtung, die wohl hinreichte für Messungen auf dem festen Lande, auf den schwankenden Schiffen aber mit den größten Unannehmlichkeiten verbunden war. Behaim führte nun ein Astrolab ein, das aus einer metallenen Kreisscheibe bestand, die in Grade und Minuten eingetheilt war und in der Mitte einen Zeiger zum Visiren der Sterne besaß. Diese Scheibe wurde nicht aufgestellt, sondern an einem Maste aufgehängt und behielt durch ihre eigene Schwere stets senkrechte Richtung.

Die portugiesische Regierung, die auch unter König Johann II. das große Vermächtniß des Prinzen Heinrich, des Seefahrers, auszuführen bestrebt war, suchte den begabten Deutschen für ihre überseeischen Unternehmungen zu gewinnen, und Behaim wurde aufgefordert, an der berühmten Entdeckungsreise theilzunehmen, die im Jahre 1484 unter der Führung von Diogo Cão zu Stande [179] gekommen war. Ihr Hauptresultat war bekanntlich die Entdeckung des „Königreiches Congo“.

Heute, wo die Congofrage so lebhaft die Gemüther beschäftigt, wo an die Erschließung dieses großen Gebietes so vielfache Hoffnungen geknüpft werden, können wir auch annähernd den vierhundertjährigen Gedenktag der Entdeckung dieses Landes feiern.

In einem ausführlichen Bericht dieser Reise heißt es: „Nachdem Diogo Cão das Capo de Lopo Gonsalvez und desgleichen das Capo de Catherina, das letzte Land, das zu den Zeiten des Königs Don Alfonso entdeckt worden, umschifft, gelangte er an einen ansehnlichen Fluß, an dessen Mündung er auf der Südseite die erste steinerne Säule[1] aufrichtete, als wodurch er von der ganzen Küste, die er hinter sich gelassen, im Namen des Königs Besitz nahm. Wegen dieser Säule, die vom heiligen Georg genannt wurde, weil der König diesen Heiligen in besonderer Verehrung hielt, wurde dieser Fluß lange Zeit do Padrão genannt; aber jetzt heißt man ihn Congo, weil er ein Königreich, welches diesen Namen führt, und welches Diogo Cão auf dieser Reise entdeckte, durchströmt, obwohl der Fluß bei den Eingeborenen eigentlich Zaïre heißt (nach Mittheilungen unseres geschätzten Mitarbeiters, des Herrn Dr. Pechuel-Loesche lautet der richtige Name in der Congosprache „Nsadi“, „großes Wasser“). Derselbe ist durch seine Wassermasse bemerklicher und ansehnlicher als durch seinen Namen, denn zur Zeit, wo in jenen Landen Winter ist, fällt er mit solcher Macht in das Meer, daß man noch 20 Meilen von der Küste seine süßen Wasser findet.“

Die Besitzergreifung von Congo war nicht nur nominell, sondern hatte sogar die scheinbare Einführung der christlichen Religion in jenen Ländern zur Folge. Die Eingeborenen, von welchen der Bericht meldet, daß sie alle „sehr schwarz mit krausem Haar“ waren, wurden zu Tausenden auf einmal getauft. Es gab wohl Hunderte von christlichen Kirchen am Congo, aber sie sind sämmtlich verschwunden, nur hier und dort findet man noch heute spärliche Ruinen der ehemaligen Gotteshäuser.

Nach dieser denkwürdigen Reise wohnte unser Martin Behaim auf der Insel Fayal, und hier soll er Columbus die „Nachricht von Fichtenstämmen, Leichnamen und selbst Canots, die mit Häuten bedeckt und mit Menschen von einem gänzlich unbekannten Stamme besetzt gewesen und von Winden und Meeresströmungen an die Küsten von Fayal, Graciosa und Flores verschlagen worden“, mitgetheilt haben. Man hat wohl versucht, Behaim als den eigentlichen Entdecker Amerikas, als denjenigen, der Columbus auf den richtigen Weg gewiesen, hinzustellen. Auch hat man ihn lange Zeit für den Entdecker der Magellan’schen Straße gehalten, aber neuere Forschungen haben das Irrthümliche dieser Behauptungen dargethan. Trotzdem bleibt ihm der Ruf eines ausgezeichneten Geographen erhalten, hat ihn doch der Geschichtsschreiber Herrera „Cosmografo de gran opinion“ genannt. Er starb in Lissabon im Jahre 1506 oder 1507.

Der Erdglobus, den er während seines Aufenthalts in Nürnberg im Jahre 1492 dargestellt, ist ein äußerst werthvolles Denkmal für die Geschichte der geographischen Anschauungen jener so tief bewegten Periode der großen Entdeckungen. Er ist aus Pappe gefertigt, die über eine hölzerne Kugel gespannt ist, und sein Durchmesser mißt 54 Centimeter. Ueber die Pappe ist noch eine Gypskruste gelegt und diese wieder mit Pergament überzogen. Das Meer ist auf demselben ultramarinblau, die Länder braun und grün, die schneebedeckten Gipfel der Berge weiß, die Schrift mit Gold und Silber, sowie mit rothen, weißen und gelben Farben aufgetragen. Der ganze „Erdapffel“ ist mit zahlreichen Erläuterungen beschrieben, die auf unserer Abbildung[2] im Auszuge mitgetheilt werden.

Für das strebsame und gewerbfleißige Nürnberg ward dieser „Erdapffel“ noch von einer besondern Bedeutung, denn nach diesem Muster wurden später ähnliche Globen angefertigt, und lange blühte in Behaim’s Vaterstadt die Zunft der „Globenmacher“ und „Kartenzeichner“.

St. v. J.
[176]
Die Gartenlaube (1884) b 176.jpg

Anmerkungen

  1. Die Schiffscapitaine der Portugiesen errichteten anfangs in den neu entdeckten Ländern hölzerne Kreuze als Zeichen der Besitzergreifung jener Gebiete im Namen ihrer Herrscher. König Johann II. befahl, anstatt dieser Kreuze steinerne Säulen von der Höhe von zwei Mannslängen mit dem königlichen Wappenschild und entsprechenden Inschriften zu errichten. Die erste dieser Säulen wurde von Diogo Cão vor gerade 400 Jahren am Congo aufgestellt. – Eine ausführliche Beschreibung dieser Reise, sowie des Behaim’schen Globus findet der Leser in dem allgemein verständlich geschriebenen und interessanten Werke: „J. Löwenberg’s Geschichte der geographischen Entdeckungsreisen“. Otto Spamer, Leipzig. 1881.
  2. Eine treue Copie der ersten Tafel aus dem Werke „Historische Nachricht von den Nürnbergischen Mathematicis und Künstlern“. Von Johann Gabriel Doppelmayr. Nürnberg. In Verlegung Peter Conrad Monaths. 1730.