Martin und Ilse (Löhr)

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Johann Andreas Christian Löhr
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Martin und Ilse
Untertitel:
aus: Das Buch der Maehrchen für Kindheit und Jugend, nebst etzlichen Schnaken und Schnurren, Band 2, S. 50–53
Herausgeber: {{{HERAUSGEBER}}}
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: [1820]
Verlag: Gerhard Fleischer d. Jüng.
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Kinder- und Jugendbibliothek München und Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[50]
5. Martin und Ilse.

Martin und Ilse waren Bruder und Schwester, und waren recht sehr arme Kinder, denn die Aeltern hatten noch viel Kinder mehr und konnten ihnen nicht satt zu eßen geben. Da mußten denn Martin und Ilse in den Wald und Erdbeeren suchen, die aßen sie zu einem kleinen Stücklein Brodt, und die übrigen trugen sie nach der Stadt zum Verkauf und brachten das Geld den Aeltern.

[51] Einstmals gingen sie auch in den Wald, aber die Erdbeeren waren schon selten. Da mußten sie tiefer und immer tiefer hinein, und wußten nun bald nicht mehr, wo sie waren und konnten sich gar nicht zurecht finden.

Als es nun schon Abend geworden war, da hatten sie entsetzliche Angst und gewaltigen Hunger. Aber da fanden sie auf einmal auf einem grünen Platze ein artiges Häuschen, und als sie hinkamen, da war das Häuschen von Brodteig gebacken und das Dach war von Kuchen und die Fenster von weißem Kandiszucker, und die Fensterrahmen von Marzipan.

Die hungrigen Kinder fragten nicht lange, wem das Häuschen gehöre und ob sie auch davon eßen dürften, sondern weil es sie hungerte, so brachen sie vom Häuschen ab, was losging und aßen. Aber das hätte können übel ablaufen. Indem sie nämlich eben Jedes noch eine Kandisfensterscheibe losbrechen, wars drinnen als säng es mit feiner Stimme:

„Knasper, knusper Kneischen;
was knaspert an mein’m Häuschen?“

Da erschracken die Kinder, ließen die Scheiben fallen und wollten davon laufen. Aber es trat ein altes kleines Mütterchen aus der Thür, die war ganz zusammengeschrumpft und sagte gar freundlich: „Ach! Ihr armen Kinderchen; Ihr habt Euch gewiß verirrt; da kommt nur herein, Ihr sollts gut haben.“

Als sie nun drinnen waren, gab ihnen die Alte Nüße und Aepfel, Milch und Reißbrei und auch schönen Wein dazu. Da wurden die Kinder recht froh und dann auch recht müde. Die Alte aber hatte schon zwei weiche Bettchen bereitet, darein legten sie sich und schliefen recht süß.

Die Alte aber war eine böse Hexe, die den Kindern sehr nachstellte, [52] schlachtete sie und aß sie, denn wenn sie ein Kind gegeßen hatte, wurde sie wieder um drei Jahre jünger. So war sie wohl schon tausend Jahr alt geworden. Sie konnte aber nur solchen Kindern Etwas anhaben, die sie zu einem Unrecht verführen konnte, über die andern aber hatte sie keine Macht. Sie hatte das Brodhäuschen dahin gebaut, daß die Kinder davon abbrechen sollten, hätten die Kinder das nicht gethan, so hätte sie ihnen auch nichts thun können.

Früh ehe es noch Tag war, stand das böse Weib auf und trug den Knaben in einen Stall, der hatte ein eisernes Gitter, und Ilsen weckte sie und sagte: „Steh auf, du Faullenz, mach Feuer an, hole Waßer und koche gut Eßen. Deinen Bruder hab ich in den Käfig gesperrt, da sollst du ihn füttern, bis er recht fett ist, dann will ich ihn schlachten.“

Ach wie weinte das arme Mädchen, aber es half ihm nichts! Es mußte alle Tage dem armen Bruder gute Speisen kochen und ihn trösten und hatte doch selbst keinen Trost!

So oft auch die Hexe den Knaben besahe, nahm er doch nicht zu. Das machte die Angst. So wollte sie denn das Mädchen zuerst eßen.

Es waren wohl vier Wochen so hingegangen, da sagte sie eines Morgens: „Mach hurtig, Mädchen, und thue deine Arbeit; heute soll dein Bruder dran, wenn er auch noch magerer wäre, ich will nun länger nicht warten, ich will derweile den Teig zurecht machen, damit wir auch Brodt haben. In ein Paar Wochen schlacht ich dich auch!“

Ilse wollte vor Angst vergehen; aber sie mußte Waßer zum Sieden bringen, die Alte aber heizte den Backofen. Ilse seufzte zu dem lieben Gott und rief ihn an.

[53] Jetzt rief die Alte: „Komm her, Mädchen, und sieh, ob das Brodt recht braun ist; meine alten Augen können es nicht mehr erkennen. Setz dich hier auf das Brett, das will ich in die Höhe heben, und denn kannst du in den Ofen hinein gehen und zusehen, ob das Brodt gar ist?“

Das Mädchen merkte die Bosheit der Alten gar wohl, sagte, dergleichen habe es noch niemals gemacht, und wüßte sich dabei nicht anzustellen; die Alte möcht ihr er vormachen. Das that die denn auch, und setzte sich aufs Brett.

Ilse war stark, denn sie hatte viel arbeiten müßen, aber die Hexe war dürr und sehr leicht. Ilse schob sie wer weiß wie weit in den Ofen, und als sie zurück wollte, stieß sie dieselbe mit dem Brette wieder hinein, und schlug die Ofenthür zu, daß sie gar jämmerlich verbrannte.

Nun suchte Ilse die Schlüßel zum Gitterkäfig, und als sie diese gefunden, ließ sie den Bruder heraus. Da waren die Kinder recht froh und dankten dem lieben Gott, und aßen sich seit langer Zeit wieder zum erstenmal mit Freuden satt, und nahmen auch noch Speise auf den Weg mit.

Hierauf suchten sie im Häuschen Alles durch und fanden viel Perlen und Edelgestein, die nahmen sie auch mit für die Aeltern. Dann machten sie sich auf den Weg, und kamen bald an bekannte Stellen, und als es Abend ward, waren sie wieder zu Hause.

Und die Aeltern waren so glücklich, so sehr glücklich! Sie hatten die Kinder acht Tage hintereinander gesucht, und als sie dieselben nicht fanden, da war ihr Herz bekümmert. Nun waren sie aber wieder da, und hatten so viel mitgebracht, daß sie einen großen Edelhof hätten kaufen können, oder wohl gar noch viel mehr.