Mein Traum

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Textdaten
Autor: Amalie von Imhoff
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Titel: Mein Traum
Untertitel:
aus: Friedrich Schiller:
Musen-Almanach für das Jahr 1798, S. 19 - 23
Herausgeber: Friedrich Schiller
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1798
Verlag: J. G. Cotta
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Erscheinungsort: Tübingen
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
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Quelle: HAAB Weimar, Kopie auf Commons
Kurzbeschreibung:
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[19]
Mein Traum.


     Als vom Schlummer leis beschlichen
Sich die Augenwimper schloß,
Und die Bilder all erblichen
Die der Tag um mich ergoß,

5
Sank mit rosigem Gefieder,

Süsser Ruhe Unterpfand,
Jüngst ein Traum zu mir hernieder,
Den mein Schutzgeist mir gesandt.

     Rauher Winterstürme Brausen

10
Hörte mein erschrocknes Ohr;

Kalter Regengüsse Sausen
Schallte aus dem Sturm hervor,
Als am Fenster meiner Zelle
Wo ich ängstlich still gelauscht,

15
Mir ein Fittich, silberhelle

Schnell und scheu vorüberrauscht.

[20]

     Schwirrend streift es hin und wieder,
Schlägt das kleine Flügelpaar;
Am erstarrenden Gefieder

20
Zittern Eisestropfen gar;

Sieh das arme Vöglein spähet
Nach dem Nestgen, das gewiß
Dieser Sturm, dem nichts entgehet,
Von des Hüttchens Obdach riß.

25
     Voll Erbarmen nehm’ ich leise

Vom beeisten Fenster ihn;
Und es sinkt der silberweiße
Starre Vogel leblos hin,
Mir in Schooß, es bebt der Arme

30
Auf der Hand, die zart und fest,

Aengstlich ihn, daß er erwarme
An den heissen Busen preßt.

     Lebe, holder Fremdling, lebe!
Ruf’ ich selbst mir kaum bewußt;

[21]
35
Deinem kleinen Herzen gebe,

Neue Wärme diese Brust!
Sieh, er regt sich, frisch erhebet
Das gesenkte Köpfgen sich,
Und mit munterm Fluge schwebet

40
Dankbar flatternd er um mich.


     Aber, Wunder sonder Gleichen!
Meinen Augen trau ich kaum;
Zarte Rosenglieder steigen
Aus der Federn seidnem Pflaum.

45
Goldne Ringellocken blinken,

Wo der kleine Schnabel war
Seh ich Purpurlippen winken
Und ein schelmisch Augenpaar.

     Kurz, am schönsten Knaben zeiget

50
Sich vom Vogel keine Spur,

Von der weißen Schulter steiget
Goldbesäumt die Schwinge nur.

[22]

Ha! Du Schelm! gar wohl belehret
Dieses Goldgefieder mich,

55
Ich erkenn’ auch unbewehret

Losesten der Vögel dich.

     Süß und lispelnd jetzt versetzet
Er mit lächelndem Gesicht:
Daß dich mein Geschoß verletzet,

60
Fürchte holdes Mädchen nicht.

In der Brust die mich gepfleget,
Ruht ein warmes treues Herz,
Doch das ruhige beweget
Nie der Liebe süßer Schmerz.

65
     Listig wollt ich dich betrügen;

Mitleid öfnet oft die Thür,
Deine Schwestern zu besiegen,
Zu den weichen Herzen mir,
Doch das deine sey verschonet;

70
Diese stille Brust verlieh
[23]

Einem Gotte Schutz, er lohnet
Dir mit solchem Undank nie.

     Meiner Fackel Glut entzünde
Sie mit wilder Flamme nicht,

75
Und es raube meine Binde

Nie der heitern Blicke Licht;
Schmerzlos sey dir meiner Pfeile
Meines goldnen Bogens Macht.“
Hier entfloh mit loser Eile

80
Amor, und ich war erwacht.
A.