Meine erste Luftschifffahrt

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Autor: Gaston Tissandier
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Titel: Meine erste Luftschifffahrt
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 38, S. 617–620
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Meine erste Luftschifffahrt.


Von Gaston Tissandier.[1]


Eine Reise hatte mich am 12. August 1868 nach Calais geführt. Durch die Straßen schlendernd, sah ich hier an Thoren und Mauern eine Luftfahrt für den 16. August – als Nachfeier des Napoleonstages – angekündigt. Der Unternehmer nannte sich J. Duruof, ein mir bis dahin völlig unbekannter Name. Zugleich waren für denselben Tag Ruderwettfahrten angezeigt, die zwischen den beiden Hafendämmen stattfinden sollten. Allein je weniger diese mich reizen, um so mehr beschäftigt mich die bevorstehende Ballonfahrt.

Die Gartenlaube (1872) b 617.jpg

Auf dem umgekehrten Ocean.

Am andern Morgen früh begebe ich mich in das Gasthaus, in welchem Duruof wohnt, und bin überrascht, einen blutjungen Mann vor mir zu sehen. Mein Eifer macht ihn gesprächig, beredt, und ehe noch eine Viertelstunde vergangen, habe ich einen Freund und – einen Platz in seiner Gondel gewonnen. Hocherfreut verlasse ich Duruof. Aber wie groß ist meine Bestürzung, als einige Bekannte, denen ich mein Vorhaben mitgetheilt, mir ihre unverhohlene Mißbilligung aussprechen. Es sei eine klägliche Posse, der ich zum Opfer fallen werde. Denn Duruof habe schon einmal eine Aufsteigung in Calais versucht, aber im Augenblicke der Abfahrt seinen absichtlich überfüllten Ballon zerplatzen lassen. Es handle sich höchst wahrscheinlich auch diesmal um eine Täuschung der Massen.

Anderer Art, aber nicht minder dringlich war die Einsprache, welche von Seiten mehrerer Verwandten erhoben wurde, die ich in Calais hatte. Sie erinnerten mich an die Gefahren des Wagnisses. Hier zwischen Canal und Nordsee, in der Straße der Stürme sei der Luftschiffer mehr als anderswo bedroht. An diesen verhängnißvollen Küsten sei Pilâtre gescheitert, habe Deschamps den Tod gefunden. So wohlgemeint und rührend diese Warnungen aber auch waren, konnten sie doch meinen Vorsatz nicht erschüttern. Sonnabend den fünfzehnten bringe ich damit zu, daß ich Duruof die Löcher und Ritzen des Ballons aufsuchen und verstopfen helfe. Dann eile ich in das Bureau der „Humanen Gesellschaft“, um mir einige Rettungsgürtel und dergleichen auszubitten; [618] denn man darf allerdings nicht vergessen, daß wir hier an der Küste in unmittelbarer Nähe der „großen Tasse“ sind, wie der Capitän des „Neptun“ sich ausdrückt.

In der darauf folgenden Nacht hatte ich die wildesten Träume. Ich sah mich auf dem Füllungsplatze und die Menge empfing mich mit Gelächter. Dann wieder trieb mich der Sturm hoch über den Wolken hin, unter mir brauste die See, der Ballon schwankt, sinkt, stürzt, die Wasser schlagen über mir zusammen; verzweifelnd ringe ich um’s Leben, da faßt mich ein kräftiger Arm und …

„Sie müssen aufstehen, mein Herr,“ ruft mir eine Stimme zu, „es ist halb sechs Uhr. Sie haben mir befohlen, Sie nicht länger schlafen zu lassen.“

In der That, ich träume nicht mehr. Vor mir steht der diensteifrige Hôtelkellner, der mich zur Wirklichkeit zurückruft. Ich kleide mich eiligst an und begebe mich nach dem Exercirplatze. Duruof und sein Gehülfe Barret sind bereits da. Der Ballon liegt träge und kläglich an der Erde und der Regen ergießt sich in Strömen. Einen Augenblick faßt mich zwar nicht Reue, aber Sorge und Zweifel an der Möglichkeit einer Aufsteigung.

„Glauben Sie,“ frage ich Duruof, „daß es gelingen kann, bei solchem Wetter den Ballon zu füllen?“

Der Capitän des Neptun blickt mich fest, ja strenge an. „Ich sehe,“ antwortet er ruhig, „daß Sie mich nicht kennen. Ich habe auf eben diesem Platze schon einmal Unglück gehabt; der Wind wehte allzustark, um aufzusteigen. Heute aber werde ich mir von meinen Verleumdern Genugthuung verschaffen; denn der Regen kann keinen Luftschiffer hindern. Seien Sie unbesorgt, wir werden unsere Fahrt machen.“

Unterdessen wird die Gasröhre in den Hals des Neptun geführt und nach einiger Zeit beginnt der Kopf des Ballons sich von der Erde emporzuheben. Das Netzwerk spannt sich aus, die Ballastsäcke werden herbeigeschafft. Dann und wann geht ein Neugieriger vorüber, andere kommen hinzu, man bleibt stehen, und das ungläubige Lächeln weicht sehr bald einer fast wohlwollenden Aufmerksamkeit. Als gegen Mittag der Regen aufhört, beherrscht der Ballon majestätisch den ganzen Platz. Alles ist lebhaft erregt bis auf das alte Guisenstandbild dort, das mit eherner Ruhe dem wundersamen Treiben zuschaut.

Jetzt bindet Duruof die Gondel an die Stricke des Tragreifens, während mehrere Gruppen von Soldaten die Kabel halten. Aber bald hebt sie der Neptun vom Boden empor, daß sie wie Weintrauben in der Luft hängen und in jedem Augenblicke befürchten, der ungestüme Renner werde mit ihnen durchgehen. Mittlerweile tritt ein Engländer heran, prüft den Stoff des Ballons mit peinlicher Sorgfalt, befühlt die Stricke der Gondel, untersucht den ganzen Apparat. Was will dieser Mann? Eine bange Ahnung steigt in mir auf. Wenn der Engländer dem Luftschiffer eine ansehnliche Summe bietet, so wird dieser ihn an meiner Statt mitnehmen; denn meine Börse kann sich höchst wahrscheinlich mit der des Briten bei Weitem nicht messen.

Ein Freund nähert sich mir. „Du scheinst unruhig zu sein,“ sagt er. „Hast Du Furcht?“

„Ja,“ antwortete ich, „ich fürchte sehr – dableiben zu müssen.“

Ein Versuchsballon wird losgelassen und Aller Augen folgen ihm. Er bleibt eine Weile an der Kuppel des Stadthausthurms hängen, steigt dann wieder und nimmt die Richtung nach der Nordsee. Ich sehe Duruof an. Er ist ruhig und entschlossen. Aber der Engländer – wo ist er geblieben? Er hatte ohne Zweifel keine Lust, eine Niederfahrt in’s Meer zu machen, und ward nicht mehr gesehen.

Um vier Uhr steigen Duruof, Barret und ich in die Gondel. Das „vortreffliche Musikcorps“, von welchem der Anschlagzettel spricht, läßt seine Accorde hören und Duruof commandirt: „Los!“ Einen Augenblick später schweben wir, von dem Jubelrufe der Menge begleitet, in die Luft empor. Welche Wonne für den Neuling, wenn ihn nun die Winde weich und willig wiegen! wenn die Erde unter ihm entschwindet, wenn der Horizont sich in’s Unendliche dehnt, wenn sein Blick den Himmel und das Meer zugleich umspannt! Fern aus dem Schooße der See steigt es gährend auf; Wolke auf Wolke folgt, wie in einer Geisterprocession; aber als reiße uns eine unsichtbare Macht empor, haben wir rasch die Zone der Dünste durchschnitten und sehen aus einer Höhe von zwölfhundert Meter das Meer sich unter unserer Gondel ausbreiten. Duruof blickt unverwandt auf den Compaß. „Wir haben die Richtung nach England!“ ruft er.

Leider aber ist unsere Freude von kurzer Dauer. Denn bald müssen wir uns überzeugen, daß der Wind uns in nordöstlicher Richtung, das heißt nach der Nordsee treibt. Ich sehe Duruof an, der in tiefen Gedanken steht.

„Was werden wir thun?“ fragt er mich nach einer Weile sichtlich erregt.

„Ich habe Ihnen schon erklärt, daß ich Ihnen überall hin folgen werde,“ antwortete ich ruhig.

„Wohlan! Möge kommen, was da wolle, man soll wenigstens in Calais nicht mehr sagen, daß ich ein Feigling sei.“

Ich mußte an Deschamps denken, von dem man mir erzählte, und der eben hier, in Calais, ein so schreckliches Ende nahm. In einer ähnlichen Lage wie wir, hatte er, um nicht in das Meer verschlagen zu werden, das Ventil geöffnet und war auf die Klippen der Küste herabgestürzt. Aber hinweg mit diesen Gedanken! Auch der Luftschiffer muß, wie der Seemann, an sein gutes Glück glauben. Und hat er nicht in der That lange Stunden vor sich? und kann der Wind sich nicht jeden Augenblick ändern? Audaces fortuna juvat. Uebrigens nimmt die Pracht des Panoramas, welches sich vor uns aufrollt, bald alle unsere Sinne gefangen, und jede Besorgniß ist verschwunden. Werden wir uns doch kaum der Schnelligkeit bewußt, mit welcher wir dem Meere entgegenfliegen! Zu unserer Linken haben wir Calais. Die alte trotzige Stadt sieht wie ein kleines Modell auf einem liliputischen Gestade aus; die Quais, die Hafendämme sind bloße Linien geworden, und ein Gewimmel mikroskopischer Punkte verräth uns, daß die Blicke der Zuschauer uns noch immer begleiten. Zu unsern Füßen dehnt sich das Meer durchsichtig und im Strahl der Sonne grüngolden leuchtend, wie ein Smaragd.

Diese ganze Scene aber wird durch unzählige Wölkchen und Wolken begrenzt, die anscheinend auf einer ebenen Fläche hingleiten und, von der einen Seite des Horizonts aufsteigend, sich auf der andern wieder zerstreuen. Doch auch über uns beginnt das luftige Spiel der Dünste. Einzelne violett angehauchte Massen schweben langsam dahin, und wieder andere stehen unbewegt, wie verloren in der unendlichen Höhe. Denn obschon wir selbst uns bis zu achtzehnhundert Meter erhoben haben, ist der Raum, der uns von ihnen trennt, sicherlich ein weit größerer. Das Thermometer zeigt fünfzehn Grad Celsius, und wir fühlen uns höchst behaglich in unserer Gondel, die so sanft und doch so schnell durch dieses stille Wolkenland zieht.

Noch bin ich ganz in das immer neu sich gestaltende Schauspiel versunken, als eine unerwartete Erscheinung uns auf das Lebhafteste erregt. Wir suchen den Strand von Dover; denn er muß uns nahe genug sein. Aber ein Vorhang bleifarbener Dünste entzieht uns die wohlbekannten schimmernden Linien der englischen Küste. Die ganze nordwestliche Seite des Horizonts liegt vor uns wie ein dämmergraues Chaos. Ich wende den Blick nach oben, um die Grenze dieser Wolkenwand zu suchen, und wie groß ist mein Erstaunen, als ich gerade über mir eine weitgedehnte grünliche Dunstschicht, gleichsam einen himmlischen See gewahre! Nicht lange, so scheint ein kleiner Punkt sich auf dieser Fläche zu bewegen. Es ist ein Schiff, so groß wie eine Nußschale, und als ich meine Blicke fester darauf hefte, erkenne ich, daß es umgekehrt auf diesem umgekehrten Oceane schwimmt. Die Masten sind abwärts, der Kiel ist aufwärts gerichtet.

Einen Augenblick später sehe ich das Spiegelbild des Postdampfers, welcher von Calais nach England steuert, und mit meinem Fernrohre entdecke ich selbst den Rauch seines Schlots. Immer neue Barken und Schiffe erscheinen, und ich weiß zuletzt kaum, was schöner ist – ob das Meer dort unten, oder sein magischer Wiederschein hier oben.

Der Hafendamm von Calais ist jetzt nicht größer als ein Zündhölzchen, doch erkenne ich noch immer die hier und am Strande versammelten Zuschauermassen, und ich erinnere mich, daß unter ihnen befreundete und liebe Menschen sind, welche mit besorgten Blicken unsere Spur verfolgen. Ohne Zweifel, die Richtung des Ballons kann unser Verderben werden. Dort taucht der Leuchtthurm von Gravelingen auf; Dünkirchen wird sichtbar; wir schwimmen bereits über der Nordsee, und ich sage mir, daß wir, unsere Gondel und unser Ballon nichts weiter [619] sind, als ein Sandkörnchen, welches spurlos in den Meereswogen verschwinden würde.

Inzwischen treiben die niederen Wolken fortdauernd mit großer Schnelligkeit unter uns hin. Fast leuchtend weiß wälzen sie sich lawinenartig vorüber – und wunderbar! – während wir in einer Höhe von sechszehnhundert Meter uns nach Nordost bewegen, verfolgen diese Wolkenhaufen, welche wir bei sechshundert Meter Höhe durchschnitten, insgesammt die entgegengesetzte Richtung. Sie alle ziehen südwestlich, ziehen landeinwärts, in der Richtung auf Calais. Es ist klar, daß, wenn unser Ballon in die untere Luftschicht hinabsinkt, diese Wolken uns getreulich in den Hafen zurücktragen werden.

„Wir können“, sagt Duruof, „unsere Meerpromenade noch eine Weile fortsetzen, und wenn wir landen wollen, so wissen wir, was wir zu thun haben.“

In der That überlassen wir uns noch weiter der in unserer Höhe herrschenden Strömung, da wir sie in jedem Augenblicke aufgeben und die Rückfahrt antreten können. Aber während wir uns so ganz der großen Scene hingeben, ergreift alle Zuschauer die höchste Angst. Auch erkennen wir deutlich, wie die Gruppen an der Küste sich bald hierhin, bald dorthin begeben. Ein paar alte Matrosen (so erzählte man uns nachher) beobachteten uns durch das Fernglas. „Sie sind verloren!“ rufen sie aus. „Die armen Narren! wer hieß sie auch in eine solche Galeere steigen!“

Mittlerweile ist eine volle Stunde seit unserer Abfahrt verflossen, und da wir sieben Lieues über dem Meere zurückgelegt haben, so dürfen wir daran denken, unseren Ausflug zu beendigen. Ohne noch ferner Ballast auszuwerfen, erwarten wir das Sinken des Ballons. Wirklich fällt er schon nach wenigen Secunden. Wir passiren die Wolken zum zweiten Male und schweben dann nur noch vierhundert Meter hoch über dem Wasser. Es ist fünf Uhr. Wir erblicken einige Boote, die uns zu Hülfe kommen wollen, freuen uns aber, dieses Beistandes nicht zu bedürfen. Die Luftströmung treibt uns rasch über den Wogen dahin auf Calais zu, welches immer größer und deutlicher hervortritt.

Ehe noch eine Viertelstunde vergeht, zieht der Neptun unter dem begeisterten Jubel der versammelten Menschenmenge über den Hafendamm hinweg. Ich betrachte aufmerksam die verschiedenen Zuschauergruppen und sehe zur freudigsten Ueberraschung meinen Bruder, der mir mit der Hand winkt. Ist es ein Spiel des Zufalls oder eine geheimnißvolle Sympathie, daß mein Auge unter den Tausenden, die zu uns aufblicken, gerade dem seinigen begegnet? Nun schweben wir über den Exercirplatz hin; aber er ist jetzt verödet, denn alle Welt befindet sich am Strande und nur das alte Standbild dort, der eiserne Herzog von Guise, hält treue Wacht: er, der Einzige, der nicht den Kopf emporrichtet.

Die kleine Mannschaft des „Neptun“ kann ihre Freude nicht bergen. Ich drücke Duruof und Barret die Hand, und wir wünschen uns gegenseitig Glück, diese Meerfahrt ohne Seekrankheit oder sonstiges Unwohlsein vollendet zu haben. Dann werfen wir ein wenig Ballast aus und erheben uns abermals, um eine geeignete Landungsstelle aufzusuchen. Mit meinen Gedanken bereits zur Erde zurückgekehrt, betrachte ich das Fangseil, welches von unserer Gondel herabhängt.

„Passen Sie auf, Duruof!“ sagte ich. „Unser Tau wird sogleich die Erde berühren.“

„Sind Sie von Sinnen? Wir sind mehr als eintausendvierhundert Meter hoch über dem Boden.“

Unser Fangseil war hundertdreißig Meter lang. Meine Augen irrten sich daher um mindestens eintausendzweihundertvierzig Meter! Aber ein verzeihlicher Irrthum bei einem Neulinge, der noch nicht daran gewöhnt ist, die Gegenstände von oben zu sehen. Weiterhin bemerke ich mehrere weiße Punkte. Sie bewegen sich langsam auf einer Wiese hin und her; ich ergreife mein Fernrohr und erkenne eine Heerde grasender Kühe, die heute wahrscheinlich zum ersten Male Gegenstand teleskopischer Betrachtung geworden ist.

Um fünf Uhr fünfunddreißig Minuten haben wir uns indessen der Erde wieder so weit genähert, daß unser Tau auf einer Trift hinstreift und mehrere hier aufgebaute Heuschober in Unordnung bringt. Es kommen Bauern herbeigelaufen. Wir fragen, wo wir uns befinden.

„Auf der Straße nach Boulogne!“ lautet die Antwort.

Zugleich greift man nach unserm Seile; aber wir wollen noch nicht landen. Duruof fordert mich auf, Ballast auszuwerfen, und ich in meinem unerfahrenen Eifer leere beinahe einen ganzen Sack. Im nächsten Augenblicke steigen wir mit reißender Geschwindigkeit wieder bis zu einer Höhe von eintausendachthundert Metern und finden uns gleich darauf in so dichte Wolken eingehüllt, daß wir unsern eigenen Ballon nicht mehr sehen, ja uns einander selbst kaum noch erkennen. Welch ein jäher Wechsel! Meine Gedanken beginnen sich traumartig zu verwirren; alle Sinne sind wie gebunden; in dem unbeweglichen Nebel scheint die Gondel unbeweglich zu stehen, und nur die untrügliche Rechnung kann uns sagen, daß wir zwei Kilometer hoch über den menschlichen Leidenschaften schweben.

Seit den Morgenstunden, die zumeist der anstrengenden Arbeit der Füllung gewidmet waren, hatten wir nichts genossen. Es war daher wohl an der Zeit, von den mitgenommenen Vorräthen Gebrauch zu machen. In einer unserer Schachteln präsentirt sich ein gebratenes Huhn; wir verzehren es mit wahrem Luftschifferappetit, trinken dazu ein Glas Wein und halten auf diese Weise ein behagliches Mahl mitten in einem Dunstbade. Ich werfe die leere Flasche über Bord, um mir sofort eine Rüge Duruof’s zuzuziehen. Es sei eine Unklugheit, den Ballon auf diese Weise eines Theils seines Ballasts zu berauben. Noch glaube ich diese Bemerkung für Scherz nehmen zu müssen, als der Augenschein mich eines Andern belehrt; denn ein Blick auf das Barometer zeigt mir, daß wir unmittelbar um zwanzig bis dreißig Meter steigen – so empfindlich ist der im absoluten Gleichgewicht schwebende Ballon in der Luft.

Unterdessen scheinen die Dünste sich zu zerstreuen. Bleibt uns auch die Erde verhüllt, so sehen wir doch die Sonne, welche eben dicht über dem Horizonte wie eine glühende Kugel steht, während tausend funkelnde Strahlen den Himmel erleuchten und unsern Schatten weithin auf das Wolkenthal werfen, welches sich unermeßlich vor, um und unter uns dehnt. Da wölben sich schneeige Kuppen, da strecken sich lange leuchtende Rücken, und zwischen ihnen gähnen tiefe Abgründe und düstere Schluchten. Wo sind wir? Hat uns der Wind weiter in’s Innere geführt? oder treiben wir zum zweiten Male in die See hinaus? Es ist sieben Uhr. Barret macht uns auf ein verworrenes Murmeln aufmerksam, das unter den Wolken heraufdringt; und in der That schlägt im ununterbrochenen Rhythmus ein dumpf feierlicher und doch melodischer Ton an unser Ohr. Ist es das Brausen des Meeres? Wir öffnen das Ventil. Der Ballon fällt rasch, wir durchbrechen die Wolkenschicht, und – unter uns wogt im Purpur des Abends der Ocean. Wohl konnte ich mit Goethe ausrufen:

Vor mir der Tag und hinter mir die Nacht,
Den Himmel über mir und unter mir die Wellen!

Aber es war nicht mehr Zeit, Dichters Pfade zu wandeln. Dämmerung senkt sich über das Meer, und jede Secunde steigert die Gefahr der Landung. Es gilt zu handeln, rasch und besonnen zu handeln. Der Seewind jagt uns mit Macht der Küste zu. Schon werden ihre zackigen Felsvorsprünge sichtbar. Aber wie, wenn der „Neptun“ das Ufer nicht erreicht? wenn er es uns nur zeigt, um seinen Flug von Neuem über das Meer zu nehmen? Die Nordsee haben wir im Rücken, aber vor uns den Canal! Immer dichter ward die Dämmerung und immer verhängnißvoller die Niederfahrt. Es waren tiefernste Augenblicke. Stumm blicken wir drei Männer in dem elenden Boote nach dem Lichte des Leuchtthurms, der soeben seinen ersten Strahl über die Wogen wirft, bald aufflammend und bald verlöschend, als wolle er uns symbolisch unser Schicksal deuten. Ja, ich leugne es nicht: der Gedanke an den Tod trat mir nahe. Aber dann rief mir die innere Stimme Muth zu, und dann wieder betrachtete ich mechanisch die versinkende Sonnenscheibe, die ich noch nie so blutig roth gesehen. Sie schien mir heute einem brennenden Ballon zu gleichen, der sich in den Wogen begräbt, und zuweilen wohl kam sie mir vor wie ein großes wohlthätiges Wesen, welches mich mit einem letzten Scheideblicke segnete.

Plötzlich stößt Duruof einen Freudenschrei aus, und diesmal können wir nicht mehr zweifeln, daß der Wind uns wirklich dem Gestade zutreibt. Ich unterlasse, den stürmischen Wechsel der Empfindungen zu schildern, der uns gleicherweise ergreift. Denn „Hand an’s Werk!“ heißt die Losung. Rasch öffnet Duruof das Ventil, Barret löst das Fangseil, und sobald der Ballon [620] über der Küste steht, werfe ich den Anker aus. Er schlägt tief und fest in eine Düne ein, der „Neptun“ aber fällt blitzschnell auf einen Hügel nieder, zum Schrecken einer Schafheerde, welche hier noch in später Stunde ein paar magere Grashalme suchte.

Wenige Augenblicke darnach nähern sich einige Männer, an ihrer Spitze der unerschrockene Maillard, der Unterwächter des Leuchtthurms auf Cap Gris Nez. Er hat einen Schiffbruch gewittert und eilt der Pflicht getreu den Passagieren zu Hülfe. Was thut’s, daß er seine Füße an dem scharfen Geklipp wund gerissen? Er springt die Düne hinab, stürzt sich auf die Kabel, welche Duruof ihm zuwirft, und zwei brave Fischer, die ihm gefolgt, thun desgleichen. Noch zwar schwankt der Ballon hin und her, denn der Wind weht hier mit voller Kraft. Aber endlich gelingt es der vereinigten Anstrengung, ihn zu fesseln, und indem das Gas vollends ausströmt, gelangen wir wohlbehalten zur Erde. Wir befinden uns bei den sogenannten Mont-Aigufelsen. Es ist Abends acht Uhr dreißig Minuten.

Maillard erzählt uns indessen, daß er schon lange die kleine Birne am Horizonte habe schweben sehen; er habe sie anfangs nur für einen jener kleinen leeren Ballons gehalten, die man ja wohl je zuweilen zur Belustigung steigen lasse. Erst als er uns in der Gondel entdeckt, sei er seinen Irrthum gewahr worden und habe nun geglaubt, wir seien wie Blanchard und Green über den Canal gekommen.

„Erforderlichen Falls,“ sagte der treu- und starkherzige Mann, „werde ich mit dem kleinsten Rettungsboote unbedenklich auf’s atlantische Meer hinaus steuern; aber nicht um eine Million möchte ich in die Gondel Eures Ballons steigen.“

Zugleich erzählte er uns, daß auf der andern Seite des Caps, wenige Hundert Schritte von den Mont-Aiguklippen, das Grabmal eines Luftschiffers sich befinde. Es ist Pilâtre’s Grab, der vor beinahe einem Jahrhundert auf eben diesem Felsen zerschellte. Am andern Morgen besuchten wir es. Am einsamen Strande ein schlichter Stein. Das war Alles und uns doch genug, um mit bewegter Seele des Mannes zu gedenken, welchen Muth und Liebe zur Wissenschaft in den Tod geführt.

Während unserer Landung war es bereits sehr dunkel geworden. Aber eben als wir noch damit beschäftigt sind das Netz des Ballons abzunehmen und diesen selbst zusammenzufalten, erscheint bereits die Behörde in Gestalt eines Zollwächters, welcher nach unseren Pässen fragt und sich anschickt, unsere Gondel und unser ganzes Gepäck zu untersuchen. Es fehlte wenig, so stieg der Dienstbeflissene auch in den Ballon; denn wer kann wissen, ob nicht irgend welche verbotene Waare unter diesen Falten steckt?

Ich lasse Duruof und die Fischer ihre Arbeit im Finstern weiter besorgen und eile nach dem Leuchtthurme, um zur Beruhigung der Unseren eine telegraphische Depesche nach Calais zu schicken. Der Telegraphist schlief schon, stand jedoch sofort auf und fertigte die Botschaft ab. Kaum eine Viertelstunde später erhielt ich auch schon frohe Antwort von den ihrer schweren Sorge enthobenen Freunden.

Ich kehrte sofort zu meinen Gefährten zurück, der Neptun liegt zusammengefaltet in der Gondel, und von Bauern, Seeleuten und Fischern begleitet, wandern wir nun langsam über die Dünen dem bescheidenen Dorfe zu, das uns gastlich aufnimmt. Es heißt Audingham. Nachdem uns zuvörderst von dem Maire ein Zeugniß über Art, Ort, und Zeit unserer Landung ausgestellt worden, und das kleine Gelage, welches unsere biederen Helfer und Führer um uns versammelt, sich bis in die Nacht hinein verlängert hat, suchen wir endlich die wohlverdiente Ruhe. Ein kleines Zimmer mit drei Betten wird uns überwiesen. Draußen braust der Wind, draußen rauscht das Meer; aber hier ist’s heimlich und still, und wir werden nur um so süßer schlafen. Ich besteige das seltsam hohe Lager; es hat gar harten Grund, daß ich glauben möchte, es sei mit Kieseln vom Meeresstrande ausgestopft. Indeß, ich bin müde und werde dennoch schlafen. Vergebliche Hoffnung! Sobald das Licht ausgelöscht ist und ich die Augen geschlossen habe, überfällt mich eine Legion nächtlicher Insecten. Jeder Widerstand ist eitel, denn sie gehören offenbar zu jener Classe sprungfertiger, flüchtiger Parasiten, welche stolz des Flügels entbehren dürfen. Sind sie vielleicht eifersüchtig auf die Luftschiffer?

Duruof und Barret wenigstens ergeht es nicht besser als mir. Wir zünden Lichter an und plaudern, und nach einem neuen, gleich fruchtlosen Versuche zu schlafen, räumen wir unsere Betten, um draußen unter den steilen Strandklippen von Gris Nez den Tag zu erwarten. Und wohl lohnt es sich um einen solchen Gang. Denn der großartige Bau dieser phantastisch übereinander gethürmten Felsenmassen gehört jedenfalls zu den imposantesten und malerischsten Küstenbildern Frankreichs. Hierauf begeben wir uns an den Bergungsort des Ballons, und um fünf Uhr Morgens führt ein Miethkarren den Neptun nach dem Bahnhofe von Marquise, so daß wir gegen zwei Uhr Mittags in Calais wieder anlangen, wo eine zahlreiche Menschenmenge uns erwartet. Da jedoch der Schnellzug nach Paris erst um Mitternacht abgeht, so bleibt uns hier noch ein halber Tag, und wo könnten wir denselben besser beschließen, als auf dem Hafendamme, einem der längsten und schönsten, die es in Frankreich giebt! Das Meer ist aufgeregt, und der Boden zittert unter den Schlägen der heranstürmenden Wogen. Aber dort strebt muthig das Schiff hinaus, hier zu unseren Füßen schlüpft ein keckes Boot vorüber, und da wieder am Horizont verkündigt die aufwirbelnde Rauchsäule die Ankunft eines langerwarteten Dampfers. Wie das Abenddunkel herabsinkt, entfalten sich andere Scenen. Das Meer phosphorescirt. Es hat sich in eine Zauberschale verwandelt, in der ein märchenhaftes Licht auf- und abwogt. Die Wellen säumen sich mit feurigen Streifen, und wo der Kiel das Wasser tiefer aufwühlt, folgt ihm eine lange strahlende Schleppe.

Man weiß, daß es Myriaden mikroskopischer Thiere sind, welche den Ocean mit diesem wunderbaren Schimmer erfüllen. Aber warum kommen diese organisirten Atome heute an die Oberfläche herauf, während sie sich gestern in den Tiefen verborgen hielten? Besteht in der That, wie manche Beobachter glauben, eine gewisse Wechselwirkung zwischen ihrem Erscheinen und der Veränderung des atmosphärischen Drucks? Sind sie wirklich, wie Decharme vermuthet, Vorboten der Stürme? Ich glaube nicht, daß bis jetzt hierauf eine verlässige Antwort gegeben werden könne. Jedenfalls aber bergen jene unermeßlichen flüssigen Regionen nicht weniger Geheimnisse, als der luftige Ocean über uns.

Während der Eisenbahnfahrt nach Paris erwog ich in Gedanken noch einmal meine erste Luftreise; denn sie war mir wenigstens lehrreich genug. Wir hatten das seltene Glück gehabt, auf unzweideutige Weise uns zu überzeugen, daß in der Atmosphäre zwei völlig entgegengesetzte Strömungen unmittelbar übereinander vorhanden sein können, und es war uns gelungen, diesen Doppelstrom mit Erfolg zu benutzen. Hatte uns der eine hinaus auf die See getrieben, so führte uns der andere wieder zum Lande zurück, und in dem kurzen Zeitraume von drei Stunden war ein Weg von fünfundzwanzig Lieues oder fünfzehn geographischen Meilen glücklich zurückgelegt worden.

Wird man es übereilt nennen, wenn ich hieraus folgere, daß in Bezug auf Erforschung und Benutzung der Windströmungen noch ein weites Feld zu erobern bleibt, und daß diese Eroberung wiederum vor Allem der Luftschifffahrt vorbehalten ist? Ich wenigstens bezweifle nicht, daß die Atmosphäre sehr häufig auf die vorher beschriebene Weise in gewisse Schichten geschieden ist, deren jede ihre eigenthümliche Richtung verfolgt, und daß der Luftschiffer so gut wie der Vogel, wenn er steigend und sinkend die günstige Strömung sucht, seine Bahn zu bestimmen vermag. Hätte uns bei Calais nicht die Nacht überrascht und wäre es uns somit möglich gewesen das dort ausgeführte Manöver öfter zu wiederholen, so würde vielleicht der Neptun, nach Art eines Segelschiffs, je nach den verschiedenen Höhen zwischen zwei entgegengesetzten Richtungen lavirend, allmählich die Küste Englands erreicht haben. Die Frage der Luftströmungen ist die Lebensfrage der Aëronautik. Was wissen wir über den großen Mechanismus des atmosphärischen Kreislaufs? In Wahrheit fast nichts, und wie kann es anders sein, so lange die Meteorologie sich darauf beschränkt, die Bahn der Winde unmittelbar über der Erdoberfläche zu verfolgen, wo tausend örtliche Störungen die große Aufgabe verwirren? Wer darf es für eine Unmöglichkeit erklären, daß die Aëronautik auch in dem Luftmeere ein wirkliches System der Circulation mit ihren Venen und Arterien, ihren periodischen Fluthen, ihren Golfströmen nachweist, und daß das Luftschiff dann ihrem Gange ebenso sicher folgen werde, wie das Boot, welches auf der Welle eines Flusses dahingleitet?




  1. Aus dem in den nächsten Wochen erscheinenden Werke: „Luftreisen von J. Glaisher, T. Flammarion, W. v. Fonvielle und G. Tissandier. Mit einem Anhang über die Ballonfahrten während der Belagerung von Paris. Frei aus dem Französischen. Eingeführt durch Hermann Masius. Mit zahlreichen Illustrationen. Leipzig, Friedrich Brandstetter. 1872“ theilen wir mit Genehmigung des Herrn Verlegers die ebenso anziehende als belehrende Schilderung G. Tissandier’s von seiner ersten Auffahrt mit, die er mit Duruof unternahm. Später zeichnete er sich noch durch mehrere, theils selbstständige, theils in Verbindung mit Wilhelm von Fonvielle ausgeführte Luftreisen aus, bis er in das belagerte Paris mit eingeschlossen wurde. Hier aber wagte er die vierte von den fünfundsechszig Ballonfahrten aus Paris, nachdem abermals Duruof, als der Erste, ihm das Beispiel gegeben.
    Die Redaction.