Melpomene/Band 1/001 Der Verfasser an den Tod

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aus: Melpomene
Seite: Band 1, S. 6–13
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[6]

1. Der Verfasser an den Tod.

Melod. I.

1. Mit Ehrfurcht leg ich hier, o Tod!
Ein Werk zu deinen Knochen,
Das ich, so oft du mich bedroht,
Zu widmen dir versprochen,
Wenn du noch lange mich erhältst,
Nicht unvermuthet überfällst,
Und gnädig noch verschonest.

2. Ich hab Respekt vor deiner Macht,
Und deinen starken Gliedern,
Und deiner oft mit Ruhm gedacht
In diesen Grabesliedern.
Fürwahr! du bist der größte Held,
Vor dem die ganze weite Welt
Sich winden muß im Staube.

3. Besonders aber bin ich dir
Zum größten Dank verbunden;
Denn öfters hab ich Gnade hier
Vor deinem Thron gefunden;
Du hast schon oft verschonet mich,
Wenn in Gefahren fürchterlich
Mein Leib und Leben schwebten.
[7]
4. Denn als am Nervenfieber hier
Bei sechzig Menschen lagen,
Wie bange hatte da vor dir
Mein armes Herz geschlagen!
Besonders, als die Fieberswuth
Mir schon im Eingeweid und Blut,
Und in den Nerven tobte.

5. Allein da nahm ein Vomitiv
Mir alle Fieberhitzen;
Du liessest mich, als ich entschlief,
Am ganzen Leibe schwizen,
Und schon in dreien Tagen war
Die nervenfieberische Gefahr,
Und du mit ihr, verschwunden.

6. Nach diesem kam die Wassersucht,
Und ein Entzündungsfieber;
Doch gnädig nahmest du die Flucht,
Und giengest mich vorüber:
Auch hat mich dir ein heisser Fluß
Sechs Jahre lang an einem Fuß
Gedroht zu überliefern.

7. Und o wie hat schon oft gebebt,
Mein Herz vor den Gefahren,
Worin mein Leben schon geschwebt
Seit sechs und fünfzig Jahren;
Beim Reiten, Fahren, Steigen, Geh’n;
Denn ach es ist so bald geschehen
Um eines Menschen Leben.

8. So fiel ich mehr als zwanzigmal
Vom Pferd auf allen Seiten,
[8] Und hatte doch in keinem Fall
Mit deiner Macht zu streiten;
So warf ich auch beim Fahren schon
Wohl zehnmal um, und kam davon
Gesund am Leib und Leben.

9. Auch bin ich einmal zwanzig Schuh
Im Thurm herabgestürzet,
Doch ohne daß dabei mir du
Das Leben abgekürzet;
Zum Glücke war der Boden hohl,
Sonst hätte dieser Fall mir wohl
Den dummen Kopf zerschmettert.

10. Auch hab ich leider öfter schon;
Du mußt’s am beßten wissen,
Bei harter Kost und schlechtem Lohn
Mein Leben wagen müßen;
Allein ich bin genug belohnt,
Denn du hast gnädig mich verschont;
Ich danke dir von Herzen.

11. Das aber werd mein Lebetag
Ich nimmermehr vergessen,
Wie du in einem halben Schlag
Mir auf der Zung gesessen,
Und aus den Augen mir geschaut:
Da hat es wirklich mir gegraut
Vor deinem Sensenschwunge.

12. Deswegen bin ich auch mit dir
Bisher sehr wohl zufrieden;
Nur bitt ich dich: erlaube mir
Gesund zu seyn hienieden
[9] So lang, bis ich des Lebens müd
Mit Freude sing mein Sterbelied,
Und dich willkommen heisse.

13. Allein ich fürchte nur, du wirst
Mir nicht so lange borgen;
Es lebet ja der größte Fürst
Vor dir in steten Sorgen,
Als wie der Bettler auf dem Stroh;
Und alle Menschen müßen so
Vor dir beständig zittern.

14. Du bist daher so sehr verhaßt,
Als allgemein du wüthest;
Denn Alles, was da lebt, erblaßt,
Sobald du es gebiethest;
Du raubest ja die Lebenslust
Dem Säugling an der Mutter Brust,
Als wie dem kahlen Greisen.

15. Der hoffnungsvolle Knabe spielt
In lebensfrohen Scherzen;
Da greift ihn deine Hand, und wühlt
In seinem zarten Herzen,
Und stürzet ihn ins frühe Grab;
So fällt die zarte Blüthe ab,
Berührt von deinem Hauche.

16. Das liebevolle Mädchen blüht
Dem Leben froh entgegen,
Auf seinen rothen Wangen glüht
Der Unschuld reicher Segen:
Vergebne Hoffnung! plötzlich wird
Es ja von deiner Hand berührt,
Erblaßt, und sinkt zu Grabe.
[10]
17. Der Jüngling träumet voll der Lieb
Von seinem Lebensglücke;
Auf einmal wird sein Auge trüb,
Und stirbt in deinem Blicke,
Und ach! es ist vor deinem Hauch,
Als wie vor einem Sturm der Rauch,
Sein Lebensglück verschwunden.

18. Die Jungfrau hänget voll der Lust
An des Geliebten Bliken,
Und fühlt, geschmiegt an seine Brust,
Ein himmlisches Entzüken,
Und hofft ihr Glück im Ehestand:
Auf einmal wird ihr Lebensband
Von dir entzwei gerissen.

19. Hier lebt ein junges Ehepaar
In grenzenloser Liebe,
Und seiner Wünsche höchster war:
Wenns immer doch so bliebe!
Vergebner Wunsch! ein Augenblick,
Und ach! es bricht ihr Lebensglück
In deiner Hand zusammen.

20. Die Eltern fühlen sich entzückt
Beim Anblick ihres Kindes;
Allein dein Knochenarm zerknikt
Es, wie der Sturm des Windes
Die kaum geborne Blume pflückt,
Und ihre Freude ist zerknikt
In deinen starken Knochen.

21. Der Reiche schätzet glücklich sich
Bei seinen vielen Schätzen,
[11] Und sagt: nun kann ich lange mich
An ihnen noch ergötzen;
Gott aber spricht zu ihm: Du Thor!
Bereite dich zum Tode vor!
Noch heute mußt du sterben.

22. Der Sünder will bekehren sich
Auf seinem Sterbebette,
Und thäte dieß auch sicherlich,
Wenn er die Zeit noch hätte;
Doch plötzlich machst du einen Strich,
Du unbarmherz’ger Wüterich!
Durch seine ganze Rechnung.

23. O gönne doch dem Bösewicht
Noch Zeit, sich zu bekehren,
Und laß ihn auf die Bahn der Pflicht
Vorher zurücke kehren,
Und brenn ihn durch die Leidenglut
So lange, bis er Buße thut,
Und so gerettet werde.

24. Hingegen läßt du lange sich
Nach dir den Frommen sehnen,
Schon viele Jahre ruft er dich
Mit lauten Klagetönen
Auf seinem Schmerzenlager dort;
Du thust, als hörtest du kein Wort
Von seinem Sehnsuchtrufe.

25. Wie kannst du ihn so lange doch
Unschuldig leiden lassen?
Befrey ihn von dem Leidenjoch,
[12] Und laß ihn sanft erblassen;
Sey doch barmherzig und gerecht,
Und führe den getreuen Knecht
Zur Freude seines Herren.

26. Der arme seufzet Jahr und Tag,
Durchwühlt von Qual und Schmerzen
Und sehnt sich nach dem letzten Schlag
Im freudenleeren Herzen;
Und doch! wie du so grausam bist,
Und seiner gleichsam ganz vergißst,
Als sollt er ewig leiden.

27. Und überhaupt: wie ungerecht
Und blind ist dein Verfahren?
Du bist fürs menschliche Geschlecht
Der ärgste der Barbaren,
Und trennst mit mörderischer Hand
Der Menschenliebe festes Band,
Und schmiedest Leidenketten.

28. Und ach! kein Menschenopfer kann
Dich sättigend versöhnen!
Du siehst nicht Weib und Kinder an,
Dich rühren keine Thränen,
Dich rühret nicht der Waisen Noth,
Du hörst nicht ihr Geschrey um Brod,
Und mordest ihre Eltern.

29. So tödtest du den Volkesfreund,
Und schonest des Tirannen,
Der deshalb nur zu herrschen scheint,
Um uns ans Joch zu spannen;
Die Bösewichte werden alt,
[13] Die Frommen aber müßen bald
Als deine Beute fallen.

30. Und wenn es Gott geschehen läßt,
So wüthest du in Seuchen,
Und rufst die Cholera und Pest,
Und thürmest Leich auf Leichen,
Und doch bei allem dem, es ist
Dir nie genug; und kurz: du bist
Der schrecklichste Würgengel.

31. Zum deutlichsten Beweis hievon
Leg diese Grabeslieder
Ich hier vor deinem Knochenthron
In tiefster Ehrfurcht nieder.
O würd’ge sie mit einem Blick,
Du wirst mit Abscheu selbst zurück
Vor deinen Thaten beben.

32. Hab also mit uns Sterblichen
Doch Gnade und Erbarmen,
Verschmäh nicht unser heisses Fleh’n,
Und schließ mit deinen Armen
Die alten Lebensmüden ein,
Dann wirst du uns willkommen seyn,
Und alles Lob verdienen.

33. Laß uns daher zum höchsten Ziel
Der Lebenszeit gelangen,
Dann werden wir im Vorgefühl
Der Freude dich umfangen,
In die du uns hinüber führst,
Denn dort, in jenen Höhen wirst
Du uns nicht mehr berühren.

Anmerkungen (Wikisource)

Jungs Errata (Bd. 2, S. 293) wurden in den Text eingearbeitet.