Melpomene/Band 2/034 Bei dem Grabe zweier Knaben, die ertranken

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aus: Melpomene
Seite: Band 2, S. 104–108
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[104]

34. Bei dem Grabe zweier Knaben, die ertranken.

Melod. I. Melod. XIV.

1. Hier blutet Zähren unser Herz,
Wo wir zween holde Knaben,
Mit einem nie gefühlten Schmerz,
Ganz unverhofft begraben:
Sie lebten in der Unschuld Glück,
Und kamen aus der Schule,
Und giengen, statt nach Hause zurück,
Zu ihrem Todespfuhle.

2. Sie dachten voll Vergeßlichkeit
Nicht an der Eltern Lehren:
Sie sollen nach der Schule Zeit
[105] Sogleich nach Hause kehren,
Besonders niemal auf das Eis
Des Teiches sich begeben,
Denn wenn es gähling bräche, seys
Geschehen um ihr Leben.

3. So sprach auch oft des Lehrers Mund
Voll Sorge zu den Kindern,
Um ihr Versinken in den Grund
Des Teiches zu verhindern:
Sie möchten ja nicht auf dem Eis
Ihr junges Leben wagen,
Es sey ja oft, bekannterweis,
Zu schwach, um sie zu tragen.

4. Doch diese weise Lehre schien
Bei diesen beiden Knaben
Verschwunden aus dem leichten Sinn.
Sie giengen, und begaben
Sich dennoch unvorsicht’gerweis
Zum zugefrornen Teiche,
Und schliffen auf dem schwachen Eis,
Und wurden so zur Leiche.

5. Sie kamen kaum aufs Eis, da brach
Es unter ihren Füssen;
Sie mußten ihren Leichtsinn, ach!
Mit ihrem Leben büssen.
Sie waren in dem tiefen Teich
Mit Haut und Haar verschwunden,
Und hatten leider auch sogleich
Ihr Lebensend gefunden. –

6. Die Eltern harrten ihrer lang
[106] Mit sehnsuchtvollen Herzen,
Und wurden für ihr Leben bang
Mit immer größern Schmerzen;
Sie fragten ihnen sorglich nach
Bei jedem Schülerkinde,
Und suchten unter jedem Dach:
Ob man sie nirgends finde.

7. Am Ende sprach ein Schülerknab:
Daß sich die beiden Knaben
Zum Schleiffen in den Teich hinab
Aufs Eis begeben haben.
Man eilte schnell zum Teich hinab
Mit athemvollen Lungen,
Und sah von fern das offne Grab,
Das ihren Leib verschlungen.

8. Man suchte sie mit vieler Müh
Auf Brettern und mit Stangen
Und fand sie nur zu bald, um sie
Sogleich heraus zu langen,
Und wandte alle Mittel an,
Sie wieder zu beleben;
Doch Alles, was man auch gethan,
War eitel und vergeben.

9. Die Eltern standen leichenblaß
Bei ihren todten Kindern,
Und weinten ohne Unterlaß
Um ihren Schmerz zu lindern;
Allein ihr lautes Weh und Ach
Verscholl umsonst im Winde,
[107] Und sie zu trösten sind zu schwach
Die stärksten Trostesgründe.

10. So gieng es, weil nach ihrer Pflicht
Die leichtsinnvollen Knaben
Den Eltern und dem Lehrer nicht
Aufs Wort gefolget haben;
Denn wären sie der Heimath zu,
Anstatt aufs Eis gegangen,
So hätte sie die Grabesruh
Noch lange nicht umfangen.

11. Denn nur aus weiser Liebe hat
Den Kindern Gott befohlen,
Daß sie, statt ihrem eignen Rath
Den Eltern folgen sollen;
Auch meinen es die Eltern gut
Bei ihren weisen Lehren;
Bedenkt ihr Kinder? dieß, und thut
Nie, was sie euch verwehren.

12. Besonders gehet nie aufs Eis,
Und sollt es auch nicht brechen;
Ihr würdet unfolgsamerweis
Den Eltern widersprechen,
Durch Ungehorsam jederzeit
Gott selbst zuwider handeln,
Und so für Zeit und Ewigkeit
Der Straf entgegen wandeln.

13. Drum ehre deine Eltern, und
Du lebest lang auf Erden,
Und wirst einst in der Todesstund
[108] Ein Kind des Himmels werden;
Hingegen wird ein Kind, wie wir
In diesem Beispiel sehen,
Durch seinen Ungehorsam hier
Und dort zu Grunde gehen.

14. Doch hoffen wir voll Zuversicht:
Daß diese beiden Knaben
Bei Gott ein gnädiges Gericht,
Und Heil gefunden haben,
Weil sie nur aus Vergeßlichkeit
Sich auf das Eis begeben
Und dieses sicher noch bereut,
Ehe sie der Teich begraben.

15. Drum tröstet euch, ihr Eltern! doch
Bei ihrem frühen Grabe,
Und denket nur: das Gott sie noch
Der Welt entrissen habe,
Eh sie vom Laster angesteckt
Als große Sünder sterben,
Damit sie noch ganz unbefleckt
Das Reich des Himmels erben.

16. Ihr Kinder aber, bittet Gott:
Er woll verzeihen ihnen,
Und laßt euch ihren frühen Tod
Zum Warnungsbeispiel dienen,
Und folget euern Eltern auf
Den Wink in allen Dingen,
Um euch nach diesem Lebenslauf
Zum Himmel zu erschwingen.

Anmerkungen (Wikisource)

Jungs Errata (Bd. 2, S. 295) wurden in den Text eingearbeitet.