Melpomene/Band 2/093 Bei den Leichen des Schullehrers von Faxenfeld und seiner Frau, die als Giftmischer enthauptet wurden

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[242]

93. Bei den Leichen des Schullehrers von Faxenfeld und seiner Frau, die als Giftmischer enthauptet wurden.

Melod VII.

1. Hier liegen sie, die blutgen Leichen
Von einem jungen Ehepaar,
Das unter wiederhollten Streichen
Des Henkerschwerdts enthauptet war.
[243] Wir wenden unsre Thränenblicke
Von dieser blutbefleckten Brücke
Des strengen Hochgerichtes ab,
Und bethen weinend für die Armen:
Gott wolle ihrer sich erbarmen,
Und ihnen Ruh verleihn im Grab.

2. Der Lehrer von der Kinderschule
Zu Faxenfeld war alt und schwach,
Und stieg herab vom Lehrerstuhle
Und dachte seiner Ruhe nach;
Er übergab zu diesem Ende
Den Dienst in eines andern Hände,
Und seine Tochter noch dazu;
Nur hatte er vom Diensteinkommen
Sich fünfzig Gulden ausgenommen
Alljährlich noch zu seiner Ruh.

3. Die jungen Eheleute waren
Vergnügt in ihrem Ehestand,
Als schon in dreien Vierteljahren
Ihr Glück in einem Nu verschwand.
Die Frau war hoffnungvollen Leibes,
Und groß die Angst und Furcht des Weibes,
Als unter Schmerzen sie gebar;
Und ach! sie hatte kaum gebohren,
Als aller Trost für sie verlohren,
Und sie des Todes Beute war.

4. Der Wittwer zögerte nicht lange,
Und wählte sich ein andres Weib,
[244] Doch dieß war eine giftge Schlange
Verhüllt in einen Menschenleib;
Sie war dem Stoltz, dem Müßiggange,
Und der Verschwendung, und dem Hange
Zur Schwelgerey und Lüsternheit,
Der Habsucht und dem Neid ergeben,
Und so durch lasterhaftes Leben
Zu jeder Frevelthat bereit.

5. Sie lebte nicht, wie ihres Gleichen,
Und hatte also nie genug,
Es wollte also nicht mehr reichen,
Was ihres Mannes Dienst ertrug;
Sie machte also viele Schulden,
Und wäre von den fünfzig Gulden
Des alten Lehrers gerne frey,
Wär ihrer gerne los geworden,
Und dachte: daß die Alten morden
Hiezu das beßte Mittel sey.

6. Sie theilte also ihrem Manne
Die ausgedachte Absicht mit,
Der aber ihrem Mörderplane
Mit Abscheu kühn entgegen tritt:
An ihrem Leben sich vergreifen,
Und so dem Schwerdt entgegen reisen,
Welch unerhörte Frevelthat!
Das wurd ein Blutspektakel geben:
Die alten Leute sollen leben!
Drum schweige mir mit deinem Rath.

7. Sie sind ja schon mit grauem Haare
Bedeckt, und voll Gebrechlichkeit,
[245] Und leben nicht mehr hundert Jahre,
Das gibt sich schon in kurzer Zeit;
Steh also ab davon, und bleibe
Mit diesem Vorschlag mir vom Leibe
Und fang dafür zu sparen an,
Steh ab von dem Verschwenderleben
So sprach voll Abscheu Angst und Beben
Zum bösen Weib der brave Mann.

8. Allein sie wurden immer schwerer
Gedrückt von ihrer Schuldenlast,
Da sprach das Weib zu ihrem Lehrer:
Ist das ein Schullohn, was du hast?
Du mußt ja doch das Brod verdienen,
Und fünfzig Gulden geben ihnen,
Die es verdient auf keine Weis;
Du bist ein Narr in diesem Falle,
Und hast ja deine Gulden alle
Sehr wohl verdient in saurem Schweiß.

9. Der starke Mann begann zu wanken,
Und merkte seine Schwache kaum,
Und schenkte schon dem Mordgedanken
In seinem Herzen größern Raum;
Und schon entschlossen, nachzugeben
Begann aufs neue er zu beben
Von einem Blitzestrahl erschreckt
Der niederfuhr an seiner Seite;
Er ward von ihm beinah zur Beute
Des gähen Todes hingestreckt.

10. Er kam zu seinem Weib zurücke
Im Angesichte todtenblaß,
[246] Und sah sie an mit stierem Blicke
Von Angst und Bußethränen naß.
Sie aber sprach: was ist geschehen?
So hab ich dich noch nie gesehen,
Du siehst ja aus als wie der Tod!
Er aber sprach mit hohler Stimme
Zu ihr: Gott hat in seinem Grimme
Mit einem Blitze mich bedroht.

11. Er fuhr an meiner Seite nieder
Und hätt beinahe mich erreicht,
Noch zittern alle meine Glieder,
Der Schrecken hat mich ganz erweicht:
Die alten Leute sollen leben!
Ich will nicht in Gefahren schweben
Für meiner armen Seele Heil;
Ich bin von Gott gewarnet worden,
Drum schweige mir von ihrem Morden,
Der Himmel ist mir nicht mehr feil.

12. Wie kannst du doch so sehr erschrecken!
Das hat ein Zufall nur gethan.
So bleib in deinen Schulden stecken,
Wenn ich dir nicht mehr helfen kann;
Du bist ein rechter Einfaltspinsel
Mit deinem kindischen Gewinsel;
Wenn du vor Hunger sterben willst,
Und andre sollen es geniessen
Das Brod, das wir verdienen müssen,
Wenn du nicht meinen Wunsch erfüllst.

13. So lag das Weib dem schwachen Thoren
Mit ihrem kühnen Mörderplan
[247] Beständig in den tauben Ohren,
Und fieng von vornen wieder an.
Inzwischen war in eingen Wochen
Des Blitzes Wirkung schon verrochen,
Er fieng aufs neu zu wanken an,
Und ließ am Ende sich bewegen,
Mit ihr die Hand ans Werk zu legen,
Und auszuführen ihren Plan.

14. Er ließ, wie Adam, sich verführen
Von seinem Weib zur Lasterthat,
Und seine Seele nicht mehr rühren
Von des Gewissens lautem Rath,
Und unter bangen Herzenssschlägen
Zum Doppelmorde sich bewegen
Aus Hunger nach dem lieben Gelt:
Sie griffen zu den Mörderwaffen,
Die alten Leute wegzuschaffen
Durch Rattengift aus dieser Welt.

15. Das Gift ward ihnen abgeschlagen
In jeder weisen Apothek,
Doch war demselben nachzufragen
Bei Jedermann das Weib so keck;
Sie hätten, sprach sie, so viel Mäuse,
Von welchen ihnen jede Speise
Gefressen werd an jedem Ort,
Und so bekam sie doch am Ende
Durch ihrer guten Freunde Hände
Ein Gift durch schlaues Lügenwort.

16. Der Mann, schon in des Weibes Kluppe
Gefangen, schlachtete ein Schwein,
[248] Und lud zu einer Metzgersuppe
Die alten Lehrersleute ein;
So, dachten beide schlauerweise,
So bringen wir die Todesspeise
Denselben ohne Argwohn bei,
Und werden von den fünfzig Gulden,
Und also bälder von den Schulden,
Die wir aus Noth bekamen, frey.

17. Allein die alten Leute bathen
Sich diese große Ehre aus. –
Sie nahmen also einen Braten
Von Fleisch, und ein Paar Würst heraus,
Und schikten sie als Metzgergaben
Durch einen kleinen Schülerknaben
Den alten Leuten in das Haus;
Das Gift war schon darein gemischet,
Und so denselben aufgetischet
Zu ihrem letzten Abendschmaus.

18. Die Alten nahmen diese Gaben
Dem kleinen Überbringer ab,
Nicht ohne ihn gefragt zu haben:
Wer sie ihm wohl gegeben hab?
Der junge Faxenfelder Lehrer,
Er wäre selbst gekommen, wär er
Nur nicht so schlecht gezogen an;
Allein ich hab ihn an der Sprache
Gekannt, und also seine Sache
Genau nach seinem Wunsch gethan.

19. Auch hat er noch zum Tragerlohne
Den schönsten Apfel mir geschenkt,
[249] Den aber ich noch lang verschone,
Des beßten Gebers eingedenkt:
So sprach der unschuldvolle Knabe,
Und hob des Apfels schöne Gabe
Enthaltsam für die Zukunft auf;
Dieß hat sein Schutzgeist ihn gelehret,
Denn hätt er ihn sogleich verzehret,
So schlöß er seinen Lebenslauf.

20. Die alten Lehrersleute sassen
An ihrem Tisch mit Appetit,
Vergnügt und argwohnlos, und assen
Die Würste und das Gift damit;
Sie wollten zwar dem Weibe eckeln;
Sie aß daher nur einge Bröckeln,
Und sprach: sie dünken mich nicht gut:
Allein der Alte, dem nicht eckelt,
Genoß die Würste klein gebröckelt
Mit Appetit und wohlgemuth.

21. Sie hatten kaum das Gift genommen
So that es seine Würkung schon,
Sie mußten Angst und Schmerz beklommen
Sogleich erbrechen sich davon.
Man rief die Nachbarsleut zusamen,
Doch eh sie noch zu Hülfe kamen
Erlagen sie des Giftes Macht,
Sie konnten sterbend kaum noch sagen,
Was sich mit ihnen zugetragen,
Und wer die Würste hergebracht.

22. So mußten sie im Tode kämpfen,
Und wanden sich als wie ein Wurm.
[250] Und unter Zuckungen und Krämpfen
Erlagen sie dem Leidensturm.
Man forschte nach dem Schülerknaben,
Und wer ihm diese Metzgergaben
Hieher zu bringen übergab,
Und hatte also gleich erfahren,
Daß es die Lehrersleute waren,
Und führte sie gefangen ab.

23. Der Apfel wurde zum Verräther
An dem, der ihn dem Knaben gab;
Man fand, daß ihn der Übelthäter
Zum Knabenmord vergiftet hab. –
Sie waren also überwiesen,
Allein sie läugneten, und stiessen
Die fürchterlichsten Schwüre aus:
Der kleine Lügner müsse schweigen,
Sie könnten es mit Gott bezeugen:
Sie seien nie zum Haus hinaus.

24. So läugneten sie das Verbrechen
Beinahe zwanzig Monath lang,
Obwohl es, durch ihr Widersprechen
Zu überweisen sie, gelang:
Sie hatten nemlich sich verpflichtet
Durch Eide, und sich unterrichtet,
Daß er, wie sie, es läugnen soll;
So lang sie es nicht eingestanden,
War immer noch ein Trost vorhanden,
So dachten sie vertrauenvoll.

25. Allein sie wurden doch des Lebens
Am Ende wie der Ketten satt,
[251] Und sahen ein, es sey vergebens,
Zu läugnen ihre Frevelthat.
Der Mann gestand zuerst: er habe
Den Apfel wie die Metzgergabe
Mit scharfem Rattengift vermischt,
Und sie durch dieses Knaben Hände,
Daß er verborgen bleiben könnte,
Den alten Leuten aufgetischt.

26. Er müsste nemlich fünfzig Gulden
Den Alten geben alle Jahr,
Was ihm bei seinen vielen Schulden
Am Ende nicht mehr möglich war.
Er sey, um diese zu ersparen,
Daher so mörderisch verfahren,
In Hoffnung auf Verborgenheit;
Er hat jedoch gleich eingesehen:
Es wäre besser nicht geschehen
Er hab es bitter schon bereut.

27. Das Weib hingegen fuhr noch immer
Hartnäckig fort zu läugnen es,
Und nährte noch der Hoffnung Schimmer:
Es geh am Ende nicht so bös;
Allein man stellte sie darüber
Zu Red dem Manne gegenüber,
Der es schon eingestanden hab;
Und als sie endlich eingesehen:
Sie könne nicht mehr widerstehen,
So brach auch ihrer Hoffnung Stab.

28. Sie machte also das Geständniß:
Es sey, wie schon der Mann erzählt. –
[252] Nun war auf dieses ihr Bekenntniß
Das Urtheil über sie gefällt:
Weil sie mit Rattengift vergaben
Den alten Leuten, und den Knaben
Zu tödten gleicherweis bezweckt,
So wer ihr lasterhaftes Leben
Dem Schwerdt des Henkers übergeben,
Und so zum Tode hingestreckt.

29. Schon ist der Richterspruch vollzogen
Und schon vom Rumpf ihr Haupt getrennt,
Schon steigt empor in hochem Bogen
Ihr Blut, das keine Bahn mehr kennt;
Die blutgen Leichen sind verscharret,
Und unser schönes Auge starret
Mit Abscheu hin aufs Blutgerüst,
Und ihre armen Seelen müssen
Dort ewig in der Hölle büssen,
Wenn ihnen Gott nicht gnädig ist.

30. Wir ziehen schweigend uns zurücke
Von heiligen Entschlüssen voll:
Daß nie ein Weib durch ihre Tücke
Zum Laster uns verführen soll.
Wir wollen vielmehr uns bestreben,
Genau nach dem Gesetz zu leben,
Und uns der Pflicht und Tugend weihn,
Dann sind wir frey von allen Strafen,
Und gehen, wenn wir einst einschlafen,
Begnadigt in den Himmel ein.

Kommentar (Wikisource)

Diese Geschichte hat sich in Fachsenfeld (heute zu Aalen) 1819 zumindest in den Grundzügen tatsächlich so zugetragen. Weitere Quelle: Eine schauderhafte Mordgeschichte zu Fachsenfeld bei Aalen. In: Allgemeine Zeitung für Deutschlands Volksschullehrer; 3 (1819) 25/26, S. 207–208 (Digitalisat). Die Beschuldigten haben nach dieser Quelle allerdings „sogleich gestanden“, und einige Details sind etwas anders dargestellt.

Die Universitätsbibliothek Tübingen verwahrt: Kurze Geschichte der beyden Giftmörder, des Johann Jakob Riesenmann und seiner Ehefrau Elisabetha Magdalena, geb. Fuchs, von Fachsenfeld, Ober-Amts Aalen. Nebst der von V. A. Jäger, Stadtpfarrer zu Gmünd nach der Hinrichtung am 8. Januar 1821 in der Stadtkiche zu Aalen gehaltenen Predigt. - [S.l.], 1821. - 36 S.