Muth der Liebe

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Titel: Muth der Liebe
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aus: Die Gartenlaube, Heft 23, S. 382
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[382] Muth der Liebe. Es ist ein gerechter Stolz der Menschheit, daß dieser Muth sich schon so oft und so herrlich erwiesen hat, daß die Thaten desselben für alle schönen Künste die ergreifendsten Stoffe boten. Aber auch im Leben der Thiere begegnen wir ihrer Bethätigung in nicht selten bewunderungswürdiger Weise; die Noth verleiht zum Beispiel zu der Vertheidigung ihrer Jungen selbst der ängstlichsten Mutter oft ungeahnte Waffen. Ein ganz absonderliches Beispiel, wie ein Elternpaar Herr über die angeborene und sehr ausgebildete Scheu vor dem Menschen und seiner Umgebung geworden, erzählt uns ein junger Oekonom, der früher schon auf einem Gute des Kriegsministers v. Roon interessante Thierbeobachtungen anstellte und dies jetzt auf einer großen Oekonomie in der Nähe von Berlin fortsetzt. Er schreibt: „In meiner Kammer hinter der Wohnstube geht jetzt eine prächtige Begebenheit vor. Es ist heute elf Tage, da fand ich im Walde nicht weit vom Dorfe drei junge Eulen, die aus dem Neste gefallen waren. Die noch unbehülflichen Thierchen gefielen mir außerordentlich, so daß ich sie mit nach Hause nahm. Hier steckte ich sie in einen großen Bauer, den ich in oben besagter Kammer in die Nähe des Fensters hing, das ich verschloß.

Schon am zweiten Abend bemerkte ich zwei alte Eulen, die vor dem Fenster hin- und herflogen und Klagelaute ertönen ließen, und richtig, die Jungen im Bauer antworteten in derselben Tonart; die Eltern hatten ihre Kindchen gefunden. Weil nun die Thierchen von allen Leckerbissen ihres Geschlechts, die ich ihnen in den Bauer gebracht, noch nichts berührt hatten und somit rasch abfielen, so wollte ich versuchen, ob die Alten wirklich den Muth haben würden, ihre Jungen wieder anzunehmen. Ich ließ also während der Nacht das Fenster offen. Als ich am andern Morgen nach meinen Eulen sah, fand ich sie ganz wohlgenährt aussehend, und bei näherer Untersuchung ergab sich von der Nachtmahlzeit sogar noch ein Speiserest von drei todten Mäusen im Bauer, von denen die jungen Schlemmer keinen Gebrauch mehr machen mochten. Seitdem finde ich alle Morgen solche Tafelreste, außer Mäusen auch Frösche und sogar Sperlinge. Die Alten müssen sich zur Fütterung etwa dritthalb Fuß in die Kammer hineinwagen, was für diese Thiere schon ein Unternehmen ist, aber sie vollbringen es, und was sie dazu befähigt, ist eben der Muth der Liebe.“