Neue Wege zu uralten Lichtquellen

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Autor: R. Elcho
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Titel: Neue Wege zu uralten Lichtquellen
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aus: Die Gartenlaube, Heft 30, S. 496–498
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1884
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Fortschritte und Erfindungen der Neuzeit.

Neue Wege zu uralten Lichtquellen.

In der gewaltigsten Tragödie des Aeschylos wird Prometheus zur Strafe für den olympischen Feuerraub an die meerbespülten Felsen des Kaukasus geschmiedet. Vielleicht wählte der Dichter diesen Schauplatz, weil der hellenische Mythos von der Voraussetzung ausging, daß der Titane vom grollenden Zeus an dem Ort bestraft wurde, wo er den Raub zur Erde gebracht hatte. Die ewigen Feuer des Kaukasus aber mögen zu der Vorstellung Anlaß gegeben haben, daß das dem Olymp entrissene Feuer, welches Zeus den Menschen ließ, in jener Felsenwildniß seinen ersten Herd gefunden, denn die ewigen Feuer an der Ostseite des Kaukasus waren sicher schon in vorgeschichtlichen Zeiten berühmt. In jener Gegend, zwölf Werst von Baku, in Surakhani, liegt auch der älteste Altar der Welt, auf dem nie verlöschende Flammen noch heute emporlodern und vor dem einst die Parsen ihre Andacht verrichteten. Dieses Feuer wird von Gasen genährt, die von unterirdischen Erdölschichten herstammen und einem Erdspalt entfliehen. Aelter aber als die Geschichte der Feueranbeter und der Tempel des Zoroaster sind die ewigen Feuer der Halbinsel Apscheron.

Auf diesen einst durch religiösen Cultus geheiligten Stätten hat sich in unseren praktischen Tagen eine bedeutende Petroleum-Industrie entwickelt, deren Mittelpunkt die Stadt Baku bildet, welche den vortrefflichsten Hafen des Kaspischen Meeres besitzt und im Lauf des letzten Jahrzehnts einen ungeahnten Aufschwung genommen hat.

Die Oelregion des Kaukasus, deren Ausläufer man in westlicher Richtung bis nach Tiflis und in östlicher bis zum Fuß des Himalaya verfolgen kann, ist weit reicher als jene Amerikas – sie scheint völlig unerschöpflich zu sein – und doch beträgt gegenwärtig die Oelproduction daselbst jährlich nur ein Sechstel der amerikanischen. Wie kam es nun, daß auf allen europäischen Märkten, ja in Rußland selbst amerikanisches Petroleum in ungeheuren Massen Absatz fand, während man bis vor Kurzem das kaukasische kaum beachtete?

Zunächst erleichterte die russische Regierung den Amerikanern den Sieg dadurch, daß sie die Naphthaquellen verpachtete. Dank dieser Einschränkung betrug im Jahre 1863 die ganze Naphthaproduction nur etwa 100,000 Centner. Im Jahre 1872, als sich das amerikanische Petroleum bereits in der ganzen civilisirten Welt eingebürgert hatte, kam die Regierung des Czaren zu der Einsicht, daß sie die Industrie freigeben müsse, sie parcellirte daher ihre Naphthaländereien, verkaufte die Landtheile und ermuthigte Capitalisten zur Ausbeutung der natürtichen Schätze dieser schwarzen wüstenähnlichen Erde. Im Jahre 1877 betrug die Ansbeute bereits mehr als 3 Millionen Centner, trotzdem aber konnte das kaukasische Petroleum auf den europäischen Märkten mit dem amerikanischen noch nicht in die Concurrenz treten, weil die Transportmittel zu unvollständig und zu kostspielig waren. Die Amerikaner besaßen dicht neben der Oelregion Pennsylvaniens ungeheure Wälder und Sägemühlen mit sinnreich construirten Maschinen, sodaß sich Fässer zur Verschickung des Petroleums billig herstellen ließen. Die amerikanischen Raffinerien lagen zumeist am Erie-See oder an bequemen Wasserläufen und waren mit den Oelquellen durch eiserne Röhren verbunden. Auf diese Weise konnte das Petroleum in Fässern mit geringen Kosten von den Raffinerien aus zu Schiff auf's atlantische Meer und nach den europäischen Hafenplätzen gebracht werden. Der Kaukasus dagegen lag vom Weltverkehr abgeschnitten. Das der Erde entströmende Naphtha wurde hier bald an Ort und Stelle billiger verkauft als das Trinkwasser in Baku, allein die Transportkosten vertheuerten es ungeheuer. Aus den Bohrlöchern ließ man das Erdöl in große Reservoirs fließen, und oft brach der Oelstrahl mit solcher Mächtigkeit aus dem Bohrloch, daß man weder ein Mittel fand, dies wieder zu schließen, noch auch Reservoirs schaffen konnte, um die Naphthafluth aufzunehmen. Jene überschwemmte darum das Land und bildete Oelteiche und Lachen. Aus den Reservoirs mußte man nun das Naphtha auf zweirädrigen Karren 11 Werst weit zur Destillation transportiren, und dieser Transport kostete 9 Kopeken pro Pud.[1] Da nun 3 Pud Naphtha dazu gehören, um durch die Destillation 1 Pud Petroleum zu erhalten, so betrugen die Kosten für dies 1 Pud Petroleum schon 27 Kopeken, noch bevor dasselbe zu weiterer Verschickung bereit lag.

Mit den Rückständen, welche bei der Abklärung des Naphtha zum Petroleun gewonnen wurden, wußte man derzeit gar nichts anzufangen. Staatsrath Radde, der berühmte deutsche Zoologe, dessen große Forschungsreisen durch Sibirien und den Kaukasus uns die genauere Kenntniß jener Länder vermittelten und welchem Tiflis heute sein musterhaft eingerichtetes Museum zu danken hat, erzählt, daß er den Großfürsten Michael von Tiflis nach Baku begleitet habe, als derselbe seinen Posten als Statthalter im Kaukasus bezog. Der Großfürst und sein Gefolge verließen auf Anregung der Bewohner Bakus jene Stadt bei Nacht, um nach Tiflis zurückzukehren. Als nun die Wagen des Statthalters durch die Oelregion fuhren , sahen die Reisenden eine weite magisch beleuchtete Allee vor sich. Die Oelpächter hatten nämlich zu beiden Seiten des Weges aus den Klumpen der Naphtha-Abfälle Kegel aufgerichtet, die sie bei einbrechender Nacht in Brand steckten. Der Wind ließ die Flammen dieser seltenen Fackeln mächtig wachsen und auflodern, und nun jagten die Gespanne zwischen diesen im mächtigen Dunkel gespenstig flackernden und prasselnden Flammen mit Windeseile hin. Der neue Statthalter und seine Begleiter genossen so auf dem Wege über die Halbinsel Apscheron eine Straßenbeleuchtung, wie sie pittoresker und phantastischer wohl kaum jemals geboten wurde. Wir erwähnen dieses Nachtbild nur, um darzuthun, wie wenig man derzeit mit den ungeheuren Massen der Naphtha-Rückstände anzufangen wußte. Aber auch das gereinigte Petroleum konnte man nicht dem großen Handelsmarkte zugänglich machen. Der Bau der transkaukasischen Eisenbahn nach Tiflis und Batum hatte derzeit noch gar nicht begonnen, und man mußte das Petroleum in Fässern mit Segelschiffen nach Astrachan versenden. Von dort wurde dasselbe umgeladen und die Wolga hinauf nach Nischny-Nowgorod gebracht. Die Fässer aber verteuerten das Petroleum um 30 bis 60 Kopeken pro Pud. Ein großer Uebelstand bei dieser Art der Verschickung lag außerdem darin, daß die Segelschiffe von Wind und Wetter abhingen und daß die Wolga im Winter zugefroren, also nicht passirbar war. So blieben die ungeheuren Schätze für die volkreichen Staaten Europas fast unerreichbar.

Darum scheiterten auch alle Anstrengungen der Besitzer großer Naphthaländereien an der Transportfrage. Kokorew war unter ihnen

  1. 1 Pud = 16,38 Kilogramm. 1 Kopeke = 3,2 Pfennig.


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Anlagen der Gesellschaft Gebrüder Nobel in Zaryzin an der Wolga.
A ist eine schwimmende Landungsbrücke, auf der sich ein Dampfkessel und eine Dampfpumpe befinden, vermittelst welcher man die flüssige Waare aus den Transportschiffen B durch die Rohrleitung C, nach den Reservoiren D, welche 120 Fuß über dem Niveau der Wolga liegen, hinauf pumpt. Von diesen Reservoiren fließt das Petroleum von selbst nach den Waggon-Cisternen, welche untenzu einem Zuge combinirt zu sehen sind. E sind die Wohnhäuser der Beamten. F ist eine mechanische Faßbinderei, T ein Wasserthurm und K die Stadt Zaryzin.

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Petroleum-Niederlage in Baku.

der Erste, welcher aus kaukasischem Naphtha Petroleum zu gewinnen suchte. Als die Regierung ihr Land versteigerte, kaufte Kokorew ungeheure Naphthaterrains an, und da er die der Erde entströmenden Gase nicht unbenützt lassen wollte, so legte er seine Fabrik neben dem alten Tempel Zoroaster’s an, und die aus Erdspalten hervordringenden Gase wurden verwendet, um die Kessel der Raffinerien zu heizen. Nun besaß die Fabrik ein Heizmittel, das sie gar nichts kostete, aber die Werke lagen 17 Werst vom Meer entfernt und hatten kein Wasser. Bald stellte sich heraus, daß Kokorew bei der Anlage höchst kurzsichtig verfahren, denn die Gase, welche man umsonst hatte, waren auch völlig werthlos. Es stellte sich nämlich sehr bald für die Fabrik ein unangenehmer Ueberfluß heraus. Bei der Destillation blieben die Rückstände übrig, welche das herrlichste Brennmaterial abgaben und die man 17 Werst vom Hafen nicht zu verwenden wußte. Die Kosten des Transports waren dagegen so bedeutend, daß sie den Ertrag verschlungen hätten. Auf diese Weise erstickte Kokorew im eigenen – Oel, und der Gedanke, die ewigen Feuer als kostenfreies Heizmaterial zu verwenden, führte seinen Ruin herbei.

Die verzweifelte Lage der Naphtha-Industrie wurde zuerst von dem schwedischen Maschinenbauer Ludwig Nobel, einem Bruder Alfred Nobel’s, des Dynamit-Erfinders, klar erkannt, und dieser Riese an Unternehmungsgeist und schöpferischer Kraft fand auch sehr bald die rechten Mittel zur Ueberwindung aller Hindernisse. Er gelangte im Kaukasus bald zu der richtigen Erkenntniß, daß die Gewinnung billigen Naphthas von fast nebensächlicher Bedeutung sei, da dieses Rohmaterial im Ueberflusse und zu wahren Spottpreisen vorhanden war. Die schwierigste Aufgabe lag in der Beschaffung billiger Transportmittel, und diese löste er in so genialer Weise, daß er zum Retter des Naphthalandes wurde. Im Jahre 1875 rief Ludwig Nobel mit einem Capitale von drei Millionen Rubel „Die Naphtha-Productions-Gesellschaft der Gebrüder Nobel“ in’s Leben. Zunächst verband er seine Oelquellen, welche etwa 12 Werst vom Hafen lagen, durch eiserne Röhren mit Baku. Das Erdöl strömt fortan in ungeheure eiserne Reservoirs und von diesen aus durch die Röhren frei nach den in Baku gelegenen Reinigungsanstalten, wo es raffinirt wird. Dank jener Zuleitungsröhren fallen die Kosten für den ersten Transport jetzt vollständig weg, und man kann das Naphtha aus den großen Reservoirs ganz nach Bedarf den Reinigungsanstalten zulaufen lassen. Da die letzteren nun am Hafen liegen, so läßt sich das Petroleum sofort und ohne erhebliche Kosten auf die Schiffe überführen.

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Eine Erdölquelle in Baku.

Ein weiteres Hemmniß – und zwar das größte von allen – für die Verschickung des Petroleums lag in der Verpackung durch Fässer. Der geniale Schwede machte sie vollständig entbehrlich. Er ließ in Schweden eiserne Dampfer bauen, welche außer der Schiffsmaschine und einigen Deckhäuschen nur große Bassins zur Aufnahme des raffinirten Petroleums enthielten. Von den am Hafen gelegenen Reservoirs der Raffinerie ließ man nun das Petroleum in die Dampfer fließen und fuhr mit diesen über das Kaspische Meer nach Astrachan und von dort die Wolga hinauf bis nach Zaryzin, jenem wichtigen Eisenbahnknotenpunkte südlich von Saratow, wo das Oel mittelst der Locomotive gen Norden und Westen weiter befördert wird. Um die Umladung möglichst einfach bewerkstelligen zu können, legte Nobel in Zaryzin hochstehende eiserne Reservoirs an, in die der Inhalt der anlangenden Dampfer durch eine Dampfpumpe entleert wird. Aus den Centralreservoirs zu Zaryzin läßt man dann das Petroleum in die mit eisernen Kesseln versehenen Waggons ab. Diese Eisenbahnwagen sind vollkommen zweckentsprechend gebaut und werden zu großen Petroleumzügen rangirt. Die Ueberführung der colossalen Flüssigkeitsmassen von den Dampfern zu den Centralbassins und von diesen zu den kesselartigen Eisenbahnwaggons wird durch die von wenigen Personen geleiteten Maschinen so einfach vollzogen, daß fremde Besucher die ungeheuren Anlagen für verödet halten müßten, wenn sie nicht das Geräusch der ruhig arbeitenden Dampfpumpe vernähmen, welches dem Athemholen eines Riesen gleicht.

Selbstverständlich erforderte die Durchführung des neuen Systems einen ungeheuren Aufwand von Capital und Arbeitskraft. Gegenwärtig verbinden in Baku sechs kolossale Zuleitungsröhren die Naphthaquellen mit den am Hafen gelegenen Raffinerien. Die Gesellschaft besitzt ein weites Terrain zu Balathani, auf welchem 45 Quellen im Betriebe sind. Charles Marvin, der bekannte englische Zeitungscorrespondent, erzählt in seiner Schrift über Baku, die Gebrüder Nobel hätten im letzten Jahre eine Quelle aufgeshlossen, welche 200 Fuß hoch in die Luft stieg und an 42 Tagen gegen 150 Millionen Liter Naphtha auswarf. Alle Anstrengungen, diese Quelle, deren Fluth man nicht zu sammeln vermochte, wieder zu verschließen, erwiesen sich dem mächtigen Oelstrahle gegenüber als vergeblich. Die Raffinerien der Gesellschaft in Baku vermögen heute 500,000 Centner gereinigtes Petroleum per Monat zu liefern. Die Werke arbeiten bis jetzt jedoch nur acht Monate im Jahre, da die Wolga der Schifffahrt im Winter verschlossen ist.

Die Vermehrung der Transportmittel für diese Massenproducte ist eine ganz erstaunliche. Im Jahre 1878 ging der erste Petroleumdampfer der Gebrüder Nobel, welcher den passenden Namen „Zoroaster“ trug, von Baku nach Zaryzin ab. Heute, wo das Grundcapital der Gesellschaft auf 10 Millionen Rubel erhöht ist, besitzt dieselbe [498] bereits 12 Dampfer auf dem Kaspischen Meere und 11 Dampfer auf der Wolga, 8 Eisenbarken und 7 Holzbarken mit Eisenbassins, endlich 32 Holzbarken zum Transport der Rückstände. Außer dieser Flotte besitzt die Gesellschaft 1500 Eisenbahnwagen mit Zehntonnenbehältern und Depôts mit Reservoirs zu Zaryzin, Orel, Moskau, St. Petersburg, Warschau und vielen andern Plätzen. Nun ist vor Kurzem auch der Schienengürtel vollendet, welcher Transkaukasien von Baku nach Batum durchquert. Schon gehen die mit Petroleum belasteten Eisenbahnwagen nach Tiflis und den Häfen des Schwarzen Meeres, und bald werden Petroleumschiffe zu den Häfen des Mittelländischen Meeres und die Donau hinauf bis nach Wien gelangen.

Man muß in der That die grandiosen Anlagen und Verkehrsmittel der Gebrüder Nobel bewundern. Diese genialen Schweden haben den tausendjährigen Naphthaquellen die Wege zu den Hauptstädten Europas geebnet, und ihre Schöpfungen beweisen, wie gut menschlicher Erfindungsgeist und menschliche Energie ungeheure Entfernungen und andere Hemmnisse zu überwinden vermögen. Vielleicht liegt in dem Namen Nobel ein günstiges Omen für die Zukunft; vielleicht setzen die Oelkönige des Ostens ihren Stolz darauf, der Welt das denkbar billigste Licht zu liefern. Gelingt es den Petroleumproducenten des Kaukasus, durch billigeres und besseres Oel erfolgreich mit den Amerikanern zu concurriren, so können wir uns darüber nur herzlich freuen, denn Petroleum ist das Licht des armen Mannes. Werden uns aber die uralten Lichtquellen des Kaukasus erschlossen, dann hat für die Culturstaaten Europas der Spruch wieder Geltung:

„Vom Osten her kommt das Licht!“
R. Elcho.