Noch einmal der „deutsche Schulverein“ in Oesterreich

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Titel: Noch einmal der „deutsche Schulverein“ in Oesterreich
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aus: Die Gartenlaube, Heft 16, S. 271–272
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1881
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[271] Noch eimal der „deutsche Schulverein“ in Oesterreich. Wir haben vor Monaten (in Nr. 45 des vorigen Jahrganges) die Errichtung eines deutschen Schulvereins in Oesterreich als Beweis für das Erwachen des Nationalgefühls unter unseren dortigen Stammesgenossen freudig begrüßt und schon damals auf die außerordentliche Bedeutung, die dem Vereine innewohnt, hingewiesen; heute sind wir in der angenehmen Lage, auf Grund des Ergebnisses der am 13. Februar dieses Jahres abgehaltenen ersten Generalversammlung bereits nicht unbedeutende Erfolge dieses volksthümlichen Unternehmens verzeichnen zu können.

Während des ersten Halbjahres seines Bestandes (2. Juli bis 31. December 1880) hatte dieser Verein bereits eine Ausbreitung erhalten, wie selten ein anderer. In 814 Orten Oesterreichs, 25 Orten Ungarns, 67 Orten des deutschen Reiches und 20 Orten des übrigen Europas, sowie am Cap der guten Hoffnung befinden sich Vereinsmitglieder. Ihre Zahl beläuft sich aus etwa 27,000, von denen allein 6000 in Wien ansässig sind, während aus dem deutschen Reiche bereits über 400 Mitglieder gewonnen wurden. Unter den gesammten Mitgliedern befinden sich 666 Körperschaften, und auch 1084 Frauen sind dem Vereine beigetreten. 1074 Mitglieder haben einmalige Beiträge von mindestens 20 Gulden österreichisch (40 Mark), im Gesammtbetrage von 30,411 Gulden 71 Kreuzer, beigesteuert, während von den Mitgliedern an Jahresbeiträgen von mindestens 1 Gulden (2 Mark) zusammen 24,699 Gulden 27 Kreuzer entrichtet wurden. Die Gesammteinnahme des Vereins betrug 58,704 Gulden 75 Kreuzer, und am Jahresschlusse verblieb ein unantastbarer Gründungsfonds von 30,597 Gulden 37 Kreuzer, sowie ein verfügbarer Betrag von 20,874 Gulden 19 Kreuzer.

So bedeutend auch diese Summen für den halbjährigen Bestand des Vereines scheinen mögen, so bedarf derselbe doch zur Erreichung seiner Ziele noch mancher Opfer seitens des deutschen Volkes.

Der Ausschuß war bestrebt gewesen, mit den vorläufig zur Verfügung stehenden Mitteln nach Kräften zur Ausführung seiner Ausgabe beizutragen, indem er an folgenden Grundsätzen festhielt:
1) An jenen Orten ist zuerst Hülfe zu bringen, wo ein längeres Zuwarten Gefahren für den nationalen Bestand der Stammesgenossen nach sich ziehen könnte.
2) Die schwächsten und daher am leichtesten fremdartigen Einflüssen ausgesetzten Reste deutschen Culturlebens sind zuerst zu stützen.
[272] 3) Ohne Scheu und Selbsttäuschung an der Thatsache der allseitig vorhandenen Gefahr festzuhalten; demnach die zur Abwehr angewiesenen Mittel von vornherein als unzulänglich zu betrachten und daher bei jedem Falle den strengsten Maßstab bezüglich des Zutreffens einer der beiden ersten Bedingungen anzulegen.

Die Berichterstattung über Schul- und Sprachverhältnisse an den bedrohten Punkten des Reiches geschah von etwa vierhundert über alle Theile der deutschen Provinzen zerstreuten Vertrauensmännern, und ihre gewissenhaften und fachkundigen Mittheilungen bürgten für eine gründliche Vorberathung der zu ergreifenden Maßregeln.

Das Feld der Vereinsthätigkeit scheidet sich einerseits in eine nördliche Zone, die Böhmen, Mähren sowie Schlesien umfaßt und wenig über die galizische Landesgrenze hinausgreift, andererseits in eine südliche, die in Tirol anhebt und bis an die südungarische Grenze reicht. In der Mitte dieser beiden liegt eine compacte deutsche Landmasse, doppelt werthvoll für das Vereinsleben, weil sie großmüthig spendet, ohne für sich etwas in Anspruch zu nehmen. Während des abgelaufenen Halbjahres hat nun der Verein an jenen bedrohten Punkten folgende Resultate erzielt: In Böhmen wurden zehn Schulen mit Lehrmitteln und Schulbibliotheken versehen, eine Fabrikschule zu Iserthal mit Unterstützung des dortigen Fabrikherrn neu errichtet, sowie die Eröffnung zweier deutscher Kindergärten zu Prag und Pilsen vorbereitet. Die Eröffnung einer deutschen Schule in der Festung Josefstadt dürfte zunächst den dortigen Militärkindern zugute kommen, und eines freundlichen Entgegenkommens Seitens der Heeresverwaltung ist der Verein bereits sicher.

In Mähren konnte die von der Regierung vorgenommene Schließung der deutschen Parallelclassen am Gymnasium zu Walachisch-Meseritsch paralysirt werden, indem durch die Unterstützung des Vereins in der Höhe von 2000 Gulden die Stadtgemeinde in die Lage gesetzt wurde, auf ihre Kosten die Classen fortzuerhalten. In demselben Kronlande wurde auch zu Lettowitz eine Fabrikschule errichtet, die Eröffnung eines Kindergartens und einer Volksschule zu Trebitsch, sowie einer Volksschule zu Butschowitz in Angriff genommen und an fünf Schulen Lehrmittel und Unterstützungen gewährt. Ebenso wurden in Schlesien und Galizien zehn Schulen dotirt und zu Oderberg eine vierte Volksschulclasse errichtet.

Im südlichen Gebiete erstreckte sich die Vereinsthätigkeit auf jene den Alpenbesuchern so bekannten herrlichen Thäler der Etsch und Eisack, so wie auf die deutschen Sprachinseln in Wälsch-Tirol. Auch hier erhielten viele Gemeinden Schülerbibliotheken, Lehrbücher und Schulrequisiten, während in Proveis die Erbauung eines Schulhauses ermöglicht wurde.

In jenen Thälern, „wo germanische Völker der Väter Sitte und Sprache treu und unverfälscht erhalten haben“, wird es Aufgabe des Vereins sein, den Riegel bei Salurn fest zuzuschieben, um es dem Nachbar fortan in's Gedächtniß zu rufen, wessen Gutes König Laurin's Rosengarten sei.

An nahezu siebenzig bedrohten Punkten war demnach der Verein bemüht, zum Besten der deutschen Schule zu wirken, und das emsige Streben des Ausschusses und die Kräftigung des Stammesbewußtseins unter den Deutschen Oesterreichs haben eine immer mehr wachsende Theilnahme für ihn hervorgerufen. Die im abgelaufenen Jahre abgehaltenen deutschen Parteitage in Oesterreich stellen die Förderung des Schulvereins als Pflicht jedes Deutsch-Oesterreichers hin, und den begeisterten Worten des Reichstagsabgeordneten Freiherrn von Walterskirchen auf dem Wiener allgemeinen deutsch-österreichischen Parteitage am 14. November vorigen Jahres folgte stürmischer Beifall der dreitausend Theilnehmer aus allen Theilen des Reiches. Und so konnte der Ausschuß in der Generalversammlung unter allgemeiner Zustimmung aussprechen: „Keine Liebesgabe mehr, für den man Dankesworte ernten darf, der Pflichtgulden ist es, den wir von allen deutschen Stammesgenossen einfordern.“

Es regt sich auch in den weiten Gauen des deutschen Reiches warme Theilnahme für den Verein. In den größeren Städten haben sich Agitationscomités gebildet, welche Aufrufe erließen und in den letzten Wochen bereits einige tausend Mark an die Vereinsleitung absandten. Auch die deutsche Presse leiht dem volkstümlichen Unternehmen ihre Unterstützung.

Und doch bedarf es noch reichlicher Theilnahme.

„Es wäre eine Schande für uns Deutsche, wenn wir für die deutsche Schule nicht freiwillig aufzubringen vermöchten, was die Delegationen für sechs Küstengeschütze votiren mußten,“ hatte Freiherr von Walterskirchen gesagt - und doch haben wir für die so wichtige Sache bisher nicht die Kosten auch nur eines einzigen Küstengeschützes zusammengebracht.

Darum - weil die deutsche Schule eine Waffe für die Erhaltung der Nationalität ist - darum müssen die Bestrebungen des deutschen Schul-Vereins in Oesterreich allseitig unterstützt werden. Und so konnte denn der Redner am 14. November seinen Appell mit den Worten schließen: „Was unsere Väter waren, sollen auch unsere Kinder bleiben: deutsch! Deutsch im Sinne Anastasius Grün's:

Deutsch sein, heißt: off’ne Freundesarme
Für alle Menschheit ausgespannt,
Im Herzen doch die ewig warme,
Die einz'ge Liebe: Vaterland!
Deutsch sein, heißt: sinnen, ringen, schaffen,
Gedanken sä’n, nach Sternen späh’n,
Und Blumen zieh’n - doch stets in Waffen
Für das bedrohte Eigen steh’n.“