Norton der Erste, der Kaiser von den Vereinigten Staaten

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Textdaten
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Autor: Theodor Kirchhoff
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Titel: Norton der Erste, der Kaiser von den Vereinigten Staaten
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 32, S. 512
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1869
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[512] Norton der Erste, der Kaiser von den Vereinigten Staaten. Eine auffallende Erscheinung in den Straßen San Francisco’s ist der Kaiser Norton der Erste, eine Persönlichkeit, welche in sonderbarer Uniform gravitätisch dahergeschritten kommt und von Jedermann mit vorzüglicher Hochachtung betrachtet wird.

Herr Norton ist von Herkunft ein englischer Jude und einer der sogenannten „Pioniere“ (erste Ansiedler) Californiens. Im Jahre 1852 war er einer der wohlhabendsten Kaufleute von San Francisco, verlor aber bald darauf sein ganzes Vermögen in einem der verheerenden Brände, welche in früheren Jahren diese Stadt wiederholt einäscherten. In Folge dieses Unglücks zerrütteten sich die Verstandeskräfte des sonst gebildeten Mannes und es stellte sich bei ihm die fixe Idee fest, daß er der Kaiser der Vereinigten Staaten sei, der hier in San Francisco seine Residenz aufgeschlagen hätte. Er erklärte dieses öffentlich und verlangte bestimmt, man solle ihn seiner hohen Würde entsprechend behandeln. Vor Allem bestand er darauf, daß jedermann ihm tributpflichtig sei, sammelte Abgaben ein, aß und trank etc. wo und was er wollte, ohne je einen Cent dafür zu bezahlen.

Die San Franciscaner waren höchlichst erstaunt über den wunderbaren Gesellen, ohne jedoch ungehalten wegen seiner Forderungen zu werden; statt, wie in anderen Ländern und Städten geschehen wäre, Norton in ein Irrenhaus zu schicken, erkannte man in der in Geldangelegenheiten beispiellos liberalen Stadt San Francisco auf gutmüthige Weise seine kaiserlichen Ansprüche an, zahlte, was er verlangte, und behandelte ihn seiner hohen Würde entsprechend – und so geschieht es noch heute.

Norton behauptet mit dem ernstesten Gesicht von der Welt, mit den meisten fürstlichen Familien Europas verwandt zu sein. Die Königin Victoria nennt er seine liebe Cousine, den Kaiser von Oesterreich seinen Vetter. Mit den Bourbonen ist er besonders nahe verwandt und haßt den Kaiser Napoleon den Dritten als einen Eindringling im tiefsten Grunde seiner Seele. Auch will er nichts davon wissen, daß er ein Jude sei. „Wie kann ich, Norton der Erste, der Kaiser von den Vereinigten Staaten,“ sagt er, „ein Jude sein, der ich mit der königlichen Familie der Bourbonen so nahe verwandt bin, die, wie doch Jedermann weiß, keine Juden sind?“

Der Kaiser Norton der Erste, der ein unverwüstlicher Spaziergänger ist, erscheint stets in Uniform, in blau-grünem Waffenrock, blauen Hosen, schweren Goldepaulettes und Generalshut mit Reiherfeder. Einen Schleppsäbel trägt er nur bei feierlichen Gelegenheiten, und zieht einen gewichtigen Knotenstock jenem gewöhnlich vor. Stets trägt er eine rothe Rose im Knopfloch. Sein Schuhzeug ist immer zerrissen und eines Kaisers durchaus unwerth. Der Grund dazu ist der, daß er stark an Hühneraugen leidet und sich die neuen Schuhe immer gleich zerschneidet, um bequemer darin gehen zu können.

Gelegentlich besucht er die Banquiers und Kaufmannsfirmen von San Francisco, um Abgaben einzutreiben. Er bittet oder bettelt keineswegs um Geld, sondern verlangt es auf sehr bestimmte Weise und droht mit Execution, falls man Miene macht ihn abzuweisen. Seine Forderungen beschränken sich in der Regel auf zwei und ein halb Dollars, doch treibt er mitunter bis zu zehn Dollars von einer Firma ein. Selten kommt es vor, daß Jemand ihm den Tribut verweigert. Für die so erlangten Summen stellt er Empfangsscheine aus, mit einem großen Siegel, auf welchem die Worte stehen: „Norton I., Emperor of the United States“. Für kleinere Summen als zwei und ein bald Dollars, die er von Bekannten und Freunden täglich eintreibt, stellte er keine Empfangsscheine aus. Das Geld, welches er einnimmt und wofür er absolut gar keinen Gebrauch hat, verschenkt er an Arme, da er als Kaiser seine hülfsbedürftigen Unterthanen nicht Noth leiden läßt.

Wünscht Seine Majestät zu speisen, so tritt er in das erste beste Restaurant oder er geht in einen Speisesaal von einem der großen Hôtels der Stadt, commandirt die Kellner mit lauter Stimme zu seiner Bedienung und bestellt sich nach der Karte eine gute Mahlzeit. In einem Restaurant nimmt er mitunter an einer Tafel Platz, an der eine Gesellschaft von Damen und Herren vom Lande speist, stellt sich denselben als Kaiser Norton der Erste vor und schnauzt die Kellner grimmig an, wenn sie nicht flink genug bei der Hand sind. Man kann sich das Erstaunen mancher Schönen vom Lande über die kaiserliche Bekanntschaft wohl vorstellen! Wenn er seine Mahlzeit beendigt hat und bei guter Laune ist, geht er zum Wirth und fragt ihn, ob er eine Quittung wünscht, der ihm höflich antworten wird: „never mind, Emperor!“ (ist nicht nöthig, Herr Kaiser.) In der Regel entfernt er sich aber, ohne ein Wort zu sagen, und es wird Niemandem einfallen, ihn aufzuhalten und um Geld zu fragen.

Auf ähnliche Weise holt er sich seinen Tribut von Cigarren aus irgend einem Cigarrenladen, versorgt sich in den Schnitt- und Ellenwaarengeschäften mit Leibwäsche, Taschentüchern, Strümpfen etc. besucht die Trinksalons, Theater und andere Vergnügungsorte in der Stadt und Umgegend, fährt in den Straßenwaggons etc. ohne je einen Cent dafür auszugeben. Sonntags besucht er die Kirchen in Gala, da er sehr religiös ist. Wird seine Uniform etwas schäbig, so läßt er in den Hauptzeitungen der Stadt anzeigen, daß er, der Kaiser Norten der Erste, eine neue Uniform haben will, die denn auch sofort durch Subscription angeschafft wird.

Früher pflegte Norton immer in Begleitung von zwei großen Hunden, mit Namen „Lazarus“ und „Bummer“, spazieren zu gehen, die er auch mit in die Restaurants nahm und dort mit den besten Bissen von der Speisetafel fütterte. Voriges Jahr starben sowohl Lazarus als Bummer, und er veranstaltete ihnen zu Ehren ein großartiges Leichenbegängniß, wobei Viele zu Fuß und in Kutschen folgten. Lazarus wurde später ausgestopft und ist jetzt in dem Speisehaus zu sehen, wo der Kaiser Norton der Erste sein freies zweites Frühstück einzunehmen pflegt.

San Francisco, im Juni 1869. Theodor Kirchhoff.