Novellen (Hauffs Werke Bd 4)

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Textdaten
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Autor: Wilhelm Hauff
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Titel: Novellen
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aus: W. Hauffs Werke, Bd. IV: Novellen, S. 269–444
Herausgeber: Max Mendheim
Auflage:
Entstehungsdatum: 1827
Erscheinungsdatum: 1891–1909
Verlag: Bibliographisches Institut
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Erscheinungsort: Leipzig und Wien
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Quelle: Scans auf commons
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[269]


Novellen.



[270] [271]

Einleitung des Herausgebers.

Wie über die Märchen, so hat sich Hauff auch über die andere Erzählungsart, in der er so Treffliches geleistet hat, die Novellen, an zwei Stellen öffentlich ausgesprochen. Das eine Mal, mehr poetisch gefaßt und etwas satirisch gehalten, in dem „Vertraulichen Schreiben an Herrn W. A. Spöttlich“[1], das der Gesamtausgabe seiner Novellen vorgedruckt war, und das zweite Mal in einem Aufsatze, den er anscheinend wenige Wochen vor seinem Tode (wahrscheinlich für das „Morgenblatt“) geschrieben hat. In jenem „Schreiben“ äußert er sich mehr über die Quellen, die Grundlagen, denen der Dichter seinen Stoff zu Novellen entnimmt, und bekundet seine Meinung mit den Worten: „Die besten und berühmtesten Novellendichter haben aus einem unerschöpflichen Schatz der Phantasie ihre Dichtungen hervorgebracht, und die unverwelklichen Blumensträuße, die sie gebunden, waren nicht in Nachbars Garten gepfückt, sondern stammten aus dem ewig grünen Paradies der Poesie. … Geringere Sterbliche“, fährt er dann fort und rechnet auch sich selbst zu diesen letzteren, „welchen jene magische Springwurzel … nicht zu teil wurde, müssen zu allerlei Notbehelf ihre Zuflucht nehmen, sie müssen“, wie er sich ausdrückt, „nach einer Novelle spionieren“, und dazu empfiehlt er als ergiebigste Quelle „Frauen, die das fünfundsechzigste hinter sich haben“, weil diese die meisten Erfahrungen an interessanten, geheimnisvollen, galanten und abenteuerlichen Ereignissen gesammelt haben und am ausführlichsten und glaubhaftesten wiederzuerzählen verstehen. Man brauche dann nur wiederzugeben, was man da gehört habe, und der Erzählung den Titel Novelle voranzustellen. Eine solche enthalte dann immer „getreue Wahrheit, wenn auch keine poetische“, und habe einen pikanten Reiz für das Publikum. So habe auch er die meisten seiner Novellen geschrieben, was freilich nicht allen Leuten recht sei, weil manche zu genaue historische Wahrheit in Familiengeschichten unbequem und unpoetisch finden, andere jede poetische Abweichung von der historischen Wahrheit als „rechtswidrige Täuschung des Publikums“ ansehen. [272] Es ist zweifellos viel gerade auf Hauff selbst Zutreffendes in diesen Sätzen. Die meisten seiner Erzählungen lehnen sich an irgend eine wahre oder sagenhafte Begebenheit, an historische oder damals noch lebende Persönlichkeiten an, von denen er irgendwo gelesen oder gehört hat, und die er nun in poetischer Verklärung, mit Zutaten seiner eigenen lebhaften Phantasie ausgeschmückt, in diesen Novellen behandelt. Dies ist ja allerdings die Schaffensart der meisten Geschichtenschreiber, aber es ist doch interessant, zu sehen, daß sie Hauff ausdrücklich auch für die seine erklärt und diese Erzeugnisse von den rein aus der Phantasie geschöpften Dichtungen anderer unterscheidet.

In jenem Aufsatze[2] aber geht er, wie in den Gesprächen des Derwisches und der jungen Leute im Märchenbande „Der Scheik von Alessandria“ auf die verschiedenartige Anlage der Märchen, so hier auf die verschiedene Gestaltungsart der Novellen ein, und wie er dort eigentliche Märchen von sogenannten Geschichten trennt, so hier mehr dramatisch, d. h. in Zwiegesprächen verlaufende Novellen von solchen rein erzählender Art. Er sagt, daß „von allen jenen, die in dieser Form sich versuchen, nur wenige sind, die über die innere Natur dieser Erzählungsart und über die Gesetze ihrer Form nachzudenken sich die Mühe nehmen. In unserer Jugend“, fährt er dann in seiner Betrachtung fort, „wo wir so gerne Erzählungen von Huber, Lafontaine und anderen lasen, bestand die Hauptaufgabe und der mächtigste Reiz einer Erzählung in einer gut erfundenen, interessanten Geschichte; die inneren Verhältnisse mußten gut geordnet, der Faden gleichmäßig und zart gesponnen sein, und es kam darauf an, die Verirrungen oder die Höhen des menschlichen Herzens nachzuweisen, weniger wie es sich in Empfindungen und Worten, als wie es sich in überraschenden und anziehenden Verhältnissen zeigt und ausspricht. Jene Art von Erzählungen hatte noch das Angenehme, Bequeme, ich möchte sagen Kindliche des Vortrags an sich. Es wurde in der Erzählung selten gesprochen, desto mehr gedacht und gehandelt; daher konntest du auch mit ein wenig Aufmerksamkeit und Gedächtnis eine solche Erzählung in jeder Gesellschaft in derselben Ordnung wieder vortragen, wie du sie gelesen hattest, denn sie war schon ursprünglich so geordnet und eingerichtet, wie etwa ein Reisender eine Geschichte, die sich da oder dort [273] zugetragen, erzählen würde. Eine der trefflichsten Dichtungen dieser Art ist das ‚Fräulein von Scuderi‘ von Hoffmann, und die Teilnahme, womit man dergleichen Erzählungen noch immer liest, beweist mir, daß der jetzt herrschende Geschmack nicht vorübergehend sein werde.“ Diesen Charakter, sich ohne weiteres leicht ihrem vollen Gehalte nach, den er sehr hoch anschlägt, erzählen zu lassen, bestreitet er z. B. den Tieckschen Novellen, und zwar aus demselben Grunde, aus dem man kein Schauspiel erzählen könne. „Jene Novellen aber“, sagt er, „haben das einfache Gebiet der Erzählung verlassen und sich dem Drama genähert, oder, um es anders zu sagen, im Gespräch entwickeln sich jetzt die Charaktere von selbst, deren Entwicklungsgang uns sonst nur angedeutet oder beschrieben erzählt wurde. Diese Manier, in welcher sich jener Meister (Tieck), der sie für sich erschaffen, mit großer Umsicht und Sicherheit bewegt, haben nun alle unsere Almanachsdichter mehr oder minder angenommen; sie ist Mode geworden. Aber leider verstehen sich die meisten derselben gar nicht darauf, jene Forderungen zu befriedigen, und schreiben dennoch Novellen“, klagt Hauff, der selbst in seinen Erzählungen dieser Art den von ihm hier gekennzeichneten Charakter mit großem Geschick und Glück angewendet hat und daher wohl als einer der trefflichsten Schüler Tiecks in dieser Beziehung gelten kann. Mit ebenso vielem Geschick und Glück hat er in seinem „Lichtenstein“ wie in einigen Novellen auch das gleichzeitig in Mode gekommene historische Stoffgebiet und Kolorit verwendet, mit dem so mancher andere sich zu seinem Unheil vergebens bemüht hat, wie Hauff hier bedauernd gleichfalls erwähnt.

Was nun die einzelnen der hier noch wiederzugebenden Novellen anlangt, so ist „Othello“ zuerst in der „Abendzeitung“ von 1826, „Die Sängerin“ im „Frauentaschenbuch für 1827“ und „Die letzten Ritter von Marienburg“ im „Frauentaschenbuch für 1828“ erschienen. Gesammelt wurden sie dann in der 1828 veröffentlichten Ausgabe gedruckt, die auch unserem Texte zu Grunde gelegt ist. Den reinsten Charakter einer Novelle zeigt von diesen dreien „Die Sängerin“, an der man noch viel Claurensche Art erkennen will und, wie in vielen anderen seiner Erzählungen, wenigstens im Ton, auch finden kann, da ihm ja Claurens Art durch seine Lesewut nur allzusehr in Fleisch und Blut übergegangen war. „Othello“ gemahnt sehr an die Schicksalsdramen der damaligen Zeit, ist aber doch eigentlich keine Nachahmung, ja fast eher eine Bekämpfung derselben, da Hauff offenbar [274] bestrebt ist, die Ereignisse der Handlung, besonders den Tod der Prinzessin, ganz natürlich und glaubwürdig aus den Charakteren und ihren Verhältnissen zu erklären, und das verhängnisvolle Zusammentreffen der Katastrophe mit der Aufführung des „Othello“ als einen allerdings merkwürdigen und beklemmenden, aber doch eben reinen Zufall hinzustellen. Weniger rein ästhetisches, aber um so mehr literarhistorisches Interesse wird die Novelle „Die letzten Ritter von Marienburg“ in Anspruch nehmen. In ihr hat Hauff vor allem ein scharfes, vielfach satirisch angehauchtes Bild der literarischen und auch der gesellschaftlichen Zustände seiner Zeit gegeben, die Parteien und Richtungen, besonders die Vertreter der Romantik und des historischen Realismus, in ihren Streitigkeiten und Fehden, mit entschiedener Parteinahme für die letzteren, gezeichnet.

Die zeitgenössische Kritik beschäftigte sich mit Hauffs Novellen teils gelegentlich ihrer Besprechung der Taschenbücher, in denen sie zuerst erschienen waren, teils in zusammenfassenden Urteilen über die Gesamtausgabe, die nach des Dichters Tode 1828 herauskam.

So schreibt L. M–k. in der „Jenaischen Allgemeinen Literatur-Zeitung“, Nr. 58 vom März 1828, über den „Othello“: die Novelle „bewegt sich viel lebendiger und rascher [als die „Bettlerin vom Pont des Arts“] und spielt an einem Hofe. Man könnte dieselbe eine Schicksalsnovelle nennen, da sich alles darum dreht, … Aber freilich trug eigentlich nichts weniger als ‚Othello‘ die Schuld! – Auch diese Novelle, so klein sie ist, hat viele interessante Partien …“.

Über „Die Sängerin“ urteilt Wolfgang Menzel bei Besprechung des „Frauentaschenbuchs auf 1827“ im „Literatur-Blatt“ (Nr. 76 vom 22. Sept. 1826) zum „Morgenblatt“: „Unter den Erzählungen zeichnet sich die ‚Sängerin‘ von Wilhelm Hauff durch leichten Stil und heiteres Kolorit am meisten aus. Zu bedauern aber ist, daß dieses schöne Talent an so gar unbedeutende, anekdotenmäßige, ideenlose Gegenstände verschwendet wird. Zwischen die Mode und die Poesie gestellt, sollte dieser junge Dichter doch ein wenig schwanken, bevor er sich blindlings der ersten in die Arme wirft.“

In Nr. 240 der „Blätter für literarische Unterhaltung“ vom 17. Okt. 1828 findet sich eine Besprechung (mit der Mitarbeiternummer 152 unterzeichnet) der beiden ersten Novellenbände Hauffs, worin über „Othello“ und „Die Sängerin“ (fälschlich als „Die Jägerin“ angeführt) folgendes Urteil gefällt wird:

[275] „‚Othello‘ ist kürzer als die vorstehende Novelle [„Die Bettlerin vom Pont des Arts“], aber im ganzen viel mehr gehalten. Die Fabel ist, soviel dem Verfasser bekannt, allerdings aus der Sage einer deutschen Residenzstadt entlehnt, und leicht mag die Geschichte von einer italienischen Oper, die nicht mehr gegeben werde, weil früher stets nach ihrer Aufführung hohe Personen gestorben seien, durch den Mund einer Dame über 65[3] dem jungen Dichter auf seinen Wanderungen durch den Norden und Süden Deutschlands zugekommen sein. Mit feinem Sinne ist sie zur Grundlage und Folie eines zarten und rührenden Bildes und hinwieder furchtbarer Täuschung und überraschender Ereignisse gemacht. Sie paßt vornehmlich für den Geschmack der Liebhaber von Schicksalsdramen, wird aber auch sonst durch das richtige Maß des Übernatürlichen und Ungewöhnlichen den Beifall der übrigen Leser gewinnen.“

„‚Die Sängerin‘ ist unstreitig eine der lieblichsten Erzählungen Hauffs. Wir begreifen wohl, wie man in finsterer Stimmung einzelnes daraus hinwegwünschen könnte. Aber wir finden bei unbefangener Prüfung nicht nur nichts Unschickliches in der Novelle, sondern sehen in dem Bilde der Signora Fiammetti ein so reines, durch reinen Sinn und Willen aus den schrecklichsten Gefahren der Unschuld gerettetes Wesen, daß eine solche Erscheinung jedem Leser wohltun muß. In dieser Novelle hat Hauff vornehmlich sein Talent der Beobachtung der Sonderbarkeiten und des Lächerlichen an Menschen des Tages und der Mode gezeigt; Vater und Sohn Bolnau sowie der Medizinalrat Lange sind Porträte, die man wohl auch in andern Galerien, aber nicht leicht in einer andern so frisch und wohlgetroffen sieht.“

Über „Die letzten Ritter von Marienburg“ im 3. Bande der Novellen, der etwas später erschien, schreibt ein anderer Mitarbeiter (Nr. 28) derselben Zeitschrift (Nr. 167 vom 20. Juli 1829): Diese „geben zuerst von tieferm Studium der Charaktere Zeugnis und interessieren durch die Verflechtung zweier Romane, deren einer im andern erscheint und dessen Lösung herbeiführt. Wenn am Schlusse dieser Novelle die Befriedigung, die während der Lesung des Frühern uns begleitet hatte, sich begrenzt und wir eine Unvollständigkeit, eine Lücke fühlen und somit die Erzählung nicht für in sich abgerundet und für ein völliges Ganzes halten können, so bestätigen wir dadurch unser richtiges Verständnis der Hauffschen Dichtung, welche das erste Glied einer durch [276] das Bild der Hauptindividuen zusammengehörigen Kette von Erzählungen sein sollte, deren ganze Reihe vor dem innern Auge des jungen Dichters stand, aber leider mit ihm so früh zu Grabe ging. Wenn der Leser diese Idee, welche Hauff vor seinem Tode einigen Freunden mitgeteilt haben soll, festhält, so wird sich ihm durch Ahnung der künftigen Entwickelung des noch Unentwickelten die Unvollständigkeit des Schlusses ergänzen, und er wird keine volle Befriedigung in dem Werke suchen, welches an und für sich die volle Befriedigung nicht geben, sondern nur anbahnen will“.

Der Referent der „Blätter für literarische Unterhaltung“ gibt hier in seiner Besprechung eine Andeutung, die sich sonst nirgends findet, und die entschieden auf einem Mißverständnis beruhen dürfte. Man kann sich schon deshalb zu einigen Zweifeln berechtigt glauben, weil jener Referent offenbar selbst nicht genau von dem unterrichtet war, was er hier mitteilt, sondern nur unbestimmte Gerüchte weiterträgt. Vor allem aber gründet sich der Zweifel auf den Schluß jener Novelle selbst, der zwar nicht ganz befriedigend ist, aber doch durchaus keine Veranlassung bietet, noch eine Fortsetzung des Stoffes in einer „Kette von Erzählungen“ zu erwarten. Das Werk ist vollständig abgeschlossen; der Ausgang erregt nur deshalb Anstoß, weil es fast unglaublich erscheint, daß ein Wesen, wie diese Elise es nach des Dichters Schilderung sein soll, gerade da, wo sie ihre Übereilung in dem Bruche mit Palvi erkennt und der Verlust des Geliebten sie doppelt schmerzlich berühren müßte, ohne Zögern eine Verlobung mit dessen Nebenbuhler eingeht. Man könnte ja vielleicht glauben, daß Hauff schließlich doch noch eine Lösung dieses Verlöbnisses und, nach Klärung des Sachverhaltes, eine Wiedervereinigung der Liebenden habe herbeiführen können und wollen; dazu hätte es aber kaum einer neuen Novelle, geschweige denn einer Reihe solcher bedurft; das hätte sich auch in einem weiteren Kapitel ausreichend darstellen lassen.

Eine weitere Besprechung wird den „letzten Rittern von Marienburg“ sodann in Nr. 259 der „Blätter für literarische Unterhaltung“ gewidmet. Der Referent (Nr. 142), der hier das „Frauentaschenbuch auf 1828“ behandelt, kleidet seine Besprechung in eine humoristische Unterhaltung mit der „Dame Kritik“, die ihm das Taschenbuch reicht, und mit der er sich nun darüber unterhält. Sie fragt: „Sollte der Dichter etwa den neuesten Roman Thomas Moores, den ‚Epikuräer‘, gelesen und seine Katastrophe nach der der schönen ‚Arete‘ gemodelt haben?“ – [277] „Ich weiß nicht“, sprach ich. Die heisere Dame schwieg. „Sie schweigen“, fragte ich sie erstaunt; „ich will doch nicht hoffen, weil …“ – „Ich schweige“, erwiderte sie, „weil W. Hauff mit seiner Novelle ‚Die letzten Ritter von Marienburg‘ mir gewissermaßen schon den Mund gestopft hat, indem er selbst mein Geschäft mit so viel Geschick und solcher Meisterschaft der Ironie übernommen hat, daß ich hinfort am besten tue, mein Amt ganz niederzulegen. Sehen Sie nur selbst, mit welchem köstlichen Humor er sich hier über mein Treiben lustig macht und in welche lichthelle Lächerlichkeit er den Verkehr meiner Jünger untereinander hinstellt. Ist der Plan des Ganzen auch wenig glücklich oder eigentümlich zu nennen, so sind die einzelnen Situationen und Charaktere doch mit einer entschiedenen Anlage für Satire und Ironie gezeichnet und angelegt. Der alte Magister Bunker, der Vorbläser des modernen Poetasters, Doktor Zündler, Palvi, der Buchhändler Kaper sind treffliche, aus den reichen Springquellen des Lebens geschöpfte und mit tiefer Beobachtung ausgestattete Figuren, und unter den Situationen ist das kritische Hahnengefecht im Weinkeller und die Enthüllung des poetischen Revenants Zündler voll echten Humors und wahrer Laune. Im Ganzen der Erzählung ist jedoch eine unangenehme Verwirrung und nutzlose Anhäufung wenig oder nichts bedeutender Episoden und Zwischenszenen störend, und die Mustererzählung Herrn Huons, eben jene ‚Ritter von Marienburg‘, ist wesentlich schwach und ohnmächtig. Doch, reinen Mund, mein Bester; der Verfasser schwingt die Bocksgeißel mit gefährlicher Geschicklichkeit; darum reinen Mund, ich bitte Sie!“

Über dieselbe Novelle läßt sich Th. Hell (im „Wegweiser“ Nr. 87 zur „Abendzeitung“ vom 31. Okt. 1827) wie folgt vernehmen: „Wilhelm Hauff hat in seiner Novelle ‚Die letzten Ritter von Marienburg‘ auf eine ausgezeichnet geistreiche Art seinen Stoff eingekleidet, und in der Zeichnung der Charaktere Palvis wie des Magisters sehr schätzbare Menschenbeobachtung gezeigt. Karikatur scheint uns dagegen Doktor Zündler an sich zu tragen, so wie es überhaupt der Beschreibung des Freitagskreises und dessen Treiben an innerer Wahrheit fehlen dürfte. Daß sich die edle Elise durch eine bloß hingeworfene Äußerung ihres Kammermädchens zu solcher Härte gegen den gleich edlen Palvi verleiten läßt, liegt wohl auch nicht in deren Charakter.“

Außerdem hat Hauff selbst noch dieser Novelle eine Kritik gewidmet bei Gelegenheit der Besprechung mehrerer Taschenbücher im „Literaturblatt“ (Nr. 92 vom 16. Nov. 1827) zum „Morgenblatte“. Diese [278] Arbeit mit ihrer Fortsetzung in Nr. 94 des „Literaturblattes“ war übrigens, wie die Redaktion desselben unter dem zweiten Artikel bemerkt, die letzte, durch seinen Tod unterbrochene, die Hauff überhaupt geschrieben hat. Er sagt darin über „Die letzten Ritter von Marienburg“ mit einem Anschein von Selbstbespöttelung oder von strenger Objektivität, die den Verfasser nicht erkennen lassen will: „Auch wieder einmal eine Novelle, doch Gottlob keine historische, wie wir beim ersten Anblick geargwohnt hatten; lieber wäre es uns gewesen, wenn Herr Hauff seinen Stoff, wie es im ersten Kapitel geschieht, durchaus zu einer Satire der historischen Romane, nicht aber zu einer ziemlich unnötigen Belobung derselben benützt hätte.

… Die letzten Partien der Novelle sind abgerissener und eilender als die ersten, und verfehlen dadurch den Charakter der besonnenen Ruhe und Rundung, den die Novelle haben soll. Herr Hauff scheint sich zwar diesmal in Hinsicht auf Sprache und Anordnung mehr Mühe gegeben zu haben als im vorjährigen Frauentaschenbuch; aber auch hier sind die Figuren nur skizziert, flüchtig angedeutet und gelangen somit nicht zu echterm, farbigem Leben. Das Motiv, aus welchem Fräulein Elise den Dichter Palvi aufgibt, ist, wenn ein natürliches, doch jedenfalls kein poetisches.“

Endlich sei zum Schluß noch eine kurze, aber sehr anerkennende, treffende Beurteilung der gesamten drei Novellenbände Hauffs angeführt („Literaturblatt“ Nr. 40 vom 19. Mai 1829): „… Lebhafte Darstellung und blühende Sprache sind ihr Vorzug vor unzähligen Erzeugnissen dieser Art in der neuesten Zeit, und somit werden sie billig auch fernerhin noch unter die gelesensten gerechnet werden. – Dem aufmerksamen Beobachter der Hauffschen Novellen wird die sukzessive Lesung derselben ein schönes Zeugnis von den schnellen Fortschritten der frühe verblüehten Muse geben. Es ist merkwürdig, wie in kurzer Zeit sich die fließende Sprache zur gewandten und geschmackvollen Darstellung, die Erzählung der Situationen und Ereignisse des äußeren Lebens zur Charakteristik der inneren Welt hervorgearbeitet und seine Dichtungen mehr und mehr gewonnen haben. Zu den willkommensten Produktionen Hauffs gehören unstreitig die beiden Novellen des letzten Bandes: ‚Die Ritter von Marienburg‘ und ‚Das Bild des Kaisers‘.“


  1. Vgl. Band 3, S. 263 ff. dieser Ausgabe.
  2. Veröffentlicht von A. B. (d. i. wohl Adolf Böttiger) in einem „Wilhelm Müller und Wilhelm Hauff“ überschriebenen Artikel des „Morgenblattes“ Nr. 292 und 293 vom 6. und 7. Dezember 1827.
  3. Vgl. das vorher, S. 271, Gesagte.

Inhaltsübersicht

Novellen aus Band III Band IV

Editionsrichtlinien

Die für dieses Werk maßgeblichen Richtlinien befinden sich auf der Seite W. Hauffs Werke.