Oxford und Cambridge auf der Themse

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Autor: Dr. Karl Damian
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Titel: Oxford und Cambridge auf der Themse
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 16, S. 262, 264, 265
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[262]
Oxford und Cambridge auf der Themse.


Von Dr. Karl Damian.


„Oxford oder Cambridge! dunkelblau oder hellblau!“ dies waren die Gegensätze, die in den verwichenen drei Wochen die britische Hauptstadt in zwei gewaltige Heerlager spalteten. Die Wettruderfahrt der beiden großen Landesuniversitäten war auf Sonnabend den 28. März anberaumt; die betreffenden Auserkorenen rüsteten sich zu dem Turnier in täglichen Uebungsfahrten auf der Themse; die fashionable Welt setzte ihre Spazierritte nach Rotten-Row eine Weile aus, um zwischen Putney und Mortlake zu Wagen und zu Pferde dem Spiele zuzuschauen und die Chancen beider gegeneinander abzuwägen, und das ganze übrige London verfolgte tagtäglich mit verhaltenem Athem die Berichte der Tagespresse, welche alle Bewegungen der Preisruderer mit Argusaugen überwachte und mit der Genauigkeit und Langweiligkeit eines mittelalterlichen Chronisten zu Papier brachte.

Der Engländer gewöhnlichen Schlags ist von Natur ein mundfauler Geselle. Zwar ist jene Species, welche auf dem Continente vor dreißig Jahren unter der Bezeichnung der „zahmen Engländer“ gang und gebe war, die in gelben Nanking-Unaussprechlichen und carrirtem Shawl steckte und deren Unterhaltung hauptsächlich aus den drei Worten „Yes“, „No“ und „Indeed“ bestand – diese Species ist längst ausgestorben. Aber der Ideenkreis John Bull’s von heute ist nach wie vor beschränkt, und wenn wir nach den Hauptinteressen fragen, die den geborenen Londoner nach Untergang der Hahnenkämpfe und Preisboxer in größere Aufregung versetzen, so ist es besagte Wettruderei, das große Derby-Rennen, irgend ein Cricketspiel und im Herbste die Frage, ob Ramsgate oder Margate der dem Beutel und dem Stande angemessenste Ausfluchtsort sei; für die [264] letzten sieben Jahre könnte man mit vollem Rechte noch den dicken Tichborne hinzusetzen. Diese Ereignisse aber, so gering auch ihre Zahl, werden mit lobenswerthem Eifer discutirt; zumal hat die Universitätsbootfahrt sich in den letzten Jahren zu einer stetig wachsenden Popularität emporgeschwungen und sogar eine gesellschaftliche Krankheit erzeugt. Sie heißt „das blaue Fieber“.

„Hellblau oder dunkelblau?“ fragt Dich der Freund auf der Straße beim Händeschütteln.

„Wie können Sie für das häßliche Dunkelblau sein?“ schmollt die semmelblonde Miß, der das lichte Blau vortrefflich zu Gesichte steht.

Und diese Bläue schleicht sich in alle Verhältnisse des Londoner Lebens hinein. Blaue Cravatten und Orden bei den Herren, blaue Pantoffel, Haarnetze und Mieder bei den Damen bezeichnen den Beginn der Blausucht; während aber Jene gewöhnlich es bei diesen beiden Symptomen bewähren lassen, nimmt beim weiblichen Geschlechte die Manie immer mehr zu, je näher die Fahrt herankommt, bis endlich der Tag der Entscheidung sie von oben bis unten in einer einzigen blauen Umhüllung erblickt. Sogar die weiße Wäsche hat sich in Folge intensiverer Stärkung zu Ehren des Festes etwas verblaut, und Diejenige, der die Natur die „blauen Veilchen der Aeugelein“ verliehen, ist sicher, die Bewunderer auf ihrer Seite zu haben. Der Liebesgott aber ärgert sich, da die Liebesseufzer in dieser blautollen Zeit auf blauem und nicht auf rosenrothem Papiere niedergeschrieben werden; und wer sich sonst noch über die bis zur Seekrankheit wiederkehrende Farbe ärgert, der möchte mit Heine singen:

„Sie haben mich gequälet,
Geärgert blau und blaß!“

Und der Wettergott selbst nahm an der Verschwörung Theil, indem er das schönste Himmelszelt, das die rauchige Metropole seit October geschaut, über der Themse ausspannte.

Wie viele neugierige Augen am 28. März von den beiden Themseufern und den Flußbrücken auf die zwei Kähne hinschauten, ich weiß es nicht. Nach meiner nicht hochgreifenden Berechnung waren es wenigstens so viele, wie Xerxes bei seinem Einfalle in Griechenland über den Hellespont führte. Wenn sich der große Riese, London genannt, einmal zu einem Feiertagsausfluge reckt und streckt, so darf man nur nach Hunderttausenden rechnen. Die ganze Strecke zwischen Putney und Mortlake, dem Anfangs- und Ausgangspunkte der Wettfahrt, bot den Anblick eines gefüllten Amphitheaters dar, dessen höchste Sitze die Häuser im Hintergrunde und eine Wagenburg bildeten; die mittleren Sitze, der Landstrich zwischen den Wagen und dem Flusse, wird von Schaulustigen zu Fuße eingenommen, und das Parterre bildete die Themse selbst, die von einer Einfassung von Kähnen, Nachen, Barken, Canoes, Gondeln und wie die vielen Fahrzeuge der ruderlustigen Engländer auch heißen mögen, hüben und drüben bedeckt war. Die verschiedenen Brücken über dem Fluß sahen aus, als hätte sich ein schwarzer Ameisenhaufen auf ihnen niedergelassen, so starrte Kopf an Kopf; Alles drängte, stieß, schrie und schimpfte. Am vortheilhaftesten und bequemsten – wenn man nicht zufällig einen Platz auf den vier die Wettruderer begleitenden Dampfern erhielt – gestaltete sich die Aussicht auf der Eisenbahnbrücke von Barnes, wo der Zug von Waterloo-Station die Passagiere gegen die Summe von fünfzehn Schilling, gleich fünf Thalern, absetzte, um sie nach Verlauf von anderthalb Stunden wieder abzuholen.

Emsig fuhren in der freigelassenen Fahrgasse die Boote der Themsepolizei hin und her, um die Ordnung aufrecht zu erhalten. Die Roughs und Rowdies der Londoner Straßencrawalle, für die der Ausdruck Pöbel eine zu schmeichelhafte Bezeichnung wäre, zeigten sich auch unter den Insassen der Gondeln vertreten, und trotz Zuruf und Zurede wagten sich allenthalben freche Subjecte aus der Fahrlinie hinaus, bespritzten durch malitiöse Ruderschläge die damenbesetzten Kähne mit Ladungen von Themsewasser und suchten dann, von der Polizei verfolgt, schleunigst das Weite. Am Ufer entlang erscholl Gesang und Musik; Drehorgeln und Ziehharmonikas spielten den Verschwörungschor und den Walzer aus Lecocq’s „Fille de Madame Angot“; schwarze Minstrels sangen Negerlieder und Gassentroubadours gaben komische Gesänge, die letzten Producte der hauptstädtischen Musenhallen, zum Besten; selbst die komische Muse war durch das Puppentheater von Punch und Judy repräsentirt.

In dem Gewühle entdeckte ich auch meinen alten Bekannten, einen bejahrten Hornbläser, der einsam und allein an den Straßenecken der Hauptstadt melancholische Weisen lustig und lustige Weisen melancholisch vorzutragen pflegt. Er gehört zu jener Classe, die Dickens „schäbig-nobel“ nennt, weil sie den Bettlermantel mit dem Anstande eines Königs tragen und unter ihren Lumpen immer noch der Gentleman hervorschaut. Der Meinige hat unzweifelhaft bessere Tage gesehen, liebt es, seinen Worten lateinische Brocken, die Reminiscenzen einer höheren Schulbildung, beizumischen, und läßt die ihm angebotenen Geldstücke wie etwas Nebensächliches, ohne zu danken, in die Taschen seines weiten Havelocks verschwinden. Er hatte eben das Lied vom Prinzen von Wales beendet und putzte das Mundstück seines riesigen Horns ab, als ich ihm auf die Schulter klopfte.

„Quid agis, dulcissima rerum?“ (Was machst Du, mein gutes Ding?) redete ich ihn an; „Wie steht’s, old boy? Wie geht’s mit dem Geschäfte?“

„Ich meinerseits wünschte, es wäre alle Tage Wettfahrt!“ antwortete er und wies auf seine mit Kupfer gefüllte Tasche. „Quaerenda pecunia primum,“ fügte er, sich wegen seiner ungewöhnlichen Geldgier entschuldigend, hinzu; „zuerst Geld! Denn ohne Geld plebs eris, bleibt man ein Lump. Ich fürchte nur, ich werde zeitlebens ein Lump bleiben! Sie haben doch nicht etwa auf Oxford gewettet?“

Ich hatte ein Veilchen im Knopfloch.

„Jawohl,“ entgegnete ich.

„Sie könnten ebensogut beim Derby-Rennen auf eine lahme Stute wetten. Oxford ist verloren. Ich machte vorigen Montag eine Kunstreise“ – er blickte lächelnd auf sein riesiges Instrument – „nach Putney und sah die Dunkelblauen rudern. Mehercle, eine geflicktere Lehrlingsbande habe ich selten am Riemen ziehen sehen. Ihr Stroke (der zunächst beim Steuermann sitzende, nach dessen Ruderschlag sich die Andern richten sollen) war erträglich, aber die übrigen Gründlinge arbeiteten jeder auf eigene Rechnung und das Boot flog bei glattem Wasserspiegel wie auf einer Schaukel auf und nieder. Und dazu haben sie ein weit besseres Fahrzeug, während die Cantabs das ihrige schon dreimal in diesem Jahre gewechselt und noch kein gutes haben. Ich rathe Ihnen, wetten Sie noch schnell den gleichen Betrag auf Cambridge.“ Und damit steckte er das Horn wieder an den Mund und blies das Frühlingslied aus ‚Babil and Bijou‘.

Der Alte hatte mit seinem Urtheile über die dunkelblaue Universität Recht. Die Oxforder waren ihren Gegnern an Körpergewicht und physischer Kraft unterlegen, waren durch einige neuerdings im Personal erfolgte Veränderungen nicht an einander gewöhnt, und da sie eine Woche später auf der Themse zu den Probefahrten erschienen, besaßen sie die so unentbehrliche Kenntniß des Terrains weit weniger gründlich als die Cambridger. Die öffentliche Meinung erklärte sich daher auch bald gegen sie, und wer auf ihre trügerische Karte eine Wette einging, galt wenigstens für einen sonderbaren Menschen. Trotzdem stand ich bei Oxford, obgleich ich nicht zu der letzteren Kategorie gehörte. Einmal, weil ich für diese Hochschule eine besondere Verehrung habe, weil unser Landsmann, Max Müller, dort docirt und – Nein, seien wir aufrichtig. Ein kleiner, hübscher englischer Backfisch mit hellblauen Augen saß mir bei Tische gegenüber und bot schalkhaft Wetten für Cambridge aus, und da ich an den Händchen des hübschen Mädchens gerne ein Paar Glacés, von meinem Gelde gekauft, sehen möchte, so nahm ich die Wette um ein Paar echter „French Kid-gloves“ an, unter der Bedingung, sie ihr selbst anziehen zu dürfen.

„Um so besser!“ lachte sie; „nichts widerlicher als das erste Hineinkriechen!“

Spaßvögel am Ufer hatten sich unterdeß mehrere Male den Spaß erlaubt, falschen Alarm zu machen, als seien die Preisruderer schon in Sicht. Aller Hälse reckten sich, die Gegenstände des Neides für die männlichen und der maßlosen Bewunderung für die weiblichen Beschauer zu Gesichte zu bekommen. „Arme Kerle!“ dachte ich bei mir, „ich beneide euch nicht.“ Monatelang sich einer anstrengenden und langweiligen Dressur auszusetzen, eine bis in’s Einzelnste vorgeschriebene Diät zu befolgen, sich des Weins und des Tabaks zu enthalten, geistige Arbeiten nach Kräften einzuschränken und sich zu einem modernen Gladiator auszubilden, blos um der unterhaltungsbedürftigen Hauptstadt [265] für eine Weile als Gesprächsstoff zu dienen und von einer Million neugieriger Augen eine Weile auf dem Flusse angeglotzt zu werden. Und das Schlimmste kommt hinten nach: chronisches Herzklopfen, Herzfehler aller Art, nervöse Zufälle, das sind die Folge der unnatürlichen Ueberanstrengung der körperlichen Organe, und Viele wandeln im Mannesalter als entnervte Greise einher, die in der Jugend den Preis des Athletenthums errangen. An warnenden Stimmen hat es wahrlich nicht gefehlt. Statistische Untersuchungen haben dargethan, wie gering der Procentsatz ist, der von den Preis-Rennern, -Boxern und -Ruderern ein hohes Alter erreicht.

Plötzlich kam Bewegung in die Masse, und – da waren sie. Ein Freudengeheul von tausend und aber tausend Stimmen, das sich am Flusse wie eine brandende Meereswelle fortpflanzte, kündigte die Ersehnten an, und bald kamen sie an der Flußbiegung heraus, zwei lange Boote mit je neun Insassen, sich dem Blicke stetig vergrößernd und pfeilschnell vorwärtseilend. Die Menge bewegte sich wie ein Aehrenfeld unter dem Hauche des Westwindes; Taschentücher flatterten, Hüte wurden geschwenkt, und als die Ruderer an uns vorbeischossen – „O weh, die Handschuhe!“ dachte ich – die blaubeflaggten Oxforder waren um eine halbe Bootslänge voraus.

„Oxford! Oxford! Gut gerudert, Oxford! Du gewinnst, Oxford!“ tönte es um mich her, tönte es von den Wagen, tönte es vom Flusse, wälzte es sich am Ufer lawinenartig fort.

So hatte ich denn trotz der Voraussagung des Hornbläsers aller Wahrscheinlichkeit nach gewonnen, und trübselig überlegte ich in meinem Herzen, was angenehmer sei, Handschuhe einer hübschen fremden Hand anzuziehen, oder von hübscher Hand behandschuht zu werden, als ein Themseferge neben mir mich aus meiner Ungewißheit erlöste.

„Wenn Oxford gewinnt, so werd’ ich Lord Mayor im nächsten Jahre. Sie haben jetzt die günstige Flußseite; in Kurzem wird sich das ändern; überdies sind sie schon vollständig ermüdet, und ehe sie Barnes-Bridge erreichen, ist’s aus mit ihnen. Ich würde keinen Heller auf sie wetten. Sie, Herr?“

Die Boote waren bald dem Auge entschwunden, und nicht lange mehr konnte das Resultat verborgen bleiben. Die ganze Fahrt beträgt gewöhnlich nur zwanzig Minuten – die diesjährige nahm des widrigen Windes wegen zweiundzwanzig in Anspruch – und erstreckt sich über einen vier und ein Viertel englische Meilen langen Schauplatz. Von Putney nimmt sie ihren Ausgang. Dort hatten sich am Morgen um elf Uhr die Wettruderer, zum Kampfe bereit, eingefunden; in ihrer Nähe hielten zwei Dampfer mit Vertretern von Oxford und Cambridge, der Preßdampfer und der des Schiedsrichters mit dem Prinzen von Wales und dem Herzoge von Edinburgh an Bord.

Als die Zeit der Abfahrt nahe war, entledigten sich die achtzehn Kämpfer ihrer Hüte und Jacken, die an Bord des Schiedsrichterdampfers gebracht wurden, und setzten sich in Positur. Elf Uhr fünfzehn Minuten ward die übliche Frage gestellt: „Seid Ihr Alle bereit, Gentlemen?“ und als sie bejaht wurde, erfolgte das Losungswort „Vorwärts!“ und sofort ließen die Männer, welche die beiden Boote von festgeankerten Schaluppen aus am Steuerknopfe festhielten, die Hände los, und die Jagd war eröffnet. Cambridge begann mit vierzig Ruderschlägen in der Minute, während Oxford, ganz im Gegensatze zu seiner im vorigen Jahre beobachteten Politik, sich auf sechsunddreißig beschränkte. Es dauerte nicht lange, so waren die Hellblauen an der Spitze, und bei Rose Bank hatten sie schon drei Viertel Länge voraus. Vor Hammersmith aber ermannten die Oxforder sich und holten den Verzug theilweise ein; beim Durchfahren unter der dortigen Brücke waren die Schiffsschnäbel wieder gleich, wie beim Anfange der Fahrt; bald sah man beim Bathing Place, daß die Dunkeln ihre Gegner um eine volle halbe Bootslänge hinter sich gelassen. Die Schuld lag weniger an einer neuen Kraftanstrengung der Einen oder Ermattung der Anderen, sondern an dem Winde, der hier mit großer Kraft einfiel, das Wasser rauh und stürmisch machte und dadurch dem Cambridger Boote unverhoffte Schwierigkeiten in den Weg legte, während das vortrefflich gebaute Boot der Gegner mit graciöser Leichtigkeit durch die Wellen schnitt. Dieser Triumph der Dunkelblauen fand überall die größte Sympathie, besonders bei dem Volke an den Ufern, das sich gern auf Seite der fünfmal nacheinander Besiegten stellte. Auch auf den Dampfern, welche die Wettboote in nächster Nähe begleiteten, herrschte freudige Aufregung; nur auf dem Dampfer, der die Cambridger Studenten und bemoosten Häupter trug, so wie bei Allen, die hohe Wetten auf die Hochschule an dem Cam gemacht, wogen bange Besorgnisse vor. Aber nur für kurze Zeit. Der plötzliche Vorstoß Oxfords war das letzte Aufflackern einer in regellosen Anstrengungen verzettelten Kraft.

Als die Boote die Brücke von Barnes passirt hatten, flogen sofort mehrere Brieftauben in die Luft, um der Hauptstadt zu verkünden, daß die Oxforder eine halbe Länge zurück und desorganisirt seien und Cambridge ohne Zweifel siegen werde. Und so ging’s in Erfüllung. Die Entfernung zwischen den beiden Kielen vergrößerte sich mit jeder Secunde, und als sie am Ziele anlangten, hatte Cambridge mit drei vollen Bootlängen den Preis, das blaue Band der Themse – das sechste Mal nacheinander –, gewonnen.

Nachdem die beiden Mannschaften wieder nach Putney zurückgerudert und ihre Rudercostüme mit einem fashionablen Anzuge vertauscht, begaben sie sich, nicht wie bisher zum Bankett des Lord Mayor, mit dem die Oxforder sich überworfen, sondern in das „Criterion“, die neueste Schöpfung der Allerweltsgastwirthe Spiers und Ponds, ein Conglomerat von Bierhaus, Café, Musikhalle, Theater und Speisehaus, in Piccadilly, tranken dort bei einem fröhlichen Diner ihre gegenseitige Gesundheit, und hielten die in England unerläßlichen, nie endenden Nachtischreden, bei denen Jeder im Besonderen als der Superlativ irgend einer Tugend hingestellt wurde.

Nicht minder lustig ging’s unterdessen in den türkischen und griechischen Cafés des Haymarket zu, zumal nach Mitternacht, als Alhambra, Argyll-Rooms und die übrigen Ressorts der weiblichen Demi-Monde ihre Gäste vor die Thür gesetzt. Die Blauseuche grassirte hier in souveräner Stärke und zwar entschieden in der helleren Nüancirung. Wehe dem dunkelblau Decorirten, der in diese Forts der Universität Cambridge einzutreten wagte! „An die Luft mit ihm! Hinaus!“ erscholl’s von allen Seiten, und als der Wirth sich auf die Seite des Armen stellte, wurden Kaffeetassen, Gläser und Spiegel zertrümmert, Tische umgeworfen und ein wahres Indianergeheul ausgestoßen, bis die Polizisten des Districts in Reih und Glied aufzogen und den Platz säuberten.

Ich aber zog am andern Tag dem kleinen Backfische die Handschuhe Nr. 5¾ an, eine Procedur, bei der ich mich nicht im Geringsten beeilte.