Pariser Bilder und Geschichten/Das Proletariat

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Autor: unbekannt
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Titel: Das Proletariat
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aus: Die Gartenlaube, Heft 24, S. 280–282
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Über das Proletariat in Frankreich
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Pariser Bilder und Geschichten.
Das Proletariat.
Die Stadt der Proletarier. - Minister Persigny. - Das Elend des Proletarierthums. – Die Geschichte eines jungen Mädchens. – Der Pariser Arbeiter. – Verhältniß zwischen Arbeitgeber und Arbeiter. – Die alten Arbeiter und ihr Ansehen.

Paris ist so recht eigentlich die Stadt der Proletarier, es ist der Mehrzahl nach von Leuten bewohnt, die nichts haben, als ihre brennenden Wünsche zu besitzen und zu genießen, ihre Projekte, ihren Ehrgeiz, ihre Fähigkeit und – ihre Illusionen. Paris ist eine heiße gefährliche Arena, in die sich Tausende und aber Tausende von Wettkämpfern stürzen, um den Preis zu gewinnen. Wie Wenige werden gekrönt, wie Viele unterliegen der Mühseligkeit des Kampfes, und über die zu Boden Gestreckten brausen erbarmungslos die Sieger, die andern Kämpfer.

In Paris fängt das Proletariat in den Dachstuben an und hört in den glänzendsten Salons nicht auf. In allen Höhen und in allen Tiefen dieser ewig bewegten Gesellschaft dieselbe Unzufriedenheit, dieselbe Unruhe, dieselbe fieberhafte Gier nach einer bequemen gesicherten Lage, derselbe Durst nach Geld, dem Götzen, der mächtiger ist als Jugend und Schönheit, Verdienst und Talent, da er sie hier doch alle entthront, die ursprünglichen Gottheiten der schönen Erde. Das erste Lallen des Kindes, das letzte Stöhnen des Greises ist: Geld!

Den eigenthümlichen Charakter, seine kochende Leidenschaft und fieberhafte Kraftanstrengung, das Wirbelhafte des Lebens, die heftigen Reibungen und Anstöße der arbeitenden Elemente erhält Paris schon aus der Art und Weise, wie es sich bevölkert und durch die Natur des Franzosen, der heißblütig, von lebhafter Phantasie, zu heftigen Anläufen geschaffen, der Ausdauer ermangelt und nie erreicht, was er nicht rasch gewinnt, den ein stilles genügsames Leben so sehr langweilt, daß er den Sturz in die Brandung, den Kampf mit dem Strom und Wellen, der ruhigen Ansiedelung am Ufer vorzieht.

Paris bevölkert sich nur sehr wenig durch sich selbst, sondern zieht zum größten Theil aus den Provinzen seine Einwohner. Und es übt wahrhaftig nicht auf die bescheidensten geordnetsten Naturen seine größte Anziehungskraft.

Das Mädchen, welchem seine häuslichen Verhältnisse drückend oder ungenügend erscheinen, das beeinträchtigt, oder im Zaume gehalten wird, das Unrecht oder billige Zurückhaltung ungeziemender Neigungen erfährt, glaubt sich zu retten oder zu befreien, indem sie dem glänzenden Traume folgt, den sie von Kindheit an geträumt: sie eilt nach Paris; die Arme folgt mit Wahnsinnsschauern diesem dunkeln Verhängniß, das[WS 1] sie zurückschreckt, aber doch noch mächtiger anzieht. Nun kann sie ungescheut all ihren Trieben folgen. Ueberall offene Wege; an welches Ziel wird sie gelangen, nachdem sie mit dem Kreis gebrochen, der sie beschränkt, aber auch geborgen?

Eine Andere sieht sich in ihrem Dorfe oder Städtchen von der Gesellschaft nicht ohne Grund zurückgestoßen; sie geht nach Paris, wo sie für den Verlust der ehrbaren Gesellschaft sich durch eine andere, die sich gewiß nicht weigert, sie aufzunehmen, entschädigt.

Ein ungerathener Sohn in der Provinz, der der strengen Zucht seines Vaters und der Arbeit entrinnen will und der sich Genie genug zutraut, um in der großen Welt sein Glück zu machen, jagt mit Dampfesschnelle nach Paris.

Der Spekulant, der hoch hinaus will und die Beschränktheit der Mittel auf dem Lande als ein Hemmniß seiner Laufbahn betrachtet, eilt nach Paris, dem Mittelpunkte der Unternehmungen.

Wer moralisch oder materiell, schuldig oder unschuldig, so tief herabgekommen, daß er in seiner Umgebung auf keine hülfreiche Hand, weder auf Theilnahme noch auf Vertrauen für sein Leben mehr zählen kann, der setzt Alles auf die letzte Karte; er geht nach Paris, um entweder emporzukommen oder in der Seine zu enden.

Jeder der verdient oder unverdient in Verruf gekommen, der entweder mit sich oder mit der Gesellschaft oder mit beiden zu grollen Ursache hat, der entweder Unrecht gethan oder erlitten; wer nur immer aus den Geleisen des gewöhnlichen Lebens durch sein eigenes Wesen oder durch ein Geschick hinausgezogen wird, was die kleineren Gemeinschaften der Provinz nicht dulden oder nicht verzeihen, der sucht sich in Paris weitere Kreise und freieren Athem.

Der Denker, der Forscher, der Träumer, der Künstler, Jeder, der einen großen Gedanken oder eine große Leidenschaft, eine große Fähigkeit oder einen großen Charakter an sich trägt, für die es nicht Raum genug giebt in der engen Welt der Provinz, die Thier’s, die Lafitte’s, die Hugo’s, die Lamennai’s, die Arago’s, die ziehen nach Paris, um ihr Kapital zu finden, Ehren, Ruhm und Einfluß zu gewinnen.

So rekrutirt sich das Proletariat und so aus diesem wieder die Welt von Einfluß und Gewicht.

Der Minister Persigny, um nicht noch höher emporzusteigen, hat vor wenigen Jahren bei Herrn Havas in der Straße Jean Jacques Rousseau für 100 Franken monatlich lithographirte Berichte abgeschrieben, glücklich auf diese Weise sein Leben zu fristen. Heute sind sein Gehalt und seine Ansprüche um ein Bedeutendes gesteigert. Der ehemalige Proletarier hilft nun das Schicksal Frankreichs lenken.

Das Elend des Proletarierthums hat seine Abstufungen. Eins jedoch ist gewiß, daß keine Entbehrung mächtig genug ist, der Anziehung der Hauptstadt an der Seine das Gleichgewicht zu halten.

Ich kannte ein junges Mädchen, das aus Sens gebürtig, nach Paris gekommen war, um sich da durch Arbeit zu ernähren; sie hatte ihr väterliches Haus verlassen, weil sie einen Heirathsantrag zurückgewiesen, zu dessen Annahme man sie durch Hinweisung auf eine reichliche Versorgung veranlassen gewollt. Ihr Vater hatte ihr die ernste Vorstellung gemacht, daß sie mehrere jüngere Geschwister habe und seine Verhältnisse nicht günstig genug seien, um ohne drückende Beschwerde den Unterhalt der Seinigen zu bestreiten: daß sie also kein Recht habe, ein Glück von sich zu weisen, das nicht nur ihr selbst, sondern der ganzen Familie zu Gute käme. „Wenn es sich blos um die Last handelt, welche ich Ihnen auflege, von der kann ich Sie befreien, ohne daß ich mich zu einer Verbindung hergebe, die meinem Geschmack und meinem Herzen widerstrebt. Ich habe die nöthige Geschicklichkeit und den nöthigen Muth zur Arbeit. Ich werde mich so gut wie jede Andere selbst erhalten. In den nächsten Tagen gehe ich nach Paris, da werde ich mein Glück schon machen;“ so antwortete das [281] Mädchen. Ihre Aeltern, welche sie im Grunde lieb hatten, boten zwar Alles auf, sie von ihrem Vorsatze abzubringen, allein das Mädchen blieb unerschütterlich.

Kaum 18 Jahre alt, kam sie ganz allein nach Paris; sie miethete anfangs ein leidliches Zimmer und da sie hinlängliche Fertigkeit im Nähen besaß, suchte sie dieselbe zu verwerthen. Es gelang ihr, nach kurzem Aufenthalt, hinlänglich Aufträge und Beschäftigung zu erhalten. Da sie aber durch zwölf Stunden anstrengender Arbeit nicht mehr denn 11/2 Franken täglich gewann, mußte sie ihre halbwegs bequeme Wohnung aufgeben, die zwanzig Franken monatlich kostete, weil sonst die Einnahme für den nothwendigsten Bedarf nicht reichte. Das Mädchen miethete ein Dachstübchen von so kläglicher Konstruktion, daß sie in demselben nicht aufrecht stehen konnte, nicht zu reden von dem kargen Licht, das nicht geeignet war, ihr die Arbeit zu erleichtern, von der erstickenden Hitze im Sommer, von der erstarrenden Kälte im Winter. Obgleich an ein angenehmes, leichtes Leben von Haus aus gewöhnt, unterzog sich das arme Geschöpf den furchtbaren Beschwerden mit einer Geduld, mit einer Entschiedenheit, die gewiß Bewunderung verdienen. Die Blüthe der Jugend verblaßte auf ihren Wangen. Die schlechte, spärliche Nahrung, die Arbeit und die dumpfe Luft der engen Stube wirkten nachtheilig auf ihre Gesundheit; sie litt ab und zu an einem Augenübel, dessen Grund ebenfalls in dieser Lebensweise zu suchen war; allein das Mädchen ließ sich nicht entmuthigen; sie dauerte aus, wie eine echte Heldin, ohne Klage, ohne Prahlerei, und in den Briefen an ihre Aeltern, welche sie mir zeigte, las ich die Versicherung ausgesprochen, daß sie sich ganz wohl befinde.

Wenn ich ihr sagte: „Aber, Fräulein Julie, wäre es denn nicht besser, sie wären ganz offen mit ihren Aeltern, geständen ein, in welcher Lage sie sich befinden, und trachteten, wieder heimzukommen an den väterlichen Herd, wo es für Sie am besten ist, wo Sie Ihre leidende Gesundheit wieder herstellen und das behagliche Leben wie ehemals fortführen könnten?“

Antwortete sie mir: „Was fällt Ihnen ein. Wenn man sich ein Schicksal wählt, muß man es auch ertragen können; ich habe eine Versorgung ausgeschlagen; ich muß meinem Vater beweisen, daß ich dazu ein Recht gehabt. Ich strecke nicht so leicht wie Sie meine Waffen. Ich habe so gut meinen Stolz, wie ein Anderer.“

So war Julie und in der That war der Stolz in ihrer verzweifelten Lage ihr guter Engel; ihr Stolz stand wie ein Wächter vor ihrer Seele und ihrem Herzen und wehrte jedem schlimmen Gedanken, sogar jedem bittern Gefühle den Eingang. Sie war fast immer heiter bis zur Lustigkeit; und wenn sie ein kleines Vergnügen sich zu verschaffen Gelegenheit hatte, genoß sie es so ganz und mit solcher Hingebung, als gäbe es für sie keine Sorge in der Welt.

Mir aber beengte es die Brust, wenn ich dieses Opfer der selbstgeschaffenen Marter sah.

Und nach langer Bemühung gelang es mir, eine Stelle für dieses würdige unglückliche Geschöpf bei einer anständigen, wohlhabenden Familie zu Amiens zu finden.

Mit welcher freudigen Eile hinterbrachte ich der Arbeiterin die frohe Botschaft.

Sie aber frug mich gedehnt, indem sie kaum von der Arbeit aufblickte: „Wo ist, sagen Sie, der Wohnort dieser Familie?“

„Zu Amiens,“ antwortete ich.

„Wo liegt das?“ frug sie weiter.

„In der Picardie.“

„Wie weit von Paris?“

„Kaum eine halbe Tagereise per Eisenbahn.“

„Es thut mir leid.“

„Was liegt daran, ob Sie etwas weiter oder weniger weit von Paris entfernt leben, wenn Sie nur gut aufgehoben und gut gestellt sind.“

„Sie haben vollkommen recht, etwas näher oder weiter, das bleibt sich gleich.“

„Ich habe mir, offen gestanden, die Aufnahme meiner Nachricht lebhafter gedacht!“

„Verzeihen Sie; ich bin Ihnen wirklich von Herzen dankbar für Ihre freundliche Absicht und Bemühung, allein ich mag Paris nicht verlassen.“

Ich blickte erstaunt auf. Das unglückliche Geschöpf, wie es vor mir saß, über die Arbeit tief herabgebogen, die Augen geröthet, blaß mit eingefallenen Wangen, die magern Hände in unablässiger Thätigkeit, dem unsäglichen Elend verfallen und von noch größerem bedroht; ich traute meinen Ohren kaum, als ich sie einen Antrag zurückweisen hörte, der ihr Erlösung von so viel Kümmernissen und Beschwerlichkeiten versprach.

„Aber um des Himmels Willen“ rief ich, „was haben Sie denn unter solchen Verhältnissen von Paris?“

„Das weiß ich selbst nicht so recht. – Paris“ – antwortete sie ganz ruhig.

„Fühlen Sie es denn nicht, daß Sie Ihre Gesundheit aufreiben?“

„Wenn ich nicht lange zu leben habe, so ist das ein Grund mehr hier zu bleiben. Ich will wenigstens noch die kurze Zeit genießen.“

„Genießen!“ wiederholte ich mit einer seltsamen Betonung, indem ich das Mädchen mitleidig anblickte.

„Wie ich Ihnen sage, das verwundert Sie, weil Sie noch nicht nachgedacht haben, wie viel Annehmlickkeiten man in Paris findet, die Einem entgegenkommen, ohne daß man sich um sie zu bemühen braucht.“

„Welche sind diese?“

„Rechnen Sie für nichts, was man Alles sieht, wenn man ausgeht um Arbeit zu holen oder wegzutragen. Die schönen Häuser, die Boulevards, die geputzten Menschen und reichen Auslagen. Und dann, wie fein und höflich hier Einem ein Jeder entgegenkommt, wo Sie was kaufen oder Arbeit liefern, und wie sich doch Niemand um Sie und um ihre Verhältnisse kümmert, und wie Sie mit Ihrer Armuth eben so gut, wie mit Ihrem Wohlstand nach Ihrem Belieben leben können, ohne daß Sie sich zu schämen brauchen oder deshalb Geringschätzung erfahren. Das ist Alles mehr werth als ein gutes Auskommen. Und das hat man hier auch mehr Gelegenheit als anderswo zu finden. Es giebt hier so viele Straßen, durch die das Glück zu Einem kommen kann.“

„Aber auch das Unglück,“ murmelte ich kaum vernehmbar und unterließ jede weitere Einwendung gegen den Entschluß der Nätherin, von welchem sie abzubringen, ich keine Hoffnung hatte.

So wirkt Paris. Wie die Flamme auf den armen Falter, die ihn anzieht und tödtet.

Der Charakter der armen Nätherin war von spröderem Stoff, als viele ihrer Schwestern. Sie blieb in ihrer Dachstube, während die meisten Andern in Abgründe sinken, aus denen kaum wieder ein Emporkommen möglich ist. Julie hat wirklich ihr Glück gemacht. Ein arbeitsamer Mann lernte sie kennen und ihren Werth schätzen, was zu einer ehelichen Verbindung führte, die so gedeihlich ausfiel, als man es in Paris nur erwarten kann, wo der Boden nicht sehr günstig für ein bescheidenes häusliches Leben ist.

Wie das Proletariat in Paris nach oben hin die eigentlich schaffenden, hervorbringenden, in Kunst, Wissenschaft und Politik wirksamsten Kräfte liefert, so setzt es nach unten hin den Schlamm, den Bodensatz der Gesellschaft ab und giebt den verschiedensten Gerichtshöfen fortdauernde Beschäftigung. Der untere Theil des Proletariats fristet sein Leben durch Verbrechen. Die Meisten dieser Classe sind in steter Flucht vor der Polizei, von der sie unablässig beaufsichtigt und verfolgt werden und mit der sie an geistreichen Erfindungen, an List und Verschlagenheit wetteifern. Sie bilden mit der Polizei zwei feindliche Elemente im fortwährenden Kampf miteinander, der sehr häufig zu einer Art schlauen Schachspiels wird. Angriff auf der einen, Abwehr auf der andern Seite mit der scharfsinnigsten Berechnung. – Wir werden auf diesen Krankheitsstoff der pariser Gesellschaft bei einer anderen Gelegenheit des Ausführlicheren zurückkommen.

Zwischen diesen äußersten Polen in der Mitte ist der eigentliche Arbeiter, der durch Kraft und mechanische Geschicklichkeit seinen Unterhalt gewinnt. Der pariser Arbeiter hat sein ganz besonderes Gepräge. Zunächst verleiht ihm das Gefühl der Gleichheit, die in Frankreich wie in gar keinem andern Lande – ich nehme selbst die vereinigten Staaten nicht aus – eine Wahrheit geworden, eine Sicherheit und Unbefangenheit des Auftretens, die ihn vor seinen Brüdern anderswo merklich unterscheidet. Dem pariser Arbeiter ist jede Demüthigung erspart, folglich auch jede Erbitterung benommen. Der Groll des Zurückgesetzten ist ihm fremd. Darum [282] ist er höflich, fein, geschmeidiger; ohne Anmaßung und Kriecherei. Er ist so recht eigentlich der Schmied seines Schicksals; denn er hat keine Schichten zu durchbrechen, die drücken und hemmen, um emporzukommen.

Tauscht er eines Festtags wegen, oder wegen einer dauernden Glückswendung die Blouse gegen den Ueberrock um, so gilt er so viel wie jeder Andere und sein Fünffrankenstück, das er in der Tasche trägt, hat denselben Werth, wie das des hochgestelltesten Mannes. Darum liegt auch für ihn wie für die ganze übrige Gesellschaft in diesem klingenden Vorzug das Geheimniß der Geltung. Das weiß und fühlt der pariser Arbeiter genau. Darum dieselbe krankhafte Sucht nach Erwerb bei ihm, wie bei den Andern; darum die grenzenlose Habsucht, die nur durch das Streben nach Vergnügen und Genuß geschwächt wird. Er ist rasch und geschickt bei der Arbeit; allein es ist ihm ein Bedürfniß zwei bis drei Tage der Woche in Müssiggang und Wohlleben mit lustiger Gesellschaft zu verbrausen, wodurch seine ökonomischen Verhältnisse bedeutend zerrüttet werden, da er in diesen Freudentagen nicht selten den Gewinn der ganzen Woche todtschlägt. Ueberhaupt hat der pariser Arbeiter, damit an der Gleichheit ja nichts fehle, die Laster und die Lebensart der mehr begünstigten Classen angenommen. Er hat seine besondern Viertel, seine besondere Kneipe, seine besondern Kaffee- und Gasthäuser, seine Liebschaften. Er hat seine traurigen Familiengeschichten, seine häuslichen Zerrüttungen, dieselbe Zügellosigkeit der Begierden und Leidenschaften, kurz, er treibt Alles, auch die Liederlichkeiten, mit seinen beschränkten Mitteln und im verjüngten Maßstabe, wie man es in der großen Welt treibt. Es geht in gewisser Beziehung im 7. und 12. Arrondissement eben so locker zu, wie am Hofe Ludwig XV., nur daß der Glanz fehlt und die Mittel anderen Charakters sind.

Der pariser Arbeiter hat die unvertilgbare Fröhlichkeit, die dem französischen Charakter eigen, er weiß sich anmuthig und fein zu benehmen, ja mit Geist und Witz das Wort zu gebrauchen; er ist sehr galant gegen das schöne Geschlecht, ohne daß er jedoch von der tiefgehenden Verehrung der Frau, die der Deutsche mehr fühlt als ausdrückt, einen Begriff hat. Wenn man ihm einen Frack anzieht, wird er sich mit mehr Leichtigkeit in einem Salon bewegen, als mancher Commerzienrath, der sich nicht wenig auf sein feines Benehmen zu Gute thut. Einen Vorzug hat der Arbeiter vor den übrigen Classen der Bevölkerung, daß ihm die Mühseligkeit der Arbeit mehr Muth und Thatkraft verleiht, als die Entnervung den Andern übrig läßt.

Der pariser Arbeiter steht seinem Patron nicht etwa wie der Diener dem Herrn gegenüber; sie behandeln sich gegenseitig mit nüchterner Höflichkeit und sie betrachten sich wie zwei Geschäftsleute, welche mit einander, laut getroffener Uebereinkunft, Arbeit und Geld austauschen. Selbst ein Diener ist hier bei weitem nicht so erniedrigt, wie anderswo. Das gänzliche Sichaufgeben seiner Persönlichkeit, wie ich es oft gesehen, kommt hier gar nicht vor, und ein französischer Diener betrachtet sich als ein Individuum, dem man seine menschliche Würde schonen muß. Ich weiß von dem Fall, daß ein Diener augenblicklich ein Haus verließ, weil ihm die Hausfrau auf ihrem schon benutzten Teller zu essen geben wollte. Diese Frau war eine Deutsche. Eine Französin hätte die Empfindlichkeit des Dieners von dieser Seite nicht zu verletzen gewagt. Diese einzige Frucht haben die politischen Umwälzungen getragen, daß der Franzose bei jeder Gelegenheit die menschliche Würde bei Andern respektirt und stets bei sich respektirt haben will. Dem gesunkensten Proletarier bleibt daher noch ein bischen Stolz, ein Funken bessern Geistes. Ganz verthiert sich nur selten ein Franzose.

Die ältern und verheiratheten Arbeiter, welche ein Leben voll der härtesten Prüfungen durchgemacht, sind schweigsam, abgeschlossen und in sich gekehrt, sie fliehen und verachten die Lustbarkeiten und Schwelgereien der Jüngern, sie liegen mit mehr Ernst der Arbeit ob, und treten nur bei besondern Gelegenheiten heraus aus ihrer dunkeln Zurückgezogenheit. Sie stehen in großem Ansehen bei ihren jüngern Kameraden und man betrachtet sie als die Träger der alten Traditionen. Die Regierung bietet Alles auf, diese finstern Männer zufrieden zu stellen, welche den Kern gewisser Vorstädte bilden.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: daß