Zur Leidensgeschichte eines Journalisten

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Autor: unbekannt
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Titel: Zur Leidensgeschichte eines Journalisten
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 24, S. 282-284
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Erlebnisse eines englischen Journalisten im Krimkrieg 1854
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[282] Zur Leidensgeschichte eines Journalisten. Es ist schon Vielerlei über die Schwierigkeiten aller Art berichtet worden, mit welchen die von den größern politischen Zeitungen eigens nach dem Kriegsschauplatze im Orient geschickten Korrespondenten zu kämpfen haben, wenn sie ihre Aufgabe gehörig erfüllen wollen. Einer dieser Korrespondenten hatte sich am Bord des „Goldenen Vließes“ in Malta eingeschifft, und in der Times wird nun in folgender Weise mitgetheilt, wie es diesem Unglücklichen am Palmensonntage auf der Rhede von Gallipoli erging.

Das Goldene Vließ hatte am Sonnabende vorher sämmtliche mitgebrachte Truppen ausgeschifft. Unser Correspondent, der zu den Passagieren gehörte, war in die Stadt gegangen und hatte eine Wohnung gemiethet. welche bis dahin einer alten Griechin, fünf Kindern und einer Unzahl sehr kriegerisch gesinnten Hühnern und Gänsen zum Quartier gedient. In Betracht, daß es ihm nicht gelang, diese ganze Gesellschaft schnell genug zum Ausziehen zu bewegen, um ihm für den nämlichen Abend noch seine neue Wohnung einzuräumen, und auch von dem Wunsche getrieben, noch eine gute Nacht zuzubringen, entschloß er sich ein letztes Mal am Bord des Schiffes zu schlafen. Ein kluger Mann war’s jedenfalls, der zuerst gesagt hat, daß man nie am Bord eines Schiffes schlafen soll, wenn man am Lande schlafen kann. Dieser Grundsatz bewahrheitet sich in diesen Gewässern noch mehr als anderswo.

Kurz nach Mitternacht, während der Correspondent in süßem Schlafe träumte, erhob sich ein ziemlich heftiger Nordwind, das Goldene Vließ lichtete die Anker, wurde einige Meilen weit durch die Strömung fortgetrieben und gerieth, weit von den Dardanellen weg, nahe an die Küste Asiens. Der Kapitain hatte am Abend vorher vom General Befehl erhalten, in aller Frühe nach Malta zurückzusegeln, und als echter Marineoffizier war er nur auf die Mittel bedacht, die Reise so viel wie möglich abzukürzen. So kam es denn auch, daß als unser Correspondent, der das Versprechen erhalten hatte, in einer Barke an’s Land gesetzt zu werden, gegen sieben Uhr Morgens auf dem Verdeck erschien, außer der Überraschung sich nicht mehr am gleichen Platze zu befinden, auch noch zu seinem großen Leidwesen vernehmen mußte, daß die Befehle des Commandanten dahin gingen, ihn am Bord des nächsten Schiffes abzusetzen, indem es bei dem eingetretenen Winde und der Beschaffenheit des Meeres zu viel Zeit erfordern würde, um ein Boot vom Goldenen Vließ aus nach Gallipoli abzuschicken.

Diese Nachricht war nichts weniger als angenehm. Der Morgen war frisch, ein heftiger Nordwind verwandelte die ganze Dardanellenstraße in eine weißschäumende Masse und der von allen Seiten bedeckte Himmel ließ keine Hoffnung auf einen Sonnenstrahl übrig. Die weißen Minarets von Gallipoli traten, von dem dunkeln Gewölk gehoben, in der Ferne hervor, an beiden Ufern der Meerenge brachen sich hohe Wogen, und in nächster Sicht des Dampfers bemerkte man nur einige kleine Briggs und Schooner, welche mühsam gegen Wind und Meer ankämpften. Auf der schützenden Rhede von Gallipoli gelegen, gewahrte man außerdem die Schiffe der französischen Eskadre, doch mochte die Entfernung dahin über zwei Meilen betragen.

Als nächsten Fahrzeug fand sich eine ziemlich schwerfällig aussehende Brigg vor, welche ungefähr zweihundert Klaftern weg vom Goldenen Vließ vor Anker lag. Nicht ohne Schwierigkeit, denn Wind und Meer waren höchst ungünstig, gelang es, ein Boot am Fuß einer von dem Dampfer herabgelassenen Leiter zu bringen. Vier stämmige Bursche kamen indeß zu Stande und der Correspondent nahm neben ihnen mit seinem Gepäck Platz. In einigen Minuten befanden sie sich an der Seite der Brigg, die wie ausgestorben schien. Sechs Fuß ungefähr über dem Wasser und unter dem Geländer, welchen das Verdeck jedes Schiffes umgiebt, hing eine alte kaum noch brauchbare Barke. Die Mannschaft des Bootes ruderte auf diese Stelle zu, und sobald sie sich unter der alten Barke befand, warf sie das Gepäck des Korrespondenten hinein. Dieser selbst folgte einen Augenblick später nach und das Boot schickte sich wieder an, nach dem Goldenen Vließe zurückzukehren.

Da die Barke, in welche unser Correspondent, so zu sagen, geschmissen worden war, eine ziemliche Menge Wasser enthielt, so war seine erste Sorge, das Gepäck auf die Ruderbänke zu legen; hierauf versuchte er selbst auf das Verdeck der Brigg zu klettern. In dem Augenblicke, wo er das Ende eines Seiles ergriff, um besser empor zu klimmen, löste sich dieses, obschon es befestigt schien, von dem Verdeck los und fiel zu seinen Füßen nieder. Gleichzeitig richtete sich eine, durchaus kein Zutrauen einflößende Gestalt am Bord empor und ein häßlicher Mund ließ die Worte vernehmen: „Wir, Griechen! nichts Engländer! Fort, fort! Wir in Quarantaine!“ Der Correspondent theilte sogleich diesen Umstand dem Offiziere des Bootes mit, das ihn hergebracht hatte und welches noch in der Nähe gegen Wind und Wogen ankämpfte. Dieser erwiederte, daß er den Kapitain von der Sachlage unterrichten würde, mit welchem Troste er den unglücklichen Zeitungsschreiber zurückließ.

Der Zurückgelassene folgte unruhigen Blicks allen Bewegungen des ungastlichen Bootes, als er bemerkte, daß er die Zielscheibe der halb höhnischen, halb drohenden Blicke eines halben Dutzends Bursche war, welche ohne alle Phantasie für Piraten erster Klasse gehalten werden konnten. [283] Daß er vor Kälte zitterte, bis auf die Haut durchnäßt war und unaufhörlich in der zwischen Himmel und Erde schwebenden Barke von den Wogen überspült wurde, schien ihnen geradezu Vergnügen zu gewähren.

Das Boot, auf welches unser Engländer fortwährend den Blick ängstlich gerichtet hielt, erreichte endlich nach vieler Anstrengung das Goldene Vlies. Für ihn war dies ein Augenblick höchster Qual, und man kann sich denken, wie ihm zu Muthe wurde, als er einige Minuten später das Boot an seiner gewöhnlichen Stelle hängen sah. Noch mochte er sich nicht zu dem Glauben entschließen, daß nur einigermaßen gefühlvolle Menschen einen der Ihrigen in einer so kritischen Lage lassen könnten, und von Augenblick zu Augenblick erwartete er immer noch, eine gut bemannte Barke, zu seiner Abholung abstoßen zu sehen.

Die an ihren Ankern schaukelnde Brigg entzog momentweise das Goldene Vließ seinen Blicken, und jedes Mal wenn er das landsmännische Schiff so aus den Augen verlor, stellte ihm seine Einbildungskraft einen Theil der Matrosen mit den nöthigen Vorbereitungen, ihm zu Hülfe zu kommen, beschäftigt vor. Leider aber entdeckte sein Auge immer nur wieder die an ihren Seilen befestigte Barke, nebst allen Anzeichen, daß das Schiff weiter zu segeln im Begriff stand.

Als die Griechen die gleiche Wahrnehmung machten und bemerkten, wie der Correspondent vergeblich telegraphirte, wurden sie noch unverschämter. Mit höhnischem Lächeln deuteten sie auf das Meer, und schienen zu berathen, ob sie ihre Barke nicht losbinden und den Ankömmling darin den Wogen überlassen sollten; gleich darauf schienen sie sich jedoch eines Andern zu besinnen, zogen sorgfältig alle Seile zurück, die über das Schiff herabhingen und verschwanden.

Die Lage konnte nicht wohl mißlicher sein; die Kälte war empfindlich, jeden Augenblick gingen die Wellen über die Barke weg. Unser Held raffte seinen Muth zu einer letzten Anstrengung zusammen und an den die Barke haltenden Seilen gelang es ihm, bis an das Geländer des Verdecks emporzuklettern. Ein Matrose mit einer Pelzmütze und Schaffelljacke hielt ihn aber hier angelangt auf und erklärte ihm sehr kurz, daß er nicht an Bord kommen dürfe. Zur Noth hätten den Burschen offenbar sechs oder sieben andere unterstützt, welche auf dem Verdeck umherlagen, und sich bei Annäherung des Bootes einen Augenblick erhoben hatten. Es konnte mithin dem Correspondenten nicht in den Sinn kommen, Gewalt anzuwenden, und außerdem befanden sich seine Pistolen, wie dies gewöhnlich der Fall ist, wenn man ihrer bedarf, in einem seiner Reisesäcke eingepackt. Anderseits konnte er ebenso wenig am Geländer des Verdecks in der Schwebe hängen bleiben.

Demosthenes selbst, wenn er das italienische Patois verstanden hätte, in welchem die Verhandlung geführt wurde, würde nicht ohne Bewunderung und vielleicht nicht ohne Neid die pomphafte und prophetische Anrede gehört haben, welche der unglückliche Britte an seine Landsleute richtete. Diese aber blieben aller Beredtsamkeit unzugänglich, bis Einer von ihnen, der schlauer und berechnender als die Uebrigen war, plötzlich den Redner mit der Frage unterbrach: „Wie viel wollen Sie zahlen?“

Ein für die Erlaubniß das Verdeck zu betreten sofort angebotenen Goldstück brachte mehr Wirkung hervor als die herrlichsten Argumente; nach einigen Minuten, die unserm Correspondenten wie Jahrhunderte vorkamen, wurde das Anerbieten angenommen. Der Engländer zahlte das Geld aus und durfte hierauf das Verdeck besteigen; neue Gefahren erwarteten ihn jedoch hier. Die Griechen umringten ihn alsbald und mit wilden Grimmassen, die bei ihnen vielleicht für liebenswürdiges Lächeln galten, begannen sie seine Taschen zu befühlen und wußten bald aufs Genaueste, was sie enthielten; zugleich luden sie ihn ein, durch eine im Verdeck angebrachte Oeffnung hinunterzusteigen und sich in ihrem Salon auszuruhen. Ueber die Absichten, in denen diese gastfreundlichen Anerbietungen gemacht wurden, konnte kein Zweifel möglich sein, sie wurden daher entschieden zurückgewiesen und der unglückliche Correspondent entschloß sich zu einer letzten Appellation an das Goldene Vließ. Von Hunger und Müdigkeit dem Umfallen nahe, dazu halb erfroren, kletterte er so gut es ging auf das Bugspriet und ließ sein Schnupftuch in der Luft wehen.

Das Signal konnte von der Mannschaft des Dampfers ganz deutlich wahrgenommen werden, und wurde es zweifelsohne auch; allein man kehrte sich nicht daran. So lange ihr Gast oder vielmehr ihr Schlachtopfer das weiße Batisttuch schwenkte, welches den Seinigen seine Noth verkünden sollte, weilten die Griechen unbeweglich am Fuße des Hauptmastes, die Augen dem Dampfer zugewandt und in voller Erwartung, was dieser thun würde. Endlich schien sich das Wasser zu bewegen und das Hintertheil des Schiffes zu drehen; die Schraube begann ihre ersten Bewegungen, die nach und nach immer rascher wurden, und die Brigg weit hinter sich zurücklassend, fuhr der Dampfer die Dardanellenstraße hinab dem offenen Meere zu.

Die Griechen wechselten einige leise Worte untereinander, und während der Eine von ihnen hinauf mit bedeutungsvollem Lächeln nach dem sich immer mehr entfernenden Fahrzeug wies, sagte er: „Hollah, John, es ist keine Rede mehr davon; komm nur wieder herunter, wir sind ehrliche Leute! gut! sehr gut!“ Was aber diese Ehrlichkeitsversicherungen werth waren, erhellte schon aus dem Umstande, daß die Bursche bereits eine ihrem Gaste gehörige Kiste zu erbrechen begannen. Da es nur eine schwache Kiste war, so wurden die Griechen leicht damit fertig; die Plünderung begann also, und wenn einmal der Anfang gemacht war, so ließ sich kein Ende voraussehen. Der Correspondent verließ daher sofort seinen Posten auf dem Bugspriet und kam an’s Verdeck zurück, wo er seine Bitte erneuerte, um eine ihn an’s Land führende Barke zu erhalten. Die Griechen antworteten kopfschüttelnd mit Murren und Grunzen, was nichts Gutes andeutete. Sie umringten ihren unglücklichen Gast, und der Kreis, in welchem sich dieser eingeschlossen sah, wurde immer enger. Einer der verdächtigst aussehenden erfrechte sich endlich sogar, Hand an das schwarzlederne Etui zu legen, in welchem der Korrespondent sein Fernrohr umgehängt trug, und das Jenen Waffen zu enthalten schien. Der auf’s Aeußerste empörte Engländer stieß den Unverschämten mit der Faust zurück, und da das Schiff in demselben Augenblick stark schwankte, so strauchelte der Bandit an das Geländer hin. Nach seinem Dolche greifen und auf den Engländer unter fürchterlichen Flüchen losstürzen, war für den Strolch Sache eines Augenblicks; einer seiner Kameraden hielt ihn zwar noch zurück, allein da die Mehrzahl der Matrosen durch diesen Vorgang sichtlich noch übler gestimmt worden, so mußte der arme Journalist auf Alles gefaßt sein.

Plötzlich fiel ihm ein, wie ein Schiff von dieser Bedeutung doch durch einen, einer höhern Klasse angehörigen Mann, den er noch nicht gesehen hatte, befehligt werden müsse. Von diesem Gedanken ergriffen, bahnte er sich einen Weg durch die ihn umstehenden Kerle und eilte, ohne sie deshalb ganz aus dem Auge zu verlieren, nach dem Hintertheil des Schiffes. Die Andern sprangen ihm nach, da er jedoch vor ihnen an der nach der Kajüte führenden Treppe anlangte, so stieg er schnell hinunter und befand sich zu seiner Freude in Gegenwart des Kapitains, der auf einer Art Divan sich behaglich pflegte. Unser Correspondent begann sogleich die Ursache seines unerwarteten Erscheinens zu erklären, was er so gut wie möglich in italienischer Sprache that, wurde aber von dem Kapitain mit den Worten unterbrochen: „Sprechen Sie englisch, ich werde Sie besser verstehen.“ Der Kapitain sprach wirklich ein völlig reines Englisch, dem man kaum einen fremden Accent anhörte.

Als er die Ursache vernommen, weshalb der Britte sich so ohne alle Umstände in seiner Kajüte eingeführt, gerieth er in heftigen Zorn. Er müsse, sagte er, das offene Meer vor einer halben Stunde gewinnen, er sei von Konstantinopel ohne alle Papiere fortgejagt worden und könne, Dank den Franzosen und Engländern, durch das erste beste Kriegsschiff, das ihm begegnen möchte, als Pirat weggenommen werden; die Engländer hätten ihn und seine Leute ruinirt; sie hätten den Türken geholfen, seine Landsleute zu unterdrücken und zu ermorden, und gleichwohl wollten sie Christen sein; er gäbe keine Barke her um an’s Land zu fahren; übrigens könne er, selbst wenn er wollte, keine Barke hergeben; der Engländer habe mithin das Fahrzeug zu verlassen und seinen Weg, wie er könne, fortzusetzen; zum Schluße fügte er noch hinzu, wenn er Engländer wäre, so würde er lieber tausend Todesqualen ausstehen, oder sich von den Wogen verschlingen lassen, als ein griechisches Fahrzeug betreten oder Hülfe und Schutz von einem griechischen Seemann verlangen.

Die Aussicht, in’s offene Meer mitgenommen, dann vielleicht unterwegs erschlagen und in irgend einen Abgrund geworfen zu werden, drängte sich jetzt dem Geiste des Engländers sehr unangenehm auf. Der Wind brauchte nur günstig zu werden, so waren die Anker in einigen Minuten gelichtet und die Brigg flog mit vollen Segeln blitzschnell die Strömung der Dardanellenstraße entlang. Wer konnte alsdann ein Verbrechen hindern? Wer würde je sagen können, was aus dem unglücklichen Engländer geworden war, den der Kapitain des Dampfers am Bord eines in der Meerenge der Dardarnellen ankernden Schiffes um halb acht Uhr Morgens bei stürmischem Wetter hatte absetzen lassen? Gottes Auge allein wäre Zeuge den Verbrechens gewesen, das sich auf dem Verdeck dieser unbekannten Brigg zutragen konnte, und kein Arm, kein menschliches Gewissen wäre zugegen gewesen, um es zu verhindern oder die Bestrafung der Schuldigen anzubahnen.

Der Kapitaln hatte erklärt, daß er nicht mehr von dem Engländer sprechen hören wollte und ließ demgemäß alle an ihn gerichteten Fragen unbeantwortet. Nur einmal, als ihn der gepeinigte Journalist gefragt, ob er in England gewesen wäre, hatte er heftig versetzt: „Zu oft! Zu oft!“ Es blieb mithin offenbar nichts Anderes übrig, als den Gang der Begebenheiten abzuwarten. Die Leute von der Mannschaft hielten untereinander Rath, nach dessen Beendigung einer der Matrosen den Kapitain aufsuchte und mit demselben in eine lebhafte Erörterung gerieth. Ihre Blicke wendeten sich einem trotz des Nebels schon sichtbar werdenden Dampfschiffe zu, welches vom Marmor-Meere her in der Richtung von Gallipoli kam. Gleichzeitig schien sich ihre Aufmerksamkeit zu wiederholten Malen auf die näher befindlichen Fahrzeuge zu richten, die auf der Rhede lagen. Die Mannschaft schien begierig das Ergebniß dieser Unterredung zu erwarten.

Der Engländer hatte bemerkt, daß einige Flaschen Sherry aus seiner Lebensmittelkiste verschwunden waren und er zweifelte nicht daran, daß sie von den Matrosen getrunken worden; für den Augenblick jedoch nahmen ihn diese Kleinigkeiten weit weniger in Anspruch als das erwähnte Zwiegespräch, bei welchem jedes Wort mit lebhaften Geberden, funkelnden Augen und Fußstampfen, wie es unter in Zank gerathenen Personen vorkommt, begleitet war. Der Kapitain glaubte dabei einmal wahrzunehmen, daß unser Correspondent wie um besser zu hören, den Kopf vorgestreckt habe, und rief deshalb zornig: „Was machen Sie da? Stehen Sie gerade! Sie haben hier nichts zu hören!“ Die Geduld des Letzteren riß aber hierüber, und die Besorgniß benutzend, welche die näher liegenden Fahrzeuge seinen Peinigern einflößten, versetzte er: „Gut, gut, mein bester Herr; allein belieben Sie sich etwas weniger grob auszudrücken und vergessen Sie nicht, daß hier englische Schiffe vor Anker liegen (was zwar nicht der Fall war) und englische Soldaten am Ufer lagern. Bedenken Sie wohl, daß wenn mir von Ihrer Seite die geringste Unbill widerfährt, dieser Tag für Sie zur unangenehmen Erinnerung werden möchte.“

Mittlerweile hatte sich der vom Bosporus herkommende Dampfer genähert, und seinem Lauf nach zu schließen, mußte er bald an der Stelle anlangen, wo sich die geschilderte Scene zutrug. Dieser Umstand schien auf die Entschlüsse der Griechen nachdrücklich einzuwirken und außerdem machte sie offenbar auch die in den Worten unsers Journalisten enthaltene Drohung und die Ruhe, mit welcher er einen Stuhl nahm und sich auf’s Verdeck setzte, bedenklich. Der Kapitain und der Abgeordnete der Mannschaft traten jetzt wieder zu der Hauptgruppe, und die Arme, Augen und Füße begannen von Neuem ihr Pantomimenspiel. Endlich näherte sich der Kapitain dem Corrrspondenten und sagte, daß obschon er heftig darüber aufgebracht sei, daß ein Engländer ihm den Schimpf angethan habe, sich ohne seine Erlaubniß am Bord seines Schiffes einzufinden, er doch seine [284] Leute bestimmt habe, ihn in der für ein so heftig gehendes Meer zwar kleinen und zerbrechlichen Barke fortzuschaffen und daß sie versuchen würden, ihn nach einer italienischen Brigantine zu bringen, welche unter Wind vor Anker lag. Der Kapitain setzte hinzu, daß er für sich von einem Engländer keinen Pfennig haben möchte, wohl aber seien seine Leute arme Schlucker und würden, ohne gut bezahlt zu werden, ihr Leben eines Fremden wegen nicht auf’s Spiel setzen.

Der Correspondent bot ein Goldstück (einen Augenblick vorher würde er gern sechs gegeben haben, wenn man sie verlangt hätte) und der Grieche schien das Gebot als befriedigend zu betrachten. Nach einer neuen Unterredung mit seinen Leuten, von denen einige beharrlich auf keinen Vorschlag eingingen, gelang es dem Kapitain, vier Mann zu überreden, die sich hierauf sofort nach der aufgewundenen Barke begaben. Der Engländer folgte ihnen freudigen Herzens. Es war in der That ein sehr kleines und gebrechliches Fahrzeug, und die See ging heftig bewegt; die vier Mann, welche sich der Fahrt unterzogen hatten, konnten bei aller Kraft die Barke kaum durch die von allen Seiten überstürzenden Wogen lenken. Es handelte sich um das Leben, allein wie groß auch die Gefahr war, der Correspondent zog alles Andere der Brigg und den auf ihr befindlichen Strolchen vor.

Zu mehreren Malen standen die griechischen Matrosen auf dem Punkte, das Beginnen aufzugeben und nach ihrem Schiffe zurückzukehren, die Aussicht auf das Goldstück jedoch und die Furcht vor dem, was sich am Ufer ereignen konnte, trieb sie immer wieder auf’s Neue an. Hinüber und herüber geworfen, bald oben auf einer Woge tanzend, bald wieder tief hinab gezogen, gelangte bei aller Anstrengung die Barke nur langsam vorwärts; endlich nach geraumer Zeit legte sie an dem Hintertheil der genuesischen Brigantine „Minerva“ an.

Der Kapitain dieses Fahrzeugs hatte nicht ganz ohne Besorgniß die von der griechischen Brigg abgeschickte Schaluppe gesehen, deren vier Mann Besatzung ihm höchst verdächtig aussahen. (Wie der fünfte aussah, der im Hintertheil der elenden Barke saß, vor Kälte zitterte, vor Hunger sterben wollte und bis auf die Haut durchnäßt war, wissen wir nicht.) Es war in der That kein Grund vorhanden, allzu große Beruhigung zu fassen, und so beeilte sich denn auch der Kapitain, als er die Barke näher kommen sah, sie mit den Worten anzurufen: „Was wollen Sie, meine Herren?“

Der Hauptherr war zu sehr von dem Wunsche beseelt, an Bord zu gelangen, um daß er erst noch geantwortet hätte. Ein Seil hing am Schiff herunter. Unser Correspondent ergriff es in einem Momente, wo die Barke gerade von einer Woge empor gehoben wurde, und ohne Erklärung, ohne Rücksicht auf seine Schienbeine, die er sich fürchterlich verletzte, mit der Energie, der Energie der Verzweiflung kletterte und kletterte er empor, bis er athemlos und erschöpft mitten unter der erstaunten Mannschaft auf dem Verdecke hinsank.

Einige Worte reichten hin, um den Kapitain von Allem in Kenntniß zu setzen und seine Befürchtungen zu zerstreuen. Der freundliche Italiener empfing unsern Correspondenten mit offenen Armen und ließ sofort sein Gepäck aus der Schaluppe nach der Brigantine bringen. Er selbst beabsichtigte, sobald der Sturm sich ein wenig legen würde, die Anker zu lichten und nach Genua abzusegeln, versprach aber nicht eher aufzubrechen, als bis er den hartgeprüften Journalisten am Ufer in Sicherheit wissen würde. Ueber die Art, wie diesen die Griechen behandelt, schien er mehr unwillig als erstaunt, und um den Namen dieser ungastlichen Brigg zu kennen, richtete er sein Fernrohr nach ihr, wo er dann auf einer weißlichen Linie mit goldenen Buchstaben geschrieben „Nikolaus“ las. In diesem Augenblick spannte die Brigg alle ihre Segel auf und schoß pfeilgeschwind die Dardanellenstraße hinab; einige Minuten später war sie schon hinter einer Landspitze verschwunden.

Gegen Mittag legte sich der Sturm und das Meer wurde ruhiger. Sechs kräftige Genuesen stiegen in die Schaluppe der Minerva, der Engländer und der wackere Kapitain schieden auf dem Verdeck der Brigantine wie alte Freunde, und die Schaluppe ruderte dann dem Lande zu. Man kann sich denken, welche Gefühle das Herz unsers Correspondenten bewegten, als er endlich den Fuß bei Gallipoli an’s Land setzte und sich unter dem Schutze und der Fürsorge des englischen Kommissariats in voller Sicherheit fühlte.