Pariser Bilder und Geschichten/Der Mensch muß zu leben verstehen

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Autor: unbekannt
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Titel: Der Mensch muß zu leben verstehen
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aus: Die Gartenlaube, Heft 37, S. 577–580
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1866
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Fehlender Standesdünkel
Pariser Bilder und Geschichten
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[577]
Pariser Bilder und Geschichten.
Der Mensch muß zu leben verstehen.


Es mögen jetzt vier Jahre her sein, als ich von einem Ausfluge nach Paris zurückkehrte. Ich hatte meinen Koffer vorausgeschickt und eine ziemlich umfangreiche Reisetasche bei mir, deshalb sah ich mich nach einem Fiaker um, konnte aber keinen erlangen, da alle, welche am Bahnhofe standen, sofort von Ankommenden in Beschlag genommen worden waren. In einen Omnibus zu steigen hatte ich keine Lust, denn es giebt nichts Schrecklicheres als einen Pariser Omnibus.

Indem ich etwas verdrießlich meinen schweren Sack aufnahm, nahte sich mir ein Blousenmann, grüßte höflich und fragte im feinsten Französisch, ob ich vielleicht etwas zu tragen habe. Ich gab dem Manne meine Reisetasche und ging nebenher, wo ich bald bemerkte, daß der Blousenmann ein auffallend angenehmes Aeußere besaß. Seine Haltung war elegant, doch keineswegs geziert, Hand und Fuß schmal, wie die des Aristokraten. Eine Zeit lang ging ich schweigend neben dem Manne her. „Halt, da ist der Laden meines Buchbinders, warten Sie ein wenig, ich habe eine Bestellung zu machen,“ sagte ich jetzt.

„Gut, mein Herr, ich werde Sie erwarten.“

Als ich aus dem Laden herauskam, hielt ich zwei Bücher in der Hand, welche ich mir bei dieser Gelegenheit geholt hatte.

„Ich kann sie Ihnen tragen, mein Herr.“

„Schön!“

Der Blousenmann betrachtete die Bände mit Kennerblicken, zuckte ein wenig die Achseln und sprach: „Keine sonderliche Arbeit. Wollen Sie Ihre Bücher vorzüglich gut gebunden haben und auch nicht theurer, so gehen Sie zu Kaufmann, Rue Dauphine, unweit von der Statue Heinrich’s des Vierten.“

„Ich kenne diese Straße, denn ich wohne unfern von ihr. Kaufmann ist ein deutscher Name.“

„Bah, die besten Handwerker sind die Deutschen; wenig Artikel werden von Franzosen eben so gut oder wohl gar besser gemacht.“

„Das sagen Sie, ein Franzose?“

„Lieber Herr, ich bin stets unparteiisch und bei aller Vaterlandsliebe doch Kosmopolit.“

Der Mann gefiel mir; ich zündete mir eine Cigarre an und bot ihm ebenfalls eine. Mit einer graciösen Verbeugung nahm er sie.

„Ein gutes Blatt; noch einen Monat älter wird sie vortrefflich sein. Was zahlen Sie dafür, wenn ich fragen darf?“

Ich nannte den Preis.

„Ein wenig theuer; ich rauche ebenso gute und habe das Hundert einen Franken billiger.“

Er zog ein geschmackvolles Etui aus seiner Tasche und bot mir eine an. „Versuchen Sie dieselbe zu Hause; mundet sie Ihnen, so ist hier die Adresse.“

„Ich danke Ihnen.“

Wir kamen über einen der Blumenmärkte; mein Blousenmann sagte lächelnd: „Verzeihung, ich werde Sie nicht lange aufhalten,“ kaufte ein Rosenbouquet und war wieder an meiner Seite.

„Sie sind ein Pariser?“

„Nein, mein Herr, allein ich lebe schon lange hier. Sie scheinen ein Deutscher zu sein?“

„Ja, was Sie leicht hören können.“

„Durchaus nicht, Sie sprechen vollkommen Französisch, an Ihrem Aeußern errieth ich Ihre Nationalität. Ich war auch schon in Deutschland, am längsten in Sachsen. Dresden ist eine reizende Stadt, auch Leipzig hat mir sehr gefallen.“

„Ah, da sprechen Sie Deutsch, mein Herr.“

„Nicht sonderlich, ich habe es sechs Jahr nicht mehr geredet, lese es aber noch. Doch, hier sind wir vor Ihrer Wohnung.“

Der Blousenmann trug mein Gepäck die drei Treppen hinauf und legte es vor der Thür meines Zimmers nieder.

„Wie viel bin ich Ihnen schuldig?“

„Geben Sie was Sie wollen, mein Herr.“

Ich hatte keine kleinere Münze als ein Fünffrankenstück, der Mann hatte etwas so Feines, ja ich möchte sagen Vornehmes, daß ich es ihm freundlich gab. Er dankte und war mit unglaublicher Schnelligkeit verschwunden. Einem andern Blousenmanne würde ich nicht mehr als zwei Franken gegeben haben.

Einige Tage später wandelte ich in dem Tuileriengarten umher, als mein Blick auf eine schlanke junge Dame von ungewöhnlichem Liebreiz fiel. Natürlich bemerkte ich endlich auch den Herrn, an dessen Arm sie hing, und war nicht wenig erstaunt über dessen Aehnlichkeit mit meinem Blousenmann. Er selbst konnte es aber unmöglich sein, denn der Anzug des Herrn, den ich vor mir sah, war so fein und elegant, wie ihn nur Männer aus den höheren Ständen zu tragen pflegen. Ich faßte ihn scharf in das Auge, er schritt mit vornehmer Gleichgültigkeit an mir vorüber. Einige Tage nach jener Begegnung trat einer meiner Freunde bei mir ein, welcher, wie ich, Mitglied eines Männergesangvereins ist. Er brachte ein mir neues Männerquartett, welches mir beim Durchlesen sehr gefiel.

„Haben Sie die Stimmen dazu? Wir könnten es bei unserer nächsten Versammlung studiren.“

„Ich habe keine Stimmen, und es wird schwer sein, sie rasch zu schaffen.“

„Merkwürdig, daß in Paris so ein großer Mangel an correcten Notenschreibern ist.“

„Gar nicht merkwürdig, die Franzosen sind nicht so musikalisch wie wir Deutschen. Wollen Sie aber Compositionen abgeschrieben haben, so gehen Sie nur zu Haar und Steinert. In diese Buchhandlung kommt wöchentlich ein junger Mann und holt ab, was dort für ihn niedergelegt wird; er schreibt sehr gut und richtig und ist nicht übertrieben theuer.“

Ich befolgte den Rath meines Landsmannes und trug denselben Tag noch einige Musikalien nach der deutschen Buchhandlung, um die Herren Haar und Steinert zu bitten, sie dem Copisten zu übergeben. Ich fragte nach dessen Adresse.

„Der Copist giebt seine Wohnung nicht an, ist aber vollkommen zuverlässig,“ war die Antwort.

Ich erhielt nach einigen Tagen, als ich wieder, vorfragte, die Copien, erhielt sie, mit angenehmer Schrift, durchaus richtig und zu mäßigem Preise. Als ich etwa sechs Wochen später wieder mit Musikalien in die deutsche Buchhandlung ging, sah ich einen jungen Mann, der mir bekannt vorkam.

„Da ist der Herr, welcher die Noten copirt,“ rief der Buchhändler mir zu.

„Schön. Wollen Sie diese Arbeit übernehmen?“

„Gern, mein Herr.“

„Sah ich Sie nicht schon?“

„Möglich!“

Obgleich der Notenschreiber einen grauen modernen Sommeranzug trug, wie ihn anständige Handwerker zu tragen lieben, erkannte ich doch in ihm meinen Blousenmann. Als wir zusammen die Buchhandlung verließen, sagte ich: „Die von Ihnen empfohlenen Cigarren sind vortrefflich.“

„Nicht wahr?“

„Sie sind wohl sehr musikalisch?“

„Etwas; ich lernte in Leipzig einige Zeit singen.“

„Aber dann ist es mir unbegreiflich, daß –“

„Ah, daß ich auch eine geringere Arbeit that? Hm, der Mensch muß zu leben verstehen! Guten Tag, mein Herr.“

[578] Mich interessirte der junge Mann im höchsten Grade und ich ging ihm durch mehrere Straßen nach. Gern hätte ich seine Wohnung erspäht, aber plötzlich bog mein Mann um eine Ecke und war im Getümmel verschwunden. Zur bestimmten Zeit erhielt ich meine Musikalien; den Schreiber selbst sah ich längere Zeit nicht, obgleich ich mir Mühe gab, ihn aufzufinden.

Es gehört zu meinen Liebhabereien, zuweilen in irgend eine Kirche zu gehen, wenn kein Gottesdienst ist, wie ich auch zuweilen, wenn ich gerade ein Schauspielhaus offen sehe, hineinschlüpfe und mich im Dunkeln bis auf die Bühne hinauf suche, um mich ein Viertelstündchen zwischen den Coulissen herumzutreiben. In der Kirche bete ich und denke der Zeit, wo ich zum ersten Male an meiner Mutter Hand in die katholische Kirche in Dresden trat, entzückt über den schönen Gesang der Italiener. Im Theater erinnere ich mich an die glückliche Knabenzeit, wo ich alle Obstdreier, welche ich reichlich von Pathen und Tanten erhielt, zusammensparte, um wöchentlich wenigstens zweimal das Theater zu besuchen, und wo ich der Ansicht war, daß die Familie Devrient die wichtigste in Europa, daß überhaupt auf Gottes Welt nichts Schöneres als ein gutes Theater sei; wo ich für jeden dramatischen Dichter, Componisten, für jeden genialen Bühnenkünstler ohne Weiteres durch das Feuer gegangen sein würde und wo ich endlich am Allerseelentage und jeden Feiertag stets einen Kranz auf das Grab des Schauspielers Stein legte, der mich als Jungen zu Thränen gerührt hatte. Glückliche Knabenzeit! – Also ich ging in eine der ältesten, finstersten Kirchen von Paris. Draußen war es drückend heiß, im Schiff der Kirche angenehm kühl. Ich setzte mich ruhig hin und phantasirte. Ein alter Kirchendiener erschien mit schleppenden Schritten, nahm einige buntgestickte Decken von den Altären und legte sie sorglich zusammen, befahl einer Frau in seinem Gefolge, die Spinngewebe nicht wieder zu übersehen, und verschwand gleich einem Schatten hinter dem Hochaltar. Jetzt rauschten Gewänder, frische liebliche Stimmen wurden hörbar, zwei junge Frauen traten ein, einfach, aber fein gekleidet.

„Habe nur keine Angst, liebes Herz,“ sprach die Kleinere, „das macht sich Alles. Siehst Du, hier stehst Du, neben Dir auf dieser Stelle Dein Verlobter. Ich habe ja mit Henri auch vor acht Monaten auf demselben Platze gestanden. Jetzt kniee nieder, so, ganz gut, Alles wird vortrefflich gehen, und setze den rechten Fuß ein wenig vor, meine Mama hat mir das befohlen, dann behältst Du das Hausregiment. Das Mittel ist probat, Henri hat mir noch nie widersprochen. So, zieh’ den Handschuh ab, gieb den Ring hin, richtig; o, meine liebe Helene, Du wirst Alles mit dem besten Anstande durchführen. Wenn Du nur nicht so entsetzlich früh getraut würdest, Ihr werdet gar keine Zuschauer haben.“

„Armand wünscht es so und ich thue Alles, was er will.“

„Thorheit, zu was bist Du denn schön und legst ein neues weißes Gewand an, wenn Dich kein Mensch außer Armand sehen und bewundern soll?“

Die Damen drehten sich um und schwebten an mir vorüber; die Schlanke, welche Helene genannt wurde, war keine Andere, als das schöne Mädchen, das ich vor mehreren Monaten im Tuileriengarten am Arme eines vermeintlichen Blousenmannes gesehen hatte. Es sollte also am nächsten Morgen getraut werden, und mit wem? Aus der Kirche tretend, begegnete ich einem meiner Bekannten, einem Maler, welcher am Odeontheater angestellt war. Wir begrüßten uns und schlenderten Arm in Arm nebeneinander her.

„Viel zu thun, lieber Duresnelle?“

„Sehr wenig; was wird denn bei uns aufgeführt? Wenn ein Stück nicht geradezu mit Glanz durchfällt, wiederholt man es zwanzig Mal. Die deutschen Bühnenschriftsteller beklagen sich über die abweisenden Manieren der Theaterregenten, sie sollen nur hierher kommen, dann werden sie Geduld lernen. Wer hier nicht Verbindungen hat oder zu einer Clique gehört, dem nützt das größte Talent nichts und Genie ist nur ein Hinderniß. Diese Tage gab mir ein junger Schriftsteller ein reizendes Lustspiel, voll Geist, dabei gemüthlich. Es hat ein Jahr beim Director des Théâtre Gymnase gelegen, jetzt hat er es zurückerhalten. Ich habe vorgestern mit dem Regisseur des Odeontheaters davon gesprochen und der Autor will es ihm geben; vielleicht setzt er bei uns die Aufführung durch.“

„Ist jetzt Probe?“

„Nein, das heißt, es werden keine Schauspieler da sein, aber eine neue Decoration von mir ist aufgestellt, das Theater wird beleuchtet sein und ich will sehen, wie sich mein Machwerk ausnimmt; es ist eine Gartenscene.“

„Darf ich mitgehen?“

„Sehr gern; da hab’ ich gleich Ihr Urtheil, mein Freund.“

Als wir nach der Prüfung der Decoration, welche vortrefflich gelungen war, auf den dunkeln Corridor traten, der zu dem Sprechzimmer des Regisseurs führt, begegnete uns ein Herr, dessen Züge ich in diesem Dämmerlicht nicht zu erkennen vermochte; der Maler, dessen Auge an diese Dunkelheit gewöhnt war, rief ihm zu: „Nun, haben Sie den Regisseur gefunden?“

„Dank Ihrer Empfehlung, er ließ sich sprechen.“

„Und wie ließ dieser Beherrscher der Geister sich vernehmen?“

„Er geruhte zu versprechen, mein Drama zu lesen; in fünf bis sechs Monaten soll ich wieder nachfragen.“

„Das ist schon viel, also Geduld! Beharrlichkeit führt zum Ziel!“

Der Autor lachte leise, und wir gingen weiter.

„Lieber Freund, wie heißt der junge Schriftsteller?“

„Delisle, aber ich glaube, es ist nur ein angenommener Name.“

„Die Stimme kam mir bekannt vor, sie erinnerte mich an einen Notenschreiber, den ich kenne und der mich interessirt.“

„Delisle ist musikalisch, ein Notenschreiber aber schwerlich.“

„Ist dieser Poet reich oder wenigstens wohlhabend?“

„Er muß Geld haben, denn er ist stets fein gekleidet, wohnt ganz hübsch und hat das sichere Wesen eines Mannes, welcher schuldenfrei ist.“

„Nun, dann hat Ihr Herr Delisle hier einen Doppelgänger.“

„Das ist möglich!“

Am andern Morgen stand ich ungewöhnlich früh auf, kleidete mich rasch an und ging nach der Kirche, in welcher ich gestern die schöne Helene erblickt und – sie möge mir verzeihen – belauscht hatte. Nur wenige Menschen waren in dem Gotteshause versammelt, in der Nähe des ersten Seitenaltares, vor welchem soeben ein junges Paar copulirt wurde. Die Braut war die liebliche Helene, der Bräutigam der junge Mann, mit welchem ich sie im Tuileriengarten gesehen hatte, der Doppelgänger meines Blousenmannes und Notenschreibers. Als das neuvermählte Paar an mir vorüberschritt, fiel ein Sonnenstrahl auf ihre Gesichter, sie strahlten von Glück. Eine größere Aehnlichkeit, als zwischen meinem Manne und dem Armand dieser bezaubernden Helene, habe ich nie gesehen. Ich wünschte im Geiste dem Ehepaare alles erdenkliche Glück und sah, wie es in die elegante Equipage stieg, welche vor der Kirchthür es erwartete.

Wieder vergingen einige Wochen, in denen ich weder meinen Blousenmann, noch die schöne Helene sah. Eines Abends ging ich in das Théâtre Gymnase und traf dort einen mir bekannten Buchdruckereibesitzer. Wir sprachen über Dieses und Jenes, auch über ein eben erschienenes neues Buch, dessen viele Druckfehler damals das Lesepublicum sehr belustigten.

„Das kommt davon, wenn leichtsinnige oder ungebildete Menschen die Correctur besorgen,“ bemerkte mein Bekannter; „in meiner Officin kommt dergleichen nicht vor, ich habe einen Corrector, der nie einen Fehler übersieht, ja oft sogar dem Autor mit seinen Kenntnissen aushilft. Aber lupus in fabula, da ist der Gegenstand meines Lobes. Sehen Sie dorthin!“

Ich folgte der Richtung von Herrn Leoni’s Augen und – unfern von uns saßen in einer Loge Herr Armand nebst Gemahlin.

„Wie, dieser elegante Mann ist Ihr Corrector?“

„Warum nicht? Ich sagte Ihnen ja eben, daß er ein sehr gebildeter Mann ist.“

„Jedenfalls ein sehr fleißiger,“ dachte ich, „aber mein Blousenmann? Unmöglich.“

„An einem schönen Tage erhielt ich ein Billet, in welchem die alte Madame Genton mir meldete, daß sie die beiden Gemächer, welche ich bewohnte, fortan selbst brauche. Ich sah mich also nach einer anderen Wohnung um und fand eine, die mir zusagte, auf der Place de la Concorde, und zum Glück nicht höher, als im dritten Stock. Eines Abends öffnete ich das Fenster und hörte im Zimmer über mir von einer angenehmen Baritonstimme ein deutsches Lied, aber in französischer Uebersetzung, sehr gut vortragen. Auf meine Frage, wer über mir wohne, sagte der Portier: [579] „Herr von Dunois nebst Gemahlin und Dienerin, ein hübsches, junges Paar. Sie haben den ganzen vierten Stock gemiethet; zwei Zimmer bewohnt eine ältliche Malerin, Mademoiselle Dufour.“

Ich überlegte, ob ich Herrn von Dunois meinen Besuch als Hausgenosse machen solle oder nicht, unterließ es aber, weil mir der Portier, den ich ein wenig ausfragte, sagte, Herr und Frau Dunois lebten nur für sich.

„Der Winter rückte näher und ich kam auf den Einfall, bevor es noch kälter würde, Freunde im Elsaß zu besuchen, welche mich eingeladen hatten. Ich beschloß, mit dem ersten Zuge zu reisen; als ich auf die Straße trat, bemerkte ich drei Schritte vor mir einen Blousenmann, welcher ebenfalls nach dem Bahnhofe ging, wo er sich in der Halle hinstellte, um die Ankunft des ersten Zuges zu erwarten.

„Schon beim Geschäft?“ rief ich ihn an.

„Ja, Herr, der Arbeiter muß früh aufstehen.“

Ich ging weiter, mich abermals fragend: „Sind Herr Delisle und dieser Mann wirklich nicht identisch?“

Als ich nach zwei Wochen zurückkam, begegnete ich noch an demselben Tage dem Decorationsmaler im Grand Café.

„Denken Sie, Eugen, ich habe es durchgesetzt, das Drama von Delisle ist angenommen.“

„Das freut mich für Sie. Wann wird es in Scene gehen?“

„O, sobald noch nicht, vielleicht in sechs Monaten, vielleicht über’s Jahr.“

„Und der Titel?“

„‚Der Mensch muß zu leben verstehen.‘ Der Inhalt ist etwas unwahrscheinlich, doch nicht unmöglich, das Ganze höchst unterhaltend.“

Ich hatte diesen Titel schon einmal gehört, nur wußte ich nicht wo. Eine mir liebe Arbeit und nasses Wetter fesselten mich mehrere Tage an das Zimmer. Eines Abends hörte ich über mir wieder singen, und jetzt hielt es mich nicht länger, ich nahm meinen Hut und stieg die Treppe hinauf, um mich als Hausgenossen und dankbaren Bewunderer des Sängers vorzustellen. Die Dienerin meldete mich an, ich wurde angenommen und in ein sehr behaglich eingerichtetes Gemach geführt. Am Kamin, dessen Feuer das blasse, schöne Gesicht der Dame beleuchtete, saß Helene; mein Hausgenosse, Herr von Dunois, war der Doppelgänger meines Blousenmannes, auch des Ersteren Sprache war wie die meines Mannes. Bald kam ich mit Herrn von Dunois in ein anziehendes Gespräch; als ich mich verabschieden wollte, ward ich zu längerem Bleiben aufgefordert. Die junge Frau machte Thee für uns Drei und dann musicirten wir. Später kam die Malerin und ergoß sich in bittere Klagen über allerlei Aerger mit Kunsthändlern. Frau von Dunois versuchte lieblich, sie zu trösten, doch Herr von Dunois lachte: „Ah, bah! Wer nimmt auch Alles so schwer wie Sie, Mademoiselle Dufour; der Mensch muß zu leben verstehen.“

„Das ist der Titel eines neuen Dramas, welches wir nächstens im Odeon-Theater sehen werden; es ist von Delisle.“

Herr von Dunois lächelte ein wenig und sagte: „Im Vertrauen, da wir Hausgenossen sind und hoffentlich Freunde werden, das Stück ist von mir. Doch behalten Sie dies vor der Hand noch für sich.“

„Zuverlässig, Herr von Dunois.“

Als wir bekannter wurden, sagte ich einmal zu ihm, daß er einen Doppelgänger habe. Er lachte.

„Nun, jetzt, wo ich Sie genau kenne, will ich es Ihnen gestehen: der Blousenmann steht vor Ihnen.“

„Wie, Blousenmann, Notenschreiber, Corrector, dramatischer Schriftsteller in Einer Person?“

„Ah, bah, der Mensch muß zu leben verstehen. Hören Sie meine Geschichte. Meine Kindheit war die traurigste, soweit die Kindheit eines gesunden Jungen trübselig sein kann. Ich wohnte mit meinen Eltern in einer engen Gasse im sechsten Stockwerk und mußte oft Tage lang zu Hause bleiben, weil ich keine Schuhe hatte. Mein Vater wurde Herr Baron genannt, er las viel, seufzte über seine Armuth und gar oft gingen wir Drei, Vater, Mutter und ich, hungrig zu Bett. Eines Tages kam ein Jugendfreund meines Vaters und bot ihm eine Stelle an. Mein Vater erwiderte: ‚Wie gern würde ich sie annehmen, hieße ich nicht Baron S.‘

‚Leider macht unser Stand so Vieles für uns unmöglich, noblesse oblige,‘ bemerkte meine Mutter.

Der Freund lachte, zuckte die Achseln, ging und kam nie wieder. Als ich vierzehn Jahre alt war, starben meine Eltern an Einem Tage an der Cholera. Ich beweinte sie aufrichtig und dachte nach, wovon und wie ich von jetzt an leben sollte. Meine Kenntnisse waren gering, denn es hatte an Geld gefehlt, um mich in eine Schule schicken zu können. Ich erinnerte mich des Freundes meiner Eltern und suchte ihn auf, ihn um einen Rath zu bitten. Er hörte mich freundlich an, ehe er fragte: ‚Was können und wünschen Sie, Armand?‘

‚Ich kann wenig und wünsche mir Kenntnisse und durch diese meinen Unterhalt zu erwerben. Ich besitze jetzt nichts.‘

‚Gut, Armand, ich will Ihnen Aufnahme in eine gute Schule verschaffen, und sobald Sie sich Geld zu erwerben vermögen, sollen Sie mir meine Auslagen wieder erstatten. Doch noch Eins: Sie sind Baron, welche Arbeit nennen Sie standesgemäß?‘

‚Jede, welche ehrlich ist; vom Baronstitel kann ich wahrhaftig nicht satt werden.‘

‚Sehr vernünftig, mein lieber Armand,‘ lachte er, ‚das Leben scheint Manchem eine Last, dem Andern nur ein Vergnügen, Dieser verkürzt es sich selbst, Jener will es ewig haben, meine Devise ist: Der Mensch muß zu leben verstehen.‘

Ich lernte fleißig, da ich aber doch Kleider brauchte, suchte ich Geld zu erwerben. Ich schrieb für Autoren die Manuscripte in das Reine, las später Correcturen, und weil ich doch Bewegung brauchte und nicht Zeit zum Spazierengehen hatte, so ging ich täglich früh und Abends, nachdem ich eine Blouse übergeworfen und eine Mütze aufgesetzt hatte, auf einen der Bahnhöfe und trug, was ich nicht zu schwer fand und eben bekommen konnte. Ich machte damit täglich drei bis fünf Franken, nie weniger, zuweilen mehr. Als ich eben ausstudirt, starb mein bester Freund, der für mich gesorgt hatte, mehr als mein Vater. Er hinterließ mir einige Pretiosen und dreitausend Franken. Einen Theil des Geldes legte ich in eine Sparcasse, den andern benutzte ich zu einer Reise nach Deutschland, wo ich viel lernte. Ich spürte die Neigung, Schriftsteller zu werden, und täglich wuchs mein Schaffenstrieb. Ich wollte für die Bühne schreiben und hatte mir demnach ein hohes Ziel gesteckt. Aber, ehe ich Ruf gewinnen kann, ehe mein Drama zur Aufführung kommt, muß ich doch leben! Und wie kann ich, wenn ich Dramen schreiben will, Geld erwerben? So dachte ich! Ich beschloß also, nach wie vor jeden Tag wenigstens einmal den Lastträger zu machen, um doch tagtäglich etwas Geld zu erwerben, auch wandte ich jede Woche einen, zuweilen auch zwei Tage auf Lesung von Correcturen. Ich habe, da ich leicht arbeite, auch einige Romane geschrieben, welche mit Beifall aufgenommen und mir ziemlich hoch honorirt wurden, allein die Bühne lockte mich mehr als das Gebiet des Romans. Ich miethete mir eine ländliche Wohnung in der Nähe des Südbahnhofes und lebte daselbst, meine Zeit zwischen Hand- und Kopfarbeit theilend, sehr behaglich. Vor etwa zwei Jahren sah ich zum ersten Mal meine Helene, zu einer Zeit, wo ich eben Herr und nicht Diener war. Später hat sie mir gestanden, daß sie auch mich bemerkt gehabt hat; unsere Liebe war: Liebe auf den ersten Blick, gegenseitig, folglich glücklich! Als ich Helenen näher kennen lernte, entdeckte ich täglich schönere Eigenschaften des Geistes und Herzens an ihr und erbat von ihrer Tante – Helene ist eine Waise – die Genehmigung, mich um der Nichte Herz bewerben zu dürfen. Wir verlobten uns, von Heirath wollte aber Madame Leon eher nichts wissen, als bis ich meiner Braut eine gesicherte Existenz bieten könnte, da Helene selbst nur ein sehr geringes Vermögen besitzt. Indeß, ich hatte durchaus nicht Lust, Helenen und mir das Leben durch Hoffen und Harren zu verbittern. Ich arbeitete einige Monate angestrengt, um ein hübsches Sümmchen in der Hand zu haben, dann bestürmte ich die Tante so lange mit Bitten, bis sie nachgab, und – meine geliebte Braut wurde meine Frau. Ihr sagte ich ehrlich, wie hoch sich meine Einnahmen beliefen, und sie erklärte, daß es ihr ebenfalls Freude machen würde, Geld zu erwerben. Sie ist eine ebenso geschickte wie flinke Stickerin; die Morgenstunden, welche ich bei meinem Schreibtische zubringe, benutzt sie, um am Stickrahmen allerhand Zierlichkeiten zu schaffen, welche sie in die Läden abliefert. Die späten Nachmittags- und Abendstunden benützen wir zum Ausgehen, oder ich lese ihr vor, während sie näht, kurz, wir leben höchst vergnügt. Da wir einander das Wort gegeben haben, vor vier Uhr, wo wir speisen, niemals Feierabend zu machen, so freuen wir uns [580] jeden Tag wie Schulkinder auf den Glockenschlag, und das einfache Mahl mundet uns herrlich.“

„Und was sagt Ihre Gemahlin zu Ihren Morgenspaziergängen als Blousenmann?“

„Davon weiß sie nichts. So gutmüthig und opferwillig wie sie ist, würde sie sich Entbehrungen auflegen, was mir peinlich wäre. Ich schleiche mich früh, wenn sie noch schläft, fort, sie glaubt, daß ich einzig meiner Gesundheit wegen einen Morgenspaziergang mache; wenn ich zurückkehre, finde ich sie, mich freudig begrüßend, bei der Bereitung des Frühstückes, welches mir doppelt willkommen ist. Niemand weiß, daß der Blousenmann und Notenschreiber mit dem Schriftsteller identisch, und kommt es einmal später an das Licht, nun, dann bin ich entweder so unbekannt, daß sich Niemand darum bekümmert, oder so berühmt, daß es mir in den Augen romantischer Personen eine Glorie verleiht, daß ich einst auch Handarbeiter war, denn mit den wachsenden Einnahmen werde ich die Blouse ablegen. Der Mensch muß eben zu leben verstehen!“