Pariser Bilder und Geschichten/Die Zuaven

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Autor: unbekannt
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Titel: Die Zuaven
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aus: Die Gartenlaube, Heft 36, S. 568–570
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Die Zuaven, eine Elitetruppe der französischen Armee
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Pariser Bilder und Geschichten.
Die Zuaven.

Paris gleicht einem offenen Buche, aus dem man stets neue Dinge lesen kann. Gott allein weiß, wie vielen Poeten und Romanschreibern, Journalisten und Gelehrten dieses abenteuerliche Buch zur Quelle dient, aus der sie die seltsamen oder belehrenden, die heiteren oder rührenden Gegenstände schöpfen, die sie der Leserwelt mittheilen. In der That, diese Quelle scheint unversiechbar. Je mehr man Paris – dies moderne Babylon, wie es mit Recht genannt wird – nach allen Richtungen durchstudirt und durchstöbert, desto merkwürdigere Standpunkte bietet es den Forschungen des aufmerksamen Beobachters.

Nicht das am wenigsten Interessante, welches die interessante Weltstadt an der Seine dem Fremden vor Augen führt, ist ihr Straßenleben in seinem ewigen Wechsel, seiner bunten Mannigfaltigkeit von charakteristischen Erscheinungen, welchen allen mehr oder minder die französische Beweglichkeit und Grazie, der französische Esprit ein Gepräge aufdrückt, das es vom Straßenleben aller anderen Großstädte auf das Bestimmteste unterscheidet.

Der Soldat der verschiedensten Waffengattungen, der vornehme Guide als eigentlicher Leibwächter des Kaisers, die prachtvollen Centgardes, die blitzenden Kürassiere mit den gewaltigen Roßschweifen ihrer antiken Helme, die reichbetreßten Jäger zu Pferde, wie die einfache Rothhose der Infanteristen, – sie Alle sind stehende Typen in diesem unablässig verwandelten Kaleidoskop des Straßenlebens, und überdies Lieblinge des Publicums, denn der Pariser ist wie jeder Franzose ein großer Freund des Militärs; die Lieblinge der Lieblinge, die besonders gehätschelten und gepflegten Schooßkinder der Pariser und – der Pariserinnen aber sind die Zuaven, jene merkwürdige halborientalische Truppe, die einen höchst charakteristischen Theil der französischen Armee bildet.

Der Zuare trägt auf seinem glattgeschorenen Kopfe einen weißen Turban mit rothem Kopfeinsatz, an dem eine große gelbe Quaste herabhängt; seine Uniform besteht aus kurzer, offener Jacke und Weste von blauem Tuche, die mit schnörkelhaften Verzierungen von gelber Borte reich ausgeschmückt sind; seine rothen Hosen von türkischem Schnitt, die über dem Knöchel gebunden werden, sind sehr weit; enge, kurze Gamaschen von weißem Leder umschließen seine Füße derart, daß nur die äußerste Spitze der Schuhe sichtbar wird. Um den Leib gürtet er eine breite blaue Binde und über dieselbe einen schwarzen Ledergurt, an welchem ein kurzes, ziemlich breites Seitengewehr herabhängt, das er gleichzeitig auf die Miniébüchse, mit der er bewaffnet ist, als Bajonnet aufpflanzen kann. Wie man sieht, ist diese Uniform ziemlich phantastisch, und ein Bataillon Zuaven, das mit fliegenden Fahnen und klingendem Spiel auf dem Boulevard vorüberzieht, gewährt einen bunten, heitern, zugleich aber auch sehr imposanten und kriegerischen Anblick. Mit ihren bärtigen, sonnengebräunten, ausdrucksvollen Gesichtern erwecken die braven Soldaten unwillkürlich Antheil und Sympathie und verwunden die Herzen mancher Schönen.

Die Zuaven haben den sogenannten „Zouaoua’s“ ihren Namen entlehnt, Abkömmlingen eines Kabylen-Stammes, welche die Leibwache des Dey’s von Algier ausmachten. Im Jahre 1830 kam der Marschall Clauzel auf den Gedanken, aus ihnen regelmäßige Bataillone zu bilden. Nach und nach stellte man unter diese barbarischen Horden auch civilisirte Soldaten ein, die ihren wilden Cameraden sehr bald das beständige Leben unter freiem Himmel, den Scharmützel-Krieg, die Kunst, Hinterhalte zu legen – kurz, die ganze heitere Seite des Partei-Krieges ablernten, der eine gewisse Poesie nicht abzusprechen ist. Dieses militärische Zigeunerleben, das ohnedies von den klimatischen Einflüssen unter dem heißen afrikanischen Himmel sehr begünstigt ward, sagte dem leichten, unabhängigen Sinn des französischen Soldaten ungemein zu, und so bildete sich nach und nach die kühne und verwegene Truppe aus, die man jetzt Zuaven nennt und die mit ihrem Spitznamen die „Schakals“ der Armee heißen. Der Krieg ist ihr Element, der Kampf ihr Bedürfniß, das Wort Gefahr ist ihnen unbekannt, kein Hinderniß scheint ihnen unüberwindlich. Jubelnd rücken sie in ihren bunten Anzügen auf den Feind an, indem sie – den Cancan tanzen.

Es mag keine leichte Aufgabe sein, diese wilde Schaar anzuführen, und es gehört sicherlich eine feste Hand und ein eiserner Wille dazu, um sie in den Fesseln der militärischen Disciplin zu erhalten; auch findet man unter den Generalen, von denen sie nach und nach commandirt worden sind, die bedeutendsten Namen der französischen Armee, wie Espinasse, Chasseloup-Laubat, Cavaignac, Lamoricière, Bosquet, Bourbaki, Canrobert – alles muthige Löwen, welche die „Schakals“ sehr wohl zu behandeln verstanden. Obgleich die Fahnen der Zuaven sehr durchlöchert sind, so kann man doch in den Falten dieser glorreich zerfetzten Banner die nachstehenden Siege ziemlich deutlich lesen: „Belagerung von Constantine“, „Rückzug von Medeah-Mascara“, „Schlacht am Oued-Fodelah“, bei „Isly“, an der „Alma“, bei „Inkerman“, am „Malakoff“ und die Namen sämmtlicher Schlachten aus dem jüngsten italienischen Feldzuge.

Eigentliche Orientalen giebt es heutzutage nur noch wenige unter den Zuaven; dagegen hat Paris der Armee den stärksten Tribut an „Schakals“ geliefert, meistens junge Leute, die irgendwie in ihrer Carrière verunglückt waren. Rechnet man nun zu dieser Jugend noch einen Stamm alter Soldaten, die, zum Unterschiede von dem jungen Anflug, Mahomeds genannt werden, so hat man die mosaikartig zusammengestellte Schaar beisammen, welche die bunte Zuaven-Compagnie bildet.

Die Tapferkeit des Zuaven ist über alles Lob wie über allen Zweifel erhaben; sie steckt schon in seiner Uniform. Nach dem Ausspruche eines alten Zuaven, den ich als competenten Richter anerkennen muß, sind die Eindrücke, die der Kampf hervorbringt, etwa folgende: Beim ersten Schuß denkt man an Gott, beim zweiten an seine Mutter, der dritte erweckt instinctmäßig den Trieb der Selbsterhaltung und man empfindet das widerwärtige Gefühl der Furcht; da kommt aber der vierte Schuß und trifft einen Cameraden, das fließende Blut ruft das Gefühl der Rache hervor, und beim fünften Schuß denkt man schon gar nicht mehr an sich selbst, alle geistigen Kräfte vereinigen sich in dem einzigen Wunsche, den gegenüberstehenden Feind zu vernichten. Nach und nach entwickelt sich die Schlacht immer mehr, die Colonnen rücken näher aneinander heran, der Pulverdampf umhüllt wie ein dichter Schleier die Schrecknisse des Kampfes, und wie Milton’s Engel, die im Chaos mit einander rangen, fechten die Kämpfenden blindlings und wie in der Finsterniß! Die Gefahr erhöht und stählt nur ihren Muth, der sich nach und nach in die vollkommenste Todesverachtung verwandelt. So erklären sich auch die zahllosen Beispiele von Unerschrockenheit, an denen die Geschichte der Zuaven überreich ist.

Bei Balaklava wird einem Signalisten die rechte Hand abgeschossen, er nimmt sein Signalhorn in die linke Hand und sagt: „Meine Mutter wollte durchaus, daß ich das Geigenspiel erlernen sollte, nun ist es ein wahres Glück, daß ich mir diese Mühe erspart habe!“ In der Schlacht an der Alma mußten die Zuaven auf Befehl des Marschalls Saint-Arnaud einen hohen, ganz glatten Erdwall stürmen, und nachdem sie dieses fast unglaubliche Kunststück mit unsäglichen Anstrenguugeu und unter mörderischem Feuer ausgeführt hatten und auf der Höhe anlangten, befanden sie sich ganz unvermuthet in einem schönen Weinberge, den die Russen stark besetzt hielten. Sie vertrieben nun zunächst die Russen und machten sich sodann über die Weintrauben her – die Kanonen donnern, die Kartätschen hageln auf sie herab, aber sie lassen sich durchaus in ihrem Genusse nicht stören und rufen, indem sie der feindlichen Artillerie die Trauben entgegenhalten, im näselnden Tone der Pariser Obstverkäuferinnen: „Echte Weintrauben von Fontainebleau, süß wie Honig! zwei Sous die Traube, sechs Sous das Pfund!“

Der Zuave ist mit dem Tode vertraut; er hat diesen düstern Gast oft und sehr nahe gesehen und fürchtet ihn nicht. Trotz seiner scheinbaren Gleichgültigkeit gegen heilige Dinge ist er im Grunde ein ganz guter Katholik, hält große Stücke auf den Feldgottesdienst, schmückt den dazu erforderlichen Altar so schön wie möglich mit Blumen aus und hat für die Feldprediger, die seinem Corps beigegeben sind, eine hohe Achtung. Einer dieser Geistlichen, ein junger Priester aus der Pariser Diöcese, der Abbé Parabère, erfreut sich der ganz besonderen Gunst der Schakals, weil er brav ist wie ein Löwe und sein heiliges Amt ganz unerschrocken im dichtesten Kugelregen ausübt. Bei Inkerman wird ihm sein [569] Pferd unter dem Leibe erschossen, da besteigt er ohne lange Ueberlegung eine Kanone und folgt der Schlacht, wie ein zweiter Turenne, auf diesem sonderbaren Gefährt, zum großen Jubel seines Bataillons. Er ist ein Priester ganz wie für den Zuaven-Geistlichen geschaffen; er versteht es außerordentlich seine „Schakals“ zu behandeln; er raucht, trinkt und flucht, – unschuldige Flüche, die er sich selbst, zu seinem Gebrauch in Nothfällen, zurecht gemacht hat, so meint er. Einige Tage vor der Schlacht bei Magenta tritt er an einen alten Zuaven, einen „Mahomed“ des Bataillons, heran, der als ein energischer Jesuitenfeind bekannt war und auch durchaus kein Hehl daraus machte.

„Nun, alter Schakal,“ redete ihn der Abbe an, „Dir ist wohl warm?“

„Sehr warm, Herr Abbé!“

„Komm und trink ein Glas Wein mit mir, potz Federmesser und Tintenfaß! Das darfst Du mir nicht abschlagen; ein Jesuit bezahlt ja die Zeche!“

„Sie sind sehr gütig, Herr Abbé!“

„Bist Du ein Pariser Kind?“ fragt der Geistliche weiter, indem er die Gläser vollschenkt.

„Echtes Pariser Kind aus dem Faubourg St. Antoine,“ lautet die Antwort.

„Lebt Deine Mutier noch?“

„Ja, Gott sei Dank! und sie hat mich sehr lieb.“

„Du magst ihr große Sorgen gemacht haben, Schlingel!“

„Leider ja, und das thut mir aufrichtig leid, denn sie ist gar so gut!“

„Hier, trink ein zweites Glas auf ihre Gesundheit. Du warst gewiß ein rechter Raufbold, Spieler, Säufer, liefst allen Mädchen nach?“

„Das muß wahr sein, Herr Abbé! Verliebt war ich, wie eine magere Katze, Millionen-Schock …“

„Still! Ich glaube gar, Du fluchst auch?“

„Zuweilen, Herr Abbé, wenn’s kalt ist.“

„Nun wahrhaftig, Du hast alle Laster an Dir, und wenn Du Deine Gewissenskanonen ausfegen wolltest, müßtest Du eine der sieben Todsünden nach der andern herauswerfen.“

„Das glaube ich fast auch, Herr Abbé!“

„Trink ein drittes Glas auf Deine Besserung. Apropos, man sagt mir, daß Du durchaus nicht zur Beichte gehen willst; ist das wahr?“

„Ja, das ist wahr. Sehen Sie, Herr Abbé, Sie sind ein braver Mann, ein wahrer Teufelskerl, und ich schenke Ihnen meine Achtung; aber weder Sie, noch alle Engel oder Heiligen des Paradieses brächten mich dazu einen Beichtstuhl zu betreten!“

„Das hast Du vor der Hand auch gar nicht nöthig, alter Starrkopf! denn Du hast mir soeben hier beim Glase Wein, ohne es zu wissen und zu wollen, Deine Generalbeichte abgelegt. Das genügt mir vollkommen, und Du magst Dich sträuben und weigern wie Du willst, ich ertheile Dir hiermit feierlichst vor allen Deinen Cameraden die Absolution!“

Man kann sich vorstellen, welchen Jubel diese Scene unter den „Schakals“ hervorrief und wie sehr sie die Popularität des Abbé Parabère erhöhte! – Schon seit längerer Zeit hat man den Zuaven die Beleidigung angethan, ihnen ganz eigenthümliche und sonderbare Ansichten über das Eigenthumsrecht zuzuschreiben. Nun wäre es allerdings möglich, daß die afrikanischen Feldzüge ihre Begriffe über diesen zarten Punkt einigermaßen verwirrt hätten, denn in Feindesland nimmt man es wohl im Allgemeinen mit der Frage über „Mein und Dein“ nicht so genau, und so mag ihr Ruf als ausgelernte und abgefeimte Plünderer nicht ganz ungerechtfertigt sein. Sie halten sich aber stets in den Grenzen der erlaubten Plündereien, und ihre Fingerfertigkeit in dieser Beziehung erstreckt sich nur auf eßbare Gegenstände. Sie sind nämlich große Freunde aller Art culinarischer Genüsse, ihr „Fristi“, das heißt ihre Mahlzeit, geht ihnen über Alles, so daß sie kein Mittel verschmähen, das ihnen die Süßigkeiten der Tafelfreuden erhöhen könnte. Sie organisiren Raubzüge auf Hühner und Enten, frische Eier und Speck; bei diesen Unternehmungen ist ihnen ein Bekleidungsstück von höchstem Nutzen, das ich bei der obengemachten Aufzeichnung ihrer Uniform anzugeben vergessen habe; es ist dies ein weiter, braunwollener Mantel, der mit einer ungeheueren Kapuze versehen ist, und diese Kapuze ist trefflich geeignet, die erbeuteten Gegenstände bereitwillig aufzunehmen und in ihren weiten Falten geheimnißvoll zu verbergen. Vor Sebastopol schlich sich ein Zuave allabendlich bis dicht vor die belagerte Stadt heran und holte daselbst alle möglichen Eßbedürfnisse, namentlich auch frische Radieschen, frische Butter etc. Er kam stets mit sehr reicher Beute zurück und wurde nach und nach zum Generallieferanten sämmtlicher Officierstische ernannt, was ihm einen ansehnlichen Verdienst einbrachte, namentlich von Seiten der Herren Engländer, die mit klingenden Guineen zu bezahlen pflegten. Einige Wochen lang setzte der Zuave dieses Geschäft glücklich und ungestört fort; eines Abends aber fehlten plötzlich die Radieschen auf den Officierstischen – große Bestürzung! man zieht Erkundigungen ein: der arme Generallieferant hatte pünktlich zur gewohnten Stunde seinen Beutezug angetreten, aber – er war nicht mehr zurückgekehrt! – Die Zuaven besitzen überhaupt eine reiche Erfindungsgabe, wenn es gilt, sich neben ihrer spärlichen Löhnung kleine Nebenverdienste zu schaffen. Zahlreiche Episoden liefern hierfür den Beleg; ich theile eine davon mit, für die ich meinen Gewährsmann nennen will, es ist Alexander Dumas. Ich selbst habe sie aus dem Munde des großen Romanciers gehört, der sie aus Algier, wo sie sich zugetragen, mitgebracht hat.

Eine Commission, welche wissenschaftliche Forschungen anzustellen beauftragt war, befand sich in der Stadt Oran, wo das dritte Zuaven-Bataillon in Garnison stand. Eines Tages ließ sich ein Zuave beim Präsidenten dieser Commission melden. Er hatte einen kleinen Käfig in der Hand, in welchem ein langschwänziges Thier sich ängstlich hin und herbewegte.

„Was bringen Sie mir denn, mein Freund?“ fragte der Präsident, der ein sehr gelehrter Mann war.

„Ich bringe Ihnen ein kleines Thier, Herr Präsident, und glaube kaum, daß Sie in Ihrem Leben jemals etwas dergleichen gesehen haben.“

„Zeigen Sie mir doch das Wunder!“

„Hier, Herr Präsident!“ und der Zuave überreichte dem gelehrten Herrn den Käfig; dieser betrachtet den Inhalt sehr aufmerksam und ruft nach einer kurzen Pause ziemlich enttäuscht: „Das ist ja eine Ratte!“

„Ja wohl, eine Ratte; aber eine Ratte mit einem Rüssel, wie Sie bemerken werden, Herr Präsident!“

„Wie so, eine Ratte mit einem Rüssel?“

„Betrachten Sie das Thier nur genau, Herr Präsident, prüfen Sie, nehmen Sie die Lupe, um besser zu sehen.“

Der Gelehrte betrachtet, prüft, nimmt die Lupe und entdeckt, daß die Ratte wirklich einen Rüssel hat, der mit der Nase zusammenhängt, ziemlich beweglich scheint, aber aufwärts gekehrt ist. Er ist höchst erstaunt über dies Phänomen, das ihm ganz unerklärlich scheint, und fragt endlich den Zuaven, was die Ratte kosten soll.

„O Herr Präsident,“ entgegnete der Krieger, „das seltene Thier hat eigentlich gar keinen Preis; indessen Sie sollen es für hundert Franken haben!“

Der Gelehrte würde sich jedenfalls zu einem noch höheren Preise verstanden haben, um nur in den Besitz des seltenen Exemplares zu gelangen; er untersucht es nochmals und entdeckt, daß es ein Männchen ist.

„Könnte ich nicht auch das Weibchen haben?“ fragt er den Zuaven.

„Wenn Sie mir für das Männchen hundert Franken bezahlen wollen, werde ich zusehen, daß ich Ihnen auch das Weibchen schaffe.“

„Wann das?“

„Das ist schwer zu bestimmen, denn diese Thiere sind höchst selten und sehr schwer zu fangen; vielleicht in vier Wochen –“

„Gut denn, in vier Wochen! Ich verlasse mich auf Sie. Hier sind vorläufig hundert Franken, und wenn Sie mir das Weibchen bringen, sollen Sie die gleiche Summe haben.“

„Ich danke Ihnen, Herr Präsident!“ ruft der Zuave sehr vergnügt, steckt das Geld ein und trollt von dannen. Pünktlich nach vier Wochen erscheint er ganz triumphirend wieder und überreicht dem Gelehrten eine weibliche Rüsselratte; dieser betrachtet das Thier, findet Alles in schönster Ordnung, zahlt dem Zuaven abermals 100 Francs und ist ganz entzückt sich nun im Besitz eines so phänomenalen Rattenpaares zu befinden. Seine gelehrten Collegen beneiden ihn um diesen Schatz und setzen Himmel und Erde in Bewegung, um sich ebenfalls Rüsselratten zu verschaffen. [570] Anfangs schien dies ganz und gar unmöglich, denn kein Mensch kannte diese Thiere. Nach und nach fanden sich aber auf dem Markt zu Oran mehr und immermehr Rüsselratten ein, so daß sie gar keine Seltenheit mehr waren. Das kam daher, weil das Recept der Rüsselrattenfabrication verrathen worden war! Dieses Recept war sehr einfach: man nahm die Schwanzspitze einer Ratte und pfropfte dieselbe auf die Nase einer anderen, unterhielt diese Verbindung mit einem Heftpflaster und umwickelte das ganze Thier, damit es den Verband nicht zerstören konnte; nach vierzehn Tagen gab man ihm die Freiheit wieder, und die Rüsselratte – oder vielmehr das Kunststück, war fertig; die inoculirte Schwanzspitze saß ebenso fest an der Nase, wie etwa der Kamm auf einem Hahnenkopfe. Man kann sich vorstellen, daß die Enttäuschung und der Aerger des hochgelehrten Präsidenten nicht gering war, als sich ihm das Geheimniß der Entstehung seiner so theuer erkauften Rüsselratten enthüllte.

Man erzählt sich, wie gesagt, eine Unzahl derartiger Anekdoten, die alle mehr oder weniger dem erfinderischen Scharfsinne der Zuaven viel Ehre machen. In der Regel sind es die Araber, die dem Speculationsgeist der „Schakals“ zum Opfer fallen; auch sind diese armen Eingeborenen sehr mißtrauisch geworden und halten sich so viel wie möglich auf ihrer Hut.

Es giebt unter den Zuaven auch viele Künstler und Kunstverehrer, namentlich sind sie, wie fast alle Franzosen, leidenschaftliche Anhänger Thaliens. Das Theater ist ihnen Bedürfniß, und da ihre nomadenartige Lebensweise sie dieses Genusses öfters beraubt, so haben sie sich selbst ein Theater geschaffen und die dazu erforderlichen Mimen aus ihren Reihen gewählt; die Kunstreisen, die sie später unternahmen, haben ihrer künstlerischen Begabung auch in Deutschland Anerkennung verschafft. Das erste Zuaventheater wurde in Algier gegründet. Ein Tourist, der das Land bereiste, wünschte natürlich auch das Zuaventheater kennen zu lernen, um so mehr als er einige Bekannte unter den „Schakals“ hatte, die zufällig hervorragende Mimen waren und von denen sich besonders einer, ein junger hübscher Mensch, in der Darstellung von Frauenrollen auszeichnete. Man giebt ein Stück von Scribe: „Louise oder die Wiedervergeltung“, und der junge Zuave spielt die Rolle der Louise. Unser Tourist mag diese Vorstellung natürlich nicht versäumen, aber im Augenblick, wo er sich anziehen will, um sich in den militärischen Musentempel zu begeben, vermißt er seine Fußbekleidung, ein Paar neuer sehr schöner Lackstiefeln. Aergerlich über den Verlust, hilft er sich so gut er eben kann und eilt in’s Theater. Louise tritt auf; sie ist sehr zierlich angezogen, kokettirt mit dem Publicum, und um das Parterre ganz und gar zu entzünden, zeigt sie auch ihre netten Füße, an denen – die neuen Lackstiefeln des nicht wenig erstaunten Touristen prangen!

Man liest häufig, daß die Zuaven, namentlich im Felde, Katzen zu Begleiterinnen wählten, die sie auf ihren Tornistern trügen; das ist ein Irrthum. Ein „Mahomed“, den ich darüber befragte, sagte mir ganz naiv: „Wenn wir Katzen hätten, würden wir sie essen!“ Dagegen haben die „Schakals“ Hunde, die ihnen auf ihren Beutezügen vortreffliche Dienste leisten; zuweilen richten sie sich auch Affen ab. Ein kranker Zuave, der zu seiner Herstellung die Luft des Vaterlandes einathmen sollte, brachte sich als Reisegefährtin eine große Feldmaus aus Algier mit; er hatte sie an seine Zündnadel festgebunden, sie fraß ihm aus der Hand und hieß „Gallipoli“.

Der Zuave ist in Frankreich außerordentlich populär; übrigens kennt er auch seine Popularität und ist sich seines Werthes bewußt. Sein Bataillon aber geht ihm über Alles, und er hängt mit ganzer Seele an seiner Fahne, der er mit Begeisterung und mit festem Siegesvertrauen folgt. Er ist ein vortrefflicher Camerad, und es herrscht unter den „Schakals“ ein bewundernswürdiger Corpsgeist, der von den „Mahomeds“ gepflegt und erhalten und den neu eintretenden Rekruten sogleich und, wenn es nöthig ist, sehr energisch eingeimpft wird. Den „Mahomeds“ gilt es für ein Glück und für die höchste Ehre, Zuaven zu sein! Wer von dieser Ansicht nicht ganz durchdrungen ist, thut besser dem tapfern Corps fern zu bleiben; denn wie der Wachtmeister in „Wallenstein’s Lager“ denken die Zuaven:

„Der Soldat muß sich lernen fühlen;
Wer’s nicht edel, wer’s nicht nobel treibt,
Lieber ganz vom Handwerk bleibt!“



Anmerkung des WS-Bearbeiters:

Ein weiterer Beitrag zu dieser Truppe erschien bereits 1855 unter dem Titel Die Zuaven und ihre Geschichte