Pariser Bilder und Geschichten/Mademoiselle Rachel

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Autor: unbekannt
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Titel: Mademoiselle Rachel
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aus: Die Gartenlaube, Heft 47, S. 573–575
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Pariser Bilder und Geschichten.
Mademoiselle Rachel.

Wer die berühmte Schauspielerin in ihrem eigenen Hotel Rue Trudon besucht, sie wie eine Königin von Schmeichlern, Verehrern, Bewunderern jedes Ranges, von Bewerbern um Gunst oder irgend eine Fürsprache oder Verwendung umgeben sieht, zu ihren Füßen alle Herrlichkeiten der Erde: Ruhm, Glanz und Reichthum, oder wer der gefeierten Künstlerin in der vornehmen Welt begegnet, wo sie stets mit Anmuth und Takt den Mittelpunkt der Unterhaltung bildet, der wird es kaum glauben, viel weniger errathen, aus welchem Grund und Boden diese Wunderpflanze emporgewachsen, welche Dürftigkeit ihre Amme, welcher Jammer ihr Erzieher gewesen. Sie ist eine Jüdin, der Typus ihres Stammes ist scharf in ihren Zügen ausgeprägt, die nichts weniger als schön sind, die aber schön werden durch geistige Belebung, durch den Zauber, den ihnen der Genius verleiht. Ihr dunkles Auge geht tief in die Seele hinein und zeigt Stürme ohne Besänftigung. Wer da so recht hineinblickt, dem ist es, als würde er von einem Wirbel erfaßt. Dieses Weib bezwingt und beherrscht, sie gewinnt nicht; sie fesselt, aber sie beglückt nicht.

Es war im Sommer des Jahres 1833, als Herr Etienne Choron, der berühmte Gründer des königlichen Instituts für religiöse Musik an einem der Kaffeehäuser der elyseeischen Felder vorüberzugehen im Begriff, stehen blieb, von den Tönen eines Mädchens festgehalten, das den Gästen ein Lied zur Guitarre vorsang, um dann freiwillige Spenden dafür einzusammeln. Es war viel Ausdruck in dem regellosen Gesang; es war Metall und Kraft in dieser Stimme, die niemand Andrem als der kleinen Rachel gehörte, damals ein Kind von zwölf Jahren. – Der Meister näherte sich der Sängerin, deren Anzug theils zerfetzt, theils mit ungleichartigem Stoff geflickt, ein sprechendes Aushängeschild der tiefsten Armuth war, und bot ihr seinen Unterricht und seine Schule an.

„Wie sehr würde ich mich freuen, Ihre Schülerin zu werden, mein Herr,“ antwortete das Kind in einem sehr schlechten Französisch, „doch weiß ich nicht, ob es meine Aeltern zugeben.“

„Wir wollen sehen,“ sagte der würdige Greis, erbat sich von dem Mädchen die Adresse und begab sich den andern Tag zu Herrn und Madame Felix, den Aeltern der kleinen Sängerin.

Diese wohnten mit dem Elend und mehreren Kindern zusammen in einer winzigen Wohnung, sechs Treppen hoch. Sie lebten nun zu Paris vom Handel mit alten Kleidern, den sie früher wie Zigeuner von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt wandernd getrieben hatten, und von dem, was zwei der Mädchen durch ihren Gesang auf den Straßen und in Kneipen erwarben. Herr Felix erwies sich alsogleich bereit, auf den freundlichen Antrag des Musikmeisters einzugehen, der den alttestamentarischen Namen Rachel in Elisabeth verwandelte, weil ihm jener dem Institut für heilige Musik wenig entsprechend vorkam. Das war der Moment, in welchem das Loos der kleinen Jüdin eine Wendung zum Bessern nahm; bis dahin jedoch, welchen Entwürdigungen war sie preisgegeben; was hat ihr Auge zu sehen, ihr Ohr zu hören bekommen! Man muß Paris und seine Tiefen, Herrn Felix und seine Moral kennen, man muß wissen, wie ein ununterbrochener Verkehr mit dem Gemeinen, mit dem Verwerflichen auf Glauben, Urtheil und Meinung eines Kindes wirkt, um die ganze Gesunkenheit des armen Geschöpfes zur Zeit, da sich Herr Choron dessen annahm, zu ermessen, um manches der Künstlerin von heute, der Emporgerichteten, nachzusehen, was sie sicherlich aus dieser Zeit des Verfalles mitgebracht. Wer in solchem Schlamm, wie die Rachel getaucht, und sich doch emporgerafft, wem die Kinderjahre solche Blüthen gebracht, wie ihr, der mag, wenn auch nicht fleckenlos gegen jede menschliche Anklage sicher gestellt sein. Denn es muß ihm jeder Vorzug hundertfach angerechnet werden, um seine Fehler und Schwächen aufzuwiegen.

Als Herr Etienne Choron der kleinen Jüdin seinen Schutz angedeihen ließ, konnte sie mit großer Schwierigkeit lesen und mit noch größerer höchst mangelhaft schreiben, eine Unzulänglichkeit, welche selbst von der Künstlerin und Weltdame noch heute nicht gänzlich überwunden ist. Mademoiselle Rachel liest und schreibt nicht mit jener Geläufigkeit, die eine frühzeitige Uebung verleiht.

„Sie haben die französische Sprache gerettet,“ sagte der berühmten Schauspielerin der galante Graf Molé, der sich mit ihr in einem Salon zusammenfand. Sie verneigte sich ehrerbietig für die Höflichkeit und erwiederte:

„Das ist ein besonderes Glück, denn ich habe sie nie gelernt.“

Nach ungefähr einem Monat erkannte Herr Choron, daß die Stimme seines Schützlings mehr zur Deklamation als zum Gesang geeignet sei, und empfahl sie dem Herrn Pagnon Saint-Aulaire, der Privatstunden in der recitirenden Kunst ertheilte. Dieser nahm sie auf und verwendete alle Sorgfalt auf ihre Ausbildung für die Tragödie. Vier Jahre lang arbeitete der väterliche Lehrer an Auffassung, Verständniß und Ausdruck seiner Schülerin und legte den Grund zu künftiger Vorzüglichkeit und Auszeichnung. Große Verstandesfähigkeit, die herrlichsten physischen Mittel, Ausdauer, Geduld und Unermüdlichkeit des Zöglings erfreuten und ermunterten den Meister. Die Rollen der Hermione, der Iphigenie und der Maria Stuart wurden der jungen Rachel von Herrn Saint-Aulaire bis auf die Betonung jedes einzelnen Wortes einstudirt. Außer der Unkenntniß der angehenden Schauspielerin hatte ihr Meister auch noch ihren Hang zum komischen Fache zu bekämpfen, den sie, ihre Natur und Fähigkeit verkennend, geltend zu machen suchte. Auch jetzt noch hat die berühmte Rachel die Sucht, Lachen zu erregen, und sie läßt gewiß keine Gelegenheit vorbeigehen, auf einem zweiten Theater oder sonst wo eine heitere Rolle zu spielen, ob sie gleich auf keinen erheblichen Erfolg zählen darf. Es ist eben in der menschlichen Natur, das am Meisten zu wollen, was man am Wenigsten kann. Da die achtzehnjährige Schauspielerin zum Auftreten auf eine Bühne hinlänglich vorbereitet war, besuchte sie Herrn Vedel, den Cassier des Theater Français, dessen Einfluß auf die innern Angelegenheiten der Staatsanstalt bekannt war, und lud ihn zu einer Vorstellung, bei welcher sie mitwirkte, in das kleine Theater Molière, Rue St. Martin, das Herr St.-Aulaire zur Uebung für seine Zöglinge gemiethet hatte.

„Welche Rolle werden Sie spielen, liebes Kind?“ frug Herr Vedel.

„Die Sobrette im „verheiratheten Philosophen.“

„Sonst nichts?“

„Nein. Anfangen werde ich mit der Hermione; doch diese verstehe ich nicht recht zu spielen. Belieben Sie nur zum zweiten Stück zu kommen.“

Herr Vedel verstand sich zu gut auf diese Dinge, um nicht an dem Organ, an dem ganzen Wesen des jungen Mädchens das Gegentheil von dem was sie sagte zu erkennen. Er fand sich am Anfang der Vorstellung ein. Nach dem ersten Akt, der ihn staunen gemacht, nahm er einen Wagen und jagte in die Rue Richelieu, um Herr Touselin, Direktor des Theater Français abzuholen.

Dieser theilte die Bewunderung des Cassier für das Talent der jungen Schauspielerin, die er im dritten Akt von Andromache sah, wie sie eine Kraft des Ausdrucks und der Rede entfaltete, deren er sich später oft erinnerte. Er ließ sich die begabte Schülerin vorstellen.

„Es liegt Ihnen daran, in das Conservatorium zu treten?“ frug er das Mädchen.

„O, mein Herr; es ist mein heißester Wunsch.“

„Das soll geschehen. Und ich nehme es über mich, Ihnen außerdem eine Unterstützung von 600 Franken jährlich zu verschaffen. Doch wenn Sie noch eine einzige Sobrette zu spielen sich vermessen, dann haben Sie es mit dem Minister und mit mir zu thun.“

Es war am 27. Oktober 1836, als Fräulein Elisabeth Rachel Felix zu den Vorlesungen des Herrn Michelot im Conservatorium zugelassen wurde.

Herr Vedel folgte Herrn Touselin in die Direktion des berühmten Theaters; allein statt daß dieses ein Vortheil für die Schülerin des Conservatoriums hätte werden sollen, gereichte es ihr vielmehr zum Nachtheil; denn die leitenden Gesellschaftsglieder der klassischen Anstalt machten Herrn Vedel durch ihre Angriffe und Intriguen in seiner neuen Stellung so viel zu schaffen, daß ihm nicht Athem genug übrig blieb, sich mit einem wirklichen Interesse der Kunst zu beschäftigen und der kleinen Rachel einige [574] Aufmerksamkeit zuzuwenden. Die Felix’s, welche Zuwachs an Kindern, aber nicht an Vermögen erhielten, waren sehr ungeduldig, die Vortheile, welche ihnen das Talent ihrer Tochter versprach, zu benützen. Sie liefen, sie drängten, sie trieben besonders Vater Felix, der die Sache gar nicht anders als seinen Handel mit alten Kleidern ansah.

Es fügte sich, daß der Direktor des „Gymnase“ bei einer Vorstellung der Chantereine gegenwärtig war, unsere junge Tragödin als Eriphile sah, und seine Verwunderung durch einen verhältnißmäßigen Antrag zu erkennen gab. Er lud die junge Schauspielerin zu sich, welche sich zur festgesetzten Zeit in Begleitung ihres Vaters einstellte.

„Welchen Gehalt sprechen Sie an, Fräulein, als Mitglied meines Theaters?“ frug Herr Poirson.

Das Mädchen sah, ohne zu antworten, den hebräischen Erzeuger an, der ohne Säumen in seinem Dialekt erwiederte: „Von 2000 Franken jährlich darf nicht ein Liard fehlen, Herr Direktor. Sie müssen besser wissen als ich, was meine Tochter werth ist.“

„Das denke ich selbst, und darum biete ich ihr 3000 Franken an, die jährlich um das Dritttheil vermehrt werden, wenn der Erfolg meinen Erwartungen entspricht.“

„So handeln habe ich mein Lebetag nicht gesehen,“ murmelte Herr Felix, nur von seiner Tochter verstanden, auf Deutsch vor sich hin, und zum Direktor gewandt sagte er:

„Ich unterzeichne sogleich, Herr Direktor.“

Die Sache ward ganz in Richtigkeit gebracht. Nach pariser Weise ward sogleich bei dem Handwerker Paul Duport ein Stück bestellt, mit einer Rolle, in welcher die junge Schauspielerin den ganzen Umfang ihrer Mittel und Fähigkeiten zeigen könnte. In kaum drei Wochen stand die „Vendeerin“ der Direktion des Gymnase zur Verfügung und wurde einstudirt. Herr Poirson sorgt dafür, daß die Presse mit Posaunenschall ein Wunder ankündigt, um ein zahlreiches Publikum zu den Vorstellungen zu locken. Die Spekulation schlug fehl. Mademoiselle Rachel hatte nicht den geringsten Erfolg und sie wird fortan nur mit untergeordneten Rollen bedacht. Nun kam der Moment, da die Tragödin die ganze Kraft ihres Willens, die Richtigkeit ihres Urtheils und ein gewaltiges, unüberwindliches Streben emporzukommen an den Tag legte.

Vater Felix war mit dem Verlauf der Dinge ganz zufrieden. Er hielt den unterzeichneten rechtsgiltigen Kontrakt in Händen, welcher ihm 3000 Franken jährlich zusicherte, und er sagte:

„Wenn ich meine Waare gut verkauft habe, was geht das mich an, wie man sie verwendet.“

Anders dachte die Tochter. Sie, die gerade nicht viel Thränen, weder entlockte noch geweinte unter ihren Perlen zählt, hat feuchte Augen, wenn sie darauf zurückkommt, was sie damals gelitten, was für Zweifel an ihrer Fähigkeit sie beschlichen und folterten, wie sie sich sorgsam prüfte, um herauszufinden, woran es ihr fehlte.

Nur großen Talenten ist es eigen ihre Kraft und Schwäche genau zu messen. Mademoiselle Rachel legte zu jener Zeit, da sie eine entmuthigende Niederlage erlitten, eine glänzende Probe ihrer künstlerischen Bedeutung ab; sie gab sich weder auf, noch schrieb sie, wie das bei Mittelmäßigkeiten gewöhnlich der Fall ist, die Erfolglosigkeit auf der kaum betretenen Laufbahn auf Rechnung äußerer Umstände und Verhältnisse wie Urtheilsunfähigkeit des Publikums, Intriguen ihrer Genossen u. s. w. Sie erkannte, daß ihrer theatralischen Ausbildung der letzte Schliff, die letzte Hand so zu sagen fehle und sah sich eifrig nach einem Meister um, der sich zu diesem Werk herbei ließe. Auf ihren Meister im Conservatorium, Herrn Michelot, konnte sie nicht zählen; denn dieser hat es sie nur zu deutlich fühlen lassen, daß er keine große Meinung von ihrer Fähigkeit hege und sich nicht sonderlich viel von ihrer Zukunft verspreche, so daß sie all ihres Bewußtseins bedurfte, um sich durch ihn nicht von dem eingeschlagenen Wege gänzlich abbringen zu lassen. Sie wandte sich an Herrn Vedel, der ihr so viel Freundlichkeit und ihrem Talent so viel Anerkennung erwiesen. Allein der Vielbeschäftigte, von Sorgen und Unannehmlichkeiten aller Art in Anspruch Genommene blieb ihr unzugänglich und ließ sogar ein Schreiben, was sie an ihn gerichtet, der viel gepriesenen französischen Galanterie ungeachtet, unbeantwortet. Flehend geht sie Herrn Provost, ersten Komiker am Theater Français, um seine geistige Unterstützung an. Doch dieser ist bis zur Unzartheit hart und nachdem er sich Einiges von ihr hat hersagen lassen, fällt er im Tone des Richters dieses geistige Todesurtheil: „Sie sind nicht für die Bühne gemacht, meine Liebe. Es ist besser Sie gehen auf die Boulevards Blumen verkaufen.“ Auch diesem Streich widersteht die kräftige Natur der Jüdin. Sie macht einen Versuch den Unterricht des Herrn Samson, des Professors am Conversatorium, zu erlangen, der Schauspieler und zugleich Theaterdichter. Nachdem ihm die Schauspielerin einige Verse rezitirt, ruft der tiefblickende Meister aus: „Gerechter Himmel, welche Wunder wollte ich wirken, wenn ich Ihr Organ hätte.“ Sie wurde seine Schülerin. Er, ein Mann von Bildung und Geschmack, in der Kunst des Mimen durch Theorie und Praxis erfahren, war der rechte Mann, dessen die unfertige Schauspielerin bedurfte. Er lehrte sie die reichen Mittel zur vollen Geltung bringen, er lehrte sie Maß halten, das Ausprägen der Einzelnheit ohne die großen Umrisse der Gebilde zu vernachlässigen, er lehrte sie nicht nur in den Sinn der Rolle, sondern jedes Wortes eingehen. Ihr rasch erforschender, treu bewahrender Geist, verbunden mit einem Körper, dem die Natur griechische Schönheit, plastische Vollendung verliehen, thaten das Weitere und so wurde sie – die Rachel. Herrn Vedel wird von seinen Gegnern Ruhe und Zeit gegönnt sich mit der von ihm geleiteten Anstalt zu beschäftigen und er fängt damit an, daß er die Verbindung der Rachel mit dem Gymnase, vermittelst Entschädigung auflöst und sie für das Theater Français mit 4000 Franken jährlich engagirt. Der hergebrachten Förmlichkeiten wie Probespielen und Antrittsrollen überhoben, ist Demoiselle Rachel bald darauf (am 12. Juni 1838) auf dem Anschlagzettel als Camille in den Horaciern von Corneille angekündigt. Die Vorstellung war wenig besucht, woran zum Theil die heiße Jahreszeit Schuld war, welche die vornehmen Leute d. h. die gewöhnlichen Theaterbesucher aus Paris in Badeorte, auf Reifen oder ihre Landwohnungen treibt, zum Theil aber die verjährte Richtung des Theaters, das sich dem Drang der Zeit und dadurch auch dem Publikum entzog. Unter den wenigen Zuhörern in dem halb leeren Saale befanden sich zwei, die der jungen Schauspielerin allein zahlreiches lärmendes, klatschendes Publikum waren. Ich meine Jüle Janin und Merle, damals kritische Autoritäten, die in dramatischen Dingen den Ton angaben. Seitdem ist Merle gestorben und Janin, der sich sehr wohl befindet, hat gänzlich sein richterliches Ansehen eingebüßt. Auch diese Unfehlbarkeit hat der Zweifel angefressen. Der Jupiter von ehemals schleudert keine Blitze mehr, die vernichten und versetzt nicht mehr unter die Sterne.

Janin und Merle erzählen Wunder von der Jüdin, die in Kaffeehäusern zur Guitarre gesungen, die nicht recht schreiben, lesen und selbst errathen gelernt und die Zauberkraft genug besitzt, die Werke Corneille’s und Racine’s aus dem Grabe heraufzubeschwören. Ganz Paris lief in’s Theater Français, um die Rachel zu sehen, zu hören und zu bewundern.

Es sind nun sechzehn Jahre seitdem verflossen und Paris, das eben so rasch ist, wenn es gilt, seine Idole zu zerstören, als zu schaffen, drängt sich heute noch athemlos in das Theater Français und überfüllt die Räume, wenn der Name der Rachel auf dem Zettel prangt. Sie hat der Anstalt, trotz der vielen Urlaubsreisen, vom Jahre 1838 bis 1852, die enorme Summe von 3,804,048 Franken eingebracht. Von der Seine bis zur Newa, von der Themse bis zum Arno hat man sie mit Gold und Lorbeeren überschüttet. Nun ist sie für die neue Welt jenseits des atlantischen Meeres für 12,000 Franken per Vorstellung, angeworben. Hierzu Lande mißt man Alles, selbst das Talent, ökonomisch nach Zahlen; die arithmetische Größe hat oberste Geltung.

„Wenn ich von Amerika zurückkehre, verlasse ich die Bühne,“ sagte Fräulein Rachel kürzlich zu Madame Aland, ihrer Collegin.

„Sagen Sie das noch nicht, was Sie schon so oft gesagt und doch niemals ausgeführt. Weder Ihr Alter, noch sonst ein Umstand veranlassen Sie, eine Thätigkeit aufzugeben, die Ihnen ein Bedürfniß geworden.“

„Das sagt meine Familie auch; allein ich weiß es sehr wohl, daß ich jeden Tag abwärts gehe.“

Der außerordentliche Erfolg der jungen Schauspielerin öffnete ihr alle Salons. Die vornehme Gesellschaft aller Parteien bemühte sich, sie in ihre Mitte zu ziehen. Als sie einmal in der Deputirtenkammer zu sehen war, richteten sich alle Blicke der Landesvertreter auf die berühmte Künstlerin und es fehlte nicht viel, so wären die wichtigen Verhandlungen in’s Stocken gerathen. Erstaunlich, wie gut und edel das jüdische Proletarierkind, das im [575] schlechten wie im guten Wetter mit der Guitarre umhergelaufen und allen Rohheiten des Haufens ausgesetzt war, die große Dame spielen gelernt. In engern Kreisen, wo sie sich mehr gehen ließ, schlug freilich sehr häufig die Erziehung der pariser Straßen durch und man vermißt an ihr die feine Sitte, die Zartheit des Gefühls, die man sich, wie es scheint, nicht angewöhnen und nicht anlernen kann, wenn man sie nicht mit der Muttermilch eingesogen. Die idealere Lebensanschauung fehlt der berühmten Schauspielerin gänzlich. Sie ist aber nicht verantwortlich für diesen Mangel; weder ihre häusliche Umgebung, in der sie emporgewachsen, weder die untere Sphäre, in der sie ihr Bestes aufgeben mußte, um wenig Geld zu gewinnen, noch die vornehme Welt, wo eben auch die Selbstsucht vorherrscht, mochten ihr eine Schule höherer Anschauungen sein. Ihre literarischen Freunde beklagen sich und mit Recht, daß der dramatischen Künstlerin aller Sinn für Kunst und Poesie abgehe. Die ehemalige Sängerin in den Kneipen langweilt sich und schläft ein, wenn man ihr Shakespeare oder Goethe vorliest. Sie zieht dieser Unterhaltung ihr Lieblingsspiel „Lotterie“ in einer Gesellschaft mir sehr schätzenswerthen Frauen vor. Aber sie ist so gewandten Geistes, so taktvoll, so überaus fein und geschmeidig, daß sie sich sogar im „Abbaye-aux-Bois“ wo Madame „Récamier“ die intime Freundin Chateaubriand’s, die auserlesenste, theils weltliche, theils geistliche Gesellschaft von Paris um sich versammelte, mit Glück zu bewegen wußte. Hier versuchten einige devote Gräfinnen Fräulein Rachel katholisch zu machen; allein sie widerstand der Bekehrung und blieb Jüdin nicht ohne eine gewisse Anhänglichkeit an ihren Glauben und mehr noch an ihren Stamm.

Als sie sich einst im Abbaye-aux-Bois mit dem Erzbischof von Paris zusammenfand, drückte der würdige Prälat sein Bedauern aus, daß er sie nie zu hören Gelegenheit gehabt und äußerte die Bitte, daß sie irgend etwas vortrage. Sie sprach den Monolog aus Polyeukt von Corneille, der mit den Worten schließt, die durch sie so berühmt geworden: „Ich sehe, ich weiß, ich glaube.“ Der Erzbischof war auf’s Tiefste erschüttert und konnte gar nicht genug seine Bewunderung aussprechen.

Dankbar erinnert sich die berühmte Schauspielerin der gastlichen Aufnahme, welche sie in dem Hause ihres Meisters, des Herrn Samson gefunden und der außerordentlichen Dienste, welche er ihr geleistet. Sie läugnet es nicht, daß sie ihm zum größten Theil ihr Emporkommen verdanke. Sie erzählt, daß sie bei Samson’s das erste wohlschmeckende Mahl eingenommen und in Berührung mit gebildeten Menschen kam, deren Nähe ihr wohlthat und sie erhob.

Als Herr Samson mit seiner Familie des Sommers in Charanton, einem Dörfchen bei Paris wohnte, geschah es, daß Fräulein Rachel später als verabredet war, zum Unterricht kam. Auf die Frage des pünktlichen Meisters nach dem Grund dieser Verspätung, gestand das Mädchen wehmüthig, daß sie nicht mehr als ein Kleid im Vermögen habe und warten mußte, bis es gewaschen war, um anständig erscheinen zu können. – Eine freundliche Beziehung bildete sich zwischen der Tochter des Herrn Samson und der Schauspielerin, mit der sie im gleichen Alter war. Die jungen Mädchen mochten sich gerade durch die Verschiedenheit ihrer Stellungen zu einander hingezogen fühlen. Wie wenig die arme Jüdin um jene Zeit von den Gesetzen der Schicklichkeit auch nur eine Ahnung hatte, mag folgender Zug beweisen.

Eines Tages kam sie zu Samson’s und fand ihre junge Freundin mit deren Aeltern beisammen. Sie grüßte diese und reichte Jener die Hand, bei welcher Gelegenheit sie dem Mädchen geheimnißvoll ein Papier zusteckte. Dieses ließ mit weiblichem Instinkte von dem was geschehen, nichts merken, entfernte sich auf eine Weise, die nicht auffiel, um nachzusehen, was das Papier zu bedeuten habe. Wie groß war ihr Erstaunen, als sie darauf eine ernste Liebeserklärung von Herrn Berton geschrieben fand, der sie nachmals heirathete und der, ein Zögling des Herrn Samson, in’s Haus kam und sie zu sehen Gelegenheit hatte.

Fräulein Samson, ein wohlerzogenes Mädchen, machte der Schauspielerin ernste Vorstellungen wegen des Ungeziemenden dieses Thuns.

„Aber liebe Rachel,“ sagte Fräulein Samson, „wie können Sie sich zu so etwas brauchen lassen? Und vergessen, daß Ihnen meine Aeltern die Thüren des Hauses gastlich geöffnet?“

Da fing die ehemalige Sängerin bitterlich zu weinen an und versetzte: „Ich habe geglaubt, Ihnen damit ein Vergnügen zu machen.“

Eine pariser Berühmtheit, zielt Fräulein Rachel auch außer der Bühne auf Effekt. In ihrem Salon findet man eine alte Guitarre an der Wand ausgehängt, angeblich dieselbe, welche ihr einst zu ihrem kümmerlichen Broterwerb gedient und die sie als eine Reliquie ihrer traurigen Vergangenheit präsentirt. Es ist indessen ausgemacht, daß dieses Instrument bereits zwei, drei Mal nachgekauft wurde, da das echte durch irgend einen Zufall längst abhanden gekommen.

In Paris gehört die Komödie zu jedem Handwerk. Napoleon I. hat sich von Talma Stellungen und Mantelwurf einstudiren lassen, um sich dem Volke in kaiserlicher Haltung darstellen zu können.

Die schönste Seite an dem Privatleben der Schauspielerin ist die Anhänglichkeit an ihre Familie; darin verläugnet sie ihren Stamm nicht, der wie kein Anderer die Bande des Blutes heilig. Das Verwandtschaftsgefühl hat sogar über ihren Hang zum Golde die Oberhand.

Als sie kürzlich die Nachricht von der bedenklichen Krankheit ihrer Schwester Rebecca erhielt, die sich in den Pyre, im Bade (eaux bonnes) befand, reiste sie unverzüglich dahin ab, ob sie gleich auf dem Anschlagzettel als Adrienne Lecouvreur in dem Stücke gleiches Namens angekündigt war, und sich der Kaiser für die Vorstellung hatte anmelden lassen. Der Tod dieser Schwester hat sie auf’s Schmerzlichste ergriffen, und ihre Thränen waren ungekünstelt.