Peter, mein Rabe

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: K. A.
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Peter, mein Rabe
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 33, S. 527–528
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: zum Thema: Instinkt oder Ueberlegung
Blätter und Blüthen
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
Ramn.jpg
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[527] Peter, mein Rabe. Ein Beitrag zu der Frage: „Handeln die Thiere nur mit Instinct, oder auch mit Ueberlegung?“ Ich lebte längere Zeit auf einer Besitzung des Barons *, unweit Riga. Ein Bauernjunge, der mir schon öfter Vögel, junge Eichhörnchen und andere Thiere zugeführt hatte, brachte mir eines Tages einen Raben, der so arg zerzaust war, daß er sich kaum bewegen konnte. Der Junge hatte ihn im Walde gefunden. Ich nahm ihn auf mein Zimmer und pflegte ihn, so gut es nur gehen wollte. Bald erholte er sich und stolzirte neben mir, wenn ich im Zimmer auf und ab ging, und als seine gelähmten Flügel die alte Spannkraft wieder gewonnen, flog er aus in’s Freie, erst in kleineren, dann in größeren Strecken, [528] doch kehrte er stets nach dem Hause zurück, in welchem man ihm eine so gute Pflege hatte zu Theil werden lassen. Er zählte bald zum Hausbestande, hörte und antwortete durch ein kurzes Krächzen auf den Namen Peter und lebte in unbeschränkter Freiheit, kam und ging, wann und wohin es ihm beliebte. Machten wir einen Ritt in die Umgegend, so war er stets unser Begleiter; fuhren wir, so umkreiste er den Wagen, flog voraus, kam zurück und setzte sich abwechselnd auf den Bock zum Kutscher, dessen blanke Rockknöpfe untersuchend, oder er ließ sich auf den Rücken eines Pferdes nieder und beschäftigte sich mit den Silberbeschlägen des Geschirrs. Für blanke Gegenstände hatte er eine unüberwindliche Leidenschaft. Mit einem Geldstück konnte man ihn locken, wohin man ihn nur haben wollte. Für mich schien er eine besondere Anhänglichkeit bewahrt zu haben; er machte mir häufig Besuche, und waren die Fenster meines Zimmers geschlossen, so pochte er an die Scheiben, bis ich ihm öffnete. Dann war es oft lustig, zu beobachten, welche Manöver er ausführte, um hinter meinem Rücken irgend etwas Blankes zu erreichen. So lange ich dicht bei ihm war und ihn im Auge behielt, war er die Tugend selbst, und die beweglichen Blicke, mit denen er jede Wendung meines Gesichts verfolgte, waren oft in hohem Grade ergötzlich.

Als ich einmal in mein Zimmer trat, welches ich vor kaum einer Minute verlassen hatte, sah ich den schwarzen Gesellen von meinem Schreibtisch, der dicht am Fenster stand, schnell davonfliegen. Diese eilige Flucht war verdächtig. Ich hatte Geld, in kleinen und großen Silberstücken, auf den Tisch gelegt, ohne an das offene Fenster und den diebischen Peter zu denken; beim Nachzählen entdeckte ich denn auch, daß bereits über fünf Rubel von der Summe fehlten. Ich suchte im Zimmer umher, fand aber nichts, und doch war es unmöglich, daß er in so kurzer Zeit das Gestohlene nach einem entfernt liegenden Versteck gebracht haben konnte. Aber wo war das Versteck? Um dieses zu ermitteln, mußte ich ihn nothwendig noch mehr von dem Gelde stehlen lassen. Peter saß auf einem nahestehenden Baume und blinzelte nach meinem Zimmer. Ich ließ das Geld liegen und versteckte mich, Fenster und Tisch im Auge behaltend. Es dauerte nicht lange, so war er da, blieb eine Weile im Fenster und kam dann vorsichtigen Schrittes auf den Tisch, nahm eilig ein Geldstück, ging damit zum Fenster, legte es nieder und kehrte zurück. Nachdem er das zweimal wiederholt, sprang ich hinzu, untersuchte das Fenster und fand außerhalb auf einem Mauervorsprung das Gestohlene in einer langen Reihe sorgsam niedergelegt. Er hatte offenbar erst so viel als möglich aus dem Zimmer schaffen wollen, um dann ungestört den ganzen Schatz nach einem sicheren Versteck bringen zu können.

Von allen Bewohnern des Hauses begegnete ihm keiner so unfreundlich, wie die Gouvernante, eine Französin. Sie stand mit dem schwarzen Gesellen immer auf feindlichem Fuße und schlug nach ihm, sobald er es wagte, in ihre Nähe zu kommen. Die heftige Französin sollte aber bald erfahren, was es heißt, einen Raben zu beleidigen.

Wir wandelten eines Nachmittags am Ufer eines Waldsees umher, und der schwarze Bursche war wie gewöhnlich in unserer Nähe. Die Gesellschaft hatte sich in verschiedene Gruppen getheilt; die Französin stand unweit des Wassers mit einer Freundin in sehr eifrigem Gespräch. Schon seit einigen Minuten war mir das Benehmen Peter’s aufgefallen; er hatte sich mehrere Mal vorsichtig der Gouvernante genähert, und ich kannte seine Manieren zu genau, um nicht vorauszusehen, daß er hier eine Spitzbüberei auszuführen beabsichtige. Meine Neugierde war groß und ich ließ ihn gewähren. Die Gouvernante hatte keine Ahnung von seiner Nähe.

Plötzlich ging er nach dem Wasser und machte in einer seichten Stelle sein ganzes Gefieder naß, reckte darauf einige Mal seinen Kopf empor und lief dann pfeilschnell auf die Gouvernante zu, beugte sich behutsam, um den Saum ihres aufgeschürzten Kleides nicht zu berühren, sprang auf ihren Fuß, die zierliche Form desselben nicht beachtend, und schüttelte sein nasses Gefieder gehörig ab. Die Gouvernante fiel mit einem Schrei des Schreckens ihrer Freundin in die Arme, und mein Peter machte sich davon. Ob er auch mit dem Schnabel nach dem schönen Fuß gepickt, ist mir unbekannt geblieben.

Noch eines Stückchens will ich erwähnen, welches zwar nicht für die besondere Ueberlegungsgabe des Thieres zeugt, das aber seiner Komik wegen Manchem interessant sein dürfte.

Wir hatten uns Alle zum Thee versammelt, der an schönen Sommertagen immer auf der Terrasse eingenommen wurde. Zu dem mannigfachen Backwerk, das stets zum Thee gereicht wurde, gehörten auch kleine, zusammengelegte Butterbrödchen, etwa von der Größe und Dicke eines Thalers. Diese fehlten heute, und nur der leere Teller stand auf dem üblichen Platz. Die Baronin fragte, doch der Diener behauptete, den Teller hochbelegt auf den Tisch gesetzt zu haben. Es wurde Ersatz gebracht und die Sache hatte damit ihr Bewenden. – Der Baron, ein ruhiger, behäbiger Mann, saß an einem Ende der Terrasse auf einer Bank und las die neuesten politischen Nachrichten. Als er geendet, faltete er die Zeitungen zusammen und wollte damit in die Seitentaschen seines bequemen Hausrockes, fuhr jedoch schnell und erschrocken mit den Händen zurück und fand bei einer näheren Untersuchung beide Taschen mit den so geheimnißvoll verschwundenen Butterbrödchen gefüllt. Das allgemeine Erstaunen war im Augenblick eben so komisch wie gerechtfertigt, löste sich aber sofort in große Heiterkeit auf, als ich bemerkte, daß Niemand anders diese That vollbracht haben könne, als Peter. Und so war es denn auch. Ein Beamter des Hauses hatte von einem Fenster aus die ganze Durchführung dieses Schelmenstreichs mit angesehen. Die offenen Taschen in den Rockschößen, die, über die Rückseite der Bank gelegt, fast bis zur Erde gereicht hatten, waren gar zu verlockend für Peter gewesen.
K. A.