Philipp Reis und das Telephon

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Dr. Adolf Poppe
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Philipp Reis und das Telephon
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 14, S. 235–239
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1893
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[235]
Erfinder-Lose.
Philipp Reis und das Telephon.
Von Dr. Adolf Poppe.

Als ich im August des Jahres 1891 auf einem Rundgang durch die Internationale elektrotechnische Ausstellung in Frankfurt a. M. die Halle für Telegraphie und Telephonie durchschritt, da fesselte mich vor allem die von der Reichstelegraphenverwaltung ausgestellte Sammlung jener Apparate, welche ein vollständiges und übersichtliches Bild von der Entwicklung der elektrischen Telegraphie gaben. Inmitten aller dieser glänzenden, aus den berühmtesten Werkstätten hervorgegangenen Erzeugnisse der physikalischen Technik und Feinmechanik stand ein unscheinbarer, von dem vorübergehenden Strome der Ausstellungsbesucher kaum beachteter Apparat, und sein Anblick rief in mir Erinnerungen wach an einen Vorgang aus meinem früheren Berufsleben, der mich zu dem Erfinder des Telephons in nahe Beziehung gebracht. Ich hatte in diesem bescheidenen Apparat das Originalmodell des Telephons sofort erkannt.

Neben dem Instrument lag das Buch von Silvanus P. Thompson, Professor der Physik an dem University College zu Bristol, „Philipp Reis, Inventor of the Telephone, London, 1883“. Als mir dieser Titel in goldener Schrift von dem stattlichen Einband entgegenleuchtete, da konnte ich mich eines gewissen Gefühls der Beschämung nicht erwehren, daß ein Engländer der erste hat sein müssen, welcher den bescheidenen deutschen Forscher öffentlich als den Urheber einer der glänzendsten Erfindungen des neunzehnten Jahrhunderts anerkannt hat, und zwar in einem Werke, welches als ein Muster gründlicher und gewissenhafter Forschung die Grundlage für die Geschichte des Telephons bildet. Mit dem alten bekannten Apparat stand auch, als läge nicht der Zeitraum eines Menschenalters zwischen dem Jetzt und dem Damals, das Bild des Erfinders wieder lebendig vor meiner Seele: die untersetzte kräftige Gestalt, der massive Kopf mit der intelligenten Stirn und den unregelmäßigen, aber ausdrucksvollen Gesichtszügen, aus denen ein Paar freundlicher kluger Augen blickte. Hatte ich doch mit Philipp Reis, dem zwanzigjährigen Zögling meiner polytechnischen Vorschule[1], ein Jahr lang in täglichem Verkehr gestanden!

Es war im Anfang April des Jahres 1854, als sich Philipp Reis persönlich bei mir zum Eintritt in die Anstalt meldete, indem er seinen bisherigen Bildungsgang in kurzen Umrissen darlegte. Wir wollen hier einen Blick auf die Jugendgeschichte unseres Erfinders werfen an der Hand von Mittheilungen, welche ich zum großen Theile seinem Sohne Karl Reis, Kaufmann in Homburg v. d. Höhe, verdanke.

Philipp Reis wurde am 7. Januar 1834 zu Gelnhausen, Regierungsbezirk Kassel, als Sohn eines Bäckermeisters geboren. Da seine Mutter früh starb, so lag die Erziehung des Knaben hauptsächlich in den Händen der Großmutter, die sich des Enkels auch liebevoll annahm. Schon in der Volksschule seiner Vaterstadt, welche Philipp von seinem 8. bis zu seinem 11. Lebensjahr besuchte, erkannten die Lehrer die ungewöhnliche geistige Begabung des aufgeweckten Knaben, und sie suchten seinen Vater zu bestimmen, ihn einer höheren Schule anzuvertrauen. Dieser war auch ganz damit einverstanden, aber er starb, noch ehe der Plan zur Ausführung gekommen war.

Ein Jahr später übergaben Vormund und Großmutter den Knaben der in weiten Kreisen anerkannten Garnierschen Unterrichts- und Erziehungsanstalt zu Friedrichsdorf bei Homburg v. d. H., in welcher sie ihn gut aufgehoben wußten. Hier ward er bald der Liebling der Lehrer, die sich an den naiven Aeußerungen des für sein Alter sehr kleinen Knaben höchlich ergötzten, aber auch seinem glühenden Lerneifer alle Anerkennung zollten. Philipp zeigte in diesen Jahren eine besondere Vorliebe für fremde Sprachen, insbesondere für das Französische und Englische, und [236] erst während seines Aufenthalts in dem Hasselschen Institut zu Frankfurt a. M., in das er mit vierzehn Jahren übertrat, scheint seine Neigung für die Naturwissenschaften, besonders für Physik und praktische Mechanik, zum Durchbruch gekommen zu sein.

Allerlei mechanische Probleme begannen ihn zu beschäftigen, deren Lösungen von der Eigenart seines erfinderischen Geistes Zeugniß ablegten. Eine seiner Lieblingsideen war die Erfindung eines zuverlässigen Weckers, und er ruhte nicht eher, als bis er einen zustande gebracht hatte, der seinen Ansprüchen genügte. Er bestand, wie er mir später mit drolligem Humor erzählte, aus einem von der Straße heraufgeholten Pflasterstein, den er im Schlafzimmer als Gewicht aufhing und mit einer Schwarzwälder Uhr in Verbindung setzte. Der Stundenzeiger wirkte auf einen empfindlichen Hebelmechanismus, welcher den in einer gewissen Höhe schwebenden Stein zur bestimmten Zeit in Freiheit zu setzen hatte. Im Herabfallen sollte dieser mittels eines starken über eine Rolle laufenden Strickes den Arm des Schläfers kräftig in die Höhe reißen. Es kam jedoch nie so weit; Reis gestand, daß er in banger Erwartung dieses grausamen Augenblickes regelmäßig zu früh aufwachte und es dann vorzog, vor Eintritt der Katastrophe den schweren Pflasterstein abzuhängen. Immerhin, meinte er, habe der Wecker auch auf diese Weise seinen Zweck erfüllt.

Der rege Eifer, mit welchem der junge Mann den Naturwissenschaften oblag, veranlaßte die Lehrer, seinem Onkel und Vormund den Rath zu ertheilen, Philipp nach seinem Austritt aus der Anstalt die polytechnische Schule in Karlsruhe besuchen zu lassen. Aber alle ihre Bemühungen scheiterten an dem festen Willen des Vormundes, der sein Mündel zum Kaufmannsstande bestimmt hatte. Durch seinen Vater schon frühzeitig an Gehorsam gewöhnt, fügte sich Philipp mit schwerem Herzen in das Unabänderliche und trat am 1. März 1850 in das Farbwarengeschäft von J. F. Beyerbach als Lehrling ein, indem er zugleich seinem Vormund schrieb, daß er auf alle Fälle nach Beendigung der Lehrzeit seine Studien fortzusetzen beabsichtige.

Durch Fleiß und Pünktlichkeit erwarb er sich bald die Zufriedenheit und das Vertrauen seines Prinzipals. Zugleich aber benutzte er in seinen freien Stunden jede Gelegenheit zur Erweiterung seiner Kenntnisse. Er nahm Unterricht in der Chemie bei Dr. Julius Löwe und besuchte Proseffor Böttgers Vorlesungen über Chemie und dessen Vorträge über die neueren Entdeckungen und Beobachtungen im Gebiet der Physik und Chemie. Endlich lernte er noch das Drechseln, was ihm später bei Ausführung seiner Erfindungen sehr zu statten kam. Noch heute ist die Familie Reis im Besitz eines kunstvoll von ihm gedrechselten Aschenbechers. Den Rest der freien Zeit verwendete der Unermüdliche zu allerlei mechanischen Arbeiten. Bald waren es Rollschuhe als Ersatz der Schlittschuhe für die Sommerszeit, bald ein dreiräderiges Velociped, was seinen Geist beschäftigte, ja er gerieth sogar in den Bannkreis eines Phantoms, dem schon so viele zum Opfer gefallen sind: er meinte, er müsse das „Perpetuum mobile“ erfinden. Indessen überstand er glücklich diese Krisis, da sein gesunder Menschenverstand bald die Unmöglichkeit erkannte, eine Vorrichtung zu schaffen, deren Nutzwirkung größer wäre als der Aufwand an bewegender Kraft.

So kam das Ende seiner vierjährigen Lehrzeit heran und mit diesem der Zeitpunkt, wo sich Philipp Reis zum Eintritt in meine polytechnische Vorschule anmeldete.

Bei der natürlichen Begabung, dem gereiften Verstande und dem ernsten Streben, das Philipp Reis auszeichnete, war es zu erwarten, daß er das während seiner Lehrzeit Versäumte in verhältnißmäßig kurzer Zeit wieder hereinbrachte. Und wenn er sich der Experimentalphysik und Mechanik besonders lebhaft widmete, so erklärt sich das aus seinem früh erwachten Sinn für die praktische Seite der Naturwissenschaft. Doch das Dargebotene genügte dem Wissensdrange des jungen Mannes nicht. „Mehrere meiner Mitschüler,“ äußert sich Reis in seinen hinterlassenen Aufzeichnungen, „junge Leute im Alter von 18 bis 20 Jahren, empfanden es mit mir als einen Mangel, daß Naturgeschichte, Geschichte und Geographie nicht gelehrt wurden. Wir beschlossen daher, uns gegenseitig in diesen Fächern zu unterrichten. Ich übernahm die Geographie und gewann aus dieser ersten Veranlassung die Ueberzeugung, daß das Lehren mein Beruf sei. Herr Dr. Poppe bestärkte mich darin und unterstützte mich mit Rath und That.“ Es überraschte mich anfangs, als er mir seine Neigung zum Lehrerberuf enthüllte, da ich bei seinem so entschieden ausgeprägten Sinne für das Praktische bisher in ihm nichts anderes als den künftigen Techniker gesehen hatte. Doch mußte ich den Gründen, die ihn zur Aenderung seines Lebensplanes bestimmt hatten, schließlich beipflichten.

Durch sein treuherzig biederes Wesen und seine heitere Laune hatte sich Reis in kurzer Zeit die Zuneigung seiner Mitschüler erworben. Ich selbst trat zu ihm schon im Laufe des ersten Semesters in das Verhältniß eines älteren Freundes, wozu wesentlich eine gemeinsame Reise nach der Schweiz beitrug, die wir in den Sommerferien 1854 miteinander unternahmen. Wie diese Reise mich dem jungen Manne persönlich nahe brachte, so hat mir auch die Einführung eines für Natureindrücke so empfänglichen Gemüths in die Zauber der Hochgebirgswelt einen hohen Genuß bereitet.

Im Frühjahr 1855 verließ Reis die polytechnische Vorschule, um in Kassel bei den hessischen Jägern seiner Militärpflicht zu genügen. Nach dieser Unterbrechung seiner Studien kehrte er nach Frankfurt zurück, wo er mit allem Eifer seine Privatstudien wieder aufnahm, um sich auf den Besuch der Universität Heibelberg vorzubereiten und dort den Schlußstein zu seiner Ausbildung als Lehrer zu legen. Als solcher wollte er sich in Frankfurt niederlassen und in verschiedenen Anstalten den Unterricht in Mathematik und Naturwissenschaften übernehmen. Auf diese Weise hoffte er einen seinen Neigungen und Kenntnissen entsprechenden Wirkungskreis zu finden. Die folgenden zwei Jahre, 1856 bis 1858, beschäftigte er sich vorzugsweise mit Akustik, strahlender Wärme und Elektricität und unternahm in dieser Richtung die ersten selbständigen experimentellen Untersuchungen, wozu ich ihm meine Apparate zur Verfügung stellte. Unter anderem hatte ich ihm zwei große messingene Parabolspiegel geliehen, welche aus der mechanischen Werkstätte von Wilhelm Albert stammten. Als ich ihn eines Tages in dem kleinen Laboratorium besuchte, das er sich in einem Erdgeschoßraum der großen Gallusgasse, da wo jetzt das Hotel du Nord steht, eingerichtet hatte, fand ich ihn eifrig drehend an einer Elektrisiermaschine, in der Absicht, im Brennpunkte des einen isolierten Hohlspiegels elektrische Funken überspringen zu lassen, und in gespannter Erwartung, ob sich an einem etwa 8 Meter entfernten, im Brennpunkte des zweiten Hohlspiegels angebrachten Elektroskop eine Wirkung zeige. Schon seit einiger Zeit hatte ihn nämlich der erst neuerdings bestätigte Gedanke beschäftigt, daß die Elektricität eine besondere Schwingungsform des Aethers sei und daß sie in ähnlicher Weise im Raume sich fortpflanze und demselben Reflexionsgesetze folge wie Licht und strahlende Wärme. Seine Versuche scheinen jedoch damals zu keinem Ergebnisse geführt zu haben, aus dem sich sichere Schlüsse hätten ziehen lassen, was schon aus dem Grunde erklärlich ist, weil ihm die für feinere Untersuchungen erforderlichen Hilfsmittel nicht zu Gebote standen.

In Friedrichsdorf hatte sich inzwischen das Garniersche Institut innerhalb der zehn Jahre, welche verflossen waren, seit Philipp Reis als vierzehnjähriger Knabe dasselbe verlassen, bedeutend vergrößert und das Bedürfniß, das Lehrerpersonal zu vermehren, herausgestellt. Als nun Reis im Frühjahr 1858 dem Studienrathe Garnier einen Besuch abstattete und ihm bei dieser Gelegenheit seinen Lebensplan mittheilte, bot ihm Garnier vertrauensvoll sofort eine Stelle an. Mit Freuden erklärte sich Reis zur Annahme bereit, und im Herbst desselben Jahres erfolgte seine Einführung in den neuen Wirkungskreis. In einem Nebengebäude der Anstalt richtete er sich ein Laboratorium und physikalisches Kabinett nebst naturgeschichtlicher Sammlung ein, und in diesem kleinen Reiche waltete er als unumschränkter Herrscher. Im Frühjahr 1859 heirathete er dann die Tochter seines ehemaligen Vormundes und gründete sich sein trautes Heim, nachdem er ein dem Studienrath Garnier gehöriges Haus gekauft hatte. Hier war Reis in seiner freien Zeit wieder Mechanikus, Schlosser, Tischler und Drechsler in einer Person. In den Augen der Zöglinge umgab den Tausendkünstler bald ein geheimnißvoller Nimbus; man flüsterte sich zu, Herr Reis verschaffe sich auf irgend eine räthselhafte Weise mittels geheimer Apparate Kenntniß von allen muthwilligen Streichen. Und so ganz ohne Grund war dieses Gerücht nicht. Er hatte z. B. in seinem Arbeitszimmer an einer passenden Stelle eine Camera obscura aufgestellt, welche ihm von allen Vorgängen auf dem Spielplatz ein genaues Bild lieferte. Im Hofe befand sich ein kleiner Laufbrunnen, an welchem die Schüler öfters durch Zuhalten des Rohres ihren Muthwillen ausließen. Diesem Unfug zu steuern, hatte Reis in seinem Zimmer ein mit dem Brunnen [237] in Verbindung stehendes Manometer angebracht, welches jedesmal durch die unruhige Bewegung des Zeigers die Störung verrieth.

Im Jahre 1859 nahm Reis die zwei Jahre zuvor in der Gallusgasse zu Frankfurt begonnenen experimentellen Untersuchungen über elektrische Strahlung und zwar diesmal mit besseren Hilfsmitteln wieder auf. Er arbeitete ohne jemand hinzuzuziehen, für sich allein. Doch erinnert sich Herr E. Albert jun., aus dessen Werkstätte er damals die erforderlichen Hilfsmittel bezog, daß er Schirme von verschiedenem Material zwischen die Hohlspiegel brachte, um ihre Durchdringlichkeit für elektrische Strahlen zu prüfen, und daß er auch verschiedene Körperflächen zu Reflexionsversuchen benutzte. Seine Versuche scheinen diesmal nicht ohne Erfolg gewesen zu sein; denn er fühlte sich ermuthigt, eine Abhandlung „Ueber strahlende Elektricität“ an Professor Poggendorff in Berlin mit der Bitte zu senden, dieselbe in den „Annalen der Physik“ zu veröffentlichen. Zu seiner großen Enttäuschung nahm Poggendorff die Arbeit nicht auf, ein empfindlicher Schlag, der auf den jungen strebsamen Lehrer einen so entmuthigenden Eindruck machte, daß er die Lust verlor, seine Versuche weiter zu verfolgen. Erst 30 Jahre später, als ihn längst das Grab deckte, sind seine Vermuthungen durch die epochemachenden Entdeckungen des Professors Hertz bestätigt worden. Von der Abhandlung selbst ist keine Spur mehr vorhanden.

300px

Philipp Reis, der Erfinder des Telephons.

Ueber all dem hatte Reis einen Gedanken nicht aus den Augen verloren, der schon dem 18jährigen Lehrling aufgestiegen war, den Gedanken nämlich, durch den galvanischen Strom unter Mitwirkung schwingender Membranen nicht nur musikalische Töne, sondern sogar gesprochene Worte in der Ferne vernehmbar zu machen. Schon auf jener gemeinsamen Schweizerreise hatte er mir Andeutungen über Versuche gemacht, zu denen ihn Pages Entdeckung von dem galvanischen Tönen eines von einer Drahtspirale umgebenen Eisenstabes angeregt hatte. Jetzt, im Jahre 1860, nahm er die damals wegen scheinbar unüberwindlicher Schwierigkeiten aufgegebenen Versuche wieder auf und jetzt gelang es ihm, festen Boden zu gewinnen. In freudiger Erregung theilte er mir eines Tages mit, daß ihm die Fortpflanzung beliebiger Töne auf ziemlich große Entfernung endlich geglückt sei, und er lud mich und meine Frau ein, uns selbst mit Aug’ und Ohr davon zu überzeugen. So begaben wir uns denn vor Schluß der Sommerferien, an einem schönen Junitag des Jahres 1860, nach Friedrichsdorf und suchten Reis in seinem Heim auf. Nach einigen vorbereitenden Anordnungen wurde zur Probe mit dem von Reis eigenhändig angefertigten, allerdings noch sehr unvollkommenen Versuchsapparat geschritten, dem er den Namen Telephon beigelegt hatte.

Die schematische Skizze Fig. 1 mag zur Veranschaulichung dieser ursprünglichen Anlage dienen. Der Empfänger A, welcher auf einem in der Mitte des Zimmers befindlichen Tische seinen Platz hatte, bestand aus einem Resonanzkästchen – soviel ich mich entsinne, einer leeren Cigarrenkiste – und einer mit sechs Lagen übersponnenen Kupferdrahtes umwickelten Rolle oder Magnetisierungsspirale a, welche über eine dicke Stricknadel n n geschoben war[2]. Letztere ruhte mit ihren aus der Rolle hervorragenden Enden auf zwei Stegen des Kästchens. Zwei Klemmschrauben c und g nahmen die beiden Drahtenden der Rolle und die vom Sender B und der Batterie kommenden Leitungsdrähte L L auf. Einige Minuten nachdem sich Reis in das durch den Hofraum von seiner Wohnung getrennte Hintergebäude zum Absende-Apparat begeben hatte, erschallte aus der Richtung des Resonanzkästchens leise, doch im ganzen Zimmer vernehmbar, in einem summenden Tone die Melodie des Volksliedes „Muß i denn, muß i denn zum Städtele ’naus“. Dann folgten noch einige andere bekannte Volkslieder ohne Worte. Daß direkte Schallleitung nicht im Spiele sein konnte, ließ sich leicht feststellen. Als Reis wieder ins Zimmer trat, war mein Erstes die naheliegende Frage, ob er mit der Melodie auch die Worte in den Absender gesprochen habe. Er bejahte es mit der Bemerkung, daß seine Bemühungen, auch das gesungene oder gesprochene Wort auf elektrischem Wege deutlich zu übertragen, bis jetzt ohne befriedigenden Erfolg gewesen seien. Indessen gebe er die Hoffnung nicht auf, mit sorgfältiger gebauten Apparaten und nach Anbringung einiger Verbesserungen auch dieses Ziel noch zu erreichen, ja er hoffe sogar, die Herstellung eines mündlichen Verkehrs zwischen zwei meilenweit voneinander entfernten Stationen noch zu erleben. Ihm selbst sollte dieses Glück nicht beschieden sein. Wie nahe er indessen ohne es zu ahnen, diesem Ziele war, darauf werde ich weiter unten zurückkommen.

Den Sender konnte ich an jenem Nachmittag leider nicht mehr in Augenschein nehmen, da die vorgeschrittene Zeit zur Rückfahrt mahnte. Höchst wahrscheinlich ist es derselbe Apparat gewesen, welchen Reis das Jahr darauf bei Gelegenheit eines im Physikalischen Verein zu Frankfurt gehaltenen Vortrages „Ueber Telephonie durch den galvanischen Strom“ beschrieben hat und der später in den Besitz des Professors Thompson gekommen ist. Er besteht aus einem Holzwürfel B, welcher als Schalltrichter eine konische Höhlung besitzt, deren engere Mündung durch eine straff gespannte Membrane aus Schweinsdünndarm verschlossen ist. Auf die Mitte der letzteren ist ein Platinplättchen m gekittet und dieses durch einen dünnen Kupferstreifen p mit der Klemme s verbunden. Ein an der Klemme befestigter Platinstreifen q, das sogenannte Hämmerchen, endigt über der Mitte der Membrane in einer Spitze, mit der es das Plättchen m berührt. Sobald durch diesen Kontakt, welcher in der Folge durch eine besondere Schraube reguliert wurde, die Kette geschlossen war, nahm der Strom von dem positiven Pole x einiger Bunsenschen Elemente aus durch den Leitungsdraht L den Weg x r p m q s g a c y. Die Schallwellen, welche in abwechselnden Verdichtungen und Verdünnungen der Luft bestehen, setzen die Membrane in Schwingung. Nach des Erfinders Erklärung wird bei der Verdichtung das Hämmerchen q von der Membrane zurückgedrängt, bei der Verdünnung kann dasselbe der zurückschwingenden Membrane nicht folgen und der Strom bleibt solange unterbrochen, bis die Membrane durch den Druck einer neuen Verdichtung wieder an q gedrängt wird. In dieser Weise bewirkt jede Schallwelle ein Schließen und Oeffnen des Stroms, also auf der entferten Station gleichzeitig eine Magnetisierung und Entmagnetisierung der Stricknadel, d. h. eine entsprechende Aenderung und Wiederherstellung der Gleichgewichtslage ihrer Moleküle. Die Folge ist ein Ton, dessen Höhe oder Tiefe den Stromunterbrechungen in gegebener Zeit entspricht.

[238] Jener Vortrag im Physikalischen Verein zu Frankfurt am 26. Oktober 1861 war die erste Gelegenheit, bei welcher Reis mit seinem Telephon an die Oeffentlichkeit trat. Der Empfänger befand sich im Hörsaal des Vereins, der Sender in einer Entfernung von etwa 100 Metern im benachbarten Bürgerhospital, dessen Fenster und Thüren geschlossen waren. Obgleich an der ursprünglichen Gestalt des Apparates, wie ich sie oben beschrieben habe, wenig verändert oder verbessert war, so erregten doch die musikalischen Leistungen desselben das Erstaunen und die Bewunderung der zahlreich versammelten Zuhörerschaft.

Kurz darauf wurden in Reis’ Wohnung zu Friedrichsdorf in Gegenwart des Profefsors J. Müller aus Freiburg i. B., des Professors Schenk, des Musiklehrers H. F. Peter und des Apothekers Müller interessante Sprechversuche mit dem Telephon angestellt, worüber folgende Mittheilungen vorliegen: der Schwager des Erfinders, Philipp Schmidt, begab sich an den entfernten Sender und sprach verschiedene Sätze aus Spieß’ Turnbuch in den Apparat, welche Reis, der am Empfänger horchte, den Anwesenden wörtlich wiederholte. Da Peter meinte, die Bekanntschaft mit dem Buche sei es, welche Reis das Verständnis der in den Sender gesprochenen Worte erleichtere, so begab er sich selbst an den Sender und rief absichtlich einige sinnlose Sätze hinein, z. B.: „Die Sonne ist von Kupfer“; Reis verstand: „Die Sonne ist von Zucker“; ferner: „Das Pferd frißt keinen Gurkensalat“; Reis verstand und wiederholte: „Das Pferd frißt …“ Trotz dieser Unvollkommenheiten war das Erstaunen der Anwesenden groß, und kein geringeres Aufsehen erregte der am 11. Mai 1862 im Freien deutschen Hochstift vor einer zahlreichen Versammlung gehaltene und von Versuchen begleitete Vortrag, worin Reis den Ursprung und die Entwicklung seiner Telephon-Idee in klarer und gedrängter Form darlegte. Als Zeichen der Anerkennung seiner glänzenden Erfindung wurde er kurz darauf zum Ehrenmitglied des Hochstifts ernannt.

Ermuthigt durch die lebhafte Theilnahme, mit der Fachmänner und Laien seine Erfindung begrüßten, sandte Reis eine zweite Abhandlung, diesmal über das Telephon, an Professor Poggendorff. Aber ungeachtet der brieflichen Empfehlung der Professoren Böttger in Frankfurt und J. Müller in Freiburg wurde die Aufnahme auch dieser Arbeit in die „Annalen der Physik“ abgelehnt, wodurch sich Philipp Reis mehr als je gekränkt fühlte. Was ihn aber früher daniedergedrückt hatte, das spornte ihn jetzt zu erhöhtem Eifer an; er wollte der Welt zeigen, wie wenig er eine solche Kränkung verdient habe. Eine Verbesserung folgte der anderen; das Ziel dabei war hauptsächlich die Verstärkung des Tons und die bequemere Handhabung des Instrumentes. Den Abschluß bildete die im Jahre 1863 aus der mechanischen Werkstätte von W. Albert und Sohn hervorgegangene Konstruktion, welche auch in der „Gartenlaube“, Jahrgang 1863, Nr. 51 beschrieben und abgebildet ist. Am 6. September 1863 zeigte Dr. Otto Volger das Telephon dem zur Zeit des Fürstenkongresses in Frankfurt anwesenden Kaiser von Oesterreich und dem König Maximilian von Bayern, als diese das Goethehaus besuchten.

Die ehrenvollste Anerkennung erlebte der Erfinder in der deutschen Naturforscherversammlung zu Gießen am 21. September 1864, wo er in der physikalischen Sektion sein Telephon selbst vorzeigte und erklärte. Hier waren es die versammelten Spitzen der Wissenschaft, Physiker ersten Ranges, welche seinem Vortrag mit gespannter Aufmerksamkeit folgten und den Probeleistungen des Apparates volle Bewunderung zollten, Männer wie Helmholtz, Weber, Poggendorff, Wiedemann, Quincke und noch viele andere. Die bescheidene Weise, in welcher Reis von seinen Untersuchungen sprach, erwarb ihm sofort das Wohlwollen aller Zuhörer. Daß damals nicht nur musikalische Töne, sondern auch gesungene und auf gewöhnliche Weise gesprochene Laute verstanden worden sind, wird von mehreren der Anwesenden, so von Quincke in einem an Thompson gerichteten Schreiben vom 10. März 1883, bestätigt, „Ich horchte,“ so erzählt jener, „an dem Resonanzkästchen und hörte sowohl Singen als Sprechen. Ich erinnere mich ganz bestimmt, die Worte des deutschen Liedes ‚Ach! du lieber Augustin, alles ist hin!‘ gehört zu haben.“[3] Die Mitglieder der Versammlung waren freudig erstaunt und beglückwünschten aufs herzlichste Herrn Reis zu dem Erfolg seiner Untersuchungen in der Telephonie.

Nach seinem so beifällig angenommenen Vortrag wurde Reis, wie Thompson nach Mittheilungen von Augenzeugen berichtet, die Genugtuung zu theil, daß ihn Poggendorff persönlich um Einsendung einer Abhandlung über das Telephon für die „Annalen der Physik“ ersuchte. Diesmal aber war es Reis, welcher, der wiederholten Kränkung durch Poggendorff eingedenk, in höflichster Form ablehnte.

Von jetzt an wurde das Telephon nach allen Richtungen der Windrose versendet, so daß es bald in den physikalischen Kabinetten der meisten Städte anzutreffen war. Aber an eine praktische Verwerthung desselben im Sinne eines geregelten Fernsprechverkehrs war, solange die Uebermittlung der menschlichen Sprache sich nur auf kurze Sätze und geringe Entfernungen beschränkte, nicht zu denken. Es war daher für Reis eine bittere Enttänschung, wahrnehmen zu müssen, wie die allgemeine Theilnahme für die Erfindung nicht allein in der Laienwelt, sondern selbst in wissenschaftlichen Kreisen allmählich ermattete. Er verlor die freudige Schaffenskraft und arbeitete nur noch wenig an der Vervollkommnung des Telephons. Seine letzten Arbeiten in dieser Richtung zu Anfang der siebziger Jahre hatten das Ziel, die Töne eines Musikinstruments, z. B. eines Klaviers, auf elektrischem Wege fortzupflanzen. Er mußte jedoch diese Idee wieder fallen lassen, als sich die ersten Anzeichen eines Lungenleidens einstellten. Die Leitungsdrähte um das Wohnhaus und die Klemmschrauben dicht am Klavier, welche mir im August 1891 von seiner Witwe gezeigt wurden, rühren noch von diesem letzten Versuch her. Im Dezember 1873 warf die Lungenschwindsucht Philipp Reis auf das Krankenlager, von dem er sich nicht mehr erheben sollte, und am 14. Januar 1874 erlag er, 40 Jahre alt, der schleichenden Krankheit. Das sehnlichst erstrebte Ziel, sein Telephon im Dienste der Menschheit praktisch verwendet zu sehen, hatte er nicht mehr erreicht. Ihm selbst sollte dieses Glück nicht beschieden sein.

Seinem forschenden Geiste scheint eines verhüllt geblieben zu sein: der Gedanke, daß die Uebermittlung von Tönen und Worten in ihrer ungetrübten Reinheit, Fülle und Klangfarbe auf elektrischem Wege nur durch stetige, den Verdichtungen und Verdünnungen der Schallwellen genau entsprechende Stärke-Aenderungen eines ununterbrochenen Stromes, mit anderen Worten, durch Umwandlung der Schallwellen in Stromwellen, zu erzielen sei. Dieses für die Entwicklung des Fernsprechwesens so hochwichtige Prinzip zuerst erkannt und zur Vervollkommnung des Telephons benutzt zu haben, ist das Verdienst des Amerikaners Graham Bell. Und so sehen wir den „Fernsprecher“ im Jahre 1876, zwei Jahre nach dem Tode unseres Reis, zuerst durch Bell und ein Jahr später durch E. Hughes und R. Lüdtge, die Erfinder des Mikrophons, mit großartigem Erfolg praktisch durchgeführt. Nichtsdestoweniger ist und bleibt das Telephon auch als Fernsprecher deutschen Ursprungs. Denn daß dem Urheber der Erfindung die Uebermittlung der Sprache nicht allein als Möglichkeit vorgeschwebt hat, sondern daß sie ihm tatsächlich gelungen ist, dies haben, wie oben bereits nachgewiesen, glaubwürdige Zeugen öffentlich bestätigt. Graham Bell, welcher das Reis’sche Telephon genau kannte, hat sich in seinem englischen Patent selbst nicht als Erfinder bezeichnet, sondern nur den Anspruch erhoben, die Erfindung verbessert zu haben.

Dadurch ist allen Bemühungen, von welcher Seite sie kommen mögen, Philipp Reis die Priorität der Erfindung abzusprechen und sie Graham Bell zuzuwenden, von vornherein die Grundlage genommen.

Nachdem wir oben einen ununterbrochenen, gleichsam als Abbild der Schallwellen auf- und abschwellenden elektrischen Strom als wesentliche Bedingung für die getreue Uebermittlung der Sprache bezeichnet haben, liegt die Frage nahe, wie denn das Reis’sche Telephon mit seinem aussetzenden Strom Worte oder Sätze überhaupt mit genügender Deutlichkeit wiedergeben konnte. Hierfür giebt Thompson folgende Erklärung. Nach seiner Auffassung bestand bei dem Reis’schen Sender die Thätigkeit des sogenannten Unterbrechers nicht in Stromunterbrechungen und Stromschlüssen im strengen Sinne des Wortes, sondern in der den Membranschwingungen proportionalen Aenderung der Stromstärke mittels eines im Stromkreise angebrachten losen, veränderlichen und regulierbaren Kontaktes. Dadurch wurde der Strom in einen „undulatorischen“, d. h. einen anschwellenden und [239] wieder zusammensinkenden, verwandelt und somit für die Uebertragung der Sprache geeignet. Die öfters beobachtete Unvollkommenheit und Unsicherheit dieser Uebertragung aber schreibt Thompson der großen Leichtigkeit zu, mit welcher der Kontakt unterbrochen werden konnte, wenn zu laut in den Schalltrichter gesprochen wurde. Nach dieser Erklärung würde Reis, dem der bestimmte physikalische Begriff unnterbrochener elektischer Stromwellen nicht bekannt war, die Ströme seines Telephons irrthümlich für unterbrochene gehalten haben, während sie in Wirklichkeit undulatorische waren. „Aber alles das hat,“ wie ein Fachmann [4] einmal ausgesprochen hat, „mit der thatsächlichen Wirksamkeit seines Senders nichts zu thun. Es kommt für das Verdienst des Reis nicht darauf an, wie er sich den genauen physikalischen Vorgang vorgestellt hat, sondern wie dieser Vorgang wirklich beschaffen war.“ Um nun die wesentliche Uebereinstimmung des Reis’schen Telephons mit dem Telephon der Gegenwart möglichst anschaulich vor Augen zu führen, habe ich beide Systeme in den schematischen Skizzen Fig. 2 und 3 nebeneinander gestellt und zur Bezeichnung der entsprechenden Theile gleiche Buchstaben gewählt.

Unsere heutigen Fernsprecheinrichtungen, so vielgestaltig sie auch sein mögen, haben doch beinahe alle die folgenden Hauptorgane miteinauder gemein:

1. Die galvanische Batterie zur Erzeugung eines Lokalstroms, des „primären“ Stroms.

2. Ein in den Stromkreis dieser Batterie eingeschaltetes „Mikrophon“, welches die Schwingungen einer Schallplatte oder Membrane auf den Lokalstrom überträgt und in Stromwellen, d. h. Aenderungen der Stromstärke, umsetzt.

3. Den „Induktor“ oder „Transformator“, welcher den Zweck hat, mittels des undulatorischen Lokalstromes in dem Telephondraht einen sekundären undulatorischen Strom von größerer Spannung hervorzurufen.

4. Das Bellsche Hörtelephon als Empfänger.

Dieses ganze System ist in seinem Zusammenhange durch Fig. 2 veranschaulicht. Unter der Mitte der elastischen Schallplatte oder Membrane M ist ein Kohlenstück a befestigt, welches ein zweites auf fester Grundlage ruhendes Kohlenstück b unter regulierbarem Drucke dauernd berührt. Diese beiden Kontaktstücke, an deren Stelle auch öfters Platin gewählt wird, sind es, welche in Verbindung mit der Schallplatte das im einzelnen vielfach verschieden gebaute Mikrophon in einfachster Form darstellen. B ist die elektrische Batterie. Wird nun das Bellsche Hörtelephon T von dem Gehäuse des Senders (Gebers) abgehängt, um ans Ohr gebracht zu werden, so wird der Stromkreis geschlossen, und der Lokalstrom nimmt von dem positiven Pol x aus seinen Weg in der Pfeilrichtung durch beide Kontaktstücke a und b, umkreist die Spule c d des Induktors A und kehrt durch den Pol y in die Batterie zurück. Die von den Schallwellen hervorgerufenen Schwingungen der Platte M vermehren und vermindern, genau nach Maßgabe ihrer Stärke, die Innigkeit der Berührung beider Kontaktstücke, d. h. den Querschnitt des Leiters, und somit in gleichem Verhältnisse auch die Stromstärke, kurz sie bewirken jenes An- und Abschwellen, welches dem Lokalstrom den wellenartigen Charakter verleiht. Der Lokalstrom selbst aber ruft, indem er die Wicklung der Hauptrolle c d des Induktors durchfließt, in den Drahtwindungen der Nebenrolle i und somit in der Telephonleitung überhaupt, einen in gleicher Weise auf- und abschwellenden sekundären Strom von größerer Spannung hervor, welcher den Leitungswiderstand leicht überwindet. Letzteres würde auf große Entfernungen mit dem verhältnißmäßig schwachen primären Strom nicht ausführbar sein. Der sekundäre Strom ist es nun, welcher die Drahtrollen r der Bellschen Telephone T beider Stationen durchfließt und die feinen „Wogen“ entsprechenden Verstärkungen oder Verminderungen im Magnetismus der Stabmagnete n herbeiführt. Dadurch wird die dem Ende der letzteren nahe gegenüberliegende dünne Eisenscheibe s in Schwingungen gesetzt, welche dem Ohr die gegen M gesprochenen Laute in ihrer ganzen Reinheit und Klangfarbe wiedergeben.

Die Vergleichung dieses Systems, als des Typus der modernen Fernsprecheinrichtung, mit dem in Fig. 3 skizzierten Reis’schen Telephon vom Jahre 1863 läßt, was den Sender betrifft, den einzigen Unterschied erkennen, daß bei Reis der Induktor A fehlt, der Batteriestrom also die ganze Strecke bis zur entfernten Station zu durchlaufen hat. Die Kohlenstücke a und b sind hier durch Platinstücke, nämlich das Plättchen a und das Hämmerchen b, vertreten. Es unterliegt nun keinem Zweifel, daß die letzteren, wenn sie sich während der Membranschwingungen dauernd berühren, ein Mikrophon bilden und aus demselben Grunde wie die Kohlenstücke in Fig. 2 den elektrischen Strom in einen undulierenden verwandeln. Indem dieser in Fig. 3 auf dem Wege x a b c r g y die Drahtwicklung der Rolle r des Empfängers E durchfließt, erregt er in der Stricknadel n n Molekularschwingungen, welche den Stärkeänderungen des Stromes und somit auch den Membranschwingungen entsprechen und auf das Resonanzkästchen übertragen werden. Bei ununterbrochenem Kontakte vermag nun das dem Kästchen genäherte Ohr sowohl musikalische Töne als auch jedes gesprochene Wort, bei unterbrochenem aber nur musikalische Töne deutlich zu hören.

Vergleicht man endlich mit diesem Empfänger das in Fig. 2 gleichfalls als Empfänger dienende Bell-Telephon T, so ist auch hier die nahe Verwandtschaft nicht zu verkennen. Jeder unbefangene Beobachter wird in dem Bell-Telephon T sofort den Reis’schen Empfänger E in anderer, für den Gebrauch bequemerer Form erblicken. Denn in beiden ist eine Induktionsrolle r das wesentliche Hilfsmittel, durch das der Strom bei Bell in dem Magnetstabe n, bei Reis in der Stricknadel n n Zu- und Abnahme des Magneasmus im Rhythmus der Schall- und Stromwellen hervorbringt, welche schließlich bei Bell die Eisenmembrane s, bei Reis das Resonanzkästchen in Schall erregende Schwingungen versetzen.

Wir kommen also zu dem Schluß, daß das ursprüngliche Telephon, wenn auch seine unmittelbaren Erfolge durch die wunderbaren Leistungen der späteren Telephonie in den Hintergrund gedrängt wurden, doch den gesunden Kern enthält, auf welchem das heutige Fernsprechwesen sich entwickeln konnte. Wem also der Ruhm gebührt, als Urheber einer der glänzendsten und bedeutsamsten Errungenschaften des neunzehnten Jahrhunderts auf dem Gebiet der angewandten Naturwissenschaften bezeichnet zu werden, darüber kann kein Zweifel bestehen, und diesen Ruhm wird die Nachwelt unserem Philipp Reis nicht streitig machen.

Der deutsche Kaiser hat denn auch der Witwe des Erfinders aus seinem Dispositionsfonds als Zeichen dankbarer Anerkennung der Verdienste ihrers verstorbenen Gatten eine namhafte Pension bewilligt. Der Phsfikalische Verein zu Frankfurt a. M. ließ ihm auf dem Friedhof zu Friedrichsdorf einen schönen Gedenkstein errichten, und auch seine Vaterstadt Gelnhausen hat sein Andenken durch ein Denkmal geehrt.



  1. Diese im Jahre 1850, vor meiner Berufung zum Direktor der Gewerbeschule, von mir zu Frankfurt a. M. gegründete Anstalt hatte es sich zur Aufgabe gemacht, junge Leute, die sich einem höheren technischen Beruf widmen wollten, für die polytechnische Hochschule vorzubereiten.
  2. Bei dem allerersten Hörapparat hatte Reis eine Geige als Resonanzboden benutzt, auf der eine Magnetisierungsspirale senkrecht befestigt war.
  3. Thompson, „Ph. Reis, Inventor of the Telephone“. S, 112 und 113.
  4. C. Grawinkel in der „Elektrotechnischen Zeitschrift“ 1888, S. 257.