Plötzensee

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Kurt Tucholsky
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Plötzensee
Untertitel:
aus: Mit 5 PS Seite 22–24
Herausgeber:
Auflage: 10. – 14. Tausend
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1928
Verlag: Ernst Rowohlt
Drucker: Herrosé & Ziemsen
Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
Aus dem Zyklus:DORF BERLIN
Erstdruck in: Weltbühne, 29. April 1920
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[22]
Plötzensee

Ach, nicht das von heute. Das ist genau so traurig, wie alles andre auf dieser gottverflucht preußischen Welt. Nein, „Plötzensee“ ist der Titel eines kleinen, anonym erschienenen Bändchens, das heute vergriffen ist und das die Verbrecherwelt aus dem vorigen Frieden gemütlich-bürgerlich schildert. Natürlich nicht richtig – Gott bewahre. Alles, was in dem Buch ernst sein soll, ist rettungslos verkitscht, die sozialen Zusammenhänge zwischen Wirtschaft und Gefängnis sind dem Verfasser unbekannt, und so nett und freundlich, wie in dem kleinen Buche, wird es ja auch wahrscheinlich im vorigen Frieden da nicht zugegangen sein. Aber, aber…

Aber Berlin ist in dem Buche. Es muß einer geschrieben haben, der sonst überhaupt nicht schreibt, und diese Leute treffen manchmal den Lokalton am besten, viel besser als irgendeiner von uns. (Ich habe später von dem Verfasser des Bändchens andre Geschichten gelesen, bei denen er sich als „Verfasser von Plötzensee“ angab – die waren scheußlich, weil erfunden.) Dieses hier aber hat er alles gesehen – der Mann hat offenbar wegen irgendeiner Kleinigkeit gesessen, was bei der lotterieartigen Austeilung von Strafen hierzulande leicht vor sich gehen kann – und nun hat er notiert.

Das Ernste also gestatte man mir zu übergehen – aber wie das Lustige wiedergegeben ist, das wirft einen um. Wundervoll die berlinische Diktion in den Reden – der Berliner redet gern und viel –; das hat nur noch Hyan in seinen besten Zeiten so gehört. Am schönsten sind die Passagen, in denen die Herrschaften philosophisch werden und das Fazit eines Krachs, des Gefängnisses oder des Lebens überhaupt ziehen. „Ja,“ sagte dieser, „so sind nu die Leite. Draußen, da sind sie froh, wenn sie ’ne Bleibe haben und können ’n Kaffeestamm machen [23] bei Knitschken, und hier drin haben sie zu ‚beanspruchen‘!“ Oder die historischen Geschichten. „Als einmal ein vollkommener Neuling einen Zellengenossen und alten Ehrenbürger nach der Qualität des Essens fragte, führte dieser ihn schweigend in eine Ecke der Zelle, wo ein kleines Loch im Fußboden war und sagte: ‚Das sind die Erbsen.’ Und als der andre ihn erstaunt ansah, fügte er hinzu: ‚Da hat mal einer ’ne Erbse vons Mittagessen ausgespuckt, und davon is das Loch in die Diele.’ Dann zeigte er ihm einen großen Schmutzfleck an der Wand und sagte wieder: ‚Das ist der Käse.’ Diesen geheimnisvollen Ausspruch erklärte er also: ‚Jede Woche gibt es einmal abends ’n Sechserkäse, und damit wird immer Zentrum an die Wand jeschmissen. Meistens bleibt er kleben.’“

Jedes Wort ist eine Erbauung. Denn namentlich der Berliner ältern Stils setzt seine Worte mit einem gewissen Bedacht, und das wirkt am komischsten, wenn er jemand beschimpft, wobei sich das gebildete Dativ-E besonders hübsch ausnimmt. Am schönsten aber ist die Geschichte von dem Käse-Karl, der alles „immer mit die Ruhe“ macht. „Immer mit die Ruhe…“ „Wissen Sie,“ sagt er zu einem Neuling, einem „Zugang“, „det muß man erst lernen, mit die Leite hier umzujehn. Die meisten haben son mächtigen Vogel, daß es wirklich unverantwortlich von die Polizei wäre, wenn man sie draußen frei rumloofen ließe. Die rejen sich über alles uff: wat et morjen zu essen jibt, wat eener für ’ne Jacke anhat und lauter son Quatsch. Det darf ’n vernünftiger Mensch jarnich. Hier muß eener ’ne Ruhe haben. Sehn Se, da war mein Freund Orje Bergmann, mit die acht Jahre. Wie der ankam – da war ick ooch zufällig hier – da sage ick: ‚Na, Orje,‘ sage ick, ‚wie lange bringste denn mit?‘ ‚Et jeht, Karl,‘ sagte er, ‚acht Jahre sind et.‘ ‚Na,‘ sage ick mit meine Ruhe, ‚denn jehst du ja bald!‘“ Immer mit die Ruhe.

[24] Das ist der Verbrecher aus der Bürgerperspektive. Es ist der Schlumps, der von dem Schutzmann, dem Vertreter der guten Ordnung, in das Loch gestoßen wird, und der immer ein bißchen besoffen ist und immer was verbricht. Aber schließlich ist viel Echtes drin. Und wie fehlen uns solche Bücher –! Im Englischen und auch bei den Amerikanern gibts das viel mehr: Bücher, die ganz unliterarisch schildern, wie die Fischer leben oder die Heizer auf den großen Dampfern, ihren Humor und ihr Tagewerk, ihre Keilereien und ihre Frauen. Aber das hat mit Kunst nichts zu tun. Bei uns bemächtigen sich dieser Dinge die Feuilletonisten, und dann ist es aus. Lest mal dies kleine Büchlein „Plötzensee“, und ihr werdet starken Hunger nach mehr der Art bekommen. Aber es ist ja vergriffen. Und weil es vergriffen ist, habe ich es hier erzählt.