Polnische Dichtung in deutschem Gewande/Rigi

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Autor: Władysław Tarnowski
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Titel: Rigi
Untertitel:
aus: Schweizer-Skizzen (in: Polnische Dichtung in deutschem Gewande, Seite 34–39)
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum: 1865
Erscheinungsdatum: 1891
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Erscheinungsort:
Übersetzer: Albert Weiß
Originaltitel: Wschód słońca z Rigi
Originalsubtitel:
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Quelle: Commons
Kurzbeschreibung:
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[34]
Rigi.


     Dunkel war’s mir in der Seele,
Deren Spannkraft halb gebrochen:
     Blickt sie in des Zweifels Abgrund
Wie gelähmt sind ihr die Schwingen,

5
     Bis sie mit der Kraft des Adlers

Wieder sich zum Flug erheben! …

     Schon der Finsternis das Zepter
Halb entwand der graue Morgen.

[35]
     Ich, der droben übernachtet’
10
Und erwacht’ in aller Frühe,

     Konnt’, ob auch noch matt vom Steigen,
Aus dem Schlaf die Schwalbe wecken.

     Mit dem Bergstock, der an Länge
Glich des Bischofs Hirtenstabe,

15
     Den als Griff ein Gemshorn zierte,

Klettert’ ich hinan zum Gipfel:
     Alles schien noch fest zu schlummern
In der menschenleeren Wildnis.

     Nur die Quellen sangen murmelnd

20
Ihre nächtlichen Choräle.

     Auf den Stock ich ließ die Namen
Aller Bergesriesen schnitzen,
     Die ich als Tourist erklommen –
Also auf dem Lebenswege

25
     Von der Wiege bis zur Bahre

Rühmt der Mensch sich seiner Thaten!
     Lächelnd eine Alpenrose,
Der ich unterwegs begegnet,
     Band ich um den Stock: Mit diesem

30
Zeichen, dacht’ ich – wirst du siegen,


     Ob auch deinen Pfad bedrohen
Schrecken rings und Ungetüme!
     Gleicht die Rose doch dem Lächeln
Helenas im Kampf ums Leben!

35
     So bewehrt, erklomm allmählich

Ich den kahlen Felsengipfel.

     Dämmernd schon die Morgenröte
Ihn des Nachtgewands entkleidet:
     Schon zerriß in Nebelfetzen

40
Es, durchwebt mit Sterngeflimmer,

     Bis es flattert’ in die Tiefe,
Wo zerzausten es die Stürme,

     Deren Schwingen nimmer rasten,
Wie die Adler der Geschichte.

45
     Schien die Nacht auch unter, über

Mir noch ungeschwächt zu herrschen,
     Wandelt sich ihr Schwarz allmählich
In das Dunkel tiefer Bläue.

[36]
     Denn als Hostie der Schöpfung
50
Goß das Silber seiner Strahlen

     Hell das Mondlicht auf die Gletscher
Und der Berge Nebelhäupter;
     Wie die Thräne, die der Schöpfer
Weint um die verlor’ne Erde,

55
     Weil selbst Seine Allmacht nimmer

Aufzurichten sie vermöchte:
     Ob die Thrän’ auch scheint gefroren
Unterm Hauch des Todesengels,
     Sie versilbert doch die große

60
Welt von einem Pol zum andern,


     Hält bei Nacht getreu die Wache,
Bis sie abgelöst die Sonne!
     Einsam zittern noch die Sterne,
Bis auch sie allmählich löschen,

65
     Traurig, wie an frischen Gräbern

Kerzen über Thränenkrügen.

     All’ die Schnee- und Eisgebirge,
Die sich aufeinander türmen,
     Wie Skelette grauser Mammuths,

70
Wenn, erwachend, sie sich recken

     Mit zu Eis erstarrten Hauern
Und mit Schnee beschäumten Rachen,

     Stierend nach des Abgrunds Schluchten,
Nach dem Schaum der Wasserfälle,

75
     Deren Wogenbrust gefror’ner

Nebel ziert als Silbermähne.
     Gegenüber, halb schon sichtbar,
Zittert, gleich als ob sie lebe,

     In des Frührots erstem Lichte,

80
Wie im Traum die Jura-Kette.

     Drunten aber, wie im Nebel,
Liegt die Erdenwelt begraben,
     Gleich als harre sie in Trauer
Auf den Anbruch ihres Tages,

85
     In der Einfalt ihres Glaubens,

Im Vertrauen auf die Sonne!
     In der Wunderwelt des Nebels
Bald ist’s, als ob tausend Herden
     Mit harmonischem Geläute

90
Weideten auf breiten Triften,


[37]
     Bald, als ob ein Chor von Engeln

Schwebte rings auf Höhn und Schluchten,
     Und bei unsichtbarer Harfen
Klange Geisterstimmen, sängen,

95
     Die empor zum Himmel tragen

Das Gebet der ganzen Erde,

     Dann als Gegengabe spenden
Perlentau und Regenbogen
     Und als Echogruß vom Himmel

100
Uns die Harmonie der Sphären.

     Sieh! dort fliegt auch schon die Schwalbe
Die ich aus dem Traume weckte.

     Winzig klein, wie ein Biene,
Schwirrt sie hoch im Äthermeere!

105
     Horch! Der Sonne schon entgegen,

Trillert ihren Psalm die Lerche!
     Hinter Gletschern losch das Mondlicht …
Alles harrt in frohem Ahnen:

     Leiser rauscht’s im Wasserfalle,

110
Linder wehn die Morgenlüfte,

     Matter schallt der Herden Läuten,
Und verstummt ist selbst die Lerche:
     Rosig rötet sich am Himmel,
Purpurn, blutig dann ein Streifen,

115
     Bald mit blauer, violetter,

Bald mit goldiger Schattierung.
     Jäh verschwunden sind die Sterne,
Wie verscheuchter Gemsen Rudel,
     Setzt es über Wasserfälle,

120
Die zum tiefsten Abgrund tosen.


     Weit jetzt öffnet sich der Himmel,
Wie der Seel’ einst Gottes Arme,
     Und es waltet in der Schöpfung
Jenes feierliche Schweigen,

125
     Wie es nur dem Sonnenaufgang,

Oder dem – Orkan vorangeht.

     Auf des Morgenwindes Schwingen,
Noch verhüllt vom Purpurmantel
     Naht, die ersten Strahlen sendend

130
Gleich wie goldne Riesennadeln,

     Dann im Strome sie ergießend,
Still der Urquell allen Lichtes,

[38]
Der zerreißt den Erdennebel

     Wie mit scharfem Schwert Jehovas,

135
Und erhebt ihn in die Lüfte,

     Und enthüllt – zwölf See’n auf einmal
Meinem Blick, so still und friedlich,
     Wie mein einsam Erdenleben,

Drin mit goldnem Strahlenglanze

140
     Sich der blaue Himmel spiegelt,

Still und tief wie meine Seele,
     Deren Lust und Leid, im – Liede!
Vor dem Sonnenpfad in Schluchten
     Floh die Nacht im Nebelschleier,

145
Riß vom Hals dem Wasserfalle

     Manche Handvoll Tau in Perlen,
Stimmte noch die Äolsharfen
     Und entschlüpfte mit den Sternen,
Schatten gleich und Traumgebilden,

150
     Dunst und Nebel im Gefolge.


Jetzt in Flammen scheint zu stehen
     So der Himmel wie die Erde,
Alle Fackeln sind entzündet,
     Lauter braust’s im Wasserfalle

155
Wieder alle Herden läuten,

     Alle Blümlein sich erschließen;

In den Thälern, auf den Höhen
     Alles lebt und webt und jubelt,
Alles beugt die Knie in Demut

160
     Vor der Allmacht seines Schöpfers,

Der mit lichtem Friedensbogen
     Überbrückt die tiefsten Schluchten,

Der die Welt mit Donnerschlägen
     Weckt vom Todesschlaf zum Leben!

165
Wie ein Mägdlein aus der Ohnmacht,

     Rafft empor sich rings die Schöpfung:
Endlos rings in Riesenstaffeln
     Türmen Alpen sich auf Alpen,

Wind und Vöglein, Wald und Woge

170
     Jauchzen auf in Jubelhymnen,

Adler segeln durch die Lüfte
     Über jenen weiten Ebnen,
Schauplatz Hannibals und Cäsars,
     Der Lawinen Bonapartes

[39]
175
Die vor Zeiten überschwemmten

     Hier das Wunderland Ausonia,
Deren Spur in alle Winde
     Längst verweht im Strom der Zeiten! –
Reich an Schönheit, wie der Römer

180
     Kunst, die Romas Thaten prägte


     Zur Erinnerung auf Schilder,
Und mit stolzem Schmerz im Antlitz
     Ob des Dornenpfads der Zukunft,
Wie ihn Kaulbach Karl dem Großen

185
     Malt’ in seiner Gruft zu Aachen, –

          Gegenüber von Pilatus’

Felskoloß, der keck emporragt
     In die Luft mit vollem Busen,
Gleich, als woll’ er, der sich selber

190
     Kaum ernährt, die Schöpfung nähren,

Und mit hoch erhob’nem Haupte
     Kahler, als die nackte Wahrheit,

Ragst du, mächt’ger Friedenskönig
     Ohne Wandel seit Äonen

195
Aus der Brandung der Geschichte

     Über blauer Seeen Spiegel,
Stolz umrauscht von deiner Wälder
     Immergrünem Kranze … – Rigi!