Pomologische Monatshefte:1. Band:5. Heft:Ueber den Schnitt des Leitzweiges in Baumschulen

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Pomologische Monatshefte
Band 1, Heft 5, Seite 198–200
Leopold von Hoverbeck
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Zwei neue Werkzeuge für den Obst- und Gartenbau
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Lebhafter Verkehr in den Baumschulen in Württemberg im Frühjahr 1855
[198]
Ueber den Schnitt des Leitzweiges in Baumschulen.
Vom Herrn Gutsbesitzer Hoverbeck in Queetz bei Gutstadt in Ostpreußen.

Wer die Vortheile der bekannten Dittrich’schen Methode bei Erziehung von Hochstämmen einmal kennen gelernt hat, wird ihr wohl jedenfalls treu bleiben, wenigstens wenn es ihm mehr um Erziehung tüchtiger brauchbarer Stämme, als glatt aussehender, aber schwächlicher Ruthen zu thun ist. Dabei ist freilich nicht zu läugnen, daß der jährliche Rückschnitt des Leitzweiges öfters Veranlassung zu Krümmungen gibt, die dem Wuchse des Bäumchens an sich wenig Schaden bringen, indeß dem Auge doch unangenehm auffallen. Erzieht Jemand seine Bäume auch nur für den eigenen Bedarf, so wünscht er doch etwas möglichst Vollkommenes zu erhalten, wozu auch das schöne Aussehen gehört; wer aber zum Verkaufe züchtet, der hat noch mehr Ursache, nach einer dem Auge wohlgefälligen Form zu streben, sofern die innere Tüchtigkeit des Produkts nicht darunter leidet.

Bei Anwendung des jährlichen Rückschnitts bemerkte[WS 1] ich in meiner Baumschule sehr bald, wie viel kräftiger und werthvoller meine Bäumchen wurden, aber auch gleichzeitig, daß dabei ein völlig gerader Hochstamm bei Kernobst eigentlich eine Ausnahme von der Regel war. Um diesen Fehler zu verbessern, versuchte ich es, bei dem jedesmaligen Rückschnitte des Leitzweiges über dem obersten Auge einen Zapfen von 2 bis 3 Zoll Länge stehen zu lassen, und den neu entstehenden Leitzweig, während er noch weich und biegsam war, mit Bast daran anzubinden. Diese Methode hat sich mir bei mehrjähriger Anwendung als vollkommen genügend erwiesen, und da Herr Garteninspektor Lucas, dem ich sie mittheilte, sie für neu hält, und mich zu ihrer Veröffentlichung auffordert, so habe ich hiemit diesem Wunsche genügt. Die Sache ist an sich so einfach, daß dabei wenig zu beschreiben ist; darum nur noch ein paar Worte.

Ich wende den Rückschnitt gewöhnlich bei Aepfeln, Birnen und Pflaumen an, bei Kirschen nur ausnahmsweise, wenn ihr [199] Trieb nicht ganz so kräftig ist, als gewöhnlich. In der Regel lasse ich dem Leitzweige nur ein Drittel seiner Länge, bei sehr starkem Triebe mehr, bei schwachem weniger. Natürlich suche ich mir ein möglichst kräftiges Auge zum Endtriebe aus, schneide den Leitzweig 3 Zoll höher, und nehme etwa darüber befindliche Augen glatt weg. Gut ist’s, wenn das oberste Auge möglichst senkrecht steht, damit der künftige Leitzweig ohne Mühe gerade wächst; jedoch gibt mir der Zapfen die Möglichkeit, ihn auch bei schräger Stellung dazu zu zwingen. Wenn nämlich der neue Trieb 6 bis 12 Zoll lang ist, und anfängt, einige Festigkeit zu bekommen, wird er mit ein wenig Bast an den Zapfen so angebunden, daß er vollkommen senkrecht steht. Wächst ein einzelner Leitzweig von selbst ganz gerade, so kann das Anbinden natürlich unterbleiben; dies geschieht jedoch verhältnißmäßig selten, da die meisten sich nach der Seite hinneigen, nach der sie am Zweige stehen. – Hiebei ist noch davor zu warnen, daß man nicht des Guten zu viel thue, und den jungen Trieb so stark anbinde, daß er nach der entgegengesetzten Seite überhängt. Man glaube nicht, daß er später nach Abnahme des Bandes mit einer gewissen Federkraft sich wieder nach seiner ursprünglichen Richtung zieht; er bleibt genau so, wie er nach dem Binden erscheint. Nur muß man seine Richtung allein nach dem unteren, schon festen Theile, nicht nach dem oberen, vollkommen krautartigen beurtheilen; der letztere ist noch ganz biegsam und wächst dann von selbst gerade. Einige Aufmerksamkeit ist noch darauf zu verwenden, daß man weder zu früh noch zu spät binde; ist der Trieb noch gar zu jung, so nimmt er nicht so gut die gewünschte Richtung an; ist er schon zu alt und starr, so bricht er bisweilen ab. Geschieht letzteres, so nimmt man einen der unteren Triebe zum Leitzweig; die senkrechte Richtung, die er durch das Anbinden erhält, verschafft ihm bald die Oberhand über die andern Triebe. Da die verschiedenen Sorten ungleich treiben, so kann man die ganze Arbeit nicht auf einmal verrichten, sondern muß zu diesem Zwecke die Baumschule zwei oder dreimal durchgehen. Etwa im Juli hat der neue Leitzweig schon entschieden die gerade Richtung angenommen, und man kann dann bereits den Zapfen wegschneiden; ich lasse ihn aber gewöhnlich bis zum nächsten Frühjahr stehen, wo er dann beim Beschneiden mit weggenommen wird. Die entstehende kleine Wunde lasse ich, wie alle Schnitte in der Baumschule, mit etwas Theer verstreichen, der durch Zusatz von feingesiebtem Lehm mehr Zähigkeit erhalten hat; sie heilt außerordentlich rasch, namentlich wenn sie im richtigen Winkel von 45° geschnitten ist.

Man sieht leicht, daß dieser Schnitt mit Zapfen überall da seine großen Vortheile hat, wo man dem neuen Triebe eine bestimmte Richtung anweisen will. Er empfiehlt sich daher auch für Spalierbaumzucht und Zwergbäume.

Hat man z. B. bei der Erziehung einer Pyramide einen verhältnißmäßig zu schwachen Seitenast, so schneidet man diesen auf ein inneres, das heißt nach oben stehendes Auge. Hiedurch gewinnt der Trieb an Kraft, und man hat durch den Zapfen doch ein leichtes Mittel, ihn in die gewünschte Richtung zu ziehen, falls er zu sehr in das Innere der Pyramide hineinwächst. Ueberhaupt hat man unter allen Umständen den Vortheil, daß man immer das Auge zur Verlängerung des Astes wählen kann, welches am passendsten steht und das stärkste [200] ist, unbekümmert darum, ob es auch in der gewünschten Richtung sitzt; also bei Erziehung von Hochstämmen immer das stärkste Auge. Gewiß macht das Anbinden und spätere Fortnehmen des Zapfens etwas Mühe; wer jedoch die günstigen Erfolge dieser Methode sowohl in der Baumschule, als beim Schnitt der künstlicheren Baumformen erst durch eigene Erfahrung erprobt hat, wird diese Mühe für wohl angewandt erklären.

Bemerkung zu obigem Aufsatz.

Die hier erwähnte Methode, welche mein sehr verehrter Freund Hoverbeck mir vor zwei Jahren mitzutheilen die Güte hatte, wird seit dieser Zeit in der Hohenheimer Baumschule mit dem entschiedensten Vortheile bei allen jungen, dem Rückschnitt unterworfenen Kernobstbäumen in Anwendung gebracht. Ich verfahre dabei in folgender Weise. Ich halte den Daumen auf das für Hervortreibung des neuen Leitzweiges[WS 2] ausgewählte Auge und schneide das folgende darüber stehende Auge aus und unter dem jetzt folgenden stutze ich den Zweig ab. Da der nun über dem vorher ausgewählten Auge bleibende Zapfen keine Augen mehr hat, so trocknet er sehr bald bis zu dem Punkt ein, wo der neue Trieb beginnt. Letzteren binde ich mit Bast, wenn er anfängt, sich zu verholzen und fest zu werden, an den Zapfen an und stutze zugleich die nächsten 2 oder 3 Seitentriebe (unterhalb dem neuen Leittrieb) etwas ein. Hierdurch wird der Saft zum Theil auf die unteren Seitentriebe zurückgedrängt, theils dem Leittrieb zugeführt und einem Ueberwachsen und einer Unterdrückung des Leitzweigs durch solche Afterleitzweige vorgebeugt. – Gewiß sind mit mir viele Baumzüchter dem Herrn Hoverbeck für die Bekanntmachung mit dieser von ihm zuerst eingeführten wichtigen Vervollkommnung, der Dittrich’schen Erziehungsmethode sehr dankbar.

Ed. Lucas.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Rückschritts demerkte
  2. Vorlage: Leiteweiges