Probe einer neuen Uebersetzung des Petrarch

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor:
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Probe einer neuen Uebersetzung des Petrarch
Untertitel:
aus: Neue Thalia. 1792–93.
1793, Vierter Band,
S. 74–100
Herausgeber: Friedrich Schiller
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1793
Verlag: G. J. Göschen'sche Verlagsbuchhandlung
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: UB Bielefeld bzw. Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
Übersetzung Francesco Petrarcas
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[74]
IV.
Probe
einer
Erklärung und Uebersetzung
einiger
vorzüglichen Gedichte
des
Petrarch,

als Anfrage, ob das Publicum die sämmtlichen italienischen Gedichte desselben so bearbeitet wünsche? und ob eine solche Bearbeitung sich Beyfall und Unterstützung versprechen dürfe?

Rime di Petrarca, P. I. Canzone XVI. al XXIX. Petrarch hat diese Ode im Jahr 1328. welches das 2te Jahr seiner Liebes-Periode und das 24te seines Alters war, in der Stadt Mailand, wohin er sich von Valclusa aus begeben hatte, gedichtet. Es scheint dieß eine seiner ersten poetischen Arbeiten gewesen zu seyn, wenigstens hatte er bis zu dieser Zeit seine Laura noch nicht besungen.

[75] Die zur Erläuterung nöthigen historischen Umstände sind diese:

Kaiser Ludwig der Bayer nahm auf Anrufen des Galeazzo Visconti, damaligen Vicarius im Herzogthum Mailand, ihm gegen die Guelfen zu Hülfe zu kommen, und auch weil er sich zu Rom wollte krönen lassen, mit einem beträchtlichen Heer, im Jahr 1327. einen Zug nach Italien vor. Er kam auch wirklich nach Mailand, aber anstatt dem Galeazzo gegen die Guelfen beyzustehen, bedrückte er die Viscontische Familie und ließ die sämmtlichen Viscontischen Brüder ins Gefängniß werfen, woraus sie sich nur durch eine große Summe Geldes wieder befreyen konnten. Um diese Zeit verfertigte Petrarch dieses Gedicht; worinn er die italienischen Herren wegen ihres Partheygeistes und wegen der Uneinigkeit unter sich selbst tadelt, sie zur Einigkeit ermuntert und auffordert, die Deutschen aus Italien zu verjagen und dann ein ruhiges, tugendhaftes und angenehmes Leben zu führen.

Es ist eines seiner vortreflichsten Gedichte und sehr zu bedauren, daß er nicht mehrere dieser Art geliefert hat. Es herrscht darinn ein ganz republicanischer Geist, Stärke der Gedanken und des Ausdrucks.

[76] 1ste Stanze.

Italien! mein Vaterland! wenn gleich meine Worte die tödlichen Wunden, deren ich so viele an deinem schönen Körper sehe, nicht heilen können; so ist es mir doch Trost, daß meine Seufzer von der Beschaffenheit sind, wie sie die Tyber, der Arno und der Po, an dessen Ufern ich jetzt ernst und traurig sitze, von mir erwarten! Regent des Himmels, dich flehe ich an, wende das Erbarmen, welches dich herab auf diese Erde geführet hat, auch auf dein geliebtes, geseegnetes Land! Siehe! gnädiger Gott, welch grausamer Krieg, so geringer Ursachen willen Oeffne, befreye und erweiche, du Vater! die Herzen, welche der stolze und wilde Mars verhärtet, verschließt und fesselt. Verschaffe du deiner Wahrheit durch meine Stimme (wie gering sie auch seyn mag) Gehör bey ihnen!

Anmerkungen.

V. 1. 2 Italien war damals sehr durch die innerlichen Kriege mitgenommen und zerrüttet. 5. Er bezeichnet Italien durch die 3 Hauptflüsse, die er dichterisch statt der Nation nennet. 6. doglioso war Petrarch so wohl wegen des Unglücks seines Vaterlandes, als auch wegen des Schadens und Unglücks, das seine Familie durch diese innerlichen Kriege erlitten hatte. S. Petrarchs Lebensbeschreibung. [77] 7. Retter, darunter verstehet er Christum. 11. di che aus was für, ist das pronom. interrogat.

2te Stanze.

Ihr, denen das Glück das Ruder so schöner Länder, für die ihr aber kein Mitleid zu empfinden scheinet, in die Hand gegeben hat, was machen so viele fremde Schwerder im Lande? Soll vielleicht der Barbaren Blut unsere grünenden Fluren röthen? Ein eitler Irrthum schmeichelt euch! Nur wenig sehet ihr (und ihr wähnet doch viel zu sehen) wenn ihr Liebe oder Treue in einem käuflichen Herzen suchet. Wer viele solche Miethsoldaten hat, den umlauren die meisten Feinde. O! Fluth, aus welchen fernen Wüsten bist du hergeleitet worden, unsere lieblichen Gefilde zu überschwemmen? Widerfahrt uns dieß durch die Hände der Unsrigen, wer soll uns dann retten?

V. 3. stringere zusammenziehen, drücken, pressen – also auch rühren. 4. Fan statt fanno. pellegrine d. i. deutsche Soldaten, von den Italienern in das Land gerufen. 16. n’avven st. ci avviene, die Dichter setzen oft die Partikel ne, statt des pronom. conjunct. ci.

[78] 3te Stanze.

Weislich sorgte die Natur für unsern Staat, als sie die Alpen zur Brustwehr zwischen uns und der Deutschen Wuth errichtete. Aber die blinde Habsucht, gegen ihr eigenes bestehendes Wohl, hat sich so lange Mühe gegeben, bis sie dem gesunden Körper den Aussatz zugezogen hat. Jetzt wohnen die zahmen Heerden, mit den reissenden Thieren unter Einem Dach und der Bessere seufzet ohne Aufhören. Und, was unsern Schmerz vermehret! so sind dieß Abkömmlinge jenes gesetzloßen Volks, dem Marius so zugesetzt hat, daß das Andenken an seine That noch nicht verloschen ist: denn durstig und ermattet, trank er so viel Blut als Wasser aus dem Strom.

V. 3. Wir dürfen dem patriotischen Dichter seinen Unmuth über die Deutschen nicht übel nehmen, denn würklich wurde Italien durch die Züge der deutschen Kaiser dahin, öfters sehr hart mitgenommen und wir Deutschen haben eben so wenig Ursache sie für vortheilhaft für Deutschland zu erkennen. 7. gabbia Vogelbauer, Stall. 13. Mario. S. das Leben des Marius im Plutarch.

[79] 4te Stanze.

Ich sage nichts von Cäsar, der in jeder Gegend, wohin er unsere Waffen brachte, die Erde mit Blut tränkte. Jetzt scheint es, ihr widrigen Gestirne, ich weiß nicht warum? daß uns der Himmel hasse. Das ist eure Schuld, denen so viel anvertrauet ist. Eure Uneinigkeit verheeret der Erde schönsten Theil. Welche Sündenschuld, welches Gericht, oder welches Verhängniß verleitet euch, den dürftigen Nachbar gering zu achten, seine geschwächte und zerstreuete Macht zu verfolgen und auswärts fremde Völker herein zu rufen und gerne zu sehen, daß sie unser Blut vergießen und ihre Seelen um Lohn verkaufen! Ich rede nur, um die Wahrheit zu sagen, nicht aus Haß, noch aus Verachtung gegen andere.

V. 5. haggia poet statt abbia. 8. guastan statt guastano von guastare verderben, verwüsten. 9. qual destino, suplliere è, da fastidire. 15. ver statt vero.

5te Stanze.

Und nach so vielen Beweisen, werdet ihr den Betrug des Bayern noch nicht gewahr? Er der mit Eid und Tod Scherz treibt! Noch schändlicher [80] ist die Art eurer Niederlage, als der Schade selbst! Aber euer Blut fließt häuffiger, denn euch treibt heftigerer Zorn! Denket doch in des Morgens heiteren Stunden über euch selbst nach, und ihr werdet einsehen, wie werth euch der halten kann, der sich selbst so wegwirft. Edles Blut der Lateiner! entledige dich dieser verderblichen Last: mache einen eitlen Namen nicht so ganz ohne Ursache zu deinem Idol! Denn unser Fehler, nicht natürlicher Lauf der Dinge ist es, wenn die Wuth seines rohen Volks unsere Klugheit besiegt.

V. 1. Kaiser Ludwig war nicht nur mit der Viscontischen Familie sehr hart umgegangen, denn Einen der Brüder, Namens Stephan, der an seinem Hof war, hatte er vergiften lassen. Die Italiener beschuldigten ihn auch daß er nur Geld von ihnen zu ziehen sucht, die innerlichen Zwistigkeiten vielmehr zu unterhalten als beyzulegen gesucht, und öfters sein Versprechen nicht gehalten habe. 5. alzando; ich will hier die vielen, so verschiedenen Auslegungen dieser dunkeln Stelle nicht anführen, sondern nur die Gründe für meine Auslegung und Uebersetzung angeben. Die Italiener beschuldigten den Kaiser ganz laut der Treulosigkeit; könnte also Petrarch durch alzare il dito nicht haben andeuten wollen, [81] etwas versichern, eidlich betheuern? Diese Bedeutung ist dem ganzen Innhalt angemessen und weniger gezwungen, als andere sehr gesuchte und weit her gehohlte Erklärungen der Ausleger. Meinhard z. B. übersetzt diese Stelle so: der die Gefahr, die Er für euch zu suchen scheint, spöttisch fliehet. Diesen Sinn getraue ich mir nicht heraus zu exegisiren! 4. strazio weil sie sich selbst das Unglück dadurch zugezogen haben, daß sie deutsche Truppen in das Land riefen. 5. ich glaube, Petrarch will sagen, der Zorn der Italiener sey heftiger, als der Deutschen, und um so größer sey ihre Niederlage. 7. dalla mattina etc. d. i. nach der italienischen Uhr von 1 bis 3 Uhr, oder nach unserer Zeit, vom Aufstehen bis zum Frühstück. 12. nome vano, einige erklären es so: die Kaiserwürde sey bloß Titel und gebe keine Macht und Gewalt. Tassoni meynt, Petrarch habe das Beywort vano deswegen gebraucht, weil Kaiser Ludwig, da er noch nicht vom Pabst gekrönt war, noch nicht als wirklicher Kaiser anzusehen gewesen sey. 14. della sua gente; diese Lesart der kleinen venetiauischen Ausgabe von dem Jahr 1776. gefällt mir besser, als des Muratori und Vellutello Lesart: fuxor di lassu gente.

[82] 6te Stanze.

Ist dieß nicht das Erdreich, das ich zuerst betrat? Ist es nicht das Land meiner Geburt, wo ich so gütig erzogen wurde? Ist es nicht mein Vaterland, auf das ich meine Hofnung setze? die gütige und liebevolle Mutter, welche meine Eltern in ihrem Schooß verwahrt? Laßt euch, bey Gott, einmal durch diese Betrachtungen rühren! Sehet doch mit Mitleid auf die Thränen des jammernden Volks, das nächst Gott, von euch seine Ruhe hofft! Gebet nur einmal Einen Beweiß von eurer mitleidigen Liebe! Und die Tugend wird wider die Wuth die Waffen ergreifen und der Streit wird kurz seyn; denn der alte Muth ist in der Italiener Herzen noch nicht erstorben!

7. mente statt pensieri Gedanken, Vorstellungen.

7te Stanze.

Fürsten, bedenket, wie die Zeit verfliegt, wie das Leben fliehet und der Tod hinter uns hereilt! Noch seyd ihr am Leben! denket an die Reise, da die Seele, entkörpert und allein, die zweifelhafte Bahn betreten muß! Möchtet ihr, auf dem Durchgang durch das Thal des Lebens, [83] Haß und Rache, die für das heitere Leben stürmische Winde sind, ablegen! möchtet ihr die Zeit, sonst zu Anderer Quaal verwendet, zu würdigerer That der Hand oder des Geistes, zur Erwerbung rühmlichen Lobes oder zu irgend einer tugendhaften Bemühung anwenden! denn nur so freuet man sich dieses Lebens und öffnet sich den Weg zum Himmel.

1. Signor, abgekürzt statt Signori, dann braucht man mit Meinhard sich nicht lange den Kopf zu zerbrechen, wer wohl der Fürst seyn möge, den Petrarch so pathetisch anrede. Er hat ja in den vorhergehenden Stanzen immer die sämmtlichen Fürsten Italiens angeredet und Einer allein würde auch durch seine Sinnesänderung nicht viel bewürket haben.

Schluß.

Gesang! ich rathe dir, bringe deinen Innhalt angenehm und artig vor! denn unter hochmüthige Leute kommest du, deren Wille voll böser, eingewurzelter Gewohnheiten ist und stets Feind der Wahrheit! Du wirst dein Glück nur bey wenigen Großmüthigen machen, die am Guten Gefallen haben. Sage ihnen, wer giebt mir Sicherheit? Denn laut rufe ich, Friede, Friede, Friede!

[84] 9. m’assicura etc den wenigsten italienischen Fürsten war damals mit dem Frieden gedient; darum läßt Petrarch seine Canzone, als Friedensverkündigerin, um Schutz für sich bitten.

Sonnett XVII. nach andern XVIII. des 1ten Theils.

An Laura. Enthält eine feine Liebeserklärung und Bitte um Gegenliebe.

Tausendmal, meine liebenswürdige Feindin! habe ich dir mein Herz angeboten, um mit deiner Augen Frieden zu haben; aber deinem hohen Sinn gefällt es nicht, so tief herab zu blicken! Schwach und trügerisch ist die Hofnung, die etwa eine andere Schöne sich darauf machen möchte: das meinige kann es, weil ich das hasse, was dir mißfällt, nie mehr so seyn, wie es mir war. Jage ich es aber fort, und es findet in seiner unglücklichen Verbannung keine Zuflucht bey Dir – und kann auch nicht allein seyn, noch dahin gehen, wohin es ein anderer ruft; so könnte es in der Irre verunglücken. Welche große Schuld hätten dann wir beyde! und um so größere Du, je mehr es Dich liebt!

[85]
*    *    *

Dieß ist eines von den vorzüglichen Sonnetten des Petrarchs. Die Idee ist artig und durch das Ganze sehr gut durchgeführt: jeder einzelne Gedanke hat an und für sich und auch durch den dichterischen[WS 1] Ausdruck, seine Schönheit: der Schlußgedanke hat seine ganze Vollkommenheit.

1. guerrera statt guerriera. Läßt sich nicht vollkommen übersetzen! Petrarch stellt Laura oft unter diesem Bild vor und sagt, Sie bekriege ihn mit ihren Augen. 3. v’aggio poetisch statt vi ho. 4. altera statt altiera. 9. e’ statt egli, nämlich il cor. 11. sa von sapere, statt può. 12. smarrine il natural corso vom Lebenspfad abweichen, verunglücken, sterben.

Sonnett LXVIII. nach andern LXIX. des 1ten Theils.

Schilderung der Schönheit Laurens.

Es flatterten die goldnen Haare in der Luft, welche sie in tausend anmuthige Locken wand: und das liebliche Licht strahlte flammender als gewöhnlich aus den schönen Augen, dessen sie jetzt fast beraubet sind: und ihr Gesicht hatte den Ausdruck des Mitleids, ich weiß nicht, ob ich [86] richtig oder falsch sah: Was Wunder? daß ich, mit dem Liebeszunder im Herzen, plötzlich entbrannte? Ihr Gang, war nicht der Gang einer Sterblichen, sondern einer Engelsgestalt und ihre Worte tönten anders, als eine menschliche Stimme! Ein himmlischer Geist, eine leuchtende Sonne war das, was ich sahe: und wenn auch alles dieß jetzt nicht mehr wäre; so heilet doch das Nachlassen des Bogens die gemachte Wunde nicht!

*    *    *

Unstreitig eines der treflichsten Sonnette, in Rücksicht der Erfindung, der angenehmen Bilder, des poetischen Feuers und des vortreflichen Ausdrucks. Es hat wahren Odenschwung und der Leser wird gleich mitten in die Empfindung des Dichters versetzt.

1. capei statt capelli. 2. avvolgea statt avvolgeva. 4. scarsi Das Alter konnte das Feuer der Augen der Laura noch nicht verlöscht haben, also muß Petrarch auf eine Krankheit oder auf einen großen Kummer seiner Laura zielen. 5. color statt colori. S. es habe ihm geschienen, als ob ihre Mienen ihm Erhörung zusagten. 7. esca Zunder. 14. Dieser Schluß ist ächt lyrisch und will in extenso ausgedruckt sagen: [87] so wie das Nachlassen des Bogens, die Wunde, die er gemacht hat, nicht heilen kann; eben so wenig heilet das Verwelken der Schönheit meiner Laura mich vor meiner Liebe.

Sonnett LXXVI. nach andern LXXVII. des 1ten Theils.

An den Grafen Orso von Anguillara. Der ganze Innhalt zeigt, daß Petrarch den Grafen darüber trösten will, daß er nicht bey dem Thurnier erscheinen konnte. Alle andere Auslegungen sind falsch: Das Gedicht enthält Winke genug, die darauf deuten.

Orso, deinem Hengst kann man wohl den Kappzaum anlegen und ihn mitten im Lauf zur Rückkehr zwingen; aber dein Herz, wer kann das so fesseln, daß es sich nicht wieder losmacht, wann es nach Ehre dürstet, und Schande verabscheuet? Klage nicht! deinem Herzen kann man seinen Werth nicht nehmen, wenn du auch gleich zu erscheinen verhindert wirst. Denn, nach dem Zeugniß der öffentlichen Sage, ist es schon so weit, daß kein anderes es ihm zuvor thun kann! Laß dir genügen, daß dein Herz am bestimmten Tag auf den Kampfplatz fliegt und mit den Waffen streitet, die ihm Jugend, Liebe, Tapferkeit [88] und Adel geben. Es ruft öffentlich aus: ich brenne vor edler Begierde mit meinem Herrn, der mir nicht folgen kann, und sich härmt und grämt, nicht hier seyn zu können!

*    *    *

Eines der vortreflichsten und vollendetesten Petrarchischen Sonnette!

1. destriero poetisch statt cavallo; ist ein Thurnierpferd und man hat nicht nöthig, es allegorisch zu erklären. 3. leghera von legare binden. sciolga von sciegliere losmachen. 5. solpirate Petrarch redet den Grafen Orso nochmals an. à lui d. i. al core di Orso torre statt togliere. 8. il statt lo d. i. core. 11. tempo statt età, d. i. die Jugend. 12. gridando beziehe ich ebenfalls auf das Herz und nicht, wie einige Ausleger auf Petrarch, als hätte dieser den Grafen Orso öffentlich entschuldiget; denn Petrarch durfte als Unadelicher und Geistlicher nicht thurnieren.

Sonnett XCI. des 1ten Theils.

Auf einen gütigen Blick, den Petrarch von Laura erhalten hatte.

[89] Zwischen zwey Liebhabern sah’ ich eine sittsam stolze Schöne und bey ihr den Herrn, der die Menschen und die Götter beherrscht; zur einen Seite stand ihr die Sonne, zur andern ich! In die Sphäre des schönern Geliebten sich eingeschlossen fühlend, wandte sie freundlich den Blick auf meine Augen – möchte Sie doch nie grausamer gegen mich gewesen seyn! Plötzlich wandelte sich die Eifersucht, die auf den ersten Blick ein so erhabener Nebenbuhler in meinem Herzen erregt hatte, in Freude um! Sein bethräntes, trauriges Gesicht umschleyerte ein Wölkchen; so sehr kränkte Ihn mein Sieg!

*    *    *

Ein schönes Sonnett, voll Feinheit der Empfindungen und des Ausdrucks, voll der lieblichsten Bilder! Selbst Tassoni, der Krittler, läßt ihm volles Recht widerfahren.

Aber nicht leicht ist es zu verstehen – man muß sich ganz in die Lage des Dichters hineindenken, welche diese war: Als ihm einst Laura begegnete, that die Sonne eben einen hellen Blick; Laura war also zwischen der Sonne und zwischen Petrarch. Dieß Blicken der Sonne stellt sich Petrarch so vor, als hätte die Sonne Vergnügen daran, die Laura anzusehen. (Wer [90] merkt hier nicht die Anspielung auf Daphne und Apollo?) Der starke Strahl war Laurens Augen unerträglich und Sie wandte die Augen hinweg und auf den Dichter. Nun verwandelte sich seine Eifersucht in Freude. Ein trübes Wölkchen folgte auf den hellen Sonnenblick und Petrarch legt dieß so aus, als ob die Sonne darüber traurig geworden sey, daß Laura ihn angeblickt habe.

1. amanti d. i. die Sonne und der Dichter. 2. Signor d. i. Amor: schön gesagt, statt die liebenswürdigste. 4. ist Erklärung des ersten Verses. 5. chiusa nämlich Laura war von den Sonnenstrahlen ganz umgeben. 6. amico wie schön gesagt, statt sole! 8. inver statt verso. 12. a lui d. i. al sole. 13. ricoverse statt ricoperse. 14. li d. i. al sole.

Sonnett XCII. des 1ten Theils.

Wahrscheinlich kurz nach seiner Abreise von Cabrieres, wo er seine Laura zurückgelassen hatte und ohne sie nach Val clusa reiste, gedichtet. Diese historischen Umstände giebt uns Vellutello und ohne sie würde dieß Gedichtchen ganz unverständlich seyn!

[91] Voll von der unaussprechlichen Anmuth, die meine Augen an jenem Tag aus ihrem schönen Antlitz sogen, an welchem ich sie gerne auf ewig geschlossen hätte, um nie weniger Schönheit zu sehen; verließ ich das, was mein höchster Wunsch ist. Mein Geist ist so gewöhnt nur sie zu betrachten, daß er nichts anderes siehet und alles, was ausser ihr ist, seit langer Zeit her, hasset und verachtet. Mit Amorn allein kam ich nachdenkend und langsam schleichend in das rings um eingeschlossene Thal, den Erhohlungs-Ort von meinem Seufzen; keine Mädchen, nur Quellen und Steine fand ich da und das Bild von jenem Tage, welchen mir mein Geist, wohin ich auch blicke, vorstellt!

*    *    *

Eines von den vortreflichen Petrarchischen Sonnetten! und wenn man die oben angegebenen historischen Umstände genau auffaßt, so hat das lassai im 5ten Vers gar keine Dunkelheit, wie Muratori und Tassoni mit bitterem Tadel rügen.

3. di ist der glückliche Tag vor seiner Abreise, an dem er Lauren noch einmal gesehen hatte. 5. lassai deutet seine Abreise von Cabrieres, dem Wohnort der Laura an. S. da verließ [92] ich sie, das Ziel meiner Wünsche. 9. valle ist val clusa, wohin er von Cabrieres aus, reiste. 12. donne scheint eine scherzhafte Anspielung auf Cabrieres zu seyn, in welcher Stadt es natürlich mehr Mädchen gab, als zu Val clusa.

Sonnett XCIX. des 1ten Theils.

Auf seiner Reise nach Frankreich und Deutschland verfertiget.

Verschlossen ist mir der Weeg des Heils, eine verzweiflungsvolle Reise entfernt mich von den Augen, wo (ich weiß nicht, durch welches Schicksal?) der Minnesold für alle meine Treue, aufbewahrt lieget: ich nähre mein Herz mit Seufzern und es fordert nichts anderes: von Thränen lebe ich, zum Weinen Geborner! und doch klage ich nicht darüber, denn in einem solchen Zustand ist das Weinen süßer, als man glauben sollte. An Ein Bild allein halte ich mich, das nicht Zeuxis oder Praxiteles oder Phidias, nein ein besserer, geniereicherer Meister, formte! Welches Scythien oder Numidien wird mich sicher bergen, wann der über mein unverdientes Exilium noch nicht zufrieden gestellte Neid, mich, auch so gut verborgen, noch auffindet?

[93] Ein schönes Sonet, voll Affekt!

1. Mercede S. Die Freuden der Liebe zu genießen. 2. disperata via eine Reise aus Verzweiflung unternommen. 11. miglior mastro d. i. seine verliebte Phantasie 12. Scizia, Numidia etc. dichterisch, statt, welche Wüste? 14. invidia etc. man findet nirgends Auskunft, über was und wen sich Petrarch eigentlich hier beklagt.

Canzone I. des 2ten Theils.

Eine vortrefliche Elegie und eines von den ausgearbeitetesten, vollendetesten Gedichten Petrarchs.

1te Stanze,

Was soll ich thun? Was räthst du mir, Amor? Es ist hohe Zeit für mich zu sterben, und wider meinen Willen zögerte ich so lange! Madonna ist gestorben und hat mein Herz mitgenommen. Will ich ihr folgen, so müssen meine traurigen Lebensjahre unterbrochen werden! Hoffen kann ich nicht, Sie jemals wieder hier zu sehen und das Warten ist mir verdrüßlich. Alle Freude meines Lebens ist durch ihren Tod [94] in Weinen verwandelt, alle Annehmlichkeit meinem Leben benommen!

2te Stanze.

Amor, du fühlest es und ich klage mit dir, wie groß und schwer der Schade ist: ich weiß, daß mein, ja unser gemeinschafftliches Unglück dich schmerzt und drückt, denn an Einem Felsen scheiterte unßer Schiff und in Einem Augenblick verfinsterte sich die Sonne. Welcher menschliche Geist könnte meinen kummervollen Zustand in Worten schildern? Ach! blinde, undankbare Welt! du hast große Ursache mit mir zu weinen! denn mit ihr hast du das große Gut verlohren, das du besaßest.

9. Orbo. Muratori erklärt es durch cieco und die folgende Stanze macht diese Erklärung sehr wahrscheinlich,

3te Stanze.

Gefallen ist dein Ruhm und du siehest es nicht! Nicht werth warst du, so lange Sie auf Erden lebte, ihre Bekanntschaft zu machen, noch von ihren heiligen Füßen berührt zu werden; denn eine solche Schönheit müßte den Himmel [95] mit ihrer Gegenwart zieren. Ich Unglücklicher! der ich ohne Sie nicht das sterbliche Leben, noch mich selbst liebe, rufe Sie weinend zurück! Dadurch erwacht wieder etwas Hofnung in mir und diese allein erhält mich noch hier!

4te Stanze.

Ach! Erde ist ihr schönes Gesicht geworden, das uns sonst hierunten für den Himmel und die Seeligkeit bürgte. Ihre unsichtbare Gestalt ist im Paradieß (nicht mehr verhüllt durch den Schleyer, welcher der Blüthe Ihrer Jahre Schatten machte) um sich wieder zu bekleiden, niemals aber mehr zu entkleiden. Dann werden wir sehen, daß die Seele um so viel schöner werden wird, als die ewige Schönheit die sterbliche übertrift.

5te Stanze.

Möchte Madonna schöner und anmuthsvoller zu mir zurückkehren, wo ihr Anblick am willkommensten ist, wie Sie weiß. Dieß ist die Eine Stütze meines Lebens; die andere ist ihr berühmter Name, dessen Klang meinem Herzen so süß tönt. Aber, wann mir einfallt, daß meine schönste Hofnung in ihrer Blüthe gestorben ist, [96] so weiß Amor was aus mir wird – und ich hoffe, daß Sie es sehen wird, die jetzt an der Quelle der Wahrheit sitzt.

6te Stanze.

Mädchen! die ihr ihre Schönheit und ihr Engelsleben, mit jener himmlischen Maiestät sehet; mich müsset ihr bedauern! das Mitleid über mich, nicht über Sie, muß euch besiegen! Sie, die in hohem Frieden dahin gegangen ist und mich im Streit zurückgelassen hat. Sollte die Natur den Weg, auf welchem ich ihr folge, noch lange verschließen, so hält mich nur das, was Amor mit mir spricht, zurück, daß ich den Knoten nicht zerschneide. Er aber spricht so in mir:

7te Stanze.

Zügle den heftigen Schmerz, der dich dahin reißt! denn durch ungemäßigte Leidenschaften verlieret man den Himmel, wohin du trachtest und wo Sie lebt, die anderen todt zu seyn scheinet. Sie lächelt über die abgelegte schöne Hülle und beseufzt nur dich: Sie bittet, daß ihr Ruhm, der durch deine Zunge noch in vielen Gegenden lebet, nicht verlösche. Laß deine [97] Stimme hell zum Lobe ihres Namens erschallen, wann dir ihre Augen je lieb und werth gewesen sind.

Schluß.

Mein Gesang! fliehe die heitere Lust und das Grün; nahe dich nicht, wo Lachen und Gesang, nein, wo Klage ist! Mache nicht, daß du, wie eine trostlose Wittwe in schwarzer Kleidung, in fröhlicher Gesellschaft seyst.

Sonnett VI. des 2ten Theils.

Laßt mich in Ruhe beschwerliche Gedanken! ist es denn nicht genug, daß Amor, Fortuna und der Tod, ringsum mich beunruhigen und bis an die Thüren verfolgen? Muß ich auch noch innerliche Feinde haben? Und du mein Herz bist immer noch, wie du es warst, gegen mich allein untreu! du nimmst das wüthende Heer auf und hast dich mit meinen allezeit fertigen und schnellen Feinden verbunden. In dir legt Amor seine geheime Bothschaften nieder, in dir zeigt Fortuna ihren Siegespomp, und in dich legt der Tod das Andenken an jenen tödtlichen Schlag nieder. Mein längeres Leben muß nun verkürzt werden! in dir bewaffnen sich die [98] sehnsuchtsvollen Gedanken mit Irrthum; daher gebe ich dir all mein Unglück allein Schuld.

Eine schöne und glücklich durchgeführte Allegorie!

3. Scorte nämlich die beschwerlichen Gedanken. 9. messagi h. i. die von Zeit zu Zeit sich regende Erinnerung an Laurens Schönheit und Vollkommenheit. 10. Fortuna d. i. die Widerwärtigkeiten des Glücks. 11. colpo d. i. Laurens Todt. 12. l’avanzo d. i. der Rest seiner Lebenszeit!

Sonnett XII. des 2ten Theils.

Beschreibung eines angenehmen Thals.

Es ist kein Ort, wo ich das so deutlich gesehen habe, was ich zu sehen wünschte, ob ich es gleich nicht wirklich sah; wo ich mich so frey fühlte und die Luft mit verliebten Klagen erfüllte! Nie sah’ ich ein Thal, das so viele geheime und trauliche Winkel zum Seufzen hatte; und Amor, glaube ich, hatte auf Cypern oder sonst wo, kein so liebliches Pläzchen. Die Gewässer, die Lüfte und Zweige, die Vögel, die Fische, die Blumen und Kräuter reden von Liebe, und alle wollen mich bereden, beständig zu bleiben. Aber du, von Geburt Erhabene die mir vom Himmel herab zuruft, bewirkest durch das Andenken, [99] an deinen mir so bittern Tod, daß ich die Welt und ihre Kosenschlingen verachte!

Ein ungemein niedliches, schwärmerisches Gedicht.

2. poich’io nol vidi. Muratori und Tassoni haben den guten Petrarch hier nicht verstanden und lassen ihn nach ihren Erklärungen baaren Unsinn sagen. Um nicht zu weitläufig zu werden, will ich nur den Beweiß für meine Erklärung geben, Petrarch lobt die Schönheit und Einsamkeit des Thals, weil er sich da seinen Schwärmereyen und Seufzern ungestöhrt überlassen konnte. Ich erkläre also den 1ten und 2ten Verß so: daß Petrarch in seiner Phantasie sich Laurens Bild lebhaft vorstellte, und um so lebhafter als sonst, weil ihn hier nichts stöhrte, vielmehr alles zu süßen Schwärmereyen einlud; er sah also seine Laura im Geist, ob er sie gleich nicht wirklich sah. Der Ton, der in dem ganzen Sonnett herrscht, bestätigt diese Erklärung, denn er ist ganz Phantasie, und Schwärmerey. 11. semper ami d. i. daß er nach Laurens Tod sich neuer Liebe ergeben soll.

Sonnett XXI. des 2ten Theils.

Meine wohlthätige Flamme, die Schönste unter den Schönen, die hier des Himmels Freundschaft und Gunst hatte, kehrte zu frühzeitig für [100] mich in ihr Land zurück und zu dem Stern, der ihres Gleichen ist. Jetzt beginne ich zu erwachen und sehe ein, daß Sie zu meinem Besten, sich meinen Begierden widersetzte und die jugendliche, feurige Leidenschaft mit bald sanfter, bald ernster Miene mäßigte. Ihr und ihrem klugen Rath danke ich dafür, daß Sie mich, von Lust entbrannten, bald durch ihren schönen Blick, bald durch sanften Unmuth, an mein Wohl zu denken zwang. O! liebenswürdige Künste und ihrer würdige Wirkungen! Das eine wirkte durch die Zunge, das andere durch Winke: ich bewirkte ihr Ruhm, und Sie wirkte Tugend in mir!

Ein meistermäßiges Sonnett, Gedanken und Ausdruck sind gleich treflich!

4. Stella ist eine Platonische Idee, daß Gott eben so viel Sterne, als Seelen geschaffen habe und daß jede Seele nach der Trennung von dem Körper in einen ihr Homogenen Stern versetzt werde. 5. 6 Jetzt sehe Er erst ein, wie viel es seiner Moralität genutzt habe, daß Laura nicht zu gefällig egen ihn gewesen sey.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: dichterische