Puglia bei Lucca, der Geburtsort des Nicola Pisano?

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Textdaten
Autor: August Schmarsow
Replik: C. Frey
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Titel: Puglia bei Lucca, der Geburtsort des Nicola Pisano?
Untertitel:
aus: Deutsche Zeitschrift für Geschichtswissenschaft Bd. 3 (1890), S. 427–431.
Herausgeber: Ludwig Quidde
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1890
Verlag: Akademische Verlagsbuchhandlung J.C.B. Mohr
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Erscheinungsort: Freiburg i. Br
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Quelle: Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
Siehe auch: Nicola Pisano
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[428] Puglia bei Lucca, der Stammort des Nicola Pisano? In der von dieser Zeitschrift (s. Bd. II, Nachr. Nr. 231) über die Beschreibung der Bildwerke der christlichen Epoche in den Museen zu Berlin gebrachten Notiz wird von dem Referenten C. Frey gegen die Verfasser W. Bode und H. v. Tschudi ein einziger sachlicher Einwand erhoben, der, falls er richtig wäre, geeignet scheint, die Zuverlässigkeit der historischen Angaben des Katalogs zu discreditiren. „Nur eine in der That kühne Behauptung verlangt Abweisung“, heisst es: „Nicola Pisano wird kurz als aus Puglia bei Lucca stammend --- angegeben.“ „Eine Ortschaft Puglia hat niemals existirt. Bode und v. Tschudi haben die unbewiesene, aus Localpatriotismus vorgebrachte Aeusserung Milanesi’s ohne Prüfung des urkundlichen Materiales — nachgedruckt.“ — Ich lasse die kunsthistorische Streitfrage, welche sich an Nicola Pisano’s künstlerische Herkunft knüpft, hier aus dem Spiel. Es handelt sich hier vor dem Forum der Historiker nur um die Existenz des Ortes Puglia oder Apulia bei Lucca, die auch ich noch neuerdings in meinem Buche „S. Martin von Lucca und die Anfange der Toskaniscben Sculptur im Mittelalter“ behauptet habe, und zwar für die Zeit des Nicola Pisano, dessen berühmte Kanzel im Baptisterium zu Pisa von 1260 datirt. Ich beziehe mich nur auf urkundliches Material und literarische Nachweise, welche der Vorwurf localpatriotischer Erfindung aus Parteinahme in jenem kunsthistorischen Streite nicht treffen kann, welche dagegen einem „Historiker“ wie Fr. nicht unbekannt sein durften, wenn er es wagte, die Existenz der genannten Ortschaft zu leugnen und seinerseits einen Mann wie Milanesi, und andere hochverdiente italienische Gelehrte mit ihm, kurzweg Lügen zu strafen. In dem vortrefflichen, auch für die [429] kunstgeschichtliche Forschung in Toskana sehr werthvollen Buche, dem Dizionario geografico-fisico-storico della Toscana ... compilato da Emanuele Repetti, Vol. L Firenze 1888, S. 102 steht genauestens angegeben:

„Apulia o Puglia di Lucca. Contrada nel suburbio meridionale di Lucca. Da il suo nome a quattro popoli: S. Colombano, S. Concordio, S. Pier Maggiore e S. Ponziano di Pulia. Questo nome derivato dalle acque che pullulano dal suolo viene rammen tato sino dal secolo VIII. I suoi campi sono attraversati dal nuovo Aoquedotto.“ (Weitere Nachweise aus Mem. Lucch. Tom. IV. u. Muratori Antich. Estens.) Vgl. Milanesi, Gomment. zu Vasari L, 323.

Das älteste Document, welches den Namen der Ortschaft Apulia bei Lucca überliefert, stammt schon aus Longobardischer Zeit, aus dem dritten Regierungsjahre des Königs Rachis 747. Es betrifft einen Tausch zwischen einem gewissen Acerimo und einem Pietro, und zwar von Grundbesitz im Bezirk der Pieve S. Paolo gegen ein Haus im Orte Apulia, und unter den Zeugen des Contractes malt ein Ortsangehöriger sein Kreuz, und bemerkt der Notar daneben: Signum + ms. Barucottuli v. d. de Apulia. Dieses Document steht schon bei Bartocchini, Memorie e Doc di Stor. Lucchese Vol. V., p. II., pag. 25 gedruckt.

Ein anderes Zeugniss, das uns der Periode, um die es sich handelt, näher bringt, ist vom Jahre 1124. In dem Streit des Bischofs von Lucca mit den Markgrafen von Este und ihren Anhängern, welcher in der Kirche S. Alessandro zu Lucca zum Austrag kam, war der Vertheidiger des Bischofs der Rechtsgelehrte „Willelmus de Apulia“. So zu lesen bei Muratori, Antich. Estens. (ed. Neapol.) I, 182, — um so interessanter, da auch bei Niccolò Pisano der Vater „Petrus de Apulia“, der die ganze Hypothese von der Apulischen Herkunft veranlasst hat, als Rechtskundiger oder Notar gegolten hat. Das auf ihn bezügliche Actenstück würde zeitlich hierher gehören (XIII. Jh.), wenn die Lesung unanfechtbar ist. Dass in diesen beiden Urkunden „de partibus Apuliae“ stehen müsste, wenn es das Königreich Apulien bedeuten sollte, hat bereits Milanesi hervorgehoben.

Weiter bestätigen urkundliche Zeugnisse, die im Archiv zu Lucca bewahrt werden, die Gebräuchlichkeit des Namens, z. B. im Jahre 1331, wo bei der Einschätzung der Vororte unter Nr. 12 auch der „brachio Pulie inter foveas veteres“ vorliegt mit genauer Beschreibung des ganzen Braccio und Angabe Beiner Grenzen. (Quaderno 3, cart. XXII und ebenso Quad. 6., cart. XX.) — Unter den Acten der Einschätzung vom Jahre 1412 findet sich die „Contracta Pulie“ auf pag. XXX, Nr. 124. [430] Vor der letzten oder vorletzten Erweiterung der Umfassungsmauern Lucca’s war Pulia ein „Braccio della Contrada di S. Maria Forisportam“, als aber diese Kirche in die Stadtmauern aufgenommen ward, blieb Pulia ausserhalb und wurde so mit der Zeit selbständige Contrada. So erscheint die Ortschaft z. B. bei der Einschätzung des Jahres 1547 unter Nr. 205.

Das genügt vollkommen für die vorliegende Frage. Angaben über das bis auf unsere Tage herab vorhandene urkundliche Material finden sich bei Bongi, Inventario del R. Archivio di Stato di Lucca, Vol. IV, p. 525.

Darnach erscheint der Vorwurf Fr.’s gegen Bode und Tschudi, von denen man übrigens die Nachprüfung alles urkundlichen Materiales schwerlich verlangen wird, ebenso wie der Ausfall gegen Milanesi als völlig ungerechtfertigt, und sein Ausspruch: „eine Ortschaft Puglia hat niemals existirt“ (übrigens nennt Repetti, Vol. V. p. 678 wie Milanesi noch eine zweite, urkundlich vollauf beglaubigte, im Val d’Arno bei Arezzo) — ist mindestens eine allzu kühne Behauptung, welche — so ohne jegliche Begründung hingeworfen — wohl erst recht Abweisung verlangt.

A. Schmarsow.

Auf die vorstehenden Bemerkungen des Herrn Prof. Schmarsow entgegne ich:

1. Die Streitfrage über Nicc. Pisano’s künstlerische Herkunft ist von der nach seinem Geburtsorte nicht zu trennen. Gerade Milanesi’s Entdeckung gab Sch. die Voraussetzung für seine Hypothesen, in denen er Nicc. Pis. mit den Bildhauern Lucca’s und weiter der Lombardei, speciell mit der Comaskenschule zusammenbringt.

2. Wenn er mir Unbekanntschaft mit dem urkundlichen Materiale vorwirft, irrt er. Bereits seit 1882 habe ich mich mit den die Streitfrage betreffenden Urkunden wie Kunstwerken beschäftigt. In Folge davon kam ich eben zu dem Resultat, die Existenz einer „Ortschaft Apulia bei Lucca" zu verneinen. Ausser meiner Habilitationsvorlesung in der Berliner philos. Facultät am 19. Juli 1884 und gelegentlichen Aeusserungen (z. B. in den Studien zu Giotto, Jb. d. k. Preuss. Kunsts. III [1885] habe ich freilich nichts darüber veröffentlicht, weil ich vermeiden möchte, „Gelegenheitsschriften“ auf den Markt zu bringen und für unfertige Forschungen die Nachsicht der Leser zu erbitten.

3. Bepetti’s Werk ist seinem Werthe nach bekannt. Wie willkommen er ist, so dürfen seine Angaben nie ungeprüft angenommen werden. Gerade über Lucca ist Repetti schlecht informirt.

4. Dass das „älteste“ Document, welches „die Ortschaft Apulia bei Lucca überliefert“, aus dem Jahre 747 stammt, ist falsch. Ich kenne ein früheres von 729 (Mem. Lucch. IV, 1 p. 70). welches Prof. Sch. über das Wesen, die Ableitung und Bedeutung des Wortes Pulia hätte aufklären können.

5. Prof. Sch. hat die Urkunde von 1124, welche er citirt, nicht [431] genau durchgelesen. Der Rechtsgelehrte Willelmus de Apulia ist nicht der Advokat des Rischofs von Lucca, sondern der Markgrafen von Este (für den Bischof spricht Meghinher von Pontremoli) und stammte wie Nicc. Pis. aus Apulien (cf. auch die Zeugenreihen).

6. Unerklärlich ist mir die Behauptung, der Vater des Nicc. Pis. „Petrus de Apulia“, habe als ein Rechtskundiger oder Notar gegolten“ und „die ganze Hypothese von der Apulischen Herkunft veranlasst“. Was Peter aus Apulien für ein Metier betrieb, weiss ich nicht; dass er ein Steinmetz war, ist (mit Rücksicht auf den Sohn) allgemeine Annahme, die auch ich mir gefallen lassen kann; jedenfalls war er kein Jurist, was durch „Ser Pier“ bezeichnet worden wäre. Unverständlich ist mir auch der Satz: „das auf ihn [Petrus de Apulia] bezügliche Actenstück würde zeitlich hierher gehören (XIII. Jh.), wenn die Lesung unanfechtbar ist“. Hierher? also 1124? und dann XIII. Jh.? Ein besonderes Document über Petr. de Apulia oder Ser Pier de Ap. kenne ich nicht. Vielleicht publicirt es Sch. in unanfechtbarer Lesung?

7. Milanesi’s Einfall, dass der Zusatz „de partibus“ Apuliae zur Bezeichnung der Süditalienischen Provinz erforderlich sei, wird jeder mit Urkunden vertraute Gelehrte abweisen.

8. Prof. Sch. kennt nicht einmal den Namen seiner Ortschaft. Bei ihm gehen Apulia, Puglia, Pulia durcheinander. Wenn der Ort Apulia oder Puglia hiess, ist Pulia sprachlich unmöglich und umgekehrt. Das betreffende Terrain hiess zu allen Zeiten Pulia (Betonung auf dem i). Damit ist Apulia, Púglia unvereinbar.

Ich sehe mich nicht veranlasst, meinen Ausspruch, „eine Ortschaft Puglia bat niemals existirt“, zurückzuziehen oder zu modificiren, muss vielmehr den Vorwurf, den ich den Verfassern des Berliner Museumskataloges gemacht habe, nämlich Milanesi’s unbewiesene Aeusserung ohne Prüfung des urkdl. Materiales, das gedruckt vorlag, nachgeschrieben zu haben, auch auf Prof. Sch. und sein neuestes Werk ausdehnen. Da Prof. Sch. mich aber öffentlich in der vorliegenden Weise provocirt hat, werde ich ihm in eigenem Interesse den Beweis für die Richtigkeit meiner Behauptung, so gut das mit dem heutigen Materiale und auf dem beschränkten Räume dieser Zeitschrift möglich ist, zu geben versuchen. C. Frey.

Anmerkungen