RE:Χλαῖνα

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band III,2 (1899), Sp. 23352342
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Χλαῖνα, ein Wort, das nachweislich nur in der Beschreibung männlicher Tracht vorkommt, bezeichnet ein Gewandst[ck, das nach der übereinstimmenden Überlieferung der Grammatiker zu dem Typus der περιβλήματα gehört, d. h. es ist eine Art ἱμάτιον ἐπὶ τῷ χιτῶνι (Poll. VII 46. Suid. Hesych. s. v. Moeris 408 u. s.). Pollux folgert das a. a. Ο. mit Recht aus einem Vers des Homer (Od. XVI 79), zu dem noch andere hinzuzufügen sind (Il. II 262; Od. XIV 341. 513 [Schol. τὰ ἔξωθεν περιβλήματα]; vgl. auch Od. XXI 118, wo Odysseus, um den Bogen zu spannen, die Ch. ablegt, was das Vorhandensein eines Untergewandes voraussetzt). Hinzu kommt, dass Ch. auch als Wort für Lagerdecke vorkommt, wie ebenfalls Poll. a. a. O. anführt (Il. XXIV 646 [Schol. τὸ περιβλήμα τῆς κλίνης] Od. III 349f. Hom. Hymn. III 159. Sophokl. Trach. 540. Poll. X 123: vgl. Ammon. Diff. voc. ed. Valckenaer 146, 23). In Übereinstimmung mit dieser doppelten Art der Verwendung steht die Etymologie des Wortes, das wahrscheinlich aus der Wurzel χλι- gebildet ist und mit χλιαίνω ,wärmen‘ zusammengehört (Studniczka Beiträge zur Geschichte der altgriechischen Tracht 73. Helbig Hom. Epos² 188). Zu dem Zweck, als wärmende Decke zu dienen, war die Ch. besonders geeignet, da sie meist ein starkes, dichtes, zottiges Gewebe [2336] aus Schafwolle war (Il. X 134 οὔλη δ’ ἐπενήνοθε λάχνη. Od. XIV 520f. 529 πυκνήν; besonders häufig οὔλη, s. Studniczka a. a. O. 73, 8. Poll. X 123 [Θεόπομπος] παχεῖαν). Dieser Eigenschaft verdankt sie die häufige Bezeichnung durch Beiworte wie ἀνεμοσκεπής Il. XVI 224, ἀλεξάνεμος Od. XIV 529, χειμάμυνα Aesch. frg. 439. Soph. frg. 1005; als Winterkleidung bei den Dichtern der neueren Komödie Poll. X 123 (die Stellen Hesiod. erga 536f. und Poll. VII 61 geben hierfür direct nichts aus; sie beweisen nur, dass die Ch. sowohl im Sommer wie im Winter getragen wurde, und dass man für letztere Jahreszeit eine besonders μαλακήν als ἐρυμα χροός oder eine besonders παχεῖαν als χειμερινὸν ἱμάτιον bezw. χείμαστρον benützte). Eine locker gewebte, also weniger warme Ch. muss mit ἀσπάθητος χλαῖνα bei Sophokles frg. 791 N. gemeint sein (s. Poll. VII 36). Poll. VII 47 constatiert ferner aus Homer zwei verschiedene Arten von Ch., die ἁπλοΐδες (Il. XXIV 230; Od. XXIV 276) und die διπλαῖ (Il. X 134; Od. XIX 226): für letzteres wird auch δίπλαξ angewendet (Il. III 126. XXII 441; Od. XIX 241. Studniczka a. a. O. 74. Helbig a. a. O. 189). Als spätere Ausdrücke für beides führt Pollux ἁπληγίδας und διπληγίδας oder διβόλους an (Stephanus Thesaurus s. v.). Daraus, dass Sophokles (frg. 704 Nauck) das Wort ἁπληγίς mit Θεσσαλῆ verbindet, wodurch das Gewandstück deutlich als Chlamys (s. d.) bezeichnet wird, kann man schliessen, dass Ch. ἁπλοίς und Chlamys sich nicht wesentlich unterschieden haben; Ammonius a. a. O. 147 giebt nach Didymos an, die Ch. sei im Gegensatz zu der Chlamys ein τετράγωνον ἱμάτιον gewesen; wir erfahren in der That aus anderen Quellen, dass die Chlamys (s. d.), zum Teil wenigstens, rund zugeschnitten war. Also bestand der Unterschied zwischen χ. ἁπληγίς und Chlamys nur in der Form. Den richtigen Aufschluss darüber, welche Art von Doppelung mit den Worten διπλῆ u. s. w. gemeint sei, hat Studniczka a. a. O. 74f. (vgl. Helbig a. a. O. 190) nach Od. XIII 224 gegeben, wo Athena in der Gestalt des jungen Hirten erscheint: δίπτυχον ἀμφ’ ὤμοισιν ἔχους’ εὐεργέα λώπην; letzteres bedeutet ursprünglich zwar nur im allgemeinen Gewand (vgl. jedoch Hesych. λώπη, τὸ ἱμάτιον, περίβλημα; auch in den beiden von Studniczka a. a. O. 77 angeführten Stellen aus Theokrit Id. XXV 254 und Apollonios Rhod. Argon. II 32 ist mit dem Wort sicher ein Mantel gemeint), aber nach den Worten ἀμφ’ ὤμοιςιν kann in diesem speciellen Fall nur ein Mantel damit gemeint sein, also eine Art Ch. Das Beiwort δίπτυχος bedeutet doppelt zusammengefaltet, und danach können wir nun auch διπλῆ bei Ch. erklären, zumal hier bestätigend die Denkmäler eintreten; auf ihnen findet sich, wie wir sehen werden, diese Form des doppelt gelegten Mantels häufig und wir werden ihr gerade den Namen Ch. überzeugend zuweisen können.

Wenn man die Ch. doppelt zusammengefaltet tragen konnte, so musste sie unter Umständen eine bedeutende Grösse erreichen; dafür spricht sicher Od. XIV 521 μεγάλην, wahrscheinlich auch Il. X 134 ἐκταδίην, (Studniczka a. a. O. 75, der das Wort mit ,ausbreitbar‘ übersetzt; dagegen Helbig a. a. O. 188, der meint, der Ausdruck [2337] ,vergegenwärtige, wie der schmiegsame Stoff glatt ausgebreitet die Schultern und den Rücken des Helden umgiebt‘), sicher endlich der Ausdruck κατάρβυλος χλαῖνα Sophokl. frg. 560 Nauck.

An verschiedenen Stellen ist bei Homer besonders erwähnt, dass die Ch. mit einer περόνη genestelt wurde (Il. X 133; Od. XIX 226); an einigen anderen Stellen ist eine derartige Befestigung vorauszusetzen (Studniczka a. a. O. 75. Helbig a. a. O. 191). Es wird kein Zufall sein, dass in den beiden Stellen, in denen diese Nestelung besonders erwähnt wird, die Ch. als διπλῆ bezeichnet ist. Man wird aus demselben Grunde, aus dem man beim Peplos (s. S. 2312) den oberen Teil, der genestelt werden musste, überschlug, d. h. um das Ausreissen des Stoffes durch die Nadeln zu vermeiden, auch die Ch., wenn man sie nesteln wollte, doppelt umgelegt haben.

Verschiedentlich wird bei Homer die lebhafte Färbung der Ch. hervorgehoben: φοινικόεσσα Il. X 133; Od. XIV 500. XXI 118; πορφυρέη Il. III 126. XXII 441; Od. IV 115. 154. XIX 225. 242. Andromache webt eine purpurne Diplax und verziert sie mit θρόνα ποικίλα Il. XXII 441; Helena schmückt eine Diplax mit figürlichen Darstellungen der Kämpfe zwischen Troern und Achaeern Il. III 125ff.; vgl. Studniczka a. a. O. 86. Helbig a. a. O. 191f. Da andererseits Ch. auch bei Personen der niederen Stände vorkommt (Studniczka a. a. O. 73. Helbig a. a. O. 193), so muss sie eine ganz allgemeine Verbreitung gehabt, d. h. sowohl dem Bedürfnis wie dem Luxus gedient haben. Letzterem allein hingegen scheint das φᾶρος gedient zu haben, ein Wort, das indessen auch eine allgemeinere Bedeutung, wie später ἱμάτιον (s. d.) gehabt haben muss, denn an einigen Stellen wird der Mantel derselben Person in einem Zusammenhang bald Ch., bald φᾶρος genannt (Studniczka a. a. O. 72).

Mit Ch. in der Hauptsache identisch ist augenscheinlich der specielle spartanische Männermantel, dessen besonderer Name τρίβων war (Studniczka a. a. O. 77). Theopompos (Poll. X 124) spricht einfach von der χ. παχεῖα Λακωνική, womit nur der Tribon gemeint sein kann; bei Polyaen. strateg. IV 14 erscheint Polysperchon vor seinen Soldaten in der Ausrüstung der peloponnesischen Gegner τρίβωνα διπλοῦν ἐμπορπησάμενος; Aristoph. Vesp. 1132f. sagt Bdelykleon: Τὸν τρίβων’ ἄφες, Τηνδὶ δὲ χλαῖναν ἀναλαβοῦ τριβωνικῶς (das ist nur möglich, wenn Ch. und Tribon in der Form einander entsprechen); Diog. Laert. sagt VI 13 von Antisthenes, dass er ἐδίπλωσε τὸν τρίβωνα; nach ihm wurde dies die schulgemässe Kynikertracht (Mullach Frg. phil. gr. II 264).

Sonst war in späterer Zeit Ch. in Leben und Sprache ganz zurückgetreten. Eine Spur der Diplax finden wir noch bei Lykurgos 40, nachdem man in der Zeit nach der Schlacht bei Chaironeia Greise und Untaugliche διπλᾶ τὰ ἱμάτια ἐμπεπορπημένους sah. Auch gab man die in Pellene gearbeiteten und besonders gerühmten Ch. den Siegern in den dortigen Agonen als Preis (Pind. Ol. IX 146; Nem. X 82. Strab. VΙΙI 386. Poll. VII 67). Über ἐπιπόρπημα, ἐπιπορπίς, ἐμπερονατρίς = ἱμάτιον διπλοῦν s. weiter unten S. 2339.

[2338] Wenden wir uns nun zu den Denkmälern, so ist zunächst zu bedenken, dass wir im Grunde nach den obigen Resultaten nicht das Recht haben, den Namen Ch. – wenigstens für die ältere Zeit – nur auf eine specielle Manteltracht anzuwenden.

Wir finden auf den ältesten hier verwendbaren Monumenten vier verschiedene Arten, den Mantel zu tragen. 1) Man lässt diesen in seiner Hauptmasse den Rücken bedecken und zieht die beiden oberen Zipfel gleichmässig über beide Schultern nach vorne: die sog. symmetrische Manteltracht; s. Böhlau Quaestiones de re vestiaria graecorum 32f. Helbig a. a. O. 188ff. Die in dieser Weise getragenen Mäntel sind von sehr verschiedener Ausdehnung und in manchen Fällen augenscheinlich auch doppelt gefaltet, um ihr Volumen zu verringern. 2) Man legt den einen Zipfel auf die eine Schulter, führt die übrige Masse unter der entgegengesetzten Achsel durch und wirft den dem ersten gegenüberliegenden Zipfel über die schon bedeckte Schulter; Böhlau a. a. O. 33. Helbig a. a. O. 188, 2. 3) Man legte einen Teil über eine Schulter, führte die übrige Masse quer über den Rücken nach der entgegengesetzten Hüfte, um den Unterleib, bis zu dem unter der schon bedeckten Schulter befindlichen Unterarm, auf dem man das Ende ruhen liess; z. B. Gerhard A. V. X. XXXII (eine Variation hiervon scheint die Tracht zu sein, die wir auf Gerhard A. V. XIII. XV. XIX 2. CVIII. CXXXVI finden; doch ist sie nach den Zeichnungen – wenigstens dem Verfasser – rätselhaft; ähnlich, aber verständlich bei dem Hermes a. a. O. LV); für 2 und 3 mussten die Mäntel natürlich beträchtlichen Umfang haben. Endlich 4) finden wir, sehr selten, genestelte Mäntel, und zwar nur bei Apoll und Hermes; z. B. Gerhard A. V. XVII. XXXIX. XL. LXVII. LXXIII; die Flüchtigkeit der Zeichnungen erlaubt nicht zu erkennen, ob die Mäntel gedoppelt oder einfach sind, ob wir es demnach mit Ch. oder Chlamys zu thun haben.

All diese so verschieden getragenen Mäntel würde ein homerischer Grieche Ch. genannt haben; nur in einigen Fällen, wo ein Mantel grosser Form besonders mit weisser Deckfarbe gemalt ist, mag das φᾶρος gemeint und mit der Farbe auf den schneeigen Linnenstoff gedeutet sein (Studniczka a. a. O. 92, 75). Da aber in späterer Zeit für die grossen Mäntel das Wort ἱμάτιον allgemein üblich wurde, sollen diese, soweit sie auf späteren Monumenten auftreten, auch in unserem Lexikon der Übersichtlichkeit halber unter ἱμάτιον weiter besprochen werden, an dieser Stelle dagegen nur die kleineren Manteltypen späterer Zeit, abgesehen von dem sicher Chlamys zu benennenden Typus.

1) Die ungenestelte Ch. Sie wird wie ein Shawl zusammengefaltet und symmetrisch getragen, d. h. ihre Hauptmasse liegt im Rücken, während die beiden Enden in mannigfacher Weise über die Schultern oder Arme geworfen oder um die Arme geschlungen werden; so z. B. Gerhard A. V. XLVI (Apollon). L–LI (Hermes); Statuen des Apollon und des Oinomaos in den Giebeln des Zeustempel von Olympia (Olympia III Taf. IX 3. XXII); Statue des Anakreon (Brunn-Bruckmann Denkm. 426); Statue eines Jägers (Helbig Führer 2. 129); Statue des Ares (Helbig [2339] Führer 402. Furtwängler Sammlung Somzée Pl. XXXV p. 61ff.) und sonst oft. In derselben Weise, d. h. shawlartig, zusammengefaltet ist der Mantel der Artemisstatuen im Typus der Artemis von Versailles. Auch kommt es vor, dass die Ch. zusammengerafft und auf die linke Schulter gelegt wird (z. B. Hermes von Andros, Brunn-Bruckmann Denkm. 18. Baumeister Denkm. Abb. 737. Athen. Mitt. 1879 Tf. XV. 1883 Tf. IV. Arch. Ztg. 1860 Tf. 139/140 = Baumeister Denkm. Abb. 319 [die beiden Jünglinge links von Bellerophon]).

2. Die genestelte Ch. Das älteste Beispiel für diese Tracht bietet der Apollon auf dem Nymphenrelief von Thasos (Studniczka a. a. O. 79 Fig. 20). Beispiele aus späterer Zeit sind der Apollon der Galleria delle Statue (Helbig Führer 187) und der eines Reliefs aus Sparta (Athen. Mitt. 1887 Tf. XII). In diesen Fällen ist die Ch. unter der linken Achsel durchgezogen und auf der rechten Schulter geknüpft. Anders liegt sie bei einer archaistischen Statue des Apollon in Villa Borghese (Helbig Führer 916), bei dem die linke Schulter von der Ch. bedeckt ist, und bei dem bärtigen Zuschauer auf der ficoronischen Ciste (Studniczka a. a. O. Helbig Führer II S. 388ff.), bei dem sie vor der Brust geknüpft ist und über beide Schultern zurückfällt (s. auch den Hermes bei Gerhard A. V. CXLIV). Bedeutsam ist es nun, dass die an erster Stelle genannte Art, die genestelte Ch. zu tragen, sich nur bei Apollon oder Kitharoeden findet. Wir sind berechtigt, der Ch. in diesem Fall die Namen ἐπιπόρπημα, ἐπιπορπίς, ἐμπερονατρίς beizulegen (s. Stephanus Thesaurus s. v.), die als ἱμάτιον διπλοῦν erklärt werden und in Schilderungen der besonderen Kitharoedentoilette eine Rolle spielen. Bei Stephani Compte rendu 1875, 105. 109ff. sind alle einschlägigen Stellen gesammelt und mit Monumenten erläutert; vgl. ausserdem Böhlau a. a. O. 49. Bedeutsam ist es nun, dass wir die Ch. ganz in der gleichen Weise genestelt und getragen auch bei Frauen finden. Beispiele bei Böhlau a. a. O. Fig. 35. Studniczka a. a. O. 79 Fig. 21. 22. Allen bekannte Beispiele sind die Athena Farnese in Neapel und ihre Variation, die Athena Hope (Furtwängler Meisterwerke 106ff. Fig. 16. 18. Monuments Piot 1896 II 27ff.), die Athena mit dem Wolfshelm in Villa Albani (Helbig Führer 775. Furtwängler Meisterw. 113ff. Fig. 19), Demeterstatue in München (Brunn Glyptothek 79) und Berlin (Beschreibung 582), die Artemis von Gabii (Studniczka a. a. O. Fig. 21). Letztere dürfte die jüngste Figur (zweite Hälfte des 4. Jhdts.) sein, an der diese Tracht auftritt.

Ganz mit Recht hat nun schon Böhlau a. a. O. 49. 67, nach ihm Studniczka a. a. O. 80f. und Kalkmann Zur Tracht archaischer Gewandfiguren, Arch. Jahrb. XI 35f. darauf hingewiesen, dass diese Manteltracht nur eine Vereinfachung der complicierteren ist, die uns z. B. an vielen von den Mädchenstatuen von der Akropolis, auf archaischen Reliefs und vielen sf. und streng-rf. Vasen begegnet, nur dass dort häufig, was später nicht mehr vorkommt, die beiden Teile der Ch. auf der Schulter nicht durch Nestelung, sondern durch Nähen vereinigt werden, und dass ferner in vielen Fällen die Ch. nicht nur an einer Stelle auf der [2340] Schulter befestigt wird, sondern in der ganzen Länge des Oberarms, offenbar zugleich mit dem den Arm bedeckenden Teil des Chiton, geknöpft wird, wodurch sie im Grunde den Charakter des περίβλημα verliert; s. besonders Kalkmann a. a. O. 35ff. Fig. 13. 17. Bei diesen Figuren sieht man meistens dort, wo der Mantel schräg die Brust Überschneidet, einen schmalen, mehr oder minder kunstvoll gekräuselten Überfall, unter dem dann zunächst ein längerer, in mehreren Zipfeln herabhängender Teil folgt. Unter diesem wieder wird dann – und zwar fast stets ohne jeden weiteren Absatz – die ganze übrige Masse des Gewandes sichtbar. Die Frage ist nun, ob diese noch zu dem Mantel oder zu dem Chiton zu rechnen ist. Kalkmann behauptet a. a. O. 30ff. entschieden das letztere gegenüber der bisher geltenden Ansicht (vor allem gegen Studniczka Athen. Mitt. XI 354, 2), die sich für das erstere entschied. Kalkmann hat recht, wenn er betont, dass aus der verschiedenen Stilisierung des oben sichtbaren Teiles des Chiton und des fraglichen Teils des Gewandes nichts geschlossen werden kann (s. o. unter Χιτών S. 2323). Bedenklicher aber macht es doch, wenn der Chiton oben dunkelrot gefärbt ist, das fragliche Stück aber die gleiche Farbe und Ornamentierung hat, wie die sicheren Teile des Mantels (Ant. Denkm. I 19, 1. 39. Collignon Histoire de la sc. gr. I T. I). Dem Verfasser scheint das entschieden dafür zu sprechen, dass jener untere Teil zum Mantel gehört. Das Befremdende bei dieser Annahme ist die Thatsache, dass der Mantel – wenigstens scheinbar – drei überfallende Teile hat. Kalkmann meint, das wäre nur denkbar, wenn der oberste schmale angenäht wäre, und deshalb unmöglich. Aber zu eben jener Zeit, aus der die Figuren mit dieser Tracht stammen, finden wir ionische Chitone mit besonders angenähtem Überfall. Indessen ist es kaum nötig, eine derartige Befestigung durch Naht anzunehmen. Es musste sehr schwer sein, derartige Mäntel, auch wenn sie mit dem Chiton durch Knöpfung verbunden waren, in gutem Sitz zu erhalten, das Herabgleiten der schweren Masse von der Schulter zu vermeiden. Deshalb, glaubt Verfasser, wendete man, wie das auch zum Festhalten des Chiton geschah (S. 2318), ein Band an, das dem Rande des Mantels entsprechend lief und über das dieser Rand in geringer Breite gelegt wurde. Dadurch würde sich die grosse Regelmässigkeit der nun sich bildenden Randlinie und ihr tiefes Einschneiden in die Stoffmasse des Chiton erklären. Sei dem aber, wie ihm wolle, die Existenz derartiger Mäntel mit drei überhängenden Teilen wird durch die Figur der Demeter auf dem Vasenbild bei Gerhard A. V. XLVI bewiesen; auch sind die archaistischen Figuren, an denen man das Gleiche beobachten kann, nicht so ohne weiteres als missverstanden zu verwerfen (Kalkmann a. a. O. 39, 90). Richtig aber ist es zweifellos, dass derartig lange Mäntel zu den grössten Seltenheiten gehörten; davon kann eine Durchsicht von Gerhards Auserlesenen Vasenbildern z. B. überzeugen. In den meisten Fällen ist auf den in Frage kommenden Vasenbildern Mantel und Chiton deutlich unterscheidbar, und in all diesen Fällen erreicht der Mantel kein einziges [2341] Mal die Länge, so dass er den Chiton unten ganz verdeckt. Das kann uns aber an dem Schluss nicht irre machen, zu dem uns Färbung und Ornamentierung an den Marmorfiguren zwingt. Wie im 5. und 4. Jhdt. die nur auf der Schulter genestelte Ch. von sehr verschiedener Länge war (vgl. z. B. die Figur bei Böhlau Fig. 35 = Kalkmann Fig. 16 mit der Athena Albani), so muss der auf dem Oberarm geknöpfte Mantel ebenfalls sehr verschiedene Dimensionen gehabt haben, wie uns das durch das eben erwähnte Vasenbild bei Gerhard und das ebd. LXXVIII publicierte bewiesen wird; auf beiden sehen wir zwei Frauen in einem derartigen Mantel, die eine in einem sehr langen, die andre in einem kurzen.

Nach alledem müssen wir es in den Fällen, in denen jede Unterscheidung durch Farbe oder Ornamentierung mangelt, zweifelhaft lassen, ob ein kurzer oder langer Mantel gemeint sei; wo aber die farbige Unterscheidung deutlich erhalten ist, müssen wir ihr Rechnung tragen und in den oben citierten Fällen einen sehr langen Mantel annehmen. Deshalb braucht man sich Studniczka in der Benennung ,ionisierender Peplos‘ nicht anzuschliessen; diese wäre berechtigt, wenn der betreffende Mantel wirklich ,eine dem ionischen Trachtstil angepasste Umbildung des alten dorischen Kleides, d. h. des Peplos‘ wäre (Studniczka Athen. Mitt. a. a. O.). Diese Annahme wiederum wäre nur berechtigt, wenn die Fälle, in denen dieser Mantel auf beiden Schultern, dem Peplos entsprechend, genestelt wird, die Regel bildeten. In der That sind sie aber im Verhältnis zur Masse der Denkmäler, die hier in Betracht kommen, sehr in der Minderzahl und repräsentieren, wie Kalkmann a. a. O. 43ff. (dort alle Beispiele citiert) richtig ausführt, eine Übergangsstufe zwischen der Ch. und dem Peplos, der ja ebenfalls mantelartig über dem Chiton getragen vorkommt und deshalb mit Recht auch ἱμάτιον genannt wird. Die künstliche Anlage dieser Ch. ermöglichte auch sonst mannigfache Variationen je nach dem Geschmack der Zeit, des Volkes und des einzelnen; eine solche bespricht Kalkmann a. a. O. 45. Wo und wann hat sich die Mode entwickelt, dass die Ch., die wir bei Homer nur in der Tracht der Männer fanden, auch vom weiblichen Geschlecht getragen wurde? Die Frauen trugen in homerischer Zeit ihre Mäntel symmetrisch (s. unter Ἱμάτιον; damit im Einklang steht es, dass wir auf den ältesten Vasen, die dem Eindringen des ionischen Gewandstiles vorausliegen, bei Frauen nur die symmetrische Manteltracht finden. Augenscheinlich war es also in Ionien, wo die Ch. auch in die Toilette der Frauen eindrang und entsprechend dem ganzen dort herrschenden Rococogeschmack stilisiert wurde. In dieser Form kam sie im 6. Jhdt. mit dem weiblichen Chiton nach Hellas und machte hier die Wandlung der ganzen Kleidung zur natürlichen Einfachheit mit durch. Sie erhielt sich, wie sie der festländischen Tracht der Frauen ursprünglich fremd war, im Leben augenscheinlich nur in der Tracht der Männer, denn wir finden sie im 5. und 4. Jhdt. nur noch bei mythischen weiblichen Gestalten.

Vielleicht aber ist es möglich, zwei specielle antike Ausdrücke für jene Tracht der Ch. zu [2342] eruieren, und damit zugleich die Stellen der Litteratur, an denen diese Ausdrücke vorkommen, zu illustrieren. Poll. führt VII 49 unter den Namen weiblicher Gewandstücke auch διπλοίδιον und ἡμιδιπλοίδιον auf. Ersteres wird bei Herodian (Philet. p. 446 ed. Piers. [Moiris], wo das Wort in διπλήδιον verderbt ist) mit τὸ διπλοῦν ἱμάτιον erklärt. Es ist Diminutiv von διπλοίς, das Hesych (s. διπλοίδα) mit διπλουμένη χλανίς ἐν τῷ φορεῖσθαι erläutert. Chlanis (s. d.) kann sich von Ch. nur durch den leichteren Stoff und geringere Grösse unterschieden haben. Ferner wird διπλοίς mit δίπλαξ gleichgesetzt; s. Heyne zu Il. III 126, Obs. IV 473f. Danach kann es kein Zweifel sein, dass wir das Recht haben, die oben behandelte Ch. der Frauentracht διπλοίς oder διπλοίδιον je nach ihrer Grösse zu benennen (Studniczka Vermutungen zur gr. Kunstgesch. 28]. Ἡμιδιπλοίδιον kommt nur einmal in classiscner Litteratur, Aristophanes Eccl. 318, vor. Diese Stelle ist von Böhlau a. a. O. 6ff. eingehend und mit gründlicher Kritik behandelt worden; dem Endresultat seiner Behandlung aber braucht man sich trotzdem nicht durchaus anzuschliessen. Nach ihm wäre ἡμιδιπλοίδιον wie διπλοίδιον identisch mit dem als Hauptgewand getragenen Peplos. Das kann, wenn wir διπλοίδιον richtig bestimmt haben, nicht den Thatsachen entsprechen. Alle Schwierigkeiten der Stelle dürften sich aber lösen, wenn man eine doppelt gefaltete Ch. von geringer Grösse annimmt, die durch die künstliche Befestigung (auf Schulter und Arm oder auf beiden Schultern) in der That zu einem ἔνδυμα werden konnte und deshalb auch nicht mit Unrecht χιτώνιον genannt wird, denn seinem Typus nach – und insofern hat Böhlau recht – ist ja diese Ch. nichts anderes als ein kurzer Peplos; für dies Gewand wird aber in der Zeit des Aristophanes neben seinem ursprünglichen Namen ohne Unterschied auch Chiton gebraucht. Ein solches Gewand muss κροκωτίδιον, das an jener Stelle der Eccl. 332 dasselbe Kleidungsstück wie ἡμιδιπλοίδιον bezeichnet, auch Lysistr. 47 sein, denn hier figuriert es neben περιβαρίδες und χιτώνιον als Hauptbestandteil weiblicher Festtoilette.

Am Schluss seien noch die beiden Namen σισυς und σισύρα erwähnt. Poll. VII 57 setzt das erstere gleich mit παχεῖα χλαῖνα, und VII 70 wird das zweite als περίβλημα aus Fell erwähnt. Häufig wird σισύρα mit Ch. erklärt, doch schwanken die genaueren Angaben über beide Namen sehr (Stephanus Thesaur. s. σισύρα). Über Mäntel aus Fellen bei Homer s. Studniczka a. a. O. 71f. und Helbig a. a. O. 196f. Vgl. Hermann-Blümner Griech. Privataltert. 177f. Über die der griechischen Ch. entsprechende römische Laena s. d.

Nachträge und Berichtigungen

Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band S I (1903), Sp. 294
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[Abschnitt korrekturlesen]

[293]

S. 2335, 41 zum Art. Χλαῖνα:

Zu S. 2336, 4: S. ferner Bull. hell. 1895, 10. Dittenberger Syll.² 438 Z. 135f. παχεῖ[α]ν. Besonders deutlich Theocr. V 98f.

Zu S. 2337, 29: In dem Ἐπιτάφιος Βίωνος (27) werden die Priape μελάγχλαινοι genannt, womit jedenfalls ihre Trauer angedeutet werden soll (vgl. S. 2325, 28ff.). Die Mitglieder der Phratria der Labyaden wurden nach einer delphischen Inschrift mit einer χλ. φαωτά bekleidet (Bull. hell. 1895, 10. Dittenberger Syll.² 438 Z. 135f.). Vgl. hier die Berichtigung zu S. 2331, 16.

Zu S. 2337, 57: Einen τρίβων weiht eine Tanagraeerin der Demeter und Persephone (Revue des ét. gr. XII 75 [Z. 32]. 96). S. ferner Lucian. dial. mort. I 2. X 2. Im τριβώνιον war nach Cedren. hist. comp. 369 Homer im Zeuxippos zu Constantinopel dargestellt.

Zu S. 2337, 67: Ein allgemeines Wort für einen der Ch. entsprechenden Umwurf ist ἐφεστρίς nach Lucian. dial. meretr. IX 1 (weitere Citate bei Pape und Stephanus).

Zu 2339, 16ff.: Unter der Achsel durchgezogen ist die Ch. nur auf dem Nymphenrelief.

Zu S. 2339, 55: Neuerdings erst bekannt geworden ist eine Vase der Villa di Papa Giulio, auf der zwei Mädchen mit dieser Ch.-Tracht gemalt sind; zur Befestigung auf der rechten Schulter dient beidemal eine mit der Spitze in die Höhe stehende περόνη, wie auf derselben Vase beim Peplos auf beiden Schultern (Furtwängler-Reichhold Griech. Vasenmalerei Taf. 17—18 p. 80f.). Demnach scheint Th. Reinach recht zu haben, wenn er Revue des ét. gr. XII 96 annimmt, es habe τρίβωνες für Männer und Frauen gegeben. Auch ἐφεστρίς (s. o.) kommt bei Männern und Frauen vor.

Zu S. 2339, 66: Nestelung sehr deutlich an einer Bronzestatuette in Breslau (Rossbach Gr. Antiken des arch. Mus. in Br. S. 37).

Zu S. 2340, 30f.: Gegen die hier vorgeschlagene Annahme spricht allerdings, dass der untere Teil des Gewandes an der Körperseite, an der der Mantel oben auf Schulter und Arm geknöpft ist, weder geteilt ist, noch eine Naht oder Knöpfung erkennen lässt, was in der That stattfinden müsste. Eine Entscheidung ist nur nach abermaliger, genauer Untersuchung der Originale möglich.

Zu S. 2340, 57: Einzuschieben: und durch die der Nymphe Himera auf den Münzen der gleichnamigen Stadt (P. Gardner Types of gr. coins II 18. Brit. Mus. Guide XVI 25).

Zu S. 2342, 55/56: Das Diminutiv χλαινίον in der Anth. Pal. XII 40. Χλαινίς s. unter Χλανίς S. 2346, 32.