RE:Achaimenidai 2

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band I,1 (1893), Sp. 200204
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2) das persische Königshaus, dessen Glieder sich im engeren Sinne Achaimeniden nannten, das jedoch vom Clan der Achaimeniden scharf zu unterscheiden ist (Buttmann Mythol. II 313). Der Name Achaimeniden ist für die Familie des Kyros durch Herodot (III 75), für die des Dareios bezeugt durch die Behistuninschrift (Spiegel altpers. Keilschr. 43 vgl. 2): Deswegen werden wir Achaimeniden genannt, von Alters her sind wir berühmt, von Alters her war unsere Familie Könige. Nicht mit der Herkunft von Achaimenes rechtfertigt es Dareios, dass seine Geschlechtsgenossen den Namen Achaimeniden führen; denn der Achaimenes, den er an der Spitze seiner Vorfahren nennt, ist von dem Eponymos des Geschlechts verschieden. Vielmehr ist deswegen auf das folgende zu beziehen; weil die Familie des Dareios von Alters her innerhalb des Clans der Achaimeniden die Herrschaft führte, darum werden die Angehörigen dieser Familie Achaimeniden im engeren Sinne genannt. Zweifelhaft bleibt, ob Dareios unter seiner Familie nur seine eigenen Vorfahren oder auch die des Kyros versteht. Um die Verwandtschaft zwischen Kyros und Dareios nachzuweisen und den Stammbaum der älteren Achaimeniden zu reconstruieren, dienen ausser der Behistuninschrift (Übersicht über die Ausgaben des persischen Textes und die Geschichte der Entzifferung und Erklärung bei [201] Spiegel altpers. Keilschr. 133f.) der babylonische Kyroscylinder (ediert und übersetzt u. a. von Theod. G. Pinches Transactions of the Society of Biblical Archeology VII 151) und die Aufzählung der Vorfahren des Xerxes bei Herod. VII 11. Schwierigkeit macht der Widerspruch zwischen Herodot und der Behistuninschrift, dass auf dieser Achaimenes Vater des Teispes genannt wird, während bei Herodot Kyros, Kambyses und in einigen Hss. noch ein zweiter Teispes zwischen Teispes und Achaimenes aufgeführt werden. Die älteren Versuche, diesen Widerspruch zu erklären, werden zusammengestellt von Baehr zu Herod. VII 11; vgl. Rawlinson z. d. St. v. Gutschmid Neue Beiträge 90. Die meisten (auch Duncker G. d. A. IV⁵ 250 und Lenormant Hist. anc. de l’Or. V 449) nahmen den von Rubino De Achaem. gente XIV aufgestellten Stammbaum oder einen ähnlichen an. Rubino vermutete, Herodot habe aus Versehen den grossen Kyros mit seinem Vater und Grossvater unter die Vorfahren des Dareios eingeschoben. Da der Grossvater des Kyros mit dem Ururgrossvater des Dareios denselben Namen trug, schien es gerechtfertigt, beide zu identificieren; so ergab sich die Annahme, dass unter den Söhnen des Teispes das bis dahin einheitliche Haus der Achaimeniden sich in die ältere Linie des Kyros und die jüngere des Dareios gespalten habe. Diese Lösung konnte befriedigen, bis wir aus dem Kyroscylinder erfuhren, dass der Grossvater des Kyros ein Kyros und erst sein Urgrossvater ein Teispes gewesen ist. Seitdem war es nicht mehr möglich, die Namen, welche bei Herodot gegen die Behistuninschrift überschiessen (Kyros, Kambyses, Teispes) für den grossen Kyros mit Vater und Grossvater zu halten. Infolge dessen fand ein anderer Stammbaum Annahme, welcher alle Namen Herodots für Vorfahren des Dareios beibehielt und die ältere Linie mit Kyros, dem Grossvater des grossen Kyros, beim zweiten Teispes abzweigte (Büdinger Sitz. Ber. Akad. Wien XCVI 484. Winckler Untersuchungen zur altorient. Gesch. 129. Nöldeke Aufsätze zur pers. Gesch. 16 = Encycl. Brit. XVIII 565. Amiaud Mélanges Renier 260):

 
 
 
 
 
Achaimenes
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Teispes
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Kambyses
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Kyros
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Teispes
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Kyros
 
 
 
 
 
 
 
Ariaramnes
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Kambyses
 
 
 
 
 
 
 
Arsames
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Kyros
 
 
 
 
 
 
 
Hystaspes
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Kambyses
 
 
 
 
 
 
 
Dareios


Dieser Stammbaum steht jedoch in Widerspruch mit der ausdrücklichen Angabe der Behistuninschrift, dass Achaimenes der Vater des [202] Teispes, des Vaters von Ariaramnes, war. Es ist nicht möglich, diesen Widerspruch durch die Annahme zu beseitigen, Vater sei auf der Behistuninschrift im Sinne von Ahnherr gebraucht. Denn gerade im monumentalen Stile ist es undenkbar, dass ein Wort, das an allen anderen Stellen im buchstäblichen Sinne angewandt wird, an einer einzelnen Stelle eine übertragene Bedeutung haben sollte. Wenn wir aber festhalten, dass mit „Vater“ auf der Behistuninschrift überall dasselbe gesagt ist, stellt sich der Widerspruch zwischen Herodot und der Behistuninschrift als unlösbar heraus. So ist es unvermeidlich, eins der beiden Zeugnisse preiszugeben, und zwar kann keine Frage sein, dass die einheimische und urkundliche Quelle den Vorzug verdient.

Es bleibt übrig, den Stammbaum der Achaimeniden ohne Berücksichtigung von Herodot allein nach den inschriftlichen Angaben zu reconstruieren. Die Behistuninschrift und der Kyroscylinder haben einen Namen, Teispes, gemeinsam; auf jener führt ihn der Vater des Ariaramnes, auf dieser der Vater des ersten Kyros. Dass der Vater des Kyros und der Vater des Ariaramnes dieselbe Person gewesen seien, ist damit keineswegs gesagt, denn verschiedene Personen konnten denselben Namen tragen. Vgl. Gosche Hall. Litteraturz. 1847 II 871, der jede Verwandtschaft zwischen Kyros und Dareios bestreitet. Den Vater des Kyros und den Vater des Ariaramnes zu unterscheiden, würde sich sogar empfehlen, wenn es richtig wäre, dass die Herrschaft des Kyros und seiner Vorfahren nicht in Persien, sondern in Susiana gelegen habe. Die Ansicht, dass Kyros von Susa aus das Reich des Astyages erobert habe und dass erst durch Dareios die Perser der herrschende Stamm geworden seien, erregte nach Entdeckung des Kyroscylinder grosses Aufsehen. Sie stützte sich auf die Angabe dieser Inschrift, Kyros und seine Vorfahren seien Könige von Ansan (oder Anzan) gewesen. Ansan wurde von mehreren angesehenen Assyriologen (H. C. Rawlinson Journ. of Roy. Asiat. Soc. ΧII 1880, 76. Halévy Comptes rendue de l’Acad. des Inscr. 1880, 263. Α. H. Sayce Muséon V 505. Theod. G. Pinches Transact. of Soc. of Bibl. Arch. VII 170) mit Susa oder einer Örtlichkeit in Susiana identificiert. Wenn Kyros und seine Vorfahren in Susa geherrscht hatten, so ergaben sich drei Möglichkeiten: entweder waren sie keine Perser, sondern Elamiten, oder sie waren aus Persien vertrieben oder sie hatten als persische Könige Susiana erobert (Α. H. Sayce Fresh lieght from ancient Monumente 175; Muséon I 548–556. II 596–598; Actes da sixième congrès des Orientalistes à Leide 1888 II 639f. Halévy a. a. O.; Revue des Etudes juives I 17; Muséon II 43–52. 250 f. Keiper Die neuentdeckten Inschriften über Kyros 17f. E. Meyer G. d. Α. Ι 466). Dass Kyros und seine Vorfahren Perser gewesen sind, würden, abgesehen von den übereinstimmenden Zeugnissen der classischen und biblischen Quellen, ihre Namen beweisen; dass eine aus Persien vertriebene Familie in dem mächtigen Elam zur Herrschaft gekommen wäre, und dass neben oder in dem medischen Reiche eine persisch-elamitische Grossmacht [203] bestanden hätte, wäre beides gleich undenkbar. Deshalb wurden sofort Stimmen laut, welche die Annahme, Kyros und seine Vorfahren haben über Susiana geherrscht, verwarfen (Amiaud Mélanges Renier 247. C. de Harlez Muséon I 286. 557–570. II 261. Delattre Muséon VII 236. Oppert Gött. gel. Anz. 1881, 1255. Babelon Ann. de Philos. chrét. 101, 359. Evers Das Emporkommen der persischen Macht unter Kyros 30f., wo über den Gang der Controverse gut orientiert wird; vgl. Der historische Wert der griechischen Berichte über Kyros 6 f.). Dieser Annahme ist jeder Boden entzogen, seit Winckler (Unters. zur altorient. Gesch. 114f.) nachgewiesen hat, dass mit dem Namen Ansan nicht Susiana oder eine Stadt in Susiana, sondern irgend ein Kleinstaat bezeichnet wird. Weniger einleuchtend ist Wincklers Versuch, die Lage von Ansan an der Grenze von Elam, Babylon und Medien zu bestimmen. Wenn Evers (a. a. O.) und Nöldeke (Aufs. zur pers. Gesch. 3) Ansan vielmehr im östlichen Persien suchen, so können sie sich darauf stützen, dass es auf Tradition aus alter Zeit beruhen musste, wenn Orte wie Persepolis und Pasargadai noch später in Ehren standen. Denn seit der Schwerpunkt des Reiches im Westen lag, gab es keinen Grund mehr, weshalb diese im fernen Osten gelegenen Orte hätten emporkommen sollen. Auch berechtigt nichts, die Überlieferung, dass der grosse Kyros den Palast in Persepolis gebaut hatte (Aelian v. h. I 59) und in Pasargadai begraben lag, aus den Augen zu lassen.

Wenn Kyros und seine Vorfahren einen Kleinstaat im östlichen Persien beherrschten, werden wir unter diesem Kleinstaat das Gebiet der Achaimeniden oder der Pasargaden verstehen dürfen. Einen König über ganz Persien hat es vermutlich vor Kyros nicht gegeben, sondern die Stammesfürsten, zu denen auch Kyros ursprünglich gehörte, standen in Abhängigkeit vom medischen Ober-Könige. Von den acht Königen aus der Familie der Achaimeniden, welche nach Aussage der Behistuninschrift vor Dareios geherrscht haben, sind nur zwei, Kyros und Kambyses, Reichskönige, die sechs anderen Stammesfürsten gewesen. Drei von diesen sechs sind durch den Kyroscylinder bekannt, Teispes, der erste Kyros und der erste Kambyses. Die Namen der drei anderen zu bestimmen (vgl. Babelon Ann. de Philos. chrét. 101, 359. Winckler a. a. O. 129), ist vergebliche Mühe (Keiper Die neuentdeckten Inschr. über Kyros 29; Muséon II 617. Evers Emporkommen der persischen Macht unter Kyros 30). Jedenfalls sind sie verschieden von den drei unmittelbaren Vorfahren des Dareios; denn diese werden nirgends als Könige bezeichnet und haben nie geherrscht (vgl. Oppert Les Mèdes 163. Spiegel Pers. Keilschr. 82, 3). Aber nichts steht der Annahme im Wege, dass die Vorfahren des Teispes schon dasselbe Stammesfürstentum beherrscht haben, wie er und seine Nachkommen, und diese Annahme würde sogar geboten sein, wenn, wie Herr Professor Roth vermutet, d’uve itâtarnam auf der Behistuninschrift ununterbrochen bedeutet, mithin der Satz, welchen Oppert Gött. gel. Anz. 1881, 1256 übersetzte: à deux réprises nous avons êté rois, Spiegel: je gesondert [204] sind wir Könige, vielmehr zu übersetzen ist: Ununterbrochen sind wir Könige. Ob einer dieser drei Könige der aus der Behistuninschrift als Vater eines Teispes bekannte Achaimenes ist, ob mit anderen Worten Teispes, Vater des Kyros, derselbe ist, den wir aus der Behistuninschrift als Vater des Ariaramnes und Sohn des Achaimenes kennen, muss auch jetzt dahingestellt bleiben. Da es mithin nicht möglich ist, die Verwandtschaft zwischen Kyros und Dareios, an der zu zweifeln nicht der mindeste Grund vorliegt, genau zu bestimmen, sind auf dem beigefügten Stammbaume (s. Beilage) die ältere und die jüngere Linie völlig getrennt. Der Stammbaum ist so angeordnet, dass innerhalb einer jeden Generation die Nummern auf einander folgen und in einer jüngeren Generation das älteste Kind des ältesten Kindes sich mit seiner Nummer unmittelbar an das jüngste Kind des jüngsten Kindes aus der vorhergehenden Generation anschliesst. Die verschiedenen Frauen desselben Mannes sind jedesmal mit Buchstaben unterschieden und den Kindern, soweit es möglich war, der Buchstabe der Mutter in Klammern beigesetzt. Wo dieselbe Person an zwei Stellen des Stammbaumes begegnete, ist von der einen auf die andere verwiesen. Selbstverständlich giebt dieser Stammbaum von der Geschichte des Achaimenidengeschlechtes nur ein sehr unvollkommenes Bild, da es rein vom Zufalle abhängt, welche von den zahlreichen Frauen und Kindern in den Quellen genannt werden und welche nicht. Trotzdem sind keine Belegstellen citiert, da dieser Artikel nur eine allgemeine Übersicht über den Zusammenhang des Geschlechtes geben sollte und eine solche Übersicht über den ohnehin recht verwickelten Stammbaum durch beigesetzte Citate noch mehr erschwert werden würde; das Detail kann bei den Einzelnamen nachgeschlagen werden.

WS: Im Original befindet sich die Beilage als Einlage zwischen den Spalten 192 und 193.

Pauly-Wissowa I,1, 0192adjunct - family trees Achaimeniden.jpg