RE:Aestii

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band I,1 (1893), Sp. 687
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Aestii, ein Volk im fernsten germanischen Osten (Tac. Germ. 45), in mehrere kleinere Stämme geteilt und an der langen Uferstrecke der Ostsee von den Weichselmündungen an bis zum finnischen Meerbusen hausend, wo Ptolemaios die Flüsse Χρόνος, Ῥούδων, Τούρουντος und Χέσυνος ansetzt. Wie die Kunde von diesem Volke, so stammt auch der Name aus deutschem Munde: got. Aisteis bedeutet die „achtbaren, ehrenwerten“, von aistan „achten, ehren“. Das Volk hiess so wegen seines friedsamen Charakters (pacatum hominum genus omnino, Iord. Get. 5; homines humanissimi, Adam v. Bremen IV 18): selten gebrauchten sie Eisen; mit Geduld bauten sie auf ihrem keineswegs ergiebigen Boden Getreide; als Hauptgottheit verehrten sie die Mutter Erde; an ihren Gestaden sammelten sie den Bernstein, den Haupthandelsgegenstand des Nordens seit uralter Zeit, den die Deutschen glesum benannten (Tac.; vgl. Cassiod. Var. V 2 Theodoricus rex Aestiis, in Oceani litoribus constitutis .... sucina, quae a vobis per portitores directa sunt); auch sandten sie Pelzwaaren aller Art. Tacitus hebt ferner ihre sprachliche Verschiedenheit von den Germanen hervor; in der That bildet die aistische Völkergruppe ein eigenes, selbständiges Glied in der Reihe der indogermanischen Sippen und die aistischen Dialekte (litauisch, lettisch und das ausgestorbene prussisch) zeichnen sich bekanntlich durch ein gewisses ehrwürdiges Altertum aus, das die Sprachforscher in Verwunderung setzt. Die Aisten haben sich in vorgeschichtlicher Zeit von Süden nach Norden verbreitet; schrittweise waren sie nach Schwund der diluvialen Eisdecke in die morastigen Striche entlang der Weichsel bis zum Ostmeere vorgedrungen; hinter ihrem Rücken folgten die Slawen. Sie sind auf ihrem Boden die ältesten Bewohner; erst später haben germanische Stämme von den Weichselmündungen Besitz ergriffen, und die nördlichsten Striche am finnischen Busen gingen an jenen finnischen Stamm verloren, auf den man unrechter Weise den Aistennamen (Estii, Estones) übertragen hat. Neben der altgermanischen Bezeichnung Aestii taucht am Schluss des 10. Jhdts. die slawische auf, Prusi oder Prušane, die sich später auf die galindische Abteilung eingeschränkt hat. Ptolemaios kannte keinen Gesamtnamen für die Nation, sondern nur Namen für einzelne Stämme; es müssen bei ihm zur aistischen Gruppe gezählt werden die Galindae (= Preussen), Igylliones, Sudini, Stavani, Veltae (= Litwa, Lẽtuwa), Ossii, Carbones. In seinen Tafeln von Germania und Sarmatia stossen unmittelbar an diese aistischen Stämme alano-sarmatische Völker, welche nachweisbar nur das pontische Steppengebiet inne hatten; Wenden und Finnen, welche die weite Kluft zwischen diesen beiden Gruppen hätten ausfüllen sollen, erscheinen an unrichtiger Stelle, die Wenden als Küstenvolk an der Ostsee, die Finnen als kleiner Stamm unterhalb der Gythonen – so mangelhaft stellt sich das Völkerbild bei Ptolemaios dar! Im übrigen vgl. Zeuss die Deutschen und die Nachbarstämme, München 1837, 267–272. 667–683. Müllenhoff Deutsche Alterthumskunde II 11ff.