RE:Agitator

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
fertig  
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Band I,1 (1893), Sp. 822823
Linkvorlage für WP   
* {{RE|I,1|822|823|Agitator|[[REAutor]]|RE:Agitator}}        

Agitator, Lasttiertreiber oder (= auriga) Wagenlenker, besonders Wagenlenker bei den römischen Circusspielen, meist Sklave oder Freigelassener, in der Kaiserzeit nicht selten auch Freier, da der Stand zwar verachtet war, aber nicht für ehrlos galt. Ein eigentlicher Stand der A. bildete sich erst bei der allmählichen Zunahme öffentlicher Spiele mit Wagenrennen, und die Bedeutung der A. stieg noch, als sich das Parteiwesen (vgl. unter Factio) ausbildete und die Leidenschaft des Volkes für Sport und Spiele dieser Art zur Raserei ausartete. Der Übertritt von einer Partei zur andern war nicht selten, gewiss infolge höherer Anerbieten seitens der Direction einer Gegenpartei; Gutta erringt z. B. 92 Siege in der weissen, 78 in der roten, 583 in der blauen, 364 in der roten Partei (CIL VI 2, 10047), Diocles 960 in der roten, aber doch [823] wenigstens 216 in der grünen, 205 in der blauen, 81 in der weissen Partei (CIL VI 2, 10048). Auch sonst hatten tüchtige A. bedeutende Einnahmen, wohl meist in Form von Geschenken an Geld und kostbaren Kleidern, vielleicht auch in Form eines bestimmten Anteils an den gewonnenen Rennpreisen. Mart. X 74. Iuv. VII 113. Hist. Aug. Aurelian. 15. Friedländer bei Marquardt St.-V. III² 522; S.-G.⁶ II 327. Andererseits standen dieselben bei Hoch und Niedrig in grossem Ansehen; über die Vorliebe der Kaiser für dieselben und über die Duldung des von ihnen in den Strassen gewohnheitsmässig verübten Unfugs vgl. Friedländer S.-G. II 332, bei Marquardt a. a. O. 522. Die Beteiligung eines A. an der Leitung der Parteigesellschaft ist mehrfach bezeugt (CIL VI 2, 10058. 10060), desgleichen die häufige Errichtung von Standbildern der A. Mart. V 25. Lucian. Nigrin. 29. Galen XIV 604. Cod. Theod. XV 7, 12.

Erhalten sind an Darstellungen von A. namentlich der Kopf eines jugendlichen A. (Bull. com. VIII Tf. XI), die Figur eines solchen mit nicht zugehörigem Kopf im Vatican (Visconti Mus. Pio-Clem. III 31. Baumeister Denkm. III Fig. 2339. Helbig Führer durch die Antiken-Sammlungen in Rom nr. 333) und sonst eine grosse Zahl auf Denkmälern aller Art (s. unter Ludi circenses).

Die Tracht der A. bestand in einer kurzen, an Brust und Leib fest mit Riemen umschnürten Tunica in der betreffenden Parteifarbe (nur die Ärmel konnten davon abweichen, Friedländer bei Marquardt a. a. O. 519, 4), einer helmartigen Kappe mit Kinnriemen, Sandalen, einem Messer im Gürtel zum etwaigen Durchschneiden der am Körper befestigten Zügel, einer Peitsche und bisweilen auch in Schutzblättern für die Schultern; vgl. das Mosaik v. Barcelona Ann. d. Inst. 1863 Taf. D. Baumeister III Fig. 2338.

Als hervorragende A. sind zu nennen P. Aelius Gutta Calpurnianus (CIL VI 2, 10047 aus der späteren Kaiserzeit: 1127 Siege, darunter solche in Rennen bis zu 50 000 Sesterzen Einsatz), C. Apuleius Diocles aus Spanien (ebenda 10048: während eines 24jährigen Auftretens von 122–146 n. Chr. 4257 Rennen und 1462 Siege, darunter in Rennen bis zu 60 000 Sesterzen Einsatz; die Gesamtsumme der gewonnenen Einsätze betrug 35 863 120 Sest.), Flavius Scorpus (ebenda und Mart. X 50. 53 u. s. w.: 2048 Siege in einem Alter von 27 Jahren), M. Aurelius Liber (CIL VI 2, 10058: 3000 Siege), Pompeius Musclosus (ebenda 10048: 3559 Siege). Vgl. über die A. Friedländer a. a. O., besonders S.-G. II 498ff.