RE:Aineias 3

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band I,1 (1893), Sp. 10191021
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Aineias Taktikos in der Wikipedia
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3) Aineias, nach Aelian. tact. theor. I 2 zu urteilen der älteste Schriftsteller über Kriegswissenschaft, verfasste eine grosse Anzahl von Büchern (στρατηγικὰ βιβλία ἱκανὰ συνταξάμενος [1020] Ael. a. a. Ο.; τὰ περὶ τῶν Στρατηγικῶν ὑπομνήματα συντεταγμένος Polyb. Χ 44, 1) über diesen Gegenstand, die von Kineas, dem Vertrauten des Pyrrhos, in einen Auszug gebracht wurden, wohl auf Veranlassung und zur Benutzung des Königs selbst, der ja auch über Taktik schrieb. Es waren eine Reihe einzelner Schriften; in der einzigen noch erhaltenen (s. u.) finden sich Selbstcitate von einer Παρασκευαστικὴ βίβλος (7, 4. 8, 5. 40, 8; ἐν τῷ Παρασκευαστικῷ 21, 1), einer Ποριστικὴ βίβλος (14, 2), Ἀκούσματα (38, 5) ‚Erzählungen‘ und einem in der Handschrift ausgefallenen Titel (11, 2): einmal (21, 2) wird eine Στρατοπεδευτικὴ βίβλος angekündigt. Die Zeit des Mannes wird dadurch bestimmt, dass die am weitesten hinabreichende Anspielung der erhaltenen Schrift, die sich identificieren lässt, auf die Einnahme von Ilion durch Charidemos ca. 360 v. Chr. geht (Hug A. von Stymphalos, ein arkadischer Schriftsteller aus classischer Zeit, Gratulationsschrift der Univers. Zürich an die Univers. Tübingen 1877); andererseits wird der Gebrauch der Lokrer, Weiber nach Ilion zu schicken, als noch bestehend erwähnt (31, 24; die Stelle ist mit Unrecht verdächtigt), während er nach Timaios frg. 66 nach dem phokischen Krieg, also nach 346, abkam, und, was wichtiger ist, weder die makedonische Phalanx und Cavallerie noch die Belagerungskunst der Diadochen spielen in den Erörterungen irgend eine Rolle. A. war jedenfalls selbst als Staatsmann und Commandeur thätig gewesen; das ist aber das einzige, was mit Sicherheit von seinem Leben gesagt werden kann. Für Casaubons, von Hug mit grosser Sicherheit vorgetragene und weiter ausgeführte Vermutung, dass er mit dem von Xenophon (hell. VII 3, 1) erwähnten Strategen des arkadischen Bundes, Aineas von Stymphalos, identisch sei, spricht nichts, wohl aber manches dagegen (vgl. Ad. Carl Lange de Aeneae commentario poliorcetico, Berlin 1879, 7ff.); Sauppes Einfall, dass er aus einer der Griechenstädte am Pontos stammen möchte (GGA 1871, 730), lässt sich weder widerlegen noch beweisen. Nur das ist mit Bestimmtheit aus Sprache und Inhalt zu schliessen, dass A. kein Athener war.

Die schon öfter erwähnte, noch erhaltene Schrift von A. steht im Cod. Laur. plut. LV 4, der zuletzt von Joseph Müller für Hercher, ziemlich genügend, verglichen ist. Die Überschrift lautet ΑΙΛΙΑΝΟΥ ΤΑΚΤΙΚΟΝ ΥΠΟΜΝΗΜΑ ΠΕΡΙ ΤΟΥ ΠΩΣ ΧΡΗ ΠΟΛΙΟΡΚΟΥΜΕΝΟΥΣ ΑΝΤΕΧΕΙΝ, ein offenbar gemachter Titel, in dem der Name Aelians aus der vorhergehenden Abhandlung entlehnt ist; den richtigen Namen, der in der Schrift selbst (31, 18) vorkommt, enthält die Subscription Αἰνείου πολιορκητικὰ ἢ Αἰλιανοῦ καθὼς ἡ ἀρχή. Der Inhalt der Schrift sind Ratschläge, wie das eigene Land, vor allem die Stadt, gegen feindliche Einfälle und Angriffe zu verteidigen sei. Bei dem Übergang auf die ναυτικὴ τάξις 40, 8 bricht der Text ab. Die Schrift lässt sich am besten mit Xenophons Büchern über die Jagd und das Reiten vergleichen; sie wäre, wie jene auch, ohne den sophistischen Rationalismus, der die Theorie, den λόγος, auf alles übertragen wollte, nicht möglich gewesen, ist aber so wie Xenophons Werke ein Zeugnis [1021] der Reaction, die von den Praktikern gegen die rein dialektische, empirischer Kenntnisse ermangelnde Sophistik in Gang gebracht wurde. A. ist rhetorisch geschult und macht auch von rhetorischen Mitteln Gebrauch, ohne aber die Mittel wirklich zu beherrschen; der Stil ist daher etwas buntscheckig, bald altertümlich unbeholfen, bald geziert. Fälschlich ist er Nachahmer des Thukydides genannt worden; die Ähnlichkeiten zwischen beiden stellen sich meist als Ionismen heraus, vgl. besonders den Gebrauch des Verbalsubstantivs, die kühnen Composita und den Wortschatz überhaupt. Dass die Ratschläge oft scheinbar an eine bestimmte Person gerichtet werden, ist alter Sprachgebrauch und findet sich im ‚Staat der Athener‘ und in hippokratischen Schriften wieder. Alt ist besonders die freie Art, den Stoff zu disponieren, die nicht logisch systematisiert, sondern sich vom Gegenstand hin- und herleiten lässt, aber durch Recapitulationen und deutliche, uns steif erscheinende Übergänge die Ordnung aufrecht erhält: hier liegt der Vergleich mit dem ‚Staat der Athener‘ besonders nahe. Umgekehrt erscheint die Darstellung oft sprunghaft und verschweigt Zusammenhänge, die den zeitgenössischen Lesern bei ihrer Kenntnis der praktischen Verhältnisse sofort in den Sinn traten, jetzt mühselig ergänzt werden müssen. Die moderne Kritik, die das Werk des A. ganz für sich nahm, ohne jede Rücksicht auf ähnliche Erzeugnisse, hat die eigentümliche Art des Schriftstellers selbst und der ganzen Gattung nicht erkannt und ist darum in Abwege und Sackgassen geraten. Nachdem schon Hercher, der im übrigen nach Casaubon sich um die Herstellung des schwer entstellten Textes die grössten Verdienste erworben und die erste kritische Ausgabe (Berlin 1870) hergestellt hat, eine Reihe von Stellen als interpoliert aus dem Text entfernt und Sauppe a. a. O. das Princip, wenn auch mit etwas mehr Zurückhaltung, gebilligt hatte, nahm Hug eine Interpolation im weitesten Umfang an und reducierte den Text um ein Beträchtliches (Ausgabe Leipzig bei Teubner und Prolegomena critica ad Aeneae editionem, Progr. Zürich 1874). Viele seiner willkürlichen Aufstellungen sind gut zurückgewiesen von Adolph Carl Lange de Aeneae commentario poliorcetico, Berlin 1879; nur wird auch hier wieder ein interpolator eingeführt und charakterisiert, der nur in der Phantasie des Kritikers existiert. Neben die Interpolationstheorie ist in neuerer Zeit infolge einer von Kirchhoff hingeworfenen Äusserung die Umstellungstheorie getreten (A. Mosbach de Aeneae tactici commentario poliorcetico, Diss. Berl. 1880. Adolph Carl Lange animadversiones criticae de Aeneae commentario poliorcetico, Gymnas. Progr. Cassel 1883. I. Ries de Aeneae tactici commentario poliorcetico, Berlin 1890, etwas massvoller), ohne besser und mehr begründet zu sein als jene; wie gewöhnlich ist neben der ‚transscendentalen‘ Kritik die Erklärung und Verbesserung des Einzelnen sehr im Rückstand geblieben.