RE:Akragas 1

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band I,1 (1893), Sp. 11871191
Archäologische Stätten von Agrigent in der Wikipedia
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Akragas. 1) Ἀκράγας (bei den Römern Agragas, [1188] so nach der besten Überlieferung bei Plin. III 89. Mela II 118. Verg. Aen. III 703. Sil. Ital. XIV 210; Agragantum Plin. VII 200; gewöhnlich Agrigentum; Ethn. Ἀκραγαντῖνος, Agrigentinus; Agrag(a)entinus Plin. XXIX 5. XXXI 85. XXV 64), Stadt an der Südküste Siciliens, 4 km. vom Meere, auf einer nach Osten und Norden steilen, nach Westen allmählicher abfallenden Felshöhe, zwischen den kleinen Flüssen Hypsas (Fiume Drago) und Akragas (Fiume S. Biagio), welche sich wenig unterhalb der Stadt vereinigen. Das Stadtgebiet (grösste Ausdehnung von Nordwesten nach Südosten ca. 3500, von Nordosten nach Südwesten 2500 m.; Fläche ca. 625 ha.) wird durch ein tief eingeschnittenes Thal (Valle della Croce) in zwei Teile getrennt, von denen der kleinere nordwestliche (jetzt von der modernen Stadt zur Hälfte bedeckt) sich bis zu 330, der grössere südöstliche (Rupe Atenea) bis 351 m. über dem Meer erhebt.

Der Ort war möglicherweise schon von einer Ansiedelung der Sikaner eingenommen, denen man die weit verzweigten, in den Fels gehauenen Gänge (zu Verteidigungszwecken, wie die Gallerien im Euryelos bei Syrakus? Cavallari 85) unter der östlichen Hälfte der heutigen Stadt zuschreiben möchte (Schubring 10–12): eine vorgriechische Nekropole findet sich auf dem Hügel Monserrato, westlich der Stadt (Cavallari 82. 83). Ums J. 582 wurde eine Colonie von Gela, unter Beteiligung von Rhodos, der Mutterstadt Gelas, hierher geführt (Thuk. VI 4. Strab. VI 272. Scymn. 292. Schol. Pind. Olymp. II 66). Sie erhob sich bald zu bedeutender Blüte (s. Phalaris. Theron. Empedokles); schon Pindar preist sie Pyth. XII 2 als καλλίστα βροτεᾶν πολίων. Aus dem 6. und 5. Jhdt. stammen auch alle bedeutenden erhaltenen Denkmäler: die Ringmauer (Beschreibung bei Schubring 15–21), die Befestigung der Akropolis auf dem Atabyrion genannten Hügel (der Stätte des modernen Girgenti), die Aquaeducte und die grossartige, 7 Stadien im Umkreis messende Piscina (κολύμβηθρα Diod. XI 25. Schubring 38–44), endlich die Tempel. Genannt werden: auf der Akropolis der Tempel des Zeus Polieus (Polyaen. V 1) oder Atabyrios (Polyb. IX 27, 7), auf dem höchsten Gipfel (Reste vielleicht unter der Kathedrale S. Gerlando; Serradifalco III 43. 44); ferner ein Tempel der Athena (Lindia? Polyb. a. a. O. Polyaen. VI 51; Reste unter S. Maria dei Greci). Von den Tempeln der Unterstadt ist sicher zu benennen nur der colossale des olympischen Zeus (Diod. XIII 82. Polyb. IX 27), 110×55 m. mit den riesigen (7,75 m. hohen), Gebälk tragenden Telamonen (Serradifalco Ant. d. Sicilia III tav. 20–27): derselbe war bei Ausbruch des Krieges mit Karthago (406) noch im Bau und wurde nie ganz vollendet. Die Benennungen der übrigen Tempel sind conventionell: Demeter und Proserpina (jetzt S. Biagio am Ostende der Stadt, Serradifalco III 1. 2, vielleicht des Flussgottes Akragas; eine Statue desselben neuerdings in dem Thale östlich darunter gefunden Cavallari 73. 95); Apollon oder Hera Lakinia (an der Südost-Ecke der Stadt, Serradifalco III 3–7); Concordia (an der südlichen Ringmauer, der am schönsten erhaltene, im Mittelalter Kirche des h. [1189] Gregor, Serradifalco III 8–14); Herakles (Serradifalco III 15–19); Dioskuren (Serradifalco III 36–36D). Sicher dagegen ist die [1190] Benennung des vor den Mauern, 8 Stadien südwärts (Polyb. I 18) gelegenen Asklepiostempels (Serradifalco III 32–34), dessen Kultbild ein [1189.38] Werk des Myron war (Cic. Verr. IV 93), bei der kleinen Kirche S. Gregorio. Bezeugt ist der Kult des Apollon (Karneios; so hiess einer der Monate der Agrigentiner IGI 952), Poseidon und Dionysos (Münzen), Hephaistos (Solin. V 23). Von sonstigen öffentlichen Gebäuden ist nichts von Belang erhalten, auch die Ansetzung der Agora nördlich vom ‚Seethor‘ und dem Olympieion nur Vermutung (Schubring 29. 30). Reste von Privatgebäuden besonders in der la Cività genannten Gegend bei S. Nicola, u. a. das sogenannte Oratorio di Falaride (Schubring 72. Cavallari 87). Die Nekropolen, besonders im Süden und Westen, aber auch innerhalb der Stadt an den Steilwänden der Valle della Croce, haben reiche Ausbeute an schönen bemalten Vasen geliefert (Schubring 65. 66.) Identification einzelner erhaltener Monumente mit den bei Schriftstellern erwähnten des Theron (Diod. XIII 86) und des Simonides (Kallimachos und Aelian bei Suidas s. v.) ist natürlich ohne Gewähr.

Ihren Wohlstand verdankte die Stadt dem Anbau und Export von Getreide, Wein und Öl (Diod. XI 25. XIII 81 u. a.); berühmt war die Pferdezucht (Verg. Aen. III 704. Sil. It. XIV 208. Schubring 35) und Viehzucht überhaupt (Pind. Pyth. XII 4. Plin. n. h. XI 241). Die lebhaften Handelsbeziehungen zum hellenischen Osten spiegeln sich wieder in der Münzprägung, die zuerst, allein unter allen sicilischen Städten, der aeginetischen Währung folgte, dann aber, auch [1190.38] noch im 6. Jhdt., zur neuattischen überging. (Salinas Revue numism. 1867, 339. Schubring 33. 34). Der Kunstliebe und Gastfreundschaft, aber auch der Schwelgerei und Üppigkeit der Agrigentiner gedenken die Schriftsteller häufig (u. A. Valer. Max. IV 8, 2. Empedokles bei Diog. Laert. VIII 63; s. Theron. Gellias. Antisthenes). Die Bevölkerungszahl in der Blütezeit giebt Diodor (XIII 84. 90) auf über 200 000, (darunter 20 000 Vollbürger), Diog. Laert. VIII 63 gewiss übertreibend auf 800 000 an.

Einen furchtbaren Schlag erlitt die Stadt durch die Belagerung und Einnahme durch die Karthager 405 v. Chr. (Diod. XIII 80–91. 108. Xenoph. hell. I 5, 21): sie hat sich nie wieder zu ihrer früheren Blüte erhoben. Timoleon colonisierte sie nach der Schlacht am Krimissos (338 v. Chr.) durch Zuführung von Bürgern aus Velia in Lucanien (Plut. Timol. 35), und in den folgenden 70 Jahren erholte sich A., trotz unglücklicher Kämpfe mit Agathokles von Syrakus (Diod. XIX 70. 71. XX 31. 56. 62): unter der Tyrannis des Phintias (etwa 286–280) standen z. B. Gela und Agyrium unter der Botmässigkeit von A. Aber unheilvoll wurden die Kämpfe der Römer und Karthager in den folgenden Decennien: die doppelte Belagerung und Plünderung durch die Römer 261 und durch die Karthager unter Karthalo 255 vernichteten aufs neue das Errungene (Polyb. I 17–19. Diod. XXIII 11–14. Zonar. VIII 10): 25 000 Bürger sollen bei der ersteren [1191] in die Sklaverei geschleppt worden sein. Ein Document aus der Zeit um 230 v. Chr. (IGI 952) macht uns mit der Stadtverfassung bekannt: an der Spitze steht ein ἱεροθύτας, παραπροστάτας τῆς βουλῆς, genannt werden ferner ein προαγορῶν, ein γραμματεύων und ταμίαι; das Volk wird geteilt in φῦλαι, die βουλή (auch σύγκλητος ἁλία) scheint 110 Mitglieder gehabt zu haben.

Im zweiten punischen Kriege wurde A. von den Römern belagert und im J. 210 erobert (Polyb. IX 27, wichtige Beschreibung der Stadt. Liv. XXIV 35. XXV 40. 41. XXVI 40): die Senatoren wurden hingerichtet, die Bürger in die Sklaverei verkauft, im J. 207 neue Colonisten aus anderen Orten Siciliens hinverpflanzt (Cic. Verr. II 123). Die Stadt war peregrinen Rechts und durch Handel immer noch bedeutend (Cic. Verr. II 153. IV 93). Etwa im J. 43 v. Chr. erhielt sie durch die posthume Lex Iulia das römische Bürgerrecht. Sie erscheint in dem Städteverzeichnis bei Plinius (III 89) als oppidum und wird genannt in den Itinerarien (Anton. 89. Tab. Peut. Geogr. Rav. V 28). Acker-, Öl- und Weinbau waren auch jetzt noch die Hauptquelle für die Existenz der Stadt (Cic. Verr. III 18. 73. 180); von Manufacturen wird besonders die Weberei erwähnt (Cic. Verr. IV 58; Bleiplomben als Marken für Gewebe noch erhalten, Salinas Ann. d. Inst. 1864, 343). Auch der Schwefelexport ging hauptsächlich von A., wie heutzutage von Porto Empedocle, aus: Formen aus Terracotta mit Kaisernamen aus dem Anfang des 4. Jhdts., in denen der flüssige Schwefel gestempelt wurde, CIL X 8044, vgl. p. 998. Aus christlicher Zeit stammen die bedeutenden Katakombenanlagen unter der südlichen Ringmauer, zwischen den Tempeln des ‚Apollon‘, der ‚Concordia‘ und des ‚Herakles‘, le grotte di Frangapani genannt. V. Schultze Katakomben 291–294.

Der Hafen von A., ausdrücklich nur von Strabon (VI 272) erwähnt, lag an der Mündung des Hypsas, 18 Stadien von der Stadt (Polyb. IX 27), bei der Kirche S. Giuseppe, wo jetzt noch antike Gräber und eine Wasserleitung existieren, und wo im 16. Jhdt. noch bedeutendere Reste (Porticus u. a. Quaderbauten) gesehen worden sein sollen. Schubring 7.

Vgl. im allgemeinen Serradifalco Antichità di Sicilia tom. III. Schubring Histor. Topographie von Akragas, Leipzig 1870. Holm Gesch. Siciliens bes. II 426. 427. Cavallari Sulla topografia di talune città greche in Sicilia, Palermo 1879, 73–112. Inschriften Kaibel IGI 262–265. CIL X 7192–7195. Münzen Brit. Mus., Sicily 5–24. Salinas Monete di Sicilia 12–36. Vgl. noch Not. d. scavi 1883, 189. 1886, 173.

Nachträge und Berichtigungen

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Band S I (1903), Sp. 4445
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S. 1187, 68 zum Art. Akragas Nr. 1:

Eine an der Westseite des Hypsas (Drago) gefundene Inschrift aus dem 6. Jhdt. v. Chr.: [ἱα]ρὸς ἐμὶ τῆς Ἀνχεμάχο (Not. 1895, 234, besser [45] Röm. Mitt. 1895, 236 [Pollak]) gehört wohl zu einem Athenaheiligtum und ist das älteste datierbare Schriftdenkmal aus A. Dass die Akropolis nicht auf der Stelle der modernen Stadt, sondern auf der Rupe Atenea gelegen habe, versucht S. Bonfiglio (Su l’akropoli Akragantina, Girgenti 1839; vgl. Not. d. scavi 1902, 387–391 und Holm Berl. philol. Wochenschr. 1898, 689) nachzuweisen. Die κολύμβηθρα setzt A. Celi (Sulla probabile ubicazione della piscina degli antichi Agrigentini, Girgenti 1889) ca. 150 m. unterhalb (meerwärts) des von Schubring vermuteten Platzes, am Piano di Binnici an. Über die Nekropolen von A. vgl. S. Mele Sepolcri acragantini, Trani 1886. Not. d. scavi 1879, 234 und besonders 1901, 29–39 (Salinas). Über christliche Begräbnisstätten s. auch Führer Abh. Akad. Münch. XX 3 (1897), 675; über ein wohlerhaltenes Dorf aus byzantinischer Zeit (6. Jhdt.) in contrada Balatizzo Bonfiglio Not. d. scavi 1900, 511–520. Neue Schwefelformen (s. Bd. I S. 1191, 31) aus Girgenti und Umgegend publiciert Salinas Not. d. scavi 1900, 659. 1901, 37. Vgl. im allgemeinen auch Mau Katalog der röm. Institutsbibliothek I 143.

Karte

WS: Im Original befindet sich die Karte auf den Spalten 1189-1190.

Pauly-Wissowa I,1, 1189 Akragas.jpg

AKRAGAS.

  1. Tempel des Zeus Atabyrios.
  2. Tempel der Athena.
  3. sog. Tempel der Demeter u. Persephone.
  4. sog. Tempel der Hera Lacinia.
  5. sog. Tempel der Concordia.
  6. sog. Tempel des Herakles.
  7. Tempel des Zeus Olympios.
  8. sog. Tempel der Dioskuren.
  9. sog. Tempel des Hephaistos.
  10. Tempel des Asklepios.
  11. Oratorio di Falaride.
  12. Tomba di Terone.