RE:Aloë 2

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band I,2 (1894), Sp. 1593–1594
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2) Aloe, ἀλοή, wahrscheinlich ein Wort syrischen Ursprungs (vgl. Sprengel Comment. in Dioscor. III 22 = Med. Graec. op. ed. Kühn XXVI 503), welches von Kaufleuten aus Syrien und Phoinikien nach Griechenland gebracht und hier graecisiert wurde, ist der Name einer succulenten Pflanzengattung aus der Familie der Liliaceen, mit dicken, fleischigen, festen Blättern, büschel-(oder walzen-)förmigen, holzigen Wurzeln und verlängerten Blütentrauben mit röhrigem, sechszähnigem Perigon; vgl. Fraas Synops. plant. flor. class. 291. Billerbeck Flora class. 94. Lenz Botanik d. a. Gr. u. R. 291. Leunis Synops. 2. Teil³ II § 719, 23. Die zweizeilig oder spiralig gestellten, linear-lanzettlichen oder allmählich verschmälerten, an den Rändern nicht selten hornartigen oder auch dornig-gezähnten Blätter enthalten inwendig ein weissliches, markartiges, schlüpfriges Gewebe, welchem, wenn die Blätter durch Schnittwunden mit dem Messer verletzt werden, ein äusserst bitterer Saft entfliesst, welcher wie früher (vgl. Etym. Magn.) so noch jetzt gleichfalls A. genannt wird. Dieser officinelle aus den Blättern gewonnene Saft (ὄπισμα) wurde schon im Altertum zu festen Körpern – ähnlich unseren Leimscheiben – eingedickt bezw. eingetrocknet und in dieser Form als wichtiges Arzneimittel in den Handel gebracht. Wie man noch heute einen Unterschied macht zwischen durchsichtiger und undurchsichtiger Aloedrogue, so lehrt schon Dioskorides (III 22): ‚Man hat zweierlei Sorten von Aloesaft: die eine ist sandig und scheint der Bodensatz der reineren Sorte zu sein; die andere ist leberfarbig (ἡπατίζον). Man wähle die reine, echte, fette, steinlose, glänzende, zerbrechliche, leberbraune, welche leicht feucht wird und sehr bitter schmeckt; dagegen verwerfe man die schwärzliche und schwer zu zerbrechende Sorte als unbrauchbar‘. Ganz ähnlich Plinius (n. h. XXVII 16). Die wärmende, zusammenziehende und trocknende A. wirkt reizenderregend auf die Unnterleibsorgane und war schon frühe als drastisches Abführungsmittel (auch als Bestandteil des sog. ἀλοηδάριον) bekannt; vgl. Cels. de med. I 3 (p. 20, 5 Daremb.). Desgleichen stand sie im Rufe, gute Dienste zu leisten gegen Geschwüre, welche schwer zur Vernarbung zu bringen waren, sowie bei Entzündungen und als Augenheilmittel: vgl. Scribon. Larg. comp. med. 21. Ferner galt sie als magenreinigend, kopfschmerzstillend und wundenzusammenziehend. Ausführliches über die medicinische Verwendung ausser bei Diosc. a. O. bei Plin. n. h. XXVII 14. 16–20 coll. XX 142. XXI 76. XXVI 59 u. 61. Galen. XI 821f. Cels. med. V 1 (p. 161, 8 Daremb.). Veget. mulomed. I 14, 5. Castelli Lex. med. 34. Von den 180 Aloearten sind die [1594] meisten in Süd- und Ostafrica heimisch, desgleichen in Ost- und Westindien, Coelesyrien (von hier aus den Juden bekannt; vgl. Ev. Joh. 19, 39), Arabien (vgl. Arrian. peripl. mar. Erythr. p. 16) und Kleinasien. Dass, wie Dioskorides meint, die A. auch auf der Insel Andros verwildert gefunden worden sei, lässt sich allenfalls durch die Annahme wahrscheinlich machen, dass Phoinikier die Pflanze gelegentlich dorthin mitgebracht haben, zumal sie sich zur Topfkultur als Blattpflanze gut eignete; vgl. Plin. XXVII 14. Besonders geschätzt war die echte indische Drogue A., die aber auch zuweilen durch Gummi verfälscht wurde. Die Bitterkeit der A. war wie noch heute, so schon im Altertum sprichwörtlich; vgl. Iuv. sat. VI 181 plus aloës quam mellis habet. Plut. coniug. praec. 27. Übrigens bediente man sich der A. hepatica auch dazu, jungem Weine den Geschmack und das Aussehen recht alten Weines zu geben (vgl. Pallad. Oct. XIV 8. 13. Geopon. VII 24, 4. Plut. quaest. convival. VI 7, 11), sowie zum Verpichen der Weinbehälter (Geopon. VI 6, 2). Unter ἀλόη Γαλλική ist etwas ganz anderes zu verstehen, nämlich die γεντιανή (Enzian), die wegen der Bitterkeit der Wurzel auch den Namen ἀλοΐτις führte; vgl. Diosc. III 3. ‚Hundertjährige A.‘ nennt der Volksmund die Agave, eine Pflanzengattung aus der Familie der Amaryllideen.