RE:Ananke

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band I,2 (1894), Sp. 2057–2058
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Ananke (Ἀνάγκη), die Naturnotwendigkeit, erscheint als göttliches Wesen personificiert zuerst in den theogonischen Speculationen der Orphiker. In der auf Hieronymos zurückgeführten, der ‚rhapsodischen‘ verwandten Theogonie wird sie der Adrasteia gleichgesetzt; Chronos-Herakles zeugt mit ihr Aither, Chaos und Erebos (Damask. p. [2058] 381 = Orph. frg. 36 Abel; vgl. Orph. Arg. 12ff.). Wie andere theogonische Gestalten ist sie halb Begriff, halb göttliche Person und wird in der orphischen und neuplatonischen Lehre verschieden mit den übrigen personificierten Schicksalsbegriffen gruppiert. Als Mutter der Moiren erscheint sie bei Platon (Rep. X 617 C, weiter ausgeführt Schol. Plat. Rep. V 451 A), als Mutter der Adrasteia von Zeus bei Plutarch (de sera num. vind. 22), als Gemahlin des Demiurgen und Mutter der Heimarmene bei Procl. Plat. Tim. V 323 C, als Tochter des Kronos und Schwester der Dike bei Stob. Ekl. I p. 393 Wachsm. Der Erinys setzt sie gleich Eur. frg. 1011 N., der Themis Procl. Plat. Rep. X 616 Cff. (p. 50 Schöll). Sie herrscht am Anfang der Dinge (Plat. Symp. 195 C); unter ihrer Herrschaft spielen sich die theogonischen Götterkämpfe ab (Plat. Symp. 197 B); um die diamantene Spindel, die sie auf dem Schosse hält, dreht sich die Welt (Plat. Rep. X 616 Cff.); ihre Macht ist unwiderstehlich (Aisch. Prom. 105 K. Kallim. hymn. IV 122) und ihr Joch ist schwer (Eurip. frg. 478 N.); daher das (von Diog. Laert. I 76 auf Pittakos zurückgeführte) Sprichwort: Ἀνάγκῃ οὐδὲ θεοὶ μάχονται (Plat. Leg. VII 818 E. Suid.).

Wie Platon nimmt auch die Tragödie Bezug auf die orphischen Lehren; verwandt ist schon die Stelle Aisch. Prom. 556ff. K., wo auch die Moiren und Erinyen wieder erscheinen; besonders Euripides hebt die A. wiederholt in orphischem Sinne hervor, s. v. Wilamowitz Homer. Unters. 224, 22; vgl. auch das höhnende Wort des Themistokles gegen die Andrier (Herod. VIII 111, dazu Valckenaer). Nach Macrob. Sat. I 19, 17, der dies für ägyptische Lehre ausgiebt, sind vier Gottheiten bei der Geburt des Menschen zugegen: Daimon, Tyche, Eros und A.; bei Horatius (Od. I 35, 17ff. III 24, 5ff.) ist sie der Tyche gesellt und hat als Attribut stählerne Balkennägel, die sie mit ehernem Keil in den Scheitel der ihr verfallenen Menschen (doch s. Kiessling zu III 24, 5) treibt.

Im Kult ist sie mit Bia vereinigt am Aufgang nach Akrokorinth (Paus. II 4, 6); vgl. die pisidische Inschrift CIG III 4379o. Über Kunstdarstellungen der A. vgl. Robert Arch. Ztg. XLII (1884) 129. A. Winkler Darstell. d. Unterwelt auf unterital. Vasen (Bresl. Philol. Abh. III 5) 25.