RE:Apellikon 1

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band I,2 (1894), Sp. 2693–2694
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Apellikon (Ἀπελλικῶν, Ἀπελλικῶντος, hsl. auch Ἀπελλίκωντος und Ἀπελλίκοντος, bei Plut. Sull. 26, 1 Ἀπελλικῶνος und Ἀπελλίκωνος; vgl. Anecd. rom. ed. Osann S. 5 sowie W. Ribbeck Jahrb. f. Philol. LXVI 1852, 4 und Kramer zu Strab. XIII 609). 1) Ein reicher Mann aus Teos (Strab. XIII 644), der später das athenische Bürgerrecht erwarb (zweimal erster Münzmeister, vgl. R. Weil Athen. Mitt. VI 325ff.) und Freund des Peripatetikers Athenion (nach seiner Parengraphie Aristion genannt), eines erbitterten Gegners der Römer, wurde. Von diesem, der im mithridatischen Kriege, in welchem Athen auf Seite des Königs trat, von dem durch seine demagogische Beredsamkeit hingerissenen Volke zum στρατηγὸς ἐπὶ τῶν ὅπλων (Athen. V 213 e) d. h. zum Dictator gewählt wurde, liess sich A. als Stratege (Athen. V 215 a) mit Truppen nach Delos schicken (88 v. Chr.), um die dortigen Tempelschätze zu plündern, wurde aber infolge seiner militärischen Unfähigkeit vom römischen Feldherrn Orbius überfallen und entkam zwar persönlich durch eilige Flucht, muss aber auch selbst wenig später gestorben sein (Poseidonios bei Athen. V 214. 215). Wenn wir Strab. XIII 609 und Plut. Sull. 26 combinieren, so ist sein Tod 84 v. Chr. (etwa bei der Einnahme Athens durch Sulla; s. Weil a. O. 332) erfolgt. Unstät wie sein Leben waren auch seine Neigungen, dabei mehr am Äusseren haftend als in das Wesen eindringend. Seine Liebe zur Litteratur und Philosophie bethätigte er vor allem durch das Sammeln wichtiger und seltener Bücher; Strabon XIII 609 bezeichnet ihn als φιλόβιβλος μᾶλλον ἢ φιλόσοφος. Sein Reichtum lieferte ihm dazu die Mittel, doch scheute er sich auch nicht aus dem athenischen Archive die Originale alter Volksbeschlüsse zu entwenden und andere Städte in ähnlicher Weise zu berauben (Athen. V 214 e). Um vieles Geld kaufte er nach Strabon a. O. in Skepsis von den Nachkommen des Neleus, welchem Theophrast seine und des Aristoteles Bibliothek vermacht hatte (Diog. Laert V 32), den litterarischen Nachlass beider Männer. Durch Würmer und Feuchtigkeit hatten die Rollen, da sie vor der Sammelwut der pergamenischen Könige in einem Keller versteckt worden und im Laufe der Generationen fast verschollen waren, stark gelitten. Mit mangelhafter Ergänzung des Fehlenden machte A. die Bücher jener Schulhäupter durch neue Abschriften dem engeren Kreise der Peripatetiker zugänglich, so dass, wie Strabon urteilt, die alten Peripatetiker nach Theophrast überhaupt nur wenige Schriften des Aristoteles, und zumeist esoterische, in Händen hatten, die späteren Anhänger der Schule aber sie zwar vollzählig besassen, jedoch in fehlerhaftem Zustande. Indess kann der Fund des A., dessen Grösse vermutlich in den Berichten übertrieben wurde, sich, soweit er Neues enthielt, nur auf private Aufzeichnungen des Aristoteles, die sog. hypomnematischen Schriften mit Einschluss von Collectaneen und Memoiren, bezogen haben (Rose Aristot. fragm. 1886, 2. 18ff.); denn von den andern sind die wichtigeren schon aus früherer Zeit als bekannt nachweisbar [2694] (Em. Heitz Die verlor. Schr. d. Aristot. 10ff. Susemihl Alex. Litt. II 299, 324 u. Nachtrag, sowie die ebenda angeführte Litteratur). Auch verfasste er, was zu jenem Charakter der gefundenen Schriften passen würde, eine Schrift, in der von dem Freundschaftsverhältnis des Aristoteles zu Hermeias (von Atarneus) die Rede war (Susemihl II 297). Von Einfluss auf die Überlieferung des Aristoteles wurden seine Ausgaben jedenfalls nicht (s. H. Usener Nachr. d. Gött. Ges. 1892, 203). Zweifelhaft ist, in welchem Umfang jene von A. angekaufte Bibliothek Schriften enthielt, die nicht von Aristoteles und Theophrast selbst herrührten, sondern nur in ihrem Besitz gewesen waren. Bei Strabon wird nichts ausgenommen; dagegen berichtet Athen. I 3 b, dass der König Ptolemaios Philadelphos von Neleus alle Bücher der beiden gekauft und nach Alexandrien gebracht habe (s. Th. Birt Ant. Buchw. 458 und dagegen Frd. Littig Andronikos v. Rhod., Diss. München 1890, 10ff.). In des A. Besitz befand sich auch ein bemerkenswertes Exemplar der Ilias (ἡ δὲ δοκοῦσα ἀρχαία Ἰλιάς, λεγομένη δὲ ἀπ’ Ἑλικῶνος, ursprünglich also ΑΠΕΛΙΚΩΝΟΣ), die mit dem Verse Μούσας ἀείδω καὶ Ἀπόλλωνα κλυτότοξον begann (Anecd. rom. S. 5. A. Nauck Philol. VI 560ff. W. Ribbeck Jahrb. f. Phil. LXVI 4f.). Die ganze Bibliothek des A. nahm bald nach dessen Tode Sulla, als er nach Beendigung des mithridatischen Krieges aus Asien zurückkehrte (84 v. Chr.) an sich und brachte sie nach Rom (Strab. Plut. a. a. O. Suid.). Hier benützten sie die Grammatiker Tyrannion und besonders Andronikos von Rhodos, auf den höchst wahrscheinlich fast alle erhaltenen Nachrichten über die Bibliothek A.s zurückgehen, für die kritische Behandlung und Erklärung des Aristoteles, vermutlich auch anderer Autoren (H. Usener a. O. 202ff.; Susemihl II 305, 340 verlegt diese Thätigkeit des Andronikos nach Athen in die Zeit, als die Bibliothek noch im Besitz des A. war); zunächst aber kamen auch sehr fehlerhafte Abschriften in den Buchhandel.