RE:Aristodemos 32

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band II,1 (1895), Sp. 926929
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32) Aristodemos (zuerst publiciert in Πολιορκητικὰ καὶ πολιορκίαι διαφόρων πόλεων. Poliorcétique des Grecs ... par C. Wescher, Paris 1867 p. 347ff., daraus abgedruckt in Jahrb. f. Philol. XCVII 1868, 81ff. mit einer Einleitung von Arnold Schaefer und einem kritischen Anhang Buechelers, nach einer neuen Vergleichung der Hs. zum zweitenmal von Karl Müller herausgegeben in FHG V 1ff.). In einer von Minoidas Minas im Batopedikloster auf dem Athos entdeckten, 1863 in die Pariser Bibliothek (suppl. Gr. 607) gelangten Hs. saec. X (vgl. die Beschreibungen von Wescher und Karl Müller a. a. 0., ferner von Meyncke Rh. Mus. XXIII 585ff. und Jahrb. f. Philol. XCVII 834ff.) ist in den Kern der Hs., d. h. die Poliorketiker und die militärische Beispielsammlung, wie eine nicht junge Paginierung mit griechischen Zahlen ausweist, ein von ebenso alter Hand beschriebenes Fragment hineingebunden, die jetzigen Fol. 81. 83–87; Fol. 82 gehört zu den Poliorketikern und ist nur durch ein Versehen nach Fol. 81 zu stehen gekommen. Die Art, wie der Schreiber die Blätter benutzt hat, ist sehr merkwürdig. Fol. 81 beginnt ohne Titel mit dem Anfang von Philostrats Vita Apollonii und enthält diese bis κοινωνῆσαι καὶ αὐτός φησι (p. 2, 35 Didot), dann bricht in der dritten Zeile von Fol. 81v der Text ab und in Majuskeln folgen die Worte ζη το λιπον τουτου οπιθεν ἐν ῶ σημεῖον ἐστιν τοιοῦτον (folgt das Zeichen) ἡ ἀρχὴ τοῦ λόγου γέγραφεν· ὡν κοινωνῆσαι καὶ αὐτοσ φησιν και γνωμασ και λόγουσ και οποσα εισ προγνωσιν ειπεν. Auf dem Rest von Fol. 81v steht von der Vita Apollonii das Stück von ἐν ᾧ πάντα (p. 8, 22 Did.) bis ὁ χῶρος ἀφθόνους (p. 9, 43 Did.): dieses Stück umfasst 77, jenes 74 Zeilen in der Didotschen Ausgabe, das fehlende ungefähr 315 Zeilen, die also 4 Blättern des Archetypus fast genau entsprechen. Fol. 83r ist mit medicinischen Recepten angefüllt, Fol. 83v, Fol. 84 ganz, und Fol. 85r bis Zeile 17 enthalten ein historisches Bruchstück, das mit αἰτησάμενος γὰρ μίαν ἡμέραν μόνην beginnt und am oberen Rand die Notiz trägt (ein Zeichen geht vorher): καὶ το σημεῖον τοῦτό ἐστιν καὶ (dies ausgestrichen) τὸ ζητούμενον τοῦ αριστοδημου. Es sind im Didotschen Text 224 = 3 X 74 Zeilen, also 3 Blätter des Archetypus. Nach den Worten τῷ τοῦ Ποσειδῶνος [927] τεμένει (p. 11, 8 in FHG) wird fortgefahren γέγραφεν ὧν κοινωνῆσαι, d. i. das oben ausgelassene Stück der Vita Apollonii (p. 2, 35 Did.), das oben angegebene Zeichen kehrt an der Fuge über der Zeile wieder. In diesem Text geht es weiter bis ἔφη τοῦ ποιήσοντος (p. 5, 24) auf Fol. 86r, der Rest der Seite, etwa 6 Zeilen, ist leer gelassen. Das Philostratosstück beträgt 148 Didotzeilen = 2 Blättern des Archetypus; die beiden anderen waren also verloren gegangen. Fol. 86v setzt der A.-Text genau an der Stelle ein, wo er Fol. 85r durch das Philostratosstück abgelöst wurde, und reicht bis zum Schluss von Fol. 87v, mitten im Satz abbrechend. Oben auf Fol. 86v steht das gleiche Zeichen wie Fol. 85r, 17 und die Notiz τοῦτό ἐστι τὸ ζη, der Rest ist weggeschnitten.

Dies ist der Thatbestand. Er lässt sich nur so erklären, dass in einer Hs. kleineren Formats, deren Blätter einen Text von je 74–77 Didotzeilen umfassten, A. und Philostrats Vita Apollonii enthalten waren. Aus dem A.-Text gerieten zwei Lagen, erst 3 Blätter, dann eine nicht mehr zu bestimmende Anzahl in den Philostratostext hinein, im Philostratostext kamen Blatt 2 und 3 zwischen die beiden Lagen des A.-Textes, Blatt 4 und 5 gingen ganz verloren. In diesem Zustand wurde die Hs. abgeschrieben, und zwar so stumpfsinnig, dass die Blattversetzungen nicht nach den Randnotizen corrigiert, sondern Verschiebungen und Correcturen getreulich conserviert wurden. Dass nun gerade nur dies Denkmal von Schreiberconfusion gerettet, die ganze übrige Abschrift verloren ist, führt mich auf die Vermutung, dass eben diese Blätter als zu schlechte Abschrift verworfen wurden und so, sich lose herumtreibend, demjenigen in die Hände fielen, der die Poliorketiker mit der Beispielsammlung vereinigte: er brachte seine Blätter hier unter. Mag dem nun aber sein, wie ihm wolle, der Nachweis, dass die Philostratosstücke selbst sowohl wie die Lücke und das erste, allein commensurable A.-Stück durch mühelose Rechnung alle eine gleiche Grösse für die Blätter des Archetypus ergeben, ist der mathematische Beweis dafür, dass diese Stücke nicht, wie Wachsmuth (Rh. Mus. XXIII 303f. 582f. 673ff.) und Hiecke (Ztschr. f. Gymnasialwesen N. F. II 721ff.) gleich nach der Veröffentlichung behaupteten, von einem modernen Fälscher zusammengeschrieben sind. Dass die Hs. selbst nicht zu dem geringsten Verdacht Anlass giebt, hat Meyncke ausdrücklich und wiederholt versichert. Vom Inhalt ausgehend, fanden Schaefer und Buecheler (Jahrh. f. Philol. a. a. O. und 237ff. 832ff.) gleich das Richtige.

Das Bruchstück des A. beginnt mit der Erzählung von der List des Themistokles vor der Schlacht bei Salamis. Mit der Schlacht bei Mykale schloss ein κεφάλειον, wie die Notizen τέλος τοῦ x und τὸ x — die Zahlen sind beidemal weggeschnitten — beweisen. Das folgende Kapitel stellt nach der Überschrift die Ereignisse von den Perserkriegen bis zum peloponnesischen Kriege dar und ist bis auf einen jedenfalls nur unbedeutenden Rest vollständig erhalten.

Eine Identification des in dem hsl. Fragment genannten A. mit den sonst bekannten ist unmöglich; unbequemer noch ist der Verlust des [928] Titels, der über Zweck und Anlage des Werks einige Aufklärung wenigstens geben könnte. Der historische Wert des Erhaltenen ist gleich Null, und das Verlorene ist kaum etwas besseres gewesen. Neu ist nur die fabelhafte Nachricht (p. 12, 8f.) von dem Diskos mit dem kreisrund angebrachten Verzeichnis der Städte, die am Perserkrieg teilgenommen hatten. Die Erzählung der Perserkriege beruht im wesentlichen auf Herodot, die der Pentekontaetie auf Thukydides, hier mit noch engerem Anschluss an das Original; das Quellenverzeichnis Rh. Mus. XXIII 304ff. giebt ein falsches Bild des Sachverhalts. Abgesehen von kleinen Verschiedenheiten und Ausmalungen, wie sie bei jeder nicht ganz sorgfältigen Nacherzählung sich einstellen, hat A. in der Pentekontaetie versucht, den sich zersplitternden Stoff in grössere Massen zusammenzuschieben, nach einer alten, schon für Ephoros giltigen Rhetorenregel; die Chronologie ist selbstverständlich gleichgültig. An die Eurymedonschlacht wird die Expedition nach Ägypten angeschlossen und vollständig zu Ende erzählt, dann erst folgen Tanagra und Oenophyta. Durch Versehen ist bei diesem Hin- und Herschieben Tolmides peloponnesische Expedition hinter den zweiten, statt hinter den ersten boiotischen Krieg geraten. Die Erzählung besteht eben nur aus κεφάλαια, aus hervorragenden oder für hervorragend gehaltenen Ereignissen, alles was dazwischen steht, wird einfach weggelassen; die κεφάλαια selbst so wies gut scheint, hin- und hergeschoben.

Auf den herodoteisch-thukydideischen Grundstock sind nun allerlei Geschichten aufgepflanzt, die berühmt und beliebt waren, hier und da haben auch Varianten den Bericht der Hauptquelle verdrängt. Die Quellen, aus denen diese Seitentraditionen hergeleitet sind, lassen sich nicht mehr nachweisen, und es ist gefährlich, hier mit bestimmten Namen, wie mit dem des Ephoros, um sich zu werfen. Unverkennbar aber ist der Einfluss der Rhetorenschule. Ein historischer Schnitzer des Aischines (II 75) kehrt p. 11, 4 mit wörtlichem Anklang wieder; die Bezeichnung des Alexander Philhellen τὸν Φιλίππου πρόγονον (p. 4, 11) findet in Dem. VI 11 um so eher ihre Erklärung, als der zu dieser Demosthenesstelle gehörende Artikel Harpokrations s. Ἀλέξανδρος; mit seinem durch Demosthenes veranlassten σφόδρα ἀπειλήσαντες ἀπέπεμπον das Mittelglied zwischen A. ὑβρίσαντες τὸν Ἀλέξανδρον ἀπεπέμψαντο und Herodot VIII 143 bildet; auch zwischen p. 6, 1f. und Dem. XXIII 200 dürfte ein Zusammenhang nicht abgeleugnet werden können. Zu dieser Beobachtung gehört dann die andere, dass die von A. vertretene Tradition auch in den Aristophanesscholien und in historisch-biographischen Artikeln des Suidas ihre Spuren hinterlassen hat. Vgl. Schol. Aristoph. Pac. 605 mit p. 17, 15ff. und Schol. Equ. 84 = Suid. s. (Θεμιστοκλῆς mit p. 13, 11f. Die merkwürdige Verknüpfung von Themistokles Tod mit Kimons pamphylischem Zug findet sich wieder bei Suid. s. Κίμων, wie hier die Anreihung der κεφάλαια einen Causalnexus erzeugt hat, so der Übergang vom samischen auf den peloponnesischen Krieg bei Thukyd. I 118 einen Synchronismus, den sowohl A. p. 17, 7 als Suidas s. Καλλίας ὁ λακκόπλουτος vertreten und [929] zwar so, daß bei Suidas der Irrtum sich anbahnt, bei A. vollendet ist. Endlich ist noch die Übereinstimmung zwischen A. p. 12, 3 und Suidas s. Παυσανίας anzuführen. Es ergiebt sich hieraus, dass das Buch A.s nicht allein stand, sondern nur das Exemplar einer Gattung von Schriftwerken ist, die sich vielleicht am besten mit den Sammlungen von mythischen ἱστορίαι vergleichen lassen. Wie diese im Anschluss an die Dichterlectüre entstanden sind, so sind im Zusammenhang mit dem rhetorischen Studium der Historiker und Redner historische κεφάλαια zur Orientierung zusammengestellt. So ist es ganz natürlich, dass A. im Zusammenhang mit Philostrat überliefert ist, und ebenso natürlich, dass, wie Buecheler vortrefflich bewiesen hat, byzantinische Scholiasten zu Hermogenes ein Exemplar benutzten, das die gleichen Corruptelen zeigte wie unser Text; man lese nur Rhet. Gr. V 388 nach, was aus dem lückenhaften Text A.s p. 16, 11ff. geworden ist.