RE:Auge 2

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band II,2 (1896), Sp. 2300–2306
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2) Hypostase der in Tegea verehrten, später mit Athena identificierten Göttin Alea, der milden Sonnenwärme, welche die Fruchtbarkeit befördert und deshalb auch als Göttin der Entbindung (Eileithyia nach späterem Sprachgebrauch) aufgefasst werden konnte (über Athena als Entbindungsgöttin vgl. Preller-Robert I 194. Die Göttin hatte unter dem allgemeineren Namen Alea einen angeblich von dem Eponymos des Ortes Alea, König Aleos, gegründeten Tempel in Tegea, ausserdem auf dem Markte als Entbindungsgöttin unter dem Namen Αὔγη ἐν γόνασιν einen Tempel (Paus. VIII 48, 7); wie der Name bezeugt, stellte das Kultbild die Göttin kniend in der Thätigkeit des Gebärens dar (über die kniende Stellung beim Gebären vgl. F. Marx Athen. Mitt. X 177ff.; nach S. 186 ist sie noch heutzutage in der Peloponnes beim Volke üblich). Zu einer Zeit, als man die Göttin mit der jungfräulichen Athena identificierte, löste sich die Αὔγη ἐν γόνασιν von Athena Alea ab und ward zur Eileithyia, und es bildete sich die hypostasierende Legende (wie schon Jahn Tel. u. Troilos 49 bemerkte), wonach es die Priesterin der Athena war, deren Fehltritt Anlass zu der Benennung gab. Wahrscheinlich hatte man schon von der Göttin erzählt, dass sie einem Gott (an wessen Stelle hier später Herakles trat, ist nicht auszumachen) den Telephos gebar, dessen Name (= Τηλεφάνης, der weithin leuchtende) ihn mit dem Namen A. in unlösbare Verbindung setzt. Jetzt bildete sich die Legende, die in den Heldengesprächen der Odysseenekyia (Od. XI 521, vgl. U. v. Wilamowitz Homer. Unters. 152f.) vorausgesetzt, jedenfalls in den Kyprien und in der kleinen Ilias ausführlicher erzählt war (vgl. auch Robert Ann. d. Inst. 1884, 81) und deren Grundzüge auch Akusilaos (Schol. Od. XI 519) und Hekataios (Paus. VIII 4, 8f.) berichteten. Den Anfang dieser epischen Version giebt das Bruchstück des Hekataios: Mit A., der Tochter des Königs Aleos von Tegea, unterhält Herakles ein Liebesverhältnis; so oft er nach Tegea kommt, besucht er sie. Als sie endlich einen Knaben gebiert (auf dem Parthenion nach Euripides frg. 697, der in seinem Telephos diese Version befolgt, s. u.), erfährt es der König und lässt sie mit ihrem Knaben in einer λάρναξ ins Meer werfen. Der Kasten treibt an der Mündungsebene des Kaїkos an, wo der Herrscher des Landes Teuthras die beiden Verstossenen findet; er nimmt A. zum Weibe. Die Fortsetzung dieser Version ist in Alkidamas Odysseus 13 Blass erhalten, der anfangs die Vorgeschichte zu Sophokles Aleaden (s. u.) wiedergiebt. Danach nimmt Teuthras den Telephos an Kindes Statt an und lässt ihn am troischen Hofe erziehen. Den Schluss dieser Version bildet natürlich die Vermählung des Telephos mit der troischen Königstochter Astyoche, auf deren in den andern Epen erzählte Geschichte die Nekyia anspielt (vgl. Serv. Ecl. VI 72. Q. Smyrn. VI 135ff.).

Die Verknüpfung der localen Traditionen von Tegea mit Kleinasien geschah natürlich als Folge der Wanderungen, durch die eine grosse Reihe einheimisch-griechischer Sagen sich um den Mittelpunkt der troischen Kämpfe zusammenfanden. Ob irgendwelche localasiatische Traditionen die Localisierung der A.-Sage in ,Teuthranien‘ beförderten, [2301] lässt sich in keiner Weise erkennen, und die luftigen Constructionen Thraemers (Pergamos 379ff.) entbehren jeglicher Begründung; dass vereinzelt (Diod. IV 33, 12) als Gemahlin des Telephos Argiope die Tochter des Teuthras genannt wird, kann schwerlich als Spur einer alten Localsage gelten. Dann müsste auch die Existenz eines Τηλέφου δῆμος und einer Τηλέφου κρήνη bei Patara in Lykien (Steph. Byz. s. v.) für eine alte Localisierung in Lykien sprechen.

Die arkadische Localsage aber, die im Epos nur die Bedeutung eines Seitenschösslings der troischen Sage haben konnte, wurde erst von dem attischen Drama ausgebildet und mehrfach umgebildet (die wunderlichen Ansichten, welche Schirmer in Roschers Lex. I 729ff. über den Inhalt der verschiedenen den Mythos behandelnden Tragoedien vorbringt, kann man füglich übergehen, da sie durch die vom Verfasser völlig ignorierte neuere Litteratur hinreichend widerlegt sind. Auch die ausführlichen Darlegungen von Thraemer a. a. O. 369f. sind durchaus verfehlt und bedürfen keiner Widerlegung). Sie ist von allen drei grossen Tragikern behandelt worden. Bereits die Myser des Aischylos jedoch setzen eine einschneidende (lyrische?) Umbildung der Sage voraus, die so ein von der epischen Tradition völlig verschiedenes Gepräge erhält: nur A. wird ins Meer geworfen, Telephos dagegen ausgesetzt; er wächst in Arkadien auf, lädt dort eine Blutschuld auf sich und kommt zur Entsühnung nach Mysien zu Teuthras. Aus den Bruchstücken lässt sich erkennen, dass Telephos in Mysien zuerst stumm auftrat, da ihm zur Sühne seiner Schuld auferlegt war, erst nach feierlicher Entsühnung wieder sprechen zu dürfen Welcker Aischyl. Tril. 562; Griech. Trag. I 53ff. Nauck Tr. Graec. frg.² 47. Pilling Quomodo Telephi fab. et scriptores et artif. veteres tractaverint, Diss. Hal. 1886, 12ff.). Ein Telephos des Aischylos, den noch Welcker (Aischyl. Tril. 562) und ihm folgend Pilling 17ff. annahmen, scheint auf einer irrtümlichen Angabe zu beruhen, vgl. Robert Bild und Lied 146f. Weit besser sind wir über den Inhalt der beiden hierher gehörigen Tragoedien des Sophokles orientiert, die Aleaden und die Myser. Die Aleaden (Inhalt im wesentlichen richtig schon von Vater Die Aleaden des Soph., Berlin 1835, und Welcker Griech. Trag. I 406ff. hergestellt; vgl. Bethe Quaest. Diod. mythogr., Diss. Gott. 1887, 73. Pilling a. a. O. 21. Robert Arch. Jahrb. III 1888, 61ff.) behandeln die bei Aischylos vorausgesetzte Blutschuld des Telephos (Alkidam. Odyss. 13 Blass. Diod. IV 33, 7ff. Hyg. fab. 99. 244): A. ist Tochter des Königs Aleos von Tegea und der Neaira (Apollod. III 9, 1, 2). Aleos erhält in Delphoi ein Orakel, der Sohn seiner Tochter werde deren Brüder töten; er eilt heim und macht A. zur Priesterin der Athena, unter Drohungen sie zu töten, wenn sie ihre Jungfräulichkeit nicht bewahre. Aber das Schicksal lässt sich nicht lenken: Herakles kommt auf dem Zuge gegen Augeias nach Tegea, wird von Aleos bewirtet, sieht trunken die A. und thut ihr Gewalt an. Als Aleos ihren Zustand erkennt, übergiebt er sie dem Nauplios zum ertränken; auf dem Wege nach Nauplia gebiert sie auf dem Partheniongebirge einen Knaben, den sie aussetzt, und der von einer Hindin gesäugt wird, bis ihn Hirten [2302] des Korythos (ist der altpeloponnesische Apollon Κόρυθος = Κουροτρόφος, vgl. o. S. 57) finden. Er wächst dann etweder bei diesen oder bei Korythos selbst auf, kommt an den Hof des Aleos und wird wegen des auf seiner Herkunft lastenden Dunkels von den Söhnen des Aleos, Hippothoos und Pereus (andere Geschwister der A. s. o. Artikel Aleos Bd. I S. 1365), die er nicht als seine Oheime kennt, verhöhnt. Im Zorn erschlägt er sie; der vereinsamte Aleos fordert von Korythos seine Auslieferung, es kommt zur Aussprache und Erkennung; Aleos erkennt den Enkel an und gebietet ihm, wegen Sühnung der Blutschuld das Orakel zu befragen. Hier knüpfen die Myser des Sophokles an, deren Inhalt uns (trotz dem Widerspruch von Pilling 23 und Thraemer 376f.) Hyg. fab. 100 erhalten hat (vgl. Welcker Griech. Trag. I 414ff. Jahn Telephos u. Troilos 65. Nauck Trag. Gr. frg.² 220ff. Robert Arch. Jahrb. II 246ff.): König Teuthras wird von Idas (natürlich nicht, wie Hygin angiebt, dem Aphariden, vgl. Robert Arch. Jahrb. III 53; wohl ein ,Held vom Ida‘, wie Thraemer 376 richtig andeutet) in seinem Reiche bedroht; da erscheinen als reisige Helden Telephos, der nach des Orakels Spruch in Mysien Sühnung und seine Mutter finden soll, und sein gleich ihm auf dem Parthenion aufgewachsener Freund Parthenopaios. Der König verspricht dem Telephos seine Tochter A. (die mit ihrem Kasten in Mysien gelandet und von ihm adoptiert worden war) zum Weibe, wenn er den Idas besiege. Idas erliegt den beiden Freunden, und A. wird mit Telephos vermählt. Aber das stolze Weib, das nach Herakles keinem Sterblichen gehören will, hält das Schwert bereit, den Gemahl im Brautgemach zu ermorden. Da erhebt sich als Götterzeichen eine gewaltige Schlange zwischen ihnen; A. lässt das Schwert fallen, gesteht ihr Vorhaben und wird nun ihrerseits von Telephos bedroht. In ihrer Not ruft sie den Herakles an (vielleicht auch ihren Vater Aleos?), es kommt zur Aussprache, und Mutter und Sohn erkennen einander. Telephos kehrt mit seiner Mutter nach der Heimat zurück. Von dem Telephos des Sophokles, einem Satyrspiel (vgl. Kaibel Herm. XXIII 273), ist nichts Näheres bekannt.

Euripides folgte in seinem Telephos, einem seiner frühesten Stücke, mit Bezug auf die Geschichte der A., die im Prolog erzählt wurde (Jahn Tel. u. Troilos 53ff. v. Wilamowitz Anal. Eur. 187), der alten bei Hekataios überlieferten epischen Tradition (Strab. XIII 615): Mutter und Sohn werden zusammen ins Wasser geworfen und landen mit ihrem Kasten Ἀθηνᾶς προνοίᾳ an der Kaїkosmündung, wo Teuthras sie aufnimmt. Eingreifende Änderungen dagegen machte der Dichter in seiner Auge, die nach der Metrik der erhaltenen Bruchstücke in seiner letzten Periode entstand (v. Wilamowitz a. a. O. 189f.), und deren Inhalt v. Wilamowitz nach Moses von Khoren Progymn. (Meineke Com. V 57) grossenteils richtig festgestellt hat (ältere Versuche Welcker Gr. Trag. II 763ff. Jahn a. a. O. 52ff.; vgl. auch Nauck Tr. Graec. frg.² 436ff. Robert Arch. Jahrb. II 246). Nur der Schluss kann nicht wie in jenem Bericht dahin gelautet haben, dass A. und Telephos, durch Herakles gerettet, beide in Arkadien bleiben. Einmal ist es unwahrscheinlich, [2303] dass der Dichter ohne Not die überlieferte und allgemein anerkannte Verbindung mit Mysien ignorierte; dann aber, wenn die so häufig in der Kunst überlieferte Darstellung des Herakles, der den kleinen Telephos findet, wirklich nur auf Euripides basiert (und wir wissen keine andere litterarische Quelle), so wäre es doch sehr auffallend, dass die Kunst die Mutter regelmässig fortgelassen hätte, während Euripides das Kind samt der Mutter von Herakles hätte finden lassen. Danach ist mir folgendes als Inhalt des Stückes (nach Moses, zu dem ergänzend Apollod. II 7, 4, 1f. III 9, 1, 2 sowie Arist. Frö. 1080 mit Schol. hinzutreten) wahrscheinlich: Bei einem Athenafest in Tegea nimmt A., Tochter des Königs Aleos und Priesterin der Göttin, an nächtlichen Tänzen teil (so auch Seneca Herc. Oet. 366ff.); dort erblickt sie Herakles, des Königs Gast, trunken vom Festgelage, und thut ihr Gewalt an; als Zeichen hinterlässt er ihr einen Ring. Als die Zeit erfüllt ist, bringt die Priesterin im Heiligtum einen Sohn zur Welt, den sie im Tempel verbirgt. Dies ruft den Zorn der Göttin hervor, der sich in Pest oder Misswachs äussert. Vergeblich bringt das Volk Opfer dar; ein Orakel verkündet, im Tempel selbst berge sich das ἄγος. A. berät noch mit ihrer Vertrauten (der Amme?), wo sie nun das Kind verbergen solle, als Aleos in den Tempel dringt und das Kind findet. Er befiehlt in seinem Zorn dem Nauplios, das Kind auf dem Parthenion auszusetzen, A. aber ins Meer zu werfen. Dies geschieht, doch hat A. noch Zeit gefunden, dem Kinde ihren Ring als Erkennungszeichen umzuhängen. Herakles findet auf seiner Wanderung im Gebirge den Knaben, wie er von einer Hirschkuh gesäugt wird, betrachtet ihn näher, findet den Ring und erkennt so das Kind als seinen Sohn. Er hebt es auf und bringt es zu Aleos, dem er sein Unrecht mit entschuldigendem Hinweis auf seine damalige Trunkenheit eingesteht (nur in diesem Zusammenhang wird frg. 267 verständlich). Aleos verzeiht ihm und erkennt den Knaben als Enkel an, ist aber nun über den Tod seiner Tochter und seine eigene Grausamkeit untröstlich. Da erscheint Athena und verkündet, der Knabe solle Telephos heissen, weil er an der θηλή einer Hirschkuh (ἔλαφος) sich genährt habe (dass diese später allgemein angenommene, natürlich sprachwidrige Etymologie des Namens ex eventu echt euripideisch ist, hat v. Wilamowitz a. a. O. 190 an zahlreichen Beispielen dargethan); A. aber werde gerettet im fremden Lande eine neue Heimat finden, und wenn Telephos herangewachsen, solle er ausziehen, seine Mutter zu suchen.

Was über sonstige litterarische Bearbeitungen des Mythos bekannt ist (für die Gestaltung der Sage kommt nichts davon in Betracht), ist übersichtlich und vollständig von Pilling a. a. O. 60ff. zusammengestellt. Bemerkenswert ist nur die von Paus. VIII 47, 4 überlieferte Nachricht von einer Quelle nördlich vom Athenatempel zu Tegea, bei der Herakles der A. Gewalt angethan haben sollte. Dieselbe Quelle findet sich auch auf den pompeianischen Bildern (s. u.), welche diese Scene darstellen, und zwar erhält sie dadurch noch eine besondere Bedeutung, dass A. in ihren Wellen ein Gewand wäscht. Wie alt dies Motiv ist, wissen wir nicht; die epische Version des Hekataios kennt [2304] es noch nicht, wie Pausanias ausdrücklich bezeugt. Wenn es in den Aleaden des Sophokles vorkam, so kann es dort nur kurz erwähnt worden sein, wäre also als bekannt vorausgesetzt und beträchtlich älter; ebensogut möglich ist es aber auch, dass erst ein Bearbeiter der Sage nach Euripides (bei diesem kann das Motiv keine Verwendung gefunden haben), etwa ein alexandrinischer Dichter, erzählte, A. sei beim Waschen heiliger Gewänder von Herakles überrascht worden (die Quelle muss an den Abhängen des Parthenion gesucht werden; dorthin verlegt auch Schol. Kall. Hymn. IV 71 die erste Begegnung zwischen A. und Herakles). O. Rossbachs weitergehende Combinationen über den Inhalt dieser Version (A. und Pelopeia, Philol. Abh. M. Hertz dargebr. 144ff.) halte ich mit E. Maass (DLZ 1888, 1637) für verfehlt. Das Temenos, welches Telephos (der doch wohl gleich seiner Mutter als altarkadischer Gott betrachtet werden muss) auf dem Parthenion besass, wurde später als der Ort seiner Auffindung angesehen (Paus. VIII 54, 6); auch eine Τηλέφου ἑστία kommt als arkadische Ortsbezeichnung (nicht bei Oinoe, wie Preller-Plew II 242, 1 irrig angiebt) vor, Apollod. I 8, 6, 3.

Die durch das attische Drama zubereitete Sage wurde in hellenistischer Zeit von dem pergamenischen Hofe bereitwilligst aufgenommen und als officielle Legende proclamiert. Die Attaliden wollten ja selbst von Telephos abstammen; A. sollte das Athenaheiligtum in Pergamon gegründet haben (Fabricius bei Robert Arch. Jahrb. III 46), und ihr Grabmal zeigte man daselbst in Gestalt eines Erdhügels mit Steintreppe, auf dem die Bronzestatue eines nackten Weibes stand (Paus. VIII 4, 9); aber die Fiction ging weiter: das Volk selbst behauptete, sie seien Ἄρκαδες τῶν ὁμοῦ Τηλέφῳ διαβάντων εἰς τὴν Ἀσίαν (Paus. I 4, 6) und liess sich vom Orakel als Τηλεφίδαι bezeichnen (CIG II 3538). Da konnte man natürlich an die alte epische Version, nach der Telephos als Kind mit A. nach Mysien kam, nicht anknüpfen, sondern war auf die Versionen der Tragiker angewiesen. So ist denn auch, wie zuerst Robert erkannte (Bild und Lied 48) und ausführlich darlegte (Arch. Jahrb. II 244ff. III 45ff. 87ff.), die am pergamenischen Altar dargestellte officielle Stammsage der Attaliden die Version des attischen Dramas.

Hiermit kommen wir zu den bildlichen Gestaltungen des Mythos. Hier ist vor allem hervorzuheben (wie bisher ausdrücklich nur Furtwängler Roschers Lex. I 2247 gethan hat), dass vor der pergamenischen Kunstepoche keine bildliche Darstellung des Mythos nachweisbar ist. Alle älteren Darstellungen, die man auf A. gedeutet hat, gehören mit Sicherheit oder doch grosser Wahrscheinlichkeit nicht hierher; so sind die sf. Oinochoen in Sèvres nr. 2035 (Durand 384; abg. Arch. Ztg. XI Taf. 60, 1) und in Berlin nr. 1937 (abg. ebd. 2), welche O. Jahn auf Telephos und A. deutete, vielmehr auf Aias und Kassandra zu beziehen, vgl. Benndorf Griech. u. Sic. Vasens. 103, 516. Furtwängler Beschr. d. Berl. Vasens. I 408f. Heydemann Ann. d. Inst. 1885, 156; der etruskische Spiegel im Cab. d. Méd. (Chabouillet 3135. Durand 1974; abg. Gerhard Etr. Sp. III 348) bezieht sich auf Orestes und Klytaimestra; [2305] der von Gerhard a. a. O. II 169 auf Teuthras und A. gedeutete etruskische Spiegel giebt nicht den geringsten Grund zu dieser Deutung; die von O. Jahn a. a. O. 46ff. für die Entdeckung des kleinen Telephos durch seinen Grossvater erklärte etruskische Aschenkiste (abg. Raoul-Rochette Mon. Inéd. pl. LXVII A 1) ist wohl doch eher mit dem Herausgeber auf die Iliupersis zu beziehen. Ganz unsicher ist auch die von Stephani (Ann. d. Inst. 1844, 245ff.) ausgesprochene Deutung auf A. und Herakles bei dem unteritalischen Krater in Lentini (Phlyakenvase, abg. Mon. d. Inst. IV 12. Wiener Vorlegebl. B Taf. III 2, vgl. Heydemann Arch. Jahrb. I 1886, 279f.). Der von Pilling a. a. O. 88 citierte unteritalische Krater, abg. Bull. Nap. VII 12 (ΤΗΛΕΦΟΣ, mit Löwenfell und Stiefeln angethan, sitzt auf einem Felsen und fasst nach dem Schwert, vor ihm steht ruhig im Gespräch ΑVΓA mit phrygischer Mütze auf dem Kopf), war mir nicht zugänglich, scheint aber nach der Beschreibung dringend einer Revision zu bedürfen (besonders auch die Inschriften). Aber auch mit der Darstellung der A. in dem Unterweltsbilde des Polygnotos (Paus. X 28, 8) ist es nichts, wenn man nach Roberts (D. Nekyia d. Polygnot, 16. hall. Winckelm.-Progr. 75) ansprechender Änderung Λήδη für Αὔγη liest. Von späteren auf A. gedeuteten Denkmälern ist noch abzuweisen der Torso vom Belvedere (von Raoul-Rochette Mém. de numism., Paris 1840 mit A. ergänzt gedacht), ferner ein hellenistisches Relief der Sammlung Baracco (Schreiber D. hellenist. Reliefb. Taf. 60), und das von Jahn (a. a. O. 52, 55) irrig auf die Verbergung des Kindes gedeutete pompeianische Bild einer Theaterscene (Helbig nr. 1465; abg. Gell Pompeiana II pl. 75).

Von den sicheren Darstellungen sind zunächst die pergamenischen zu nennen. Unter den Säulenreliefs am Tempel der Attalidenmutter Apollonis zu Kyzikos war auch die Erkennungsscene zwischen A. und Telephos dargestellt, und zwar nach den Mysern des Sophokles, an deren Version sich auch das erklärende Epigramm (Anth. Pal. III 2) deutlich anlehnt (Telephos kommt nach Mysien, die Mutter zu suchen; er wird zum Schluss mit ihr nach Arkadien zurückkehren, ein eigentlich der attalischen Tradition widersprechender Zug). Ferner hat Robert (Arch. Jahrb. II 1887, 244ff. III 1888, 45ff. 87ff.) in den Bruchstücken des kleineren Frieses vom pergamenischen Altar eine fortlaufende Darstellung der Geschichte des Telephos als der attalischen Stammeslegende in einer grossen Zahl von Scenen nachgewiesen; hierbei kommen für die Geschichte der A. in Betracht 1) Aleos empfängt das Orakel (abg. a. a. O. 59). 2) Herakles kehrt bei Aleos ein. 3) Herakles erblickt A. (beide abg. S. 58). 4. Entbindung der A. im Heiligtum der Athena (abg. S. 55. 57). 5) Aussetzung des Telephos (abg. S. 55). 6) Bestrafung der A. (abg. S. 244). 7) Landung der A. in Mysien (abg. S. 54). 8) Auffindung des Telephos (abg. Overbeck Plastik II⁴ 285 Fig. 201 b: Telephos saugt an einer Löwin; wie dies zu erklären, bleibt unsicher, vgl. Trendelenburg Baumeisters Denkm. II 1270). 9) Telephos und Parthenopaios landen in Mysien. 10) Telephos von A. zum Kampf gerüstet. 11) Telephos und Teuthras [2306] (9–11 abg. bei Robert S. 48). 12) Kampf mit Idas (? abg. S. 91). 13) Vermählung der A. mit Telephos (abg. S. 45). 14) Telephos und A. im Brautgemach (abg. S. 245). Schon aus dieser kurzen Inhaltsangabe erhellt, dass hier unter den von Sophokles und Euripides geschaffenen Versionen eine zweckmässige Auswahl getroffen ist. Endlich ist hier eine der Zeit des M. Aurelius entstammende Bronzemünze von Elaia (dem Hafen von Pergamon) zu nennen (Imhoof-Blumer Monn. Grecq. 274. Marx Athen. Mitt. X 1885, 21), welche die pergamenische Version wiedergiebt: A. entsteigt der am Meeresufer in einem Netze stehenden Lade und wird von Fischern freundlich bewillkommnet. Eine von Brunn (Verhandl. d. 37. Philol.-Vers. zu Dessau 1884, 189ff.) auf Herakles und A. gedeutete Marmorgruppe in Wörlitz kann wegen der überaus starken Ergänzungen nicht mit Sicherheit hierher gerechnet werden.

Die oben vermutete alexandrinische Version findet sich auf drei pompeianischen Bildern 4. Stils (vgl. Robert Ann. d. Inst. 1884, 75ff.): A) Helbig 1142; abg. Minervini Mem. d. acc. Ercol. V 3. Arch. Ztg. II 1844 Taf. 17. Zahn II 28. Raoul-Rochette Choix 7, vgl. O. Jahn Arch. Beitr. 233ff. B) Sogliano 499; abg. Ann. d. Inst. 1884 tav. H. C) Sogliano 500; abg. ebd. tav. IK: Herakles erblickt in trunkenem Mut die schöne A., wie sie mit zwei Gefährtinnen an der Quelle auf dem Parthenion beim Waschen beschäftigt ist, und sucht sie zu ergreifen. Auf B und C ist noch eine Flügelfigur anwesend, welche Robert a. a. O. 85ff. wahrscheinlich richtig als Parthenos gedeutet hat; auch dies würde für den alexandrinischen Charakter der poetischen Quelle sprechen, denn in geistreich klügelnder Weise hätte man das Sternbild der Parthenos (Beliebtheit der Sternmythen in alexandrinischer Epoche) als Göttin des Parthenion gedacht. Schliesslich ist noch zu erwähnen, dass nach Pausianas (VIII 47, 2) ein gemaltes Bild der A. sich im Athenatempel zu Tegea befand, und dass nach Christod. Ekphr. 138ff. sich im Zeuxippos nebeneinander die Statuen des Herakles und der A. befanden.