RE:Barbier

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band III,1 (1897), Sp. 3–4
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Barbier (κουρεύς, tonsor) und Barbierstube (κουρεῖον, tonstrina) werden seit der Zeit der alten Komoedie häufig erwähnt. Nach Italien sollen B. zuerst im J. 300 v. Chr. aus Sicilien durch einen gewissen P. Ticinius Mena gekommen sein (Varro r. r. II 11, 10. Plin. n. h. VII 211). Es wird schwer auszumachen sein, welche Thatsache dieser einem Document des Stadtarchivs von Ardea entnommenen Notiz (ut scriptum in publico Ardeae in litteris exstat) zu Grunde liegt (vgl. Bart). Ausser dem Verschneiden des Kopf- und Barthaares (von dem die griechischen und lateinischen Worte hergenommen sind) und dem später üblich gewordenen Rasieren gehört zu ihrer Thätigkeit auch das Schneiden der Nägel (ὀνυχίζειν), Artemid. I 22. Poll. VII 165. X 140. Plaut. Aulul. 313. Hor. ep. I 7, 51. Mart. ΙII 74. XIV 36. Die Geräte des B. nennt Poll. II 32. X 139f. Phaneas Anth. Pal. VI 307. Es sind folgende: Die Schere, ψαλίς, auch μάχαιρα, μάχαιραι, κουρικαί (oder κουρίδες), μαχαιρίδες (Alkiphr. ΙII 66, 1), δύο μάχαιραι (Clem. Alex. Paed. III 11 p. 290); das Rasiermesser (ξυρόν, später ξυράφιον, novacula); Kämme (κτένες; per pectinem attondere Plaut. capt. 268, Gegensatz strictim); das Tuch, welches dem Kunden umgelegt wurde, σινδών (Diog. Laert. VI 90. Alkiphr. III 66, 2. Phaneas a. Ο., ὠμόλινον Plut. de garrul. 13, involucrum Plaut, capt. 266); das Nägelmesser (ὀνυχιστήριον, cultellus Hor. a. O.); der Stuhl, θρόνος, Alkiphr. III 66, 2; Spiegel (κάτοπτρον), in denen man sich nach dem Haarschneiden oder Rasieren betrachtete, Plut. de aud. 8. Lucian. adv. ind. 29. Sen. de brev. vit. 12. Für gewisse Haarschnitte bediente sich der B. nicht der Schere, sondern eines Messers, μιᾷ μαχαίρᾳ, Arist. Ach. 849: dass mit diesem Ausdruck die Schere bezeichnet sein soll, ist unglaublich und wohl nur eine aus obiger Stelle herausgesponnene Meinung der Grammatiker (Poll. II 32. X 140). Über das Aussehen einer B.-Stube mit aufgestellten Spiegeln (vgl. Alkiphr. III 66, 1), Messern und Scheren s. Lucian. adv. ind. 29.

Eine Thonfigur aus Tanagra stellt einen B. dar, der mit einer Schere seinem Kunden das Haar schneidet, Arch. Zeitg. 1874 Taf. 14. Ein für eine B.-Stube gehaltener Raum in Pompeii ist wahrscheinlicher ein kleines Heiligtum, Overbeck Pompeii⁴ 243. 383.

[4] Selbstrasieren kam vor (Plut. Anton. 1), war aber nach Artemid. I 22 ein Zeichen von Trauer. Auch hielten die Barbiere Gehülfen, welche zu den Kunden ins Haus gingen und sie dort bedienten, circitores (Lex Met. Vipasc. II 40). Zu einer grösseren Sclavenfamilie gehörte mindestens ein B., der den Herrn und die Mitsclaven rasierte und ihnen die Haare schnitt, Lex Met. Vipasc. II 39f. CIL VI 6366ff. 9937ff. Mart. VI 52; tonstrix CIL VI 6368. 9941. Im allgemeinen aber ging man zum B. und hielt sich dort auch wohl länger auf; daher werden die B.-Stuben häufig als Zusammenkunftsorte und Mittelpunkte des Geschwätzes bezeichnet. Theophrast bei Plut. qu. conv. VII 10, 2 nennt sie ἄοινα συμπόσια; vgl. Aristoph. Plut. 338. Lysias XXIII 3. XXIV 30. Plut. de garrul. 7. Hor. sat. I 7, 3. Die Barbiere selbst waren als geschwätzig bekannt, Plut. de garrul. 13. Alkiphr. III 66, 1.

Grabschriften von B. CIL VI 9940. 9942. Reich gewordene Barbiere Iuven. 1, 24. 10, 225. Im Metallum Vipascense (II 37) hatte ein conductor das ausschliessliche Recht, für Geld zu rasieren, und war ihm dafür der Preis vorgeschrieben; doch ist dieser nicht erhalten. Das Edict Diocletians bestimmt das Rasiergeld auf zwei Denare, d. i. reichlich 3½ Pfennig.

Boettiger Sabina II 57. Marquardt Privatl. d. R.² 145, 3. 604. Becker-Göll Charikles III 292; Gallus III 241. Blümner Maximaltarif 111.

[Mau.]