RE:Diogenes 47b

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band S V (1931), Sp. [1931 170]–[1931 172]
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S. 777, 12 zum Art. Diogenes:

47b) Diogenes bei Stob. III 9, 46 und V 39, 20f. In dem Kapitel über die Gerechtigkeit bringt Stobaios unter dem Lemma Διογένους ein Bruchstück; denn daß es ein solches ist, zeigt der Anfang: ἡ τοίνυν δικαιοσύνη. Da dieses Bindewort sowohl eine Folge (demgemäß) als auch einen Übergang (ferner) bezeichnen kann, bleibt es ungewiß, ob die ganze Schrift über die Gerechtigkeit handelte oder diese sich einem weiteren Thema unterordnete. Das letztere ist aber wahrscheinlich; Stobaios hat gewiß der Schrift nur entnommen, was für sein Kapitel geeignet war.

In diesem Bruchstück wird jedenfalls nur von der Gerechtigkeit gehandelt. Es heißt zuerst von ihr: πολλὴν ἔχει ῥᾳστώνην τῇ ψυχῇ. Ῥᾳστώνη ist uns als Ausdruck Epikurs (frg. 426 Us.) und gleichbedeutend mit ἀταραξία überliefert. Immerhin, da er sich auch mit Demokrits ἀθαμβία deckt und diese von ihm und seinen Nachfolgern mit verschiedenen Wörtern bezeichnet wurde, so könnte er auch demokriteisch sein. Daß nun die Gerechtigkeit der Seele große Erleichterung bringt, wird sogleich begründet: τὸ γὰρ μηδένα μήτε φοβούμενον μήτε αἰσχυνόμενον ζῆν ἡδονή τις ἐστιν. Daß der Ungerechte immer in Angst vor Strafe ist, lehren Epikur (z. B. Κ. δ. 34) und Demokrit (frg. 174), daß er sich vor anderen (und vor sich selbst) schämt, nur Demokrit (frg. 84. 244. 264). Der hedonistische Gesichtspunkt ist beiden gemeinsam.

Bis hierher behandelt der Verfasser die Gerechtigkeit im gewöhnlichen sozialen Sinne als Vermeiden gegenseitiger Schädigung (τοῖς ἄλλοις ὠφέλιμος); so definieren sie Epikur (Κ. δ. 31) und Demokrit (245). Im folgenden wird aber auch als Merkmal der Gerechten bezeichnet, sich selbst nicht zu schädigen. Er wird sich weder Schmerz noch Krankheit verursachen, ἀλλὰ τὸ αἰσθητήρια τὰ τῆς φύσεως θεοὺς ὑπολαμβάνων εἶναι δικαίως χρήσεται αὐτοῖς. Wie das weitere zeigt, soll das bedeuten: er wird die Sinneswerkzeuge ehrfürchtig (wie Götter), d. h. maßvoll gebrauchen, so daß nur Lustgefühle aus ihnen entspringen. Die Forderung des Maßhaltens in der Lust hat wieder Epikur mit Demokrit gemein. [171] Und wenn D. neben der Lust ἀπὸ ἀκοῆς καὶ ἀπὸ δράσεως auch die ἀπὸ τῆς τροφῆς καὶ ἀπὸ ἀφροδισίων aufzählt, so sagt auch Demokrit (frg. 235), daß die, welche im Übermaß ihre Lust im Essen, Trinken und geschlechtlichen Genüssen suchen, nur kurze und geringe Lust haben, nachher aber viele und lange Unlust. Dennoch paßt die ganze Ausführung nicht zu Demokrit. Denn nach seiner Ansicht begründet der, welcher nach Frohsinn strebt, seine Lust nicht auf ,sterblichen‘ Dingen, also nicht auf Sinnesgenüssen (s. frg. 189), sondern auf geistigen. Diese fehlen hier. Der Verfasser ist also Anhänger Epikurs, nicht Demokrits. Indessen bringt er — auch abgesehen von obigem αἰσχυνόμενον — einen deutlichen Anklang an letzteren. Genau wie sein Namensvetter aus Oinoanda zitiert er nämlich aus dem Demokritbuche über die Euthymia: οὐδὲν ὑπὲρ τὴν δύναμιν πράττων (die folgenden Worte müssen wohl lauten: φυλάττων δὲ ⟨ταῦ⟩τα [nämlich τὰ αἰσθητήρια] μάλιστα). Auch wenn er die Ungerechten, d. h. die Maßlosen ταραττομένους καὶ νυκτὸς καὶ ἡμέρας nennt, erinnert das an Demokrit (frg. 174): der εὔθυμος εἰς ἔργα ἀεὶ φερόμενος δίκαια . . . καὶ ὕπαρ καὶ ὄναρ χαίρει.

Der Verfasser kann also zwar nicht Diogenes Smyrnaios sein, wie Usener (Epik. 396) vermutet hat (mit Fragezeichen). Dieser war nach Diog. Laert. IX 58 Schüler des Metrodoros von Chios, Lehrer des Anaxarchos von Abdera, also ein Demokriteer, während unser D. nach dem Gesagten Epikureer sein muß. Wenn Usener meint, ,rationibus plus quam Epicureis iustitiam suadet‘, so sahen wir, daß er unter Gerechtigkeit im weiteren Sinne echt epikureisch den maßvollen Sinnengenuß versteht.

Wir haben demnach einen Epikureer vor uns, der sich hier, wie D. von Oinoanda, an Demokrits Euthymieschrift anlehnt. Ob das Bruchstück von Stobaios einem epikureischen Traktate dieses D. über die Euthymie entnommen ist, läßt sich nicht beweisen. Immerhin ist es möglich. Noch wahrscheinlicher, daß er und sein Namensvetter eine Vorlage solcher Art benutzten. Aus einer gleichen hat vielleicht die Quelle geschöpft, die der Fälscher des Hippokratesbriefes benutzte. Denn wir finden in ihm § 43 den merkwürdigen Aussprach: μούνη δ’ αἴσθησις ἀνθρώπου τηλαύγης. Da ist es denn auffallend, daß auch unser D., wenn auch in anderem Zusammenhange, die αἰσθητήρια feiert.

Demselben Epikureer möchte ich auch zwei Fragmente zuweisen, die Stob. IV 39, 20f. ebenfalls unter dem Lemma Διογένους bringt. Sie enthalten nämlich eine fast wörtliche Umschreibung des Demokritfragmentes 189. Hier heißt es: Es ist das beste τὸν βίον διάγειν ὡς πλεῖστα εὐθυμηθέντι καὶ ἐλάχιστα ἀνιηθέντι, bei dem fraglichen D. aber (20): Εὐδαιμονία γὰρ μία ἐστὶ τὸ εὐφραινεσθαι ἀληθίνως καὶ μηδέποτε λυπεῖσθαι, ἐν ὁποίῳ δ’ ἂν τόπῳ ἢ καίρῳ ᾖ τις und dem Sinne nach ebenso in dem folgenden Fragmente: Εὐδαιμονίαν δὲ ταύτην εἶναι φαμεν ἀληθινὴν τὸ τὴν διάνοιαν καὶ τὴν ψυχὴν ἀεἰ ἐν ἡσυχίᾳ καὶ ἱλαρότητι διατρίβειν. Dieser setzt also die Glückseligkeit wie Demokrit positiv in dauernde Lustgefühle und negativ in Freiheit von Unlust. Bezeichnend ist aber, daß er εὐθυμία durch εὐφραίνεσθαι und ἱλαριότης [172] und die Freiheit von Unlust, die bei Demokrit meist ἀθαμβία genannt wird, durch ἡσυχία, also durch epikureische Ausdrücke ersetzt, daß er ferner Demokrits Einschränkungen (ὡς πλεῖστα ἥκιστα), dem epikureischen Optimismus entsprechend, durch ἀεί ersetzt, vor allem aber, daß er den Zusatz Demokrits: dies sei zu erreichen, wenn man seine Lust nicht auf sterbliche Dinge richte, wegläßt oder im ersten Fragment schillernd durch ἀληθίνως εὐφραίνεσθαι ersetzt, was nach Epikur nur Einschränkung auf unschädliche, aber nicht Bevorzugung geistiger Lustgefühle zu bedeuten brauchte. Jedenfalls ist von μὴ θνητά keine Rede. Der Verfasser ist also ein Epikureer. Die Partikeln γάρ und δέ im Anfange beider Fragmente, das auf Vorhergehendes weisende ταῦτα im zweiten zeigen, daß es Auszüge aus einer Schrift sind, deren Inhalt nach obigem die Euthymie war. Alles das trifft, wie wir sehen, auch auf das Fragment eines D. bei Stobaios (III 9, 46) zu. Es ist also höchst wahrscheinlich, daß dieser alle drei Abschnitte aus dem Buche Περὶ εὐθυμίας eines Epikureers entnahm. Wir kennen zwei solche, einen, den Diogenes Laertios öfter anführt, und den von Oinoanda, der, wie gezeigt, Demokrits Περὶ εὐθυμίας berücksichtigt. Ob einer von diesen der Verfasser der Quelle des Stobaios war, muß dahinstehen.