RE:Gregorios 7

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band VII,2 (1912), Sp. 1867–1868
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7) Gregorius, Bischof von Tours, gestorben 594. G. ist kurz vor 540 in Arverna, dem heutigen Clermont-Ferrand, geboren. Er stammte aus senatorischer Familie; seinen ursprünglichen Namen Georgius Florentius vertauschte er nach dem frühen Tode des Vaters Florentius mit dem seines mütterlichen Großvaters Gregorius, eines Bischofs von Langres. Seine Erziehung leitete ein Oheim, der Bischof Gallus von Clermont, später ein Priester Avitus in derselben Stadt, lediglich mit dem Ziel, ihn zu einem guten Geistlichen vorzubilden. Den asketischen Trieb in ihm steigerte eine Wallfahrt zum Grabe des heiligen Martinus in Tours um 563; 573 wählte man ihn in Tours zum Nachfolger des Bischofs Euphronius. Bis zu seinem Tode, 17. November 594, hat er dies Amt verwaltet und durch Opferwilligkeit, Weisheit und diplomatisches Talent die durch Brände furchtbar mitgenommene und in den merowingischen Thronstreitigkeiten heiß umstrittene Stadt wieder in die Höhe gebracht. Unter vier Königen hat G. es fertig gebracht, nicht bloß sich selber gegen die Anfeindungen der Parteigänger zu behaupten, sondern die Interessen der Stadt zu fördern; seine kluge Zurückhaltung von der politischen Agitation und von jeder Verfolgung persönlichen Vorteils verschaffte ihm zuletzt unter der Königin Brunhilde sogar großen Einfluß auf die Staatsgeschäfte.

Als Bischof begann G. zu schriftstellern; mit dem ersten Werk, das er 575 begann, De virtutibus Martini episcopi libri IV, ist er nicht ganz fertig geworden, eine Reihe anderer Mirakelsammlungen unterbrachen jene Arbeit; G.s 20 Heiligenbiographien im Liber de vita patrum bieten aus der hagiographischen Literatur dieser Epoche wohl am meisten kulturgeschichtlich wertvolle Einzelzüge. Eine höchst bedeutsame historiographische Leistung sind die zehn Bücher der Historia Francorum, an der er auch fast 20 Jahre lang, bis kurz vor seinem Tode, gearbeitet hat. In Buch 1 gelangt er schon bis zum Tode des heiligen Martinus (kurz vor 400); von Buch 5–10 bietet er lediglich Zeitgeschichte, Selbsterlebtes und aus eigenen Aufzeichnungen Zusammengestelltes. [1868] G. schreibt ein schauerliches Latein; er war sich seiner grammatischen Unbildung auch wohl bewußt und verspottete sich selber als loquens rusticus; was damals gebildete Gallier noch an Kunstsprache zur Verfügung hatten, zeigte ihm ja sein Bewunderer, der spätere Bischof von Poitiers, Venantius Fortunatus. Aber so entgeht er auch der Phrase und dem zweideutigen Rhetorenstil. Sein kritisches Urteil in seinen Berichten kann nur innerhalb der durch sein Zeitalter gesteckten Grenzen einer Prüfung unterliegen; selbstverständlich ist er maßlos wundersichtig, abergläubisch, voll Furcht vor dem nahen Weltende und mit allen Vorurteilen des guten Kirchenmannes gegen Arianer wie Heiden behaftet. Über das Anekdotische kommt er nicht hinaus: einen inneren Zusammenhang sucht er weder auf zwischen den Personen und ihren Handlungen noch in der Entwicklung der Völker. Aber er hat gute Augen, faßt richtig auf, behält das Interessante, und ist vor allem aufrichtig bemüht, ohne Schönfärberei die Wahrheit zu sagen. Unermüdlich verbessert er sich selber; der libellus de episcopis Turonensibus z. B., mit dem er das letzte Buch der Frankengeschichte schließt, weicht in einer Reihe von Angaben, immer zum Richtigen hin, von den älteren Abteilungen des Werkes ab. Daß die Genauigkeit der Datierung ihm am Herzen liegt, ist schon ein gutes Zeichen; man wundert sich nicht, daß er sich auch um die Theorie der Zeitrechnung (de cursu stellarum ratio) bemüht hat. Er kommt sogar an die Heiligen – wie viel mehr an das Frankenvolk – heran mit einer ganz neuen Art des Interesses, dem Interesse des geborenen Gelehrten. ,Wißbegier und Sammeleifer dezimieren die keineswegs fehlende Anekdotenpsychologie‘. Von seinen Werken besitzen wir eine musterhafte Ausgabe in den Monum. Germ. script. rer. Merov. I 1 u. 2, 1884 und 1885 von W. Arndt und B. Krusch (die bis dahin beste von Th. Ruinart 1699 abgedruckt in Migne L. 71. Vgl. Löbell Gr. von Tours und seine Zeit, Leipz.² 1869. Gabriel Monod Étude critique sur les sources de l’histoire mérovingienne I; Grégoire de Tours, Paris 1872. Max Bonnet Le Latin de Grég. de Tours, Paris 1890. C. A. Bernoulli Die Heiligen der Merowinger, Tübingen 1900, Kapitel 5 (S. 88–121): die Heiligengelehrsamkeit des Gr. von Tours.

Anmerkungen (Wikisource)[Bearbeiten]

Siehe auch den Doppelartikel Gregorios 9.