RE:Herodianoi

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band S II (1913), Sp. 200202
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Herodianoi werden bei Marc. III 6 neben den Pharisäern als Gegner Jesu zur Zeit des Beginns seiner Lehrtätigkeit für Galiläa erwähnt; bei Matth. XXII 16 und Marc. XII 13 werden sie wiederum zusammen mit den Pharisäern als Jesus’ Gegner während seiner letzten Anwesenheit in Jerusalem genannt. Schon bei den Kirchenvätern hat man in der Erklärung der H. nicht übereingestimmt. Zumeist haben diese in ihnen eine religiöse Partei gesehen, welche die Messiasidee mit Herodes I. und seinem Geschlecht in Verbindung gebracht habe (s. z. B. Tertullian De praescr. adv. haeret. 45. Epiphan. adv. haer. 20, 1. Philastr. de haer. 28); aber auch als politische Partei, als die der jüdischen Römerfreunde, sind sie im Kreise der Kirchenväter aufgefaßt worden (Origenes Comm. in Matth., tom. XVII c. 26) und schließlich sogar einfach als die Leute, die Soldaten des Herodes Antipas (Hieronym. Comm in Matth. XXII 15. Auch die Neueren [201] schwanken zwischen diesen Auffassungen, von denen jedoch zwei mit Sicherheit als unberechtigt sich erweisen lassen. In ihnen eine religiöse Partei, eine Sekte, den anderen großen jüdischen Sekten vergleichbar, zu sehen, ist nämlich selbst in der modifizierten Form Ewalds V³ 97f. schon deswegen so gut wie ausgeschlossen, weil eine solche sonst, wo man ihre Erwähnung erwarten müßte, niemals genannt wird, und weil ferner Herodes I. und seine Söhne bei ihrer Stellung zum Judentum am wenigsten geeignet erscheinen, einer sogar noch Messiashoffnungen vertretenden jüdischen Sekte als ,ἥρωες ἐπώνυμοι‘ zu dienen. Daß die H. zusammen mit den Pharisäern genannt werden, ist noch kein Grund, sie als Sekte zu werten, wohl aber legt schon diese Zusammennennung es nahe, sie deswegen als eine Partei und nicht als die Diener oder gar als die Angehörigen des herodeischen Hauses zu fassen. Auch die Stelle Marc. III 6, in der H. für Galiläa erwähnt werden, scheint mir unbedingt gegen diese zweite Auffassung zu sprechen. Wir wissen nämlich, daß Herodes Antipas Jesus nicht näher gekannt, aber ihn gern kennen gelernt hätte, was ihm jedoch erst kurz vor Jesus’ Tode beschieden war (Matth. XIV 1ff. Marc. VI 14ff. Luk. IX 9. XVIII 7ff. auch XIII 13f.). Bei dieser Sachlage erscheint es nun aber ausgeschlossen, daß gerade seine Leute bereits zu Beginn der Tätigkeit Christi infolge der Erkenntnis seiner Gefährlichkeit ein Komplott mit den Pharisäern zu Jesus’ Beseitigung angezettelt hätten. Es wäre ferner ungehörig, der Bezeichnung Ἡρωδιανοί in der Darstellung des Marcus verschiedene Bedeutungen beizulegen; insofern scheidet also die Deutung, H. seien die Diener oder dgl. des herodeischen Hauses, auch für die andere Marcusstelle aus, wo sie an sich nicht direkt unmöglich wäre, da uns für die Zeit, auf die sich diese Stelle bezieht, die Anwesenheit des Herodes Antipas mit Gefolge in Jerusalem belegt ist (freilich wird dies Luk. XIII 11 durch σὺν τοῖς στρατεύμασιν bezeichnet) — und damit fällt auch diese Erklärung für die ihr gleichzusetzende Stelle bei Matthäus. Die H. sind jedenfalls im ganzen Lande, sowohl in Judäa wie in Galiläa, verbreitet gewesen (Keims 65f. Mißtrauen gegen Marc. III 6 [s. auch Encyclop. bibl. III 2043] ist durch nichts begründet. Es sei hervorgehoben, daß uns auch sonst trotz der Zerstückelung des Reiches nach Herodes’ I. Tode innere Gemeinschaft zwischen den einzelnen Teilen entgegentritt, s. z. B. Wellhausen Israel. u. jüd. Gesch.⁶ 344). Schon daraus scheint mir hervorzugehen, daß man in den H. nicht etwa die speziellen Anhänger des Herodes Antipas sehen darf, die nach ihm ihren Namen geführt haben; auf solche würden zudem auch die zu Marc. III 6 hinsichtlich der Deutung der H. als Leute des Herodes ausgesprochenen Bedenken passen, und das Bestehen einer offiziellen Parteigruppe ,Herodes Antipas‘ in dessen eigenem Gebiet wäre auch nicht recht wahrscheinlich. Man muß bei dem Namen der H. vielmehr an Herodes I. anknüpfen und sie mit dem von Josephus als Ἡρώδειοι bes. οἱ τὰ Ἡρώδου φρονοῦντες bezeichneten Juden (bell. Iud. I 319; ant. Iud. XIV 450 ; es handelt sich auch hier zufällig um Judäer und Galiläer) auf eine Stufe stellen. Wenn uns nun [202] nach dem Tode des Königs H. begegnen, so hat man mithin in ihnen eine Partei unter den Juden zu sehen, die — es sei erst einmal möglichst unbestimmt ausgedrückt — für die Prinzipien Herodes’ I. weiter eintrat. Man kann demnach als das Parteiziel an unbedingte Römerfreundschaft — war doch Herodes I. der Römerfreund κατ’ ἐξοχήν gewesen — aber ebenso auch an die Wiederherstellung des alten Reiches des Königs, des alten großen Nationalstaates, denken. Da jedoch H. als Parteigruppe auch in der römischen Provinz Judäa erscheinen, und zwar, wenn wir der Darstellung der Evangelisten Glauben schenken dürfen, als keine im Geheimen bestehende, sondern als eine offen bekannte Vereinigung (s. ihre Verbindung mit den Pharisäern), so erscheint mir die häufiger vertretene Auffassung, die H. seien die antirömisch gesinnten Anhänger der Erneuerung des nationalen Königtums unter einem Herodeer gewesen (so z. B. auch Keim 66), unhaltbar. Daher wird man denn die H. als die Partei der Römerfreunde unter den Juden deuten dürfen (s. hierzu auch d. Art. Herodes Nr. 20 o. S. 166). Es paßt sehr gut zu dieser Feststellung, daß sie zusammen mit den Pharisäern gegen Jesus auftreten, und ihm in der Frage nach der Berechtigung der Besteuerung durch Rom eine Falle zu stellen suchen, um ihn, wie die Antwort auch ausfalle, entweder bei der Menge zu diskreditieren oder ihn, was noch erwünschter sein mußte, als Auflehner gegen die römische Obrigkeit bloßzustellen; selbst wenn alles nicht streng historisch wäre, so würde die Tendenz des Erzählten wenigstens bestehen bleiben. Die H., welche gegen jede gewaltsame Änderung waren, welche das Heil des Volkes in dem unbedingten Zusammengehen mit Rom erblickten; mußten eben alles versuchen, um Jesus, in dem sie einen Demagogen sahen, der infolge der Messiasidee besonders gefährlich werden konnte, und den sie vor allem von der politischen Seite beurteilten, zu beseitigen. Der gemeinsame Feind, nicht aber sonstige Interessengemeinschaft, hat sie mit den Pharisäern zusammengeführt. Die Gruppe der H. ist für die Beurteilung der Verhältnisse in Palästina im 1. Jhdt. n. Chr. von großer Bedeutung; wie lange sie sich als Partei gehalten haben, wissen wir nicht. Die von Renan versuchte Gleichsetzung der H. mit der Partei der Nachkommen des Boethos, der von Herodes I. begünstigten Hohenpriesterfamilie, ist von Keim 67 schon mit Recht zurückgewiesen worden.

Literatur: Ewald Gesch. d. Volk. Israel V³ 97ff. Keim s. Herodianer in Schenkels Bibellexikon III 65ff. Sieffert s. Herodianer in Herzogs Realencycl. f. prot. Theol. u. Kirche VII 769; Encyclopäd. biblica III 2043 s. Herodians; Dictionnaire de la bible III 653f. s. Hérodiens.