RE:Hydaspes 2

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band IX,1 (1914), Sp. 3739
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2) Orosius (I 7 ed. Riese) liest von der ihm vorliegenden, um 100 n. Chr. gezeichneten Erdkarte, einer Neubearbeitung der Karte der Porticus [38] Vipsania, als Grenzen des parthischen Reiches ab Indus und Tigris im Osten und Westen, den Caucasus (= Taurusscheidegebirge) im Norden; in medio autem sui (d. h. der iranischen Südküste) flumina praecipua Ydaspem et Arbim. Auch der Geogr. Rav. hat neben der Agrippakarte und anderen, sehr viel jüngeren Karten die Orosiuskarte benutzt (s. auch die Art. Hunni und Hyrkania). Sei es aus dieser, sei es aus der Agrippakarte schöpft er (68, 6) dasselbe Paar Flüsse: per … Persarum Assyriorumque patriam, d. h. durch Iran, transeunt plurima flumina, inter cetera Ydaspisaris, Gimandros, Ypanis, Pencotrox, Tionas, Marimia. Der erste Name ist natürlich in Ydaspis und Ar[b]is zu zerlegen. Der Gimandros ist der Etymandros-Hilmend; ganz ähnlich läßt die Ptolemaioskarte den Phrados Drangianas, der wie der Hilmend sich in der Hamūndepression verliert, mit dem Arbis vereinigt in den südlichen Ozean münden (vgl. auch den Art. Rapraua). Von der römischen Weltkarte liest Avien (descr. orbis terrae 1351), ganz übereinstimmend mit dem Geogr. Rav., Cymander und Hypanis als Flüsse der südiranischen Küstenzone ab (s. den Art. Hyktanis). Von derselben Karte ist Curtius Rufus abhängig, wenn er, VIII 9, 10, den Etymanthus ausdrücklich ins Meer münden läßt; wenn er aber den Fluß nach Indien versetzt, so erklärt sich dieser geographische Irrtum daraus, daß Arachosien, welches der Hilmend durchströmt, als Provinz des parthischen Königreichs Indien ,Weißindien‘ hieß. Der Hypanis oder Hyspanis ist jedenfalls der Hyctanis (s. d.). Pen-cotrox ist der Cathraps der Ptolemaioskarte in Westkarmanien; auf der Honoriuskarte (p. 26. 29 ed. Riese) Coprates. Tionas und [Ma]rimia schreibt die Peutingersche Tafel Titana fl., Rhamma fl., neben dem letzteren verzeichnet sie den Ort Rumma. Der Geogr. Rav. hat beim Ablesen der Urkarte die Endsilbe -ma zum Flußnamen gezogen und dafür den Ortsnamen zu Rum- verkürzt (67, 8). Beide Wasserläufe sind nach der Peutingerschen Tafel Nebenflüsse des Tigris. Es kann somit gar keinem Zweifel unterliegen, daß der H. ein iranischer Fluß, nicht etwa der indische Strom der Panğāb ist. Er beansprucht ein besonderes literarisches Interesse, weil er einen Vers in Vergils Georgica (IV 211) aufklärt und den gelehrten Dichter von dem Vorwurf eines geographischen Schnitzers befreit. Der Medus Hydaspes ist eben nicht der indische, sondern der iranische Fluß, der recht wohl der medische heißen konnte, da ihn die römische Karte ohne Zweifel vom medischen Grenzgebirge, dem Zagros (in weiterem Sinn = südliche Randkette des asiatischen Scheidegebirges; vgl. den Art. Hyrkania) kommen ließ. Hatte Vergil schon den ersten Entwurf der unter Agrippas Leitung gezeichneten Erdkarte in Händen? War dieser schon damals so weit gefördert, daß er als Manuskript im Freundeskreis des Feldherrn kursierte?

Den Arbis (= Habb, im Westen des Indusdeltas und an der gadrosischen Ostgrenze), der mit dem H. zusammen genannt wird, verschob Marinos mit einem ungeheuren kartographischen Salto mortale weit nach Westen gegen die Mitte der gadrosischen Küste. Aber die Agrippakarte [39] war ihm darin vorausgegangen und Vorbild; sie hatte den Fluß sogar noch weiter westwärts an die karmanische Grenze gerückt (Plin. VI 109. 110; vgl. die Art. Rapraua, Hyktanis u. a.). Wir blicken hier in sehr interessante historische Zusammenhänge der von Agrippa inaugurierten römischen Kartographie hinein. Wenn der H. zwischen dem Hypanis-Hyktanis und dem kartographisch nach der mittelgadrosischen Küste verschobenen Arbis ausläuft, so kann er der Hydriakos sein, und dieser wäre dem Namen des indischen Stromes angeglichen, den jeder Schulknabe kannte, nicht anders als wie der Hyktanis durch den indischen Hypanis verunstaltet wurde. Mir ist aber wahrscheinlicher, daß auch der H. die kartographische Wanderung nach Westen mitgemacht hat. Im Art. Hyktanis ist gezeigt, daß manche antike Geographen die ostgadrosischen Oreitai-Oroi mit dem westgadrosischen Stamme desselben Namens und derselben Herkanft verwechselt und alle jenen ersten zukommenden ethnographischen und geographischen Charakterzüge auf die anderen übertragen haben. Weil er das Orenland im Osten gegen die Arabies begrenzt, ist der Arabisfluß und mit ihm dieses Volk an die karmanische Grenze gerückt worden. Sollte nicht der H. der Hauptfluß des Oreitenlandes sein? Dieser, der dem benachbarten Arabis-Habb mindestens ebenbürtig ist, heißt heute Puraly. Nicht weit von seiner Mündung ließ Alexander anstelle des Eingeborenenortes Rambakia die Kolonie Alexandreia ἐν Ὠρείταις gründen, die auch schon Onesikritos in seinem Bericht über die große Entdeckungsfahrt auf dem Indischen Meer anführte. Dieses Alexandreia meint ganz offenbar die syrische Version des Alexanderromans (vgl. Marquart Ērān II 216f.). Dann ist aber der Fluß Birastes, an dem die Stadt liegen soll, der oreitische Puraly; die lateinische Übersetzung des Alexanderbriefes an Aristoteles bringt die verstümmelte Form Ebimaris. Im Birastes haben wir nun offenbar auch den H. der römischen Weltkarten und Vergils. Die Sanskritform des gleichgenannten indischen Stromes, Vitasta, kommt dem Birastes ganz nahe.