RE:Hunni

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band VIII,2 (1913), Sp. 25832615
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Hunni (Οὖννοι, Χοῦνοι). Da sich Ammianus Marcellinus (XXXI 2, 1) anschickt, den furchtbaren H.-Sturm zu beschreiben, der im J. 375 plötzlich über Osteuropa hereinbrach und zuerst den Alanenstaat zwischen Don, Kaukasus und Ural, dann das zwischen Don und Dnjestr bis zur Ostsee reichende Ostgotenreich Ermanariks völlig zertrümmerte und die Westgoten über die Donau ins römische Reich überzutreten zwang, beantwortet sich der römische Geschichtsschreiber die erste, sich aufdrängende Frage nach Herkunft und Ausgangspunkt dieses Volkes, das ihm und seinen Zeitgenossen schrecklicher als ein Heer von Teufeln erschien, mit den lakonischen, aber bedeutungsvollen Worten: Hunnorum gens, monumentis veteribus leviter nota, ultra paludes Maeoticas glacialem oceanum accolens. Also läßt er die H. nicht weite Entfernungen Asiens durchmessen, sondern denkt sich ihre Ursitze innerhalb der Grenzen Osteuropas und durchaus in der unmittelbaren Nachbarschaft der Völker, die sie von 375 ab niederwarfen und verdrängten, auf dem Raum im Norden, besser Nordwesten des Asowschen Meeres bis zum nördlichen Ozean, will heißen der Ostsee, aber näher an dieser. Diese Anschauung des römischen Geschichtschreibers ist grundfalsch, aber sie beruft sich auf Dokumente, historische oder geographische, der Vergangenheit, die ihr tatsächlich die Berechtigung einer wissenschaftlichen, innerhalb des damals Bekannten zulässigen und beinahe notwendigen Kombination verleihen; wir werden nachher genauer untersuchen, welche Bedeutung jene ‚Denkmäler‘ in Wirklichkeit haben und welche Aufschlüsse sie geben. Im Gegensatz zu Ammianus hat ihnen die gesamte byzantinische Geschichtschreibung überhaupt keine Beachtung geschenkt; für sie breitet sich darum noch völligeres, nie gelichtetes Dunkel über der Vorgeschichte der europäischen H. Der Zeitgenosse Ammians, Eunapios, erklärt kategorisch, niemand wisse wirklich anzugeben, woher diese H. stammten und von wo sie ganz Europa überrannten und das [2584] skythische Volk niederwarfen (frg. 41). Darum blühten die unsinnigen Hypothesen und suchte man sich, in Überbrückung beinahe eines Jahrtausends, diesen oder jenen verschwundenen Skythenstamm aus zur genealogischen Anknüpfung der H. (Zosim. IV 20). Die ganze Fabelei grauer Vergangenheit wurde wieder lebendig. Die von Aristeas dem Prokonnesier zur Erklärung des Kimmeriersturmes erfundene Theorie skythischer Völkerbewegungen gab das historische Vorbild und geographische Schema zum Verständnis der jüngsten Völkerstürme, die allerdings in einem inneren Zusammenhang standen. Darum dachte man sie von Nord nach Süd gerichtet. Die Nebeldünste des nördlichen gefrorenen Meeres und die menschenfressenden Greife sollten die Anwohner der Küste gezwungen haben, ihr Land zu verlassen; diese hätten die Avaren in Bewegung gesetzt, die Avaren die Sabiren, diese die hunnischen Völker (Priskos frg. 30). Am Ende werden die H. selber zu wiederauferstandenen Kimmeriern (Prokop.). Es ist vor allem beachtenswert, daß selbst der gewissenhafte Priskos am Hoflager Attilas keine über die östlichen Grenzmarken des hunnischen Reiches an Don und Maiotis hinausreichende Tradition mehr vorfand. Vielmehr gilt das Alanenland zwischen Kaukasus und Asowschem Meer, das doch nur eine Hauptstation des hunnischen Vormarsches gewesen war, aber im 5. Jhdt. allerdings neue Horden in das cistanaitische Territorium aussandte, den meisten byzantinischen Geschichtschreibern als das eigentliche Ursprungsgebiet der H. (Priskos bei Jordan. 24. Prokop. got. Krieg IV 5. Agathias V 11). Besonders die Sümpfe des Kubandeltas schienen anthropogeographisch der rechte Raum, dieses minutum, tetrum atque exile genus hominum hervorzubringen (Iordan. a. a. O. Prokop. Nikephoros Patriarch. p. 33, 13ff. der Bonner Ausg.). Hier sollten, glaubt Iordanes, gotische Hexen oder Alraunen mit den bösen Geistern selber die H. gezeugt haben. Lange blieb diesen verborgen, was hinter ihren Sümpfen lag, bis ihre dämonischen Väter selber eine Hirschkuh sandten, um ihnen einen Weg zum Bosporus und hinüber ins Gotenland zu zeigen; durch die Wanderung teilten sie sich in zwei Hauptstämme Uturguren und Kuturguren diesseits und jenseits des Don (Prokop; Iordanes; H. in bifariam populorum rabiem pullularunt). Diese Mären verraten die völlige historische Dunkelheit, aus der sie geboren sind. Prokops historisches Wissen reicht rückwärts nicht einmal bis Attila. Die Teilung in zwei Hauptvölker gilt notorisch nur für das engere Gebiet an der Maiotis und erst seit dem J. 465 (s. u.).

Wo die abendländische Berichterstattung durchaus versagt, tritt die historische Literatur der Chinesen in die Bresche. Schon 1756 hatte Deguignes den Zusammenhang der europäischen H. mit den Hiung-nu Zentralasiens ausgesprochen und für so zweifellos gehalten, daß ihm nicht der Mühe wert schien, den faktischen Beweis zu suchen. Den hat dann fast 150 Jahre später erst Fr. Hirth durchschlagend geliefert (s. Zitat am Schluß), nach einem fundamental wichtigen Text des Wei-šu (Geschichte der [2585] nördlichen Wei oder tungusischen Dynastie Toba, die von 386–535 regierte). Dieser Text war längst bekannt, aber merkwürdigerweise für das hunnische Problem, das er doch löst, stets unbeachtet geblieben. Darin steht, daß am Anfang der Regierung des Kaisers Kau-tsung (452–466) der König von Suk-tak, das das alte An-tʿsai sei, eine Gesandtschaft nach China schickte, um gefangene Kaufleute seines Landes auszulösen. An-tʿsai wird in früheren Berichten mit A-lan-na gleichgesetzt; es transkribiert den Namen der Aorsen, die ja vor den Alanen das Steppenland vom südlichen Ural bis zum Kaukasus beherrscht hatten und seit etwa 50 n. Chr. von den Alanen in denselben Grenzen abgelöst wurden. Der König von Suk-tak beherrscht also das alte Aorsen- und Alanenland. Von ihm heißt es nun weiter in dem Text: ‚seit der Zeit, da die Hiung-nu, indem sie seinen König töteten, in den Besitz dieses Landes kamen, bis zum König Hut-ngai-ssi sind drei Generationen verflossen‘. Hier ist so klar als möglich ausgesprochen, daß etwa 100 Jahre vor Hut-ngai-ssi (der rund 460 und jedenfalls vor dem Sabirensturm regierte) die zentralasiatischen Hiung-nu das Alanenland erobert haben. Diese Eroberung Alaniens, das dann den Byzantinern geradezu als Urheimat der H. gilt, fällt also gleichzeitig mit dem H.-Sturm von 375. Die H. sind wirklich die Hiung-nu.

Schon die älteste Überlieferung der Chinesen berichtet für das dritte Jahrtausend, daß die damals in den Provinzen Šen-si und Šan-si einwandernden Chinesen im Norden und Westen, d. h. im südlichen Randgebiet der Wüste Gobi und in Kan-su, die H. zu Nachbarn hatten. Mindestens seit 400 v. Chr. und bis zum 6. Jhdt. nennen sie diese kriegerischen Nomadenstämme dauernd und einheitlich Hiung-nu, was verächtlich ‚Sklaven von Hiung‘ bedeutet; vorher waren eine ganze Anzahl Bezeichnungen im Gebrauch, die alle chinesische Schimpfnamen sind und nach der noch heute fortdauernden Gewohnheit der Chinesen, alles Ausländische verächtlich zu finden, gewählt wurden, weil sie an das fremde Ethnikon anklangen. Sie führen alle auf einen alten Volksnamen, der Hiun oder Hun gelautet haben muß, sonach lautlich genau dem griechischen Χοῦνοι oder Οὗννοι entspricht (vgl. O. Franke, in der am Schluß zitierten Abhandlung 4f.). So kennen auch die indischen Epen die Hūna, und das Avesta nennt unter den nomadischen Feinden der Arier, den Tūira, die reisigen Hunu (plur. Hunavō) in Vaeska, die nicht einmal erst spät in den avestischen Kanon eingedrungen zu sein brauchen wie ihre Verwandten, die Chioniten (Hjaona, s. u.). Dieselbe Wurzel liegt auch noch dem Namen eines der 15 Uigurenstämme, Χουννί, zugrunde (s. u.). Die Hiung-nu sind in Zentralasien die Stammväter der Türken (s. u.); die Bezeichnung Türk, chinesisch Tu-küe, tritt zuerst im 6. Jhdt. hervor, vorher sagen die Chinesen auch Ta-ta, wovon unser Ta[r]tar sich herleitet. Man hat in der Völkerkunde des Altertums alles Recht und Pflicht, die türkische Rasse als die hunnische aufzuführen. Aber wir haben die ursprünglichen Sitze dieser Rasse sehr viel südlicher zu suchen als die Weidegründe der nördlichen und [2586] westlichen Tu-küe am Altaï und Changaigebirge. Darüber lassen sich die chinesischen Nachrichten unzweideutig aus (vgl. O. Franke a. a. O. 11f.). Noch bis in die Zeit der älteren Handynastie ist der Norden der chinesischen Provinz Kan-su mit Liang-čou (Ku-tsang) als Mittelpunkt das Kernland der Hiung-nu. Von hier erstrecken sie sich über das südliche Randgebiet der Wüste Gobi und berühren und durchdringen sich mit ihren nächsten Nachbarn, den Mongolen und Tungusen. Hier sind sie viele Jahrhunderte die bekannten und gefürchteten Feinde der Chinesen, die zum Schutz vor den hunnischen Einfällen von 214 ab den Bau der großen Mauer beginnen (vgl. Pauthier in der Einleitung zu Marco Polo XLf.). Das 2. vorchristliche Jhdt. sieht die Hiung-nu auf dem Höhepunkt ihrer Macht, unter den einer dem anderen folgenden Fürsten Moduk (so liest Franke den Namen, Mau-tun bei Hirth a. a. O. 271 Anm.), Kiyuk und Kün-chen, von denen der letztgenannte 126 v. Chr. starb, zwei Jahre nachdem Chang-kʿien von seiner großen Mission in die Westländer heimgekehrt war und über diese seinen eine neue Welt erschließenden Bericht abstattete. 176 schickte Moduk ein Schreiben an den Kaiser von China, worin er seine zahllosen Siege über die Nachbarstaaten und die außerordentliche Ausbreitung des Hiung-nureiches anzeigte. Als seine Haupttat rühmte er, die Herrschaft der mächtigen Yüe-či im nördlichen Kan-su von Grund aus zerstört zu haben. Dieses Volk, das vorher wahrscheinlich eine gewisse Suprematie über die Hiung-nu besessen hatte, entwich unter dem Druck der H. nach Westen und eroberte schließlich Sugdiana und Baktrien, wo es dem hellenistischen Staate ein Ende bereitete (vgl. die Art. Issedones und Tocharoi). Nach Chang-kʿien's großer Reise entwickelt sich ein regelmäßiger direkter Karawanenverkehr Chinas mit dem Westen durch das Tarymbecken; er setzt voraus, daß vor allem die Hiung-nu, die bisher alle Zugangstraßen nach Ostturkestan beherrscht und geschlossen hatten, völlig niedergeworfen waren. Der Hankaiser Wu-ti (140–87 v. Chr.) hat diese schwere Aufgabe in zahlreichen militärischen Expeditionen energisch durchgeführt, so daß am Ende die sämtlichen Oasenlandschaften des Tarymbeckens zu einer Provinz der ‚Westländer‘ vereinigt werden konnten. In den fünfziger Jahren waren die hunnischen Vasallen durch schwere innere Parteiungen aufgewühlt, deren Stimmführer die Brüder und Fürsten Hu-han-ye und Čï-čï waren; der kräftigste Teil des Volkes ertrug das chinesische Joch nicht mehr. Unter Čï-čï brach er 58 v. Chr. auf und wandte sich zunächst nach dem nördlichen Ostturkestan, wo ihm zuerst der Staat der Wu-sun am mittleren Tien-šan (im Norden von Ak-su) erlag (vgl. Hirth a. a. O. 266ff.). Und nun begann ein Eroberungszug über das Gebirge bis in die Steppen des Balkašsees, der sich nicht bloß den späteren H.-Stürmen Osteuropas vergleicht, sondern, wie wir weiter unten des näheren darlegen werden, das Vorspiel wurde zu einem wirklichen, ersten Vorstoß der Hiung-nu bis ins Herz Skythiens und über den Don hinaus. Es [2587] leuchtet ein, daß die Chinesen einen so gefährlichen, unversöhnlichen Gegner an den Grenzen ihrer Westprovinz nicht dulden konnten; ihn unschädlich zu machen benutzten sie zu ihren Gunsten den Bruderhaß des treugebliebenen Hu-han-ye. Čï-čï glaubte nicht standhalten zu können und entwich weiter nach Westen; sein Schwiegervater, der Fürst von Kʿang-kü (Sugdiana), räumte ihm ein ‚unbewohntes Gebiet im Westen‘ ein, das doch nur gegen den Aralsee gesucht werden darf. Die außerordentliche Kälte des Wüstenmarsches überwanden nur 3000 Mann, die Schwachen waren am Balkašsee zurückgeblieben. Wie Hirth mit Recht hervorhebt, müssen jene ausgesuchte Menschen, die stärksten und leistungsfähigsten Elemente des Volkes gewesen sein, mit denen es nicht schwer fallen konnte, ein neues Reich zu gründen. Wirklich berichten die chinesischen Annalen, daß dem šan-yü (wie die hunnischen Fürsten heißen; ‚chagan‘ haben erst die Tu-küe von den echten Avaren übernommen) Ho-su und Ta-yüan, d. h. An-tʿsai oder das Aorsenland und Färghanā tributpflichtig wurden. Dieses neue Hiung-nu-Reich erstreckte sich also längs des Iaxartes nach Westen über den Aralsee hinaus. Seine Dauer erreichte freilich nicht einmal zwei Jahrzehnte. Die Chinesen setzten alles daran, den ihrer Botmäßigkeit entronnenen H.-Fürsten zu vernichten; 36 v. Chr. erlag Čï-čï den von ihnen aufgebotenen Streitkräften.

Als die Hiung-nu sie angriffen, beherrschten die Aorsen die Steppen zwischen dem Aralsee, dem Nordrand des Kaspi und der südlichen Abdachung des Uralgebirges. Es wird nun kein Zufall sein, daß sich erkennbar gerade um die Mitte des letzten vorchristlichen Jhdts. (während Pharnakes, 63–47, über Bosporos herrschte – Strab. C. 506) der Schwerpunkt des Aorsenstaates über die untere Wolga gegen den Kaukasus verschiebt und Völkerbewegungen verursacht, die sogar durch das Tor von Derbent bis ins südkaspische Randgebiet ihre Wogen werfen (Wanderungen der Gelen und Uitioi; g. den Art. Hyrkania). Wir suchen die treibende Kraft dieser Ereignisse in jenem ersten großen westlichen Vorstoß der H., der sie an den Iaxartes führte. Den von ihnen in Bewegung gesetzten Aorsen erlag zwischen dem unteren Don und Kaukasus das Reich der Sarmaten. Nicht bloß der herrschende Hauptstamm zog sich hinter den Tanais nach Westen zurück, es folgten zahlreiche andere sarmatische Stämme wie die Roxolanen, die Iazygen und Kostoboken und unterworfene oder vielleicht auch unabhängige Völker wie die Budinen, Gelonen, Neuren, Karionen, Issi, Saloi, diese offenbar gleich Thali über dem Kaukasus nach Plinius oder Zaloi nach Menander Protektor frg. 5 (vgl. die einzelnen Art. und zusammenfassend und grundlegend namentlich unter Geloni).

Wie in dem Art. Geloni gezeigt ist, gehen alle unsere geographischen Quellen, welche diese Völkerverschiebungen zum Ausdruck bringen – es sind hauptsächlich die Ptolemaioskarte, Dionys der Periegete, Plinius und Ammianus Marcellinus – auf Vorlagen aus dem letzten vorchristlichen Jahrhundert zurück (mehrere [2588] Vorlagen, weil die genannten Autoren mehrere, aufeinander folgende Stadien der cistanaitischen Alanenwanderung zum Ausdruck bringen). Ich habe früher das Geschichtswerk des Poseidonios dafür in Anspruch genommen; aber jene Ereignisse fallen vielmehr erst um 50 v. Chr., anstatt in die erste Hälfte des Jahrhunderts. Es läßt sich positiv beweisen, daß die Karte der Porticus Vipsania als eine jener Vorlagen die neuen Zustände zur Darstellung gebracht hat. Denn die bis auf ungewöhnliche und sonst nicht auftretende, nach Homer erfundene Namen (nämlich die Agauoi, beim Geographus Ravennas Agaeon verschrieben, ferner die Hippemolgen und Hippopodes) sich erstreckende Übereinstimmung zwischen Dionys dem Periegeten und dem ravennatischen Geographen gerade in der Aufzählung der Völker Klein- und Neurußlands (Dionys. Per. 305–310. Geogr. Rav. 169. 170) erklärt sich nur durch die Annahme, daß jener die Agrippakarte vor Augen hat und abliest, die neben anderen, jüngeren Karten die wichtigste Grundlage des ravennatischen Orbis pictus bildet. Diese Parallelen zwischen dem geographischen Gedicht und der ravennatischen Karte treten besonders auch am Persischen Golf auf (Geogr. Rav. 51f.) und im nördlichen Ostasien (60f.); weil die Agrippakarte, dem Zustand ihrer Zeit entsprechend, den Namen des Königreichs Persis über den Golf hinweg auch auf das arabische Oman ausdehnte, zählt der Ravennate irrtümlich den größten Teil der arabischen Stämme und Länder, die Agreis, Sabäer, Kletabenen und Hatramis, in der Patria Persorum auf. Natürlich hat er diese Ethnika, die in genau derselben, besonderen Form auch bei Dionys auftreten, nicht aus dem geographischen Gedicht aufgelesen; es kann gar keine Rede davon sein, wie man zumeist glaubt, daß der Ravennate dieses eingesehen oder wenigstens indirekt benutzt hätte. Die für die Geschichte der römischen Erdkunde sehr bedeutsamen Übereinstimmungen weisen, wie gesagt, auf die Erdkarte der Porticus Vipsania zurück (s. auch u.).

Für die Geschichte der hunnischen Invasionen in Osteuropa ist nun besonders wichtig, daß die Karte unter den neuerdings über den Don nach Westen gewanderten, namentlich sarmatischen Völkern auch die Alanen verzeichnet hatte. Der Name stand, wie Dionys zeigt, neben Dacia geschrieben, also schon ganz im äußersten Westen des europäischen Sarmatien. Das ist bereits ein zweites Stadium ihrer cistanaitischen Wanderung. Zunächst hatten sie nach Überschreitung des Stromes neben den sarmatischen Roxolanen und Iazygen auf der Westseite der Maiotis ihre Zelte aufgeschlagen. Hier verzeichnet sie noch die Ptolemaioskarte; hier kennt sie ausdrücklich auch Ammianus Marcellinus (XXII 8, 31), beide nach derselben Vorlage, der wir in diesem Zusammenhang nicht weiter nachforschen können. Aber Ammianus hat seine Beschreibung Skythiens und Sarmatiens nach mehreren Quellenschriften zusammengearbeitet; darum bringt er die cistanaitischen Alanen nicht weniger als dreimal und in drei verschiedenen Gegenden. § 42 erscheinen Europaei Halani über der Donaumündung gegen das pontische Gestadeland zusammen [2589] mit den sarmatischen Costobocae. Die Sitze der letzteren fallen aber seit der westlichen Wanderung an die dakische Nordgrenze, nach unzweifelhaften Indizien (s. den Art. Kostobokoi). Also spielt Ammianus an auf die neuerliche Verschiebung der Alanen von der Westseite der Maiotis gegen Pruth und Karpathengürtel, in Übereinstimmung vor allem mit Plinius IV 80. Endlich hat er § 38 Massagetae Halani (die Namen gehören zusammen und dürfen nicht durch Interpunktion getrennt werden!) et Sargetae als Nachbarn der Aremfaei, die unter den westlichen Ausläufern des Ripäengebirges und an den Quellen der Flüsse Chronios und Weichsel wohnen sollen, wie bei Plin. VI 34. Damit ist der Wohnraum der Alanen im hohen Norden gedacht, gegen den sarmatischen Ozean; dazu vergleicht sich die Ansetzung, die ihnen Marcian (Periplus d. äuß. Meeres II 39) an den Quellen des Borysthenes gibt. Arimphäer (Argippäer) und Ripäengebirge lassen keinen Zweifel, daß Ammianus als zweite oder dritte seiner Quellenschriften die Agrippakarte vor sich hat, wie Dionys und auch Plinius. Die Karte war überhaupt unter den hauptsächlichen Hilfsmitteln, die der römische Historiker zur Bequemlichkeit seiner zahlreichen geographischen Exkurse bereit hatte. Kombinieren wir Dionys und Ammian, so ergibt sich, daß die Alanen zwischen Dacia und dem sarmatischen Ozean aufgeschrieben waren.[1]

Ob sie aber die Alanen hier oder gegen die Maiotis ansetzt, jedenfalls ist sich die angeführte geographische und kartographische Literatur, unmittelbar überlieferte oder mittelbar zu erschließende, einig, jenes Volk im Westen des Tanais zu suchen und nur im Westen; besonders Ammian läßt klar erkennen, daß diese Literatur von Alanen zwischen Maiotis und Kaspi noch durchaus nichts wußte. Man hat bisher – merkwürdig genug – diesen Komplex klarer Überlieferung völlig vernachlässigt; oder man hat (Müllenhoff, Tomaschek) behauptet, auf der Ptolemaioskarte seien versehentlich oder aus Mißverständnis manche Völker vom Kaspischen [2590] Meer hinter die Maiotis verschoben worden. In Wahrheit besteht die historische Tatsache, daß die Alanen bei ihrem ersten Auftreten in Europa nicht im Osten, sondern im Westen des Don nomadisieren. Wir haben darin einen weitgespannten ersten Vorstoß des Volkes direkt aus der asiatischen Heimat zu erkennen. Er fällt nach der Mitte des letzten vorchristlichen Jahrhunderts, genau in dieselbe Zeit, da eben das eigentliche spätere Alanenland über dem Kaukasus durch die aus den Steppen zwischen Ural und Aralsee vorrückenden Aorsen besetzt wird, um darauf zugleich mit den älteren Sitzen für ein Jahrhundert in ausschließlicher Herrschaft behauptet zu werden. Erst während der Regierung Neros erliegen die ‚oberen‘ und ‚unteren‘, d. h. die im Norden des Kaukasus und im Süden der Uralabdachung siedelnden Aorsen den asiatischen Alanen. Das ist die bekannte Alanenwanderung. Aber von ihr haben wir eine ziemlich 100 Jahre ältere und wohl beglaubigte zu unterscheiden, die mit Umgehung der Aorsen und des späteren Alanenlandes unmittelbar über Wolga und Don ins Herz Rußlands vorgestoßen ist. Wir kennen das Ausgangsgebiet beider. Marinos hat alte vortreffliche Beschreibungen der innerasiatischen Karawanenrouten verwertet, die spätestens um die Wende des 2. zum 1. Jhdt. v. Chr. fixiert wurden. Sie erwähnten die Alanen im Westen des Balkašsees in der Hungersteppe und bezeichneten die Steppenberge nördlich von dieser Alanenberge. Der Alanenname gilt hier schwerlich einem einzelnen Stamm, er deckt vielmehr eine Vereinigung von Völkern. Zu ihnen gehörten die Reste der im 2. Jhdt. v. Chr. aus dem Tarymbecken verjagten Issedonen und der Massageten und nahmen an dem ersten Vorstoß des Hauptvolkes in die Tanaisregion teil (s. Issedones und Massagetai).

In dieser ihrer ursprünglichen Heimat wurden die Alanen 53 v. Chr. unmittelbare Nachbarn der aus dem Tien-šan vorstürmenden Hiung-nu des šan-yü Čï-čï. Wenn wir eben aus der geographischen Literatur des Abendlandes erweisen konnten, daß wesentlich um denselben Zeitpunkt eine Abteilung der Alanen sich in Bewegung gesetzt hat und nach Rußland vorgedrungen ist, so werden wir nunmehr nicht zögern, die unmittelbare und hauptsächliche Ursache dieser ersten Alanenwanderung, ebenso wie der nahezu gleichzeitigen Verschiebung der Aorsen in dem ersten, westwärts gerichteten Hiung-nu-Sturm zu erblicken. Der innere Zusammenhang liegt entschieden zu Tage. Aber die chinesischen Annalen nennen unter den verschiedenen Völkern, welche Čï-čï in der Umgebung des Balkašsees unterwirft, nicht die Alanen, die sie nachher sehr wohl als Nachfolger der An-tʿsai = Aorsoi kennen. Entscheidend ist dieses Stillschweigen nicht. Da sich in dem bunt zusammengesetzten Alanenvolke höchst wahrscheinlich auch versprengte Reste der Saken (chines. Ssë, gesprochen Sök) vorfanden (die Hauptmasse derselben war aus den älteren Sitzen im Tien-šan östlich vom Issyk kul vor den von den Hiung-nu gejagten Yüë-či über den hängenden Paß nach Ki-pin = Kabulistan und Kašmir entwichen), könnte man recht wohl annehmen, [2591] daß die bloße Kunde vom Anrücken der gefürchteten H., 53 v. Chr., einen Teil der Alanen aufgescheucht hätte. Mir ist ein etwas späterer Termin unter veränderten Verhältnissen wahrscheinlicher. Nehmen wir die chinesischen Berichte als genau und vollständig, so blieben die Alanen zunächst unbehelligt von dem hunnischen Sturm, der bald nach Südwesten in die Iaxartesregion abgelenkt wurde. Aber 36 v. Chr. wird Čï-čï furchtbar geschlagen und fällt im Kampf. Was aus seinen, dem Blutbad entronnenen hunnischen Haufen wurde, meldet keine chinesische Überlieferung. Hier hellt nun, scheint es, ein fast verlorener Lichtstrahl aus der geographischen Literatur der Griechen und Römer das Dunkel auf, um zugleich wiederum auf diese einen aufklärenden Reflex zurückzuwerfen.

Die Ptolemaioskarte (III 5) verzeichnet im Süden den Alanen benachbart und umgeben von sarmatischen Stämmen, den Hamaxobioi, Roxolanen, Iazygen die Χοῦνοι. Marcian (II 39) findet auf der römischen Weltkarte dieselben Chunen (οἱ καλούμενοι Χ. οἱ ἐν τῇ Εὐρώπῃ – das ist mit Rücksicht auf die transtanaitischen geschrieben, also wenigstens nach 375, eher nach 465, dem Datum des dritten großen H.-Sturmes!) weiter nach Nordwesten gerückt, am oberen Borysthenes, aber immer noch in der Nachbarschaft der Alanen, deren Wohnraum die Quellen dieses Stromes enthalten soll, Endlich Ammianus (s. o.) stellt aus den ‚alten Schriftdenkmälern‘ fest, daß die Hunnorum gens (an anderer Stelle von ihm auch Chuni geschrieben) jenseits der Maiotis gegen den nördlichen Ozean wohnt. Als er sich über die Geographie Skythiens und Sarmatiens in denselben alten Denkmälern informierte, hatte er ähnliche geographische Lage schon für die Alanen gefunden, unter den Argippäern an den westlichen Ausläufern der Ripäen, also in hoher nördlicher Breite, zwischen dem Asowschen Meer und dem sarmatischen Ozean, aber näher an diesem. Auch die Ptolemaioskarte setzt ganz auffällig im Gestadeland desselben Ozeans und nördlich über dem Ripäengebirge eine in Wahrheit in sehr viel südlichere Breite und etwa ins zentrale Rußland gehörige Völkerreihe an, nämlich Gelonen, Hippopodes, Melanchlainen, Agathyrsen, Aorsen und Pagyriten. Vergleiche ferner Geogr. Rav. 175, wo die patria Roxolanorum am nördlichen Ozean liegen soll. Die inneren Beziehungen dieser Reihe zur sarmatischen Periegese des Dionys sind früher dargelegt worden. Im geographischen Gedicht hat für das cistanaitische Gebiet sicher die Agrippakarte als Vorlage gedient. Aus der Agrippakarte haben auch die anderen Geographen, hat vor allem Ammian sein Wissen von den europäischen H. geschöpft, Sie repräsentiert die alten Denkmäler, auf die er sich beruft. Sie ist in wichtigen Zügen der Darstellung des europäischen Sarmatien von Marinos kopiert worden, namentlich in der übertriebenen Streckung der Maiotis von Süd nach Nord, in der außerordentlichen, isthmosartigen Verengung des russischen Rumpfes zwischen dieser und dem sarmatischen Ozean, d. h. der Ostsee. Die Schuld an diesen kartographischen Verzerrungen trägt aber Poseidonios, er schätzte den sarmatischen [2592] Isthmos auf nur 1500 Stadien; genau soviel mißt man auf dem Ptolemäischen Pinax. Durch diese enorme Einschnürung Sarmatiens geschah es, daß auf der römischen Karte der Porticus Vipsania die sarmatischen Völker, unter ihnen die Alanen und Chunen, zugleich nahe an der Maiotis und dem nördlichen Ozean wohnen. Der bedeutungsvolle Ausspruch Ammians über die H. erklärt sich aus der besprochenen kartographischen Eigentümlichkeit, er bringt sie auf das genaueste zum Ausdruck. Nach der römischen Karte (und anderen geographischen Quellen, die mit ihr übereinstimmen) bildet er seine Theorie über die Urheimat der H., die er im Westen des Tanais und im Küstenland des nördlichen Ozeans sucht.[2] Ähnlich hat er sich offenbar auch die Alanen aus dem cistanaitischen Rußland abgeleitet. Er denkt sich auch ihr Ursprungsgebiet nicht im Osten, sondern im Westen des späteren Alanenlandes am Kaukasus; die alanische Wanderung erschien ihm völlig parallel der hunnischen, nur älter.

Aber auch wir müssen mutatis mutandis urteilen, daß die Chunoi der dem letzten Jahrhundert vor und den ersten nach Chr. angehörenden geographischen ‚Denkmäler‘ nicht von den Alanen und Sarmaten, zwischen denen sie auftreten, getrennt werden können. Ihr Vorstoß über den Don fällt kausal und zeitlich mit der nach 50 v. Chr. einsetzenden westlichen Wanderung dieser Völker zusammen. Die cistanaitischen H. können folglich nur von den im J. 53 v. Chr. aus Centralasien hervorbrechenden Hiung-nu des šan-yü Čï-čï abgeleitet werden. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, daß diese nach der entscheidenden Niederlage am Iaxartes und dem Schlachtentod ihres Fürsten vor dem chinesischen Heer erst gegen Norden in das älteste Alanenland zurückgewichen und, einen Teil der Alanen mit sich fortreissend, unaufhaltsam gegen Westen weitergestürmt sind. Hier finden sie die außerordentliche Bewegung der sarmatischen Völker, welche die Aorsen, ihrerseits schon früher von denselben Hiung-nu aufgescheucht, hervorgerufen hatten, wohl noch im Gange, und der Völkersturm zieht sie mit sich über den Don ins Herz Rußlands hinein. Wie aber auch die Einzelvorgänge ihrem inneren Zusammenhang nach sich abgespielt haben mögen, wir haben jedenfalls als historische Tatsache eine erste, schon weit nach Westen ausgreifende Invasion der Hiung-nu-H. in Europa für die letzten Jahrzehnte vor Beginn unserer [2593] Zeitrechnung anzuerkennen. Nur muß man sich hüten, die eben analysierte, zweifellos wohlbegründete geographische Überlieferung durch Verquickung mit Pseudozeugnissen zu verwirren und zu diskreditieren.

Die Οὖννοι, die wir im geographischen Gedicht des Dionysios v. 730 lesen, haben unnötiger- und schädlicherweise viel literarischen Staub aufgewirbelt. Die Übersetzung Aviens ist an dieser Stelle nicht vollständig, aber Thynus in der Paraphrase Priscians (v. 705; Θυνοι aus Ουνοι) zeigt, daß schon im 5. Jhdt. die byzantinischen Hss. Οὖνοι oder Οὖννοι lasen. Trotzdem ist nach dem Zusammenhang und dem Gesamtcharakter dieses Teiles des geographischen Gedichts gar kein Zweifel möglich, daß Dionysios selber nicht so geschrieben hat. Er bringt gerade für die west- und südkaspische Randzone so genau als möglich die altertümliche, längst nicht mehr gültige Eratosthenische Völkerliste, die von den Skythen beginnend Uitioi, Kaspioi, Albanoi, Kadusioi, Mardoi, Hyrkanioi und im Osten Hyrkaniens Tapyroi aufzählte. Gerade dieser letzte Zug ist ganz besonders für die Eratostheneskarte charakteristisch und nur für diese (s. {{SperrSchrift|Hyrkania); hier entlehnt der geographische Dichter unmittelbar aus ihr. Seit 50 v. Chr. waren die Uitioi nach Gēlān gewandert und schon vorher die Kaspier in dem albanischen Staate aufgegangen, die Marder von der Küste gewaltsam aufgehoben und in alle Winde zerstreut; lange vor Dionysios hatten die Gelen das kadusische Land erobert, um es seitdem dauernd zu behaupten (s. über alles unter Hyrkania). Zwischen dem Kaspischen Golf und der Maiotis hat Dionys noch die Maioten und das Reich der Sarmaten, obwohl dieses seit der Mitte des letzten vorchristlichen Jhdts. aufgelöst und die sarmatischen Völker über den Don nach Westen gewandert waren (wo denn auch das geographische Gedicht, an anderer Stelle und durch die Agrippakarte belehrt, Samatai ansetzt). Damit steht im Einklang, daß im Norden des Kaukasus neben den kaspischen Völkern weder die Aorsen genannt werden, welche die Sarmaten verdrängten, noch die Alanen, deren Einwanderung und Eroberung des Aorsenlandes der Lebenszeit des Periegeten am nächsten liegt. Von allen diesen höchst bedeutsamen Veränderungen weist das Gedicht keine Spur auf; es hat hier völlig altertümlichen Charakter, weil es hier nur literarische Quellen weit zurückliegender Jahrhunderte verwertet. Man müßte an ein Wunder glauben, wenn in diesem durchaus einheitlichen und in allem veralteten Bilde gerade nur ein einziger Name ausgemerzt und durch einen modernen ersetzt worden wäre; Dionys hat mit aller Gewißheit nicht Unoi, sondern Utioi geschrieben. Genaue Kenner des Gedichts wissen, daß der Verfasser seiner Beschreibung der Oekumene überhaupt nirgends einen wirklich modernen, zeitgemäßen Zug hinzugefügt hat, am wenigsten in den nördlichen Räumen, die dem Alexandriner im grauen Nebel unendlicher Ferne verschwanden. Nichts war diesem ‚Geographen‘ fremder als Bemühungen um die Feststellung, wie weit die alten Werke noch zutrafen oder nicht. Der ravennatische Geograph (60, 18: Ytio Scythae) belehrt uns, [2594] daß auch noch die Agrippakarte, die das jüngste Quellenwerk des Periegeten war, hoch im Norden am kaspischen Westgestade die Uitier beibehalten hatte; sie verzeichnete im Norden Albaniens auch noch nicht die Udai oder Udinoi (Plin. VI 39 nennt sie zuerst, plaziert aber auch noch die längst verzogenen Uitier an ihrer Seite), welche in der unmittelbaren Nachbarschaft der alten Sitze der Uitier gewohnt haben müssen, aber durchaus nichts mit diesen zu tun haben. Es ist grundfalsch, die Unoi in Udoi korrigieren zu wollen. Wenn überhaupt, so hätte Dionys die H., die er aber Chunoi schreiben würde wie Ptolemaios, nur neben den cistanaitischen Alanen aufführen können, wo sie ihm die Agrippakarte darbot. Es muß als sicher gelten, daß die Unoi ihre Existenz in den Codices nur einer sehr fahrlässigen byzantinischen Korrektur verdanken, durch die der damals (seit dem 4. Jhdt.) in aller Munde gehende H.-Name für die völlig unbekannten Uitioi eingeschmuggelt wurde. Diese hunnische Invasion der handschriftlichen Überlieferung tritt nicht bloß hier zu Tage; wir beobachten sie auch in den Hss. anderer geographischer Werke, wo das Auftreten des Namens, wenn ihm Authentizität zugesprochen werden müßte, grundlegende Wichtigkeit haben würde, weil damit der Zusammenhang zwischen den europäischen H. und den Hiung-nu, die Herkunft jener aus dem innersten Zentralasien nicht bloß durch die chinesischen Annalen, sondern auch durch abendländische Tradition selber beglaubigt wäre. Tomaschek hatte sich schon vor langem in diesem Sinn entschieden, auch Müllenhoff nahm (D. A. III 229) Identität von Thuni, wie er noch las, mit Chuni an, und neuerdings gewinnt diese Anschauung von neuem Boden (vgl. Oberhummer Geogr. Jahrbuch XXXIV = 1911, 372). Die von Orosius abgelesene Karte der Oekumene brachte das große asiatische Scheidegebirge (Taurus oder Kaukasus) mit einer sehr interessanten, systematisch durchgeführten Gliederung in einzelne, besonders benannte Teile zur Darstellung. Orosius bestimmt die genaue Lage jedes dieser Diaphragmastücke durch die Orte und Länder oder Völker, welche es im Norden und Süden einschließen. Wir betonen, gegenüber der üblichen oberflächlichen Aburteilung in Bausch und Bogen, daß, richtig ausgelegt, das kartographische Bild namentlich für das Faltengebirge am nordöstlichen Rand Irans überraschend treue und geographisch sehr wertvolle, weil in unserer sonstigen Überlieferung völlig verloren gegangene Züge aufweist (vgl. Hyrkania). Die benützte Karte stand weit ab von den Zerrbildern der Mappaemundi oder der Peutingerschen Tafel, nach denen man sich ihren Inhalt vorzustellen pflegt. Sie war auf wahrhaft wissenschaftlicher Grundlage angelegt. Auch das topographische Material der Siedlungen fand sich an nicht wenigen Stellen mit Rücksicht auf das relative Verhältnis der geographischen Lage zu den orographischen Grundlinien der Wirklichkeit nahe entsprechend eingezeichnet. Ich kann hier nur andeuten, daß diese Karte, unzweifelhaft nach dem Vorbild des Orbis pictus der Porticus Vipsania, gegen Ende des 1. Jhdts. n. Chr. angefertigt wurde; der ravennatische [2595] Geograph hat sie gleichfalls, neben der Agrippakarte und anderen jüngeren, grundlegend verwertet. Da war nun das Endglied des Scheidegebirges im äußersten Osten Asiens Imaus benannt. Daran sollte sich ein Caucasus im engeren Sinn schließen, den im Norden die Chuni Scythae (so liest Riese), im Süden Gandaridae einfassen. Diese sind das am unteren Ganges ansässige Volk (s. d.). Die in derselben geographischen Länge angesetzten Chunen würden überraschend genau in das Hiung-nu-Territorium des westlichen Kan-su fallen; die H. wären somit spätestens für den Beginn unserer Zeitrechnung in ihren ursprünglichen zentralasiatischen Sitzen bezeugt. Aber die hier aufgedeckte Überlieferung ist in Wahrheit apokryph. Nur das schlechte Hss.-Paar D und B hat an der Stelle hunus oder chunos; das ältere, unvergleichlich bessere PR liest vielmehr funos (R mit nachträglich hinzukorrigiertem hunos), und so hat Orosius zweifellos geschrieben. Diese Phunen kennen wir sonst durch Plinius (VI 55), wo die durchsichtige und mit anderen Beispielen wohl belegbare Verschreibung Thuni et Focari schon längst von v. Gutschmid in Funi et Thocari wiederhergestellt worden ist (unbegreiflicherweise von dem neuesten Detlefsenschen Text auch nicht einmal in dem Apparat notiert; von Mayhoff mit Recht in den Text aufgenommen). Nun schreibt auch hier der cod. R für Phuni Chuni. Das ist dieselbe bewußte absichtliche Korrektur, wie sie der Orosiustext erfahren hat. In der Kosmographie des Honorius (ed. Riese p. 31 und 26) verbirgt sich in dem entstellten ostasiatischen Völkernamen sciteicumi (und ähnlich) Scythae Chuni, das aber gleichfalls absichtlich für das Phuni der abgelesenen Weltkarte eingesetzt ist. Daß die Hereforder Karte Huni scite aus Orosius entlehnt, lehrt auch die oberflächlichste Betrachtung der kartographischen Zeichnung. Nicht so einfach gibt sich die interessante Hieronymuskarte I. Hier sind die Huniscite im Osten des Kaspischen Golfes, aber nicht im Binnenland und über dem Scheidegebirge, sondern am nördlichen Ozean verzeichnet. Ich habe schon oben die Erklärung vorgetragen, daß die Hieronymuskarte offenbar die Orosiuskarte mit der Agrippakarte kombiniert. Keinesfalls darf ihr aber neben Orosius etwa der Wert einer selbständigen Überlieferung zugesprochen werden. In allen diesen Dokumenten liegt notorisch der Name Phuni zugrunde; sie alle verraten eine frühestens im 5. Jhdt., wahrscheinlich aber erst bei den späteren Abschreibern eingebürgerte Meinung, in diesen Phunen die berüchtigten H. zu erkennen. Tradition steckt in dieser Vermutung mit nichten, die Gelehrsamkeit des 4., 5. und 6. Jhdt. zeigt auch nicht einmal eine Spur, daß man auf diesem ostasiatischen Völkernamen der Karten und geographischen Werke eine feste Theorie über Ursprung und Herkunft der H. aufgebaut hätte.

Der Versuch, der Konjektur der bücherabschreibenden Mönche eine stichhaltige wissenschaftliche Grundlage zu geben, blieb den genialen Sprachkenntnissen Tomascheks vorbehalten (Skyth. Norden I 46; Hist. Geogr. v. Persien I 63f.). Er weist wirklich für die [2596] ostaltaischen Sprachen, in besonderer und lückenloser Vollständigkeit der Entwicklung und Phasen an den tungusischen Dialekten, ein unanfechtbares Lautgesetz nach, demzufolge der ursprüngliche Anlaut p zu ph, f, χ, h verhaucht und wie im Türkischen schließlich ganz aufgegeben wurde. Danach würde Phunus tatsächlich als dialektische Nebenform oder sogar als Stammform von Chuni erscheinen. Aber die Chinesen kennen von Anfang an (und ihre Kenntnis reicht in graue Urzeit hinauf!) und verwenden über ein Jahrtausend lang nur das ‚verhauchte‘ Hun. Ferner – und durchschlagender hat der von Plinius und Orosius Phuni geschriebene Völkername wahrscheinlich anders gelautet. So weit die noch nicht abgeschlossene Textrecension die Lesarten übersehen läßt, geben die Hss. des Dionysios Periegetes in v. 752 für das in Frage stehende zentralasiatische Volk durchweg Φροῦροι, auch Φρούριοι, nur eine überkorrigiertes Φροῦνοι, eine andere Φαῦροι; auch Eustath und Paraphrase gehen mit der Mehrzahl, die Übersetzer Avien und Priscian haben Phruni bezw. Phuri. Eustath will in anderen Quellenschriften statt Phruroi Phrynoi gefunden haben; nach der Lage der Dinge müßte man da an Strabon denken, dessen hsl. Überlieferung (C. 516) freilich einstimmig Phaunoi bringt. Daß Dionys einzig und allein Phruroi oder Phrurioi geschrieben hat, beweist uns der ravennatische Geograph (61, 2): Frurion provincia, nur leise verschrieben in Erurion. Die Übereinstimmung des Dichters mit der ravennatischen Karte ist hier wiederum daraus zu erklären, daß beide die Karte der Porticus Vipsania eingesehen haben. Diese offenbart sich deutlich in mehreren Eigentümlichkeiten der Zeichnung Nordostasiens, wie sie das geographische Gedicht entwirft. Der Kaspische Golf ist gedacht nicht vom nördlichen, sondern vom östlichen Ozean ausgehend, darum reichen ausdrücklich auch noch die Seren oder Chinesen mit ihren nördlichen Strichen bis an den Meerbusen heran (v. 750ff. mit dem abschließenden v. 761). Iordanes (c. 5) liest dieselbe Karte ab und ist besonders klar und anschaulich in seiner Angabe: Skythien hat an seiner Ostseite die Seres, in ipso sui (sc. Scythiae) principio ad litus Caspii maris commanentes, d. h. die Seren reichen im Norden bis an den Eingang und schmalen Hals des Kaspischen Golfes heran, der ‚ab Oceano euroboreo‘ abzweigt. Danach steht zunächst fest, daß die Agrippakarte die Phunen vielmehr Phrurii geschrieben hat. Weiter fällt nicht schwer nachzuweisen, daß alle auf uns gekommenen Erwähnungen des zentralasiatischen Volkes im letzten Grund aus einer einzigen Originalquelle her stammen: diese repräsentiert eine einzige, faktisch gültige Überlieferung. Denn sowohl Plinius wie Dionysios wie der Geographus Ravennas nennen jenes Volk zusammen, will heißen räumlich neben einem anderen wohlbekannten, den Tocharen. Die Tocharen sind nach der Mitte des 2. vorchristlichen Jhdts. aus Ostturkestan nach Westturkestan hervorgebrochen und haben schließlich Sugdiana und Baktrien erobert, wo sie der griechischen Herrschaft ein Ende bereiteten. Aber die uns hier beschäftigende Überlieferung [2597] hat sie vor dieser bedeutsamen Wanderung kennen gelernt, noch in ihren alten zentralasiatischen Sitzen, neben den Seren oder Chinesen, also im Randgebiet des Tarymbekens. Daran ändert nichts, wenn Orosius, Plinius, aber auch die Ptolemaioskarte die Nachbarschaft der Seren durch die der sagenhaften Ottorokorrai ersetzen; auch diese nehmen ausdrücklich den äußersten Osten der Oekumene ein und berühren den östlichen Ozean. Hierin liegt vielmehr ein neuer Beweis für die gemeinsame Quelle, die nicht der Originalbericht selber ist, sondern eine aus diesem schöpfende Zwischenquelle. Was jener enthielt, erfahren wir durch Strabon genau; er behauptete, die griechisch-baktrischen Könige hätten gegen 200 v. Chr. ihre Feldzüge und die Grenzen ihrer Herrschaft bis zu den Phaunen und Seren ausgedehnt; den Namen der Tocharen hat Strabon in seiner ganz summarischen Bemerkung zufällig ausgelassen. Jedenfalls bezeugt auch er die räumliche Nachbarschaft des Phaunen- und Serenlandes. Er schöpft aus der parthischen Geschichte Apollodors. Ob sie der letzte Originalbericht selber ist oder ihrerseits diesen nur weiter vermittelt hat, bleibe dahingestellt. Die Wohnsitze der Tocharen (chinesisch Tu-ho-lo, s. d. Art.) vor ihrem westlichen Vorstoß fallen sicher in das östliche Tarymbecken. Zwischen diesem und den chinesischen Provinzen Kan-su und Šen-si lag folglich das Phaunenland, immerhin nahe genug an den Sitzen der Hiung-nu. Das Volk wird unter den im skythischen Zweistromland einbrechenden Stämmen nicht genannt, es war in seiner zentralasiatischen Heimat zurückgeblieben. Treten die Zeugen sowohl für die Namensform Phrurioi wie für die andere Phuni paarweise auf, so hat auch die dritte, die der Strabontext überliefert, einen zweiten Gewährsmann in dem Autor der Hist. Misc. XII 13 (vgl. Oberhummer a. a. O.). Da werden wiederum mit demselben Nachbarvolk genannt Fauni Phicarii (aus Thocarii verschrieben). Muß Fauni als authentisch gelten, so läßt sich der Annahme eines auf derselben literarischen Quelle basierenden Zusammenhanges zwischen Strabon und der Miscelanensammlung nicht ausweichen. Aber eher könnte das Spiel des Zufalls gewirkt haben. Der Dionysioscodex D hat für Φροῦροι die Verschreibung Φαῦροι, ähnlich mag Φαῦνοι (Fauni) aus Φρυνοι oder Φρουνοι (Fruni) verdorben sein; denn die Wahrscheinlichkeit ist groß, daß Eustath eben bei Strabon, der seine geographische Autorität ist, Φρυνοι (oder Φρουνοι) fand. Jedenfalls muß die authentische Namenform im Auslaut n gehabt haben, nicht r. Aber das erste r in der Legende des Agrippakarte bleibt unantastbar. Die Karte stimmt mit Strabon darin überein, daß sie in der kanonischen Völkerreihe die Seren, nicht die Ottorokorren anführt; sie steht darum dem Originalbericht näher, sie kann unmittelbar aus ihm geschöpft haben, während Plinius und Orosius sicher Umgestaltung des Originalberichts, also Vermittlung einer literarischen Zwischenquelle zur Schau tragen. Bei diesem Sachverhalt muß die behauptete Identität des Phrur[i]oi oder Phaunoi genannten Volkes mit den Chunoi-Hiung-nu abgelehnt werden. Wir sehen in ihm viel eher einen Repräsentanten [2598] der den Hiung-nu benachbarten tibetischen Rasse, der Tanguten (über die von K. Müller vorgeschlagene Gleichung Phrynoi = Grynaioi der Ptolemaioskarte oder Chrinni des Iordanes 5 s. den Art. Phrynoi).

Für die chinesische Annalistik ist die Wanderung der Hiung-nu unter Čï-čï in die Region des Balkašsees der älteste hunnische Vorstoß nach dem Westen. Man muß sich aber gegenwärtig halten, daß die ältesten historischen Aufzeichnungen der Chinesen verloren oder durch den Confuzianismus rettungslos entstellt sind (vgl. Franke a. a. O. 40); darum ist von ihrer Literatur für die Periode vor den älteren Han keine weitere Aufklärung der ethnographischen Verhältnisse Innerasiens zu erhoffen. Alles Licht bringen da allein die Griechen. Die Chinesen haben noch eine vage Erinnerung, daß während der Tʿsindynastie (in der zweiten Hälfte des 3. Jhdts.) die Hiung-nu von den Yüe-či im Westen und den Tung-hu im Nordosten stark eingeengt wurden und keine politische Selbständigkeit besaßen. Aber wieweit etwa in der Zeit von 1000 bis 400 v. Chr. das H.-Volk, das sie damals an ihren eignen Westgrenzen genau kennen und oft nennen, von Kan-su nach Westen und Norden sich ausgedehnt haben mag, lassen die Chinesen ganz im Dunkel. Aus den griechischen Berichten, die zum Teil über die pontischen Kolonien, zum anderen Teil durch das persische Reich gekommen sind, geht nun unzweifelhaft hervor, daß das skythische Zweistromland und das westliche und nordwestliche Vorland des Tien-šan im 6. und 5. Jhdt. zum größten Teil von Nomadenhorden indogermanischer, – nicht bloß arischer, sondern auch der westlichen Sprachgruppe zugehöriger Völker besetzt war (s. d. Art. Sakai), die im 4. Jhdt. sogar ins Tarymbecken vordringen und jene Einengung der hunnischen Rasse verursachen (s. die Art. {{SperrSchrift|Issedones und Tocharoi). Unter den Völkern, welche den weiten Steppenraum zwischen dem Asowschen Meere und den westlichen Ausläufern des Tien-šan ausfüllen, wird aber auch ein unverkennbarer Turkstamm aufgeführt. Den Hauptbericht über den großen skythischen Karawanenweg, der jene Völker durchquerte und bekannt machte, teilt uns Herodot mit (IV 21–27). Er fand ihn schon eingebürgert in der griechischen Literatur und hat ihn in Olbia nachkontrolliert. Danach saß als vorgeschobenster Posten der europäischen, ērānischen Skythen ziemlich genau an der Grenze Europas und Asiens unter der südwestlichen Abdachung des Uralgebirges eine Abteilung der ‚Königlichen‘ Horde. Nach ihr folgte unter den südöstlichen Ausläufern desselben Gebirges das Volk der Argippaioi. Deren östliche Nachbarn sind die Issedonen, die im 6. und 5. Jhdt. noch nicht nach Zentralasien ins nördliche und östliche Randgebiet des Tarymbeckens vorgedrungen waren, sondern Teile der Kirgizensteppe oberhalb des Aral- und Balkašsees einnahmen, wo wir dann seit dem 2. Jhdt. v. Chr. die ausgedehnte Nation der Alanen finden. Weil Tomaschek in seinen berühmten Arbeiten über den skythischen Norden diese außerordentlich bedeutsame Verschiebung der Issedonen außer acht [2599] gelassen hat, ist seine gesamte Rekonstruktion des skythischen Karawanenwegs und die darauf basierte räumliche Verteilung der Völker unhaltbar; wir müssen zur Begründung auf die in dem Art. Issedones vorzulegenden Untersuchungen verweisen. Hier genüge es zu betonen, daß die Wohnsitze der Argippaioi unter den Ural fallen und nicht unter den Altai in die Dsungsarei. Dagegen herrscht so gut wie Einstimmigkeit über die Rassenzugehörigkeit dieses Volkes (s. auch den betreff. Art. Tomascheks). Die interessante Beschreibung, die Herodot von ihrem somatischen Habitus entwirft, deutet unzweifelhaft auf einen Turkstamm; das Wort ἄσχυ, mit dem sie den ihnen als Getränk dienenden ausgepressten Saft der Vogelkirsche bezeichnen, ist unverkennbar das durch alle Turksprachen hindurchgehende aǧy ‚bitter‘. Dagegen ist das Ethnikon Argippaioi arisch; so nannten das Volk die arischen Nachbarn. Vielleicht gehörten mit den Argippaiern auch die nach Nordosten angrenzenden Arimaspen zusammen, deren arischer Name von den Issedonen herrührt. Jedenfalls waren schon im 6. Jhdt. v. Chr. Stämme der Hunrasse nach Westen in das Territorium vorgedrungen, das viele Jahrhunderte später und Jahrhunderte hindurch immer wieder das erste Ziel aller hunnischen Vorstöße bildete, und wohnten hier zwischen arischen Völkern, bekannt als zuverlässige Mittler des östlichen Karawanenverkehrs wie nachmalig die alanischen H. und die Türken (s. u.). Das Beispiel dieser späteren hunnischen Invasionen lehrt uns, daß die türkischen Argippaier sehr wohl direkt aus dem Herzen Zentralasiens und dem eigentlichen Hiung-nu-Land vorgebrochen sein können. Es ist zur Erklärung ihrer westlichen Wanderung nicht unbedingt notwendig, das Hunvolk nach Nordwesten über den östlichen Tien-šan, etwa bis zur Dsungarei und die Ostgrenze des alten Issedonenlandes, nach Westen bis ins Tarymbecken auszudehnen; aber diese Möglichkeit muß sehr in Betracht gezogen werden.

So erscheint die Wanderung der H. des šan-yü Čï-čï bereits als Glied in einer Kette, deren Fortsetzung wir nunmehr verfolgen. Als dieser hunnische Fürst vor den Chinesen gegen den Iaxartes entwich, folgte ihm nur ein Teil seines Volkes; der weniger leistungsfähige blieb in den kürzlich eroberten Strichen des Tienšan nordwärts von Kuča zurück (Hirth a. a. O. 271). Bei den Chinesen heißt dieses Hunnenland fortan Yüe-pan. Seine Bewohner sind die ‚nördlichen‘ Hiung-nu, im Gegensatz zu den in Kan-su verbliebenen und seitdem dauernd den Chinesen unterworfenen, von denen sich wenigstens einige vornehme Geschlechter bis ins 5. Jhdt. erhielten; eines derselben, Tsü-kü gründete sogar einen Staat, der ganz Kan-su umfaßte (vgl. Franke Chinesische Tempelinschrift von Idikutšahri, Abb. Berl. Akad. 1907; auch Hirth a. a. O. 267). Vom 1. Jhdt. unserer Zeitrechnung ab machten die nördlichen Hiung-nu den Chinesen schwer zu schaffen. Sie waren so erstarkt, daß sie daran denken konnten, ihr altes Heimatland in Kan-su wiederzuerobern; sie beherrschen das Tarymbecken und fallen fortgesetzt nach Nordwestchina ein. Erst der Feldzug des Generals [2600] Pan-chao brachte gründliche Abhilfe. 73 werden die H. am See Barkul völlig geschlagen. Dem General gelingt es, die Provinz der ‚Westländer‘ wiederherzustellen. Im J. 90 erleidet der nördliche šan-yü eine neue vernichtende Niederlage beim Berge Ki-lo-šan durch den General Touhien. Wie 150 Jahre vorher rafft der H.-Fürst die Tüchtigsten seines Volkes zusammen und entflieht nach Kʿang-kü (Sugdiana); die ‚Schwachen‘ bleiben wiederum in Yüe-pan zurück (Hirth a. a. O. 269). Gerade in die Zeit der größten Machtentwicklung des nördlichen šan-yü fällt die zweite, unvergleichlich bedeutsamere Alanenwanderung nach Westen. Von ihren, jahrhundertelang innegehabten Sitzen im Westen des Balkašsees überrennen die Alanen das Aorsenreich und setzen sich dauernd zwischen Maiotis und Kaspi fest. Das geschah um 50 n. Chr. Man wird annehmen müssen, daß die nördlichen Hiung-nu, wie die erste, so auch die zweite Alanenwanderung verursacht haben; sie haben offenbar, wie sie bis nach Kan-su zurückgriffen, auf der anderen Seite das benachbarte Alanenland am Balkašsee durch unaufhörliche Einfälle bedroht und unsicher gemacht.

Was in Sugdiana aus dem nördlichen šan-yü und seinen H. geworden ist, verraten die chinesischen Annalen wiederum nicht. Möglicherweise steht mit dieser hunnischen Invasion in Verbindung die räumliche Verschiebung eines der nach 150 v. Chr. mit den Yüe-či und Tocharen im skythischen Duab eingebrochenen Völker. Das Ereignis spiegelt sich wieder auf der ca. 100 n. Chr. gezeichneten Orosiuskarte. Da sitzen als nördliche Nachbarn der arsakidischen Provinz Parthyene, die namentlich auch das alte Nesaia umfaßt, von dieser durch das Oscobaresgebirge getrennt, Dahae Sacaraucae. Also haben von Sugdiana aus die Sakarauken das alte Dahenland an der Täǧändoase (s. den Art. Hyrkania) in Besitz genommen, vielleicht unter dem Druck der Hiung-nu des nördlichen šan-yü. Jedenfalls sind diese H. die frühesten sicheren Einwanderer türkischer Rasse, die sich im Duab nachweisen lassen. Wieweit die noch überwiegend indogermanischen Yüe-či im östlichen Tarymbecken hunnische Elemente aufgenommen hatten, bleibt wohl immer völlig imaginär.

Yüe-pan, im Norden der Solfatara des Tien-šan, ist auch nach dem Abzug des nördlichen šan-yü das hunnische Refugium, das sich ungestört erholen und erstarken konnte, als 127 die chinesische Provinz der Westländer sich von neuem auflöste. Aus Yüe-pan muß dann der weltgeschichtlich bedeutsamste Hunnensturm des 4. Jhdts. seinen Ausgang genommen haben, obwohl das in keiner chinesischen Chronik ausdrücklich bezeugt wird, Man kann fragen, ob etwa die ersten westlichen Vorstöße der echten Avaren, die die Chinesen Žuan-žuan ‚Gewürm‘ schimpften, die Hiung-nu in Yüe-pan aufgestört hatten. Die Bildung des großen Avarenreiches ist um 400 fertig; es reicht schon damals mit seinen außerordentlich weit gespannten Grenzen von Karašar im östlichen Tarymbecken bis ins nördliche Korea. Nach sicherer historischer Überlieferung begann unter dem Druck der Avaren der Hunnensturm des 5. Jhdts., vielleicht also [2601] auch schon der 375 über Osteuropa dahinbrausende. Die erste Etappe wurde die Eroberung des Alanenreiches, drei Generationen vor dem König Hut-ngai-ssi von Suk-tak, etwa 350. Das Alanenland reichte nach Osten bis an den Aralsee und die Grenzen des Zweistromlandes. Die hunnische Invasion dürfte dieses letztere gleichzeitig überschwemmt haben, da den seit 356 (Ammian. Marc. XVI 9, 4) an den nördlichen Grenzen des Sāsānidenstaates für ein Jahrhundert als furchtbare Landplage auftretenden Chioniten (syrisch Chijōnājē), denen dann die ērānische Überlieferung anachronistisch eine so bedeutsame Rolle in der arischen Urgeschichte zugeteilt hat (Hjaona), doch am wahrscheinlichsten hunnische Nationalität zuzusprechen ist (vgl. Marquart Erānšahr 50–58). Ein während des 5. Jhdts. in den Steppen Dehistans nördlich von Hyrkanien einwandernder Stamm trägt den evident türkischen Namen Čöl ,Sand‘. Die Chioniten treten genau an die Stelle der Kušan (Yüe-či); die wesentlichen Provinzen dieses alten Reiches, das nach der Vernichtung der griechischen Herrschaft in Baktrien fast ein halbes Jahrtausend bestanden hatte, werden eine Beute der neuen Eroberer.

Aus dem Vergleich der chinesischen mit der abendländischen Chronologie scheint hervorzugehen, daß im Alanenlande die H., die wir am besten die europäischen nennen, sich eine Reihe von Jahren ruhig hielten. Die verschiedenen Stämme oder Haufen, die wir voraussetzen dürfen, verteilten sich über das weite Territorium, ein staatlicher Zusammenschluß war zunächst so wenig vorhanden, daß der Ostgotenkönig Vithimiris Hunnenhorden gegen Hunnenhorden als Hilfstruppen anwerben konnte. Wahrscheinlich erst die neue Generation und wiederum nur der unruhigste Teil des Volkes überschritt endlich im J. 375 den Don, unter Führung Balambers und vereinigt mit Haufen der Alanen. Das Ostgotenreich Hermanariks wurde überflutet (vgl. darüber neuerdings Marquart Osteur. und ostasiat. Streifzüge 367ff.). Am Dnjestr versuchen die Westgoten vergeblich der hunnischen Sturmflut standzuhalten; erst an den Karpathen brandet sie vorläufig zurück (Ammian. XXXI 3). So bildet sich zwischen dem Gebirge und dem Don allmählich ein zweites H.-Reich neben dem alanischen im Osten des Tanais. Es ist aber nachdrücklich zu betonen, daß das Kernland dieses neu entstehenden Staates, das die hunnischen Haufen wirklich besetzt hielten, sich ziemlich genau mit dem eigentlichen ostgotischen Territorium deckt; nur eine Abteilung der Ostgoten hatte sich hier freiwillig den Eroberern unterworfen und muß bald in ihnen aufgegangen sein, die Hauptmasse des Volkes war westwärts abgezogen. Über die ersten Berührungen der cistanaitischen H. mit den Römern, über ihre ersten Einfälle in die römischen Provinzen siehe Marquart a. a. O. Den wirklichen staatlichen Zusammenschluß hat im Anfang des 5. Jhdts. namentlich der San-yü Uldes (Uldin) gefördert. Ihm folgen nacheinander in der Herrschaft die Brüder Uptar (Octar) und Rua. Vornehmlich der letztere erweitert das cistanaitische H.-Reich durch Eroberung der Donauprovinzen [2602] und bereitet so die außerordentliche Machtfülle vor, durch die sich sein Neffe Attila zum Herren und Gebieter beinahe ganz Europas macht (434–453); über die Geschichte dieses großen Königs und die Ausdehnung seiner Herrschaft siehe den Art. Attila.

Auch das hunnische Alanenreich zwischen Don und Aralsee hat unbedingt die Oberhoheit Attilas anerkannt, da der König einen, nur durch seinen plötzlichen Tod vereitelten Kriegszug über den Kaukasus nach Persien plante (Priskos). Aber dieser östliche Zweig der europäischen H. stand zweifellos unter eigenen Königen; einer von ihnen muß Hut-ngai-ssi gewesen sein, der in der dritten Generation nach der hunnischen Eroberung des Alanenlandes jene für die Erkenntnis historischer und ethnographischer Zusammenhänge so denkwürdige Gesandtschaft nach China schickte, um die bei der Erstürmung Liang’s im uralten Stammland der Hiung-nu in Gefangenschaft geratenen Kaufleute seines Volkes auszulösen. Freilich hat sich Hirth bemüht, in dem König Hut-ngai-ssi vielmehr den jüngsten Sohn Attilas, Hernac, zu erweisen. Dagegen spricht aber vor allem, daß nicht die cistanaitischen H. Attilas die Träger und Vermittler jenes ostasiatischen Karawanenverkehrs gewesen sein können; weil die unmittelbaren und dauernden Beziehungen zu den Hiung-nu in Kan-su unter den vornehmen H. im Hoflager Attilas sehr bestimmte und sichere Vorstellungen über Herkunft und Abstammung des eigenen Volkes wach gehalten haben müßten. Priskos läßt aber gerade das Gegenteil erkennen; man hatte gar keine Tradition und Erinnerung mehr an die östliche Heimat (s. o.). Ebensowenig befriedigt die von Hirth versuchte Herleitung des Landesnamens Suk-tak (nach der älteren Aussprache) von der Stadt Sogdaia auf der Taurischen Chersones. Suk-tak heißt in dem chinesischen Text das Königreich des Hut-ngai-ssi, es wird ganz ausdrücklich und eindeutig mit dem früheren Antʿsai oder Aorsien gleichgesetzt, und dieses hat ebensowenig wie das nachfolgende Alanenreich die Krim umfaßt, geschweige hier seinen Mittelpunkt gehabt. Sogdaia könnte klärlich nur die ostgotische Hauptstadt gewesen sein. Aber der Ländername taucht schon im 4. Jhdt. in den chinesischen Annalen auf, noch ehe die H. den Don überschritten und das Ostgotenland erobert hatten. Er bezeichnet ganz offenbar von Anfang an das alanische H.-Reich östlich vom Tanais; auf seinem Boden ist die Erklärung zu suchen. Nehmen wir an, daß sofort nach der Invasion Alaniens auch Sogdiana eine Zeitlang dazu gehörte, so mögen wir Suk-tak doch am ehesten von diesem Ländernamen ableiten.

Dagegen würde der Annahme Hirths, daß die Krim unmittelbar nach Attilas Tode das Zentrum der europäischen H. gewesen sei, an sich nichts im Wege stehen. Das große H.-Reich überlebte seinen großen König nicht; es fiel sofort auseinander. Der älteste Sohn Attilas, Ellac, versuchte wohl mit aller Kraft, den Erhebungen der Völker entgegenzutreten, aber er starb den Heldentod in der Schlacht. Seine Brüder, von denen Dengesich und als jüngster Hernac namhaft gemacht sind, ziehen sich [2603] nunmehr mit der Hauptmasse der H. zurück gegen den Don in das alte Ostgotenland, wie ausdrücklich überliefert wird (Iordan. 50), also in das Gebiet, in dem das europäische H.-Reich sich zuerst konsolidiert hatte, von dem es ausgegangen war, das den H. als ihre eigentliche Stammesheimat gelten mußte. Die Krim gehörte gewiß dazu. Sie hätten sich hier vielleicht ein zweites Mal konsolidieren können, wenn ihnen Ruhe gegönnt gewesen wäre. Aber sie waren kaum zurückgekehrt, da brauste von Osten her ein neuer Sturm heran (zwischen 461 und 465, Priskos frg. 30). Von den echten Avaren aus Zentralasien verjagt, setzen die Sabiren die Saraguren, die Uguren und Onoguren in Bewegung. Alle diese Völker fallen in Osteuropa ein. Die Sabiren erobern den Hauptteil des hunnischen Alanenlandes über dem Kaukasus und gründen einen Staat (Prokop.). Wenn nun Iordanes (c. 50) berichtet, daß Hernac mit seinen H. das alte Stammland am Don wiederum verließ und in extremo minoris Scythiae (= Dobruǧa) sedes delegit; daß seine Blutsverwandten Emnedzur und Ultzindur nach Dacia ripensis entwichen, und viele andere H. in zerstreuten Haufen auf den Boden des oströmischen Reiches übertraten; wenn nach demselben Iordanes (c. 53) Dengesich, der andere Sohn Attilas, schließlich in Pannonien auftauchte, so war diese neue, westwärts gerichtete Wanderung, die der Rückkehr in das cistanaitische Stammland so rasch auf dem Fuße folgte, gewiß keine freiwillige, sondern wurde zweifellos durch den Einbruch der genannten Völker, hauptsächlich der Sabiren, in Osteuropa verursacht. Wir müssen annehmen, daß unter ihrem Druck die sämtlichen cistanaitischen H. Attilas endgültig gegen die Donauprovinzen zurückgewichen sind, wo sie dann allmählich unter der einheimischen Bevölkerung verschwinden. Die H. Dengesichs setzten sich zusammen aus den Stämmen Ultzinzures, Angisciri, Bittugures, Bardores, die evident hunnisch-türkische Namen tragen. Es sind die ersten und einzigen Stammesnamen der cistanaitischen H. Attilas, die uns ausdrücklich als solche genannt werden. Doch erweist die Bildung ihrer Namen auch für die Amilzuroi, Itimaroi, Tonosures hunnische Abstammung (Priskos frg. 1; dazu Iordan. c. 24); diese Stämme und die Boisker sitzen an der Donau, sie stellen sich 438 lieber unter den Schutz des oströmischen Reiches, als daß sie dem Hunnenkönig Rua huldigen wollen. Von den H. Dengesichs hebt Iordanes hervor, daß sie nur gering an Zahl waren; durch die Kämpfe mit den Goten Theoderichs des Großen in Pannonien wurden sie fast ganz aufgerieben und ‚hielten seitdem Ruhe‘ (s. über diese Kämpfe o. Bd. III S. 1040),

Der von den Sabiren ausgeübte Druck traf die cistanaitischen H. nicht unmittelbar; auch im Osten des Don saßen ja H. als Herren des Alanenlandes bis zum Aralsee. Diese müssen noch vorher dem neuen Volke, das sich für ein Jahrhundert dauernde Wohnsitze im Norden des Kaukasus gewann, gewichen sein. Ihr König war gewiß noch Hut-ngai-ssi, der vom chinesischen Kaiser die Freilassung der Kaufleute seines Landes erbat; das kaiserliche Reskript [2604] bemerkt zum Schluß, daß seitdem von jenen Hiung-nu keine Tributgesandtschaft mehr an den Hof gekommen sei, – wir können hinzufügen, weil die Žuan-žuan und die von ihnen verursachten Völkerunruhen den lange geübten hunnischen Karawanenverkehr plötzlich abschnitten. Nun kennen Prokop und Agathias (vgl. auch Iordan. c. 5) zwei Hauptstämme der H., die Uturguren und Kuturguren, diese im Westen, jene im Osten von Tanais und Maiotis; ursprünglich saßen aber beide vereint im Kubangebiet. Das war offenbar vor dem Einbruch der Sabiren, und diese beiden Stämme werden die H. des Alanenlandes, die Hiung-nu Suk-tak’s sein, die zurückblieben, als 375 der unruhigere Teil des Volkes den Don überschritt und das Ostgotenreich überflutete. Als dann 461–465 die Sabiren vorstürmen, entweichen auch die Kuturguren über den Don, verdrängen die Attilahunnen und setzen sich ihrerseits dauernd an der Westküste der Maiotis, auf der Krim und am Pontus fest. Die Uturguren aber werden in den äußersten Westen des alten Alanenlandes gedrängt und nehmen nunmehr hauptsächlich das antike Sinderland und die Steppen der Maioten längs der Ostseite des Asowschen Meeres ein. Das alte Gorgippia oder Sinda (bei Anapa östlich vom Ausfluß der großen Kubanlagune; s. den Art. Gorgippia) wird unter dem Namen Eudosia ihre Hauptstadt (bei Prokop Eulysia, weniger gut; vgl. den Art. Uturguroi).

Die Sabiren sind nach Priskos, Prokop, Agathias, Iordanes ausdrücklich ein hunnisches Volk. Ihre ursprünglichen Sitze lagen in der unmittelbaren Nachbarschaft des avarischen Reiches, also doch wohl wenn nicht in dem Hiung-nu-Lande Yüe-pan selbst, so wenigstens innerhalb der von hier aus kolonisierten Gebiete des Tien-šan und Altai (s. u.). Die Namen der von den Sabiren in Bewegung gesetzten Völker, der Uguren, Saraguren, Unuguren tragen deutlich hunnisch-türkisches Gepräge (vgl. Marquart Streifzüge 44f.). Sie werden also wenigstens einen Kern wirklicher H. enthalten haben. Aber die Hauptmasse der Unuguren war viel eher finnisch-ugrischer Abstammung; darauf weist vor allem ihre Lebensweise. Sie werden nicht als Viehzüchter, sondern als Pelzhändler (von Iordanes) und Fischervolk (vom ravennatischen Geographen) geschildert. Auch die Akatziren tragen einen notorisch türkischen Namen und werden schon von Priskos zu H. gestempelt, aber der Sinn der türkischen Bezeichnung – ‚Waldleute‘ – und die Jagd, von der sie nach Iordanes hauptsächlich leben, stellen sie unbedingt zu der finnisch-ugrischen Rasse. Sie werden einen hunnischen Einschlag erhalten haben, nachdem Attila seinen ältesten Sohn zum Herrscher ihrer zahlreichen Stämme eingesetzt hatte. Nachher (466) werden sie von den hunnischen Saraguren unterworfen und ein Teil zieht im Gefolge dieser neuen Herren auf der Grusinischen Heerstraße gegen die Perser (vgl. Marquart Streifzüge 42f.). Endlich die Uguren finden dauernde Wohnsitze an der unteren Wolga und dem kaspischen Ufer bis zur Kuma, wo sie noch 569/70 als Untertanen des türkischen Chagan Silzibul genannt werden (Menander Protekt. frg. 21).

[2605] Andere hunnische Stammesnamen sind die folgenden. Unter den angeblich Ermanarik unterworfenen Völkern zwischen den Oberläufen von Don und Wolga (Jordan. c. 23) treten Athaul auf, abzuleiten von türkischem ataghul ‚Schütze‘, atmaq ‚werfen‘ (so schon Tomaschek Skyth. Norden II 39). Einen sehr ähnlichen Namen tragen die Sadagarii (kurzweg auch Sadages), nach Vambéry (Ursprung der Magyaren 47) ‚Köcherleute‘, von türkischem sadag und dem häufig zur Bildung von Ethnika verwendeten äri ‚Leute‘. Sie erscheinen mit den Alanen unter einem Fürsten Candac, der sie nach Attilas Tod nach Kleinskythien und Niedermösien führte. Unter den zahlreichen skythischen Völkernamen der Ptolemaioskarte mag manch ein hunnischer stecken, aber die Etymologien bleiben zweifelhaft (z. B. die von Tomaschek a. a. O. II 39 versuchten). Besonderes Interesse erwecken unter jenen die Sueboi, welche auf der Karte noch (d. h. für das ausgehende 2. Jhdt. v. Chr., in welche Zeit die hier benutzte literarische Quelle des Marinos hinaufreicht) im Südosten des ursprünglichen Alanenlandes unter gleichnamigen Bergen angesetzt sind; aber die Peutingersche Tafel verzeichnet sie in Iberien (Suevi Hiberi). Sie sind also inzwischen nach dem Westen vorgerückt und sogar über den Kaukasus hinübergegangen. In ihren früheren Sitzen haben sie, wie die Ptolemaioskarte zeigt, die Sasones zu Nachbarn. Auf der Peutingerschen Tafel stehen Sasones Sarmatae gegen das Schwarze Meer; sie sind folglich auf der ersten Alanenwanderung des letzten Jhdts. v. Chr. nach Osteuropa gekommen und unter den Sarmatenstämmen, welche diese Alanen aufscheuchten, über den Don vorgerückt. Auch die Sueben sind eher ein Alanen- als ein Hunnenstamm, aber wahrscheinlicher erst auf der zweiten Alanenwanderung des 1. nachchristlichen Jhdts. gegen den Kaukasus vorgestoßen. Tomaschek wollte sie mit dem mittelalterlichen türkischen Stadtnamen Šūi am Flusse Čui im Norden der Alexanderkette zusammenbringen. Vielleicht die Vorfahren des großen Turkvolkes der Uiguren im Gebiet der Selengaquellflüsse (s. u.) mögen die Anniboi gewesen sein, die Garinaioi und Rabanai, welche nach der Ptolemaioskarte in das Randgebiet der Wüste Gobi gehören. Die von Menander Protektor frg. 5 (Müller) als hunnisches Volk zwischen den Uturguren und Sabiren aufgeführten Zaloi sind vielmehr den Sarmaten zuzurechnen (s. o.).

Es muß auf das nachdrücklichste betont werden, daß die europäischen H. Attilas bald nach dem Tode ihres großen Königs ihre geschichtliche Rolle völlig ausgespielt haben. Man kann von ihnen nicht scharf genug die H. unterscheiden, welche seit den letzten Jahrzehnten des 5. Jhdts. und in den ersten 50 Jahren des folgenden Jhdts. an der Nordgrenze des oströmischen Reiches streifen und diesem durch ihre unaufhörlichen Einfälle (instantia quotidiana) in die Donauprovinzen und weit in das Innere der südosteuropäischen Halbinsel hinein die gefürchteteste und furchtbarste Landplage werden, – quos notissimos peccatorum nostrorum mala fecere, sagt Iordanes. Diese H. nennt ein Teil [2606] der zeitgenössischen Literatur mit neuem Namen Bulgaren (vgl. den vortrefflichen Art. Tomascheks o. Bd. III S. 1040–1045, der aber gerade über die Herleitung der Bulgaren noch ebenso unklar ist wie die grundlegend gebliebene Darstellung des alten Zeuss). In seinem Panegyricus an Theoderich feiert Ennodius den großen Gotenkönig, der mit eigener Hand den Bulgarenführer Libertem bezwungen habe. Das ist die erste gleichzeitige Erwähnung der Bulgaren. Nach dem Geschichtswerk des Johannes von Antiocheia (um 600) hatte 481 Kaiser Zenon die Bulgaren gegen Theoderich zu Hilfe gerufen. Er ahnte gewiß nicht, welches furchtbare Unheil er durch das Aufgebot dieser ‚Verbündeten‘ dem Reiche heraufbeschwor. Seit dem Ende des 5. Jhdts. registrieren der Comes Marcellinus und andere Chronisten die feindlichen Bulgareneinfälle. Theoderichs Enkel Athalerich schreibt an den römischen Senat von den glorreichen Siegen, die der gotische Feldherr Tulwin über die H. und über die Bulgares, toto orbe terribiles, davongetragen (Cassiodorius var. VIII 10). Hier sind doch H. und Bulgaren deutlich unterschieden. Ganz klar und scharf trennt aber Iordanes in seinem geographischen Abriß Skythiens die H. und die Bulgaren; der bulgarische Wohnraum berührt das nördliche Gestadeland des Pontus. Hier waren damals notorisch die Kuturguren die unbestrittenen Herren, und es unterliegt nicht dem geringsten Zweifel, daß die bulgarischen Einfälle jener Zeit eben von den Kuturguren ausgehen, in deren Gefolge und Bunde zumeist auch die slavischen Hauptstämme der Anten und Sclavinen erscheinen, damals im Binnenland schon zwischen Dnjestr und Don ausgebreitet. Prokop ist dafür der sicherste Zeuge, aber er verschweigt den Bulgarennamen ausnahmslos und spricht allgemein von H. oder von Kuturguren, wo die anderen Bulgaren nennen. Iordanes hat aber leider den wahren Sachverhalt verdunkelt und gefährdet, weil er neben den nordpontischen Bulgaren auch die ‚zweigeteilten‘ H. als besonderes Volk aufführt. Die beiden Zweige dieses H.-Volkes, die ursprünglich im alten Alanenland eine politische und nationale Einheit gebildet hatten (s. o.), sind die Kuturguren und Uturguren. Anstatt der letzteren nennt aber Iordanes, willkürlich und schlecht orientiert, die Sabiren, welche jene gegen Kubanmündung und Maiotis zurückgedrängt hatten. Dagegen verbergen sich nach Zeuss die Kuturguren wahrscheinlich in seinen Altziagiri, an einer Stelle in einer Hs. auch Ultziagiri geschrieben und damit nicht allzuweit abstehend von der bei Theophylaktos Sim. gebrauchten Form Kotzageroi. Der politische Schwerpunkt ihres Herrschaftsgebietes liegt auf der Krim, ihr Hafen, dessen bedeutenden asiatischen Import Iordanes rühmt, ist die alte Griechenstadt Chersonesos. Sicherlich hat Iordanes an dieser Stelle seiner skythischen Landeskunde zwei Quellenschriften kontaminiert, von denen die eine allgemein das Volk der zweigeteilten H., die andere im selben Sinn und für denselben Raum die Bulgaren nannte; die beiden Abteilungen jener H. glaubte Iordanes ohne sichere Unterlage in den mächtigsten hunnischen Völkern [2607] seiner Zeit finden zu sollen. Mit anderen Worten, der Bulgarenname ist kein bloßes Synonymon für die allgemeine Bezeichnung ‚Hunnen‘, sondern kommt allein dem Volk der zweigeteilten H., den Kuturguren und Uturguren, zu. Er muß bei diesen entstanden sein, noch ehe sie sich politisch in zwei Staaten und Nationen teilten; solange sie noch im alten Alanenlande ostwärts von Don und Maiotis beisammensaßen. Er ist ein strenger Nationalname mit einem klar zu umgrenzenden Inhalt. Marquart (Streifzüge 503f.) hat sehr schön gesehen, daß in der Völkerliste der sogenannten Kirchengeschichte des Zacharias Rhetor Burgar genau für Uturguren steht, und das Paar Burgar-Kuturgur dem Paar Kuturgur und Uturgur des Prokopios entspricht. Marquart (und Westberg) haben auch erkannt, daß die Kuturgurischen Bulgaren, etwa zwischen Don und Dnjepr, von der russischen Chronik noch im Vertrag von 944 erwähnt werden; sie klagt über die unaufhörlichen Raubzüge dieser Bulgaren in die Krim und nennt sie die ‚Schwarzen‘ Bulgaren; ,μαύρη Βουλγαρία‘ zwischen dem Dnjepr und dem Chazarenlande nennt ganz übereinstimmend auch Kaiser Konstantin Porphyrog. (de admin. imp. 42 und 12). Die Schwarzen Bulgaren sind keine anderen als die alten Kuturguren. Das weiß trotz mancher Irrtümer auch die Tradition der byzantinischen Geschichtschreibung des 9. Jhdts. ganz gut. Sie unterscheidet Schwarzbulgaren und Großbulgaren und setzt diese letzteren ausdrücklich und eindeutig genau im Territorium der Uturguren an, so daß die Gleichung Kuturgur-Uturgur = Schwarzbulgaren und Großbulgaren in die Augen springt. Großbulgarien liegt nach der Darstellung der bulgarisch-hunnischen Ursprünge bei Nikephoros Patriarches (p. 33, 13–34, 19) in der ‚Umgebung der Maiotis nach dem Fluß Kuphis-Kuban zu‘; wenn in der entsprechenden Stelle des Theophanes (p. 356f.) dieses Bulgarien auch an die untere Wolga (Atel) reichen soll, so ist darum kein ausgedehnteres Gebiet gemeint; denn der Atel mündet ja, wie derselbe Theophanes behauptet, in die Maiotis, nimmt den Don auf und entsendet als Nebenarm den Kuban (s. den Art. Ra)! Aus diesem groß- oder altbulgarischen Land leitet nun die byzantinische Geschichtschreibung des 9. Jhdts. ganz richtig und gewiß auf Grund einer vollgültigen Tradition auch die Kotrages-Kuturguren (oder Schwarzbulgaren) ab, läßt sie den Don überschreiten und sich dauernd im Westen des Azowschen Meeres ansiedeln. Von den fünf Bulgarenabteilungen unter den fünf Söhnen des Kovrat, welche sie unterscheidet und insgesamt aus der großbulgarischen Urheimat hervorgehen läßt, sind die Kotrages die zweite. Die erste bleibt im alten Heimatland zurück. Für die drei übrigen ist jene Ableitung offenkundig irrig. Es sind in der Legende zwei, um 100 Jahre auseinanderliegende Teilungen zusammengeworfen. Die erste und ursprüngliche war die in Kuturguren und Uturguren, Großbulgaren und Schwarzbulgaren. Dann haben sich erst viel später von diesen cistanaitischen Kuturguren die anderen drei Bulgarenabteilungen abgelöst. Das waren die pannonischen Bulgaren; die norditalischen bei Ravenna, [2608] die wohl mit den Langobarden dorthin gezogen sind (Paul. Diac. II 28) – später folgt ihnen auch eine Horde der pannonischen Bulgaren und wird von dem Langogardenherzog von Benevent bei Saepianum, Bovianum und Aesernia angesiedelt, wo sie lange Volkstum und Sprache bewahrte (Paul. Diac. V 29; s. auch o. Bd. III S. 1042f.); endlich die von Asparuch geführten Unugundurbulgaren, die sich nach langem Streifen zwischen Balkan und Donau festsetzten und den slavischen Bulgarenstaat begründeten. Über die zurückgebliebenen, Uturgurischen Großbulgaren hat uns die armenische Geographie des Ps.-Moses eine wertvolle Angabe gerettet; danach zerfallen sie in vier Horden am Kuban und drei Nebenflüssen desselben, ostwärts bis in die geographische Länge der čerkessischen Küstenstadt Nikopsis ausgedehnt (s. die Namen o. Bd. III S. 1041). Aus dem Uturgurischen Stammland muß nun aber auch ein sechster Zweig der Bulgaren hervorgegangen sein, den jene ältere byzantinische Geschichtschreibung nicht berücksichtigt, der aber der späteren nicht völlig unbekannt geblieben ist. Nikephoros Gregoras (II 2), im 14. Jhdt., sucht den Ursprung der Donaubulgaren nicht an der Maiotis, wie sein gleichnamiger Vorgänger im 9. Jhdt., sondern im hohen Norden an der mittleren Wolga. Er hat also den Staat der Wolgabulgaren im Sinn, die in drei Stämme zerfielen und an der unteren Kama wohnten. Ihre Hauptstadt war unter demselben Namen Bulghar ein im Orient weitberühmter Handelsplatz. Seit dem 9. Jhdt. geben die arabischen Geographen die wertvollsten Berichte darüber; Marquart hat sich zuletzt an ihrer vielfach sehr schwierigen Herstellung und Analyse versucht (Streifzüge XXVII–XXXVI; 149–160. 335ff.; s. auch Tomaschek o. Bd. III S. 1045). Wenn Masūdī irrig die Stadt Bulghar an der Ostküste der Maiotis sucht, so ist diese Verwechslung der Wolgabulgaren mit den Uturgurischen für das Fortbestehen der letzteren interessant.

War die Hauptteilung der bulgarischen H. in Kuturguren und Uturguren durch das Vordringen der hunnischen Sabiren verursacht, so war keine freiwillige auch die neue Teilung und Auflösung der Kuturguren im 6. Jhdt., die die hunnische Großmachtstellung dieses Volkes vernichtete. Iustinian hatte, weil er sich gegen ihre Einfälle keine Hilfe mehr wußte, in ihrem Rücken das Brudervolk der Uturguren aufzuhetzen verstanden. Der furchtbare Kampf, der darauf 558 anhebt, schwächt beide und gibt einem neuen Volk und einer neu entstehenden Macht leichtes Spiel. In demselben Jahre werfen die eigentlichen Türken (chines. Tu-küe) die ersten Wellen bis nach Europa. Auf der Flucht vor dem westtürkischen Chagan erscheinen im Norden des Kaukasus und im Dongebiet zunächst die Pseudavaren; ihnen folgten bald andere nächstverwandte Stämme, die Barsil, Zabender, Tarniarch (Theophyl. Sim. VII 8). Avaren wurden sie von den Sabiren genannt, in Verwechslung mit den echten Avaren Zentralasiens, den Žuan-žuan der Chinesen (Theophyl. VII 7). Ihre wirklichen Namen waren War und Chuni; danach auch Warchonitai (vgl. Zeuss, Marquart [2609] Erānšahr 52. Chavannes a. a. O. Hirth Nachwort zur Inschrift von Tonjukuk 37–43). Sie gehören zu den 15 Stämmen der Uiguren, die wiederum für eine Abteilung der volkreichen Tölös gelten und ein Hauptzweig der Türkrasse sind, mit dem Weidegebiet hauptsächlich im Steppenland der Selengaquellflüsse. Es ist ethnologisch bedeutungsvoll, daß bei den Uiguren der uralte Volksname Hun als Stammesname fortlebte; sie hatten die ausdrückliche Tradition, daß ihr Stammvater ein Abkömmling der Hiung-nu gewesen sei (s. die Stelle des Tang-šu bei Chavannes 87). Der erste Anprall dieser Warchoniten traf das hunnische Hauptvolk im nordkaukasischen Vorland, die Sabiren, und zugleich die finnischen Unuguren und bulgarischen Uturguren. Aber am stärksten wurden diesseits des Don die Kuturguren und die slavischen Anten erschüttert; Agathias kann übertreibend sogar von einer völligen Vernichtung der Kuturguren und Uturguren sprechen. Die Wahrheit ist, daß ihr Staat sich auflöste, ihre Fürsten Vasallen der Avaren wurden. Unter dem avarischen Druck erfolgt die oben besprochene Teilung und Zerstreuung der Bulgaren; die pannonischen blieben im Gefolge der Avaren, die anderen fanden bei den Langobarden Zuflucht, nur die dritte Abteilung der Donaubulgaren bewahrte ihre Selbständigkeit und gelangte zu neuer staatlicher Konsolidierung. Den Avaren (s. den Art. Tomascheks, o. Bd. II S. 2264f. wo aber noch unrichtig diese Pseudavaren mit den echten Avaren zusammengeworfen sind) selber ließen die Westtürken keine Ruhe, so daß jene das eigentliche Feld ihrer furchtbaren Raubzüge nach Zentraleuropa verlegen, bis sie im Gepidenlande dauernde Wohnsitze nehmen. Aus den Gesandtschaftsberichten des Zemarchos und Valentinus kennen wir die sich rasch erweiternden Etappen der westtürkischen Eroberungen in Osteuropa; 568 war die Wolga die Grenze, 576 die Maiotis. Die Westtürken haben den beiden hunnischen Staaten der Sabiren und der östlichen Bulgaren den Todesstoß gegeben. Aber die westtürkische Herrschaft war hier doch nur ephemer; ein langdauerndes und mächtiges Reich gründen seit dem Anfang des 7. Jhdts. im ganzen Umfang des ehemaligen Alanenlandes die Chazaren, die sicher ein Türkvolk waren. Ihnen gehorchen auch die zwischen Don und Dnjepr zurückgebliebenen Kuturguren oder Schwarzbulgaren, bis sich hier im 10. Jhdt. die gleichfalls sicher türkischen Pečenegen festsetzen.

Die eigentlichen Türken, die Tu-küe der chinesischen Annalen, werden bald nach der Mitte des 6. Jhdts. das mächtigste Volk Zentral- und Nordasiens. Anfangs Untertanen der allmächtigen Žuan-žuan und geradezu ein Volk von Schmieden, das im Dienste jener Herren sein Handwerk üben mußte, tragen sie 552 einen entscheidenden Sieg über die echten Avaren davon. Von den Avaren ging der Titel Chagan aus für den bisher bei den H. üblichen šan-yü (402 n. Chr.). Die Rassenzugehörigkeit des Volkes steht nicht sicher fest. O. Franke (Tempelinschrift von Idikutšahri) hält sie wohl mit Recht für Tungusen und macht auf eine Stelle des Tung-tien aufmerksam, daß die [2610] Gesichtszüge der Bewohner des nördlichen Tarymbeckens ähnlich seien denen der Koreaner, die ja gleichfalls tungusischer Abstammung waren. Es ist wohl auch nicht bedeutungslos für dieses Problem, daß die Reste der von den Tu-küe geschlagenen Žuan-žuan, die einen auf chinesischem Boden Zuflucht suchen bei der Weidynastie tungusischer Abstammung (Chavannes 222, 5), die anderen bei den Mukri (Mu-ki, Mo-ho), einem tungusischen Hauptvolk. Neben den Avaren, ihnen erst unterworfen, solange sie, ein unbedeutender Stamm, am Berge Kin-šan wohnten, und schließlich mit ihnen verbündet, hatten die Hephthaliten seit der Mitte des 5. Jhdts. ein großes Reich im skythischen Zweistromland gegründet (vgl. Drouin Mémoire sur les Huns Ephthalites dans leurs rapports avec les rois Perses Sassanides, Muséon 1895. Chavannes 222ff. Marquart Erānšahr 58ff.). Auch dieses fällt unter dem siegreichen Ansturm der Westtürken, welche nun Herren Sugdianas und Baktriens werden. Die Hephthaliten (syrisch Abdel, pers. Hētal, chines. Je-ta, das Jep-tal ausgesprochen wurde) waren die Nachfolger der hunnischen Chioniten (s. o.) geworden. Marquart setzt sie mit den Κιδαρῖται gleich, die Priskos Οὖννοι nennt und die erst vor den echten Avaren gegen Westen nach Po-lo (Balchan?) und nach einem entscheidenden Siege (des Sāsāniden Pērōz im J. 468 über den Hindukuš nach Gandhāra entweichen. Dagegen kämpft Pērōz 484 gegen die Hephthaliten, als sie gegen Tocharistān vordringen, dreimal so unglücklich, daß Nordostiran völlig schutzlos offen lag. Die Invasion war eine der furchtbarsten. Die Provinz Aria–Harēw und andere Distrikte gehen an die Kadisäer, wohl eine Abteilung der Hephthaliten, und dann an das Hauptvolk selbst verloren. Die Perser mußten sogar zwei Jahre Tribut zahlen. Nachdem Chosrau Herat wiedergewonnen, blieb im wesentlichen Marw-i rōdh die sasanidische Grenzfestung gegen die Hephthaliten. Der herrschende Stamm führte nach übereinstimmenden Zeugnissen der Chinesen und Byzantiner seinen Namen von dem König Ephthalanos; das ist entschieden türkische Sitte, die auch die hunnische ethnische Nomenklatur unverkennbar widerspiegelt (vgl. Marquart Streifzüge 44). Und H. sind die Hephthaliten nach Prokops ausdrücklicher Angabe (pers. Krieg I 3). Nach seiner Beschreibung waren sie keine Nomaden mehr, er rühmt ihr dem römischen und persischen nicht nachstehendes, wohl geordnetes Staatswesen, in dem es, wie überhaupt türkischer, Grundsatz war, auch die Fremden zu respektieren. Was ihren physischen Charakter betrifft, setzt er sie freilich in scharfen Gegensatz zu den übrigen H.; sie seien ‚weiß und von schönem Ansehen‘ – gegenüber der gewöhnlich hervorgehobenen hunnischen ‚nigredo pavenda‘. Aber das ist ganz sicher für die Hephthaliten nur aus der bei den Byzantinern gebräuchlich gewordenen zweiten Bezeichnung ‚Weißhunnen‘ vermutet. Denn Marquart (Erānšahr 55 u. 96) stellt fest, daß diese zum ersten Mal schon 395 auftaucht und damals für die H. gebraucht wird, die über den Kaukasus nach Persien vordringen; er möchte glauben, daß das Horden von [2611] Chioniten waren und daß von diesen der Name auf ihre hephthalitischen Nachfolger übertragen sei, – doch wohl um im allgemeinen die asiatischen von den europäischen H. zu unterscheiden. Jedenfalls ist der Name für die Hephthaliten nicht erfunden und darum seinem etwaigen tieferen Sinn nach auch nicht anwendbar. Wurde er für die erst den H. unterworfenen, dann politisch mit ihnen vereinigten arischen Alanen, für die alanischen H. geprägt? Diese waren ‚hochgewachsen und schön, mit mäßig blonden Haaren, dagegen in Kampfesmut und kriegerischer Tüchtigkeit den H. gleich‘ (Ammian. Marc. XXXI 2, 21 und Iordanes 24; dieser sagt ausdrücklich pugna … pares, sed humanitate victu formaque dissimiles). So unterscheiden auch noch die arabischen Geographen (Ibn Fadlān bei Iāqūt) die Kara Chazar mit dunkler Komplexion von einem anderen Zweige desselben Volkes, das weiße Gesichtsfarbe habe und sich ‚durch Gestalt und Schönheit‘ auszeichne, also doch wohl echte H. von arischen Alanen (obwohl merkwürdigerweise und sicher irrtümlich derselbe Ibn Fadlān gegen das Zeugnis anderer arabischer Geographen die türkische Sprach- und Rassenzugehörigkeit der ursprünglichen Chazaren bestreiten will).

Hephthaliten und Avaren erlagen bald nacheinander der Erhebung der Tu-küe, zuerst, 552, die Avaren, zwischen 563 und 567 die Hephthaliten. Die Türken beherrschten damit das zentrale Hochland der Wüste mit seinen Oasenlandschaften und das skythische Zweistromland; bald gehorchten ihnen auch die ehemals alanischen Steppen bis Maiotis und Tanais, wo sich zwei Jahrhunderte lang hunnische Völker gedrängt hatten. Die Türken erscheinen schon bei ihrem ersten Auftreten und ihrer nationalen Erstarkung in zwei, von einem Brüderpaar beherrschte Zweige zerspalten, die nördlichen und westlichen Tu-küe. Die Vormacht geht sehr rasch auf die Westtürken über. Das Ursprungsgebiet der türkischen Nation ist die nördliche Mongolei, von der Dsungarei durch den Altai und das Changaigebirge bis zur Selenga und dem Orchon, die in den Baikalsee münden. An dem letztgenannten Flusse sind noch nicht lange die berühmten nordtürkischen Inschriften gefunden, in denen die Taten der ersten Chagane und die Begründung ihres Staates der Nachwelt überliefert sind. Das Kernland der westtürkischen Chagane wird dann der Tien-šangürtel mit seinen Vorländern. Hier lag Yüe-pan, das wir als Hauptherd und Wiege der verschiedenen, westlich und südwestlich, nach Europa und gegen den Iaxartes gerichteten hunnischen Wanderungen vom 1. vorchristlichen bis zum 5. nachchristlichen Jhdt. ansehen müssen. Die Familie, aus der die Chagane der Türken entsprossen sind, hatte die Tradition, daß sie von einer Wölfin und einem Hiung-nu-Jüngling abstamme. Noch die beiden ersten türkischen Fürsten scheinen den hunnischen Titel šan-yü geführt zu haben (Chavannes 38). Der chinesische Kaiser bezeichnet gelegentlich das Reich des westtürkischen Chagan als Königreich der Hiung-nu (Chavannes 16); und im Tang-šu wird der Name Tu-küe anachronistisch geradezu für die uralten Hiung-nu gebraucht, welche die Yüe-či vertrieben [2612] (Chavannes 184), oder das Uigurenland im Norden des Altai als altes Territorium der Hiung-nu bezeichnet (Chavannes 96). Tatsächlich ist die Ableitung der Türken von den Hiung-nu so gut wie sicher und von niemandem bestritten. Nach aller Wahrscheinlichkeit sind die Tu-küe hunnische Horden, die sich ebenfalls von Yüe-pan im Tienšan, aber entgegengesetzt den europäischen Wanderungen nach Osten oder Nordosten über die mongolischen Hochflächen ausgebreitet haben. Hier hat sich die türkische Nation zusammengeschlossen, aber hier war sie erst verhältnismäßig kurze Zeit eingewandert, vielleicht in den Jahrhunderten, die zwischen der Flucht des nördlichen šan-yü nach Sugdiana (90 n. Chr.) und dem großen osteuropäischen H.-Sturm von 375 liegen. Es ist möglich, daß sich der Bevölkerungsüberschuß der Hiung-nu Yüe-pan’s während dieses Zeitraumes nach Osten ergossen hat, um dann notwendig wieder in die westliche Richtung umzukehren. Auch die 15 Stämme der Hoei-ho (auch Kao-kü und Te-le, das ist Tölös; siehe über die 15 Stämme Chavannes 87f.), von denen derjenige der Uiguren die historisch bedeutsamste Rolle spielen sollte, haben nach der maßgebenden chinesischen Kenntnis ausdrücklich einen Abkömmling der Hiung-nu zum Stammvater (die Stelle des Kien Tang-šu bei Chavannes 87); auch sie rühmten sich selber, aus der Vereinigung einer Hiung-nu-Prinzessin mit einem Wolfe hervorgegangen zu sein (Chavannes 220, 3). Sie wohnten im Norden der Tu-küe und grenzten im Westen an ein drittes Turkvolk, die Kien-koen oder Kirgizen. So stehen die nördlichen Hiung-nu des Tien-šan nachweislich an der Spitze eines in Zeit und Raum weit ausgedehnten Völkerstammbaumes. Welle auf Welle hat sich aus Yüe-pan und seinen Nachbargebieten nach Osten, Westen, Südwesten und Norden ergossen; aber am Ausgangspunkt war jede noch klein, sie wächst und schwillt in Höhe und Breite außerordentlich, je weiter sie rollt. Dafür geben die chinesischen Berichte über die älteren H.-Wanderungen lehrreichste und charakteristische Belege. Mit nur 3000 Männern kommt 50 v. Chr. der Hiung-nu-Fürst Čï-čï in das Grenzland des Iaxartes. Aber mit den Auserlesensten und Kräftigsten seines Volkes, das doch schon in der hunnischen Urheimat, in Kan-su, eine erste Auslese durchgemacht hatte (vgl. die treffenden Bemerkungen Hirths). Wir haben uns ähnliches für die 375 in Osteuropa einbrechenden hunnischen Horden vorzustellen. Auch die Eroberer des Alanenlandes werden an Zahl verschwindend gewesen sein, dafür aber ausgesuchte Männer von nicht gewöhnlicher militärischer Tüchtigkeit und hervorragender politischer Veranlagung. Beides charakterisiert diese Rasse in hohem Maße. Wo sie auftreten, werden sie der Kern eines neuen Staates, ballt sich im Nu um sie ein neues Volk. War der Weg dieser unaufhaltsam vorstürmenden Reiterhorden von Trümmern und Zerstörung gezeichnet, so wächst am Ziel schnell ein imposanter Bau empor; diese als Vernichter berüchtigten Männer haben auch aufzubauen verstanden, das vergißt die Überlieferung gebührend anzumerken. Es muß hier genügen, an das Beispiel der [2613] Südslaven zu erinnern, die, selber politisch unfähig, allein der staatenbildenden Kraft und Fähigkeit der hunnischen Bulgaren im 7. und 8. Jhdt. ihren nationalen und politischen Zusammenschluß verdanken. An anderen Beispielen ist kein Mangel. Auch aus den Berichten der Chinesen, dieser großen staatlichen Organisatoren, spricht die Anerkennung für diese spezifische Begabung der Hunrasse. Zu ihr gehört auch der ausgeprägte kaufmännische Sinn. Welche Bedeutung die von den westtürkischen Chaganen geschaffenen und befriedeten Karawanenstraßen für die Vermittlung von geistigen und materiellen Kulturgütern zwischen dem Abendlande und China, für die Ausbreitung des Christentums und Buddhismus bis in den äußersten Osten Asiens gehabt haben, kann hier nicht einmal angedeutet werden. Aber schon die türkischen Argippaier hatten den Ruf äußerst zuverlässiger Mittler des innerasiatischen Handelsverkehrs; und kaum waren die H. des Alanenlandes staatlich organisiert, so knüpften sie regelmäßige Verbindungen an mit ihren Stammesgenossen in Kan-su. Unter den finnischen Unuguren pflegten sie den Pelzhandel, und an der Kama blühte seit dem 9. Jhdt. als Handelsmetropole des ganzen weiten finnisch-ugrischen Territoriums die Hauptstadt der Wolgabulgaren.

Aber gerade die Fähigkeit, die sie auszeichnete, mit verhältnismäßig sehr wenigem Menschenmaterial allophylen, volkreichen, aber vielfach unentwickelten Massen wie den finno-ugrischen und slavischen zum Ferment zu dienen, als ‚Salz der Erde‘, war der Erhaltung der eigenen Rasse am wenigsten günstig. Diese numerisch schwachen, von wenigen Frauen begleiteten H.-Stämme waren anthropologisch verloren unter den fremden Völkern, die sie unterwarfen und beherrschten. Im Verlauf nicht vieler Generationen mußten sie notwendig beinahe spurlos verschwinden. Auch dafür geben die heutigen Bulgaren ein gutes Beispiel. Ein noch besseres und bedeutsameres die Osmanen. Wer die Bevölkerungen der Türkei aus eigner Anschauung kennt, weiß, daß unter ihnen türkische Rassenmerkmale eigentlich überhaupt nicht mehr gefunden werden. Nach den wahren Ursachen des traurigen Verfalls des osmanischen Staates braucht es kein mühsames Suchen. Waren die H., die Europa und Vorderasien überrennen, nur wie ein Tropfen in dem Völkermeer, das sie aufnahm, so ist weiter sicher, daß schon die im Tien-šan und Yüe-pan eingewanderten nördlichen Hiung-nu als wenig zahlreicher Herrenstand über einer stark gemischten älteren Bevölkerungschicht saßen, in der das indogermanische und arisch-sakische Element noch überwog; in der Teile der bunt zusammengesetzten Yüe-či und der Wu-sun aufgegangen waren; zu der auch von Westen her die vorderasiatische Rasse ihr nach Ausweis des heutigen anthropologischen Bildes dieser Gegenden gewiß ansehnliches Kontingent gestellt hatte (Tapuraioi, s. den Art. Hyrkania). Und damit noch nicht genug, betonen die Sinologen, daß schon in Kan-su viele Jahrhunderte hindurch und seit sehr früher Zeit die Hiung-nu sich äußerst stark namentlich mit Chinesen und Tungusen gemischt haben müssen (vgl. O. Franke [2614] a. a. O. 10ff. und sonst; man beruft sich, um die ethnologischen Zustände zu charakterisieren, nach Radloffs Ausführungen auf das wirre Durcheinander der alttürkischen, tungusischen und mongolischen Sprachen mit ihren zahlreichen Lehnwörtern, das jenes Gebiet heute aufweist). Die Hiung-nu waren also alles andere als ein reines Turkvolk, schon als sie im 1. Jhdt. v. Chr. in das nördliche Randgebiet des Tarymbeckens zurückwichen.

Die abendländischen Schriftsteller drücken in starken Worten ihren Abscheu aus über die angeblich kaum noch menschliche Häßlichkeit der hunnischen Rasse, aber eine exakte Beschreibung ihrer physischen Eigentümlichkeiten findet sich bei keinem (s. Ammian. Marc. a. a. O. Iordan. 24; Stellen bei den Dichtern Claudian und Sidonius Apoll.). Der berühmte Bericht des Priskos über die Gesandtschaft an Attila enthält darüber ebensowenig wie diejenigen des Zemarchos und Valentin über ihren Aufenthalt beim Chagan der Türken. Was Herodot über die unverkennbar mongolischen Gesichtszüge der Argippaioi mitteilt, ist die beste und charakteristischste Beschreibung geblieben. Treffend ist die Bemerkung des Iordanes über die enge Öffnung der Lidspalte (facies habens magis puncta quam lumina), des Ammianus über den mangelnden Bartwuchs. Die auffällig geringe Körperhöhe und die Gedrungenheit des Körperbaus werden hervorgehoben. Umso ausführlicher sind die Schilderungen über Lebensweise und Sitten der H. gehalten (namentlich bei Ammian. Marc. a. a. O.). Aus der Literatur führe ich an: J. Deguignes Histoire générale des Huns, des Turcs usw. (Paris 1756–1758), noch immer nicht völlig ersetzt. Nicht bloß durch Materialsammlung dauernd grundlegend Zeuss Die Deutschen (1837) 706–743; dazu jetzt bequem und übersichtlich K. Dieterich Byzantinische Quellen zur Länder- und Völkerkunde I 20–24. II 1–59. E. H. Parker The Turco-Scythian Tribes, China Review XX und XXI und A Thousand Years of the Tartars, Shanghai 1895. Vambéry Das Türkenvolk. A. Wylie History of the Hiung-Noo in their Relations with China, Journ. of Anthropol. Institute III 401–451 und V 41–80, übersetzte den Teil der Han-Annalen, welcher die Geschichte der Hiung-nu enthält. Richthofen China I. Fr. Hirth Über Wolga-Hunnen und Hiung-nu, S.-B. der Akad. Münch., phil. hist. Kl. 1899, 245–277, und Nachworte zur Inschrift von Tonjukuk in Radloffs alttürk. Inschriften der Mongolei 2. Folge; ganz neuerdings in Journ. Americ. Orient. Soc. XXX = 1909, 32–45 gegen Kingsmill in Journ. Chin. Br. R. Asiat. Soc. XXXIV 137–141. O. Franke Beiträge aus chinesischen Quellen zur Kenntnis der Türkvölker und Skythen Zentralasiens (Abhandl. Akad. Berl. 1904) und die von Franke S. 10 zitierte Literatur. Die von Oberhummer im Geogr. Jahrb. XXXIV 372 aufgeführte Abhandlung von K. Némäti ist von mir nicht berücksichtigt, weil nicht im Buchhandel erschienen. Fundamental wichtig ist die meisterliche Abhandlung von E. Chavannes Documents sur les Tou-kiue (Turcs) occidentaux in Abhandl. d. Petersburger [2615] Akad. d. Wiss. 1903, VI, Vgl. auch Tomaschek Artikel Bulgaroi o. Bd. III. Für die alttürkischen Inschriften vgl. Thomsen Inscript. de l’Orkhon. Radloff und Hirth (s. o.), Marquart Historische Glossen zu den alttürk. Inschr., und Chronologie der alttürk. Inschr. G. Huth Neun Mahaban Inschriften (Veröff. Mus. f. Völk. Berlin, Suppl. 1901).

  1. Auf die Agrippakarte gehen unzweifelhaft die mittelalterlichen Karten zurück, welche Alani Seite weit westlich vom Tanais und womöglich an einem Alanus flumen ansetzen (= Borysthenes, dessen Quellen nach Marcian bei den Alanen gefunden werden; – wenn nicht in diesem Namen vielmehr Selliani der Tab. Peut. steckt). So besonders die Hieronymuskarte I (Miller Mappae mundi Heft 3). Die Hereforder Karte hat sie am Danaper (= Borysthenes) und setzt einen Alanusfluß weiter im Westen als Nebenfluß der Donau und Grenze Dacias an. Alania an der Donaumündung, also neben dem Alanusfluß der Hereforder Karte, hat die Beatuskarte. Alania westlich vom Tanais in dem Territorium, ‚welches nachher die Gothi einnahmen‘, verzeichnet die Orosiuskarte, welche um 100 n. Chr. als Überarbeitung der Agrippakarte entstanden ist. Das ist alles umso wichtiger, weil der Geographus Ravennas und die Tab. Peut. Alani vielmehr unmittelbar am Kaspischen Meer und am Araxes ansetzen!
  2. Ich finde einen möglichen Einfluß der Agrippakarte sonst nur auf der Hieronymuskarte I. Sie folgt darin ganz sicher Orosius (die Zeichnung des Ottorogorasflusses ist dafür am charakteristischsten), daß sie die Huni scite östlich des Kaspischen Meeres ansetzt. Aber z. B. die Hereforder Karte gibt diesen doch sehr viel genauer wieder, indem sie die H. ins zentrale Binnenland vor das große Scheidegebirge legt. Hier weicht nun die Hieronymuskarte auf das stärkste ab und schiebt die H. weit ab vom Kaukasus-Taurus unmittelbar an den nördlichen Ozean. Das ist doch kein Zufall, sondern nach dem Vorbild der Agrippakarte geschehen.