RE:Avares

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band II,2 (1896), Sp. 22642265
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Avares oder Αὔαροι, ein hochasiatisches, mit den Hunnen nächstverwandtes Nomadenvolk, das vom Beginn des 5. bis zum Ausgang des 9. Jhdts. eine mächtige Rolle spielt. Nach den sinischen Berichten nannte sich die Horde eigentlich Šo.šo oder Šu.šu; der Führer derselben Še.lün schlug im J. 400 die Uïghuren, 402 die westlichen Hunnen und nahm zuerst den Titel ,Zerspalter‘ Chaghan (vgl. mongolisch chagha ,entzwei‘), der griechisch χάγανος lautet, an. Der Urprung der persischen Bezeichnung dieses Volkes Âbar oder Awar ist noch unaufgeklärt, vielleicht blos eine Entstellung von Ὀγώρ Theophyl. Sim. p. 283. 285; das Compositum Οὐαρχωνῖται, Οὐὰρ καὶ Χουννί bezeugen Menander p. 400f. Theophyl. p. 284. Die Âbar eroberten u. a. das Flachland am Irtyš, wo die hunnischen Sabiroi sassen und dessen persische Bezeichnung Âbar-o-Sabir sich noch lange forterhielt, in der entstellten Form Ibir-Sibur noch bei Hans Schiltperger aus dem J. 1400, sowie in der vom Kosaken Jermak eroberten Herrschaft Sibir. Von da zogen die Ἀβάρεις, angeblich durch Überflutungen des nördlichen Oceans und durch Scharen von Adlern verdrängt, um 460 in das kaspische Flachland südlich vom Tanaïs herab, wo sie die übrigen hunnobulgarischen Stämme unterwarfen, Priscus p. 158. Sie erhielten hier Zuzug von 20 000 flüchtigen Awarenfamilien aus dem innerasiatischen Ostreiche, dessen letzter Chaghan Anaghaï 551 von den Altaï-Türken unter Tuman [2265] vollständig besiegt worden war; da die Türken von Osten her beständig drängten, wandten sich die A. mit um so stärkerer Wucht dem Westen zu. Schon 557 forderten sie von Iustinian Wohnsitze; der Kaiser lenkte ihre Aufmerksamkeit auf das pannonische Flachland, wo Langobarden und Gepiden sassen, und hielt sie mit Jahrgeldern fern, Menander p. 282ff. Sie warfen sich auf die Antai und beunruhigten alle Länder bis zur Grenze des fränkischen Reiches an der Elbe, wo ihnen Sigisbert entgegentrat, Paul. Diac. II 10. Gregor. Tur. IV 23. Menander p. 302f.; sie bemächtigten sich als Bundesgenossen Alboins des Gepidenlandes, und das ,Feld‘ zwischen Donau und Theiss erscheint fortan als ihr eigentlichster Sitz, wo sie sich hinter neun Gehegen oder Ringen verschanzt halten; die unterworfenen Bulgaren- und Slawenstämme bildeten bei allen ihren Unternehmungen die Vorhut. In den letzten Jahren des Iustinus II. 575 und 576 fiengen sie an, auch das römische Ostreich zu beunruhigen, Chron. Biclar. (Roncalli II 388); wiederholt forderten sie von Tiberius (578–582) Sirmium und Erhöhung der Jahresgelder; das Volk von Byzanz sah staunend die braunen Gäste, die ihr mit Wildfedern geziertes Haar in langen Flechten herab wallen liessen; Sirmium ging an den Chaghan Bajan verloren, und Dalmatia wurde von den Raubscharen verwüstet. Die furchtbaren Verheerungen und Stürme unter Kaiser Mauricius (582–602) schildert uns das Geschichtswerk des Theophylactus. Unter Heraclius 624 belagerten die A. als Bundesgenossen der Perser selbst die Hauptstadt; sie zogen jedoch bald ab, vielleicht weil mittlerweile die Chorwaten und Serben mitten durch ihr Land nach Dalmatia eingezogen waren. Zugleich erhoben sich die rebellischen Hunnobulgaren im Osten, die Bajuwaren, Karantanen, Morawier und Cechen im Westen gegen das tyrannische Volk. Doch gelang es erst Karl d. Gr. 790 die Grenzen der Avaria östlich vom Ennsfluss einzuschränken; sein Sohn Pipin drang nach Einnahme der Ringe 796 bis Sirmium (byz. Φραγγοχώριον) vor und unterwarf mehrere awarische Herzoge oder Τούδουωοι (Et. magn. p. 763, ahd. zodan, zotan; türk. tutaghan, tutūn, von tut- ,festhalten). Im Karpatenland und an der unteren Donau brach ihre Macht erst der Bulgarenchan Krum völlig 802–807, Suid. s. Βούλγαροι; unter seinen Heeresmassen vor Byzanz 814 werden auch A. erwähnt; die letzte Spur ihres Namens, der bei Nestor Obri lautet, begegnet 873. Vgl. Zeuss Die Deutschen 727–742. Dümmler Gesch. d. fränk. Reiches.