RE:Librarius

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band XIII,1 (1926), Sp. 137139
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Librarius. Die Grundbedeutung ist wohl ,Schreiber von Büchern, Schreiber‘. Seine Tätigkeit ist nicht auf das Abschreiben der Bücher beschränkt. Bei Liv. XXXVIII 55, 8 wird dem scriptor (= Autor) der l. (= Abschreiber des Buches), dem bei dieser Tätigkeit ein Versehen in der Wiedergabe einer Gold- und Silbersumme aus einem Buche des L. Scipio begegnet, gegenübergestellt. Ähnlich ist l. der Bücherschreiber bei Cic. ad Att. XII 40, 1. Cic. de leg. agr. II 13 (32) nennt ihn neben dem scriba als zum Personal eines Amtes gehörig; hier hat er natürlich nicht Bücher abzuschreiben, sondern wohl Akten zu führen oder im Rechnungswesen tätig zu sein (s. u.). Ein wesentlicher Unterschied von scriba (= Sekretär), der aus dieser Stelle gefolgert werden könnte, tritt sonst nicht zutage. Festus 446 Linds. sagt: scribas proprio nomine antiqui et librarios et poetas vocabant. at nunc dicuntur scribae equidem librari, qui rationes publicas scribunt in tabulis (vgl. auch die scribae librarei der Lex Iulia municipalis CIL I 206 Z. 80). Isid. orig. VI 14 unterscheidet 2 andere Klassen von Schreibern: librarii autem iidem et antiquarii vocantur: sed librarii sunt, qui nova et vetera scribunt; antiquarii qui tantummodo vetera unde et nomen sumpserunt, eine Stelle, die durch Gardthausen Griech. Pal. II² 163 kaum ganz ins richtige Licht gesetzt wurde. Nach ihm ist der antiquarius der Kopist der alten Literatur, der auch die alte Schrift nachmalte, der l. dagegen derjenige, welcher in der Kursive die Urkunden der Gegenwart schrieb. Wir haben kein Zeugnis dafür, daß der l. in Isidors Zeit nur die Urkunden in Kursive [138] schrieb; sonst könnte er ihn ja auch gar nicht mit dem antiquarius teilweise gleichsetzen. Der l. ist vielmehr deutlich derjenige, welcher sowohl die Bücher (ob alt oder neu, ist gleich; vgl. z. B. Nepos Att. 13. Cic. ad Att. IV 4 b [dort sollen sie σίλλυβοι anfertigen]. Briefe schreiben sie bei Plin. n. h. VII 91. Cic. ad Att. IV 16, 1) in der buchmäßigen, kalligraphischen Unzialschrift, als auch die Urkunden in der Kursive der Zeit zu schreiben verstand. Diese doppelte Tätigkeit ist auch aus den anderen Zeugnissen ersichtlich.

Dem l. diktierte man etwas zum Niederschreiben. Er war als Geheimsekretär verwendet (Vell. II 83, 1).

Schon aus der Festusstelle sahen wir, daß der l. auch Buchhalter und Rechnungsführer war. Veget. ep. rei mil. II 7 bezeugt Ähnliches fürs Heer: l. (sc. appellantur) ab eo, quod in libros referunt rationes ad milites pertinentes (s. u.). Ein Testamentsschreiber bei Dessau 7750 l. qui testamenta scripsit annos XXV sine iuris consult(o). Dig. L 13, 1 § 6 unterscheidet librarii, notarii, calculatores.

Vielleicht, weil in älterer Zeit die Tätigkeit des Bücherabschreibens und des -verkaufs Hand in Hand gingen, hieß auch der Buchhändler l. Als solcher wird er bei Sen. de benef. VII 6, 1 dem Autor gegenübergestellt und tritt uns in der amüsanten Stelle bei Gell. Noct. Att. V 4, 1 (s. auch XVIII 4, 1) ferner bei Isid. orig. VI 14 u. a. entgegen.

Und ebenso mag sich dadurch, daß die l. ihre Kunst auch anderen beizubringen suchten, die weitere Bedeutung eines Schreib- und Elementarlehrers entwickelt haben (s. den Art. Literator), so in Edict. Diocl. 7, 69 (CIL III 2): librario sibe antiquario in singulis discipulis menstruos (denarios) quinquaginta. Auch nach dieser Stelle deckt sich offenbar die Tätigkeit des l. und des antiquarius. Vgl. zur Lehrtätigkeit noch Hier. ep. 107, 4. Porph. Hor. ep. Holder S. 366. 374, 28. Inschr. Dessau 7752 (doctor librarius). Dig. L 6, 6 librarii quoque, qui docere possunt. Dort sind auch l. depositorum und l. caducorum erwähnt. Als Lehrer für Bücherschrift Isid. orig. I 3, 1. Ein litteratus Graecis et Latinis librarius CIL XI 1236. Vgl. CIL VI 3413 doctor l. de sacra via (von Henzen angezweifelt).

Die Inschriften gestatten, das Bild noch etwas zu vervollständigen, insbesondere ihre Stellung im Heere noch etwas genauer zu bestimmen (vgl. Dessau Index 491). Mehrfach tritt dort ein Soldat mit dem Titel l. (vgl. etwa CIL III 1317. 1885) oder l. consularis auf (CIL III 1318. 5435. 5631. 5814. 6246. VII 1038). Im einzelnen ersehen wir, daß es einen libr(arius) leg(ati) [CIL III 1105. 1166. 1194 (hier lib(rarius) legati leg(ionis) XIII G(eminae)). 3334. 3538 (beide ähnlich)), einen lib(rarius) leg(ionis) [CIL III 909: librarius leg(ionis) V. 1205. 1648] gab. CIL 1477 nennt einen Soldaten libr(arius) a ration(ibus), 804 einen librar(ius) ale Fronto(nianae).

Obwohl Gardthausen´ Griech. Pal. I² 44 dem l. den cerarius entgegengesetzt werden läßt, scheint CIL VIII 2985 und 2986 ihre Identität zu beweisen. Während sich Tonneius Martialis [139] in der ersteren Inschrift als lib(rarius) leg(ionis) III Aug(ustae) bezeichnet, nennt sich derselbe (so nach dem Herausgeber) in der anderen cerar(ius) leg(ionis). Die Abbildung eines Legions-L. begleitet die Inschrift CIL XIV 2278; er hält in der rechten Hand seiner Tätigkeit gemäß eine Rolle. Einen privaten l. erwähnt CIL III 3166.

Gardthausen Griech. Pal. I² 44. II² 163. Marquardt Privatl. d. Röm. II 802f. Blümner Die röm. Privataltert. 320. 472. 616 [hier die ältere Literatur]. 643. Haenny Schriftsteller und Buchhändler in Rom² 1885, 22. Dziatzko Autor und Verlagsrecht, Rh. Mus. XLIX 572. Birt Das antike Buchwesen 207. 356f.