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Raisonirendes Journal vom deutschen Theater zu Hamburg (14.–26. Stück)

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Autor: J. F. Ernst (d. i. Johann Friedrich Ernst von Brawe, 1746–1806)
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Titel: Raisonirendes Journal vom deutschen Theater zu Hamburg
Untertitel: 14.–26. Stück (Januar–März 1801)
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Erscheinungsdatum: 1801
Verlag: Conrad Müller
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Erscheinungsort: Hamburg
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Quelle: Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, Commons
Kurzbeschreibung:
Auf den Seiten 199–206 folgt ein Register der besprochenen Inszenierungen im 1.–13. Stück der Zeitschrift, auf den Seiten 207–224 ein entsprechendes Namensregister.
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[1]
Raisonirendes
Journal
vom
deutschen Theater
zu Hamburg.

Januar, Februar, März, 1801.

Hamburg,
gedrukt von Conrad Müller.
[3]
Raisonirendes
Journal
vom
deutschen Theater zu Hamburg.

Vierzehntes Stük.

Sonnabends, den 10. Januar 1801.

Es ist hergebrachte, und sehr tödliche Sitte, bey dem Uebergang eines Jahres in das andre mit guten Wünschen vor dieienigen zu treten, denen man Achtung und Liebe schuldig zu seyn glaubt. Sie wird aber oft, wie mehrere, durch zu weite Ausdehnung, in Schlendriansgewohnheit dergestalt umgewandelt, daß man fast Jedem, dem man als Bekannten am ersten Januar, und an denen nächstfolgenden Tagen, begegnet, Ein: ich gratulire zum neuen Jahr, zuruft, ohne dabey von Achtung, Freundschaft, oder Liebe, das Mindeste zu empfinden. Die dermalen eingetretene Epoche des Zeitwechsels ist desto wichtiger, weil sie uns ausser dem neuen Jahre auch zugleich in ein neues Seculum eingeführt hat, und es wird um des [4] willen der Beruf zu guten Wünschen an dieienigen, welche uns werth und lieb sind, desto solenner.

Auch ich halte es für schiklich, bey der Fortsezung des raisonirenden Journals, sein erstes Stük im neuen Jahre mit dergleichen Wünschen anzufangen, werde aber für ieder Ausdehnung, die sie zu alltäglichem Gewäsche umwandeln könnte, mich sorgfältig hüten, sie selbst nur an und auf solche Gegenstände richten, die mir überhaupt schäzbar sind, zugleich aber für meine schriftstellerischen Geschäfte das wesentlichste Interesse haben.

Unserm deutschen Vaterlande wünsche ich baldigen, ehrenvollen, Frieden, der alle Drangsalen endet, die bisher manche seiner einzelnen Provinzen erschöpften, entvölkerten, verwüsteten, der Deutschlands Gerechsame und Würde wieder in vorigen Stand sezet, und ihm im neunzehnten Jahrhundert goldne Zeiten zusichert.

Hamburgs Staate, unter dessen Schuz auch ich zeither als Fremdling lebte, mich nährte, wünsche ich dankbar fortdauernden Flor in den zeitherigen Verhältnißen, weil sie so glücklich sind, daß noch höhere [5] Spannung derselben die weisen Geseze des Gleichgewichts erschüttern, die reßortirenden Federn zum Springen, oder zum Erschlaffen, befördern würde.

Jene Ehrwürdigen insgesamt, welche das Ruder dieses Staats von Zeit zu Zeit obrigkeitlich regieren, leite, unterstüze, belohne, der Ewige, damit ihr Bemühen fernerhin, wie zeither, allgemeine Wohlfarth befördere!

Auf Hamburgs guten Bürgern und Bewohnern in allen Classen, und Ständen, vom Millionair an bis zum arbeitsamen Tagelöhner, auf ihren Familien, auf ihren Geschäften, ruhe Gottes dirigirende Weißheit, sein tausendfältiger Seegen; dann werden die wichtigsten Speculationen eben so glüklich als der handthierende Mechanismus gelingen; dann wird der Reiche den Dürftigen desto großmüthiger unterstüzen, dann werden characteristische Verdienste von der Opulenz nicht über die Achsel angesehen, Künste und Wißenschaften als Mittel zur Aufklährung des Verstandes, zur Begründung der Moralität, zur Veredlung der Sitten, zur Cultur des feinern Geschmaks, zum Ausfüllen der Erholungsstunden, werthgeschäzt, ihr Streben [6] nach redlichem Broderwerb nicht mit Allmosen, sondern mit ermunternder Distinction, auch in Hamburgs Mauern, befördert werden.

Unserer deutschen Theaterdirection wünsche ich, mit ungeheuchelter Aufrichtigkeit, fernern, den zeitherigen äquiparirenden, Fortgang ihrer vielumfassenden Entreprise. Sie verdienen ihn wahrhaftig, denn Jahr aus Jahr ein fast täglich für das Vergnügen, für die Unterhaltung, für die Capricen, für den Beyfall, von Tausenden zu arbeiten, ist warlich kein – Federschließen. Ich empfehle ihr aber eben so treuherzig wohlberechnete Combination ihrer mercantilischen Plane mit den billigsten Rüksichten auf discretiven Geschmak, und dessen gerechte Ansprüche. Die Volksmenge kann sie fernerhin bereichern, nur die Zufriedenheit derer Kunstkenner und Verehrer wird sie, und Hamburgs von ihnen dirigirte Bühne, in Deutschlands Hochachtung aufrecht erhalten.

Denen Mitgliedern der ausübenden Gesellschaft wünsche ich wahres Gefühl für die Würde ihres Berufs. Sie arbeiten zwar – so bestimmt es das ungefeilte Urtheil des großen Haufen – für den bezahlten [7] Zeitvertreib des Publikum – aber sie wissen es hoffentlich Alle, ohne meine Erinnerung, daß sie auch die Moralität der Menschheit durch ihre Darstellungen, und Beyspiele, verfeinern sollen. Nur dann erfüllen sie ihre Pflichten, wenn sie allen cabalirenden Egoismus beseitigen, wenn sie an ihrer individuellen Vervollkommung unermüdet arbeiten, wenn sie iede einzelne Rolle tief studiren, wenn sie sich, als unterhaltende und belehrende Künstler, in ieder auszeichnen, wenn sie nach den Gesezen der Dramaturgie ihre theoretischen Kenntnisse befestigen, wenn sie discretiren Rath, und gute Beyspiele, practisch benuzen.

Denen Lesern und Leserinnen dieses Journals habe ich meinen Dank für zeitherigen Beyfall, meine Bitte um fernern, schon lezthin am Quartalsschluß vorgetragen; ich wiederhole beyde nochmals, wünsche ihnen Geduld, wenn nicht iedes meiner Raisonements sie befriediget, wenn zeither besonders die Verspätung derer individuellen Critiken sie manchmal degoutirt hat, und sichre ihnen Verbeßerung für leztern Fall in der Folge gewiß zu.

[8] Dem Hause, unter deßen Obdach ich meine mehreste Zeit in Hamburg verlebte, auch dieses Theater-Journal niederschreibe, wünsche ich blühendes Aufnehmen; der schäzbaren Familie welche es besizt, und seine innere Oeconomie bewirthschaftet, der Vorsehung besten Seegen, zur Vergeltung für iene thätige Freundschaft, mit der sie mich, und meine mutterlose Tochter, zeither in mancher drükenden Lage unterstüzte.

Der Preße, welche meine schriftstellerischen Producte zur Publicität befördert, wünsche ich unterstüzende Eilfertigkeit, wenn auch zuweilen meine Manuscripte etwa spät bey ihr eintreffen, damit das lesende Publikum nicht ungedultig wird.

Mir selbst wünsche ich Gesundheit, Kräfte, Frohsinn, Aufmunterung – und sich erweiternden Debit meiner wöchentlichen Bogen – damit durch ihn der vom Geschäfte unzertrennliche Kostenaufwand ersezt wird, mir für Mühe und Arbeit ein kleiner Lohn übrig bleibt, und ich das angefangene Werk mit unverdroßenem Muth fortsezen kann.

Herrn Martin Striegel, in Hamburg, wünsche und empfehle ich, wenn er fernerhin Epigrammen [9] schreiben will, seinen Wiz nie in merkbarer Beziehung auf Einen spielen zu lassen, der ihn nicht kennt, geschweige denn iemals im Mindesten zu pöbelhaften Angriffen gereizt hat.[1]

Im Hauptplan werde ich künftig bey diesem Journal Nichts abändern, ich weis ihn nicht zu verbessern, und er besteht daher fortdaurend, wie er zuerst angelegt war. Das lesende Publikum wird auf iede meiner ältern Aeußerungen auch in der Folge gefällige Rüksichten nehmen, und den Zusammenhang des zweyten Quartals mit dem ersten nie übersehen. Durch Neuheit der behandelten Gegenstände soll nun hoffentlich das Ganze erhöhtes Interesse gewinnen. Wenn künftig wiederholte Stüke, über die ich schon sonst ein und mehrmal im Detail raisonirte, auf unserer deutschen Bühne hervortreten: erwähne ich ihre Besezung gar nicht mehr, sondern rechne mit Gewißheit darauf, daß die Lesenden aus denen vorherigen Bogen schon sattsam damit bekannt sind. Jede einzelne Veränderung [10] einer Rolle aber werde ich anzuzeigen nicht ermangeln.

Seit dem Jahresschluß erhielt ich mehrere Aufforderungen, die am leztern 30. December vom Herrn Steiger auf der Bühne gehaltene Rede dem heutigen Journal wörtlich einzurüken, und gern hätte ich diesen vielstimmigen Wunsch des Publikums erfüllt, da theils nach meiner eignen Ueberzeugung die Rede an sich der Vergessenheit entrissen zu werden verdient, theils die Zuhörer im Schauspielhause sie unmöglich aus der Declamation ganz ins Gedächtniß fassen konnten. – Allein mein emsigstes Bemühen um eine Abschrift davon ist vergeblich geblieben, ich wurde noch zulezt mit der Erklährung abgewiesen:

„Es sey der unbedingte Wille des Verfassers, daß diese Rede, wenigstens vor der Hand, nicht zur Publicität kommen solle.“

Meine Schuld ist es also nicht, daß ich als Journalist einen öffentlichen, fast allgemeinen, und sehr gerechten, Wunsch unerfüllt lassen muß.

Freytags, den 2. Januar 1801, wurde in unserm deutschen Schauspielhause der erste Maskenball gegeben. [11] Ich kann ihn, als öffentliche Lustbarkeit, als Volksfest, an diesem großen Orte von einer Seite betrachtet, für keinen Gegenstand wichtiger Bemerkungen am wenigsten des mindesten Lobes auf der andern erkennen. Die innre iezt nicht mehr wie sonst mit hölzernen Leuchtern sondern durch cristallene Cronen bewirkte Erleuchtung, und die Verzierung der eigentlichen Bühne machten guten Effect, den man der Theaterdirection, und ihren Anstalten, allerdings zu verdanken hat.

Sich auszeichnende Charakter-Masken suchte man auf dem heutigen Ball ganz vergeblich – man begegnete nur Matrosen, Cammeriägern, Husaren, Greisen und Matronen, Schlafröken, und Chenillen – und unter ienen war nicht einmal das schiklichste Costum durchgängig beobachtet, denn der eine Husar trug zur Uniform Pantalons von Nanquin, und Schuhe – so siehet man an manchen Orten die Knaben auf der Gasse mit goldpapiernen Müzen auf den Köpfen, mit hölzernen Säbeln an den Seiten, Soldaten spielen. Auch Frauenzimmer in männlicher Kleidung gewahrte ich – Einer von ihnen würde ich wohl gerathen [12] haben, statt des tragenden Fraks einen Ueberrok, der den schiefen Wuchs der Füße mehr verstekt hätte, anzuziehen.

Die Music ist nicht gut angestellt, und macht von da aus, wo sie steht, wenig Effect – am leztern geht unterdessen nichts Erhebliches verlohren, es wird aber noch außerdem ieder Tanz so anhaltend geleiert, daß das langweilende Einerley fast ins Ekelhafte ausartet.

Die Tanzenden stellen auch keine interessanten Groupen dar; überhaupt scheint diese Kunst hier nicht sehr hoch gestiegen zu seyn, von keinen wichtigen Meistern gelehrt zu werden. Man darf nur auf den Gang der mehresten iungen Leute bey der Geschlechter Acht geben, so kann man iene Folgerung leicht abstrahiren. – An öffentlichen Orten ist ein geschmakvoller Tanz höchst selten zu bemerken. Man sieht immer 5–6 Parthien einerley Touren machen, oft die nemlichen, nach kurzer Pause, wiederholen. Findet sich ia zuweilen ein Sachkundiger, der etwas Neues auf die Bahn bringen will, so bleibt er gewöhnlich mit seinen Anweisungen dazu gleich von forn herein steken, weil ihm die Unkunde der Uebrigen nicht folgen kann – nun schreit alles: Quart-Chaine! [13] Ausziehen! und der Mechanicus schleift, und wälzt sich fort, ohne daß an ein regelmäßiges Pas gedacht wird. – Ich habe mir erzählen laßen, daß mancher hier den lehrenden Tanzmeister behauptet, und dabey ieden Vormittag mit dem Puderbeutel in der Stadt zum Frisiren herum läuft.

Höchstens 300 Masken machten, außer denen Zuschauern, das Ensemble der heutigen Redoute aus.

Sonntags, den 4. Januar, wurde auf Hamburgs deutscher Bühne, die Verschwörung des Fiesko wiederholt.

Die handelnden Personen bearbeiteten insgesamt ihre individuellen Rollen mit dem rühmlichsten Eifer. Herr Langerhans spielte die 10te, 11te und 12te Scene des 1. Acts auch heute meisterhaft. In der 9ten des nemlichen soll Fiesko dem Mohr 1000 Zechinen vor die Füße werfen, Herr Herzfeld gebrauchte dazu ein Beutelchen, in dem augenscheinlich keine 50 Geldstüke waren, keine 100 Raum hatten. Die Ermordung des Gianettino Doria reußirte heute Herrn Schröder vorzüglich gut, er warf Herrn Solbrig bey dem lezten Schwerdstreich zu Boden, und nuancirte dann [14] erst, wie iener schon lag, den tödlichen Stoß – sehr zum Vortheil der Illusion. Nicht so treffend führte Herr Herzfeld Leonorens Mord aus – ich weiß recht gut, daß mit so einem großen Schwerdt die unschädliche Heftigkeit des Stoßes, oder Hiebes, sich kaum bemöglichen läßt, und würde daher Herrn Herzfeld lieber den Gebrauch eines Dolches in dieser Scene anrathen, zumal da er ein Frauenzimmer vor sich hat, dessen Behandlung mehrere Behutsamkeit erfordert.

Montags, den 5. Januar, als am Vorabend des H. d. Königsfestes, blieb die Bühne geschloßen.

Dienstags, den 6. Januar, wurde die Oper, der Corsar aus Liebe, aufgeführt. Madame Haßloch sang und spielte mit voller Kraft, und lauter Leben, sehr wohlgefällig. Herr Stegmann wird schwerlich von einem Deutschen in der Rolle des Kapellmeister eingeholt werden. Man muß mit der Schauspiel- und Tonkunst bekannt seyn, um alles Vortreffliche, was Herr Stegmann leistet, ganz umfaßen, ihn verdientermaßen bewundern zu können.

Mittewochs, den 7. Januar, unterhielt man das Publikum mit einer herrlichen Vorstellung vom Hausfrieden. [15] Herr Steiger, und Madame Fiala, spielten im hohen Grade der Vollkommenheit – die Ausführung aller übrigen Rollen bewirkte der Zuschauer vollständigste Zufriedenheit.

Donnerstags, den 8. Januar, wurden die Schwestern von Prag gegeben. Das Haus war gestopft voll. Die Menge erfreute sich herzlich über so vielen in deren Darstellung zusammengehäuften Spaß – ich mich nicht, daß die mehresten Ungereimtheiten, die ich schon, mit Grunde, gerügt hatte, und die von Seiten der Direction so leicht abgeändert werden konnten, anderweit zum Vorschein kamen. In der Rolle des Johann sahen wir heute Herrn Ritzenfeld. Er ist von der leztern Krankheit noch merklich erschöpft, und hat Ursache, sich behutsamst zu schonen, damit durch keinen Rükfall das Uebel ärger wird.


[16] Vorstellungen in der künftigen Woche, wenn nicht Krankheit, oder sonstige Umstände, eine Abänderung nothwendig machen.

December 1801.

Sonntags, den 11ten: Das Gelübde.

Montags, den 12ten: Oberon.

Dienstags, den 13ten: Die beyden Klingsberge, und das Geheimniß.

Mittewochs, den 14ten: Die Hausehre.

Donnerstags, den 15ten: Der Fremde.

Freytags, den 16ten, wird der zweyte Maskenball im deutschen Schauspielhause gegeben.


[16]
Raisonirendes
Journal
vom
deutschen Theater zu Hamburg.

Funfzehntes Stük.

Sonnabends, den 17. Januar 1801.

Die Hausehre, Schauspiel in fünf Aufzügen von Hannamann, wurde Freytags, den 9. Januar, zum erstenmal auf unserer deutschen Bühne gegeben. Ich kann nicht bestimmen, ob es schon anderwärts aufgeführt worden ist, genug für Hamburgs Theater gilt seine Production als Neuheit; und dieser verbindet mich planmäßig, zuförderst seinen Inhalt vorzutragen.

Justizrath, Adolph Felbing, ein Mann von durchaus rechtschaffenem Character, verwebt mit dem eigensinnigsten Gefühl für Moralität, Ehre, und guten Ruf, lebt mit einer reizenden Gattin, die sein Herz anbetet, sein Kopf, und seine Grundsäze, aber verdammen, in der unglüklichsten Spannung, denn ihre Aufführung berechtigt ihn allerdings zum Verdacht wider ihre Tugend, und eheliche Treue. Amalie, Adolphs Gattin, ist im Grunde ein ehrliches Weib, aber so leichtsinnig, daß sie sich manchen Schritt erlaubt, der ihrer Denkungsart den schwärzesten Anstrich giebt; sie ist in Gesellschaften verwikelt, die es darauf anlegen, [16] sie zu verführen; ein Baron Wartenfels verfolgt sie mit sträflicher Liebe, und eine niederträchtige Tante, die Wittwe Wernau, unterstüzt dessen Plane, um aus Amaliens Verkuppelung für ihren Geiz Gewinn zu ziehen. Die iunge Frau liebt Zerstreuungen, findet an ihnen mehr Geschmak, als an dem monotonischen Umgang mit dem ernsthaften Gatten, als an der stillen häuslichen Einsamkeit – vernachlässiget Jenen, versäumt ihre Wirthschaft, denkt nur an Puz, und Divertissements, hört iede ihrer Schönheit gesagte Schmeicheley mit Wohlgefallen an, schwimmt mit dem Strome, in den sie sich durch den fast täglichen Umgang mit der Tante gestürzt hat, ohne Ueberlegung fort – stüzt sich bey dem Allen sorgenlos auf das innre Bewußtseyn ihrer sittlichen Reinheit, und Unschuld; glaubt, bey einem redlichen Herzen könne man sich kleine Abweichungen von den eingeführten Gesezen des gar zu strengen Wohlstandes mitunter erlauben. Auf diesem Wege geht sie dem wirklichen Verderben desto unvermeidlicher entgegen, ie weniger ihr Mann die rechten Mittel zu ihrer Rettung anwendet. Schon längst sollte er ihr die nahe Gefahr vor Augen stellen, sie ernsthaft warnen, sie mit männlicher Kraft aus dem Labyrinthe führen; statt dessen hatte seine eigne Temperamentsschwäche sie immer geschont, er den Herkules am Spinnroken bey ihr gespielt, für ihrem Hang zum Puz selbst übertrieben gesorgt, sie mit ieder Modetändeley unaufhörlich überrascht, und dadurch die Wünsche weiblicher Eitelkeit mehr angefacht, als gestillt, für ieden ihrer befriedigten Einfälle zehn Neue aufgeregt.

[19] Ein vertrauter Freund vom Justizrath Felbing, der Advocat Bohlig, kaltblütig klug, herzlich gut, in gleichem Grade, erkennt, bey aller Ueberzeugung von Amaliens noch aufrechtstehender Unschuld, die Pflicht, den Mann auf ihre verdächtige Conduite aufmerksam zu machen, durch solche Warnungen den wirklichen Fall der Leichtsinnigen zu verhindern, giebt seinem Freunde flüchtige Winke, daß Baron Wartenfels sich Amalien zum Cicisbeo aufdränge, von der Tante Wernau unterstüzt werde, keinen Kunstgriff Jene zu verführen spare, ihr neuerdings Stoff zu einem Kleide als Geschenk in die Hände gespielt habe – und verreißt unmittelbar darnach auf einige Tage in eignen Geschäften.

In der Zwischenzeit gewinnt Eifersucht bey Felbing über alle andere Reflexionen die Oberhand; ohne vorherige Erdeutlichung mit seiner Frau schikt er das Kleid, welches sie aus ienem Stoff ohne sein Vorwissen, hat fertigen lassen, nebst einem zur Rede stellenden Billet an den Baron Wartenfels zurük, und nimmt gegen Amalien ein grämliches Betragen an, dessen Grund sie sich nicht enträthseln kann, das daher ihre Philalehtie gegen ihn empört.

Nach diesem Leitfaden vorläufiger Ideen spielt, und in der zulezt bezeichneten Situation beginnt, das Stük auf der Bühne.

Amalie behandelt den Kaltsinn des gekränkten Gatten, als ehemännlichen Humor, sezt ihm cokettirende Laune entgegen; als er aber ihr zuerst zeitherige Vernachlässigung häuslicher Pflichten vorwirft, wird sie schon ernsthaft, und als er gleich darauf Mißtrauen [20] gegen eheliche Treue bliken läßt, überwältigt sie bittre Wehmuth. – „Adolph! du bist ungerecht!“ ruft sie ihm, auf das innre Bewußtseyn ihrer Unschuld pochend, entgegen. – Jezt befragt sie Adolph um die Bekanntschaft mit Wartenfels; sie läugnet solche nicht ab. Er will wissen, von wem sie den Stoff, aus dem das bewußte Kleid gefertigt wurde, erhalten hat? – Sie antwortet darauf wörtlich:

„Um deiner Ruhe willen höre mich! Richte mich dann nach aller Strenge, nur laß mich nicht strafbarer scheinen, als ich bin! – Ich machte bey der Tante seine Bekanntschaft; er verfolgte mich gleich meinem Schatten; seine Albernheiten belustigten mich eine Weile; ich hätte dir es gleich Anfangs sagen sollen, aber deine Ruhe war mir zu werth, – und warum einen Verdacht auf mich laden, den ich nicht verdiente? – Daß ich den Stoff wider deinen Willen zerschneiden lies, war – ich bekenne es – unbesonnen; aber, der Himmel sey mein Zeuge, damals wußte ich nicht, daß er von ihm war; erst, nachdem ich das Kleid schon einige mal getragen hatte, vertraute mir es die Tante; seit ienem Augenblik kam es nicht mehr an meinen Leib. etc.“

Adolph beschliesset das critische Tetratete durch den bestimmten Befehl an Amalien:

„Von nun an meidest du die Tante, – oder mich!“ –

Christine, Amaliens, mit in der Leztern Verführung complottirendes, Cammermädchen, bringt ihrer gebietenden Frau unmittelbar darauf einen Brief von Wartenfels, den Amalie anzunehmen sich erst weigert, doch, da die arglistige Zofe ihr die Ueberzeugung [21] aufdringt, daß der Justizrath dem Baron das Kleid nebst einem Handbillet diesen Morgen zurükgeschikt habe, beleidigt über ihre Herabsezung, an sich reißt, und erbricht. Der Inhalt überzeugt Amalien, daß Wartenfels über des Justizraths Zuredestellung sehr im Gedränge, und den Affrondirten gegen ihn zu spielen, entschlossen ist, sich aber vorher mit ihr bey der Tante darüber eher zu erdeutlichen wünscht, als er Nachmittags mit dem Justizrath beschloßenermaßen persönlich zusammen kömmt. Amalie denkt zwar an Adolphs Verbot: allen weitern Umgang mit der Tante aufzuheben, da ihr aber Christine die boshafte Notiz giebt: „der Justizrath komme diesen Mittag nicht zum Essen nach Hause,“ und der weibliche Dünkel dadurch, daß der Mann sein Außenbleiben dem Cammermädchen, nicht ihr selbst, angezeigt hat, aufs Neue gekränkt wird: so faßt sie den leichtsinnigen Entschluß, und läßt dem wartenden Bedienten, der des Barons Brief gebracht hat, durch Christinen sagen: „In einer Stunde würde sie bey Frau von Wernau seyn.“ Sie geht auch wirklich zur Tante; wird von der Schlechten wider ihren Gatten noch mehr aufgehezt, und von ihr, dem anwesenden Wartenfels und noch von einem andern, auch dort einsprechenden Gek, Herrn von Wildhof, anfänglicher Weigerungen ungeachtet, zu einer Spazierfahrt nach den Thiergarten inducirt.

Am nemlichen Nachmittag geht der Baron selbst zum Justizrath, will Anfangs durch Läugnen sich herauswinden, als aber Amalie solches mit ihren Erklärungen gerade zu widerlegt, so sucht er [22] dem Vorgang einen spaßhaften Anstrich zu geben; nennt ihn eine Bagatelle, auf die er sich nicht mehr recht besinne; bekömmt vom Justizrath derbe Wahrheiten gesagt, auch die Weisung, dessen Thürschwelle nie wieder zu betreten; und führt sich mit der Drohung: „Sie sollen ihre Schmähungen bereuen!“ ab.

Nach seinem Abmarsch erfolgt zwischen beyden Eheleuten die herzlichste Aussöhnung. Amalie aber begeht dabey den Fehler: ihrem Mann nicht zu sagen, daß, in welcher Gesellschaft, und auf was für Veranlassungen, sie Vormittags im Thiergarten gewesen ist. Die Folgen davon sind, daß, da der Mann solches unmittelbar darauf von dem ihn besuchenden Wildhof erfährt, er sie für absichtliche Betrügerin, für wirkliche Ehebrecherin, anerkennt, den festen Entschluß faßt, sich von ihr zu trennen, ihr solchen mit dem Befehl: noch heute sein Haus zu verlassen, ankündigt.

Amalie sieht ihr ganzes Unrecht ein, kennt aber kein Mittel, es wieder gut zu machen. Sie sucht wenigstens nur auf die erste Zeit Zuflucht bey der Tante, wird aber von der Elenden hülflos abgewiesen. Baron Wartenfels bietet ihr sein ganzes Vermögen zur Unterstützung an, sie verwirft verächtlich sein Erbieten, behandelt ihn, als nichtswürdigen Urheber ihres Unglüks. Der Baron, gerührt von dem Zustande der Bedrängten, am Besten aus eigener Erfahrung von ihrer unerschütterlichen Tugend überzeugt, geht in sich, und beschließt, so Viel von dem durch ihn Verdorbenen wieder gut zu machen, [23] als seine Kräfte erlauben; eilt zu dem Advocat Bohlig, der in der Zwischenzeit von seiner Reise nach der Stadt zurükgekommen ist, mit ihm zum Justizrath; klagt sich gegen Leztern als Amaliens absichtlichen Verführer an, betheuert aber ihre Unschuld, und, daß sie die edelste Gattin sey, daß sie sich gegen ihn nie anders betragen habe, als sie es unter ihres Mannes Augen hätte thun dürfen, aufs feyerlichste. Weder diese Declaration noch Bohligs freundschaftliches Zureden, können den Justizrath zu einem mildern Entschluß in Beziehung auf Amalien umstimmen. Er beharret darauf, sie zu verstoßen.

Sie hat indeßen alle Anstalten zu ihrer Wanderung getroffen; beym Einpaken bringt ihr Christine ein Portrait von Wartenfels, das sie in einem von Amaliens Kasten gefunden, und aus Vorsorge, damit es der Herr nicht finde, zu sich genommen haben will. Amalie determinirt sich kurz, es dem Baron, weil sie Nichts behalten dürfe, das ihm nur noch einen Schimmer der mindesten Hoffnung auf sie übrig laßen könne, mit ein Paar Zeilen von ihrer Hand zurük zu schiken; sie schreibt solche, und legt sie nebst dem Portrait, noch unschlüßig, wem sie die Bestellung anvertrauen soll? in ein Ausziehfach unter ihren Toilettenspiegel. – Die Toilette steht im nemlichen ZImmer, wo bald darauf Wartenfels, Bohlig, und der Justizrath zusammen kommen, wo Ersterer Amaliens Unschuld ihrem Manne so feyerlich betheuert, wo Lezterer aber seinem Freund, [24] Bohlig, den unerschütterlichen Entschluß: sich von ihr zu trennen, nochmals zusichert. –

In eben dieses Zimmer stürzt, nachdem Wartenfels sich bereits entfernt hat, Bohlig und der Justizrath aber beysammen geblieben sind, die trostlose, nun reisefertige, Amalie, um, wenn sie schlechterdings keine Vergebung erlangen kann, von ihren geliebten Gatten wenigstens noch den lezten Abschied zu nehmen. Der Justizrath weicht ihr mit einem troknen: Lebe wohl! aus; eilt nach der Thür, um sie, und das Zimmer, zu verlaßen. Diese Demarche donnert die schon Erschöpfte vollends nieder, sie strebt, ihren Adolph zurükzuhalten, fällt aber unterwegs rüklings in Bohligs Arm, und wird von ihm, in tiefster Ohnmacht, auf einen Lehnstuhl niederlegt.

Amaliens Zustand bezeichnet Lebensgefahr. Adolph ist umgekehrt, fühlt sich vom Mittleid erschüttert; müht sich, der Leidenden Hülfe zu schaffen. Ein Bedienter bringt frisches Waßer; Bohlig besprengt damit die Ohnmächtige mehrmahls, ruft aber, da dies nicht helfen will, nach Hirschhorn, Bittersalz, und andern stärkenden Mitteln. Der Justizrath sucht ängstlich dergleichen allenthalben, auch in dem Ausziehfach des Toilettenspiegels, und findet – des Baron v. Wartenfels Portrait, nebst einem Billet an Ebendenselben, von Amaliens Hand. – Seine Wuth bricht aufs Neue aus; in ihr sieht er nur auf Ersteres, als auf den untrüglichen Beweiß, wie weit die Treulose den Betrug getrieben hat; in ihr kann er sich nicht überwinden, Lezteres zu lesen, sondern giebt es an Bohlig. – Dieser ließt daraus Folgendes:

„Christine hat mir Ihr Portrait übergeben, welches sie in meinem Kasten gefunden haben will. Mögen Sie es aus Zerstreuung, oder achsichtlich, dahin gelegt haben – hier erhalten Sie es zurück. – Ich bedarf kein Andenken an Sie. Mein Unglück wird mich die Urheber nie vergessen lassen. Sie, und meine Tante, sind

[25]

diese Urheber. Zu deutlich sehe ich iezt die Falle, in die man mich zu loken gesucht hat. Es ist Ihnen gelungen, mir die Liebe des besten Mannes auf Erden zu rauben, aber gedankt, ewig gedankt, sey es der Vorsicht, die mich in meiner Tugend nicht wanken lies!“ –

Jezt dringt volle Ueberzeugung von Amaliens Reinheit in Adolphs Seele; ieder Verdacht wider sie ist vernichtet; nur Angst über ihren iezigen Zustand, in den unverschuldete Härte sie gestürzt hat, erfüllt den reuigen Gatten. Er vereinigt sich nochmals mit Bohlig zu ihrer Hülfe. Amalie schöpft wieder Athen, hört den liebevollen Zuruf ihres Adolphs; erholt sich völlig; sieht ihn versöhnt vor sich stehen; sinkt mit Entzüken in seine sie empfangenden Arme. – Tief gerührt, erfleht Bohlig des Himmels schönsten Seegen über den neuen Bund, und – der Vorhang fällt. – –

Der mir ganz unbekannte Herr Hannamann hat durch dieses Schauspiel Deutschlands Bühnen ein interessantes Geschenk gemacht. Abgerechnet, daß manche Situationen aus andern, schon bekannten Stüken, besonders aus Menschenhaß und Reue fast ganze Stellen, wörtlich entlehnt sind, und daß der Stil nicht durchaus im reinsten Deutsch fließet, verdient der Dichter unstreitig für die Wirkungen, welche die Hausehre auf ieder Bühne, die sie gut besezen kann, unumgänglich hervorbringen muß, einstimmiges Lob, und warmen Dank.

Es waren hier die Rollen des Justizrath Felbing mit Herrn Herzfeld, der Amalie mit Madame Haßloch, der Wittwe von Wernau mit Madame Fiala, des Baron von Wartenfels mit Herrn Wohlbrük, des von Wildhof mit Herrn Leo, des Leutnant von Tromm mit Herrn Solbrig, des Advocat Bohlig mit Herrn Steiger, eines Gerichtscommißair mit Herrn Petersen, des Cammermädchen Christine mit Madame Löhrs, derer [26] Bedienten Heinrich und Jacob, mit Herrn Ritzenfeldt und Kruse, besezt.

So viel für heute von der Hausehre; – künftige Mittewoche sehen wir sie wiederholt, und bis dahin verspahre ich meine Raisonements über ihre hiesige Production.

Auch noch mit der Zugabe des kleinen, bekannten, Lustspiels: die beyden Billets, wurde das Publikum heute zeitvertreibend unterhalten. Es spielten Herr Wohlbrük den Gürgen durchaus characteristisch; Mamsel Eule das Röschen mit schiklicher Naivität; Herr Eule den Barbier Schnaps mit mancher comischen Uebertreibung.

Sonntags, den 11. Januar, wurde das Gelübde wiederholt. Was hat es geholfen, daß ich schon im Anhang zum vorigen Quartal, Seite 4, die mangelnde Gleichheit in denen Ordenstrachten, die unnatürlichen Tonsuren, tadelte? Es blieb in dieser Hinsicht auch heute Alles beym Alten. Die Franciscaner trugen nicht einmal Einer wie der der Andere – Rosencränze! Mehrere Erfahrungen bezeugen, so wie diese, daß unsere Theaterdirection sich nicht die Mühe nehmen will, critische Raisonements, wenn sie auch noch so gegründet sind, wenn sie noch so bescheiden vorgetragen werden, zu beachten. Doch das soll mich nicht müde machen, meinen Plan zu verfolgen. Drum verschweige ich auch die, gewiß richtige, Bemerkung nicht: daß die Handschuhe, und Unterkleider, welche General von Thierry trägt, in ieder Wiederholung des Gelübdes sich schmutziger, und flekreicher, auszeichnen.

Montags, den 12. Januar, wurde das Singespiel Oberon aufgeführt. Daß Mamsel Stegmann, die ältere, noch immer an ihrer Gesundheit leiden muß, und dadurch im Gesange sehr genirt wird, bestätigte auch die heutige Erfahrung, indem sie gleich die erste Arie merklich abkürzte, und solche dennoch nicht mit sonstiger Kraft durchführte. Unbegreiflich bleibt es mir, warum sie nicht zu bewegen ist, als Oberon [27] Halbstiefeln, auch eine Art von Casquet auf dem Kopfe, zu tragen, und dadurch das Costüme der männlichen Rolle zu bezeichnen; sie muß es doch selbst fühlen, daß es ins Lächerliche fällt, wenn man den König der Elfen in rosaseidnen Frauenzimmerschuhen einhergehen siehet. Herr Eule trug den Scherasmin mit vielem Spaß vor, und sang die Romanze: „Einmal in meinem achten Jahre etc.“ vorzüglich gut – ob die Mimic, wie er die Größe des 8iährigen Buben mit beyden, noch keine Spanne weit aus einander gehaltenen, Händen nuancirte, richtig war? entscheide Herr Eule selbst – als Künstler – Ich sahe sie heute zum zweyten mal von ihm; einmal verzeyht man solche Echapaden der comischen Laune, aber Wiederholungen davon arten in absolute Fehler aus. – Wie konnte Herr Gollmik als Ritter Hüon Handschuhe voll Schmuz und Fleken auf Hamburgs Bühne tragen? Das Publikum schiebt die Schuld solcher Inadvertenzen vielstimmiger auf den Schauspieler, als auf den Garderobier, wenn sie auch, wie ich es gern glauben will, eigentlich am Leztern liegt. Bey der dritten Verwandlung stokte die Maschinerie sehr; und Oberons Wolkenwagen war zwischen denen Coulißen weit zeitiger sichtbar, als er eigentlich erscheinen sollte.

Dienstags, den 13. Januar, wurden: die beyden Klingsberge, Lustspiel in vier Aufzügen von Kozebue, zum Anfang, gegeben.

Es spielten den Vater, Gr. Klingsberg, Herr Steiger, den Gr. Adolph, seinen Sohn, Herr Haßloch; die Gräfin Wollwarth Madame Fiala; den Leutn. von Stein Herr Solbrig; dessen Schwester, Henriette, Madame Herzfeld; die Frau Friedberg Madame Langerhans; den Pachter Krautmann Herr Kruse; die Frau Wunschel Madame Kruse; den Cammerdiener Schwalbenschweif Herr Petersen; das Cammermädchen Ernestine die iüngere Mamsel Stegmann; zwey Bedienten die Herren Leo und Erdmann.

[28] Die Vorstellung reußirte im Ganzen recht gut. Auszeichnend aber führten Herr Steiger, und Herr Haßloch, ihre Rollen durch. Nach meinem Gefühl verdiente besonders Lezterer einstimmigern Beyfall, als ihm das Publikum bezeugte. Unter mehrern spielte er die 1te Scene des III Acts sehr meisterhaft. Bey dem Duel gegen Herrn Sollbrig, bey dem richtiges Fechten in selbigem, bey dem augenbliklichen Innehalten mit der Degenspize auf des Gegners rechten Brust, da Jener absichtlich die große Blöße gab, und bey denen unmittelbar darauf folgenden mimischen, auch wörtlichen, Aeußerungen, erhob sich Herr Haßloch gewiß zur künstlerischen Vollkommenheit – oder ich verstehe es selbst nicht, was zur Sache gehört. Wenn die iüngere Mamsel Stegmann fortfährt, sich dem Soubrettenfache mit zeitheriger Application zu widmen: so wird sie bald einen wichtigen Plaz auf Hamburgs deutscher Bühne behaupten. In der 9ten bis zur 12ten Scene des I Acts verdiente ihr heutiges Spiel gewiß vollständigsten Beyfall. In der 16ten Scene des II Acts gieng Herr Solbrig nicht zur Thüre hinaus, sondern durchs Fenster ab.

Nach diesem Lustspiel wurde noch das Geheimnis gegeben – Herr Gollmik kündigte zwar Gestern ein großes Geheimnis an, es reducirte sich aber Heute auf die bekannte kleine Oper, in einem Aufzug, welche Herklots aus dem Französischen übersezt, und Solié componirt hat. Der Ouverture fehlt es nicht an Ausdehnung, der Music im Ganzen aber an Wichtigkeit, und in denen einzelnen Rollen muß daher das Spiel mehr wirken, als der Gesang.

Herr Stegmann hat mir in der seinigen, als Hofrath Döhring, sehr – ich gestehe es aufrichtig – in der heutigen Anstandshaltung, weit besser, als in der sonstigen Carricatur, gefallen. Von der Ariette: „Weiber, euch sezt die Zeit ein Ziel etc.“ sang er die beyden ersten Verse recht brav, aber im Final schien ihm sein Gedächtnis untreu zu werden.

[29] Madame Langerhans, als Hofräthin, nuancirte das eifersüchtige Weibchen charmant, und sang die erste Ariette in der zweyten aber den dritten Vers, höchst wohlgefällig.

Herr Gollmik spielte den Waller durchaus gut, und legte in die Romanze: „Falsche Hoffnung, ich muß dir entsagen etc.“ viel tonkünstlerischen Werth – aber mit seinem Anzug bin ich unzufrieden. Er trägt in der Verstektheit, zu der ihn die Rolle bestimmt, Uniform – ein blauer Ueberrok schikte sich zu der vorgeschriebenen Situation ungleich besser. War ihm aber Uniform in der Garderobe gesezlich zugetheilt, so durfte er dazu sein Haar nicht im Chignon, sondern mußte es schlechterdings im Zopf, produciren.

Mamsel Stegmann die ältere spielte und sang die Angelika ohne Fehler, ohne Wichtigkeit – Herr Ritzenfeldt den Thomas, in sehr hoch gespannter Carricatur – ob er dabey den Character richtig traf? beantworte er sich selbst! – In der ganzen Oper ist die schon angeführte Ariette: „Weiber, euch sezt die Zeit ein Ziel etc.“ das interessanteste Singestük – die Franzosen gebrauchen sie iezt zum Volksliede.

Mittwochs, den 14. Januar, wurde die Hausehre wiederholt. Es erfüllen in diesem Stüke die Mitglieder unserer Theatergesellschaft, so wie sie zu ieder einzelnen Rolle angestellt sind, mit ungemeinem Fleiße, und vieler Kunst, ihre Pflichten. Madame Haßloch zeigt in ihrer Amalie gewiß Alles, was man von der vollendeten Schauspielerin wünschen und erwarten kann. In der 9ten Scene des III. und in der 3ten des IV. Acts hat mich ihr Spiel tief erschüttert. Madame Fiala bestätigt mein mehrmals über sie gefälltes Urtheil – sie studirt iedesmal den ihr vorgeschriebenen Charakter mit critischem Nachdenken bis auf den Grund, und benuzt dann practisch alle Hülfsmittel der Declamation und Mimic, um ihn frapant treffend, durchzuführen, ohne dabey das Natürliche im Mindesten zu verschieben. Madame Löhrs [30] soutenirte das intriguante Cammermädchen beyfallswerth. Herr Herzfeld und Herr Wohlbrük verdienen für Alles, was sie in der Hausehre durch ihre Talente, excolirte Kunst, und edle Aplication, bewerkstelligen, Achtung und Dank von Seiten des Publikums. Herr Steiger spielt den Advocat Bohlig, wie seine mehresten Rollen, unverbeßerlich. Herr Leo leistete in der heutigen Vorstellung ungleich mehr, als in der vom vorigen Freytag. Er schränkte die körperlichen Contorsionen behutsamer ein, und sein Spiel gewann dadurch merklich. Die 12te Scene des III. Acts machte ihm, als Künstler, Ehre – Denn Wildhof hat Erziehung und Sitten, behauptet seinen Plaz in der großen Welt, und in ihren gesellschaftlichen Zirceln, ist zwar Gek, Phantast, Poltron – aber kein Poßenreißer. Herr Kruse legt durchaus, besonders aber bey der ersten Scene des II. Acts, in seinen Bedienten Jacob, dramatisches Gewicht; und Herr Ritzenfeldt vernachläßiget den Heinrich ebenfalls nicht, Herr Solbrig und Herr Petersen bearbeiten blos zwey episodische Rollen.

Nach der Hausehre folgte: Der vernünftige Narr, als Nachspiel in einem Aufzuge. Schröder hat es nach dem Fou raisonable von Patrat zum Gebrauch deutscher Bühnen adjoustirt. Herr Kruse spielte den Blakhead. Unstreitig wäre diese Rolle mit Herrn Gollmik beßer besezt gewesen. Wer ihn in den drey Töchtern, und im Portrait der Mutter, gesehn hat, wird mein Urtheil nicht misbilligen. Der Rok, welchen Herr Krause trug, war für seinen Wuchs zu kurz, und zu enge. Mamsel Eule spielte die ganz naive Therese in richtiger charakteristischer Haltung; Herr Wohlbrük den Naturmenschen Jacob meisterhaft; Herr Eule den iovialischen Wirth Simon comisch, und Herr Leo den Gerichtsdiener, den er durch das Attribut des Stotterns auszeichnen wollte, im schwankenden Ausdruk.

[31] Donnerstags, den 15. Januar, erfolgte eine vortrefliche Wiederholung des Fremden. Sie hat gewiß durchgängig gefallen, denn iedes auf der Bühne handelnde Individium that das Möglichste, sie zum vollendeten Ganzen zu erheben. Wer konnte in der 15ten Scene des IV. Acts Herrn Herzfeld die innigste Bewunderung versagen? – Ein einziger kleiner Fehler wurde im IV. Act beym Uebergang der 6ten Scene zur 7ten merkbar. Entweder übereilte sich Madame Langerhans beym Wiederverschließen des Schrankes, oder Madame Fiala verspätigte sich im Auftreten. Der ganze Verstoß wider die Illusion beruhete nur auf wenigen Augenbliken – aber unleugbar konnte Madame Fiala von dem, was haußen am Schranke vorgegangen war – keine sichtliche Notiz erlangt haben. Herr Stegmann sollte auf seine Augenbraunen weniger Weiß legen, die Gesichtsfurchen nicht mit so grellen schwarzen Linien bezeichnen. Man findet dergleichen Nirgends in der Natur – Hofrath Gerling ist ausserdem, zwar 68. Jahr alt, aber noch immer ein rüstiger Lebemann. Gegen den Anzug, und gegen die sonstigen Haltungen, welche Herr Stegmann sehr passend gewählt hat, sehr künstlich, und characteristisch, durchaus behauptet, contrastirt iene Verzeichnung des Gesichts zu auffallend.

Morgen zum Sonntag haben wir Menschenhaß und Reue auf unserer deutschen Bühne zu erwarten. Ich freue mich herzlich darauf. Ich seze voraus, daß die neuere Vorstellung der vorigen am 15. October 1800, die ich ohne alle Partheilichkeit so ausgezeichnet loben mußte, Nichts nachgeben wird; ersuche Herrn Herzfeld, einen kleinen Rükblik auf das sechste Stück d. Journals Seite 94. u. 95. zu thun; Hoffe, daß die Rolle des Peter gut besezt seyn soll – und lade dann zuversichtlich ieden Kenner, und Verehrer, dramatischer Meisterstüke, besonders [32] Hamburgs Damen, die mit Kopf und Herz wohl versorgt sind, ein, unser Schauspielhaus Morgen zahlreich besuchen – Sie werden samt und sonders gerührt, und zufrieden, es wieder verlassen. –


Vorstellungen in künftiger Woche, wenn nicht Krankheit, oder sonstige Umstände, eine Abänderung nothwendig machen.

Januar 1801.

Sonntags, den 18ten: Menschenhaß und Reue.

Montags, den 19ten: Lodoiska.

Dienstags, den 20ten: Die Martiensgänse, und der Wildfang.

Mittewochs, den 21ten: Der Corsar aus Liebe.

Donnerstags, den 22ten: Die Hausehre.

Freytags, den 23ten: Hamlet.


Irrungen und Drukfehler.

Im Anhang zum vorigen Quartal, lese man Seite 11. Zeile 19. von oben, statt: der iüngern Mamsel Stegmann – Madame Hönike.

Im Vierzehnten Stük lese man:

S. 4. Z. 10. v. u. st. Drangsalen – Drangsale.

S. 7. Z. 11. v. u. st. discretiren – discretiven.

S. 8. Z. 4. v. o. st. iene – iede.

S. 13. Z. 1. v. o. st. Mechanicus – Mechanismus.

S. 16. Z. 4. v. o. st. December – Januar.

[33]
Raisonirendes
Journal
vom
deutschen Theater zu Hamburg.

Sechszehntes Stük.

Sonnabends, den 24. Januar 1801.

Freytags, den 16. d. Mon. war der zweyte Maskenball im deutschen Schauspielhause. Die Menge der Theilnehmenden füllte es durchaus; die Mannigfaltigkeit der Verkleidungen bot dem Auge des forschenden Beobachter interessante Gegenstände genug an; die froheste Laune trottirte rings herum mit lokern Zügeln; und so viel günstige Combinationen erhoben die heutige Carnevalslustbarkeit in der That zu einem Volks- und Freudenfeste der edlen Art. Es wurde zwar die allgemeine Zufriedenheit einmal unterbrochen. Denn man behauptete, es hätten einige anwesende Fremde, als Zuschauer, die prerogative Maskenfreyheit beleidigt, und es entwikelte sich aus dieser Behauptung ein minutenlang laut werdender Zwist; allein determinirte Zurechtweisung seiner Urheber legte ihn so geschwind bey, daß Ruhe, Ordnung, Frohsinn, [34] bald, und allenthalben wieder die Oberhand gewinnen konnten. – Der Palmenwald, womit die Erfindung, und die geschikte Hand, unsers Maubert den Raum des eigentlichen Theater verziert hat, macht dem Geschmak seines Darsteller viel Ehre, und gewährt dem geschäftigen Auge des Zuschauer, wenn es sich im Gewühl derer Masken ermüdet hat, die angenehmste Abwechselung. – Ich wünschte wohl, daß diese Bälle mit einem doppelten Chor von Music besezt würden – das eine, so verstekt gestellt, ist in der That nicht hinreichend. Wenn ein zweytes ihm gegenüber in der ersten Loge des zweyten Ranges seinen Standpunkt angewiesen bekäme, und beide zusammen, oder allenfalls auch nur abwechselnd, spielten, erfolgte daraus gewiß eine vollständigere, wenigstens wohlgefälligere, Unterhaltung für das Publikum, welche unsere Theaterdirection für den vermehrten Aufwand leicht entschädigen könnte. Die Tanzlustigen gelangten heute etwas spät zum Genuß ihres ausgewählten Vergnügen – denn erst gegen Morgen, da das Gedränge abnahm, gewannen sie Plaz dazu.

Sonntags, den 18. Januar, wurde das schöne Kozebueische Schauspiel: Menschenhaß und Reue aufgeführt.

Herzlich danke ich es allen Mitgliedern unserer Theatergesellschaft, welche, darinne angestellt, auf der [35] Bühne arbeiteten, daß sie meine ältern Urtheile darüber, und meine im vorigen Bogen gewagte expressive Einladung zu dessen zahlreichen Besuch, heute so vollständigst rechtfertigten. Mit der Füllung des Hauses kann die Direction nicht unzufrieden gewesen seyn. –

Madame Haßloch hat ienes hochgespannte Lob, welches ich ihrer Madame Müller im sechsten Stük d. Journ. Seite 94. zueigenete, heute warrlich außer allen Verdacht partheyischer Schmeicheley gesezt – iezt darf ich kein Wort, welches ich damals schrieb, zurüknehmen, denn ich weiß, das öffentliche, allgemeine Ueberzeugung, von nun an auf meiner Seite stehend, ienem Lobe beypflichtet; am 15. October vor Jahres, war bey der Vorstellung von Menschenhaß und Reue gerade das Haus fast leer. Durch Ausführung der 7ten Scene des III. Acts flocht heute Madame Haßloch unstreitig ein schönes, unverwelkliches, Blatt in ihren Ehrencranz, als dramatische Künstlerin.

In eben dieser Scene sahe ich von Madame Eule eine minische Nuance, welche der Vergessenheit entrissen zu werden verdient. Der Blik, den sie auf Madame Müller warf, als diese sie mit dem Geständnis: ich bin diese Creatur! überraschte; der Blik, welcher die Kränkung, daß ihr Ehrgefühl von nun an eine Person verachten müsse, die ihr Herz [36] bisher so innig geschäzt hatte, der Blik, welcher den innern Streit zwischen Abscheu gegen eine Verbrecherin, und Mitleid für eine reuig Büßende, so expressiv ausdrükte, war was Seltenes – ich sahe Madame Eule gerade in die Augen, ich faßte das ganze Feuer, die äußerste Feinheit, dieses Bliks, und hingerissen wurde ich, diesen einzigen Blik als großes Meisterstük zu bewundern.

Die iüngere Mamsel Stegmann spielte die städtische, hoftonaffectirende, sich wichtig machende, Andere geringschäzende Zofe sehr characteristisch und Beyfallswerth – ich ersuche sie, im Dialog der Conversation das Hochheben derer Hände, welches nur dann zuläßig ist, wenn die Rolle Pathos erfordert, sich immer mehr und mehr abzugewöhnen.

Herr Herzfeld – meine Feder stokt da sie das Urtheil über sein heutiges Spiel als Meinau niederschreiben soll – Ausschweifungen im Lobe machen den Critiker gar zu leicht verdächtig, und doch dringt mir Lezters solche ab. – Herr Herzfeld ist mit vollen Kräften ausgerüstet, um die unendlichen Schwierigkeiten dieser Rolle alle zu besiegen; davon gab er heute vollwichtige Beweise, ein großer Theil unsers Publikum ist gewiß darüber mit mir einig; und, dankbar für seine Attention auf meinen kleine Remarquen, bekenne ich es, daß er heute den Meinau weit richtiger, [37] weit vollendeter, als am 15. October v. J. dargestellt hat. In der 2ten Scene des IV. Acts sagt Herr Herzfeld – ganz richtig nach Vorschrift der Rolle: – „in ein Paar Worte läßt sich viel Unglük fassen,“ die darauf folgende Erzählung dauert aber beynahe zehn Minuten, Ich wünschte daß Herr Herzfeld, da es ihm als Directionsmitglied frey steht, diesen auffallenden Fehler des Dichters verbesserte, und zur Vermeidung des offenbaren Widerspruchs, statt des Kozebueischen, den Ausdruk wählte: in eine gedrängte Erzählung etc.

Herr Solbrig kennt mich, und weiß, daß ich nicht heuchle. Wo fehlte es ihm heute, daß er seinen Horst nicht durchaus zu der neulichen Vollkommenheit erhob? – Von forne herein wollte es mit seinem Spiel gar nicht fort – es mangelte ihm die sonstige Energie merklich – in der Folge erholte es sich – und vom IV. Act an war Herr Solbrig wieder ganz, was er seyn konnte, und sollte. – Er trägt zu der Infanterie Uniform Handschuhe mit mächtigen Stolpen, die sich gar nicht schiken, – gewöhnlicher waschlederner ohne solche, muß er sich in Zukunft bedienen. Den Degen, welcher durch sein rostiges Ansehen, den Puz des Maior ohnedies nicht verschönert, sollte Herr Solbrig gleich nach der 5ten Scene des II. Acts ganz [38] ablegen; er genirt ihn, und ist auf dem Lande, im Hause, oder auf der Promenade, ganz überflüssig.

Herr Langerhans legte heute in die 6te Scene des I. Acts weit mehr Gewicht als am 15. October v. J. und bewirkte dagegen in der 3ten des II. weniger Sensation, als neulich. Diese Erfahrung beweißt, daß der Erfolg theatralischer Productionen nicht allein, und immer, von dem eigenthümlichen Vermögen, sondern oft auch von der humoristischen Stimmung, des Künstlers abhängt.

Herr Löhrs, Herr Eule, Herr Kruse, beförderten Jeder nach seinem individuellen Beruf das Ganze zur Vollendung, denn sie spielten ihre Rollen durchaus gut.

Die Rolle des Peter war heute mit Herrn Haßloch besezt. Die Urtheile des Publikums über ihn, und sein Spiel, sind getheilt; im Ganzen hat er gefallen, in ieder Einzelnheit mich nicht befriediget – Ich kann von meinen im 6ten Stük d. Journ. an den dramatischen Darsteller des Peter gemachten Forderungen Nichts nachlassen. Drum erklähre ich des Herrn Haßloch Haltung in der I. Scene für überspannt; wozu so viel possirliche Sprünge, wozu [39] das, für den feinen Geschmak rebutante, Niederwerfen, beym Fangen eines Schmetterlings? Lezteres lies sich weit gefälliger an einem von denen Bäumen, welche die Coulissen darstellen, im Stehen bewerkstelligen. Außerdem hatte auch die Figur, welche Peter auf den Huth stekte, nicht die mindeste Aehnlichkeit mit einem Schmetterling. Am Schluße der 9ten Scene im III. Act vernachlässigte Herr Hasloch, wie er die Wirkungen des Tobakrauchen auf Petern darstellen wollte, die Delicatesse zu sehr. Die Röthe, welche Herr Haßloch auf seine Baken gelegt, und der Haarzopf den er gewählt hatte, entfernten sich beyde zu weit von natürlicher Wahrscheinlichkeit.

Wenn ich die interessante Versöhnungsgroupe am Schluße des Stüks hätte zeichnen und dirigiren dürfen; so mußte nach Meinaus Ausruf: „Dort herrschen keine Vorurtheile; dann bist du wieder mein!“ wenn Eulalie und Meinau sich wirklich trennen wollen, Madame Haßloch rechts, Herr Herzfeld links rükwärts sich wenden, und dann denen Kindern begegnen; dann behielten sie einander immer in den Augen, durften sich nicht den Rüken zukehren, und [40] erst wiederumdrehen – sondern konnten im directen Zusammentreffen bey Meinaus lezten Worten: „Ich verzeihe Dir!“ einander in die Arme sinken.

Montags, den 19. Januar, sahen wir die heroische Oper, Lodoiska, aufgeführt.

Madame Haßloch wurde heute von ihrer schönen Stimme sehr günstig unterstüzt, sie sang daher mit voller Kraft, und spielte durchaus mit edlem Anstande.

Die iüngere Mamsel Stegmann vertrat, als Lysinka, die sonst für ihre ältere Schwester in dieser Oper bestimmt gewesene Stelle, und soutenirte sie fehlerfrey.

Herrn Ritzenfeldt kostete, bey durch Krankheit erschöpften Kräften, die heutige beyfallswerthe Production des Durlinsky viel Anstrengung; wenn er sich nicht selbst durch leztere geschadet hat, so verdient er damit desto wärmern Dank von Seiten der Direction, und des Publikum.

Die Herren Kirchner, Schröder, und Eule, trugen, Jeder das Seinige, zur Vervollkommung des Ganzen redlich bey.

[41] Der dritte Officier in Durlinsky’s Diensten, war mit Herrn Hoyer – einem Anfänger – besezt. Wenn dieser im Spiel sich fleißig übt, durch Gewohnheit die unnöthige Furcht, welche seine Stimme fast erstikte, überwindet, so wird er wohl in der Folge besser fort kommen – denn heute verunstaltete sein schwankender Gesang mitunter das Final des II. Acts.

Die Chöre giengen gut, es herrschte im Ensemble viel Wohlgefälliges, aber eine der wichtigsten Scenen, die, wo bald am Schluß Lodoiska durch die Flammen der zerstörten Burg auf den freyen Plaz vor selbiger getragen wird, verunglükte ganz, denn es kamen die Herren Kirchner und Schröder mit Madame Haßloch zu spät; Durlinsky war auch nicht zeitig genug bey der Hand, und es entstand dadurch eine fehlerhafte Pause, welche sogar das Orchester zum Innehalten nöthigte.

Dienstags, den 20. Januar, wurden zum Anfang die Martinsgänse in einem hohen Grade von Vollkommenheit aufgeführt; es erhoben sie dazu Herr und Madame Herzfeld durch ganz unübertrefliches, [42] Herr Solbrig, und Herr Kruse, durch meisterhaft gutes Spiel. – Auch für eine goldne Uhr war heute richtig gesorgt. Die Zufriedenheit, welche diese so günstig sich auszeichnende Vorstellung unter dem Publikum verbreitete, war gewiß allgemein.

Nach denen Martinsgänsen folgte das Kozebueische Schauspiel, der Wildfang, in drey Aufzügen.

Es spielten den Baron Friz von Wellinghorst Herr Herzfeld; den Hofmeister Felix Herr Löhrs; die Frau von Brumbach Madame Fiala; Fräulein Nanntchen Mamsel Eule; das Cammermädchen Lieschen Madame Langerhans; den Landiunker von Piffelberg Herr Stegmann; den Invalid Molkus Herr Langerhans; den Friseur Herr Leo, richtig nach Vorschrift der Rollen.

Der Dichter hat es darauf angelegt, in diesem Stük lauter Gegenstände der äußersten Lächerlichkeit auf der Bühne zu versammeln, und sie doch in so gute historische Verbindung gesezt, daß der beobachtende Menschenverstand nicht von absolutem Unsinn, oder ekelhaften Plattituden, durchaus zurükgescheucht [43] wird. Es schaft wirklich Nuzen, wenn zuweilen ein solches Intermezo mit denen Darstellungen des Heroismus, und der leidenschaftlichen Sensation, abwechselt. Denn überhaupt ist der Geschmak des Publikum gemischt – Viele suchen im Schauspielhause bloße Erholungen, wenn sie sich in ernsthaften Geschäften ermüdet haben, und selbst Andern, die sich für das Ernsthafte, Erhabene, und Rührende, am liebsten interessiren, behagt es, wenn sie mit Zustimmung ihres Verstandes, und Kunstgefühls, auch manchen Abend über ein eigentliches Lustspiel von Herzensgrunde lachen können. Wenn nun gerade ein solches ausgewählt ist, so sind auch dessen Producenten berechtiget alle in die individuellen Charactere verwebte Lächerlichkeiten so expressiv als möglich vorzutragen, und es wäre, wenn nur keine immediaten Verstoße wider den sittlichen Wohlstand einschleichen, misantropischer Eigensinn, sie deshalb zu tadeln.

Diese Rechtfertigung habe ich ausdrüklich für die Herrn Herzfeld, Stegmann, Langerhans, und Leo niedergeschrieben, welche heute ihre durchaus comische Rollen, in einer immediaten Comoedie, ohne [44] Decenzverlezung aufs Höchste spannten. Ersterm gelang, unter denen ihm vorgeschriebenen diversen Verkleidungen, die des verkrüppelten Hausknechts am besten.

Mittwochs, den 21. Januar, wurde der Corsar aus Liebe abermals aufgeführt.

Das Publikum scheint sich an dessen öftern Wiederhohlungen im Ueberflusse gesättigt zu haben. Das Haus war fast leer. Man fand in iedem Range Raum zum Spazierengehen. Manche der wenigen Anwesenden spazierten, ehe die Vorstellung zu Ende war – weg. Die Uebrigen hielt warscheinlich der Capellmeister noch allein zurük.

Madame Haßloch sang und spielte durchaus Beyfallswerth, und die ältere Mamsel Stegman besser, als seit einiger Zeit in mancher ihrer Parthien. Herrn Ritzenfeldt konnte man Erholung seiner Kräfte abmerken. Herr Kirchner verrieth im I. Act bey dem Duet mit Clareten: „Du? – mein Gatte? etc.“ schwankende Unsicherheit. Bey der Kazbalgerey im Final des I. Acts hatte H. Gollmik wirkliche Verwundung an einem Finger der rechten Hand davon getragen; [45] er, und Herr Schröder, benuzten sie zu comischen Nuanzen, die nicht übel reußirten. Herr Stegmann verschaffte in der That dem Ganzen noch die wenige Aufmerksamkeit welche das überdrüßige Publikum der Vorstellung gönnte. In der Arie: „Einen Koffer wird man sehen etc.“ excellirte er heute.

Das Orchester soutenirte im Allgemeinen die heutige Oper gut, aber im Einzelnen fehlte es doch manchmal merklich. Beyde von Madame Haßloch gesungene Arien wurden nicht mit sattsamer Precision angefangen. Dem Marsch, für Capitain Lubeccio und sein Gefolge aus dem Hafen, mangelte alle Festigkeit im Takte. Das Duet zwischen Lubeccio und Dorimante; „Junge! etc.“ stokte von forne herein in deutlicher Unrichtigkeit.

Donnerstags, den 22. Januar, wurde die Hausehre gewiß zur Zufriedenheit aller Anwesenden wiederholt. – Doch bachstelzte Madame Löhrs ein wenig zu oft – und in der vorlezten Scene des V. Acts sezte Herr Ritzenfeldt das Glas mit dem frischen Waßer auf der Toilette viel zu weit, und zu verstekt, zurük – Herr Steiger wurde dadurch embaraßirt, und wußte [46] nicht, wie er deßen, ohne sich von der ohnmächtigen Amalie unschiklich zu entfernen, habhaft werden sollte. Auch der Stuhl, auf den Amalie in der Ohnmacht niedergelegt wird, sollte, wenn kein kleines Sopha aufgestellt werden kann, wenigstens mit einer gepolzterten Fauteille umgetauscht werden. Den Rüken an der hölzernen Lehne, den Kopf über sie heraushängend, kann sich Madame Haßloch schlechterdings in keiner dem Tode ähnlichen Lage erhalten. Sie muß Bewegungen machen, diese sollen sich aber an ihr nur denn erst äußern, wenn Advocat Bohlig dem Justizrath Felbing zuruft: „Sie schöpft wieder Athen!“ frühere stören die Illusion fehlerhaft.

Noch eine Zugabe erhielt das Publikum an dem sehr, und längst, bekannten Lustspiel: Jeder fege vor seiner Thüre! in einem Aufzuge.

Es wurde im Hamburgischen National-Character und Ton dargestellt, und gewann dadurch am vielstimmigern Beyfall. Herr Eule würzte als Procurator Spiz seine Rolle mit vielem Spaß aus eigener Invention, den er auf die hiesigen Verhältnisse oft sehr richtig applicirte. Den Uebergang aus ganz nüchtener [47] in die trunkene Lage nuancirte er aber zu grell – eine halbe Bouteille Wein konnte ihn zum Schwanken, aber nicht zum unnatürlichen Torkeln gestimmt haben. Herr Zahrt leistete seiner Rolle als Falk so viel Genüge, daß man ihm diesfalls keinen Vorwurf machen kann. Mamsel Kruse spielte das Dienstmädchen Hanne recht wohlgefällig – und Herr Nätsch den Schnurer, in schwäbischer Carricatur aus ältern Zeiten.


Verschiedene Klagen, daß denen Lesern meines Journals manche einzelne Bogen verlohren gegangen, oder zum Sammeln des Ganzen unbrauchbar geworden sind, haben mich zu dem Arrangement, und zu folgender Ankündigung determinirt: Es sind von Heute an complette Exemplare vom Ersten Quartal dieses Journals, in bunten Umschlag brochirt, für 2 m& 12 ß bey mir zu haben.


Herrn S.... dem Jüngern antworte ich auf Verlangen öffentlich, und in determinirter Beziehung auf seine schriftliche Anfrage vom 20. d. M. – [48] Nein! nicht in der mindesten. – Meine zeitherigen Handbillets an ihn aber hat er falsch verstanden, wenn er glaubt, daß ich mir die Fortsezung seiner Correspondenz nicht recht herzlich wünsche.


Vorstellungen in künftiger Woche, wenn nicht Krankheit, oder sonstige Umstände, eine Abänderung nothwendig machen.

Januar 1801.

Sonntags, den 25ten: Die Schwestern von Prag.

Montags, den 26ten: Abällino.

Dienstags, den 27ten: Das Donauweibchen.

Mittewochs, den 28ten: Die Hausehre.

Donnerstags, den 29ten: Das Donauweibchen.

Freytags, den 30ten, wird der dritte Maskenball im deutschen Schauspielhause gegeben.


Drukfehler im vorigen Bogen.

Seite 17. Zeile. 12. v. o. st. dieser – diese.

Seite 18. Zeile. 4. v. o. st. Phane – Plane.

Seite 19. Zeile. 15. v. u. st. Erdentlichung – Erdeutlichung.

Seite 19. Zeile. 9. v. u. st. Philalehtie – Philaphtie.

Seite 20. Zeile. 9. v. u. st. Tetrate – Teteatete.

Seite 24. Zeile. 18. v. u. st. Bittersalz – Luftsalz.

Seite 30. Zeile. 4. v. u. st. iorialischen – iovialischen.

Seite 31. Zeile. 4. v. o. st. Individium – Individuum.

[49]
Raisonirendes
Journal
vom
deutschen Theater zu Hamburg.

Siebenzehntes Stük.

Sonnabends, den 31. Januar 1801.

Hamlet, Prinz von Dänemark, Trauerspiel in fünf Aufzügen nach Shakespeare, von Schröder, wurde Freytags, den 23. Januar, aufgeführt.

Ich besize davon dieienige Ausgabe, welche bey Voß in Berlin im Jahr 1795, erschienen ist, und obgleich die Darstellung dieses Trauerspiels auf Hamburgs deutscher Bühne sich an iene nicht durchaus bindet, vielmehr hier verschiedene Scenen abgekürzt, oder ganz weggelassen, werden, und dadurch das Ganze sich aus sechs Acten nur in fünfe zusammenzieht, so bestätigt doch die Conformität des Dialog, daß die vorbezeichnete Berlinische Edition von Hamlets Uebersezung [50] ins Deutsche die Basis seiner Production in Hamburg ist.

Als unumgänglich mußte ich dieses aus folgenden Gründen vorher erinnern. Es existiren mehrere deutsche Uebersezungen des englischen Originals; zu iener Voßischen Edition ist auf dem Titel kein Uebersezer genannt; für meine Raisonements über Hamlets hiesige Darstellung brauchte ich schlechterdings ein sicheres Anhalten an irgend einen Grundtext.

Welcher Critiker, der für die Precision und Gewißheit seiner zur Publicität beförderten Urtheile so ängstlich sorget, als ich, kann es wagen, über ein Trauerspiel von Hamlets Umfange, wo oft in einzelnen Stellen, und Worten, entscheidendes Gewicht für den Werth des Ganzen liegt, und über dessen Darstellung im Detail, zu urtheilen, wenn er bloß Zuschauer gewesen, und nicht zugleich im Stande ist, die Erfordernisse ieder individuellen Rolle mit dem was er auf der Bühne sahe, von ihr herab hörte, beym Nachlesen des Original, nach welchem es gespielt wurde, zu vergleichen, und gründlich zu prüfen? [51] Da nun für Hamlets Aufführung die hiesige Direction Schröders Uebersezung angeblich zur Richtschnur wählt, und ich mich heute überzeugen konnte, daß der gehörte Dialog mit dem Inhalt iener Berlinischen Edition vom Hamlet, die Weglassungen abgerechnet, wörtlich übereinstimmt: so kann, und will, ich auch meine weitern Raisonements auf leztere zuversichtlich gründen, mit selbigen aber lediglich die Production des Stüks auf unserm Theater umfaßen, da deßen allgemeines Bekanntseyn mich von der mindesten Recapitulation seines Inhalts ganz frey spricht; da über den innern Werth des englischen Original sich mehrere Kunstrichter bereits schreibend erschöpft haben. –

Mit vorsichtigster Behutsamkeit strebe ich, ieder monotonischen Wiederholung schon gedrukter Urtheile im raisonirenden Journal über Hamburgs deutsches Theater auszuweichen. – Sollten iene irgendwo in diesem auszuspähen seyn; so versichre ich theuer, daß von meiner Seite nicht absichtliche Plagiate, sondern mögliches Zusammentreffen individueller Ideen, [52] und Gefühle, über einerley Gegenstände sie veranlaßt haben müßen.

Zur Besezung dieses Trauerspiels gehören nothwendiger, als bey irgend einem andern, lauter Meister und Meisterinnen der dramatischen Kunst, denn fast in iede einzelne Rolle hat der Dichter extreme Schwierigkeiten gelegt, und wenn eine oder gar mehrere mangelhaft durchgeführt werden: so kann auch das perfecteste Spiel in den übrigen den durch erstere dem Ganzen zugefügten Schaden nicht heilen. In einer durchaus vollendeten Darstellung dieses Stüks denke ich mir daher eine theatralische Seltenheit, welche wenigstens meinen Erfahrungen, ob ich gleich den Hamlet in Leipzig, Dreßden, Frankfurt am Mayn, und Cassel, oft aufführen sahe, noch Nirgends entgegen getreten ist.

Auf unserer Bühne war heute Herr Löhrs als König von Dänemark angestellt, und spielte ihn gerade in der nemlichen Mensur, wie den Christiern im Gustav Wasa, mithin gar nicht characteristisch. Hamlets Oheim ist ein heimlicher Bösewicht, aber kein offenbarer Tyrann. Er wagt [53] iede Schandthat zur Befriedigung seiner Lüste, aber er bemüht sich sorgfältigst, allen seinen Handlungen den Schein des Rechts, den Anstrich redlicher Absichten, zuzueignen. Nicht die mindeste heuchlerische Sanftheit legte Herr Löhrs in seine Mimic, und Declamation; – an maiestätische Erhebung dachte er gar nicht – barsch, rauh, grämisch, spielte, und sprach, er vom Anfang bis zum Ende. In der 14ten Scene des III. Acts sollte Herr Löhrs unumgänglich seinen Kopf auf die vor ihm stehende Fauteille tief niederlegen, und beyde Hände über ihn zum Gebet falten; denn bey der delicatesten Vorsicht, welche Herr Solbrig gebrauchte, in dem wichtigen Monolog: „Jezt könnt’ ich’s am füglichsten thun, iezt da er betet etc.“ so leise als möglich, wenn man ihn im Amphitheater verstehen sollte, zu sprechen, mußten doch in der aufrechten Haltung des obern Körper, welche Herr Löhrs durch die ganze Scene beybehielt, Hamlets Eintritt, und nachheriges Selbstgespräch, auf des König Gehör, zum Nachtheil der Illusion, unvermeidlich wirken.

[54] Madame Fiala, der ich schon oft, mit voller Ueberzeugung, Gerechtigkeit widerfahren ließ, wenn ich andere ihrer theatralischen Productionen öffentlich, und wiederholt, lobte, konnte heute, als Königin, unmöglich gefallen. Der Mangel gewisser persönlicher Attribute, die aber gerade zu der oder iener Rolle unentbehrlich sind, läßt sich weder durch Kunst, noch durch Anstrengung, genügeleistend ersezen. Madame Fiala war auch bis zur Verunstaltung angezogen – der dicke Stoff des steif weg strozenden Kleides erweiterte den Umfang ihrer natürlichen Corpulenz mächtig, seine Schwehre sezte sie oft in auffallende Unbehelflichkeit, das Costum der Vorzeit aber bezeichnete es desto expressiver. Die Königin im Hamlet gilt zwar für Matrone, dennoch aber hat sich der Schwager auch aus Leidenschaft, und aus persönlicher Zuneigung, mit ihr verbunden. Da Madame Eule ebenfalls die Mutterrollen auf unserer Bühne so oft mit dem empfehlendesten Ausdruk bearbeitet, ihr es auch am figürlichen Anstand zu denen erhabenen gar nicht fehlt, so wünschte ich wohl, daß sie bey einer künftigen Vorstellung des Hamlet Madame Fiala ablösen möchte.

Hamlet, das große Problem dramatischer Kunst, war Herrn Solbrig übertragen. Heucheln müßte ich, wenn ich behaupten wollte, daß er dessen Darstellung, [55] von allen Fehlern gereinigt, bis zur Vollkommenheit erschöpft hätte, ob er gleich manche einzelne Scene sehr meisterhaft durchführte. In Hamlets Rolle dürfte von Rechtswegen gar kein Fehler einschleichen, denn eben ihre seltne Wichtigkeit vergrößert auch den kleinsten bis zur Verdunkelung des Ganzen. Da man von iedem Schauspieler, der sich an den Hamlet waget, schon im Voraus etwas Großes erwartet: so kann Herr Solbrig, da er hier als guter Schauspieler anerkannt ist, es um so weniger irgend Jemand verargen, der heute von ihm etwas Außerordentliches verlangte, und sich versprach. In diesem Fall befand auch ich mich, und vielleicht eben um deswillen, weil ich meine Ansprüche und Hoffnungen aufs Höchste spannte, wurden sie nicht durchgängig befriedigt.

In der 8ten Scene des I. Acts hätte Herr Solbrig seine innern Empfindungen, den Schmerz über des Vaters Tod, den Unwillen über der Mutter schnelle Wiedervermählung, das Mißtrauen gegen des Oheims erkünstelte Traurigkeit, feiner nuanciren können, als er es durch sein Gebehrdenspiel, und in dem Tone seiner Antworten bewerkstelligte. Sanfte Wehmuth, nicht kochenden Grimm, sollte er durch ersteres ausdrüken, troknen Kaltsinn, nicht grämischen Troz, in leztern legen. Wer Herrn Solbrig in dieser Scene genau beobachtete, und nur aus seinem Aeußern Schlußfolgen [56] ziehen wollte, konnte leicht auf den Irrthum gerathen, er sey damals schon von Allem unterrichtet gewesen, was er erst nachher in der Unterredung mit dem Geist erfuhr. Nach gleichem Verhältnis declamirte er den Monolog in der 9ten Scene allzuheftig – im schmelzenden, aber nicht im wüthenden, Affect mußte er sich dabey halten. Zum Anfang der 5ten Scene des II. Acts bezeichnete er den schreklichen Eindruk, welchen der erste Anblik des erscheinenden Geistes auf ihn machte, so künstlich, daß ihn die Natur selbst nicht treuer darstellen konnte, und führte dann die Scene bis ans Ende, auch, im richtigsten Zusammenhang mit ihr, die 7te und 8te vortreflich aus. In denen abwechselnden Aeußerungen des verstellten Wahnsinn hielt sich Herr Solbrig durchaus meisterhaft, und stufte iedesmal den Uebergang aus selbigem in seinen wahren natürlichen Zustand sehr expreßiv ab. In der 10ten Scene[2] des III. Acts sollte er den so viel umfaßenden Monolog: „Seyn, oder nicht seyn? etc.“ weniger declamiren, durchaus bis an die Worte: „Aber still! – die schöne Ophelie! –“ im Sentenzenton vortragen, und weit langsamer, als er es that, sprechen, um in iedes Wort die erforderliche Energie legen zu können. Die gleich darauf folgende Unterredung [57] mit Ophelien reußirte hingegen unverbesserlich. In der 14ten[3] Scene des nemlichen Acts zeigte sich Herr Solbrig unleugbar als großer Künstler. In der 1ten Scene des IV. Acts wendete er sich vom Anfang bis zum Schluß zu weit seitwärts, und kehrte dem Publikum fast ganz den Rüken zu, um mit dem Schauspieler zu sprechen. Wenn Herr Kruse, als lezterer, zwey Schritte weiter vor, Herr Solbrig aber mehr nach der rechten Seite, wenigstens in die Mitte, der Bühne traten: so war der ganze Uebelstand vermieden. – Shakespeare hat in dieser Scene große Wahrheiten, goldene Regeln, für die Unvergeßlichkeit geschrieben; möchte ieder practische Schauspieler sie tief ergründen, sich unauslöschlich einprägen, sie, so oft er die Bühne betritt, seinem Gedächtnis wiederholen, sie durch iede einzelne Ausübung seines Berufs bestätigen, sie für iede zum bestimmten Maaßstabe auswählen! Möchte aber auch iedes Publikum, das auf Sittlichkeit, und Cultur, Ansprüche macht, aus eben dieser Scene lernen, wie es die für sein Vergnügen, für seine Veredlung, auf denen Bühnen Arbeitenden würdern, und behandeln, soll, wenn es die Pflichten der Dankbarkeit auf seiner Seite erfüllen, Jene zur muthigen Beobachtung der ihrigen von Zeit zu Zeit ermuntern will! – – In der 4ten Scene des [58] IV. Acts sezte sich Herr Solbrig erst auf den leerstehenden Lehnstuhl neben Ophelien, und hutschte dann, ohne alle Veranlaßung, von ihm herunter zu ihren Füßen. Ich weiß es recht gut aus Erfahrung, daß fast alle Darsteller des Hamlet, selbst große Künstler, die Attitude, daß Hamlet seinen Plaz, während der von ihm angeordneten Comödie, vor Ophelien auf der Erde sizend auswählt, als wenn sie in der Rolle vorgeschrieben wäre, beobachten, wenn sie aber nicht unschicklich werden soll: so müßen der sich für eine Person der königlichen Familie auszeichende Lehnstuhl zur linken Hand der Königin stehen, und leer bleiben, hingegen Ophelie den ersten vordersten Plaz auf der linken Seite des Theater einnehmen, und alle übrigen Stühle neben ihr vom anwesenden Hofgefolge schon besezt seyn, so lange Hamlet noch steht. Wenn dann die Königin ihm zuruft: „Komm hieher, mein liebster Hamlet, seze dich zu mir!“ so kann Hamlet seine eigentliche Absicht: den König während der Comödie im Vis à Vis, und in der strengsten Beobachtung, zu behalten, unter die Antwort an seine Mutter: „Um Vergebung, Mutter, hier ist ein Magnet, der stärker zieht,“ schiklich versteken, und sich, da Ophelie den vordersten Stuhl auf der linken Seite bereits eingenommen hat, auch keiner neben ihr leer ist, zu ihren Füßen auf die Erde, dem König gerade gegenüber, niederlassen. [59] Da aber die richtige Stellung der Stühle auf unserer Bühne heute ganz vernachläßiget worden war, weil Niemand an die vom Dichter so fein angelegte Nuance gedacht hatte, so mußte Herr Solbrig, als denkender Künstler, schlechterdings auf den für den Prinz Hamlet bestimmten Lehnstuhl, an Opheliens linken Seite, da er den von ihm beabsichtigten Standtpunkt im Grunde nicht verschob, und er ihn einmal besezt hatte, unverändert verbleiben. In der 11ten, 12ten, und 13ten Scene des IV. Acts, würde Herr Solbrig sich gewiß zur dramatischen Vollkommenheit erhoben haben, denn er spielte mehrentheils meisterhaft, wäre ihm in der 11ten nicht Oldenholms Ermordung ganz mislungen, hätte in der 13ten das Wegschleppen des todten Körpers seinen Kräften nicht zu viel Anstrengung gekostet. Bey iener hieb Herr Solbrig sehr matt in die Coulisse – warum nuancirte er nicht, statt des schwächlichen Hiebes, der unmöglich eine Ertödtung bewirken konnte, von dem man noch dazu ein ganz widersinniges Klirren, als Erfolg, hörte, einen wüthenden Stoß? Bey lezterm sahe ich ehedem mehrmals den großen Reineke, als unübertreflichen Hamlet, Oldenholms Leichnam wie einen Mantelsak auf die Schulter werfen, und davon tragen. Aber allerdings begünstigte damals auch der zufällige Umstand den Künstler, daß [60] der Dresdner und Leipziger Oldenholm um manches Pfund leichter wog, als der heutige in Hamburg. In der 16ten Scene des V. Acts[4] herrschte überhaupt nicht die richtigste Ordnung; schon die Königin kam fast zu spät, um den für Hamlet bestimmten Giftbecher zeitig genug ihm weg zu nehmen, und selbst daraus zu trinken. Auch Herr Solbrig schien die Contenance verlohren zu haben; zur Ermordung des Oheims konnte er mit dem Herausziehen des Schwerdts nicht rasch genug zu Stande kommen, und das unmitelbare Niederstoßen reußirte nur unvollständig.

Herr Langerhans erschien als Geist von Hamlets Vater; aber ich muß aufrichtig gestehen, daß er mir durchaus nicht gefallen, sondern mich heute zum ersten mal von der Möglichkeit überzeugt hat: auch er könne eine Rolle übernehmen, und spielen, ohne ihr die mindeste Genüge zu leisten. Da Herr Langerhans sein Visir aufgezogen tragen muß, und man das ganze Gesicht sehen konnte; so hätte doch lezteres expreßivere Merkzeichen des Todes darstellen sollen; außerdem verriethen des Herrn Langerhans Haltung, seine Gesticulation, sein Gang, selbst sein Sprachton, viel zu viel Körperliches, um auch von der leichtgläubigsten Illusion zu verlangen, daß sie sich in deßen verschiedenen Erscheinungen [61] einen Geist nur augenbliklich denken sollte. – Im Don Juan wird durch den Geist des Comthur die nemliche Idee ungleich wahrscheinlicher auf der hiesigen Bühne ausgeführt.

Herr Stegmann stellte den Oldenholm, ohne den eigenthümlichen Character nach dem Sinn des Dichters durchaus zu erschöpfen, vor. Aus Erfahrung weiß ich, daß er ähnliche Rollen weit künstlicher behandelt, viel treffender durchgeführt hat, als die heutige.

Madame Langerhans zeigte sich hingegen als Ophelie in ihrer ganzen dramatischen Größe, und spielte vom Anfang bis zum Ende meisterhaft, besonders aber beyde Scenen, im vorgeschriebenen Zustand des Wahnsinn, unübertrefflich.

Herr Schröder als Laertes, Herr Wohlbrük als Gustav, und Herr Gollmik als Güldenstern, empfohlen sich durch richtiges Spiel, und anständige Haltung in selbigem, allenthalben aufs Beste – Lezterer darf ein andermal in der 4ten Scene des III. Acts bey seinem ersten Auftreten im Audienzzimmer nicht vergessen, daß auch die Königin gegenwärtig ist, der er seine Devotion zu bezeugen hat; heute schien er sie anfänglich gar nicht zu beachten.

Die 8te Scene des I. Acts, wo sich die königliche Familie, und der Hofstaat, in ienem Zimmer zuerst [62] versammeln, war sehr defect. Alles kam zu dem statt einer Thüre in der hintern Mitte der Bühne unschiklich angebrachten Vorhang herein gekrochen, und die Eintretenden mußten ihn iedesmal erst mit den Händen auseinander schlagen; wie rostig erschienen die königlichen Trabanten, mit ihrer noch rostigern Helleparten? – Sie trugen einer Camaschen, ein anderer Stiefeln; von ihnen traten vier auf die rechte, drey auf die linke Seite des Zimmer; war denn nicht noch einer mehr, der simetrischen Ordnung halber, herbeyzuschaffen? – Zwey Hofdamen waren schwarz gekleidet, und hatten große Flöre von nemlicher Farbe zum Kopfpuz gewählt – ein großer Fehler. Jeder Schein von Trauer war vom Hofe verbannt, Prinz Hamlet zeichnete sich noch allein durch die seinige, zum größten Verdruß des königlichen Ehepaar, aus – Dies, dächte ich, wäre expreßiv genug durch den wörtlichen Inhalt des Stüks bestimmt. –

Aus allen vorstehenden Bemerkungen entwikelt sich das unumgängliche Resultat: Hamlets heutige Darstellung kann man im Ganzen unserer Bühne für kein Meisterstück anrechnen.

Sonntags, den 25. Januar, wurden die Schwestern von Prag zur großen Satisfaction der Gallerie, und aller sonstigen Spaßliebhaber, mit ieder nur anzubringenden Uebertreibung wiederholt. Die [63] ältere Mamsel Stegmann sang heute sehr gut; die iüngere fängt an, ein Wenig im Tempo zurük zu halten. Herr Gollmik verbesserte in der ersten Arie die Manier, welche er bey dem Halt machte, merklich gegen sonst, und hatte auch mit Ueberlegung dafür gesorgt, daß man den Doctor Saßafraß für einen lieben guten Mann paßiren laßen konnte, nicht absolut für einen Alten anerkennen mußte. Herr Ritzenfeldt überschrie sich im Recitativ des zweyten Finals, und sang auch merklich zu hoch. Herr Eule ließ es am comischen Vortrag gewiß nicht fehlen, befriedigte aber zugleich durch den singenden allgemein. Herr Kirchner ist und bleibt in der Rolle des Scheerenschleifer unnachahmlich. Der Violoncellist, welcher im Orchester die Arie des Herrn Kruse eigentlich accompagnirt, schien mit Lezterm nicht gleiche Stimmung zum Spaße zu haben.

Montags, den 26. Januar, wurde Abällino mit dem besten Erfolge aufgeführt. Ich berufe mich auf meine ältern Urtheile darüber im 11ten Stück dies. Journ.; die heutige Erfahrung bestätigte iedes derselben aufs Neue. Die Nobili’s, von denen Memmo heute mit Herrn Zahrt besezt war, spielten vorzüglich gut. In der 4ten Scene des V. Acts aber vergaß Lezterer, bey Abällino’s Aufforderung: „derienige, der unter euch zum ersten gesteht, soll Gnade erhalten [64] im Gericht etc.“ das Aufstehen, und Reden, fast ganz und gar.

Dienstags, den 27. Januar, wurde das Donauweibchen, Oper in drey Aufzügen von Hensler, nach Kauerischer Composition, hier zum ersten mal aufgeführt. Ich suspendire alle weitere Anzeigen davon, und alle nähere Urtheile darüber, bis zum künftigen Bogen, da wir eine Wiederholung des Donauweibchen übermorgen zu erwarten haben, und die unumgängliche Ausdehnung über Hamlet den heutigen Bogen geschwinder, als ich es vermuthete, gefüllt hat.


Möchte doch Herr S. der iüngere mir nächstens eine Adreße bekannt machen, unter welcher ich meine Privatantworten an ihn sicher in seine Hände befördern kann! –


Vorstellungen in künftiger Woche, wenn nicht Krankheit, oder sonstige Umstände, eine Abänderung nothwendig machen.

Februar 1801.

Sonntags, den 1ten: Der Hausfriede.

Montags, den 2ten: Das Donauweibchen.

Dienstags, den 3ten: Nicht mehr als sechs Schüßeln.

Mittewochs, den 4ten: Das Donauweibchen.

Donnerstags, den 5ten: Das Vaterhaus.

Freytags, den 6ten: Der Fremde.


Drukfehler im vorigen Bogen.

Seite 35. Zeile 6. von unten, lese man, statt minische – mimische.

[65]
Raisonirendes
Journal
vom
deutschen Theater zu Hamburg.

Achtzehntes Stük.

Sonnabends, den 7. Februar 1801.

Eine Wiederholung der Hausehre erfolgte Mittewochs, den 28. Januar, und füllte die erste Vorstellung auf unserer Bühne. Ich fahre fort, dem innern Werthe dieses Schauspiel, und seiner hier sehr fleißig bearbeiteten Production, Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen, denn auch die heutige Erfahrung bestätigte, daß Beyde fast allgemeine Zufriedenheit im Publikum bewirkten. Von lezterer, oder von dem ihr entgegenstehenden Falle, kann man sich durch manchmaliges Umsehen im Amphitheater, aus dem Verhalten, selbst aus den Gesichtszügen, derer Anwesenden am füglichsten überzeugen, ohne daß man absolut nöthig hat, individuelle Urtheile in der Nachbarschaft zu behorchen, oder im gesellschaftlichen Umgange zu erfragen, und zu sammeln. Mehrentheils gewähren auch das Verhalten und die Gesichtszüge der Anwesenden gründlicheres Anhalten zu festen Resultaten über allgemeinen Beyfall oder Tadel, als in der Art zusammengetragene Urtheile, da iener immer durch den [66] natürlichen Eindruk, diese aber nur allzuoft durch Capricen, Vorurtheile, Nebenabsichten, Leidenschaften, determinirt werden.

Die Direction hat nicht für gut befunden, meinen im 16ten Stük d. Journ. Seite 46, gewiß mit Grunde niedergeschriebenen Verbeßerungs-Vorschlag durchaus zu realisiren, weil auch heute in den leztern Scenen des V. Acts Madame Haßloch auf einen ungepolzterten Lehnstuhl ohnmächtig niedergelegt wurde. – Dennoch erzwang sie die Möglichkeit, sich in erstarrter Unbeweglichkeit so lange, als die Rolle es erforderte, zu erhalten, Herr Ritzenfeldt aber brauchte die überlegte Vorsicht: das Glas mit dem frischen Waßer ganz vorne auf die Toilette zu sezen, der Lehnstuhl stand auch weit näher bey selbiger, als sonst, und Herr Steiger benuzte den gedoppelten Vortheil eben so künstlich, als natürlich; er lies den Kopf der Ohnmächtigen auf seinem untergelegten linken Arme fest ruhen, ihn so lange, als die Ohnmacht dauern sollte, unverrükt liegen, bewerkstelligte mit seinem rechten das Benezen und Reiben der Schläfe und Stirne mit frischem Waßer, sogar das Vorlesen des, Alles entscheidenden, Billet von Amalien an Wartenfels, in der nemlichen eignen Stellung, und verschaffte dadurch Madame Haßloch mehrere Bequemlichkeit, sich in der ihr vorgeschriebenen Attitude körperlichen Erstarrens zu erhalten. Viel gewannen dadurch heute die leztern drey Scenen gegen sonst an treffender Expreßion, und am wirksamen Eindruke. Mich aber freut es, ich gestehe es unumwunden, wenn mich auch [67] nur einzelne Erfahrungen überzeugen, daß nicht iedes meiner Raisonements über Hamburgs deutsches Theater Waßer mit dem Siebe schöpfet, daß doch manche meiner critischen Urtheile von denkenden Köpfen durch Ausübung auf der Bühne gerechtfertigt werden. Großer, und häufiger, Ermunterungen zum schriftstellerischen Unternehmen darf ich mich ohnedem nicht rühmen, es übersteigen vielmehr die mir dadurch zuwachsenden Kränkungen an Zahl und Unbilligkeit erstere weit; desto schäzbarer aber muß ieder Lohn von vorbeschriebener Art mir seyn, desto dankbarer werde ich den Werth, welchen ein solcher für mich hat, entweder im Stillen anerkennen, oder, nach schiklichem Befinden, laut preisen.

Nach der Hausehre wurde heute auch noch das Bauerngut, Lustspiel in einem Aufzuge gegeben.

Es gilt dieses Stük für eine zweyte Fortsezung derer bekannten beyden Billets; sein Inhalt beruhet auf folgenden Ideen.

Der Balbier Schnaps hat es noch immer nicht verschmerzt, daß ihm sein betrügerisches Proiect: Gürgen um den Gewinn im Lotto zu prellen, oder das reiche Röschen zur Frau zu bekommen, so ganz verrükt worden ist. Mit Neide beobachtet er täglich den Wohlstand, in welchem iene Beyde seit Jahr und Tag als seelenvergnügte Eheleute mit ihrem braven Schwiegervater, dem Bauer Märten, leben. Entschluß zur Rache, die er schon[5] fruchtlos mit dem Stammbaume versucht [68] hat, reift in ihm aufs Neue, spornt ihn desto mächtiger zu anderweiten Spizbübereyen an, die das Glük der ihm verhaßten Familie zerstören sollen, da er durch eigne Lüderlichkeit bereits um alle Nahrung gebracht ist, Nichts mehr in seiner Heimath zu verlieren, sondern nur den einzigen Weg offen hat, sein Bündel zu schnüren, und als Landläufer in die weite Welt zu gehen. Unter diesem Verhältnißen erfährt Schnaps, daß ein benachbarter Cavalier, der Hauptmann v. Lilienstern, gesonnen ist, das besizende Gut: Birkenhausen, zu verkaufen, und Schwiegervater Märten große Lust hat, solches für seines Eidam, im Lotto gewonnenes, Geld, welches noch nicht angelegt ist, sondern todt im Kasten liegt, zu erhandeln. Der rachsüchtige, und desperate, Schnaps beruft seinen ältern Spiesgesellen, den Doctor Knallerpaller, welchem man eben Obrigkeitswegen, zum Besten der Menschheit, die medicinische Praxis gelegt hat, zu sich, und verabredet mit ihm den Plan: daß Jener sich für den Hauptmann von Lilienstern verkleiden, und bey Märten produciren, dessen bekannte Leichtgläubigkeit, und nicht penetranten Verstand, übertölpeln, ihm das, angeblich besizende, Gut Birkenhausen um sehr wohlfeilen Preis aufschwazen, den Kaufcontract darüber möglichst beschleunigen, und das Geld dafür alsbald bezahlen lassen soll, mit dem sie dann Beyde sich augenbliklich aus dem Staube machen, und ihr besseres Glük in entfernten Gegenden befördern wollen. Knallerpaller, ein eben so determinirter Schurke, als Schnaps, entdekt [69] in des leztern Proiect neues Treibwasser auf seine iezt ganz stillstehende Mühle, bietet zur Ausführung beyde Hände, bewerkstelligt die Verkleidung, erscheint als Hauptmann v. Lilienstern bey Märten, der vor seinem Hause im Freyen den schönen Morgen genießt, reißt das Zutrauen des kurzsichtigen, treuherzigen, Alten durch unzählige Rotomontaden an sich, benebelt seinen Kopf mit einigen Gläsern Wein, die er ihm von einem für sich geforderten Frühstüke schnell hintereinander aufnöthigt, mit Familien-Gesundheiten zutrinkt, und bringt es so weit, daß der überlistete Märten zum Erkaufe von Birkenhausen, für 6000 Thaler, Knallerpallern den Handschlag giebt, auch die Bezahlung der Baarschaft auf iede Minute, nach Verlangen des Verkäufer, verspricht. Die Ausführung der Spizbüberey ist desto leichter zu Stande gekommen, weil gerade der vorsichtigere Gürge verreist ist, nur dessen Frau bey der Unterredung zwischen Knallerpallern und Märten ab und zu geht, iener mit diesem allein zu thun hat, Märten aber, auf ein vortheilhaftes Negoce zu sehr erpicht, die warnenden Winke der mistrauischen, wenig Gutes ahnenden, Schwiegertochter nicht beachten will, sie für weibliche Unentschlossenheit auslegt. Auch Schnaps hat sich, da der Handel um das Gut schon eingeleitet war, in der Gesellschaft eingefunden, und zum Scheine dem Alten vom Kauf vertraulich abgerathen; Märten aber, mistraut, aus ältern Erfahrungen, iedem Worte, das er spricht, eilt, da der pfiffige Knallerpaller ihm den Floh ins [70] Ohr sezt, Schnaps spiele mit dem Richter im Dorfe, Märtens erklährtem Feinde, aus einer Karte, wolle Jenem das Gut lieber zuschanzen, habe in dieser Absicht ausgesprengt: der Richter sey reicher als Märten, Lezterer verstehe die Wirthschaft nicht, liebe den Trunk u. s. w., desto hiziger zum Handschlage auf den festabgeschlossenen Kauf, genehmigt sogar Knallerpallers Vorschlag: daß Schnaps sich, und dem Richter, zum Poßen den Kaufcontract als Zeuge mit unterschreiben soll, damit er dem Richter desto zuversichtlichere Nachricht – Märten sey bereits Besizer von Birkenhausen – hinterbringen könne, und alle drey stürzen sofort in Märtens Haus, um den Kaufbrief zu Papiere zu bringen – Röse, die iunge Frau, folgt ihnen. Unmittelbar darauf erscheint Gürge, von der Reise zurükkommend, nebst dem wirklichen Hauptmann v. Lilienstern auf eben dem Plaze, welchen Jene in der vorherigen Minute verlaßen haben. Ersterer hat, während seiner Abwesenheit, ohne des Schwiegervater Auftrag, und Vorwißen, Birkenhausen besehen, sehr nach Wunsche befunden, auch wirklich gekauft, und bringt gerade von dort her den Hauptmann mit in seine Heimath, um ihm die dafür contrahirte Geldsumme zu behändigen. Märten trifft Beyde auf dem freyen Plaze vor seiner Hausthüre, unterdeßen daß drinne Knallerpaller und Schnaps den Kaufbrief zusammenschmieren. Für Freude über Gürgens unvermuthete Zurükkunft sieht er anfänglich den fremden Officier nicht; wohlmeinend [71] glaubt er, den Eidam mit der Neuigkeit zu überraschen: daß er so eben Birkenhausen vom Hptm. v. Lilienstern erhandelt hat, diesfalls schon Alles, unter sehr vortheilhaften Bedingungen, richtig ist, eben der Kauf unterschrieben, und dann das dafür bestimmte Capital von 6000 Thalern aus Gürgens Lottogewinn baar bezahlt werden soll. Gürge, und der Hauptm. v. Lilienstern, horchen hoch auf; Ersterer versichert dem Schwiegervater, daß sein vor ihm stehender Reisegefährte der wirkliche v. Lilienstern, der einzige Besizer von Birkenhausen, sey, giebt ihm den mit Lezterm auf der Reise schriftlich abgeschloßenen Contract zu lesen, und Beyde überzeugen endlich Märten, daß der im Hause befindliche Hauptmann ein Gauner ist, welcher, in Verbindung mit Schnaps, ihn prellen wollte. Diese Erklährung entdekt den gespielten Betrug unleugbar; Knallerpaller tritt mit Schnaps aus dem Hause; erschrikt vor dem anwesenden Officier; wird von ihm als schlecht renomirter Wurmdoctor erkannt; beyde Spizbuben sehen sich entlarvt; kriechen zum Creuze, und bitten kniend um gnädige Strafe – oder Pardon. Hauptmann v. Lilienstern wirft sich als Schiedsrichter in der Sache, da Märten seinen abgesagten Feind, den Dorfrichter, nicht gerne zur obrigkeitlichen Concurrenz laßen will, auf; relegirt Knallerpallern, und Schnapsen, aus dem Dorfe; wirft ihnen aber, unter der Bedingung: daß sie schleunigst Ort und Gegend verlaßen sollen, mitleidig ein Reisegeld in seiner Börse zu. Jeder sucht sie an sich zu reißen, der [72] Wurmdoctor erwischt sie, Beyde ergreifen das Hasenpanier – und das Stük endet.

Es spielten den Hauptm. v. Lilienstern Herr Gollmik mit vielem Anstande; den in gleichem Grade kurzsichtigen, und gutmüthigen, Bauer Märten Herr Steiger sehr characteristisch; Rösen Mamsel Eule, Gürgen Herr Wohlbrük, in richtigster Mensur gegen die nemlichen Rollen derer beyden Billets[6] – sie waren in der Zwischenzeit Mann und Frau, auch über ein Jahr älter geworden – den Balbier Schnaps Herr Eule mit tief herab gestimmterer Laune, als in den Billets, und zeichnete durch diese Abstufung sein critisches Discernement sehr empfehlend aus, denn Dürftigkeit hat seit Jahr und Tag den Kizel, welcher Schnapsen sonst stach, allerdings vertrieben.

Ob Herr Leo, als Doctor Knallerpaller, seiner Rolle durchaus, und wörtlich, treu blieb, oder ob er sie durch Zusäze eigner Invention noch mehr ins Comische zu treiben suchte, getraue ich mir nicht zu entscheiden, so sehr auch mein Gefühl zur Behauptung des leztern Sazes gestimmt ist, weil nicht leicht ein Schauspieldichter dergleichen Absurditäten verschreiben kann, als Herr Leo, besonders in denen Rotomontaden seiner Gnadezusicherungen, vortrug. – – Wäre nicht auf iede hiesige Schauspielerrolle, und auf die Manuscripte unserer Theaterdirection – dicitur – das Siegel Eulesinischer Geheimniße für mich, profanen Journalisten, gedrukt: so könnte ich oft, precisere Urtheile [73] publiciren, auch in diesem einzelnen Falle mit Grunde, entweder Herrn Leo wegen comischer Uebertreibung bescheiden tadeln, oder den Dichter, welcher in einem Schauspiele solchen Unsinn auf Deutschlands Bühnen zu werfen sich erkühnte, ins Tollhaus verwünschen. – Meinen Augen aber stand es frey, den heutigen Anzug des Herrn Leo zu beobachten. Der Dialog belehrte mich zureichend, daß er die einzelnen Bestandtheile zur Verkleidung in den Hauptm. v. Lilienstern sich der Geschwindigkeit-halber nur nothdürftig aus seinem Mantelsack verschafft hatte; aber nie würde ich, an seiner Stelle, zu Jenen atlaßene Unterkleider, wenn sie auch noch abgeschabter als die tragenden gewesen wären, erwählt haben. – Schwachköpfig ist Bauer Märten allerdings, aber irre im Kopfe hätte er seyn müßen, um bey dem Anzuge, in welchem Knallerpaller vor ihm erschien, bey dem Tone, in welchem er gegen ihn sprach, den begüterten Mann von Stande, den gedienten Officier, mit dem gemeinen Gauner nur Minuten, geschweige denn eine Viertelstunde lang verwechseln zu können. – –

Donnerstags, den 29. Januar, wurde die Oper: das Donauweibchen, wiederholt.

Darinne sind die Rollen des Ritter Albrecht mit Herrn Herzfeld, des Graf Hartwig mit Herrn Langerhans, der Bertha mit Mamsel Eule, des Waffenknecht Fuchs mit Herrn Ritzenfeldt, des Zechmeister Larifari mit Herrn Eule, des Meistersänger Minnewart mit Herrn Stegmann, der Jungfrau Salome mit Madame Gollmik, des Junker Bodo mit Herrn Wohlbrük, des Fräulein v. Lindenhorst [74] mit Madame Kruse, des Burgvoigt Bruno mit Herrn Leo, des Donauweibchen Hulda mit Madame Langerhans, des Kindes Lilli mit der kleinen Löhrs, derer vier Principal-Nixinnen mit Mamsel Kruse, und der iüngern Mamsel Stegmann, mit Madame Hönike, und Löhrs, eines Geistes mit Herrn Löhrs, besezt.

Wer sich von der Production dieser Neuheit auf unserer Bühne große Erwartungen gemacht, reelle Befriedigung des Kunstgefühl, der Sensation, selbst des musicalischen Gehör, versprochen hat, ist dadurch, dächte ich, sehr getäuscht worden; denn wo findet in dem Suiet, welches größtentheils im Dialog vorgetragen wird, der schlichte Menschenverstand nur das mindeste Anhalten? und muß nicht die Unwichtigkeit der Composition überhaupt auch dieienigen ermüden, welche billig genug sind, ihre Ansprüche an die deutsche Oper auf einen, nur sättigenden, Ohrenschmaus einzuschränken? Außer dem Terzet im III. Act: „Wer Nothbedrängte gern erquikt etc.“ liefert ia der Gesang lauter tändelnde, tanzähnliche, Liederchen. Noch am besten werden die Augen der Zuschauer durch öftere Verwandlungen der Bühne in mehrentheils wohlgerathene Decorationen, durch einander iagende Zaubereyen, und durch immer abwechselnde Ereigniße einer verborgenen Wunderkraft, unterhalten; doch auch dieser einzige Zwek wird nur dann erreicht, wenn die Theatermaschinerie nie wieder so auffallend als in der ersten Vorstellung am 27. d. M., künftig Nirgends im Mindesten, stokt.

[75] Das auf der Bühne arbeitende Personale thut unverkennbar sein Möglichstes, das Stük empor zu heben. Madame Langerhans soutenirt die mannichfaltigen Verkleidungen ihrer Person äußerst wohlgefällig, und singt dabey sehr brav. Herr Herzfeld wundert sich über alles Wunderbare, was ihn umgiebt, ieden seiner Schritte begleitet, so unermüdet, daß ich mich selbst über seine Contenance dabey verwundern muß. Madame Gollmik legt wirklich in ihre Rolle noch einige Wichtigkeit, indem sie den Hauptzug im Character der alten manntollen Salome, ihre Furcht für dereinstiger Bestimmung zum Gänsehüten im Paradiese, ihr Alles wagendes Streben solcher noch, wo möglich, auszuweichen, durchaus natürlich und treffend darstellt. Der croteske Anzug paßt zwar zum Ganzen, könnte aber doch, zumal an Berthens Hochzeittage, glänzender seyn. Ihr Gesicht entstellt Madame Gollmik zu sehr durch die grelle Mahlerey; mit weniger, oder gar keiner, Schminke würde sie durch die beym Lichtschein hervorstechende Bläße den Anschein des Alter doch erkünsteln, und zugleich den gar zu abschrekenden Effect von iener vermeiden. Die kleine Löhrs verdient für das, was sie als Kind in dieser Oper leistet, gelobt, und dadurch für die Zukunft ermuntert, zu werden. Weiter will ich meine Urtheile über diese Neuheit auf unserer Bühne gerne nicht ausdehnen. Ein Detail vom eigentlichen Inhalte derselben, würde meinen Vortrag ins Schmuzige führen, und durch Auseinandersezung der Hauptideen: von iener Nacht, in welcher Ritter Albrecht zuerst mit der Nixenkönigin, damaligem Köhlermädchen, [76] bekannt wurde, von dem Ursprunge der kleinen Lilli, von dem seltsamen Contracte, den das Donauweibchen mit Bertha, Albrechts Braut, schließet, müßte ich alle Moralität, allen sittlichen Wohlstand, unumgänglich beleidigen. – –

Bey Allen vorbezeichneten Attributen dieser Oper, selbst bey meiner gewißen Ueberzeugung, daß die mehrstimmigen Urtheile des Publikum ihren Werth unter alle Critik sezen, finde ich doch ein ungewöhnliches Drängen zu ihrem Anschauen ins Schauspielhaus. Ich kann den Contrast dieser Erfahrungen nicht erklähren, ich zuke die Achseln, halte meine Feder im Zaum, denke mir das Beste – und verarge es der Direction keinesweges, wenn sie den hier herrschenden Ton zum Vortheile ihrer Caße benuzt. Von allen fernern Raisonements über das Donauweibchen sage ich mich hiermit los; so oft es in der Folge repetirt wird, erwähne ich mit wenig Worten nur die unmittelbare Wiederhohlung, es wäre denn, daß sich bey der oder iener einzelnen etwas Außerordentliches ereignete.

Freytags, den 30. Januar, wurde der dritte Maskenball im deutschen Schauspielhause gegeben. – Er war mit 700 Masken besezt, und eine große Menge füllte zum Zuschauen die Logen nebst der Gallerie. Man hatte einige Stunden Zeit, sich an dem bunten Gewühle im Tanzsaale auch nur als Beobachter des allgemeinen, nicht ausartenden, Frohsinn erquikend zu belustigen, ob man gleich gedrängt, und zuweilen ein wenig unsanft gestoßen wurde. Ein Maskenpaar machte sich das edle Geschäfte, die Hamburgische [77] Mildthätigkeit aufzufordern, und ihre Gaben in einer Büchse zu sammeln, welche durch die führende Devise: Denkt! daß die Armen weinen, den Zwek der Sammlung, und die Empfänger der Gaben, bestimmte. Verschiedene Mitglieder des französischen Orchester producirten unter weiblicher Verkleidung einen Musicanten-Aufzug. Bis gegen zwey Uhr nach Mitternacht erhielt sich dieses Volksfest in so guter Ordnung, daß Jeder daran mit Zufriedenheit Theil nehmen konnte, aber dann nöthigte immer ein Ruhestörer nach dem Andern das zur Wache angestellte Militair, unter die Masken einzudringen, manche gewaltsame Beseitigungen zu bewerkstelligen – um diese Zeit gieng ich nach Hause.

Sonntags, den 1. Februar, wurde der Hausfriede aufgeführt.

Künstlerinnen und Künstler arbeiteten auf der Bühne mit vollen Kräften, und bewirkten dadurch die beyfallswürdigste Darstellung des Ganzen.

Montags, den 2. Februar, erfolgte eine abermalige Wiederholung des Donauweibchen.

Dienstags, den 3. Februar, gab man: Nicht mehr als sechs Schüsseln, das schon lange her bekannte, aber immer beliebt gebliebene, Familiengemählde von Großmann, in fünf Aufzügen.

Tief hatte Herr Langerhans den Character des Hofrath Reinhard studirt, fest hielt er ihn vom [78] Anfange bis zum Ende, unverbesserlich bezeichnete sein Spiel iede einzelne Abstufung in selbigem.

Madame Haßloch spielte die Hofräthin fehlerfrey, ohne was Großes dabey zu leisten.

Mamsel Eule als Wilhelmine konnte nicht durchgängig gefallen, weil für Rollen von einigem Umfang ihr Spiel noch nicht Politur, und Festigkeit, genug hat. Ihre Anlagen sind wirklich gut, ihre Figur entwikelt sich immer wohlgefälliger, mithin können richtige Führung, und eigner Fleiß, sie bald weiter bringen.

Herr Zahrt stellte den Friz richtig so dar, wie ihn der Dichter gezeichnet hat; als einen iungen Brausebeutel, der, seinen eignen Werth fühlend, mit unbiegsamen Troze alle seine Capricen durchzusezen glaubt – lieber mit dem Kopfe wider die Wand rennt, als ihr ausweicht; und bei dem Allen von schlechten Gesellschaftern sich leicht zu Schurkereyen misbrauchen läßt.

Der Oberste von Altdorf, welcher auf unserer Bühne, aus mir unbekannten Ursachen, zum Hauptmann reducirt wird, war mit Herrn Löhrs besezt. Manche Scenen spielte er recht herzlich.

Als Frau von Schmerling befand sich Madame Fiala ganz in ihrem Fache.

Den Leutnant von Altdorf, den Geheimerath v. Schenk, den Major von Wurmb, den Cammerjunker[7] von Wilsdorf, spielten die Herren Solbrig, [79] Stegmann, Leo, und Wohlbrük, durchaus gut, und beyfallswerth.

Die Bedientenrollen, des Friedrich, des Philipp, und der Luise, waren mit Herrn Nätsch, Ritzenfeldt, und der iüngern Mamsel Stegmann, besezt.

Herr Petersen hatte als Beamter Beil auf den äußern Anstand gar zu wenig Rüksicht genommen, und war miserabel gekleidet.

Herr Eule konnte nach seinem Humor, und bey eignem Hange zum comischen Vortrage, den Sattler unmöglich verderben.

Die beyden Unterofficier, welchen der Hofrath seinen Sohn zum Recruten übergiebt, sind von des Maior v. Wurmb Compagnie. Jene trugen blaue, dieser schwarze, Rabatten auf denen Uniformen. Wie man nur dergleichen Unschiklichkeiten Directions-wegen übersehen, oder nicht redressiren kann? –

Mittewochs, den 4ten Februar, erschien das Donauweibchen, mit allen seinen wunderbaren Erscheinungen, abermals auf unserer Bühne. – Das Haus war gestopft voll! – –

Donnerstags, den 5ten Februar, hatten wir eine vortreffliche Darstellung vom Vaterhause. Die Herrn Steiger, und Wohlbrük, spielten im höchsten Grade künstlerischer Vollkommenheit. – Das Schauspielhaus war fast leer!! – –


[80] Triftige Gründe determiniren mich, die folgenden Bogen von diesem Journal nicht mehr des Sonnabends, sondern iedesmal am Freytage, in denen Zeitungsläden ausgeben zu lassen.


Vorstellungen in künftiger Woche, wenn nicht Krankheit, oder sonstige Umstände, eine Abänderung nothwendig machen.

Februar 1801.

Sonntags, den 8ten: Die Hausehre, und der Faßbinder.

Montags, den 9ten: Das Donauweibchen.

Dienstags, den 10ten: Das Schreibepult, und der Huth.

Mittewochs, den 11ten: Die Schwestern von Prag.

Donnerstags, den 12ten: Hamlet.

Freytags, den 13ten, wird der vierte Maskenball im deutschen Schauspielhause gegeben.


[81]
Raisonirendes
Journal
vom
deutschen Theater zu Hamburg.

Neunzehntes Stük.

Freytags, den 13. Februar 1801.

Zuförderst muß ich eine noch in den vorigen Bogen gehörende, von mir aber vergessene, Bemerkung nachholen: Am leztvergangenen Donnerstage war bey der Darstellung des Vaterhauses die Rolle des Jägerburschen Hans mit Herrn Ritzenfeldt neuerdings besezt; er führte sie so durch, wie Iffland sie vorgezeichnet hat.


Freytags, den 6. Februar, wurde das Donauweibchen bey einem durchaus vollen Hause wiederholt.

Sonntags, den 8. Februar, füllte die Hausehre die erstere Vorstellung auf unserer Bühne aus.

[82] Die expressiv gute Laune, in der Madame Haßloch heute gleich anfänglich auftrat, und die Energie, in der sich ihr Spiel das ganze Stük durch erhielt, verdienen ausdrüklich bemerkt zu werden. Nach diesem Verhältnisse spielte sie ihre ersten Scene, wo Amalie mit humoristischem Leichtsinn den Mismuth des gekränkten Gatten zu übermeistern sich bemüht, und in selbiger die Pantomime, wie sie ihn rasch nach sich, und nach den Spiegel zu, herum drehet, charmant – Herr Herzfeld wurde selbst dadurch überrascht, und konnte den Eindruk, den sie auf ihn machte, nicht verbergen; ich habe wenigstens die schnelle Veränderung seiner Gesichtszüge in augenblikliche Freundlichkeit für reine Natur, nicht für studirte Kunst, angenommen. Auch in allen folgenden Attitüden, wo Amalie den ernsthaften Ton faßen, aus diesem in den gerührten, und Affectvollen, endlich aber zur Trostlosigkeit übergehen muß, erschien, und handelte, Madame Haßloch heute durchaus meisterhaft – –

Bey der ganzen Vorstellung lies auch sonst Niemand an treulicher Erfüllung seines einzelnen Beruf [83] Etwas fehlen, und sie verdiente deshalb gewiß, mit Zufriedenheit vom Publikum aufgenommen zu werden. –

Bald am Schluße der lezten Scene, gerieth Herr Steiger, wie er den vom Justizrath Felbing erhaltenen Brief erbrochen hatte, und vorlesen sollte, in augenscheinliche Verlegenheit – es wurde sehr merkbar, daß er Hülfe beym Soufleur suchte. – Stand denn der Inhalt von ienem Briefe nicht wörtlich auf dem Papiere, das Herr Steiger in der Hand hielt? – Ein Nein! zur Antwort auf diese Frage, würde der Direction den gerechtesten Vorwurf über sehr unvorsichtige Anstalten machen. –

Auf die Hausehre folgte zur heutigen zweyten Vorstellung das aus dem Französischen übersezte, und von Audinot componirte, Singespiel in einem Aufzuge – der Faßbinder.

Es waren die Rollen des Faßbinder Martin mit Herrn Eule, des Hannchen, Martins Pflegetochter, mit Madame Langerhans, des Böttchergesellen Steffen mit Herrn Haßloch, des Müller [84] Gürge mit Herrn Petersen, und des trunknen Bauer Sepp mit Herrn Langerhans, in iedem Betrachte gut besezt.

Obgleich diese Operette für bloße Farce gelten muß, und auch als solche auf unserer Bühne behandelt wurde: so liegen doch vernünftig zusammenhängende Ideen in ihrem Grundstoffe, und man kann sich um deswillen die damit verwebten Schäkereyen weit leichter gefallen lassen, als in manchem heroisch-romantisch-comischen Singespiele, wo der gesunde Menschenverstand, wenn er nur nach einigem Anhalten herumtappt, sich eine Brausche neben der andern stößt, auf welche dann die unwichtige Music nicht einmal wirksame Heilpflaster zu legen vermag.

Faßbinder Martin hat an Hannchen ein Mädchen erzogen, dessen sich entwikelnde Niedlichkeit ihm täglich mehr in die Augen sticht. Er sehnt sich nach einer engern Verbindung mit ihr, als Ehefrau, und schmeichelt sich, daß auch sie geneigt ist, oder noch werden soll, ihn zum Manne zu wählen. Hannchens discretiver Geschmak aber zieht den iungen, um sie ebenfalls werbenden, Gesellen, den raschen Steffen, dem veralterten, plumpen, Meister Martin weit vor; zu Erstern lenkt sich ihre Neigung, ihn wählt ihr Herz, ihm verspricht sie ihre Hand. Der Alte merkt Unrath, ein Verständnis zwischen [85] Beyden, das nicht in seinen Plan auf Hannchens Besiz taugt. Er iagt Steffen Knall und Fall aus dem Dienste. Dieser aber schleicht auch nachher, mit Hannchens Zustimmung, noch oft, wenn der Alte ausgegangen ist, oder die zum Kopfe gestiegenen Dünste des Weines, den er sehr liebt, verschläft, in das Haus. Der Alte wird dabey abwechselnd genekt, und betrogen. Bey so einer Gelegenheit, da Martin Steffen eben erwischt hat, tritt der Müller Gürge, Steffens Vetter, in die Werkstadt, und fordert vom Faßbinder 100, ihm vorgeschossene, Thaler ungestüm zurük. Steffen erbietet sich, unter der Bedingung: daß Martin ihm Hannchens Besiz zugestehen soll, zur eignen Vertretung der Schuld. Martinen fehlt es am Gelde, er sieht sich im äußersten Gedränge, überlegt, daß er von Hannchen für seine Liebe so keine Erwiederung zu hoffen hat, und tritt das Mädchen an Steffen ab. Die Wünsche des iungen Paar sind erfüllt, Martin tröstet sich mit denen dabey gewonnenen 100 Thalern, und das Ganze endet durch eine Dankadresse, für gegönnten Beyfall, an das Publikum, welche Martin im Alles beschießenden Vaudeville verträgt. – Die Rolle des trunkenen Sepp ist und bleibt durchaus episodisch.

Die Vorstellung an sich selbst leistete dem, wofür sie gelten sollte, Genüge; sie würde aber am Werthe gewonnen [86] haben, wenn die hochgespannte Spaßmacherey wenigstens von denen Arien abgesondert geblieben wäre. Dergleichen schwächten, zum Beispiel, allen Eindruk, welchen ohne sie die von Madame Langerhans gesungene Romanze: „Einen Weinstok, der voll Trauben etc.“ gewiß gemacht haben würde. Herr Eule war bey gutem Humor, lies es seinem Spiele, und Gesange an keiner Auszeichnung fehlen, und führte besonders die Arie mit der Weinflasche: „Sonst war ich stets ohne Sorgen etc.“ recht wohlgefällig aus. Herr Haßloch wurde heute von seiner Stimme zum Gesange weniger, als dessen Spiel von iovialischer Laune unterstüzt. Herr Petersen hatte auf den Kopf und in das Gesichte, zu viel, auf die übrigen Theile des Körper und der Kleidung gar kein Mehl gestreut. Wollte er sein Gewerbe, als Müller, durchaus in dieser Eigenheit anschaulich machen: so mußte er nur bedenken, daß die Müller nicht gerade mit den Köpfen in die Säke kriechen, sondern, daß der immerwährende Mehl-Staub in denen Mühlen sich über die, so darinne zu thun haben, durchaus verbreitet, sich an sie allenthalben gleichmäßig anlegt. Herr Langerhans soutenirte den Trunkenen in so moderater Mensur, daß die natürliche Wahrscheinlichkeit, und der Wohlstand, Nirgends verlezt wurden.

[87] Montags, den 9. Februar, verschaffte eine abermalige Wiederholung des Donauweibchen der Theatercasse erweiterte Vortheile.

Dienstags, den 10. Februar, wurden wir mit zwey so treflichen Darstellungen auf unserer deutschen Bühne unterhalten. –

In der erstern derselben sahen wir das Schreipult, Schauspiel in vier Aufzügen, von Kozebue.

Es zeichnet sich solches durch manche, fast durch lauter, höchst interessante Situationen aus, welche zwar nicht alle für unzertrennbare Glieder einer historischen Kette gelten können, die aber doch das Genie des Dichter so passend zusammengestellt hat, daß sie einzeln, und gemeinschaftlich, den lebhaftesten und wohlthätigsten Eindruk auf ieden denkenden Kopf, auf iedes empfindsame Herz, von der Bühne herab nie verfehlen können. Schwer würde es deshalb werden den eigentlichen Inhalt dieses Schauspiel in eine concentrirte Erzählung zu drängen, weil darinne mehr als eine Handlung zu gleich im Gange ist, und man nicht bestimmen kann, für welche derselben man sich, als für die hauptsächlichste, am wärmsten interessiren soll. Ich kann dieser Schwierigkeiten desto leichter ausweichen, da das Schreibepult schon vor dem Jahre bey Kummer im Leipzig gedrukt erschienen, auch iezt hier in Hamburg zu haben, ist, und darf daher meine [88] Leser, welche mit seinem Inhalte, wie es sich wohl der Mühe verlohnt, genauer bekannt zu werden wünschen, nur directe an das gedrukte Original verweisen, meine iournalistischen Raisonements aber blos auf dessen heutige Darstellung einschränken. – Sie verdient das gerechteste Lob, denn sie gerieth im Ganzen sehr gut.

Herr Herzfeld bestätigte in der Rolle des iungen Kaufmann Dithelm seinen Werth als dramatischer Künstler unleugbar. Seine Figur, seine Haltungen, sein richtig gewählter, von allem rednerischen Pathos abgesonderter, Conversationston, seine hervorstechende Jovialität, die bald in iugendlichen Leichtsinn aufsprudelte, bald mit edler Empfindsamkeit abwechselte, selbst sein nicht prunkvoller, aber höchst eleganter, Anzug paßten trefflich zu der Vorzeichnung des Dichter. Denn dieser characterisirt seinen Dithelm als reichen, unabhängigen, Jüngling, deßen Kopf hell aufgeklährt, deßen Herz weich, und unverbeßerlich gut, deßen Temperament aber sanguimisch, und im höchsten Grade flatterhaft, ist; deßen Grundsäzen ein rechtschaffener Vater, und treue Lehrer, zwar die edelste Richtung, Welt- und Menschenkenntnis aber noch keine Festigkeit, gegeben haben; der daher bey dem Besiz eines unermeßlichen Vermögen, auch aller sonstigen Attribute, die den Jüngling in der großen Welt empfehlend befördern, soliden Geschäften noch keinen [89] Geschmak abgewinnen konnte, Lebensgenuß im Sausen und Brausen, täglicher Zerstreuungen, in Assembleen, in schwelgerischen Gelagen, im hohen Spiele, in Liebschaften mit mancherley Mädchen und Weibern, aufsuchte; der bey dem Allen keinen Aufruf zur Wohlthätigkeit überhörte, keinen anerkannten Nothleidenden hülflos lies; dessen bekannte Leichtgläubigkeit und Bonhomie von gewinnsüchtigen Absichten Anderer, fast Aller, die ihn umgaben, oft gemisbraucht wurde; der in dem Schlaraffenleben, das er führte, selbst eine Leere entdekte, die er durch Nichts auszufüllen wußte; der sich in selbigem aber gewiß bald ruinirt haben würde, hätte nicht allmächtige Liebe, mit welcher sein entschiedenes Glük ihn gerade an ein vortrefliches Mädchen beförderte, eine Hauptrevolution in seinem Innern zu Wege gebracht. Sobald als iene sein ganzes Wesen fixirt, dieses seine Neigung herzlich erwiedert, und noch außerdem die schriftlich hinterlassenen, ihm zufällig bekannt werdenden, Wünsche seines verstorbenen Vater mit eigner Auswahl der zukünftigen Gattin auf einen Gegenstand zusammentreffen: fallen ihm die Schuppen von den Augen, überzeugt er sich, endlich gefunden zu haben, was er bis dahin vergeblich suchte – ächtes Erdenglük in der Verbindung mit einem liebenswürdigen, und guten, Weibe; er wirbt um Sophie Erlen, erhält sie, mit elterlichem Segen, zur Braut, und beschließt [90] fest: an ihrer Hand, unter ihrer Leitung, als solider, als gemeinnüziger, Mann, seine Zukunft froh- und seelenvergnügt, zu verleben. –

Nicht eine Nuance dieser dem Dichter so wohl gerathenen Zeichnung verfehlte Herr Herzfeld in seinem heutigen ausdrukvollen, natürlichen, durchaus richtigen, Spiele. Zur innigen Bewunderung hat mich dieses Spiel mehr als einmal, am vorzüglichsten in der 10ten Scene des II., in der 8ten, 9ten und 10ten des IV. Acts hingerißen.

Recht gut spielten Herr Löhrs den Herrmann, als Dithelms ehemaligen Lehrer, und Führer, iezigen ersten Handlungs-Commis, und freundschaftlichen Rathgeber; Herr Langerhans den biedern Rath Erlen, als thätigen, felsenfest rechtschaffenen, auch im Unglük nicht muthlos schwankenden, Mann, als den Umfang seines ehelichen Glük fühlenden Gatten, und Vater; Madame Eule als Räthin Erlen, die sanfte, liebevolle, sich in Freude und Leide immer gleich bleibende, Hausfrau, und Mutter.

Es ist nicht möglich, daß der Character eines durchaus gebildeten, sittlich reinen, auch muntern, und gefühlvollen Mädchen sich expreßiver auszeichnen kann, als Madame Langerhans heute die liebenswürdige Sophie darstellte.

Herr Solbrig verdiente als Fähndrich Erlen gewiß Beyfall, denn er soutenirte vom Anfange bis zum Ende mit ausdauernder Festigkeit den bestimmten Character eines iungen Officier, deßen Grundsäze und [91] Handlungen ieder Pflicht, welche strenges Ehrgefühl, kindliche Dankbarkeit, warme Bruderliebe, thätige Menschenfreundschaft, ihm auflegen, unerschütterlich treu bleiben sollen. Herr v. Kozebue schreibt es, wie ich recht gut weiß, ausdrüklich in der 11ten Scene des I. Act vor, daß Fähndrich Erlen einen kahlen Rok tragen muß, drum will ich auch des Herrn Solbrig heutiges Adjoustement nicht tadeln; aber abgerechnet, daß ich iener Idee des Dichter aus dem Grunde nicht beytreten kann, weil in allen Militairdiensten die Eleganz der tragenden Uniform nicht von der Willkühr, nicht von dem Reichthume, oder von der Armuth, des einzelnen Officier, sondern von der buchstäblichen Vorschrift des Reglement abhängt, nach welchem ihm die Bedürfnisse zu iener, wenn er sie nicht aus eignen Mitteln anschaffen kann, der Regimentsquartiermeister, gegen monatlichen Abzug von der Gage, zu liefern hat, bitte ich doch Herrn Solbrig, bey etwa künftiger Vorstellung dieser Rolle auf unserer Bühne, das armselige Achselband vom kahlen Roke abzunehmen. Nur Cavalleristen tragen Achselbänder – ein Fähndrich dient bey der Infanterie! – –

Die vom Dichter verächtlich gezeichneten Charactere Meerwiz, einer Luppniz konnten weder Madame Stegmann, noch Madame Fiala, zur Gefälligkeit erkünsteln – Lob genug für Beyde, daß sie ihre Rollen treffend durchführten!

Herr Wohlbrük hatte als Baron von Baldern nicht viel Wichtiges zu leisten, aber seine nuancirte Beschämung am Schluße der 10ten, seine Effronterie in [92] der 12ten Scene des II. Act, verdienten lautes Applaudißement von iedem anwesenden Sachkenner.

Herr Stegmann stellte, als Hädebrath, den durch äußerste Noth zum Betrug eines reichen Verschwender Hingerißenen in mistischer, sich zugeeigneter, Wichtigkeit, und als Geisterbanner; den entlarvten, reuigen Filou, den für seine Rettung vom Verderben dankbaren Ehrlichen aber, ganz richtig dar.

Emilie Luppniz ist, so verlangt es der Dichter, ein rohes Mädchen, deßen eigentliche Unschuld bey der fehlerhaftesten Erziehung noch eben so unverdorben geblieben, als die Cultur des Verstandes, und der Sitten, durchaus vernachläßigt worden ist. Mamsel Eule verdiente für die heutige Ausführung ihrer Rolle Beyfall – um sich dadurch zur fernern Application auf ihren Beruf immer mehr ermuntern zu lassen.

Der Commissair Ekstedt[8] war mit Herrn Leo besezt. – Auch die heutige Erfahrung bewieß, daß es ihm selten gelingt, eine Rolle, in der keine comische Carricatur liegt, durch natürliche Feinheit im Spiele zum wohlgefälligen Eindruk zu befördern.

Den gar nicht dummen, vielmehr gaunerisch pfiffigen, Bedienten Flink bearbeitete diesesmal Herr Ritzenfeldt – Ich, an seiner Stelle, hätte das öfters wiederholte Benaschen des Frühstük in der 8ten Scene des I. Act gewiß weggelaßen – es ist in [93] der Rolle nicht vorgeschrieben, es characterisirt sie nicht, es wirft sie unleugbar ins Gemeine. Herr Ritzenfeldt sollte, als denkender und routinirter Schauspieler, es beßer verstehen, seine Haltungen im ernsthaften Drama, von denen im Operistischen Unsinn nothdürftig geltenden, richtig und critisch zu unterscheiden. –

Außer dem Schreibepulte wurde heute auch noch das Publikum mit einem hier zum erstenmal gegebenen kleinen Lustspiele in einem Aufzuge – der Huth, von Vogel, recht intereßant unterhalten. Sein Inhalt befaßet folgende Ideen.

Ein iunger Graf kömmt nach vieliähriger Abwesenheit, während welcher seine Eltern gestorben sind, und ihn als einzigen Erben verlaßen haben, auf sein väterliches Stammgut Falkenheim, ohne sich zu erkennen zu geben, zurük, denn er getraut sich, im Incognito am leichtesten zu erforschen, wie es dort hergeht, was er sich von seinem beschloßenen Aufenthalt daselbst, von seinen dasigen Unterthanen, für die Zukunft versprechen darf? Er kehrt als reisender Fußgänger beym Gastwirthe im Dorfe ein, findet vor deßen Hausthüre ab- und zugehende Gesellschaft, und bekömmt bey einem Glase Wein, worauf er verschiedentlich Bescheid thut, aus ihren Unterhaltungen manchen Aufschluß, der für ihn, und für seine geheimen Absichten, äußerst wichtig ist – besonders diesen, daß seine Unterthanen von der Gerichtsobrigkeit bisher sehr gedrükt worden sind. – Der Gastwirth Boll steht im Begriffe, seine Tochter Suschen mit Friz, dem Sohne des wohlhabenden, und braven, Bauer Wies zu [94] verheyrathen. Beyde Väter versprechen die iungen Leute, als Braut und Bräutigam. Wies fordert von Boll in größter Geschwindigkeit 25 Fl. Geldvorschuß, womit er einer von obrigkeitlicher Ungerechtigkeit bedrängten Familie im Dorfe aus der Noth helfen will, und bietet ihm dagegen seinen Huth mit der Betheurung zum Unterpfande an, daß er lieber Haus und Hof verkaufen, als diesen, ihm unschäzbaren, Huth im Stiche lassen würde. Boll hat kein baar Geld liegen, der unbekannte Reisende giebt an Wies unter der Bedingung, von ihm zu erfahren, warum er auf den bewußten Huth so großen Werth seze? 5 Ducaten. Wies nimmt sie als Vorschuß an, eilt unaufhaltsam zur Rettung der Bedrängten, verspricht aber seine Rükkunft zu beschleunigen, und dann die Geschichte vom Huthe ausführlich zu erzählen. Er hält Wort, und man erfährt aus seinem Munde Folgendes:

Vor 17. Jahren ist der iunge Graf als 8–9 iähriger Knabe von einer Brüke herab in den, gerade mit der Eißfarth bedekten, Strohm gefallen, von dem ihm nachspringenden Wies aber im Augenblike des Untersinken ergriffen, gerettet, und seinem Vater, der ihn, als tod, schon untröstlich beweint hatte, ohne weiter genommenen Schaden zurükgeliefert worden. Wies hat bey der Gelegenheit seinen Huth im Waßer verlohren. Der dankbare Vater nimmt seinen selbst tragenden Huth vom Kopfe, und sezt ihn öffentlich dem Retter seines Sohnes – mit dem lauten Wunsche auf: „Wäre ich doch im Stande, eine Crone auf dieses Haupt zu sezen!“ Alle ihm sonst noch angebote [95] Belohnungen schlägt der edle Wies schlechterdings aus, den Huth aber behält er, zum unschäzbaren Andenken an das wichtige Ereignis.

Mächtig wirkt das Erzählte auf den Reisenden, er sieht in Wies den Retter seines Leben vor sich; allmächtige Gefühle überwältigen seine beabsichtigte Zurükhaltung; er stürzt sich in ienes Arme, giebt sich als Grafen und Herrn zu erkennen, gelobt feyerlich: Blankenheyn nie wieder zu verlassen, sondern als Vater für das Glük seiner Unterthanen von nun an ununterbrochen zu sorgen.

Es spielte Herr Gollmik den iungen Graf anfänglich mit kalter Freundlichkeit, dann mit steigender Wärme, zum Schluße mit überströmendem Affecte, durchaus mit so feinem Anstande und in so richtiger Abstufung; Herr Steiger den alten, humoristischen, biedern, Wies so ausdruksvoll, wie man es nur von perfecten Künstlern auf der Bühne erwarten kann. Herr Langerhans als Wirth Boll, Herr Wohlbrük als Friz, und Mamsel Kruse als Suschen, bearbeiteten zwar minder wichtige Rollen als iene Beyde, führten sie aber mit desto applicativerem Fleiße, mit desto theilnehmenderer Laune durch, und beförderten damit ein Ganzes zur Reife, welches den Beyfall, und den Dank, des Publikum unstreitig verdiente.

Mittewochs, den 11ten Februar, wurden die Schwestern von Prag aufgeführt.

Die Rolle des Fräulein Bärbchen war heute mit Madame Haßloch besetzt. Sie legte gewiß durch Spiel, Gesang, und Figur, einen hohen Grad von Wohlgefälligkeit in selbige. Die vom Compositeur [96] vernachläßigte Stelle im Final des I. Act: „Sind sie es goldner Herr Marquis?“ trug sie in möglichster Verbesserung, und ihre Cavatine im II. Act mit hinreißender Anmuth vor. Herr Gollmik lies sich abermals in seiner ersten Arie bey der Fermate einen widrigen Lauf auf J. entwischen, unverbeßerlich aber gelang ihm dagegen das, auch vom Orchester gut unterstüzte, Duet mit Madame Haßloch: „Zum Aufenthalt wählen wir künftig das Land etc.“ Herr Ritzenfeldt sang das Recitativ der verkleideten zweyten Schwester von Prag perfecter als iemals. Dem Nachtwächter verunglükte sein singendes Abrufen, durch Schwanken im Tacte, auch heute.


Vorstellungen in künftiger Woche, wenn nicht Krankheit, oder sonstige Umstände, eine Abänderung nothwendig machen.

Februar 1801.

Sonntags, den 15ten: Kasper der Thoringer, und der Schulgelehrte.

Montags, den 16ten: Der Huth, und der Teufel ist los.

Dienstags, den 17ten: Die Schwestern von Prag.

Mittewochs, den 18ten: nicht mehr als sechs Schüßeln.

Donnerstags, den 19ten: Das Donauweibchen.

Freytags, den 20ten: Bayard.


[97]
Raisonirendes
Journal
vom
deutschen Theater zu Hamburg.

Zwanzigstes Stük.

Freytags, den 20. Februar 1801.

Nach anfänglicher Bestimmung von Seiten der Direction, auf welche auch ich mich am 7. d. M. ankündigend gründete, sollte Donnerstags, den 7. Februar, Hamlet auf unserer deutschen Bühne hervortreten; statt deßen wurde das abermals zahlreich im Schauspielhause versammelte Publikum mit einer Wiederholung vom Donauweibchen unterhalten. Der Grund der Abänderung läßt sich errathen: Hamlet hätte unfehlbar der Theatercaße weniger eingebracht, als die siebente Darstellung der romantisch-comischen Oper. Ich kann der mercantilischen Speculation in Rüksicht auf ihre Richtigkeit unmöglich tadelnd widersprechen, da der hier herrschende [98] Geschmak sie mehrmals durch den Erfolg so evident gerechtfertiget hat – il faut battre le fer, tant qu’il est chaud!

Freytags, den 13. Februar, wurde der Vierte Maskenball im deutschen Schauspielhause gegeben. – Er war bey Weitem nicht so zahlreich besucht, als der Dritte; ein Aufzug von männlichen Jägern mit Music zeichnete sich dabey aus, und mit ihm endete für das diesiährige Carneval diese Art von Belustigung, deren gutes Arrangement Hamburgs Publikum unserer deutschen Theaterdirection, deren reichlichen Ertrag für ihre Caße sie ihm, zu verdanken hat.

Sonntags, den 18. Februar, füllte Kasper der Thorringer, Trauerspiel in fünf Aufzügen, vom Graf Thorring-Serfeld, die erste Vorstellung aus.

Eine gedrukte Ausgabe davon ist schon im Jahre 1791 zu Augsburg in der Klett- und Frankischen Buchhandlung erschienen; die Gleichförmigkeit der Dialog beweiset, daß nach ihr sich die hiesige Production eigentlich, iedoch unter mancherley abkürzenden Veränderungen, richtet.

Viel Bekanntes, und Unbekanntes, aus Deutschlands Geschichte vom Anfange des funfzehnten Jahrhundert, mehrentheils Wahrheit, mit einigen Erdichtungen [99] verwebt, formt den Inhalt; romantisch ritterliche Schwärmerey, faustrechtliche Politic, enthusiastischer Patriotismus, Stolz auf würdige Ahnen, leiten die characteristische Handlung; düstere Imagination, und oft sehr gewagte Ausdrüke, liegen im wörtlichen Vortrage dieses Trauerspiel.

Zur richtigen Darstellung des Herzog Heinrich zu Bayern-Landshut, hat im Grunde Herr Solbrig, dem selbige für heute anvertraut war, schon zu viel männliches Ansehen; nach der Geschichte, und auch nach der daraus hergeleiteten Zeichnung des Dichter, war iener Heinrich in denen Jahren, wo das Stük spielt, ein kaum ins vollbärtige Alter getretener Jüngling; diesen historischen Contrast abgerechnet, soutenirte Herr Solbrig seine Rolle mit genügeleistendem Anstande, ohne sie zu einer Wichtigkeit erheben zu können, da ihr solche eigenthümlich fehlet.

Aheimer Hofmarschall, Ebran Hofcavalier, Beyde vertraute, aber schlecht denkende, Rathgeber des Herzog, waren mit denen Herren Leo, und Wohlbrük besezt; Jeder blieb dem ihm vorgeschriebenen Character treu, Jeder zeichnete den seinigen, Herr Leo durch imponirende Anmaßung, Herr Wohlbrük durch heuchlerische Geschmeidigkeit, richtigst in Mienen, Worten, und Thaten, aus.

[100] Herr Steiger behandelte die Hauptrolle, des Kasper Thorringer, gewiß als denkender Künstler; er legte in alle seine Haltungen, in sein ganzes Spiel, troknen Ernst, rauhe Heftigkeit, stürmisches Feuer. Gerade so stellen Geschichte, und Dichter, ienen altdeutschen Helden dar, den nur Patriotismus, irgend eine andere Leidenschaft sehr selten, erwärmte; der daher die Pflichten gegen das Vaterland denen, welche häusliche Verhältnisse ihm gegen Weib, und Kind, auflegten, weit vorzog; der von früher Jugend an bis zum herannahenden Alter den wenigsten Theil seiner Zeit außer der Rüstung, außer Fehden, und Kriegsgetümmel, verlebt hatte; der nach den moralischen, und politischen, Grundsäzen damaliger Zeiten sich berufen, und berechtigt, glaubte, als Bayerns erster Landstand, über deßen Statuten und Freyheiten stets mir gezuktem Schwerte zu wachen, die mindeste Kränkung derselben an Jedem, ohne Ansehen der Person, mit eben diesem Schwerte blutig zu rächen; der eignes Intereße nur dann beabsichtigte, wenn das Aufrechterhalten seiner Ehre, das Vergrößern seines Ruhm, die Beförderung seiner Nachkommenschaft auf die höchsten Stufen herrschender Größe, es, nach seinem Gutdünken, heischten; der die Richtung seines Character, und seiner Denkart, am treffendsten selbst schildert, wenn er in der 5ten Scene des I. Act zu [101] seinem Weibe sagt: „Recht, ist alles, was ich wünsche, Ruhm, alles, was ich liebe; Wahrheit ist meine Sprache, und Krieg meine Politic.“ Jede Eigenheit dieses originellen Mannes hatte Herr Steiger durch Studium, und Kunst, sich heute zugeeignet, treffend und wahrhaft stellte er sie allenthalben, am meisterlichsten von der 4ten bis zum Schluß der 7ten Scene im II. Acte, dar. Für sehr bemerkenswerth halte ich es, daß Herr Steiger seine so weit ausgedehnte Rolle, welche ziemlich die eine Helfte vom Dialog des Ganzen umfaßt, unverbeßerlich memorirt hatte, und daß aus seinen Gebehrden nur dann der erste, und einzige, Zug von Freundlichkeit hervortrat, als in der lezten Scene, nach geschloßenem Frieden, Herzog Heinrich dem Knaben Georg, Kaspers Sohn, den Ritterschlag gab. Fehler wieder das Costum war es aber, daß Herr Steiger schon den I. Act in ritterlicher Rüstung, nicht im Jagdanzuge, durchspielte – Leztern macht der wörtliche Inhalt derer gleich anfänglichen Aeußerungen über seine iezigen Geschäfte in der 4ten Scene unentbehrlich. Kasper konnte, nach vernünftiger Wahrscheinlichkeit, nie im Harnische, mit Arm- und Beinschinnen, als wilder Jäger im Forste herumirren, im weichen Stuhle bey seinem Weibe sizen, seinen Knaben als Schulmeister unterrichten. – Selbst die hingeworfene Idee [102] in Kaspers erstem Monologe; „und mache in meiner Rüstung Bauern zittern“ – bestärket meine vorgängige Behauptung, wenigstens verstehe ich sie nicht anders, als daß er damit sagen will: wenn ich iezt ein mal in der Rüstung hervorträte, würden die Bauern vor mir zittern. – Gegenstände, die man lange Zeit her täglich zu sehen gewohnt ist, verlieren notorisch allen schrekhaften Eindruk. Ich berufe mich noch außerdem auf das gedrukte Original, wo für iene Scene[9], welche Kaspers Monolog: „Jagen und immer iagen! etc.“ befaßt, ihm Jägertracht ausdrüklich vom Autor vorgeschrieben ist – da nun der Schauspieler erst bey der 4ten Scene des II. Act an Herzogs Heinrich Hofe in Rittertracht zu erscheinen braucht, mithin zwischen dem I. und II. Zeit genug zum Umkleiden übrig behält: so ist die Aufforderung an unsere Direction: den iezt gerügten Fehler wider das Costum beym künftigen Darstellen des heutigen Stük zu redreßiren, wohl sehr gerecht, und billig, auch mit leichter Mühe zu bewerkstelligen.

Madame Eule spielte die ihr zugetheilte Rolle der Margarethe, Kaspers Gattin, mit ausdruksvoller Empfindung, und, wo es sich anwenden lies, mit ächt heroischem Feuer – unendlich Schade war [103] es, daß Lezteres von schwacher Brust, und weichen Sprachorganen, nicht mächtig genug unterstüzt wurde, sonst würde ihr Spiel im IV. Acte, und in der Scene, wo sie anfänglich über ihres Vaters Tod, über die Gefahr in welcher sie den abwesenden Gatten glaubt, wehklagt, dann bey erhaltener Nachricht: daß Herzogs Heinrich Herr vor der Veste Thorring, sie zu bestürmen im Begriffe, stehe, sich rasch entschließt, die zur Vertheidigung vorhandenen Kriegsmänner selbst von der Mauer herab zu commandiren, und mit ihrer Hülfe entweder den feindlichen Angriff abzuschlagen, oder im Getümmel des Sturm nebst ihrem Sohne umzukommen, gewiß den höchsten Grad theatralischer Vollkommenheit erreicht haben. – Ich bin sattsam überzeugt, daß das Darstellen des allmäligen Absterben auf der Bühne die Producenten immer in die embaraßanteste Situation versezt; desto mehreres Lob verdient Madame Eule, da sie heute eine ähnliche im V. Acte so expreßiv, und anständig, durchführte. Sie hatte, während dem Todeskampfe, viel zu sprechen, desto künstlicher articulirte sie die gebrochene, immer tiefer sinkende, Stimme, und legte zugleich in das krampfhafte Streben der lezten Lebenskräfte, in die Erschütterung des ganzen Körper durch den Stoß des Todes ans Herz, in das succeßive Erschlaffen einzelner, in das endliche Erstarren aller Glieder, in die unbewegliche [104] Haltung als wirkliche Leiche, so viel natürlichen Ausdruk, daß man dadurch leicht zum Glauben an vorhandene Wahrheit hingerißen werden konnte.

Die Rolle des Wilhelm Thorringer, Kaspers Bruder, war mit Herrn Herzfeld besezt, und wurde von ihm in richtigster Characteristic ohne aller theatralische Verzierung durchgeführt – Gerade diese vom Herrn Herzfeld für sein heutiges Spiel gewählte Mensur erprobte sein critisches Discernement am deutlichsten. Denn Wilhelm und Kasper hegen über Ehre und Pflicht einerley Grundsäze, aber ihre Temperamente sind desto verschiedener. Kaspers Blut siedet immerwährend, Wilhelms Blut schleicht in stets abgemeßenem Umlaufe. Wenn der colerische Kasper braußt, stürmt, und ieden Entschluß mit der raschesten That übereilt; denkt, prüft, philosophirt, rathet wohlmeinend, zaudert aber, und handelt selten – der pflegmatische Wilhelm.

Der Knabe Georg war mit der kleinen Löhrs besezt – sie braucht noch viel Anweisung, stete Aufmunterung zum Muthe, kurz – sie ist noch zu sehr Kind, um Darstellungen, welche so viel Intereße für das Ganze haben, wie die heutige, sattsame Genüge leisten zu können.

Die episodischen Rollen derer Ritter Gaiskircher, Frauenberger, Gundelfinger, und beyder, Margarethen dienender, Jungfrauen, bearbeiteten die Herren Stegmann, Gollmik, Kruse, auch Madame Gollmik, und Hönike – nach Vorschrift, ohne eine derselben zu verfehlen.

[105] Herr Löhrs legte in den Character, in alle Haltungen, und wörtliche Vorträge, des ehrwürdigen Bischof von Salzburg, ganz richtig abgemeßene Sanftheit, und Würde, um ihn durchaus empfehlend darzustellen.

Was Herr Langerhans iüngsthin im Hamlet vernachläßigt hatte, das ersezte er heute, als Allwigs erscheinender, und handelnder, Geist sehr vollständig. –

Zur heutigen zweyten Vorstellung wurde auch noch der Schulgelehrte, Lustspiel in zwey Aufzügen, nach dem Englischen der Miß Cowley, gegeben.

Es kann für Nichts weiter, als für unmittelbare Poße, noch dazu im antiken Geschmake, gelten, welche die Ideen durchführt: – daß der beym sonstigen Kornhandel reich gewordene, und iezt Wechselgeschäfte betreibende, Heustadt die Grille realisiren will, seiner Tochter, Philippine absolut einen gelehrten Mann zu verschaffen; daß er dazu den Pedanten Gradus, der wirklich Schulwißenschaften genug im Kopfe, aber blutwenig Weltkenntnis, und sittliche Lebensart, hat, auswählt; daß dieser auf Philippinen desto widrigern Eindruk macht, weil ihr Herz bereits an den iungen, muntern, ausgebildeten, Rolldorf verschenkt ist; daß Charlotte, Heustadts Nichte, und Sandford, sein Vetter, zum Besten der Liebenden den Plan entwerfen: Rolldorf, deßen Familie Heustadt recht gut, ihn selbst aber nicht von Person, kennt, soll sich bey Jenem für einen noch wichtigern Gelehrten, als er an Gradus gefunden zu haben glaubt, produciren, und dadurch den Vorzug vor diesem zu gewinnen suchen; daß diese List gelingt, [106] weil der wizige Rolldorf den blöden Gradus durch litterarische Rotomontaden in die Enge treibt; daß Heustadt, der immer in die Neuheit eines Gegenstands die größte Wichtigkeit legt, und bey gänzlichem Mangel eigner wißenschaftlicher Kenntniße das Wahre vom Falschen nicht unterscheiden kann; übertölpelt wird; daß er endlich Rolldorfen, der seiner Ueberzeugung nach ein gelehrtes Wundergeschöpf ist, in der Verblendung zum Schwiegersohne bestimmt, Gradus aber mit allen vorherigen Hoffnungen abweiset.

Es spielten den Heustadt Herr Eule, Philippinen Mamsel Eule, Charlotten Madame Hönike, den Rolldorf Herr Herzfeld, den Sandford Herr Wohlbrük, den Gradus Herr Löhrs, durchgängig so, daß man mit denen Aeußerungen ihrer Launen, und mit dem Anstande ihres Vortrag, zufrieden seyn konnte. – Noch eine, aber ganz episodische, Bedientenrolle war mit Herrn Erdmann besezt.

Montags, den 16. Februar, wurde zur ersten Vorstellung der Huth gegeben; und die darinne auf der Bühne Handelnden sparten keinen Fleiß, um dieses kleine Stük dem öffentlichen Beyfalle zu empfehlen.

Auf selbiges folgte: der Teufel ist los, Singespiel in drey Aufzügen von Weiße, nach Hiller- und Standfußischer Composition. Daß diese Oper unter die ersten Proben gehört, welche Deutschlands dramatische Schriftsteller und Tonkünstler auch von ihrer Nachahmungssucht des ausländischen, besonders französischen, Geschmak ablegten, ist eben so bekannt, als [107] ihr Inhalt. Damals erwarben Dichter und Compositeur viel Beyfall mit ihr, und auch iezt nimmt man noch mit Darstellungen solcher Antiken, wenn sie nicht zu oft hervortreten, vorlieb, wäre es auch nur, um sich daraus die Gradationen der Kunst im Zeitraume von 30–40 Jahren zu abstrahiren.

Hier waren in selbiger heute die Rollen des Landedelmann mit Herrn Gollmik, seiner Gemahlin mit Madame Löhrs, des Schuhfliker mit Herrn Eule, der Lene mit Madame Langerhans, des Zauberer mit Herrn Petersen, des herrschaftlichen Kellner, Koch, Kutscher und Livreebedienten, mit denen Herren Langerhans, Stegmann, Kruse, und Nätsch, derer Cammeriungfern mit der iüngern Mamsel Stegmann, und Mamsel Kruse, eines blinden Musikanten mit Herrn Leo, besezt.

Die ganze Vorstellung wurde als Poße behandelt, des Spaßes dabey viel gemacht, aber bey dem Allen der Gesang nicht vernachläßigt. Madame Langerhans zeichnete sich dadurch sehr empfehlend aus, daß sie mit Schäkereyen, und ernsthaften Haltungen, immer passend abwechselte. Herr Langerhans war nicht adäquat angezogen – den herrschaftlichen Kellermeister sollte er darstellen, den Böttcher von Profeßion, wie er sich in der Werkstadt trägt, bezeichnete seine Kleidung. Was Herr Leo that, schikte sich zur individuellen Rolle, und zum Ganzen, selbst in dem Einfalle, daß er vor der schon herunter gelaßenen Gardine an der zuerst eingenommenen Stelle lehnen blieb, bis er durch einen eignen Führer abgeholt wurde, lag gesunder Wiz, [108] und er konnte, als Irrwisch seiner comischen Laune, ungetadelt gelten.

Bey der Punschscene im I. Act sahe man fast das ganze Personale unsers deutschen Theater versammelt. Damen und Herrn von der Direction, und von der Gesellschaft, behandelten einander, ohne die mindeste Auszeichnung der Vorgesezten gegen die Subordinirten, im Tone des freundschaftlichsten Umgang. Eintracht, Gutmüthigkeit, wechselseitiges Zutrauen, Frohsinn, belebten durchaus dieses wohlgefällige Ensemble. – Ich gestehe es aufrichtig, mich hat dieses Scene sehr intereßirt, zu dem Wunsche erwärmt: möchte doch hier nicht die mindeste Täuschung statt finden, möchte doch Alles lauter Wahrheit seyn, immer bleiben, um die Erfolge davon in ununterbrochener Fortdauer genießen zu können! – – Da trat mir aber die Reflexion entgegen: binnen wenig Monaten wird dieses schöne Ganze durch manche Trennungen wichtig verlieren, und meine Aussichten in die Zukunft wurden dadurch sehr getrübt.

Dienstags, den 17. Februar, gab man die Schwestern von Prag. Die heutige Vorstellung davon reußirte durchaus. Im Gesange excellirten Madame Haßloch bey der schon mehrerwähnten Cavatine, und Herr Ritzenfeldt als verkleidete Schwester von Prag. Der übertriebene Lärm in der Kazbalgereyscene entschuldigt einigermaßen den Nachtwächter, daß er abermals nicht im richtigen Tacte abzurufen anfieng.

Mittewochs, den 18. Februar, wurde, nicht im Erfolge vorheriger Bestimmung, und Ankündigung, [109] das Großmannische Schauspiel: Nicht mehr als sechs Schüßeln, sondern Johanne von Montfaucon, aufgeführt. Die Ursache davon, wird in der Folge meines heutigen Vortrag einleuchtend werden. –

Von dem innern Werthe dieses Drama, und seinen Wirkungen, wenn es auch gut dargestellt wird, urtheile ich nach der heutigen Erfahrung, noch unabweigend so, wie ich darüber am 21. December vor. J.[10] ausführlicher raisonirt habe. – Folgende Bemerkungen sind nur durch die heutige Production veranlaßet worden.

Alle auf der Bühne Handelnde thaten ihr Möglichstes das Ganze zu heben.

Herr Herzfeld abeitete mit ausgezeichnetem Eifer, strengte aber seine Kräfte oft zu sehr an, und verwikelte sich dadurch in manchmalige Ueberspannungen.

Madame Haßloch spielte in ihrer ganzen Kraft, durchaus unverbeßerlich. In der 9ten Scene des V. überzeugte sie mich eines Irrthum. Ich hatte durch meine Raisonements vom 21ten December vor. J. bezweifelt, daß eine Schauspielerin auf der Bühne Lasarra in der vorlezten Scene des V. Act so behandeln könne, wie die Kozebueische Phantasie es wörtlich fordert. Madame Haßloch brachte heute die äußerste Möglichkeit wirklich zu Stande. – Ich danke ihr für diese Belehrung – mein ieziges Bekenntnis, mein gewiß ungeheuchelter Dank, gereichen der Künstlerin zum ausgezeichnetesten Lobe.

[110] Der kleine Otto hätte, im Verhältniß gegen das übrige Costum, splendider angezogen seyn sollen.

Herr Solbrig überspannte in der 14ten Scene des I. Act die Heftigkeit des Affect, sie artete beynahe in Raserey aus; desto meisterhafter aber spielte er die 6te im II., die 3te und 4te im V. Acte.

Ritter Philipp von Montenach, wurde in einer Gastrolle vom Herrn Bethmann, Schauspieler beym Königl. Preuß. Nationaltheater in Berlin, heute auf unserer Bühne dargestellt. Der iunge Künstler hat eine sehr prevenante Figur, bis zum Feinen abgeschliffene Manieren, viel körperliche Gewandheit, und einen äußerst gefälligen Vortrag; er declamirt mit discretivem Nachdenken sehr richtig, – zum Ausdruke heftiger Affecte unterstüzen ihn aber seine Sprachorgane nicht hinlänglich. Sein Spiel bewieß im Ganzen, daß er iede große Bühne mit Zutrauen auf sich selbst betreten kann, daß kein Publikum ihn für einen Neuling halten wird, daß er die heutige Rolle tief studirt hatte. Vorzüglich gelangen ihm dabey die 10te und 11te Scene des II. und die 8te des III. Act. In Erstern beyden fochte er mit vieler Adreße, aber auch mit zu unnatürlichem Erfolge – es fielen ia auf ieden seiner einzelnen Hiebe zwey und drey von denen Feinden – doch diesfalls hat Herr Bethmann Nichts zu verantworten – er that das Seinige. Am Schluße der schon angezogenen 8ten Scene bewerkstelligte er bey der Eidesleistung, und im Augenblike nach selbiger bey dem Ausrufe: „Lebt wohl, Vater!“ seine heutigen Meistergriffe. Sehr elegant, und zur Rolle paßend, war Herr Bethmann angezogen – daß aber die Eleganz [111] seines Anzug allerdings gegen manchen andern zu sehr abstach, hat er, als Gast aufs Hamburgs deutscher Bühne, ebenfalls nicht zu vertreten. Für alles vorstehend Bemerkte hätte Herr Bethmann mehrere, und allgemeinere, Bezeugungen von Attention, und Beyfall, verdient, als das Publikum ihm zutheilte. Aus dieser Behauptung ziehe ich die gewiß richtige Schlußfolge: Herr Bethmann hat in der heutigen Rolle zu seinem ersten Auftreten keine günstige Auswahl getroffen. In ieder ächt characteristischen eines Drama, das im iezigen Zeitalter spielt, würde er den Zwek des predominirenden Eindruk leichter, unfehlbarer, erreicht haben; – in Johanne von Montfaucon wird die allgemeine Aufmerksamkeit von denen Ausübungen der feinern Kunst durch die Spectakelvorgänge, die hier überhaupt viel magnetische Kraft haben, zu vielfälltig abgeleitet.

Mamsel Eule trat heute als Hildegard auf. Ich wiederhole den schon im 18ten Stük, Seite 78. geäußerten Wunsch: daß eigner Fleiß, sorgsame Führung, unermüdete Cultur, belehrende Beyspiele, ieden Schritt dieses iungen Frauenzimmer bey ihrer dramatischen Carriere begleiten mögen – so kömmt sie bald ans Ziel, denn ihre eigenthümlichen Attribute entwikeln sich mit iedem Tage vortheilhafter, und empfehlender.

Zwischen dem III. und IV. Acte wurde der Lärm auf der Gallerie unerträglich. Ich habe in diesem Journale noch nie über dergleichen hier leider im veriährten Poßes stehenden Unsittlichkeiten geklagt – aber bey fast täglichen groben Beeinträchtigungen der öffentlichen [112] Ruhe reißt die Geduld! – Unser deutsches Schauspielhaus ist ia keine Schenke auf dem Hamburger Berge! –

Die schöne Groupe am Schluße des IV. Act, wurde durch die Inadvertenz derer, welche die Maschinerie dirigiren sollen, ganz zerstört. – Wie oft hat nun schon seit einigen Monaten nur der Theater-Vorhang beym Aufziehen, oder Herunterfallen, gestokt? – Traurig! – wenn auf Hamburgs Bühne auch solche Kleinigkeiten nicht von Defecten frey bleiben! – –


Vorstellungen in künftiger Woche, wenn nicht Krankheit, oder sonstige Umstände, eine Abänderung nothwendig machen.

Februar 1801.

Sonntags, den 22ten: General Schlenzheim, und seine Familie, und Jeder fege vor seiner Thüre!

Montags, den 23ten: Das Donauweibchen.

Dienstags, den 24ten: Hamlet.

Mittewochs, den 25ten: Nicht mehr als sechs Schüßeln.

Donnerstags, den 26ten: Das Donauweibchen.

Freytags, den 27ten, Bayard.

Sonnabends, den 28ten: wird die Schöpfung von Hayd’n, zum Benefiz für Herrn Musicdirector Hönike im Deutschen Schauspielhause aufgeführt.


Drukfehler im vorigen Bogen.

S. 93. Z. 16. v. o. lese man statt Falkenheim: Falkenhayn.

S. 95. Z. 9. v. o. lese man statt Blankenhayn: Falkenhayn.

[113]
Raisonirendes
Journal
vom
deutschen Theater zu Hamburg.

Einundzwanzigstes Stük.

Freytags, den 27. Februar 1801.

Der Fremde wurde Donnerstags, den 19. Februar, auf unserer deutschen Bühne anderweit wiederholt. Seit seiner ersten Production zeichnete sich dieses Stük als ein solches aus, das hier mit der discretivesten Auswahl durchaus besezt ist, und in dem iede einzelne Rolle mit so günstigem Erfolge durchgeführt wird, daß man zweifelhaft bleibt, welcher man einen Vorzug vor der andern zugestehen soll. Diese Behauptung wurde mehrentheils auch Heute aufs Neue bestätigt, und die Vorstellung gieng im Ganzen unverbeßerlich von statten.

In der zeither bis zur fünften Vorstellung, am 15. Januar d. J., mit Herrn Eule besezt gewesenen Rolle [114] des Bedienten Franz sahen wir heute Herrn Ritzenfeldt auftreten, konnten aber aus dieser Abänderung keinen Gewinn ziehen, weil Ersterer sie ungleich humoristischer, feiner, und wohlgefalliger spielte, als Dieser.

Nach mehrern Beobachtungen, und Prüfungen, kann ich es nicht verschweigen, daß Herr Stegmann, der sonst den Hofrath Gerling so meisterhaft darstellt, in der lezten Scene des IV. Act durch eine falsche Aeußerung beweißet, daß er den Sinn des Dichter misversteht. Er ruft das Wort: „Abgelößt!“ in dem Tone aus, der nur für eine Schildwache gilt, welche ihre Zeit ausgestanden hat, und beym erfolgten Stundenschlage einen andern Cammeraden, an ihre Stelle zu treten, auffordert. Da nun Hofrath Gerling der Kommende, Hauptmann Wartendamm aber der Abgehende ist, und gleichwohl der Dichter das Wort Abgelößt nicht in den Mund des Leztern sondern des Erstern gelegt hat: so ist der militärische Ton in welchem Herr Stegmann sein „Abgelößt!“ ausruft hier unrichtig angebracht, und er muß solches blos als eine Beseitigung des Hauptmann, durch die er ihm in einem Worte sagen will: „Sie können nun gehen, ich trete an ihre Stelle“ nuanciren. – Bey der mindesten Prüfung des gegenwärtigen Raisonement wird des Herrn Stegmann Kunstgefühl sich gewiß mit dem meinigen vereinigen, und er in der Folge diesen wirklich Fehler, [115] nach eigner Ueberzeugung: ihn zeither mehrmals begangen zu haben, leicht vermeiden können.

Freytags, den 20. Februar, wurde der Huth als Vorspiel, mit dem abermaligen Bemühen aller darinne Handelnden: dieses kleine Stük intereßant darzustellen, und mit dem wirksamsten Erfolge, gegeben.

Zur zweyten Vorstellung, hatte man, um den Vorschlag des Herrn Bethmann aus Berlin für eine anderweite Gastrolle zu begünstigen, die Lästerschule, Schauspiel in fünf Aufzügen nach einem englischen Originale von Scheridan durch Leonhardi für deutsche Bühnen bearbeitet, ausgewählt. Himburg in Berlin hat diese Leonhardische Uebersetzung schon m Jahre 1782 gedrukt hervortreten laßen. Die Lästerschule wurde aber Heute hier so verändert aufgeführt, daß sie Jener kaum ähnlich sahe; besonders waren denen handelnden Personen ganz andere Nahmen, als die von Leonhardi bestimmten, beygelegt. – Ich kann von der heutigen Darstellung nicht viel Rühmliches äußern, denn theils waren nicht alle Rollen gut besezt, theils wurde manche derselben schlechterdings vergriffen, und dadurch der Werth des Ganzen tief herabgewürdiget. An sich selbst soll das Stük durchaus in den Zirkeln der großen Welt spielen; die mehresten handelnden Personen müßen daher mit dem feinern Tone derselben ganz bekannt seyn, ihn in ihrem Ansehen, in ihrem sittlichen [116] Betragen, selbst in der Kleidung, bestätigen; Carricatur paßt eigentlich zu keiner Rolle, und die mindeste Trivialität wird zum unverzeihlichsten Fehler. Nachfolgende Beurtheilung derer einzelnen Rollen wird es erdeutlichen, wie weit diese generellen Grundregeln Heute im practischen Detail beobachtet, oder vernachläßiget, worden sind. –

Der Baron von Ostburg war mit Herrn Stegmann besezt; er spielte ihn aus einem mir unbegreiflichen Gesichtspunkte. Der Dichter hat ihn als Mann von Stande gezeichnet, der von Jugend auf in der großen Welt lebte, deßen characteristische Geradheit aber ihren verderbten Gebräuchen, Sitten, und Ausschweifungen, keinen theilnehmenden Geschmak abgewinnen konnte, der besonders die Lästersucht, welche an seinem Wohnorte herrschend war, tief verabscheute, der, nach vernünftigen und rechtschaffenen Grundsäzen alle seine Handlungen modificirend, den einzigen unüberlegten Schritt gethan hatte: daß er als fast sechszigiähriger Hagestolz ein iunges rohes Landmädchen zur Frau nahm, die ihm blos, weil er sehr reich und sie in eben dem Grade arm war, die Hand gab, sich aber, statt seine schmeichelhaften Hoffnungen auf häußliches Glük zu realisiren, bald nach der Vermählung in die routinirteste Stadtdame verwandelte, durch ihr Betragen den Gatten öffentlich lächerlich, ihn zu Hause [117] äußerst elend machte – und daß er an eben diesem Weibe, aller ihrer Thorheiten, und Mishandlungen ungeachtet, noch mit einer unüberwindlichen Liebe fest hieng, sie dadurch zu ähnlichen Erwiederungen zu bewegen glaubte. Aus diesem Barone machte Heute Herr Stegmann einen ekelhaften Gek, den wahren Pendant zum Pappendekel in denen Schwestern von Prag; er trug in einem carmoisin-atlaßenen gestikten Roke, mit reicher Weste, Unterkleidern von nemlicher Farbe, einem großen Federhuthe, und mehrern Einzelnheiten des Anzug, der nicht einmal auf seinen Leib paßte, sondern hinten und vorne sichtlich zu kurz, und zu enge, war, lauter Attribute des affectirtesten Stuzer; er hatte dabey sein Gesicht so buntschekig hochroth, schwarz, und weis, gemahlt, daß es einer wirklichen Carricatur-Maske vollkommen gleich sahe, er gieng, wie von Springfedern gespannt, er sprach, und handelte wie in dieser Rolle kein denkender Künstler sprechen, und handeln, darf. – Der Eindruk, welchen des Herrn Stegmann erstes Auftreten bey Frau von Werling auf mich machte, bleibt bei mir unvergeßlich. – –

Madame Langerhans, spielte die Barones v. Ostburg mit tiefer Ueberlegung, sie verfehlte keinen Zug im Character, und nuancirte die nicht eigenthümlichen, sondern blos durch Gewohnheit, und nach gesellschaftlichen [118] Beyspielen, angenommenen Affectationen, Maniren, Aeußerungen, der schnell modernisirten Stadtdame, der mehr mit dem Munde, als aus dem Herzen, plappernden Zungendrescherin, der leichtsinnigen, sich auflehnenden Hausfrau, in den richtigsten Abstufungen – bey der endlichen Rükkehr zur Vernunft, und Beßerung, würde sie ihren Gatten weit inniger haben behandeln können, hätte nicht, schon detaillirtermaßen, Herr Stegmann sein Aeußeres so rebutant darzustellen für Gut befunden, daß auch nur die mindeste Herzensergießung eines blühenden, galanten, Weibes gegen seine Person unmöglich mit einiger Wahrscheinlichkeit bestehen konnte.

Amalie von Enden, Ostburgs Mündel, soll ein blutiunges, kaum aus denen Kinderiahren getretenes, Frauenzimmer seyn, um deßen Führung sich Niemand bekümmert, das aber beym angebohrnen Gefühle für Tugend, und Moralität, von bösen Beyspielen unangestekt geblieben ist, ob es gleich über die Begründung seiner künftigen Wohlfarth keine bestimmte Wahl zu treffen weiß. – Madame Hönike qualificirt sich sehr unvollkommen zu dieser Rolle, und spielte sie außerdem mit so weniger Theilnahme, daß man sich für sie auch nicht im Mindesten intereßiren konnte – in der Schlußscene verkroch sie sich immer rükwärts, und verrieth großen Hang, aus Pflegma, Langerweile, und Ueberdruß, stehend einzuschlafen – Unbegreiflich ist es mir, warum diese Rolle nicht mit Mamsel Eule besezt worden ist? –

Der Oberste von Dehnholm hat sechszehn Jahre [119] lang in Ostindien gelebt – unter dieser Voraussetzung, und daß er indeßen für die iezigen Sitten seiner Vaterstadt ganz Fremdling geworden war, ließen sich der Ton, und die Manieren, in welchen Herr Löhrs deßen Rolle Heute spielte, allenfalls rechtfertigen; angezogen aber hätte Herr Löhrs, wenn nicht moderner, doch netter seyn sollen – solche Unterkleider, solche Stiefeln, wie er, trägt gewiß auch in Ostindien kein Mann von Distinction, und Vermögen.

Den ältern Neffen des Obersten, den Jacob von Dehnholm spielte Herr Herzfeld fehlerfrey, aber bey Weitem nicht mit der Energie, die er sonst in seine Rollen zu legen pflegt. Statt heuchlerischer Geschmeidigkeit characterisirte er die heutige mit einer Art von Pedanterie, die, nach meinem Gefühle, zur dichterischen Vorzeichnung nicht paßend genug ist.

In dem Carl von Dehnholm producirte Herr Bethmann, aus Berlin, seine zweyte Gastrolle auf Hamburgs deutscher Bühne. Wer den Jüngling von Erziehung, ausgebildeten Sitten, brausendem Temperamente, und unverdorbenem Herzen, leichsinnig durchs Erdenleben im Strohme moderner Zerstreuungen, ohne Hinsicht auf ein Ufer zum Landen, fortschwimmen sehen will, der halte sich an Das, was Herr Bethmann Heute auf der Bühne im Einzelnen, oder im Ganzen, vortrug, und er wird gewiß ein Tableau beobachten, deßen großen Werth seine Aehnlichkeit mit der Natur bestimmt – Wer diese Prüfung anstellt, wer diesen Werth erkennet, zolle dem iungen Künstler verdienten Beyfall! –

[120] Frau von Werlin, vom Dichter als intriguante Coquette, und Spötterin, characterisirt, wurde durch Madame Stegmann treffend nach der Vorzeichnung dargestellt – Einen einzigen kleinen Fehler wider die Lebensart ließ sie sich dabey entwischen. – In der Scene, wo sich in ihrem Zimmer der Visitenzirkel versammelte, blieb sie, als Frau vom Hause, auf dem Canapee sizen, und wieß der zulezt ankommenden Barones von Ostburg einen Stuhl neben selbigem zum Niederlaßen an.

Frau von Rambach, ebenfalls ein Weib, das ganz mit dem Tone und mit denen Sitten der großen Welt bekannt ist, dem aber edle Grundsäze, auch alle sonst empfehlende Eigenschaften, durchaus mangeln, wirft sich aus Nachahmungssucht zur verächtlichsten Klätscherin, und Zungendrescherin, weg, um in iedem gesellschaftlichen Zirkel ihrer Consorten stets willkommen zu seyn, wichtiges Ansehen zu gewinnen; deren Characteristic soll daher mit dem Ausdruke der feinsten Malice im Gebehrdenspiele, im Dialoge, und in der Conversation, durchaus nicht mit roher Ungezogenheit, und mit gemeinen Aeußerungen, auf der Bühne dargestellt werden. – Madame Löhrs bearbeitete heute diese Rolle. – –

Herr von Graundorf ist gerade das männliche Ebenbild von Jener – mithin verfehlte Herr Eule, da er ihn in ganz plebejem Tone spielte, den Sinn, und die Vorschriften, des Dichter durchaus; er gieng dabey in marktschreyerisches Costume gekleidet.

Die Sucht, als Wizling zu glänzen, und Verstandsschwäche, die iede Declamation in Afterwiz verschraubt, [121] sind unumgängliche Eigenheiten, welche der Darsteller des Herrn von Winsen auf der Bühne hervorstechen laßen muß, allenfalls mit iugendlicher Effronterie, nie mit pedantischer Affectation, coloriren darf. Herr Zahrt schränkte seine ganze Mimic auf beständiges Wakeln mit dem vorgestrekten Kopfe, auf Antritte mit dem rechten Fuße, auf einförmiges Manöuvrirn mit dem Chapeaubas, ein – und war dabey erbärmlich angezogen – Mit Geduld waffne sich das Publikum, wenn in der Folge dergleichen Anstandsrollen dem Herrn Zahrt Mehrere aufgedrungen werden, und er nicht bald lernt, ihnen vollständigere Genüge, als der heutigen, zu leisten! –

Es stellten Herr Kruse den biedern Renner, gewesenen Haushofmeister bey Dehnholm, dem Vater, intereßant, Herr Leo den Juden Moses characteristisch richtig dar.

Daß Herr Gollmik in die Rolle des Intriguenmacher Buschmann hochgespannte Carricatur legte, war anschaulich, warum? mir unergründlich. Je empfehlender Buschmann im Aeußern sich auszeichnet, und beträgt, desto zutraulicher kann, dächte ich, die vornehme Cotterie ihn zur Ausführung ihrer Cabalen gebrauchen.

Die Art, in welcher Herr Hoyer Heute den v. Torbay, Carls v. Dehnholm Gesellschafter, spielte, nöthigt mir die Bitte an ihn ab: Shakespear’s Raisonements im Hamlet, Scene I, Act IV. nachzulesen, zu prüfen, und, nach eigner Ueberzeugung, künftig bey seinen dramatischen Vorträgen zu befolgen. – –

[122] Die episodischen Rollen dreyer Bedienten, und einer Cammeriungfer, waren mit denen Herrn Lichtenfeld, Näthsch, Erdmann, und mit der iüngern Mamsel Stegmann, besezt.

Sonnabends, den 21. Februar, gab Herr Kirchner sein Benefiz-Concert im deutschen Schauspielhause. Es ist ihm sehr zu gönnen, wenn deßen Ertrag für ihn eben so lucrativ gewesen ist, als das Publikum Ursache hatte, mit der Production dieses Concert, nach seinen einzelnen Bestandtheilen, wohl zufrieden zu seyn – Manche der leztern wären wahrscheinlich noch perfecter ausgefallen, wenn nicht kalte Witterung die Singestimmen, und die Instrumentisten, genirt hätte.

Sonntags, den 22. Februar, wurde anfänglich General Schlensheim und seine Familie, militärisches Schauspiel in vier Aufzügen von Spieß, gegeben.

Es spielten darinne den König Herr Solbrig; den gefangenen General Schlensheim Herr Langerhans; den General Wangen Herr Löhrs; den Maior Saalen Herr Leo; den Rittmeister Erlau Herr Herzfeld; deßen Mutter Madame Fiala; deßen Gattin Madame Eule; den Friz Erlau die kleine Löhrs; den Adiutant Biuk Herr Wohlbrük; den Leutnant Waldorf Herr Hoyer; den von Erlaus Eskadron desertirten Wachmeister Zelle Herr Gollmik; den Bauer Michel Herr Stegmann; Annen, deßen Frau, Madame Gollmik.

Herr Solbrig soutenirte die maiestätische Rolle mit Anstande, ohne sie zu großer Wichtigkeit zu erheben [123] – Wie konnte er aber, nur mit einiger Decenz, als König, ein Gilet von Piqué, das noch dazu sichtbare Schmuzstreifen hatte, unter der Uniform; wie einen Stok mit ledernem Riemen, der kaum für einen Unterofficier gut genug war; wie in Campagne, als selbst commandirender Heerführer, keine Feldbinde tragen? –

Daß die Rolle des General Schlensheim gewiß zu denen gehört, welche Herr Langerhans am intereßantesten und meisterlichsten, durchführet, bestätigte auch die heutige Erfahrung. Wenn er manchmal die Nuancen des Affect ein wenig überspannte: so mußte man es es mit dem Alter, und mit dem Temperamente, des edeln Kriegshelden entschuldigen.

Innigkeit, Wahrheit, edle Gefühle, und persönlichen Anstand drükte durch sein heutiges Spiel Herr Herzfeld allenthalben aus. – Kurz vor der Execution hatte er sich in einen ganz bürgerlichen Frak, in Schuhe und Strümpfe, gekleidet; den erstern konnte Rittmeister Erlau, nie, am wenigsten im Feldzuge, bey sich führen, er war daher schlechterdings unschiklich – paßend aber wäre dagegen ein langer blauer Ueberrok gewesen; Ich, an Herrn Herzfelds Stelle, hätte auch die Stiefeln, selbst beym Niederknien auf den Sandhaufen, nicht abgelegt, als Cavallerieofficier, in Erlaus Verhältnißen, mich nie mit leichten Escapains gezeigt.

Madame Eule stellte die zärtliche, seelenfrohe, geängstete, trostlose, Gattin mit wechselndem Abstufungen [124] sehr characterisch, und expreßiv, so wie Madame Fiala die respectable Matrone durchaus gut, dar.

Herr Wohlbrük spielte seinen Adiutanten maschienenmäßig steif; war durch zu engen, nicht auf seinen Leib paßenden, Anzug merklich genirt; trug den Degen unförmlich hoch über die Hüften, und sezte ohne Veranlaßung, und Schiklichkeit, als er dem Rittmeister Erlau den Arrest ankündigte, im Wohnzimmer der Damen den Huth auf. –

Herr Hoyer bewieß ausdruksvoll, daß es mitunter sehr rohe Leutnants giebt – in Campagne läßt man sie zur Noth paßiren.

Alle übrige Rollen wurden vorschriftsmäßig und genügeleistend durchgeführt – wider das eigentliche Militaircostume aber schlichen im Ganzen manche Fehler ein. – Die Officier von einer Armee trugen nicht alle Cokarden von gleicher Farbe auf denen Hüthen; zum Anfange des III. Act presentirten die Wachen, und Posten, viel zu Lange – so bald der König durch sie durch gegangen war, sollten sie, blos scharf schulternd, bis zu seiner Rükkehr stehen bleiben; die zur eigentlichen Execution commandirten drey Mann müßen das gedoppelte Tempo des Fertig machen, und des Anschlagen, beßer lernen, um Beyde ein andermal zusammentreffender zu bewerkstelligen.

Als zweyte Vorstellung wurde heute auch noch das kleine Lustspiel: Jeder fege vor seiner Thüre! aufgeführt. Herr Eule capricirt sich also, zu beweisen: daß schon eine halbe Bouteille Wein ihn zum Torkeln bringen kann. – Mamsel Kruse verdiente vollständigen Beyfall, und mit dem, was die Herren [125] Zahrt, und Nätsch, in dieser Darstellung leisteten, konnte das Publikum ebenfalls zufrieden seyn.

Montags, den 23. Februar, wurde das Donauweibchen vor sehr zahlreicher Versammlung im Schauspielhause anderweit wiederholt.

Dienstags, den 24. Februar, erfolgte eine unvergleichliche Darstellung von Ifflands Selbstbeherrschung, als Schauspiel in fünf Aufzügen. – Es gehört unleugbar zu des Dichter Meisterstüken. – Welche Characterzeichnung, wie viel durchaus intereßante Handlung, befaßt es nicht, welches Feuer belebt den dialogisirten Vortrag? – In ihm sieht man die Würde der Menschheit in practischer Ausübung bis zum höchsten Gipfel erhoben, ohne daß sie über die Grenzen der Natur und Wahrscheinlichkeit hinausgeschraubt wird.

Baronin von Rosenstein, das Ideal weiblicher Vollkommenheit, liebenswürdig, edel, gefühlvoll, sanft, wohlthätig, uneingeschränkte Besizerin eines großen Vermögen, Wittwe – ist mehrentheils mit Menschen umgeben, die ihre seltne Güte entweder geradezu misbrauchen, oder von Zeit zu Zeit Plane schmieden, aus selbiger für ihre niedrigen Absichten Vortheile zu ziehen – Ihr eigner Bruder, der Oberhofmeister von Werthal, ein Mann von sehr zweydeutigem Charakter, Constant ihr Haushofmeister, und ein gewißer Aßeßor Willnang, zeichnen sich unter Leztern aus. Nur zwey gute Menschen stehen dargegen der Baronin im täglichen Umgange zur Seite – Luise Selling ihre Gesellschafterin und Herzensvertraute, Adolph Willnang ihr Haussecretair. [126] Lezterer vereinigt in sich alle persönlichen, und characteristen, Verdiente, die den musterhaften Jüngling dem empfindsamen Weibe empfehlen können. Leidenschaftliche Liebe für ihn liegt tief in der Baronin Seele, warme Theilnahme an seinem Schiksale, unbegrenztes Vertrauen auf seine Rechtschaffenheit, äußert sie in iedem Falle öffentlich. Adolph, hängt mit enthusiastischer Verehrung an der Baronin, seine Gefühle für sie sind aber keine andere, als die des dankbaren Sohnes gegen eine wohlthätige Mutter. Die Baronin erklährt solche eine Zeitlang für schüchterne, mit der ihrigen simpatisirende, Liebe, bis sie sich aus Erfahrung überzeugt, daß schon lange Luise und Adolph ihre Herzen zum unzertrennlichen Bunde auf Lebenszeit verwechselt haben. Von dem Augenblike an arbeitet die edle Frau an ihrer Selbstbeherrschung, wandelt die heimliche Liebe für Adolph in wahre mütterliche Zuneigung um, determinirt sich, sein und Luisens Glük so vollständig als möglich zu befördern, und behandelt ihn von dem Zeitpunkte an desto zärtlicher, desto vertraulicher, im öffentlichen Umgange. Ihre Hausgenoßen, und sonstigen Beobachter, nehmen es daher für bekannt an, daß sie Nächstens Adolphen ihre Hand, und ihr Vermögen, schenken werde. Alle treten zusammen, und schmieden Complotte, um diese, nicht in ihre eigennüzigen Plane paßende, Verbindung zu vereiteln. Man wagt Alles, Adolphen der Baronin in mehr als einer Rüksicht verdächtig zu machen – manche Versuche schlagen fehl; der Lezte gelingt; Adolph wird auf der Stelle verabschiedet. Er bleibt sich auch im unerwarteten, [127] und nie verschuldeten, Unglüke gleich, erhebt sich durch edele Resignation zur höchsten Menschenwürde, zieht sich in seine Familienarmuth zurük, nimmt Luisen mit in das Haus seiner dürftigen Mutter, verschmerzt die Zerstörung seiner öconomischen Glüksumstände, und trauert nur darüber, daß seine angebetete Wohlthäterin die Reinheit seines Herzen, seine treue Anhänglichkeit an ihre Person, und an ihr Intereße, so ganz verkannt hat. Nicht lange bleibt Adolph in der trost- und hoffnungslosen Lage. Die Baronin hat sich bald von seiner Unschuld überzeugt; sie tritt unvermuthet bey der Willnangischen Familie ein, erklährt: daß Adolphen bitteres Unrecht geschehen sey; entschädigt ihn dafür aufs Vollständigste, indem sie seine unaufschiebliche Verbindung mit Luisen bestätigt, und für Beyder künftige Wohlfarth, als Mutter zu sorgen, mit Ihnen fernerhin unzertrennlich zu leben, auch Adolphs leibliche Mutter, und Schwester, in eine ganz sorgenfreye Lage zu versezen, sich anheischig macht. –

Madame Eule spielte die Baronin im hohen Grade dramatischer Kunst, und Vollkommenheit – Herr Bethmann aus Berlin, den Secretair Willnang, als dritte, und lezte, hiesige Gastrolle, ungekünstelt, im edelsten Schmuke der reinen Natur und Wahrheit, gerade so, als wenn er ieden Pinselstrich, den Ifflands Meisterhand zu diesem characteristischen Tableau auftrug, einzeln belauscht, als wenn er die Rolle, und alle ihre Nuancen, unter Ifflands unmittelbarer Anweißung einstudirt hätte.

[128] Außer diesen Beyden leisteten Herr Löhrs, als Oberhofmeister von Werrthal, Madame Herzfeld, als Luise Selling, Herr Eule, als Constant, Madame Fiala, als Mutter Willnang, Mamsel Eule; als Sophie, Herr Leo, als Aßeßor Willnang, Herr Kruse, als Landmann Schmidt, gewiß Alles, was der begehrlichste Sachkenner, von ihren Talenten, und Attributen, von ihrer Application zum Berufe, fordern konnte. Auch Herr Nätsch legte in seine Bedientenrolle Intereße – Kurz das Ganze wurde durch iede individuelle Verwendung derer Handelnder zur Vortrefflichkeit befördert.


Hr. St. laße meine dankbare Antwort auf sein Schreiben an mich vom 26. d. M. künftigen Sonnabend zu ieder Zeit in meiner Behausung abholen! –


Vorstellungen für die erstern drey Tage in künftiger Woche, da Ich von denen, für die leztern bestimmten, selbst noch nicht überzeugt bin.

Februar 1801.

Sonntags, den 1ten: Lodoiska.

Montags, den 2ten: Bayard.

Dienstags, den 3ten: Weltton und Herzensgüte.


Seite 103. Zeile 7. v. o. st. Herr – Heer.

Seite 104. Zeile 8. v. o. st. wählte – gewählte.

Seite 117. Zeile 2. v. o. st. aufs – auf.

[129]
Raisonirendes
Journal
vom
deutschen Theater zu Hamburg.

Zweyundzwanzigtes Stük.

Freytags, den 6. März 1801.

Mittewochs, den 25. Februar, wurde Hamlet, Prinz von Dänemark, aufgeführt. Nicht alles Unvollkommene, und Mangelhafte, worüber ich bey der Darstellung dieses Trauerspiel am 23. Januar bereits im 17ten Stük meines Journal geklagt habe, war bey der heutigen beseitiget, oder ergänzet; besonders traten von denen Fehlern, zu deren Verbeßerung nur die Direction unmittelbare Anstalten treffen konnte, die mehresten Heute an den nemlichen Stellen wiederum hervor, wo ich sie neulich getroffen hatte – und so muß es auch seyn, da unsere deutsche Theaterdirection ihren größten Ruhm darinnen sucht, sich mit verächtlicher Gleichgültigkeit über ieden critischen Tadel [130] weit hinaus zu sezen, die evidentesten Absurditäten in mehrmaligen Wiederholungen gerade um deswillen hervortreten zu laßen, weil bereits öffentliche Urtheile sie als solche gerügt haben; dergleichen Procedere kann aber auch nur in Hamburg geltend durchgeführt werden. An andern Orten nimmt das Publikum entschieden die Parthie vernünftiger Kunstrichter, und die Directionen müßen wohl gegründeten Tadel, bescheidene Zurechtweisungen, der Leztern beachten – wenn sie nicht den Widerwillen des Erstern gegen offenbare, mehrmals hintereinander erscheinende, Fehler zu öffentlichen Aeußerungen während der Production reizen, oder, wenn auch diese Nichts fruchten, die Schauspielhäuser nach und nach verlaßen sehen wollen. Hier ist es ganz anders. Das Publikum verlangt zwar, daß die Defecte unsers deutschen Theaterwesen im Ganzen und Einzelnen von Sachkennern, und Kunstrichtern, gerügt werden sollen, es giebt denen Critiken darüber, die auf den derbsten Ton gestimmt sind, vor andern im sanftern Colorit aufgetragenen, überwiegenden Beyfall, es lieset öfteres, und mitunter hochgespanntes, Lob, wenn es auch noch so gerecht ist, bey Weitem nicht so gerne, als immer währenden Tadel, wenn er auch noch so sehr durchfällt, es kümmert sich aber nicht mit der mindesten Theilnahme darum, ob die öffentlichen Critiken auch nur einigen Nuzen [131] stiften, ob die gegründetesten derselben be- oder verachtet werden; es sieht gelaßen zu, wenn rechtmäßig getadelte Fehler, und Unschiklichkeiten, einmal nach dem andern aufs Neue zum Vorschein kommen, es bestärkt dadurch die Suffisance, und, die egoistischen Capricen, der Direction, unterstüzt ihre Caße von Zeit zu Zeit mit den ergiebigsten Beyträgen, und nimmt dagegen mit Allem vorlieb, was ihm im Schauspielhause aufgetischt wird. So lange also das hiesige Publikum durch sein Uebergewicht, und durch sein Benehmen, der Sache keine andere Wendung giebt, können sich Journalisten und Annalisten die Finger von einer Woche zur andern, Jahr aus Jahr ein, krumm schreiben – und die Verhältniße unserer deutschen Bühne werden sich um Nichts verbeßern – Es bleibt Alles beym Alten. Die Direction verliert zwar am guten Rufe im Auslande, und an einheimischer Achtung der Kunstkenner, sie gewinnt aber desto mehr an baarer Einnahme, Hamburgs Publikum steht im Passivo – und läßt fünfe gerade seyn. –

Wenn noch zuweilen die öffentlichen Critiken Eindruk machen, und wirksame Erfolge haben; so geschieht es auf individuelle Künstlerinnen oder Künstler, so äußern sie sich bey einzelnen Rollen. Sowohl davon, als von der Wahrheit meiner anfänglichen Raisonements, gab die heutige Darstellung mehr als einen [132] anschaulichen Beweiß. Nachfolgendes Detail wird ieden derselben expreßiver bezeichnen.

Dem einstimmigen Tadel aller Kunstrichter zum Troze stellt die Direction keine andere Königin im Hamlet auf, ob sie gleich in dem gesellschaftlichen Personale befindlich ist. Madame Fiala muß diese Rolle behalten, sie noch außerdem in dem verunstaltenden Anzuge fort spielen – und wird sie daher nie nur bis zur Erträglichkeit befördern. Man sahe es Heute deutlich, wie viel Mühe sich die brave Frau hab, die natürlichen Attribute, welche diese Rolle von der Producentin heischet, da sie ihr nicht eigen sind, durch künstliche Anstrengungen zu ersezen, mithin kann auch von meinem wiederholten Tadel eigentlich Nichts auf sie zurükfallen.

In der 8ten Scene des I. Act nahm sich der unschiklich zusammenhängende Teppich am mittlern Eingange des Audienzzimmer abermals charmant aus. Wer durch ihn herein, oder heraus, kriechen wollte, mußte erst beyde Hände zum Auseinanderschlagen in Bewegung sezen. Die Trabanten blieben mit ihren Helleparten verschiedentlich an ihm hängen, einer hätte bald den Huth darüber verlohren, und selbst die königlichen Maiestäten konnten sich nur auf die iedesmaligen Hülfsleistungen eines Hofcavalier vom Dienste verlaßen, wenn sie mit unverlezter Grandezza durch ihn ein und ausgehen wollten. – Warum wird er denn nicht wenigstens in der Mitte auf beyde Seiten zurükgebunden, und dann hinter ihm ein paßender Prospect aufgestellt? – Die Zahl derer Trabanten war durch Subtraction in Simetrie gestellt, es traten [133] ihrer drei auf iede Seite des Zimmer. Gewundert habe ich mich in der That, daß, um iede sonstige Absurdität auch Heute eigensinnig zu wiederholen, unter denen Hofdamen keine schwarz gekleidete zum Vorscheine kam. In dem zum Schauspiele eingerichteten Saale, war die Stellung der Stühle, ob ich gleich ihre richtigste im 17. Stüke d. Journ. so deutlich nachgewiesen hatte, auch heute verschoben – auf der linken Seite des Theater stand abermals ein gegen die andern in der nemlichen Reyhe sich auszeichnender Armstuhl ganz am unrechten Orte, weil ein solcher Nirgends anders hin, als auf die rechte Seite, der Königin zur linken Hand, gehört, und dort, da ihn Prinz Hamlet nicht einnehmen will, leer bleiben muß.

Herr Löhrs verdient Lob dafür, daß er sich augenscheinlich bemühte, die Rolle des König Heute mehr als lezthin zu würdigen. In der 14ten Scene des III. Act benuzte er zwar die ihm zur Hand stehende, oder doch mit einem Zuge vor sich zu stellende, Fauteille nicht nach meiner neulich geäußerten Meinung, um während des Gebet seinen Kopf, oder den obern Theil des Körper, auf sie niederzulegen, er verwebte aber beym Beten desto mehr Inbrunst mit seinen Nuancen, und vermied auch auf diese Art iede Stöhrung der Illusion, die da glauben soll, daß der König von dem hinter ihm eintretenden Hamlet, und von dessen Monologe, nicht das Mindeste höret, sattsam. Denn es läßt sich ohne absolute Unwahrscheinlichkeit denken, daß, wenn alle innre Seelenkräfte auf einen Gegenstand hoch gespannt sind, der Eindruk äußerer [134] Ereigniße auf die sinnlichen Gefühle minutenlang seine ganze Wirkung verliehren kann.

Herr Solbrig hat das 17te Stük dieses Journal gelesen, er hat meine Raisonements über seine Darstellung des Hamlet, dem 23. Januar, geprüft, und nach eigenem Gefühle bewährt gefunden, er hat meine rathgebenden Winke nicht verachtet, sondern fast alle befolgt, und dieses durch sein heutiges Spiel, deutlich bewießen, in welchem er sich gegen neulich selbst übertraf. Mein Egoismus macht hier nicht etwa dem Künstler ein schmeichlerisches Compliment, sondern ich habe die heutige Erfahrung, als Zeugin für die eben niedergeschriebene Wahrheit, auf meiner Seite. Denn in der 10ten Scene des III. Act bey dem Monologe: „Seyn, oder nicht seyn? etc.“ und in der nachherigen Unterhaltung mit Ophelien hob sich Herr Solbrig so unläugbar auf die höchsten Stufen der dramatischen Vollkommenheit, daß er dadurch den größten Theil des staunenden Publikum zu lauten Applaudißements, noch vor dem Schluße derselben, hinriß. Er wurde dabey von der an seiner Seite stehenden Künstlerin ungemein unterstüzt; iedes Wort was Hamlet sprach, bewirkte tiefe Erschütterung in Ophelien, und meisterhaft nuancirte Madame Langerhans im Gebehrdenkrampfe ihrer Phisiognomie, im abwechselnden Zuken und Starren ihrer Augen, im zur rechten Minute sichtbar werdenden Tremuliren ihres ganzen Körper, diese Erschütterung. Es war in der That für ieden Kenner und Verehrer der höhern Kunst seltne Wonne, einen solchen Hamlet, eine solche Ophelie nebeneinander zu sehen. – – In der 1ten Scene des IV. Act [135] vermied Herr Solbrig, mit richtiger Beyhülfe des Herrn Kruse, durchaus den Fehler, welchen ich im 17. Stüke, Seite 57 gerügt habe, und die heutige Darstellung gewann dadurch merklich; – in der 4ten des nemlichen Act war die Absicht des Herrn Solbrig, meinen critischen Rath ebenfalls genau zu befolgen, unverkennbar, aber Madame Langerhans vereitelte sie dadurch, daß sie den auf der linken Seite des Theater stehenden ersten Stuhl nicht einnahm, ohngeachtet sie selbst Herr Wohlbrük mit einer sehr schiklich angebrachten Pantomine daran noch zur rechten Zeit erinnerte; Herrn Solbrig blieb daher Nichts weiter übrig, als sich auf den leer gelaßenen Stuhl zu sezen, er that es, versäumte lieber die empfehlende Stellung zu Opheliens Füßen, als daß er vom Stuhle widersinnig herabhutschte, und hielt auf ihm vielmehr die ganze Comödienscene ruhig aus. Oeffentliches Lob verdient in diesem Fall Herr Solbrig für sein heutiges Nachdenken, für die richtige Entscheidung seines Kunstgefühl. Warum zerstörte denn aber Madame Langerhans das eigentliche Intereße dieser Groupe so durchaus? Ich will gerne glauben, daß es an vorherigen Verabredungen mit ihr gefehlt hat – denn es würde zu unrühmlich für sie, und ihre Denkart, seyn, wenn sie aus capricieusem Vorsaze, und um öffentlich darzuthun: daß auch der weitere Directorialzirkel iede kritische Zurechtweisung verachtet, also gehandelt hätte. – – Auch Oldenholms Ermordung, und das nachherige kraftvolle Beseitigen des todten Körper, reußirten Heute beßer als neulich; ich wünschte aber doch, daß Herr Solbrig die erstere nie durch einen Hieb, sondern in [136] allen Regeln der Fechtkunst durch wüthenden Ausfall nach der Couliße zu, mit dem Stoße der Quarte über den Arm in selbige ausführte; wenn ihm dann Oldenholm augenbliklich mit den Händen auf der Brust, die idealische Wunde zuhaltend, entgegen, und zu Boden, stürzte, würde die Täuschung weit wahrscheinlicher werden, als da man glauben soll, daß ein einziger Hieb Oldenholms Lebenslicht ausgeblasen hat – ein Stich auf den rechten Flek kann solches aber sehr natürlich bewerkstelligen. – Im Ganzen hat Herr Solbrig gewiß durch die heutige Darstellung des Hamlet seinen fortdauernden Ruf bey Jedem, der hier über dramatische Größe und Würde competent zu urtheilen vermag, der ihn beobachtet hat, sehr ehrenvoll befestiget, gerechtes Bedauern erregt, daß Hamburgs deutsche Bühne ihn Nächstens verlieren wird.

Herr Langerhans handelte seiner geistigen Bestimmung Heute weit angemeßener als neulich, doch erschöpfte er sie noch nicht ganz. – Er sollte, zum Beyspiele, seinen linken Arm zur Gesticulation nie gebrauchen, stets unbeweglich hängen laßen – die Rührichkeit des rechten legitimirt das in ihr haltende Scepter, und sie ist zu denen erforderlichen Winken hinreichend; in der 7ten Scene des II. Act nicht erst unmittelbar vor dem Verschwinden auf die Versenkung mit sichtbarer Vorsicht zurüktreten, sondern selbige gleich anfänglich, wie ihm Hamlet zuruft: „Rede! – ich gehe nicht weiter,“ beschreiten, nachher nicht wieder verlaßen; in der 9ten des nemlichen Act den dreymaligen Ausruf: „Schwört! – Schwört bey seinem Schwerdte! – Schwört!“ – im [137] dumpfsten Tone langsamer dehnen, hörbarer bewirken; und endlich in der 12ten des IV. sich nicht vorher schüchtern umsehen, ob er bey Oldenholms Leichnam vorbey in die Couliße abzugehen Plaz genug habe? – dafür mußte schon des Herrn Stegmann Nachdenken untrüglich gesorgt haben.

In Oldenholms Characteristic legte Herr Stegmann Heute ausdruksvollere Wahrheit, – und Herr Gollmik verfehlte nicht wieder, bey der Cour, die Respectsbezeugung gegen die anwesende Königen, führte auch überhaupt die ganze Parthie des Güldenstern noch intereßanter als lezthin durch. – –

Donnerstags, den 26. Februar, signalisirte eine abermals zahlreich im deutschen Schauspielhause versammelte Volksmenge die anderweite Wiederholung des Donauweibchen.

Freytags, den 27. Februar, war Bayard, Schauspiel von Kozebue in fünf Aufzügen, bereits durch die Anschlagezettel verkündiget, allein ein iählinges Uebelbefinden des Herrn Löhrs machte deßen Darstellung unmöglich; man half sich in der Geschwindigkeit mit einer Repetition von dem Fremden, die vollständig gut von statten gieng.

Sonnabends, den 28. Februar, beförderte Herr Musicdirector Hönike Hayd’ns tonkünstlerisches Meisterstük, die Schöpfung, im deutschen Schauspielhause zur perfectesten Ausführung – Mit dem richtigsten Urtheile über den Werth der Leztern ist mir schon am vergangenen Dienstage der Hamburg. unp. Correspondent in No. 35. zuvorgekommen. Ich hätte das meinige aus voller Ueberzeugung nicht preciser und [138] treffender niederschreiben können – und bekräftige daher ienes, unter folgenden kleinen Zusäzen, buchstäblich. Außer denen Sängerinnen von unserm deutschen Theater unterstüzten auch noch Madame Lippert, und Mamsel Ellmenreich von Altona, nebst Madame Menges, der Gattin eines Mitglied vom hiesigen deutschen Orchester, das Ganze beyfallswerth. Unverkennbar hatte unser Herr Musicdirector Alles angewendet, sein Unternehmen bestens zu empfehlen, eben so deutlich bewiesen ihm aber auch sämmtliche Aßistenten durch ihren wetteyfernden Fleiß, wie viel ihnen daran gelegen sey, keinen Wunsch des Herrn Hönike unerfüllt zu laßen. Hamburgs Publikum veredelte das Ganze durch zahlreiche Gegenwart, durch theilnehmende Atention, durch unpartheyische Aeußerungen seiner allgemeinen Zufriedenheit. In dem applicativen Beystande seiner Gehülfen, und in dem auf das Publikum gewonnenen Eindruke, lag gewiß für Herrn Hönike der schäzbarste Lohn – er erkennt zuverläßig Beyde mit wärmsten Danke, dies getraue ich mir, als raisonirender Theater-Journalist, in seinem Nahmen öffentlich zu versichern, er wird mich darüber nicht in tadelnden Anspruch nehmen. Wir können darauf rechnen, mit diesem musicalischen Meisterwerke noch mehreremale unterhalten zu werden. Für nächstkünftigen Freytag hat unsere Theater-Direction deßen Wiederholung veranstaltet, und den 24. d. Mon. werden Herr und Madame Haßloch eine ähnliche, zu ihrem Benefize im deutschen Schauspielhause bewerkstelligen. So etwas Vortreffliches kann man öftererer mit Gusto genießen; unser Publikum wird daher auch die spätern Producenten sattsam unterstüzen. –

Sonntags, den 1. März, wurde Lodoiska auf- und im Ganzen beyfallswerth durchgeführt. Madame Haßloch, Herr Schröder, und Herr Ritzenfeldt, zeichneten sich durch Gesang und Spiel vorzüglichst aus. In der Schlußscene sahe man Heute ieden am 19. Januar[11] [139] verschuldeten Fehler redreßirt. Tizikan, von Floresky unterstüzt, brachte die aus der brennenden Burg gerettete Lodoiska im richtigsten Zeitpunkte auf die vordere Bühne, legte die Ohnmächtige dann sanft in des leztern Arm, wendete sich schnell um, überwältigte den ihm entgegen rennenden Dulinsky, warf den Entwafneten zu Boden, und überließ deßen Festhaltung seinen Freunden, und Streitgenoßen. Beweise genug, daß Alles gehen kann, wie es gehen soll, wenn die auf der Bühne Handelnden, von critischem Nachdenken, gutem Willen, und pünktlicher Attention, angefeuert, für einzelne Fälle von Wichtigkeit richtige Verabredungen unter sich statt finden laßen.

Montags, den 2. März, erfolgte eine abermalige Wiederholung vom Donauweibchen.

Dienstags, den 3. März, trat endlich Bayard, als eine längst erwartete Neuheit, zum erstenmal auf unserer Bühne wirklich hervor. Der Dichter hat bey der Structur dieses Schauspiel sehr auf eclatante Wirkungen gearbeitet, und unsere Direction es gewiß an Nichts fehlen laßen, den äußern Glanz der hiesigen Aufführung mit der Würde des Suiet paralel zu stellen. Es sind sämmtliche Rollen mit der besten Auswahl besezt, und gut einstudirt, die Anzüge mehrentheils prächtig, und glänzend, manche Decorationen neu, und geschmakvoll bearbeitet, die Prunkscenen mit äußerster Acurateße, costummäßig, geordnet, die Statisten zahlreich genug angestellt, und von dem, was sie zu thun haben, sattsam unterrichtet, eigentlicher Spectakel ganz beseitiget, und an deßen Stelle, edle Schiklichkeit, nach historischer Vorschrift, dem Ganzen zugeeignet. Selbst die Mitwirkung des Orchester beschäftiget ganz neu componirte Music, deren Vortrag mit denen Ereignißen auf der Bühne würdig harmonirt. Die Ouverture ist von der Meisterhand des Herrn [140] Stegmann vogeschrieben. Für die Zwischenacte hat der iüngere Herr Eule in Dreßden sehr empfehlende Beweise seines Fleißes, und seiner Fortschritte in der Tonkunst, bearbeitet.

Der eigentliche Inhalt dieses Schauspiel befaßet die intereßantesten Scenen aus der leztern Lebensperiode des in der Geschichte der ältern französischen Chevallerie so berühmten Bayard, dem sie den Zunahmen: der Richter ohne Furcht und Tadel beylegt, und hängt um deswillen nicht in einer Haupthandlung zusammen, sondern theilt sich in mehrere einzelne, deren iede den Stempel des individuellen Intereße trägt. Nach dieser Mensur muß daher auch ich eben diesen Inhalt, da das Stük hier aus dem Kozebueischen Manuscripte gespielt wird, vortragen.

Bayard hat unter der Regierung, und im Militair-Dienste Franz des ersten, König von Frankreich, Brescia mit Sturm erobert, ist aber verwundet und dadurch vom Lager der königlichen Armee, und von ihren weitern kriegerischen Operationen, eine Zeitlang entfernt worden. Lucrecia Gritti, eine edle Wittwe in Brescia, hat den Verwundeten in ihr Haus aufgenommen; unter ihrer und ihrer beyden Töchter sorgsamen Pflege ist er mehrentheils genesen – Das müßige Leben wird ihm äußerst lästig, er läßt sich von den Vorschriften seines bedenklichen Wundarzt nicht länger zurückhalten, sondern beschließt seine baldige Abreise ins Lager unwiderruflich. Miranda, Lucreciens älteste Tochter, hat leidenschaftliche Liebe für Bayard gefaßt, die er aber nicht erwiedert, weil nur Eine, die er schon als Jüngling liebte, in seinem Herzen herrscht, er dieser Einen treu bleiben will bis in den Tod. Diese Eine, Blanka, lebt ohne sein anfängliches Wißen in Brescia, ist aber an einen Mayländer, Paolo Manfrone verheyrathet. Sie hat ihm, nach langer Trennung, und in weiter Entfernung, von Bayard, um ihre dürftigen Eltern vom Untergange, vom armseligsten Elende, zu retten, [141] ohne Neigung die Hand gegeben; ihr Herz hängt mit platonischer Schwärmerey noch fest an Bayard; sie führt mit dem characteristisch schlechten Gatten eine freudenleere Ehe; ihre Grundsäze aber sind heldenmüthig edel, ihre Sittenreinheit wetteyfert mit dem Golde, ihre Tugend steht unerschütterlich wie ein Fels. Mit Blanka kommt Bayard in ihrem eigenen Hause unerwartet zusammen. Das Resultat ihrer wechselseitigen Erdeutlichungen ist: daß sie ein eidliches Gelübde ablegen: einander in der Welt nie wieder zu sprechen, sorgfältig auszuweichen, wenn das Ohngefähr sie zusammen brächte. Unmittelbar darauf beschleunigt Bayard seine Abreise zur Armee. Ehe sie wirklich erfolgt, wirft sich ein iunges unschuldiges Mädchen in Bayards schüzenden Arm, und gesteht ihm Liebe für einen iungen Mahler, den sie Armuthshalber nicht heyrathen soll. Bayard empfiehlt dieses Mädchen seiner wirthlichen Miranda zur einstweiligen Aufnahme. Die Wittwe Gritti macht Bayard ein Dongratuit von 2500 Ducaten, er nimmt sie an, vertheilt aber unmittelbar 2000 davon an ihre beyden Töchter zum Brautschaze, und befördert die Verbindung der iüngsten mit dem edlen Volteggio. Die übrigen 500 schenkt er dem iungen Mahler, und sezt ihn dadurch in den Stand, sein geliebtes Mädchen ohne Widerspruch zu heyrathen. – – Bald nach der Ankunft im Lager iagt Bayard einem Zahlmeister von der feindlichen Armee 15000 Ducaten kriegsrechtlich ab, Bayards Freund, Ritter Tardieu, fordert sie mit Ungestüm für sich, weil er auf den nemlichen Fang zu gleicher Zeit mit Bayard ausgeritten ist. Bayard verweigert sie seinen Drohungen, überläßt ihm aber deren eine Hälfte freywillig, zum Geschenke für Tardieu’s alten Vater, der seine verfallene Burg davon wieder aufbauen soll. – In einer Dorfschenke kömmt bald darnach Bayard mit Blanka, welche, nach Befehl ihres Gatten, zu einer Verwandtin von ihm reiset, ohngefähr zusammen; sie [142] deßen eingedenk, was sie iüngsthin in Brescia mit ihm wechselseitig beschworen hatte, verstekt sich unter ihrem Schleyer, vermeidet die Erkennung, und sezt, um Bayard auszuweichen, ihre Reise troz aller Gefahren, aller Warnungen ihres Stallmeister, und ihrer Duenna, bey finstrer Nacht, auf unsichern Straßen, mit abgetriebenen Pferden, in einem schon halb zerbrochenem Wagen, fort. – Miranda, von allmächtiger Liebe für Bayard hingerißen, folgt ihm ins Lager. In der Verkleidung eines iungen Edelmann, meldet sie sich bey ihm, giebt sich für Mirandens Bruder, den Bayard noch nicht kennt, aus, bringt ihm einen Brief von Lucrecien, wird zum Pagen angenommen, und begleitet von dem Augenblike an ieden seiner Schritte, ihn in alle ritterlichen Gefechte und Gefahren mit enthusiasischer Anhänglichkeit, mit unerschrokenem Muthe. – Der iunge König Franz strebt denen Gesezen der Chevallerie, und damaligen Sitten, gemäß nach ritterlicher Würde, die kein Zufall spendete, kein Vater auf den Sohn vererben konnte, für sich, um sie dann auch Andern mit ihm verbundenen Helden, als Siegern bey Marignan, ertheilen zu können; er fodert den Ritterschlag von keiner andern als Bayards Hand, weil er ihn für den erkennt, der zwar keinen Thron besizend, doch ieden verdient, längst die feste Stüze des französischen war – und erhält ihn. Diese, Bayard so sehr auszeichnende, Ehre erregt unter den übrigen Befehlshabern der königlichen Armee bittern Neid, determinirt besonders die gereizte Rivalität des Admiral, und commandirenden Feldherrn, zur unversöhnlichsten Rache. Bayards Beseitigung, und Untergang, werden von ihm beschloßen. – – Der schlechte Paolo Manfrone, Blankens Gatte, hat schon fruchtlose Versuche gewagt: Bayard zur Untreue gegen den König Franz zu verleiten, neuerlich läßt er sich zu Bayards Vergiftung bestechen, sie wird aber von Miranda dem verkleideten Pagen, entdekt, angezeigt, und vereitelt, [143] Manfrone auf der That ertappt, geschloßen, eingekerkert, und zum Tode verurtheilt. – – – Die Verherungen des Kriegs haben, mit mehrern Flüchtigen, auch Blanken in eine Höhle getrieben. Marodeurs legen vor selbiger Feuer an, und erstiken mit deßen Rauche, Alle, die in ihr Rettung und Sicherheit suchten. Blanka hat sich allein, mit Tod und Leben ringend, beym leztern wunderbar erhalten. Bayard kömmt vor dieser Höhle mit einigen Rittern an, hört in ihrem Innern eine winselnde Menschenstimme, der Ritter ohne Furcht dringt in sie durch Flammen und Rauch ein, rettet ein weibliches Geschöpf vom nahen Tode, erkennt in ihm Blanken, und läßt sie unter Tardieu’s Escorte, auch Mirandens Begleitung nach Santa Croce in Sicherheit bringen. Unterwegs wird der Zug von einem feindlichen Haufen angegriffen, Miranda in Vertheigung des erstern getödtet, und als Leiche ebenfalls nach Santa Croce geschafft – dort findet sie Bayard, erfährt von Basco, und betrauert, ihr Schiksal. Eben dort soll der, erwiesener Verbrechen wider den König und wider Bayard halber, verurtheilte Manfrone hingerichtet werden. Blanka erfährt es, bricht ihren Schwur, eilt zu Bayard, und bittet unbedingt um des Gatten Begnadigung. Bayards Entschließungen schwanken, er läßt aber den Verurtheilten, damit er Zeuge der seltensten weiblichen Großmuth seyn soll, in sein Zimmer führen. Manfrone, vom Argwohn verblendet: Bayard liebe Blanken nicht ohne Erwiederung, verstößt sein reines, unschuldiges, Weib. Blanka besteht auf ihrer ersteren Bitte, Manfrone wird pardonirt, und sie begiebt sich ins Kloster. – – Bayard verfolgt seinen kriegerischen Beruf, wird zur Wegnahme eines vom Feinde stark besezten Posten commandirt, und verlangt dazu die erforderliche Mannschaft. Der unversöhnliche Admiral versagt sie, um ihm eine Grube zu graben, in der er unvermeidlich verderben soll. Der Ritter ohne Furcht beachtet die Warnungen [144] seiner Freunde nicht, sondern eilet mit einer halben Compagnie der rufenden Pflicht, der augenscheinlichsten Gefahr, entgegen. Im Gefechte wider übermächtige Feinde wird er besiegt, und tödlich verwundet. Er stirbt auf einen Hügel, zu den Füßen des feindlichen Heerführer, der, aus Ehrsucht für den anerkannten Held, seine Fahnen über den Sterbenden in Zeltesform ausbreiten läßt. –

So Viel für Heute vom Inhalte dieses Schauspiel! – Weitere Remarquen darüber, und Raisonements über seine Darstellung auf unserer Bühne, verspahre ich für die Zukunft – Wir sehen es künftigen Donnerstag wieder, und hoffentlich noch mehrmals in der nächsten Zeitfolge. Für Heute sind meine Kräfte von der warrlich sauern Arbeit erschöpft, auch der Raum des Bogen gefüllt. – Habe ich etwa bey iener Inhaltserzählung historische, oder chronologische, Fehler einschleichen laßen: so will ich sie in der Folge entweder nach eigner weitern Beobachtung berichtigen, oder es mit Danke erkennen, wenn mich Andere diesfalls zurechtweisen; habe ich aber den weitschweifigen Umfang des Stük aus der ersten Darstellung auf der Bühne richtig gefaßt, und in concentrirter Erzählung treffend vorgetragen: so verdiene ich dafür gerechtes Lob von denen, die mein Journal im Lesen nur mit einigem Nachdenken beehren, – Versagen sie mir es so lege ich mir es selbst bey – Vere! hic, laus propria non sordet!


Vorstellungen in künftiger Woche, wenn nicht Krankheit, oder sonstige Umstände, eine Abänderung nothwendig machen.

März 1801.

Sonntags, den 8ten: Das Vaterhaus.

Montags, den 9ten: Bayard.

Dienstags, den 10ten: Weltton und Herzensgüte.

Mittewochs, den 11ten: Das Donauweibchen.

Donnerstags, den 12ten: Das Gastrecht.

Freytags, den 13ten: Die beyden Grenadier, und abgeredete Zauberey.

[145]
Raisonirendes
Journal
vom
deutschen Theater zu Hamburg.

Dreyundzwanzigtes Stük.

Freytags, den 13. März 1801.

Der Augenarzt, Schauspiel in vier Aufzügen von Kozebue, wurde Mittewochs den 4. März auf unserer deutschen Bühne gegeben. Bekannt ist sein Inhalt, hier und auswärts, und ich brauche mich daher in eine detaillirte Erzählung deßelben nicht einzulaßen. Sein größter Werth beruht auf dem manchfaltigen Intereße, welches der Dichter in die Zeichnung der individuellen Characteristic verwebt hat, wenn auch schwelgende Phantasie ihm dabey öfterer, und sichtbarer, die Hand führte, als tiefes Nachdenken. Ob nun gleich in der wirklichen Welt die Alltagsmenschen nicht immer so denken, und handeln, wie Manche, nach dichterischer Vorschrift, im Augenarzte: so findet doch auch in iener der Scharfblik des Beobachter zuweilen ein einzelnes Phenomenon, das denen ähnlich sieht, die Herr von Kozebue in diesem Lustspiele freylich enge, und zahlreich, zusammengestellt hat. Entschieden aber bleibt es bey dem Allen, daß, wenn auf der Bühne die handelnde Kunst der dichterischen Einbildungskraft durchgängig die Wage hält, iede [146] Darstellung des Augenarzt dem Publikum Theilnahme, Erwärmung, und Beyfall, abgewinnen wird. Denn das Rührende und Belustigende, welches abwechselnd aus so mancher einzelnen Situationen hervortritt, verdrängt unfehlbar das strenge Nachgrübeln: ob nicht das sprudelnde Feuer des Dichter bey der Structur des Ganzen eine oder die andere sistematische Vorschrift der Dramaturgie übersprungen hat? – Diese oberflächlichen Remarquen sind unstreitig auch für die heutige Darstellung auf Hamburgs Bühne eigenthümlich geltend, und concentriren sich darauf, daß hier der Augenarzt mit der besten Auswahl besezt ist, daß iede Rolle mit critischem Nachdenken, und applicativer Kunst, bearbeitet, daß dadurch das Wesentlichste zur Wohlgefälligkeit befördert wird.

Als Canzleydirector Löwe verdiente Herr Stegmann den einstimmigsten Beyfall. Schlichte Rechtschaffenheit, durch Denkart und Thaten bestätigt; einziges Leben und Weben in seinen Berufsgeschäften; daraus entsprungene, ihm zur andern Natur gewordene, Gleichgültigkeit gegen Alles, was ihn bey deren Bearbeitung zerstreuen, in ihrer Erfüllung stören, kann; temperamentisches Pflegma, mit sittlicher Pedanterie gemischt, sind die einzelnen Bestandttheile, aus welchen die dichterische Phantasie dieses Original geformt hat, und ieden derselben eignete sich Heute Herr Stegmann durch studirte Kunst zu – als wenn er ihm angebohren wäre.

Madame Löwe, seine Gattin, ein Weib, deßen Herz im Grunde nicht schlecht, das aber durch Erziehung, [147] Nachahmungssucht modischer Beyspiele, und durch eigne Launen bis zur lächerlichsten Närrin verschraubt ist, das sein Ascendant über den gleichgültigen Ehemann desto despotischer behauptet, ie weiter er Alles, was nicht in sein Departement gehört, von sich entfernt hält, das daher im Hause unumgeschränkt herrschet, das iede fremde Wohlfarth eignen Capricen unsinnig aufopfert, das eine gute Stieftochter einem von ihr geliebten Jünglinge aus dem Grunde versagt, weil deßen iugendlicher Leichtsinn schon vor sechs Jahren ein peißendes Epigramm auf Madame Löwe dichtete, sie lieber an einen reichen Phantasten wegwerfen will, nicht eher sich zur Veränderung dieses Entschlußes bewegen läßt, bis die unläugbare Erfahrung und Gewißheit eintritt, daß Ersterer die Beförderung vom Fürsten wirklich erhalten hat, auf welche die egoistischen Hirngespinste des Leztern umsonst hofften. Dieses sonderbare, weder böse noch gute, Weib spielte Heute Madame Fiala im erkünstelten Ausdruke der höchsten Wahrscheinlichkeit.

Caroline, des Canzleydirector Tochter erster Ehe, ein Mädchen durchaus gut, ohne Prunk, vom gleichgültigen Vater nicht beachtet, von der eigensinnigen Stiefmutter gedrükt, vom Lieblinge ihres Herzens entfernt, zum Verdacht gegen seine Treue listig hingerißen, in Gefahr einem verächtlichen Narren geopfert zu werden, hat keinen eignen Willen, kein sichres Anhalten in der Welt, wehrt sich, so lange sie kann, wider iede Gewalt, welche ihres Herzens entschiedene Neigung bestürmt, und sieht sich endlich unverhoft durch Zufall, und veränderte Umstände, am Ziele ihrer Wünsche, mit [148] elterlicher Genehmigung, als Braut in den Armen des ersten, und einzigen, über ieden falschen Verdacht gerechtfertigten, von jedem sonstigen Fehler durch Verzeyhung losgesprochenen, Geliebten. – Madame Langerhans behandelte diese Rolle mit Anstande, und mit intereßanter Innigkeit.

Eduard Löwe, der Canzleydirectorin leiblicher Sohn, hat durch Staar-Krankheit sein Gesicht verlohren, bekömmt es durch die geschikte, im Erfolge glükliche, Operation seines Jugendfreund, des nemlichen wieder, den das Herz seiner Stiefschwester gewählt, der seine Mutter durch das Epigramm so schwer beleidigt hat, hängt an eben deßelben Schwester mit früher inniger Liebe, erhält sie, nach erfolgter Aussöhnung zwischen ihrer und seiner Familie, zur Gattin. Ein sehr expreßives Gebehrdenspiel, und sehr richtig abgemeßene Haltungen, müßen die Eigenheiten dieser Rolle würdigen, den Zustand eines Menschen, der Jahre lang vollen Genuß geselliger Freuden durch Blindheit entbehrt hat, ihn, glüklich operirt, wieder erlangt, treffend auszeichnen, iene dadurch zur mitleidigen Theilnahme, zur intereßanten Wohlgefälligkeit, befördern. Wer Heute unser deutsches Schauspielhaus mit Selbstgefühle besucht hat, wird gewiß allen künstlerischen Nuancen des Herrn Wohlbrük Gerechtigkeit wiederfahren laßen, ihnen vollständigen Beyfall zugestehen – eine einzige derselben hat mich nicht ganz befriediget: In der 1ten Scene des IV. Act schlug Herr Wohlbrük, als ihm unmittelbar nach der Operation die Binde abgenommen wurde, seine Augen zu schnell, und zu weit, auf, um [149] dadurch die Illusion im feinsten Betrachte nicht zu verschieden.

Madame Eule stellte die Räthin Warning, als sanfte Dulderin häußlicher Armuth, als edle Mutter, in eigenthümlicher Innigkeit, höchst empfehlend dar.

Mamsel Eule, Heute ihre wirkliche, und idealische, Tochter, spielte Friederiken Warning nicht so genügeleistend, als ihre persönlichen Attribute es würden bewerkstelliget haben, wenn eigne Lust und Application, nebst mühsamer Anweißung, das Einstudieren ihrer Rollen beßer unterstüzten, besonders ihre noch oft mangelhafte, in affectirte Drehungen der einzelnen Glieder ausartende, Gesticulation berichtigten.

Doctor Busch, die Hauptrolle des ehemaligen Epigrammatisten, des iezigen Augenarzt, den einst iugendlicher Leichtsinn aus seiner Vaterstadt, aus dem Schooße seiner Familie, aus dem Löwischen Hause, von der geliebten Caroline, entfernt, den Verachtung seiner Mitbürger als hännischen Wizling in die Fremde getrieben, der sechs Jahre lang schmerzlich dafür gebüßt hatte, immer aber rechtschaffen geblieben war, der iezt als gebildeter, und gebeßerter, Mann zurükkehrte, mittelst gesammelter Kenntniße, und erlernter Kunstwißenschaften, dem blinden Eduard glüklich den Staar stach, sich bey dem Fürsten zum Geheimen Cammerrath empfahl, seiner dürftigen Mutter Pension verschafte, dadurch die Einwilligung zu Carolinens Besiz von ihren Eltern, insbesondere von der ausgesöhnten Stiefmutter errang, endlich sich zu ieder Erfüllung seiner liebsten Wünsche beförderte – war [150] mit Herrn Solbrig besezt, und sein Spiel erhob sie – man kann es ihm ohne schmeichelndes Vorurtheil zugestehen – über allen Tadel, zu einem hohen Grade von Vollkommenheit. Er behandelte die 10te Scene im II., die 11te 18te und 19te im III., und die 12te im IV. Acte vorzüglich meisterhaft. Eleganter aber hätte Herr Solbrig zu dieser Rolle angezogen seyn können und sollen. Armseligkeit begleitete ia den Doctor Busch nicht nach Hause zurük, er war in einer Verfaßung, daß er ieden ihm in Gelde angebotenen Lohn wegweisen konnte, und hatte auch am Hauptmann Klinker einen Freund zur Seite, von dem er einstweilige Unterstüzung unbedenklich fordern, und annehmen, unfehlbar erwarten, durfte. Merkliche Armseligkeit im Aeußern stimmte zu den iezigen Absichten des Rükkehrenden keinesweges. Die anerkannte Wahrheit: Kleider machen Leute, mußte der durch Erfahrung auch politisch klug gewordene Dr. Busch in seiner veränderten Lage nicht unbeachtet laßen.

Herr Herzfeld spielte den Hauptmann Klinker, in deßen Character Rechtschaffenheit, Bonhomie, und sich stets aufrecht erhaltender Frohsinn, einzig hervorstechen, deßen Denken und Handeln nur von diesen Triebfedern in abwechselnde Bewegung gesezt wird, so ungekünstelt, so treffend, so empfehlend, daß man sich immer auf iede Scene, in der er auftrat, im Voraus freuen konnte.

Cammerrath Hippeldanz ist ein seltsames Original, deßen Existenz die Natur gerade in einer Crisis [151] ihrer bizaresten Launen bewirkt haben muß. Sie schränkte dabey ihre ganze Wohlthätigkeit nur auf seinen Körper ein, äußerte aber den kärgsten Geiz gegen seinen Kopf, und gegen sein Herz. Die Mastung des erstern durch Eßen, Trinken, Schlafen, schlug daher treflich an, erweiterte deßen Peripherie mächtig, und erhielt ihn bey voller Kraft, um von Zeit zu Zeit in der Welt zu vegetiren. Der für seinen Kopf bestimmte Wirkungscreiß war dagegen mit Spannen auszumeßen, zum Denken brauchte er ihn äußerst selten, denn es lag, außer dem thierischen Instinkte, kein Vermögen dazu in ihm. Nahrung, Kleider und Bequemlichkeit sich zu verschaffen, und zu erhalten, waren die immerwährenden Gegenstände seiner Ueberlegung. Sein Herz verdiente diesen Namen nur im strengsten anatomischen Begriffe; es regte sich in ihm, um den Umlauf des Blutes so nothdürftig zu befördern, als die Lebenserhaltung davon schlechterdings abhing. Nur eine Leidenschaft, Ehrsucht, ab zuweilen dieser animalischen Maschine elastische Spannung; sie zu befriedigen kannte er auch nur ein Mittel – Geld. Am leztern fehlte es ihm nicht, denn der blinde Zufall, mit der Natur im Einverständniße, hatte ihm deßen eine Menge zugeworfen. Auf Alles, was er mit Gelde sich nicht zueignen konnte, resignirte alsbald sein pflegmatischer Stumpfsinn. Seine Mitmenschen beurtheilte und behandelte er leistenmäßig nach der Mensur seines eigenen Ich. – So hat die Kozebuische Phantasie den Hippeldanz im Hogarthischen Geschmake gezeichnet; ob in der wirklichen Welt ein solches Paradoxon lebend anzutreffen ist? – will ich nicht entscheiden, [152] iedoch zugeben, daß, wenn der Forscher auch nicht leicht ein Individuum ausspähen könnte, welches alle Hippeldanzischen Attribute in sich vereinigte, er doch ohne große Anstrengung iedes derselben, unter einzelne Menschencarricaturen vertheilt, vorfinden wird. – Daß aber Herr Eule in der unüberspannten Darstellung des Kozebueischen Hippeldanz auf der Bühne durch expreßivere Originalität schwehrlich von einem dramatischen Künstler übertroffen werden kann, behaupte ich unumwunden, und verspreche mir für dieses Raisonement allgemeine Zustimmung des hiesigen Publikum.

Den Corporal Müller, auch Luisen, deßen Tochter, zwey Rollen deren iede zwar nur eine Scene befaßet, die aber beyde auf die Entwikelung des Ganzen den wirksamsten Einfluß haben, spielten Herr Leo, und Madame Hönike, recht sehr gut.

Donnerstags, den 5. März, erfolgte die zweyte Vorstellung vom Bayard – Nach der aus ihr geschöpften Ueberzeugung habe ich für meine im vorigen Bogen gelieferte Skize seines Inhalt nur einen verschuldeten Irrthum bey der Zeitangabe Heute zu berichtigen. – Von denen 2500 Ducaten, die Bayard aus der Wittwe Gritti Händen zum Geschenke erhält, und annimmt, giebt er zuerst 500 an den iungen Mahler, und vertheilt dann die übrigen 2000 unter die beyden Töchter seiner gastfreyen Wirthin. – Dieses vorausgesezt verschreite ich zur Anzeige von der individuellen Rollenbesezung des Stük auf unserer Bühne, um dann über ihre Productionen meine Raisonements niederschreiben zu können.

[153] Im Bayard sind angestellt: als König Franz der Erste Herr Gollmik; als Admiral Herr Leo; als Bayard Herr Herzfeld; als königlich-französische Ritter, auch Hauptleute, Liguy, Talmond, Tremouille, Tardieu, die Herren Langerhans, Zahrt, Ritzenfeldt, und Steiger; als Basco, Bayards Waffenträger, Herr Kruse; als Paolo Manfrone Herr Löhrs; als Volteggio Herr Schröder; als Carl, Prinz von Bourbon, Herr Solbrig; als Rochefort, ein unter deßen Truppen dienender Ritter, Herr Haßloch; als Bayards Wundarzt Herr Stegmann; als der iunge Mahler in Brescia Herr Wohlbrük; als Manfrone’s Stallmeister Herr Eule; Als Marodeurs die Herrn Petersen, und Nätsch; als Lucrecia Gritti Madame Eule; als Miranda, und Constantia, deren Töchter, Madame Langerhans, und Hönike; als Blanka Madame Haßloch, als deren Duenna Madame Kruse; als das iunge Mädchen, welches bey Bayard Schuz sucht, und durch seine großmüthige Unterstüzung mit dem geliebten Mahler verbunden wird, Mamsel Eule; als Wirthin in der Dorfschenke, wo Bayard und Blanka im III. Acte ungefähr zusammen kommen, Madame Löhrs.

Herr Gollmik hat nur die einzige Scene im III. Acte, wo König Franz nach seinem Wunsche, und auf sein beharrliches Verlangen, von Bayards Hand zum Ritter geschlagen wird, zu bearbeiten; er soutenirte sie mit edlem Anstande, sprach und handelte der Feyerlichkeit angemeßen, wäre auch, wenn ihn die Garderobe nur noch mit einem prächtigern Mantel, und mit weniger [154] abgenuzten Federn auf dem Helme, versorgt hätte, glänzend genug, zumal im Feldlager, angezogen gewesen.

Unbegreiflich ist es mir, wie? woher? der Admiral in dieses Schauspiel kömmt, und was er darinne, unter der Distinction, zu thun hat? – Im ganzen Inhalte liegt davon nicht die mindeste Spuhr, kein einziger Veranlaßungsgrund. Die königliche Armee steht im Lager in einer Gegend, wo an kein Meer, an keine See, an keinen Hafen in der Nähe, an keine Concurrenz einer Flotte mit ihren kriegerischen Operationen, zu denken ist. Herr Leo stellt, in Vorschrift seiner Rolle, den ersten Feldherrn nach dem Könige bey dieser Armee vor. Wie in aller Welt qualificirt sich ein Admiral zum Obercommando in der Campagnie auf dem festen Lande? – Hier muß ein Irrthum von Seiten des Dichter, oder beym Ausschreiben des Manuscript, absolut vorgegangen seyn. Herr Leo behauptete den Rang und die Function des ersten Befehlshaber mit expreßivem Stolze, der iedes fremde Verdienst neidisch verachtete, keines um und neben sich dulden wollte, und vereinigte dadurch im richtigen Verhältniße den Ausdruk seines Spiel, und seiner Nuancen, mit der Characteristic der Rolle.

Herr Herzfeld eignet sich ganz, und in iedem Betrachte zur würdigen, intereßanten, Darstellung des Bayard. Er macht bey ieder einzelnen Situation, in welche die dichterischen Vorschriften ihn versezen, die seltnen Verdienste, welche die Geschichte ienem edeln Menschen und Helden beylegt, anschaulich. – In der Bestätigung erhabener Grundsäze durch Thaten; [155] in mänlicher Festigkeit mit sanften Gefühlen für Freundschaft und Liebe verwebt; in treuer Anhänglichkeit an iede von Ehre und Beruf vorgeschriebene Pflicht; in strenger Resignation der liebsten Wünsche an diese Pflicht; im festen Bereitseyn zum Schuze des gekränkten Recht, der gedrükten Unschuld; in der Verzichtleistung auf eignen Reichthum, um Anderer Glük damit zu befördern; im muthigen Verachten ieder Gefahr, wenn das Wohl des Vaterland, oder die Rettung leidender, einzelner, Menschheit auf dem Spiele standen; im eigentlichen Heroismus auf dem Schlachtfelde; in gelaßener Ergebung, in froher Hoffnung auf eine beßere Zukunft, beym herannahenden Tode, stellen Geschichte, und Dichter, Bayards Größe dar – iede Nuance dieser characteristischen Größe zeichnete treffend, und wahr, des Herrn Herzfeld heutiges Theaterspiel aus, und es wurde solches zugleich von seiner einnehmenden Figur, auch vom brillanten Anzuge, mächtig unterstüzt.

Den Ritter Tardieu, Bayards vertrautesten Freund, und Kriegscammeraden, der, bey allem Mangel an sittlicher Verfeinerung, durch innere Herzensgüte, practische Rechtschaffenheit, und Bravour, seinen Werth als Mensch und als Soldat immer behauptet, spielte Herr Steiger gewiß sehr beyfallswerth, und würzte, besonders die Aeußerungen des Weiberhaßes, welche die Rolle vorschreibt, mit viel humoristischer Mimic.

Basco, vom Herrn Kruse dargestellt, war ganz was er seyn sollte – mit Leib und Seele der treue Diener eines guten Herrn, im Leben bis zum Tode.

Paolo Manfrone ist ein verstokter Bösewicht; grell hat sein Tableau der Dichter gezeichnet; grell stellt Herr Löhrs seine phisische, und moralische, Häßlichkeit – mithin richtigst nach Rollenvorschrift – dar.

Den iungen Mahler spielte Herr Wohlbrük, und nuancirte dabey deßen characteristische Blödigkeit, besonders sein anfängliches Mistrauen, ob nicht die von [156] Bayard erhaltenen 500 Ducaten die verlohrne Unschuld seines Mädchen bezahlen sollen, und die nachher, als er durch der Geliebten Zusicherung vom Gegentheile überzeugt wird, überströmenden Gefühle der Freude, und der Dankbarkeit, sehr treffend.

Madame Langerhans bezeichnete durch ausdrukvolles Spiel die Macht leidenschaftlicher Liebe, und argwöhnischer Eyfersucht, im weiblichen Herzen. Jene bestimmte Miranden zur thätigen Heldin, diese wurde durch Bayards Betragen bis zur freundschaftlichen Theilnahme an dem Schiksale ihrer anerkannten Nebenbuhlerin veredelt; die richtigsten Abstufungen in so contrastirenden Situationen geriethen der Künstlerin fast alle. Der männliche Anzug kleidete Madame Langerhans überaus gut – aber gewundert habe ich mich, daß sie, bey ihrer Theaterroutine, den großen Fehler begehen, und in der 2ten Scene des V. Act ihrem Gesichte nicht den mindesten leichenähnlichen Anstrich verschaffen, konnte. Miranda ist an einer Wunde, die unumgängliche Verblutung nach sich gezogen haben mußte, gestorben, wenigstens zwölf Stunden waren seitdem, bis zu dem Zeitpunkte verfloßen, da der Leichnam auf der Bühne anschaulich wird, und das Gesichte der Madame Langerhans zeigte sich noch in blühender Röthe! Sie glaubt vielleicht, eine richtig nachgeahmte Leichengestalt mache gar zu rebutanten Eindruk aufs Amphitheater, ich kann ihr diesfalls auch nicht gerade zu widersprechen, und erinnere sie blos an ihre Darstellung der wahnsinnigen Ophelie im Hamlet, wo sie ohne so dringende Nothwendigkeit, als in der Rolle der wirklich todten Miranda, mit einem Gesichte aus dem kein Blutstropfen hervorscheint, auftritt. Der einzige Ausweg bliebe hier noch offen, daß, da man Mirandens ganzen übrigen Körper leicht erkennen kann, ihr Kopf mit einem undurchsichtigen Flohre bedeckt würde, den allenfalls Herr Herzfeld, ohne iedoch das Leichenantliz den Zuschauern zu zeigen, auf einige Augenblike lang zur Beförderung seiner eignen [157] Uebersicht aufheben müßte. Madame Langerhans hat nur zwischen diesen beyden Auskunftsmitteln: ob sie ihr Gesicht leichenfarbig zeigen, oder zudeken laßen, will, die Wahl, den zeitherigen Fehler der blühend dargestellten Phisionomie aber darf sie als denkende Künstlerin nicht wiederholen – sie determinire sich nun für das erstere oder leztere von ienen: so muß in beyden Fällen auch ihre, ganz sichtbare, rechte Hand weis geschminkt seyn.

Noch hat kein dramatischer Dichter eine Rolle beschrieben, die durch eigenthümliches Intereße der Characterzeichnung, und des Dialog, ihre Producentin auf der Bühne in glänzenderes Licht stellt, als Kozebues Blanka im Bayard – nicht wahrscheinlich kann eine dramatische Künstlerin eben diese Blanka bey der Darstellung zu höherer Vollkommenheit erheben, als Madame Haßloch sie durch Figur, Mimic, Declamation, und Handlung, auf Hamburgs Bühne unleugbar erhoben hat.

Alle übrige Rollen, deren iede, ohne absolut episodisch zu seyn, nur durch ihre einzelnen Beyträge das Ganze binden, auch zusammenhalten, muß, werden zwekmäßig behandelt, und nach Vorschrift durchgeführt.

Freytags, den 6. März, wurde, statt der theatralischen Vorstellung, Hayd’ns Schöpfung als Oratorium aufgeführt. Die Besezung der Instrumente, und derer Singestimmen, war nicht so vollständig, das anwesende Publikum nicht so zahlreich, der Erfolg im Ganzen nicht so eclatant, als am 28ten des vorigen Monat.

Sonnabends, den 7. März, gab Herr Eloy im deutschen Schauspielhause ein sehr unterhaltendes Concert. Es wurde vom Orchester aufs fleißigste, von dem Producenten selbst, und von seinem iüngern Bruder, durch gefällige Vorträge auf der Violine, durch ähnliche auf der Flöte vom Herrn Petersen; von Mamsel Grund, [158] auch von denen Herrn Inverardi, und Falchini, welche beyde iezt hier, und hier herum, privatisiren, durch guten Gesang unterstüzt; es reußirte im Ganzen gewiß zur Zufriedenheit des zahlreich versammelten Publikum.

Sonntags, den 8. März, erfolgte seit ungefähr sechs Monaten die eilfte Wiederholung vom Vaterhause; auch durch sie wurden abermals der innre Werth des Stük, deßen sehr richtige Besezung auf unserer Bühne, und der ausgezeichnete Fleiß, mit welchem die hiesigen Gesellschaftsmitglieder bey der Production um allgemeinen Beyfall wetteyfern, bestätiget.

Montags, den 9. März, wurde Bayard zum dritten male aufgeführt – Dieses Stük gewinnt merklich durch Wiederholungen an immer perfecterer Production, und am allgemeinern Beyfalle. – Auch heute zeigte Herr Herzfeld im Bayard seinen hohen Werth als talentvoller, denkender, geübter, die Menge, und den feinern Kenner, intereßirender Schauspieler. Meine herzliche Achtung für ihn, vermehrt sich auch in dieser Rük- und Hinsicht von einem Tage zum andern. Vom heutigen Besuche des deutschen Schauspielhaus bleibt wohl die Ueberzeugung: daß Madame Haßloch in der Rolle der Blanka sich Unübertrefflichkeit zueignet – abermals unzertrennlich?

Dienstags, den 10. März, wurde Weltton und Herzensgüte, längst bekanntes, schon im Jahr 1793 zu Wien gedruktes, wirksamen Eindruk bey guter Darstellung gewiß nie verfehlendes Drama, von Ziegler, in vier Acten aufgeführt.

Es spielten den President von Bergenheim Herr Herzfeld, Amalien, seine Gattin, Madame Eule, die Baronin Albosi Madame Langerhans, den v. Füller Herr Haßloch, den Maior v. Blanker Herr Solbrig, den Justizrath Fedel Herr Löhrs, den Justizrath Werky Herr Stegmann, den Secretair [159] Richter Herr Wohlbrük, durchaus characteristisch, und anständig. Herr Herzfeld, Madame Langerhans, und Herr Löhrs, zeichneten sich zu vorzüglichem Beyfalle aus.

Mamsel Eule bearbeitete, als Cammeriungfer Antonie, eine Rolle von wesentlichem Gewichte – wäre ihre Gesticulation durch eignes Studium, und stricte Belehrung vorher berichtiget worden: so hätte sie ihr unfehlbare Genüge geleistet. An figürlichen Attributen dazu fehlte es warrlich nicht.

Herr Costenoble, ein für unsere deutsche Bühne neu engagirtes Mitglied, debütirte Heute als Friz Berg. Er behauptete durch sein Spiel, und deßen einzelne Nuancen, die Characteristic der Rolle richtig so, wie sie der Dichter gezeichnet hat; laconisch stellte er den keineswegs im Kopfe vernagelten, aber nur mit dem Tone der großen Welt, mit ihren Sitten, mit ihren modischen Gebräuchen, ganz unbekannten Landmann, deßen größter Werth in der Güte seines Herzens liegt, dar. Bis zur 9ten Scene des III. Act erhielt er sich in erkünstelter Kälte, von da an lies er das aufgereizte Feuer seiner Gefühle für Recht und Unrecht zuerst ausbrechen. Als denkender und routinirter Schauspieler zeichnete er sich allenthalben aus, und sein heutiger Debüt berechtiget Hamburgs Publikum zu wichtigen Ansprüchen an seine Kunst, zu den besten Hoffnungen auf seine fernern theatralischen Productionen.

Zwischen dem I. u. II. Acte, und nach dem Schluße des heutigen Stük, sang auf dem Theater Herr Zucharini erst eine italienische Arie nach Righini’s, dann eine deutsche nach Pasiello’s Composition – Seine Baßstimme hat kein Metall, und wenig Umfang – in seinem heutigen Vortrage lag mehr Affectation, als künstlerische Würde.

Mittewochs, den 11ten März, wurde das Donauweibchen aufgeführt; auch deßen 10te Wiederholung, [160] binnen 6 Wochen, war Heute für die Theatercaße sehr lucrativ, denn eine zahlreiche Volksmenge hatte sich zu selbiger im Schauspielhause versammelt.

Noch am Schluße dieses Bogen bin ich nothgedrungen, dem Publikum manche zeither von mir gesammelte Erfahrungen, als nunmehro gewiß bestätigte Wahrheiten, mitzutheilen.

Madame Haßloch und ihr Gatte, Herr Solbrig, Herr und Madame Gollmik, Herr Schröder, und Herr Wohlbrük, verlaßen vor Ablauf der nächsten drey Monate unsere deutsche Bühne – Was soll aus dem Schauspiele, was aus der Oper, auf selbiger künftig werden? doch – die zeitherige Direction besteht ia fortdauernd – und hat Herrn Zucharini mit 60 Thaler monatlicher Gage als ersten Baßisten engagirt! –


Vorstellungen in künftiger Woche, wenn nicht Krankheit, oder sonstige Umstände, eine Abänderung nothwendig machen.

März 1801.

Sonntags, den 15ten: Die Strelizen, und der Huth.

Montags, den 16ten: Bayard.

Dienstags, den 17ten: Lohn der Wahrheit.

Mittewochs, den 18ten: Nicht mehr als sechs Schüßeln.

Donnerstags, den 19ten: Die Schwestern von Prag.

Freytags, den 20ten, Stille Waßer sind tief.


Drukfehler im vorigen Bogen.

Seite 142. Zeile 8. v. u. st. Manfronn – Manfrone.

Seite 144. Zeile 6. v. o. st. dar – der.

[161]
Raisonirendes
Journal
vom
deutschen Theater zu Hamburg.

Vierundzwanzigtes Stük.

Freytags, den 20. März 1801.

Directionswegen bestimmt, und auch im vorigen Bogen von mir angekündiget, war zur Vorstellung am Donnerstage, den 12ten März, das Gastrecht, gegeben aber wurde wirklich, aus Gründen, die mir nicht bekannt sind, eine Wiederholung vom Bayard. Sie gieng, da die auf der Bühne Handelnden an der Erfüllung ihrer Pflichten mit Eyfer und eigner Theilnahme durchgängig arbeiteten, iede Gelegenheit benuzten, den Werth ihrer individuellen Rollen, denen in diesem Stüke der Dichter so manchfaltigen zugeeignet hat, geltend zu machen, im Ganzen sehr gut von statten, verdiente, und erhielt von Seiten des Publikum Beyfall. Meine speciellern Urtheile darüber im 23. Stüke dieses Journal, sahe ich auch durch die heutige Darstellung mehrentheils bestätiget.

Bey dem Allen wurde aber Madame Haßloch entweder durch phisische, oder humoristische, Veranlaßungen [162] abgehalten, ihre Blanka Heute, wie sonst, zu verherrlichen. Sie verschuldete in der unmittelbaren Production gewiß keinen Fehler, aber dem forschenden Menschenkenner entgieng es nicht, daß Madame Haßloch sich Heute zur fehlerfreyen Darstellung der Blanka weit mehr anstrengte, als sonst, und dadurch in der natürlichen Innigkeit des Vortrag merklich zurükblieb.

Madame Langerhans begieng abermals den unverzeyhlichsten, durch Nichts zu rechtfertigenden, Fehler wider die mit fünf gesunden Sinnen zu umfassende Wahrheit, und wider die unverlezlichen Vorschriften zur Täuschung von der Bühne herab, da sie in der 2ten Scene des I. Act sich, als seit wenigstens zwölf Stunden verblutete Leiche, mit Röthe im Gesichte zeigte. – Daß sie über ihre, in der nemlichen Attitude ganz sichtbare, rechte Hand einen noch dazu ziemlich schmuzigen Handschuh angezogen hatte, war keine zureichende Verbeßerung. – Doch ich muß meinen gerechten Tadel über diesen, von einer anerkannten Künstlerin practisch wiederholten, Fehler für Heute einschränken, und ruhig erwarten, ob sie ihn, wenn sie meine nähern Erdeutlichungen seiner zureichenden Gründe, nebst vernünftigen Vorschlägen zur abhelflichen Maaße, im 23ten Stük dieses Journal gelesen haben kann, da lezteres Heute noch nicht möglich ist, bey nächstkünftiger Darstellung der nemlichen Scene, auf eine [163] oder die andere, von mir sehr deutlich, und sehr thunlich, bezeichnete Art, vermeiden wird? Von ihrer eignen Einsicht, von ihrem in andern Fällen so oft bestätigten Kunstgefühle hoffe ich, hoffen, mit mir einverstanden, alle Sachkenner, das Beste. –

Freytags, den 13ten März, wurden zur ersten Vorstellung die beyden Grenadiers, Lustspiel in drey Aufzügen, nach dem Französischen von Babo bearbeitet, aufgeführt.

Ich will gerne zugestehen, daß die einzelnen Rollen deßelben auf unserer Bühne auch Heute gut gespielt wurden, und daß besonders Herr Costenoble, die Caricatur des dummen Niclas mit Nachdenken und Feinheit, nuancirte, bey den Allen aber kann ich von denen Urtheilen, die schon deßen sonstige Darstellung am 28. October vorigen Jahres mir abnöthigte[12], keines widerrufen. Das Ganze ist und bleibt ein Machwerk, in deßen Structur eben so wenig Vernunft und Wahrscheinlichkeit, als wirksames Intereße liegen, zumal wenn zwischen denen Producenten des Wilhelm und des Gustav nicht die allerfrappanteste figürliche Aehnlichkeit vorwaltet. – Daß eine solche aber zwischen denen Herren Herzfeld und Solbrig, bis zur Verwechselung ihrer [164] Personen, vor kein gesundes Menschenauge treten kann, ist, und bleibt – entschieden.

Zur heutigen zweyten Vorstellung wurde: abgeredete Zauberey, Singespiel, von Gretry componirt, nach dem Originale in zwey Acten, hier in einen zusammengezogen, aufgeführt. – Den größten Dank verdient unsere Direction für diese Abkürzung, denn Geduld von Seiten des Publikum gehört warrlich dazu, eine solche Production auch nur in möglichster Abkürzung auszuhalten. Der Menschenverstand wage es ia nicht, das Suiet zu prüfen, dem Auge begegnet nichts Intereßantes, nur das musicalische Gehör gewinnt einige Befriedigung, wenn es seinen Kunstgeschmak um zwanzig Jahre zurükschraubet, und dann von der Bühne herab mit so wohlgefälligem Gesange, auch mit so fleißigem Accompagnement vom Orchester, unterhalten wird, als es Heute hier wirklich geschehen ist. – Drum sey auch dieser Gesang der einzige Gegenstand meiner Raisonements! –

Herr Stegmann als Vormund Dalberg zeichnete sich in der Arie; „Könnte ich auf Ahndung glauben etc.“ auch in denen Duets: „Wie? Sie hatten auch denselben Traum? etc.“ und: „Sie hat ihre Wahl getroffen etc.“ als Tonkünstler rühmlichst aus. Ersteres [165] ist für die im Texte liegenden Anspielungen auf den alten Hahn und die Henne, auf den Gimpel und den Geyer, höchst characteristisch componirt.

Herr Ritzenfeldt soutenirte die Parthie des Onkel Dormann unverbeßerlich, er sang die Arie: „Die Liebe flieht vor grauen Haaren etc.“ überaus brav, und wetteyferte mit Herrn Stegmann in dem schon angezogenen zweyten Duette sehr wirksam.

Madame Haßloch, wurde als Julienne Heute von ihrer Stimme, und Gesundheit, nicht mit voller Kraft zum Gesange unterstüzt, die discretive Mäßigung aber, mit welcher sie erstere gebrauchte, ersezte alles Verdienst sonstiger Bravour.

Herr Haßloch gab in der Rolle des Lindthal mehr als einen überzeugenden Wink, daß Hamburgs deutsche Oper Nächstens in ihm, da sein Weggehen unwiderruflich bleibt, einen Tenoristen verliehen wird, deßen theoretische und practische Verdienste sehr schäzbar sind, für deßen baldigste Ersezung das Publikum an die Direction, welche ihn gehen läßt, die strengsten Ansprüche zu machen berechtigt ist – Er sang durchaus, als verstellter Zauberer aber vorzüglich, brav.

[166] Frau von Bieder war mit Madame Stegmann besezt; sie schränkte ihren heutigen Wirkungscreis blos auf Ensembles ein, – und füllte ihn aus.

Die iüngere Mamsel Stegmann sang als commandirende Zigeunerin die vorgeschriebene Arie recht gut; und die von ihren Untergeordneten ausgeführten Chöre konnten auch auf Beyfall Anspruch machen.

Sonntags, den 15. März, sahen wir zur ersten Darstellung: die Strelizen, Baboisches Schauspiel in vier Aufzügen, von längst bekanntem Inhalte, und von manchem inneren Werthe, welchen Characterzeichnung, auch energischer Styl zum Vortrage erhabener, nach diversen Motiven gestimmter, Sentiments determiniren.

In selbigem erwarb sich Herr Herzfeld als Czaar Peter gewiß großen Beyfall, den auch sein edles, und richtiges, Spiel durchaus verdiente. Kluge Uebersicht weit ausgedehnter Regierungsgeschäfte; eyfriges Streben, sie Selbst zur Wohlfarth seiner Monarchie zu führen, nicht durch schwachköpfige, oder ungerechte, Minister verschrieben, und verschleifen, zu lassen; genaue Kenntnis vom Nationalcharacter seiner Unterthanen, sorgfältige Auswahl der besten Mittel, um bey ihnen Furcht und Liebe für sich zu gewinnen, ihre Aufklärung und Veredlung immer weiter zu befördern, ihr Zutrauen und ihre Treue durch Gelindigkeit, Herablaßung, [167] Wohlthaten, zu feßeln; erhabner Muth und rascher Entschluß in drohenden Gefahren, zu denen der milde Vater des Vaterland fähiger ist, wo er mehr Gutes ausrichtet, als der despotische Tyrann; Selbstgefühl bey dem Allen, daß seine Herrschaft saure Arbeit, sein Dank gehäufter Verdruß sey, – sind Auszeichnungen, welche der Dichter in diesem Schauspiele dem Czaar zueignet, welche die Geschichte Peter dem Großen für einzelne Perioden seiner weltberühmten Regierung nicht abspricht, und welche Herr Herzfeld Heute auf der Bühne trefflich nuancirte. Für die 2te, 4te, und 7te Scene des zweyten; für die 4te und 5te des dritten; für die lezte im vierten Acte, verdient er als ächter dramatischer Künstler einstimmig gepriesen zu werden.

Den Minister, welcher es fühlt, daß die Einsichten des Monarchen die seinigen weit übertreffen, daß sie ihn selbst bis auf den Grund durchschauen, und der daher das innere Misbilligen mancher von Jenem gefaßten Beschlüße unter politischen Gehorsam verschleyert; den General, an deßen Sittenverfeinerung des Czaar allgemeines Bemühen um solche noch Wenig ausgerichtet hat, der aber von treuester wachsamster, pünktlichster, Erfüllung seiner unmittelbaren Pflichten mit keinem Schritte abweicht, obgleich jede Ausgeübte roher Ton und strenge Gravität begleiten; [168] den edlen Oßakof, deßen Patriotismus durch kein selbst erduldetes Unrecht und Elend erschüttert werden, der strenge den eignen geliebten Sohn, als rebellischen Maiestätsverbrecher, zum Tode verdammen konnte, – stellten die Herrn Stegmann, Leo, und Löhrs, durchaus characteristisch, und treffend, dar.

Kein Sachkenner konnte Madame Eule als Oßakova, und Herrn Langerhans als Prostoserdof, für ihr heutiges Spiel vollständigen Beyfall, Ersterer in der 4ten Scene des zweyten, Lezterm in der 7ten des nemlichen, und in der 6ten des IV. Act ungeheuchelte Bewunderung vorenthalten.

Herr Wohlbrük als Fedor Oßakof, und Herr Solbrig als Suchanin, würden Beyde ihren Rollen die rühmlichste Genüge geleistet haben, wenn nur Leztern das Gedächtnis im wörtlichem Vortrage der seinigen beßer unterstüzt hätte.

Zum im Stüke dienstleistend handelnden Subaltern-Officier war Herr Gollmik angestellt, und er soutenirte die Rolle durchaus anständig, nach dem Costume älterer Zeit, mit deutlichem Ausdruke practischer Menschenliebe in ieder That, die sein strenger Beruf nicht verpönte.

Als zweyte Vorstellung, wurde Heute auch noch der Huth wiederholt gegeben. Die Producenten [169] bemühten sich, sie dem Sonntagspublikum mit launigter Würze schmakhaft zu machen. Mamsel Kruse, und die Herrn Langerhans, Steiger, Gollmik, hielten sich dabey als Künstler in erträglicher, Lezterer gegen sonst in unverändert anständiger, Mensur. – Herr Wohlbrük aber besizt, und äußert, ia critisches Discernement genug, um mir die Behauptung nicht zu verargen: daß er sich Heute von absichtlicher Laune zur fehlerhaften Uebertreibung hinreißen lies. –

Montags, den 16. März, erfolgte eine anderweite Vorstellung vom Bayard, welche nach den mehresten sonstigen Verhältnißen zwar gut von statten gieng, iedoch weder die Füllung des Schauspielhaus befördert hatte, noch bey denen Anwesenden große Sensation zu erregen schien.

Die iüngere Mamsel Stegmann trat Heute als Constantia auf, und spielte diese kleine Rolle durchaus wohlgefällig. In die Feyerlichkeit des Ritterschlag legte Herr Herzfeld vorzügliche Würde. Herr Steiger erhob sein Gebehrdenspiel bis zur expreßivesten Vollkommenheit – nach von Bayard erhaltenem Geschenke zum Wiederaufbau der väterlichen Burg, stellte er die Ideen, welche damals des Ritter Tardieu ganze Seele beschäftigten, in so treffender [170] Pantomime dar, daß die gefeßelte Illusion den Riß zur neuen Burg füglich auf dem vor ihm stehenden Tische suchen konnte. Madame Langerhans täuschte die von mir, und von Mehrern, auf ihr vernünftiges Nachdenken, und auf ihr Kunstgefühl, gemachten Rechnungen gewaltig, behauptete dagegen ihre egoistischen Capricen sehr eclatant; Denn in der 2ten Scene des V. Act producirte sie ia abermals, allem Menschenverstande zum Troze, ihre Figur als schlafender Endymion, deßen blühendes Ansehen einst Dianens Sprödigkeit besiegte, – nicht, nach unleugbarer Vorschrift der Rolle, als seit mehrern Stunden verblutete Leiche! –

Dienstags, den 17. März, wurde das Publikum mit einer Darstellung vom Lohne der Wahrheit sehr intereßant unterhalten, und auch Heute fast iedes meiner Urtheile über deßen ältere Production am 5. October vorigen Jahres neuerdings in den mehresten einzelnen Rollen, und Situationen, bestätiget.

Den Graxelmann führte Herr Leo mit Nachdenken, und ausdruksvoller Laune, höchst empfehlend durch. Mamsel Eule war als Molly angestellt. – An öfterer Uebung im Spiele fehlt es ihr iezt gewiß [171] nicht, möchte doch auch iede einzelne Rolle mit ihr nach dramaturgischen Vorschriften förmlich einstudirt werden, sie kann sonst unmöglich, durch Uebung allein, sich zur vollendeten Künstlerin empor heben. Herr Costenoble spielte den Mops, und bewies dabey sehr zu seiner Empfehlung, daß der Werth des ächt comischen Vortrag aus expreßiven Mienen, aus paßend articulirtem Sprachtone, aus abgemeßener Bewegung einzelner Glieder, weit brillanter hervorschimmert, als aus körperlichen Contorsionen und Purzelbäumen, in denen sich mancher Schauspieler auf der Bühne von Zeit zu Zeit abtreibet – umherkollert.

Mittewochs, den 18. März, sahen wir das beliebte Großmannische Familiengemählde: Nicht mehr, als sechs Schüßeln, aufgestellt. Die handelnden Gesellschaftsmitglieder wetteyferten: ieden einzelnen Zug deßelben durch ihre Kunst ins gefälligste Colorit zu befördern. In der heutigen Rollenbesezung war gegen die im 18ten Stüke dieses Journal von mir bereits angezeigte Nichts abgeändert. Herr Langerhans und Madame Fiala spielten ganz vortrefflich, die Uebrigen mehrentheils richtig und gut. Herr Stegmann kann, so oft er will, der unbedeutendesten Rolle wirksames Intereße einimpfen. Kein [172] Kunst- und Sachkenner wird Heute den humoristischen, und biedern, Geheimenrath Schenk ohne innige Theilnahme in ieder einzelnen Situation, und Haltung, beobachtet haben. Herr Wohlbrük macht in der Kunst, die Characteristic seiner Rollen mimisch auszuzeichnen, große Fortschritte – Heute gähnte er mit unter einige mal – ich habe den Werth dieses Gähnen ganz empfunden; denn es war nicht möglich, den entweder langweilenden oder embaraßirenden Eindruk, welchen auf den Cammeriunker von Wilsdorf die Conversation um ihn herum bewirkte, expreßiver zu nuanciren. – Mir ist es nicht ergründlich, welchen Begriff sich Herr Petersen von dem Beamten Beil macht, und aus welchem Grunde er ihn so äußerst gemein darstellt? Wenn er doch gefälligst darüber nachdenken, und diese Rolle in der Folge mehr verfeinern wollte, es liegt ia in der Gewißheit, daß nach dichterischer Zeichnung Beil moralisch schlecht ist, noch keine zureichende Motive für den fürstlichen Beamten, um auch den Stempel des Gauner im Aeußern zu tragen, und ihn selbst auf seinen Anzug zu drüken. – Die Absurdität: daß zwey Unterofficiers mit ihrem Compagniechef nicht einmal gleichförmige Rabatten auf denen Uniformen tragen, trat heute wieder hervor – doch eben besinne ich mich, und unterdrüke alles weitere Verwundern [173] darüber: – ihre Remedur hieng unmittelbar von Hamburgs deutscher Theaterdirection ab!

Nächstkünftigen Dienstag den 24. März, produciren, wie ich schon Seite 138 angezeigt habe, Herr und Madame Haßloch Hayd’ns Oratorium, die Schöpfung, zu ihrem Benefize im deutschen Schauspielhause. Herr Fischer, der hier so rechtmäßig beliebte Virtuose aus Berlin, will ihr Unternehmen durch seinen intereßanten Gesang verschiedentlich verschönern. Hamburgs kunstkennerisches, kunstschäzendes, kunstunterstüzendes Publikum darf nur an Blanken im Bayard denken: – und mein Wunsch wird erfüllt, meine iezige Einladung wird beachtet, im Amphitheater unsers deutschen Schauspielhaus ist künftigen Dienstag von 6–8 Uhr Abends kein leerer Standpunkt mehr zu finden.


[174] Auch Ich verwende mich, ehe ich den heutigen Bogen abschließe, treuherzig in propria causa an Hamburgs kunstkennerisches, kunstschäzendes, kunstunterstüzendes, iedem fleißigen Arbeiter wohlwollendes, Publikum. Ich bitte um seine Entscheidung, ob dieses raisonirende Journal, wenn ich deßen 25tes und 26tes Stük binnen 14 Tagen abgeliefert habe, fortdauern soll, oder nicht? – Bisher ersezte mir der Ertrag des Debit noch nicht den immediaten Kostenaufwand, welcher wöchentlich 28 Mark 8 ßl. baare Ausgabe erfordert. Bisher war an Lohn für oft saure Arbeit, an Geistesaufmunterung durch Gewinn, nicht zu denken. Wenn sich daher zwischen Heute, und nächstkünftigen 1. April, die Zahl derer, welche auf das bevorstehende Trimestre mit 2 Mark individualiter, und bey mir unmittelbar, abonniren, nur so weit gegen die zeitherige [175] vermehrt, daß ich dadurch für den unmittelbaren Kostenaufwand in denen folgenden 3 Monaten gedekt bin: so dauert, bey Gesundheit und Leben, meine Schriftstellerey fort – im entgegengesezten Falle habe ich mit Ablieferung des 26ten Stük meine Rolle, als raisonirender Journalist über Hamburgs deutsches Theater, ausgespielt – denn – dies freywillige Geständnis kann mich nicht decreditiren – zum Geldverlieren bey der Entreprise bin ich nicht reich genug, und für unbelohnte Arbeit erkaltet mein Eyfer. – –


[176] Vorstellungen in künftiger Woche, wenn nicht Krankheit, oder sonstige Umstände, eine Abänderung nothwendig machen.

März 1801.

Sonntags, den 22ten: Hamlet.

Montags, den 23ten: Das Donauweibchen.

Dienstags, den 24ten: wird die Schöpfung von Hayd’n zum Benefize für Herrn und Madame Haßloch im deutschen Schauspielhause aufgeführt.

Mittewochs, den 25ten: Bayard.

Donnerstags, den 26ten: Stille Waßer sind tief.

Freytags, den 27ten: Das Donauweibchen.


[177]
Raisonirendes
Journal
vom
deutschen Theater zu Hamburg.

Fünfundzwanzigtes Stük.

Freytags, den 27. März 1801.

Donnerstags, den 19. März, wurden die Schwestern von Prag gegeben, und es gieng dabey Alles seinen zeitherigen Gang. Die Singenden führten ihre Parthien mit Application und Erfolge durch; den Werth des Spiel legte man mehrentheils in hochgespannten, auch angehäuften, Spaß; und das Publikum fand an dem Allen behagliches Wohlgefallen.

Freytags, den 20. März, erfolgte bey nothdürftig beseztem Hause die zwölfte Vorstellung des Donauweibchen.

Sonnabends, den 21. März, gab Herr Bultos, Mitglied unsers Orchester, im deutschen Schauspielhause Concert, zu seinem Benefize. Darinne wurde anfänglich die erste Abtheilung von der italienischen [178] Oper: la Clemenza di Tito, nach Mozarts Composition, ausgeführt. Die Vorträge im einzelnen Gesange bearbeiteten Madame Langerhans, Madame Menges, Mamsel Stegmann die iüngere, nebst denen Herren Haßloch, Kirchner, und Ritzenfeldt. – Abgerechnet, daß Madame Menges durch Verspätigung den Anfang des ersten Duet ein Wenig derangirte, und daß auch im Finale manche Stimme merklich wankte, beeyferten sich die Sängerinnen und Sänger insgesamt, denen Vorschriften der meisterhaften Composition Genüge zu leisten. Den vorzüglichsten Erfolg bewirkte Herr Haßloch, da er die übernommene Discantparthie äußerst wohlgefällig durchführte, und eine Arie mit obligater Clarinette im hohen Grade tonkünstlerischer Vollkommenheit vortrug. – Die Sopranstimmen werden bey unserer Theatergesellschaft von Zeit zu Zeit rarer. – In der zweyten Hälfte der heutige Production spielte Herr Bultos ein Violoncell-Concert von Düport; es schien aber, als ob deßen Ausführung an sich selbst ihm zu schwer fiel, oder daß wenigstens die Ungewohnheit deß öffentlichen [179] Vortrag seine Contenance erschüttere. Madame Menges sang eine Naumannische Arie, welche ihr vielen Beyfall verschaffte; und zum Schluße producirte Herr Bultos noch einige Variationen auf dem Cello, bey denen das Accompagnement der Maßonneauischen Violine ihn sehr wirksam unterstüzte.

Sonntags, den 22. März, wurde Hamlet aufgeführt. Die Darstellung der Hauptrolle hob Herr Solbrig abermals sehr hoch; er ließ keine Kleinigkeit unbeachtet, und unbenuzte, um sich in selbiger als perfecten Künstler zu zeigen. Madam Langerhans spielte die beyden Scenen des V. Act, als wahnsinnige Ophelie, noch mit der mehresten Application, zu der sie Heute aufgelegt war. Außerdem blieb Alles beym Alten; es wurden gegen sonst in diesem wichtigen Stüke das Mittelmäßige nicht verfeinert, dem absolut Fehlerhaften nicht abgeholfen, denen ältern Unschiklichkeiten neuere hinzugefügt. –

Was konnte dabey Anderes, als ein verhunztes Ganzes, herauskommen, das mehr langweilte, als intereßirte? –

[180] In der mismüthigsten Stimmung, welche mir der Besuch des deutschen Schauspielhaus für baare 20 ßl. verschafft hat, seze ich mich an den Schreibetisch, trage mein Raisonement über die heutige Production in das iournalistische Manuscript für künftigen Freytag ein, und werfe aus Verdruß, daß ich von iener nichts Empfehlenderes für Hamburgs deutsche Theaterdirection zum Druk befördern kann, die Feder lieber ganz weg – ehe ich mich, wenigstens für Heute, weiter anstrenge, sie im fruchtlosen Tadel, in unbenuzten Zurechtweisungen, abzustumpfen. – –

Als ich, Montags gegen Mittag, das für mein raisonirendes Journal seit vergangenem Donnerstage bereits Niedergeschriebene nochmals übersahe, und dann die theatralischen Ereigniße der nächsten Zukunft berechnete: so verfiel ich dadurch auf zwey wirklich embaraßante Reflectionen. Was, so fragte ich mich selbst, wird das Publikum von der Magerheit deines dermaligen Vortrag im 25. Stüke denken, und wie willst du den iezigen Bogen nothdürftig ausfüllen, da sich noch lauter Wiederholungen, für heute Abend das Donauweibchen, für Morgen ein Oratorium, und für Uebermorgen Bayard, zu Gegenständen deiner Beurtheilung darbieten? – Ich [181] gerieth dadurch in eine Verlegenheit, die ich bey meiner zeitherigen iournalistischen Schriftstellerey wahrhaftig noch nie erfahren hatte. Da trat ein Fußpostbothe in mein Stübchen, und überreichte mir einen, an mich nahmentlich adreßirten, Brief. Sein Inhalt half bald meiner ganzen Verlegenheit ab, denn er bezog sich unmittelbar auf das nemliche Geschäfte, daran ich eben arbeitete, deßen schikliche Vollendung mich bis dahin in unruhiges Nachdenken versezt hatte. Ich las ihn mehr als einmal durch, prüfte ihn strenge nach meinen Grundsäzen, fand ihn als wizige Erfindung geltend, konnte nichts Verfängliches in ihm entdeken und determinirte mich nach reifer Ueberlegung: ihn, so wie es der Absender verlangt, wörtlich in mein Journal einzurüken. Hier folgt er:

Mein Herr!

Seit dem Sie das raisonirende Journal über unser deutsches Theater schreiben, ist kein Bogen deßelben von mir ungelesen geblieben, und ich gestehe es Ihnen, daß ich mich für den Inhalt im iezigen Quartale, da Ihre Critiken mit den theatralischen Vorstellungen von einer Woche zur andern gleichen Schritt halten, weit mehr intereßire, als sonst; ia daß Sie eben dadurch mich, und mehrere meiner Freunde, [182] zum fleißigern Besuchen des deutschen Schauspielhauses wiederholt veranlaßen. Denn wenn man Ihre mehrentheils treffenden Urtheile über die und iene Vorstellung, Ihre belehrenden Winke, die Sie theils der Direction, theils denen Gesellschaftsmitgliedern, zur Veredlung des Ganzen, oder zur Verbeßerung einzelner unleugbarer Fehler, öfters geben, gelesen hat: so wird die öffentliche Aufmerksamkeit oder Neugierde gespannt, und man sucht im Schauspielhause sich zu überzeugen, wie weit guter Rath befolgt, oder superklug verachtet wird? Aber leider bewiesen die mehresten zeitherigen Erfahrungen den leztern Fall deutlicher und öfterer, als den erstern. Von dieser Wahrheit habe ich noch Gestern bey der Vorstellung vom Hamlet die ärgerlichsten Beweise gesammelt. Im 17ten Stük Ihres Journals hatten Sie, gewiß als denkender Kopf, sich in den Critiken über dieses Trauerspiel, vorzüglich aber über deßen hiesige Ausführung, und in deutlichsten Vorschriften zur Verbeßerung sämtlicher am 23. Januar d. J. vorgefallener Fehler erschöpft. Die Wenigsten der leztern wurden bey der nächsten Wiederholung am 25. Februar beachtet, und Sie striegelten dafür die Direction im 22ten Stüke, gegen Ihre sonstige sanfte Gewohnheit, aber wohl verdientermaßen – ziemlich derb. Ich freute mich damals über Ihren umgeänderten Ton herzlich, und rechnete [183] darauf, man würde von Seiten der Direction bey Hamlets künftigen Darstellung vernünftig nachgeben, und dadurch, daß man in selbiger ieden von Ihnen gerügten Fehler vermied, uns dieses erhabene Trauerspiel in ganzer Vollkommenheit zeigen. Lezteres konnte desto füglicher geschehen, da die Befolgung aller Ihrer critischen Anforderungen mit keiner Unmöglichkeit, nicht einmal mit kostspieligen Anstalten, verwikelt war. Hoch gespannt wurden daher meine Erwartungen, als ich erfuhr: daß den 22ten d. M. Hamlet abermals gegeben werde; aber eben so tief wurden sie schon im Voraus niedergedrükt, da mich der Anschlagezettel überzeugte: Madame Fiala trete fortdauernd als Königin hervor. Wie ich nun vollends Gestern Abend bey der wirklichen Vorstellung gewahrte, daß iede von Ihnen bereits getadelte Sottise neuerdings mit halsstarrigem Troze dem Publikum zum Anschauen hingeworfen wurde – daß abermals Madame Fiala im drolligsten Marionettenanzuge spielte; daß man sich nicht die kleine Mühe genommen hatte, den, an sich schon unschiklichen, Teppich im königlichen Courzimmer von der Mitte an auf beyde Seiten fest zurük zu binden; daß Mamsel Stegmann zum Hofkleide gerade die Farbe gewählt hatte, welche, wie Sie Seite 62. Ihres Journals sehr richtig bemerken, damals dem König und der [184] Königin von Dännemark die verhaßteste war; daß in der 4ten Scene des IV. Acts die caprizieuse Ophelie den Prinz Hamlet schlechterdings verhinderte, Shakespear’s Sinn zu befolgen, die veranstaltete Comödie zu ihren Füßen auf der Erde sizend, dem König gerade gegenüber, abzuwarten, und dadurch seine geheuchelte Tollheit zu äußern; daß in der nemlichen Scene der für Hamlet zur linken Hand der Königin bestimmte, und, da er ihn nicht einnehmen wollte, leerbleiben sollende Stuhl, ohne Ueberlegung von einem Hofdämchen besezt wurde; daß Herr Löhrs bey seinem Gebete seine ganze Stellung äußerst verkröpelte, und dadurch dem richtigen Spiele des Herrn Solbrig hinter ihm alle Täuschung raubte; daß Hamlets Geist mit beyden Armen wie ein Prediger auf der Kanzel gestikulirte; daß zur Zugabe neuer Unschiklichkeiten Madame Langerhans ihr Mienenspiel mehrmals von der Bühne weg in die Logen richtete; daß die um die sterbende Königin versammelten Hofdamen sich des ausbrechenden Lachens kaum enthalten konnten – da vergieng mit warrlich alle Geduld, und ich kam mehr als einmal in Versuchung, laut zu pfeifen. – Achtung gegen den braven Solbrig erfüllte mich aber bey dem Allen durch und durch; er folgte allenthalben treulich Ihrem Rathe, und that sich dadurch gewiß keinen Schaden; er tödete den [185] Oldenholm mit keinem seichten Hiebe, sondern, der von Ihnen so paßend vorgeschlagenen Quarte über den Arm eingedenk, mit einem männlichen Stoße; und stellte Gestern durchaus den Hamlet zu seinem fortdauernden ehrenvollen Andenken in Hamburg, zu seiner großen Empfehlung im Auslande, als denkender und practischer Künstler vollendet vollendet dar.

Sehr mißvergnügt gieng ich aus dem Theater nach Hause; – ich bekam noch Besuch von einigen Freunden, die auch drinne gewesen, und mit mir über die Darstellung vom Hamlet gleich gestimmt waren. Unsere sich entwikelnden Gespräche hatten die Lage, in welcher sich Hamburgs deutsches Schauspiel und Oper unter denen Behandlungen der iezigen Direction befinden, zum Gegenstand. Auch von Ihnen sprachen wir, tadelten Sie und Ihr schriftstellerisches Unternehmen im Einzeln, lobten aber Beyde im Ganzen, und wünschten einstimmig der Leztern Fortsezung, weil über das hiesige Theaterwesen noch nie so vollständig geschrieben worden ist, als Sie es seit einem halben Jahre gethan haben. Meine Freunde verließen mich erst gegen Mitternacht. Mit dem Nachdenken über die besprochenen Gegenstände gieng ich zu Bette, und baldiges Einschlafen verwikelte meine gespannte Phantasie in einen bis an frühen Morgen dauernden Traum. –

[186] Er versezte mich in ienes Conferenzzimmer, wo in den leztern drey Jahren so mancher Beschluß gefaßt wurde, über den Thalia für sich selbst trauert, und Hamburgs Publikum bemitleidet. – Da saßen die fünf gravitätischen Directeurs, zu wichtigen Berathschlagungen versammelt. Es kam bald unter ihnen zu eifrigen Debatten, von deren Inhalt ich mir das Wesentlichste so weit gemerkt habe, daß ich es in dialogisirter Form hier niederschreiben kann.

Herr Herzfeld. (Den Vortrag eröfnend.) Wir haben, dächte ich, die höchste Zeit, unsern Berufsgeschäften eine andere Wendung zu geben, wenn nicht in der Folge unsere Renomee, und Caße, merklich dabey verliehren sollen.

Herr Löhrs. Wie kommen Sie auf den hipochondrischen Einfall? – Ich will nicht hoffen, daß das Gescrible, das Raisoniren, das Analisiren über das hiesige Theaterwesen, und besonders über unsere Directionsverwaltung, welches seit einiger Zeit gewaltig, mehr als iemals, um sich greifet, den mindesten Eindruk auf sie macht, sie auf Ideen bringt, die gar nicht in unsern gemeinschaftlichen Krahm taugen.

Herr Stegmann (ironisch einfallend.) Was sollen wir unsern Berufsgeschäften für andere Wendungen geben? Die zeitherige ist uns Allen die zuträglichste. Gewohnheit ist bey unserm Publikum zur andern Natur, der regelmäßige Besuch des Theaters an gewißen Tagen zum Bedürfnis geworden. Wir sind im Poßeß und werden reich dabey, was wollen wir mehr? Mag doch die Critik ihr Wesen forttreiben, bis sie es selbst satt kriegt. Von ihrem schönsten Lobe, von der besten Renomee, können wir nicht leben. Drum wollen wir, meiner Meinung nach, unsern bis iezt gewählten Weg auch fernerhin ungestört verfolgen.

[187] Herr Herzfeld. Bey meinem erstern Antrage dachte ich an die öffentlichen Critiken, welche freylich iezt iede einzelne Vorstellung auf unserer Bühne in die Preße nehmen, gerade am wenigsten, desto ernsthafter an die großen Lüken, die in der nächsten Zeitfolge unser Personal bekommen wird, an die noch ungewißen Aussichten, welche wir zu ihrer baldigen und zureichenden Ergänzung vor uns haben, und an die wahre Unmöglichkeit, ohne leztere fernerhin nur die gangbarsten Schauspiele, geschweige denn Opern, zu besezen – Das Donauweibchen können wir doch nicht ieden Tag geben? –

Herr Eule. Ich fühle die Ueberzeugung, daß in dem, was Herr Herzfeld eben sagte, lauter gründliche Wahrheit liegt, und füge hinzu, daß allerdings die nächstbevorstehende Zerrüttung unsers Personals in ganz Deutschland Aufsehen erregen muß. Wenn man erfährt, daß Sieben der brauchbarsten Mitglieder unsere Gesellschaft in dem Zeitraume eines Monats verlaßen, daß Schröder, daß Haßlochs, es kaum ein Jahr Hier aushielten – so muß die Schuld davon Jedermann auf uns, und unsere Behandlungen gegen sie schieben, da kein Vernünftiger iene in den Mangel ihres hier und anderwärts bekannten Werths legen kann. Immer schüchterener werden daher auswärtige Künstlerinnen und Künstler unumgänglich werden, sich bey uns zu engagiren. Und daraus muß wahrscheinlich das erfolgen, worauf uns Hr. Herzfeld so eben aufmerksam machen wollte. Wir und unsere Familien können doch das Ganze unmöglich allein, besonders bey Besezung der weiblichen Haupt-Rollen, wo wir Nächstens völlig von fremder Hülfe verlaßen seyn werden, aufrecht erhalten.

Herr Langerhans. Ich pflichte denen Herren Herzfeld und Eule allenthalben nach überzeugtem Selbstgefühl bey, nur wünschte ich von Ersterm bestimmtere Vorschläge zu hören, wie wir den Schaden Josephs am geschwindesten heilen, was wir für wirksame Maaßregeln [188] zu unsern gemeinschaftlichem Besten für die nächste Zukunft nehmen sollen.

Herr Herzfeld. Mein Plan war längst im Stillen überdacht und entworfen, es wird mir leicht, das Hauptsächtlichste davon ihnen alsbald vorzutragen. Wir brauchen zur Erleichterung, Aufrechterhaltung, und ersprießlichen Fortsezung unserer Directionsgeschäfte einen mit Allen wißenschaftlichen und charakteristischen Eigenschaften zu diesem Berufe ausgerüsteten Regißeur. Mit unserer zeitherigen, wöchentlich abwechselnden Regie kommen wir, in Erweiß der Erfahrung, nicht zum Zwecke. Es gehen auf unserm Theater nur allzuoft Unschiklichkeiten vor, die denen öffentlichen Critiken allerdings Stoff genug zum Tadeln und Spötteln darbieten; dem Wöchner aber fehlt es nicht selten bey der Aufmerksamkeit, die er auf sich und seinen unmittelbaren Beruf, oder auf Beachtung der Oeconomie verwenden muß, an Zeit, und Lust, sich um ieden immediaten Theatervorgang hinreichend zu bekümmern. Ein von uns zu engagirender Regißeur, muß daher nach meinem Urtheile, und Vorschlage,

  • I. von aller eignen Concurrenz bey denen Darstellungen, als Schauspieler, ganz ausgeschloßen seyn;
  • II. sich in unsere merkantilischen Speculationen gar nicht einmischen, und daher über die uns allein vorzubehaltende Auswahl der täglichen Productionen nicht entscheiden; hingegen
  • III. die Rollenvertheilung in denen von uns gewählten Stüken cathegorisch bestimmen;
  • IV. Alles, was zum immediaten Kostum, und zum Theaterarrangement gehört ohne Widerspruch, selbst von unserer Seite, anordnen;
  • V. sich mit dem Einstudiren einzelner, von ihm ausgetheilter, Rollen, wo es nöthig ist, von Zeit zu Zeit befaßen, insbesondere

[189]

  • VI. die Ausbildung ieder Neulingin, und iedes Neulings, in der practischen Kunst, die iezt und künftig auf unserer Bühne arbeiten, sistematisch nach den Gesezen der Dramaturgie sich eyfrigst angelegen seyn laßen – denn daran hat es bisher durchaus gefehlt – Er muß endlich
  • VII. ohne den mindesten Aufschub eine Reise ins Ausland unternehmen, und auf selbiger so viel brauchbare Subiecte anwerben, als uns zur künftigen completen Besezung iedes einzelnen Rollenfaches unentbehrlich sind. – Zucharini hat uns iüngsthin belehrt, daß Engagements durch Correspondenz iede Erwartung täuschen können, und in unserm Falle dürfen wir uns auf solche desto weniger verlaßen, da wir so manche Subiecte bald, und auf einmal brauche.

Finden wir Nächstens einen Mann, der zu diesem wichtigen Beruf taugt, engagiren wir ihn an uns unter Bedingungen, bey denen er ehrlich bestehen kann, erfüllt er seine vorgeschriebenen Pflichten mit unverbrüchlicher Treue: so werfen wir künftig die lästigsten unserer Sorgen auf ihn; so befriedigen wir unfehlbar iede einzelne Claße des hiesigen Publikums genügeleistender, als zeither; so veredelt sich unser guter Ruf im Auslande; so legen wir der, mit Recht tadelnden, Critik Stilleschweigen auf; – und verliehren gewiß Nichts an unsern wirtschaftlichen Vortheilen, sichern uns vielmehr selbige auch für die Folge dauerhaft zu.

Herr Stegmann, und Herr Löhrs. (im nemlichen Augenblik) Ich bin Directeur, ich unterwerfe mich, und meine Familie, keiner Subordination!

Herr Eule. Ich bins auch – Herrn Herzfelds Plan sezt aber ausdrüklich voraus, daß der von uns etwa zu erwählende Regißeur ein sachkundiger, und charakteristisch guter Mann seyn soll; von einem solchen läßt sich nicht befürchten, daß er die ihm anvertraute Autorität wider uns, denen er immer untergeordnet bleibt, beeinträchtigend [190] mißbrauchen wird; und ich stimme daher ienem Vorschlage, wenn er nur bald ausführbar wäre, von ganzem Herzen bey.

Herr Langerhans. Wenn er nur bald ausführbar wäre! – Ja! da sizt eben die Schwierigkeit! Wollte uns Herr Herzfeld den Mann nennen, der alle von ihm vorausgesezte Qualitäten besizt, der Kraft und Willen genug hat, unsere Ansprüche an seinen künftigen Beruf insgesamt zu realisiren, deßen Engagement uns keinen übertriebenen Kostenaufwand verursacht: so würde auch ich vielleicht zur schleunigen Ausführung des Herzfeldischen Plans meine Stimme geben.

Schon bewegten sich Herrn Herzfelds Lippen, um einen Nahmen zu nennen, den meine träumende Seele sich dachte, und wünschte – da wurde Herr Langerhans abgerufen, schleunigst nach Hause zu kommen. Kaum hatte er sich entfernt, so erneuerten sich die Debatten unter denen vier Zurükgebliebenen; die Stimmen waren zwischen pro und contra gleich getheilt; es konnte Nichts per Maiora entschieden werden. Nach einer kleinen Weile trat Madame Langerhans ins Conferenzzimmer, entschuldigte das Außenbleiben ihres Gatten mit unaufschieblichen Geschäften, erklärte aber in seinen Nahmen: daß er, nach reiflicherem Ueberlegen, in Hinsicht auf den vom Herrn Herzfeld vorgetragenen Plan, sein Votum zur unveränderten Beybehaltung zeitheriger Observanz, bey Führung unserer Theater-Direction, anbey durch sie abgeben laße. Kaum hatte Madame Langerhans ausgesprochen: so ruften Herr Löhrs, und Herr Stegman, in einem Athem: Dabey hat es, auch nach unseren [191] Willen, sein Bewenden! Es bleibt Alles beym Alten. Herr Eule, und Herr Herzfeld sahen sich überstimmt; die Conferenz gieng aus einander; ich erwachte voll Verdruß über meine fehlgeschlagenen Hoffnungen, sezte mich, zum großen Verwundern meines Weibchen (ich bin erst seit drey Monaten verheyrathet) das von meinem raschen Aufstehen auch munter geworden war, ans Pult, und schrieb Ihnen, was Sie im Anschluße mit der Fußbothen-Post gegen Mittag erhalten werden. – Sehen Sie es, als committirtes Gut an, von dem Sie keinen andern als beabsichtigten Gebrauch machen, das heißt, Alles, was ich Ihnen iezt schreibe, unverändert ins 25te Stük Ihres Theateriournals einrüken laßen, sonst aber, wenn Sie Bedenken dabey finden, seinen Inhalt keinem Menschen-Auge vor- oder nachher zeigen dürfen. Mein Vorsaz bleibt unwiederruflich; ich will meinen seltsamen Traum durch eine unserer iezigen dramatischen Flugschriften öffentlich bekannt machen. – Finde ich daher diesen Brief in Ihren Freytags-Bogen nicht eingerükt: so hohle ich ihn den Sonnabend Mittags um 12 Uhr aus Ihren Händen selbst wiederum ab, und laße mich prellen, wenn mein eigentlicher Traum nicht über 8 Tage im 13. Stüke der Annalen publicirt wird. Auch auf den Fall, wenn sie diesem Briefe den von mir erbetenen Plaz wirklich im rais. Journale anweisen, verlange ich ausdrüklich [192] von Ihrer Rechtschaffenheit, daß Sie mein Original nicht zur Drukerey geben, sondern in Ihr Manuscript einschreiben, unmittelbar darnach aber verbrennen. Denn, noch einmal erinnere ich Sie daran, Was Sie von mir iezt erhalten ist fremdes, Ihnen nur zu bestimmten Gebrauche, und unter gewißen Bedingungen, anvertrautes Gut. –

Ueberzeugen Sie sich übrigens von meiner aufrichtigsten Achtung, und ich nenne mich

Ihren     
Ergebensten,     
Kunstkenner, und Comp.     
Hamburg, den 23. März
1801.

Herr Kunstkenner hat mir durch seinen launigten Einfall, in dem gewiß viel Wahres nichts Arges liegt, einen großen Dienst erwiesen. Mein heutiger Bogen ist ausgefüllt, und ich behalte noch die leztern fünf Productionen auf unserm deutschen Theater vom 23. bis zum 28. d. Mon. übrig, um aus ihrer planmäßigen Beurtheilung Stoff genug für mein 26tes Stük, welches das zweyte Quartal rund abschließen muß, zu sammeln.


Vom Sonntage an in künftiger Woche bleibt das deutsche Theater geschloßen.

Im vorigen Bogen lese man

Seite 163 Zeile 8. v. oben, statt Babo: Cords.

[193]
Raisonirendes
Journal
vom
deutschen Theater zu Hamburg.

Sechsundzwanzigtes Stük.

Dienstags, den 31. März 1801.

Montags, den 23. März, wurde das Donauweibchen zum dreyzehntenmale aufgeführt. Das heutige Publikum schien nicht sonderlich davon erbaut zu seyn.

Dienstags, den 24. März, producirten Herr und Madame Haßloch Hayd’ns Oratorium: die Schöpfung, in drey Abtheilungen, zu ihrem Benefize. Es war mit 48 Instrumenten und mit 23 Singestimmen besezt, und wurde desto eclatanter im Erfolge durchgeführt, da Leztere mit Erstern um die pünktlichste Befolgung deßen, was der große Meister in der Composition vorgeschrieben hat, wetteyferten. Herr Fischer, der beliebte Virtuose aus Berlin, unterstüzte die zweyte Abtheilung mit seinem, Heute so wie immer zum allgemeinen Beyfall hinreißenden, Gesange, besonders in einem Recitative, und in einer Arie. – [194] Er verschönerte dadurch das Ganze. Madame Haßloch und ihr Gatte, erreichten im eignen Vortrage die Gränzen der Singekunst – Bewundert, beklatscht, wurden sie dafür verdientermaßen einstimmig. Sehr schmeichelhaft mußte es Beyden seyn, daß man die specielle Zufriedenheit des Herrn Fischer mit ihren vortrefflichen Productionen, während welcher er zwischen ihnen im Orchester saß, in ieder seiner Aeußerungen anschaulich bemerken konnte. Ein vollständig beseztes Haus und die Approbation des Publikum belohnten übrigens die Unternehmer dankbar für Aufwand und Mühe.

Mittewochs, den 25. März, erfolgte eine Wiederholung des Bayard, welche von denen darinne Handelnden, insbesondere von Madame Haßloch, und Herrn Herzfeld, zur höchsten Wohlgefälligkeit befördert wurde. Madame Langerhans erfüllte Heute in der 2. Scene des V. Act die unleugbaren Vorschriften der gesunden Vernunft, und ihrer Rolle – sie stellte sich als Leiche dar. Madame Hönike trat wiederum als Constantia auf.

Donnerstags, den 26. März, gab man abermals das Donauweibchen, zu deßen Besuch sich die erwartete Volksmenge Heute eben nicht, wie sonst, gedrängt hatte. –

Von Heute an verläßt Herr Schröder, nach geendigtem einiährigen Engagement, unsere deutsche [195] Bühne. – Er schaffte sich auf selbiger vielen Beyfall. Dieser, und gute Wünsche, daß es ihm immer wohl gehe! folgen ihm zu seiner künftigen Bestimmung.

Freytags, den 27. März, wurde ein von Schröder nach englischem Model für deutsche Bühnen organisirtes Lustspiel in vier Aufzügen; Stille Wasser sind tief, zum Anfange aufgeführt. Sein Inhalt ist längst bekannt. Ueber seinen Werth zuke ich die Achseln.

Besezt waren darinne die Rollen der Baronin von Holmbach mit Madame Haßloch; des Baron von Friedhelm mit Herrn Löhrs; des, zum Cammermädchen verkleideten, Fräulein von Wiburg mit Mamsel Stegmann, der iüngern; des Hauptmann von Honnfeld mit Herrn Solbrig; des Baron von Wiburg mit Herrn Herzfeld; des Cammeriunker von Dornhelm mit Herrn Wohlbrük; des von Rehburg mit Herrn Costenoble; des reducirten Leutnant Wallen mit Herrn Steiger; der Antonette mit Madame Löhrs; einer alten Frau mit Madame Gollmik, des Cammerdiener mit Herrn Zahrt, des Bedienten mit Herrn Nätsch.

Ueber die Ausführung schränke ich mich auf folgende Raisonements ein:

Zweydeutige Charactere gelingen Madame Haßloch in der Ausführung bey weiten nicht so, als die, in welche Seelengröße, und Herzensgüte, verwebt sind.

Herr Herzfeld stufte den geheuchelten Blödsinn mit männlicher Entschloßenheit durchaus, nach Vorschrift der Rolle, richtig ab.

[196] Des Herrn Solbrig dramatische Laufbahn in Hamburg endigte Heute. Seine mehresten Productionen während selbiger haben unläugbar bewiesen, daß unsere deutsche Bühne an ihm viel verliehrt, daß sein Engagement dem Königl. ständischen Theater zu Prag schäzbar seyn wird.

Herr Costenoble empfiehlt sich fortdauernd durch die Feinheit seines Vortrag im comischen Fache.

Herr Steiger, und Madame Löhrs, würzten ihr heutiges Spiel sehr expreßiv mit iovialischer Laune.

Herr Zahrt legte in die Darstellung eines Cammerdiener zu viel Figürlichkeit.

An allen übrigen Rollen, denen eigenthümliches Gewicht mangelt, wurde wenigstens nichts Wesentliches verabsäumet.

Eine zweyte Vorstellung füllten Heute auch noch die beyden Billets aus, welche besonders Herr Eule, als Dorfbalbier Schnaps, mit vielem Spaße aufzustuzen sich bemühte.

Sonnabends, den 28. März, gab Herr Petersen der ältere, ein hiesiger Tonkünstler, im deutschen Schauspielhause Concert.

Dabey wurden in der ersten Abtheilung eine Sinfonie, in der zweyten die Ouverture aus Figaro, beyde von Mozarts Composition, sehr gut, besonders ohne Uebertreibung des Tempo, executirt. Herr Petersen bließ zwey Flötenconcerte, eins von Müller, das andere von Devienne, mit viel Geschmake, mit sich auszeichnender Fertigkeit, und in durchaus egalisirtem Tone. Die Composition des erstern hatte den meisten innern Werth, die des zweyten desto mehr [197] Gefälligkeit. Mamsel Grund sang eine Arie von Righini mit voller Stimme, dann eine Cavatine von Cimarosa scherzend, und höchst angenehm. Erstere wurde gar nicht gut accompagnirt. Herr Hartmann bließ ein Westerhoffisches Clarinetconcert, mit großer Fertigkeit, und im tonkünstlichsten Ausdruke. Er verdiente dafür mehrere Beyfallsbezeugungen, als die wirklich erhaltenen. Herr Eloy trug ein Violinconcert von Viotto sehr rasch vor, nur verleitete ihn manchmal sein Kunstfeuer zu einer Härte und Rauheit im Spiele, die feinern Kennern nicht angenehm seyn konnte.


Ueber sämtliche Ereigniße auf Hamburgs deutschem Theater in denen leztverfloßenen drey Monaten hätte ich, als raisonirender Journalist, nunmehr rund, und planmäßig, abgesprochen, denn ienes bleibt, bey eintretendem Osterfeste, bis zum 6. April geschloßen.

Man hat zeither mich verschiedentlich aufgefordert, diesem Journale ein Register zum Nachschlagen einzelner Stellen seines Inhalt beyzufügen. Auch dieses Verlangen will ich erfüllen, und auf die viele Mühe, die es mich kostet, keine abschrekende Rüksicht nehmen. Ich kann aber einmal nichts Unvollkommenes zur Publicität befördern, drum soll auch mein Register iedem Leser eine zusammengedrängte Uebersicht aller Vorgänge im deutschen Schauspielhause von dem Tage an, da ich zu raisoniren anfieng, bis zum 28. dieses Monat zusichern, und zugleich iede Künstlerin, ieden Künstler, die in ienem binnen deßen arbeiteten, an ihre individuellen Ausübungen in denen leztverfloßenen sechs Monaten zurükerinnern. Dadurch [198] wird hoffentlich selbst mein Register Intereße gewinnen, und Nuzen verschaffen. – Den Anfang dieses, aus IV Hauptabtheilungen bestehenden, Register liefre ich im heutigen Bogen, bis er gefüllt ist, zur vorläufigen Beurtheilung; da er aber das Ganze in seinen Raum unmöglich faßen kann: so behalte ich mir Fortsezung und Schluß davon in einem besondern vor, der mit dem ersten Stüke des neuen Quartal, unter suspendirtem Abonnement, ausgegeben werden soll. Das lesende Publikum wird sich den extraordinären Aufwand von 3 ßl. dafür billig gefallen laßen, weil besonderer Verlag auch auf mich dabey zurükfällt.

Da die theatralischen Vorstellungen den 6. April anderweit anfangen: so tritt auch das raisonirende Journal den 17. zum erstenmale wieder hervor. Denn für die nächste Woche fehlt es mir theils am zureichenden Stoffe, theils werde ich auch in selbiger, derer Feyertage halber, von der Drukerey nicht genügeleistend gefördert. Bis dahin empfehle ich mich zu gütigem Andenken – und fortdauernd zur thätigen Unterstüzung! – –


Vorstellungen in künftiger Woche auf drey Tage, da für mehrere Directionswegen noch keine bestimmt sind.

April 1801.

Montags, den 6ten: Der Wildfang, und der Huth.

Dienstags, den 7ten: Das Donauweibchen.

Mittewochs, den 8ten: Die Verläumder.


Fußnoten

[Bearbeiten]
  1. Zur Erdeutlichung dieser Stelle bitte ich ieden Vernünftigen, und Rechtschaffenen, des hamburgischen Briefträger erster Bogen von d. J. Seite 9 nachzulesen.
  2. In der mehrangezogenen Voßischen Edition vom deutsch übersezten Hamlet ist es die 14te.
  3. in der Voßischen Edition etc. – die 18te.
  4. in der Voßischen Edition etc. die 10te des VI. Acts.
  5. Nach dem Inhalt der ersten Fortsezung von denen beyden Billets.
  6. Ich bitte, das 15te Stük d. Journ. Seite 26. nachzulesen.
  7. Warum nicht, nach Großmanns Vorschrift, Cammerherr?
  8. Ich berufe mich bey dieser Benennung nicht auf die hiesigen Anschlagezettels – sondern auf die zu Leipzig im Jahr 1800 gedrukte Ausgabe vom Schreibepulte.
  9. Nach der schon angezogenen Augsburger Edition vom Trauersp. K. d. Th. ist es die 1te im I. Act.
  10. Ich bitte den Anhang zum 1ten Quartal d. Journ. Seite 15 und 16 nachzulesen.
  11. Man lese, zur Erdeutlichung obiger Stelle, im 16ten Stük d. Jour. Seite 41. gefälligst nach! –
  12. Ich bitte, das 1. Quartal von diesen Journal Seite 140 nachzuschlagen!