Raphael an Julius

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Textdaten
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Autor: Christian Gottfried Körner
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Titel: Raphael an Julius
Untertitel:
aus: Thalia - Zweiter Band,
Heft 7 (1789), S. 110–120
Herausgeber: Friedrich Schiller
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1789
Verlag: G. J. Göschen’sche Verlagsbuchhandlung
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: UB Bielefeld = Commons
Kurzbeschreibung:
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[110]
III.

Raphael an Julius.

Fortsetzung der philosophischen Briefe.

(Siehe das dritte Heft der Thalia.)




Das wäre nun freilich schlimm, wenn es kein andres Mittel gäbe, Dich zu beruhigen, Julius, als den Glauben an die Erstlinge Deines Nachdenkens bei Dir wieder herzustellen. Ich habe diese Ideen, die ich bei Dir aufkeimen sah, mit innigem Vergnügen in Deinen Papieren wiedergefunden. Sie sind einer Seele, wie die Deinige, werth, aber hier konntest und durftest Du nicht stehen bleiben. Es gibt Freuden für jedes Alter, und Genüsse für jede Stufe der Geister.

Schwer mußte es Dir wohl werden, Dich von einem Systeme zu trennen, das so ganz für die Bedürfnisse Deines Herzens geschaffen war. Kein andres, [111] ich wette darauf, wird je wieder so tiefe Wurzeln bei Dir schlagen, und vielleicht dürftest Du nur ganz Dir selbst überlassen seyn, um früher oder später mit Deinen Lieblingsideen wieder ausgesöhnt zu werden. Die Schwächen der entgegengesezten Systeme würdest Du bald bemerken, und alsdann bei gleicher Unerweislichkeit das wünschenswertheste vorziehen, oder vielleicht neue Beweisgründe auffinden, um wenigstens das Wesentliche davon zu retten, wenn Du auch einige gewagtere Behauptungen Preis geben müßtest.

Aber dieß alles ist nicht in meinem Plan. Du sollst zu einer höhern Freiheit des Geistes gelangen, wo Du solcher Behelfe nicht mehr bedarfst. Freilich ist dieß nicht das Werk eines Augenblicks. Das gewöhnliche Ziel der frühesten Bildung ist Unterjochung des Geistes, und von allen Erziehungskunststücken gelingt dieß fast immer am ersten. Selbst Du bei aller Elasticität Deines Charakters schienst zu einer willigen Unterwerfung unter die Herrschaft der Meinungen vor tausend andern bestimmt, und dieser Zustand der Unmündigkeit konnte bei Dir desto länger dauren, je weniger Du das Drückende [112] davon fühltest. Kopf und Herz stehen bei Dir in der engsten Verbindung. Die Lehre wurde Dir werth durch den Lehrer. Bald gelang es Dir, eine interessante Seite daran zu entdecken, sie nach den Bedürfnissen Deines Herzens zu veredeln, und über die Punkte, die Dir auffallen mußten, Dich durch Resignation zu beruhigen. Angriffe gegen solche Meinungen verachtetest Du, als bübische Rache einer Sklavenseele an der Ruthe ihres Zuchtmeisters. Du prangtest mit Deinen Fesseln, die Du aus freier Wahl zu tragen glaubtest.

So fand ich Dich, und es war mir ein trauriger Anblick, wie Du so oft mitten im Genuß Deines blühendsten Lebens, und in Aeußerung Deiner edelsten Kräfte durch ängstliche Rücksichten gehemmt wurdest. Die Consequenz, mit der Du nach Deinen Ueberzeugungen handeltest, sind die Stärke der Seele, die Dir jedes Opfer erleichterte, waren doppelte Beschränkungen Deiner Thätigkeit und Deiner Freuden. Damals beschloß ich jene stümperhaften Bemühungen zu vereiteln, wodurch man einen Geist, wie den Deinigen, in die Form alltäglicher Köpfe zu zwingen gesucht hatte. Alles kam darauf an, Dich auf den [113] Werth des Selbstdenkens aufmerksam zu machen, und Dir Zutrauen zu Deinen eignen Kräften einzuflößen. Der Erfolg Deiner ersten Versuche begünstigte meine Absicht. Deine Phantasie war freilich mehr dabei beschäftigt, als Dein Scharfsinn. Ihre Ahndungen ersezten Dir schneller dein Verlust Deiner theuersten Ueberzeugungen, als Du es vom Schneckengange der kaltblütigen Forschung, die vom Bekannten zum Unbekannten stufenweise fortschreitet, erwarten konntest. Aber eben dieß begeisternde System gab Dir den ersten Genuß in diesem neuen Felde von Thätigkeit, und ich hütete mich sehr, einen willkommenen Enthusiasmus zu stören, der die Entwickelung Deiner treflichsten Anlagen beförderte. Jezt hat sich die Scene geändert. Die Rückkehr unter die Vormundschaft Deiner Kindheit ist auf immer versperrt. Dein Weg geht vorwärts, und Du bedarfst keiner Schonung mehr.

Daß ein System wie das Deinige die Probe einer strengen Kritik nicht aushalten konnte, darf Dich nicht befremden. Alle Versuche dieser Art, die dem Deinigen an Kühnheit und Weite des Umfangs gleichen, hatten kein andres Schicksal. Auch war nichts [114] natürlicher, als daß Deine philosophische Laufbahn bei Dir im Einzelnen eben so begann, als bei dem Menschengeschlechte im Ganzen. Der erste Gegenstand, an dem sich der menschliche Forschungsgeist versuchte, war von jeher – das Universum. Hypothesen über den Ursprung des Weltalls und den Zusammenhang seiner Theile hatten Jahrhunderte lang die größten Denker beschäftigt, als Sokrates die Philosophie seiner Zeiten vom Himmel zur Erde herabrief. Aber die Gränzen der Lebensweisheit waren für die stolze Wißbegierde seiner Nachfolger zu enge. Neue Systeme entstanden aus den Trümmern der alten. Der Scharfsinn späterer Zeitalter durchstreifte das unermeßliche Feld möglicher Antworten auf jene immer von neuem sich aufdringenden Fragen über das geheimnißvolle Innere der Natur, das durch keine menschliche Erfahrung enthüllt werden konnte. Einigen gelang es sogar, den Resultaten ihres Nachdenkens einen Anstrich von Bestimmtheit, Vollständigkeit und Evidenz zu geben. Es gibt mancherlei Taschenspielerkünste, wodurch die eitle Vernunft der Beschämung zu entgehen sucht, in Erweiterung ihrer Kenntnisse die Gränzen der menschlichen Natur nicht überschreiten [115] zu können. Bald glaubt man neue Wahrheiten entdeckt zu haben, wenn man einen Begriff in die einzelnen Bestandtheile zerlegt, aus denen er erst willkührlich zusammengesezt war. Bald dient eine unmerkliche Voraussetzung zur Grundlage einer Kette von Schlüssen, deren Lücken man schlau zu verbergen weiß, und die erschlichenen Folgerungen werden als hohe Weisheit angestaunt. Bald häuft man einseitige Erfahrungen, um eine Hypothese zu begründen, und veschweigt die entgegengesezten Phänomene, oder man verwechselt die Bedeutung der Worte nach den Bedürfnissen der Schlußfolge. Und dieß sind nicht etwa bloß Kunstgriffe für den philosophischen Charlatan, um sein Publikum zu täuschen. Auch der redlichste, unbefangenste Forscher gebraucht oft, ohne es sich bewußt zu seyn, ähnliche Mittel, um seinen Durst nach Kenntnissen zu stillen, sobald er einmal aus der Sphäre heraustritt, in welcher allein seine Vernunft sich mit Recht des Erfolgs ihrer Thätigkeit freuen kann.

Nach dem, was du ehemals von mir gehört hast, Julius, müssen Dich diese Aeußerungen nicht wenig überraschen. Und gleichwohl sind sie nicht das Produkt [116] einer zweifelsüchtigen Laune. Ich kann Dir Rechenschaft von den Gründen geben, worauf sie beruhen, aber hierzu müßte ich freilich eine etwas trockne Untersuchung über die Natur der menschlichen Erkenntniß vorausschicken, die ich lieber auf eine Zeit verspare, da sie für Dich ein Bedürfniß seyn wird. Noch bist du nicht in derjenigen Stimmung, wo die demüthigenden Wahrheiten von den Gränzen des menschlichen Wissens Dir interessant werden können. Mache zuerst einen Versuch an dem Systeme, welches bei Dir das Deinige verdrängte. Prüfe es mit gleicher Unpartheilichkeit und Strenge. Verfahre eben so mit andern Lehrgebäuden, die Dir neuerlich bekannt worden sind; und wenn keines von allen Deine Forderungen vollkommen befriedigt, dann wird sich Dir die Frage aufdringen: ob diese Forderungen auch wirklich gerecht waren?

„Ein leidiger Trost, wirst Du sagen. Resignation ist also meine ganze Aussicht nach so viel glänzenden Hofnungen? War es da wohl der Mühe werth, mich zum vollen Gebrauche meiner Vernunft aufzufordern, um ihm gerade da Gränzen zu setzen, wo er mir am fruchtbarsten zu werden anfieng? Mußte ich [117] einen höhern Genuß nur deswegen kennen lernen, um das Peinliche meiner Beschränkung doppelt zu fühlen?“

Und doch ist es eben dieß niederschlagende Gefühl, was ich bei Dir so gern unterdrücken möchte. Alles zu entfernen, was Dich im vollen Genuß Deines Daseins hindert, den Keim jeder höhren Begeisterung – das Bewußtsein des Adels Deiner Seele – in Dir zu beleben, dieß ist mein Zweck. Du bist aus dem Schlummer erwacht, in den Dich die Knechtschaft unter fremden Meinungen wieget. Aber das Maaß von Größe, wozu Du bestimmt bist, würdest Du nie erfüllen, wenn Du im Streben nach einem unerreichbaren Ziele Deine Kräfte verschwendetest. Bis jetzt mochte dieß hingehen, und war auch eine natürliche Folge Deiner neuerworbenen Freiheit. Die Ideen, welche Dich vorher am meisten beschäftigt hatten, mußten nothwendig der Thätigkeit Deines Geistes die erste Richtung geben. Ob dieß unter allen möglichen die fruchtbarste sei, würden Dich Deine eignen Erfahrungen früher oder später belehrt haben. Mein Geschäft war bloß, diesen Zeitpunkt, wo möglich, zu beschleunigen.

[118] Es ist ein gewöhnliches Vorurtheil, die Größe des Menschen nach dem Stoffe zu schätzen, womit er sich beschäftigt, nicht nach der Art, wie er ihn bearbeitet. Aber ein höheres Wesen ehrt gewiß das Gepräge der Vollendung auch in der kleinsten Sphäre, wenn es dagegen auf die eitlen Versuche, mit Insektenblicken das Weltall zu überschauen, mitleidig herabsieht. Unter allen Ideen, die in Deinem Aufsatze enthalten sind, kann ich Dir daher am wenigsten den Satz einräumen, daß es die höchste Bestimmung des Menschen sei, den Geist des Weltschöpfers in seinem Kunstwerke zu ahnden. Zwar weiß auch ich für die Thätigkeit des vollkommensten Wesens kein erhabeneres Bild als die Kunst. Aber eine wichtige Verschiedenheit scheinst Du übersehen zu haben. Das Universum ist kein reiner Abdruck eines Ideals, wie das vollendete Werk eines menschlichen Künstlers. Dieser herrscht despotisch über den todten Stoff, den er zu Versinnlichung seiner Ideen gebraucht. Aber in dem göttlichen Kunstwerke ist der eigenthümliche Werth jedes seiner Bestandtheile geschont, und dieser anhaltende Blick, dessen er jedem Keime von Energie auch in dem kleinsten Geschöpfe [119] würdigt, verherrlicht den Meister eben so sehr, als die Harmonie des unermeßlichen Ganzen. Leben und Freiheit im größten möglichen Umfange ist das Gepräge der göttlichen Schöpfung. Sie ist nie erhabener, als da, wo ihr Ideal am meisten verfehlt zu seyn scheint. Aber eben diese höhere Vollkommenheit kann in unsrer jetzigen Beschränkung von uns nicht gefaßt werden. Wir übersehen einen zu kleinen Theil des Weltalls, und die Auflösung der größern Menge von Mißtönen ist unserm Ohre unerreichbar. Jede Stufe, die wir auf der Leiter der Wesen emporsteigen, wird uns für diesen Kunstgenuß empfänglicher machen, aber auch alsdann hat er gewiß seinen Werth nur als Mittel, nur insofern er uns zu ähnlicher Thätigkeit begeistert. Träges Anstaunen fremder Größe kann nie ein höheres Verdienst seyn. Dem edleren Menschen fehlt es weder an Stoffe zur Wirksamkeit noch an Kräften, um selbst in seiner Sphäre Schöpfer zu seyn. Und dieser Beruf ist auch der Deinige, Julius. Hast Du ihn einmal erkannt, so wird es Dir nie wieder einfallen, über die Schranken zu klagen, die Deine Wißbegierde nicht überschreiten kann.

[120] Und dieß ist der Zeitpunkt, den ich erwarte, um Dich vollkommen mit mir ausgesöhnt zu sehen. Erst muß Dir der Umfang Deiner Kräfte völlig bekannt werden, ehe Du den Werth ihrer freiesten Aeußerung schätzen kannst. Bis dahin zürne immer mit mir, nur verzweifle nicht an Dir selbst.

(wird fortgesetzt.)
K.