Rettung Ertrinkender und Wiederbelebung Scheintodter

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Autor: Carl Falkenhorst
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Titel: Rettung Ertrinkender und Wiederbelebung Scheintodter
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 37, S. 621-624
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1889
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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[621]
Rettung Ertrinkender und Wiederbelebung Scheintodter.
Von C. Falkenhorst.

Ein sonderbarer Anblick bot sich mir, als ich an einem kalten und stürmischen Januartage in die große Wohnstube meines Freundes, eines pensionirten Hauptmanns, trat. Ich sah seine beiden Buben mit dem Bauch auf zwei Küchenbänken liegen und Arme und Beine bewegen.

„Was für eine Hausgymnastik treibt Ihr denn?“ fragte ich lachend.

„Wir lernen schwimmen!“ rief der eine der Jungen und setzte die Bewegungen fort.

„Hausgymnastik!“ erwiderte auch der Vater. „Es würde nur nützlich sein, wenn man in die Lehrbücher der Hausgymnastik neben vielen anderen Uebungen auch die Schwimmbewegungen aufnehmen wollte.“

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Fig. 1.

Ich lachte nicht mehr. Die Sache war ja ganz ernst. In der That ist es möglich und sogar leicht, mit dem Bauch auf einer Bank liegend, die wenigen Bewegungen einzuüben, welche nothwendig sind, um sich im Wasser oben zu halten und vorwärts zu bringen. In vielen Schulen sind diese Uebungen in den Turnplan aufgenommen, und es wäre nur zu wünschen, daß sie alljährlich in jeder Schule mit jedem Kinde vorgenommen würden.

Am Abend desselben Tages saß ich an unserm Stammtisch. Männer aus verschiedenen Berufsständen saßen mit mir zusammen, und ich erzählte ihnen, wie die Knaben meines Freundes in der Luft schwimmen. Wir sprachen natürlich vom Ertrinken und von der Rettung Ertrinkender sowie der Wiederbelebung aus dem Wasser herausgezogener scheintodter Personen. Da die meisten Stammgäste über den wunderlichen Hauptmann gelacht hatten, so wollte ich jetzt sehen, wie diese Herren sich verhalten würden, wenn sie selbst einen Menschen zu retten hätten. Die Griffe, mit denen man den Ertrinkenden beim Haupthaar fassen sollte, wurden sehr deutlich, namentlich von den Schwimmern vorgemacht; mit der Wiederbelebung war es schwieriger; von der künstlichen Athmung hatte zwar jeder etwas gehört, aber von den Griffen, die dabei ausgeführt werden müssen, hatte keiner eine klare Vorstellung, und die Mehrzahl meinte, solche Eingriffe müßte man dem Arzte überlassen und sich damit begnügen, den Verunglückten auf den Kopf zu stellen, damit das Wasser aus ihm herausfließe. – Ich hatte genug und ich wußte genau, daß, wenn dieses Dutzend Herren eine Gondelpartie unternehmen würde und einer von ihnen verunglückt und scheintodt aus dem Wasser gezogen wäre, ihn kein einziger von seinen Freunden würde retten können.

Was mich aber bei dieser Wahrnehmung am meisten befremdete, war der Umstand, daß die Herren eine bequeme Gelegenheit, sich die nöthigen Kenntnisse über die erste Hilfe bei Unglücksfällen zu erwerben, ungenützt ließest, denn es bestand ein Samariterverein in unserer Stadt, der sich die Verbreitung solcher Kenntnisse zur besonderen Aufgabe gemacht hatte. Es ist in der That bedauernswerth, daß unsere vortrefflichen Samariterschulen nicht stärker besucht werden, und ich glaube, daran ist der Umstand schuld, daß viele meinen, in diesen werde man zu einer Art männlicher barmherziger Schwester, zu einem Krankenpfleger erzogen.

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Fig. 2.

Trotz des großen Ansehens, welches der Samariterverein erlangt hat, begegnet man oft genug derartigen Ansichten. Der Verein selbst ist eifrig bestrebt, das Publikum mehr und mehr an sich heranzuiehen. Die „Deutsche Allgemeine Ausstellung für Unfallverhütung“ ist von ihm gleichfalls beschickt worden, und unter anderen für die erste Hilfe bei Verletzungen und Unglücksfällen bestimmten Gegenständen sehen wir auch die großen auf Blech gedruckten Tafeln, welche die erste Hilfe bei anscheinend Ertrunkenen veranschaulichen. Auf Anregung des Vereins sind solche Tafeln in zahllosen Badeanstalten und Hafenstädten aufgestellt worden, wie auch der Verein an den deutschen Seeküsten entsprechende Vorträge halten läßt. Auf dieser Ausstellung begegnen wir auch anderweitigen verwandten Bestrebungen, unter denen die mit Rettungsgeräthen versehenen Standtafeln des „Vereins zur Rettung Schiffbrüchiger“ erwähnt zu werden verdienen, die in den Seebädern eingeführt sind. Mit Freude kann man hier wahrnehmen, daß nach dieser Richtung hin bereits sehr viel geschehen ist, aber man würde irren, wenn man meinte, dieses viel sei bereits genug. Nicht jeder ist in der Lage, auf Ausstellungen Belehrung zu schöpfen, und die zahlreichen Unglücksfälle, die tagtäglich gemeldet werden, beweisen, daß diese Belehrung dringend nöthig ist. – Es erscheint darum noch immer angemessen, in der Presse darauf hinzuwweisen, was in den Samariterschulen gelehrt wird, und ich will im Nachfolgenden versuchen, in großen Umrissen das wiederzugeben, was der Samariter über die erste Hilfe beim Ertrinken lernt, indem ich meiner Mittheilung den bezüglichen Vortrag aus dem Leitfaden für Samariterschulen „Die erste Hilfe bei plötzlichen Unglücksfällen“ zu Grunde lege. –

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Fig. 3.

Was thut ein Mensch, der nicht schwimmen kann, wenn er ins Wasser fällt? Er wird in der Regel verwirrt, verliert den Kopf, streckt die Hände empor und macht die unzweckmäßigsten Bewegungen. Dadurch wird es oft außerordentlich schwierig, gefährlich oder ganz umnöglich, solche Leute vor desn Ertrinken zu retten; meist klammern sie sich krampfhaft an Schwimmer, die ihnen zu Hilfe kommen wollen, und verhindern dieselben dadurch, sie über Wasser zu halten und in Sicherheit zu bringen. Das Bewußtsein, schwimmen zu können, verleiht Ruhe und Kaltblütigkeit denen, die ins Wasser fallen, während Leute, die nicht schwimmen können, von dem Bewußtsein durchdrungen sind, daß sie sich selbst nicht retten können und darum verloren sind, wenn nicht sofort Hilfe naht. Dieses Gefühl ist die Ursache der Verzweiflung und Verwirrung.

Es sollten darum alle, die nicht schwimmen können, wissen, daß sie bei richtigem Benehmen sich über dem Wasser erhalten und sich retten können. In ihrem eigenen Interesse sollten sie [622] sich die beifolgenden drei Abbildungen tief einprägen: Die erste Stellung, die unsere Fig. 1. wiedergiebt, ist die fehlerhafte, die Stellung, in welcher der Mensch ertrinkt, und sie ist leider diejenige, welche der Unkundige in der Regel einnimmt, denn er streckt die Arme empor, wenn er nach Hilfe ruft.

Die zweite Stellung (vgl. Fig. 2) ist günstig, denn in dieser ragt der Kopf ein wenig aus dem Wasser hervor; er ist hintenüber gebeugt und hält dadurch Nase und Mund zum Athmen frei.

Wir sehen daraus, daß es für den Nichtschwimmer als Hauptregel gelten muß, die Arme nicht aus dem Wasser zu erheben. Nach dem Naturgesetz erklärt sich der Vorgang auf den beiden Abbildungen dadurch, daß der menschliche Körper ein wenig leichter ist als eine gleich große Menge Wasser, die er verdrängt. Werden nun die Arme in die Höhe gehoben, so wird weniger Wasser verdrängt und der Kopf wird nothwendigerweise um so viel tiefer sinken.

Die zweite Stellung ist jedoch auf die Dauer sehr anstrengend, da der Kopf stark hintenüber gebeugt werden muß, wenn man den Mund außer Wasser halten will. Darum ist dieser Stellung die in Fig. 3 gezeichnete vorzuziehen. Die Arme werden in ihr nach hinten über den Kopf hin ausgestreckt und der Körper nimmt alsdann eine wagrechte Lage ein, wobei sich Gesicht und Mund außerhalb des Wassers befinden.

Warum durch die Haltung der Arme die ganze Lage des Körpers im Wasser verändert wird, erklären uns die Skizzen. Der weiße Fleck deutet die Luft an, welche sich in unsern Lungen und Eingeweiden befindet und uns das Schwimmen möglich macht. Sind die Arme nach hinten ausgestreckt, so ist das Gewicht der oberen und unteren Körperhälfte ziemlich gleich und der Körper pendelt um die große Luftblase, die nach oben strebt. Legt man aber die Arme nach unten an den Körper an, so wird die untere Körperhälfte schwerer, die Füße sinken und der ganze Körper nimmt eine mehr aufrechte Stellung an.

Die Skizzen zeigen uns aber auch, duß wir uns um so besser oben am Wasserspiegel erhalten, je größer die Luftblase ist, und darum soll der Verunglückte seine Lungen möglichst voll Luft pumpen, indem er tief und langsam ein- und kurz ausathmet.

Es ergeben sich somit drei Hauptregeln für die Selbsthilfe bei Gefahr des Ertrinkens:

1) Die Arme nicht aus dem Wasser erheben!

2) Auf dem Rücken liegen, den Mund nach oben gerichtet!

3) Tief einathmen und kurz ausathmen!

Auf diese einfache Weise haben sich bereits in mehreren bekannt gewordenen Fällen Frauen und sogar Kinder, die nicht schwimmen konnten und beim Baden in tiefes Wasser gerieten, selbst gerettet. Dieses Obentreiben sollte darum den Anfang eines jeden Schwimmunterrichts bilden, da es das natürliche Rettungsmittel ist, und wir heben noch ganz besonders hervor, daß jeder im seichten Wasser diese Kunst, ohne irgend welche Kraftanstrengung auf der Oberfläche des Wassers zu treiben, mit Leichtigkeit erlernen kann.

So soll sich der Ertrinkende, der nicht schwimmen kann, selbst retten oder so lange überm Wasser halten, bis Hilfe naht.

Wie rettet man nun einen Ertrinkenden?

Der Nichtschwimmer muß dem Verunglückten irgend einen Gegenstand, ein Ruder oder einen Strick, hinreichen. Hat er aber nichts dergleichen zur Hand, so soll er den Kopf nicht verlieren, sondern seinen Rock ausziehen, ihn am Ende des einen Aermels fassen und den andern Aermel oder den Rockschoß dem Ertrinkenden zuwerfen, um nur erst eine Verbindung mit ihm herzustellen. Es sind schon viele auf diese Weise gerettet worden. Nicht zu vergessen ist dabei, daß der Ertrinkende gewöhnlich noch einmal in die Höhe kommt, ehe er erstickt, und dann nach jedem Strohhalm greift, wie das Sprichwort sagt.

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Fig. 4.

Wir kommen nun an die wichtige Frage, wie sich ein Schwimmer beim Retten eines Ertrinkenden verhalten soll; die Frage ist darum von besonderer Wichtigkeit, weil beim falschen Vorgehen der Retter sein eigenes Leben gefährden kann.

Professor v. Esmarch druckt in seinem „Leitfaden“ als Anmerkung die Vorschriften ab, welche der Vorstand des Seemannsamts der freien Hansestadt Hamburg, Wasserschout Tetens, für die Rettung Ertrinkender durch Schwimmer gegeben hat. Sie verdienen die weiteste Verbreitung und lauten wie folgt:

1) Wenn man sich einem Ertrinkenden nähert, rufe man ihm mit lauter fester Stimme zu, daß er gerettet sei.

2) Ehe man ins Wasser springt, entkleide man sich so vollständig und schnell wie möglich. Man reiße nöthigenfalls die Kleider ab, hat man aber keine Zeit dazu, so löse man jedenfalls die Unterbeinkleider am Fuß, wenn sie zugebunden sind. Unterläßt man dies, so füllen sie sich mit Wasser und halten den Schwimmer auf.

3) Man ergreife den Ertrinkenden nicht, so lange er noch stark im Wasser arbeitet, sondern warte einige Sekunden, bis er ruhig wird. Es ist Tollkühnheit, jemand zu ergreifen, während er mit den Wellen kämpft, und wer es thut, setzt sich einer großen Gefahr aus.

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Fig. 5.

4) Ist der Verunglückte ruhig, so nähere man sich ihm, ergreife ihn beim Haupthaar, werfe ihn so schnell als möglich auf den Rücken und gebe ihm einen plötzlichen Ruck, um ihn oben zu halten. Darauf werfe man sich selbst ebenfalls auf den Rücken und schwimme so dem Lande zu, indem man mit beiden Händen den Körper am Haar festhält und den Kopf desselben, natürlich mit dem Gesicht nach oben, sich auf den Leib legt. Man erreicht so schneller und sicherer das Land als auf irgend eine andere Art, und ein geübter Schwimmer kann sogar 2 Personen über Wasser halten. Ein großer Vortheil dieses Verfahrens, das sich als das beste herausgestellt hat, besteht darin, daß man in stand gesetzt wird, sowohl seinen eigenen als auch des Verunglückten Kopf über Wasser zu halten. Auch kann man in dieser Weise sehr lange treiben, was von großer Wichtigkeit ist, wenn man ein Boot oder sonstige Hilfe zu erwarten hat.

5) Der „Todesgriff“ kommt erfahrungsgemäß ungemein selten vor. Sobald ein Ertrinkender schwach wird und seine Besinnung verliert, wird sein Griff allmählich schwächer, bis die Hand zuletzt ihren Halt gänzlich fahren läßt. Man braucht also dieses „Todesgriffes“ wegen keine Furcht zu hegen, wenn man jemand durch Schwimmen zu retten beabsichtigt.

6) Wenn jemand auf den Grund gesunken ist, so kann die Stelle, wo der Körper liegt, bei schlichtem Wasser genau an den Luftblasen erkannt werden, die gelegentlich zur Oberfläche emporsteigen. Einer etwaigen Strömung, welche die Blasen am senkrechten Emporsteigen hindert, muß dabei natürlich Rechnung getragen werden. Man kann oft, indem man in der durch die Blasen bezeichneten Richtung niedertaucht, einen Körper wiedererlangen, ehe es zur Wiederbelebung desselben zu spät ist.

7) Taucht man nach einem Körper, so ergreife man ihn am Haar, jedoch nur mit einer Hand und gebrauche die andere Hand und die Füße dazu, sich zum Wasserspiegel zu erheben.

8) In See ist es, falls der Strom vom Lande absetzt, ein großer Fehler, wenn man versucht, das Land zu erreichen. Man werfe sich dann lieber auf den Rücken, gleichviel, ob man allein oder mit einem Körper belastet ist, und treibe so lange, bis Hilfe naht. Mancher, der gegen den Strom dem Lande zuschwimmt, erschöpft seine Kräfte und geht unter, während ein Boot oder andere Hilfe hätte beschafft werden können, wenn er sich hätte treiben lassen. [623] 9) Diese Anweisungen sind unter allen Umständen gültig, sowohl in schlichtem Wasser als in der unruhigsten See.

Oft werden nun die Ertrinkenden ohnmächtig oder, wie man gewöhnlich sagt, todt aus dem Wasser gezogen. Hierzu ist zunächst folgendes zu bemerken:

Der Tod im Wasser kann auf zweierlei, Weise erfolgen.

Der Ertrinkende erstickt. Er athmet Wasser statt Luft in die Lungen ein und verschluckt dabei auch eine große Menge Wasser. Der Tod durch Erstickung erfolgt nicht sofort, sondern erst nach einem verhältnißmäßig langen Ringen mit den Wellen. Der Ertrunkene zeigt alsdann das Aussehen eines Erstickten: ein blaurothes aufgedunsenes Gesicht, blaurothe Lippen, blutunterlaufene Augen; öffnet man seinen Mund, so findet man darin schaumigwässerige Flüssigkeit; auch der Magen, die Luftröhre und die Lungen enthalten viel Wasser. –

Manchmal bieten jedoch Ertrunkene ein ganz anderes Aussehen. Das Gesicht ist blaß, schlaff, im Munde findet sich wenig oder gar keine schaumige Flüssigkeit. Dies sind Anzeichen, daß der Tod nicht durch Erstickung, sondern infolge einer Ohnmacht, eines Herzschlags eingetreten ist. In diesem Falle haben die Athembewegungen sofort aufgehört, die Stimmritze, d. h. der Eingang in die Luftröhre, hat sich krampfhaft geschlossen, sodaß wenig oder gar kein Wasser in die Lunge gelangt ist.

Dieses Aussehen ist günstig; denn in diesem Falle ist die Aussicht, das Leben zu retten, größer als in dem ersten.

Man hört nun oft die Frage: wann tritt der Tod im Wasser ein, wie lange muß der Mensch unter Wasser bleiben, damit er ertrinkt? Zehn Minuten, eine Viertelstunde etc.? Darauf ist zu antworten: die Zeit läßt sich nicht bestimmen. Es ist festgestellt, daß selbst nach stundenlangem Aufenthalt unter Wasser das Leben nicht vollständig zu erlöschen braucht, und daß es bisweilen in diesen Fällen gelingt, durch stundenlang fortgesetzte Bemühungen das Leben zurückzurufen. Daraus aber ergiebt sich die Regel:

„Jeder Ertrunkene muß als scheintodt betrachtet werden.“

Wie hat man nun diesen Scheintodted wieder zu beleben?

Der Arzt versteht das am besten und darum ist es die vornehmste Pflicht des Retters, zunächst nach dem Arzt zu senden. Bei dieser Gelegenheit sind gleich Decken und trockene Kleidung zu bestellen.

Inzwischen aber darf man nicht die Hände in den Schoß legen, sondern muß sofort mit den Wiederbelebungsversuchen beginnen, wobei die erste und dringendste Aufgabe darin besteht, die Athmung wieder herzustellen. Die Regeln, die dabei zu befolgen sind, lauten:

1) Man stelle den Ertrunkenen nicht auf den Kopf, hebe ihn nicht bei den Beinen in die Höhe, sondern lege ihn zunächst auf einer Unterlage von Decken oder Kleidungsstücken oder über seine Kniee auf den Bauch, den einen Arm unter den Kopf den Kopf und die Brust etwas tiefer als den übrigen Körper und übe einen Druck auf den Rücken, um die in Lunge und Magen eingedrungene Flüssigkeit ausströmen zu lassen.

2) Um der Luft freien Zutritt zur Luftröhre zu verschaffen, öffne man den Mund, reinige ihn und die Nase von Schlamm etc. mit dem Taschentuch, ziehe die Zunge hervor und halte sie nach vorne (am besten durch ein über Zungenspitze und Kinn gelegtes elastisches Band, Tuch, Tau etc.) oder schiebe den Kiefer vor.

3) Man entferne die nassen Kleider, vor allem zuerst die engen Kleidungsstücke von Hals und Brust, wie Halstuch, Hemdknöpfe, Tragbänder.

4) Um freiwillige Athembewegungen hervorzurufen, kann man sogleich die Nasenlöcher reizen durch Schnupftabak oder Riechsalz, oder den Schlund mit einer Feder kitzeln, Brust und Gesicht tüchtig reiben und abwechselnd mit kaltem oder heißem Wasser bespritzen, die Brust kräftig mit einem nassen Tuch schlagen.

5) Aber man halte sich dabei nicht lange auf; erfolgen darauf nicht alsbald Athembewegungen, so gehe man sofort über zur

künstlichen Athmung.

Wie bei der natürlichen Athmung durch die Wirkung der Muskeln der Brustkasten abwechselnd ausgedehnt und zusammengepreßt wird, so daß die Luft in die Lungen eindringt oder aus denselben hinausgepreßt wird, so soll bei der künstlichen Athmung dasselbe durch äußere Einwirkung erreicht werden. Dies läßt sich auf verschiedene Weise ausführen. Prof. v. Esmarch empfiehlt in erster Linie das Verfahren von Silvester, da es im Nothfalle von einem einzelnen Menschen ausgeübt werden kann und sehr oft die besten Dienste geleistet hat. Unsere beifolgenden Abbildungen veranschaulichen es in trefflicher Weise.

Man legt zu diesem Zwecke den Scheintodten flach auf den Rücken, Kopf und Schultern etwas erhöht durch ein zusammengefaltetes Kleidungsstück.

Man stellt sich hinter denselben, ergreift beide Arme oberhalb der Ellbogen, erhebt sie sanft und gleichmäßig bis über den Kopf und hält sie hier 2 Sekunden fest. Dadurch wird der Brustkorb ausgedehnt und die Luft in die Lungen gezogen. (Vergl. Fig. 4.)

Dann führt man die Arme auf demselben Wege zurück und drückt sie sanft aber fest 2 Sekunden lang gegen die Seiten des Brnstkastens. Dadurch wird die Luft wieder aus den Lungen ausgepreßt. (Vergl. Fig. 5.)

Sind zwei Helfer zur Hand, so stellt sich einer auf jede Seite des Ertrunkenen jeder ergreift einen Arm und auf Kontmaudo 1, 2, 3, 4 machen nun beide diese Bewegungen. (Vergl. Fig. 6.)

Diese Bewegungen werden ungefähr 15 Mal in der Minute, so lange vorsichtig und beharrlich wiederholt, bis man bemerkt, daß selbstthätige Athembewegungen beginnen. Gewöhnlich kündigt sich der erste Athemzug durch eine plötzliche Farbenverändernug des Gesichtes an, das blasse röthet sich und umgekehrt.

Diese künstliche Athmung muß nun bis zur Ankunft des Arztes, oder wenn dieser nicht erscheint, stundenlang fortgesetzt werden. Erst wenn viele Stunden lang Athmung und Herzschlag aufgehört haben, darf man mit ruhigem Gewissen das Rettungswerk einstellen. – Ist die Bemühung des Retters von Erfolg gekrönt, haben sich selbstthätige Athembewegungen eingestellt, so hört man mit der künstlichen Athmung sofort auf. Man hüllt den Körper in trockene Decken oder Kleidungsstücke ein und reibt die Glieder kräftig von unten nach oben, dann bringt man den Wiederbelebten in ein warmes Bett, bedeckt ihn mit warmen Flanelltüchern, legt Wärmflaschen oder Wärmsteine auf die Magengrube, in die Achselhöhle, zwischen die Schenkel und an die Fußsohlen; denn jetzt gilt es, die Körperwärme wieder herzustellen und die Herzthätigkeit anzuregen.

Zu trinken giebt man dem Verunglückten erst dann, wenn das Leben soweit zurückgekehrt ist, daß er schlucken kann; dann flößt man ihm theelöffelweise warmes Wasser, Kaffee, Thee, Grog oder Wein in kleinen Mengen ein.

Bis dahin wird die ärztliche Hilfe zur Stelle sein und der Retter kann mit dem frohen und beseligenden Bewußtsein scheiden, daß er dem Tode ein Opfer entrissen, seine Mächstenpflicht erfüllt habe.

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Was wir hier in großen Umrissen angedeutet haben, das ist der Inhalt eines Vortrages in der Samariterschule. Das gedruckte Wort kann jedoch den Besuch derselben nicht ganz ersetzen; denn in dieser Schule wird nicht nur vorgetragen, sondern in ihr werden auch praktische Uebungen vorgenommen, und man vergißt nicht so leicht, was man einmal gründlich eingeübt hat.

In diesem einen Vortrage haben wir nur die erste Hilfe beim Ertrinken kennen gelernt, aber das Leben bringt noch viele andere Gefahren. Ein Schneegestöber erhebt sich und wie vor Jahresfrist verschüttet es Hunderte von Menschen in einer einzigen Nacht auf einsamen Wegen oder in entlegenen Weilern. Man [624] findet die Erfrorenen, aber es ist fast unmöglich, auf den unwegsamen Straßen den Arzt herbeizuholen. Wie belebt man die starren Scheintodten wieder? Unfälle aller Art ereignen sich tagtäglich; in dem Kampfe ums Dasein verunglücken so viele. Wie rettet man die Verblutenden von sicherem Tode, wie lindert man die Qualen der Verbrannten, wie hilft man dem Arbeiter, der, vom Hitzschlag getroffen, zusammenbricht – ja wie hilft man in allen diesen und unzähligen anderen Fällen, ohne zu schaden, bis der Arzt kommt? Man bedenke! es sind nicht immer nur Fremde, die von einem solchen Unfall betroffen werden; das Leben kann uns in die Lage bringen, daß wir der eigenen Mutter, der eigenen Frau, dem eigenen Kinde die erste Hilfe in der Noth bringen müssen – und wie viele Tausende sind bereits in dieser Lage gewesen und haben nicht gewußt, wie sie helfen, wie sie retten sollten!

Wie es in jedem Dorfe eine Schule giebt, in der die Kinder lesen und schreiben lernen, so sollte es auch wahrlich überall eine Samariterschule geben, in der jedermann einen Schatz des Wissens und Könnens erwirbt, der ihn wappnet gegen die Unfälle, die sein Leben und seine Gesundheit bedrohen. Das läßt sich nicht mit einemmal erreichen. Aber einen Ersatz dafür giebt es.

Es liegt vor uns das mit rothem Kreuz geschmückte Büchlein „Die erste Hilfe bei plötzlichen Unglücksfällen. Ein Leitfaden für Samariterschulen“ von Dr. Friedrich v. Esmarch (Leipzig, Verlag von F. C. W. Vogel); es ist keine „Novität“, denn es liegt bereits in der achten Auflage vor. Aber diese neueste achte Auflage ist zum erstenmal mit 90 Abbildungen versehen, ähnlich denen, die wir in diesem Artikel gebracht haben. Dadurch ist das vortreffliche Buch zu einem ausgezeichneten Lehrmittel geworden. Was es enthält, das ist für jedermann wichtig, das sollte Gemeingut des ganzen Volkes werden. Wir empfehlen es als ein Familienbuch, das dort, wo es an Samariterschulen fehlt, Nutzen stiften wird. Dieser „Leitfaden“ ist so weltberühmt, daß er eigentlich unserer Empfehlung nicht bedarf, er ist ja in sechzehn lebende Sprachen übersetzt worden … aber das Gute kann man nicht oft genug in Erinnerung bringen!