Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen: Lichtenstein

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Textdaten
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Autor: O. M.
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Titel: Lichtenstein
Untertitel:
aus: Erzgebirgischer Kreis, in: Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen. Band 4, Seite 86–87
Herausgeber: Gustav Adolf Poenicke
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Erscheinungsdatum: [1856]
Verlag: Expedition des Ritterschaftlichen Album-Vereins
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Commons = SLUB Dresden
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Album der Schlösser und Rittergüter im Königreiche Sachsen IV 137.jpg
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Lichtenstein.


Die Herrschaft Lichtenstein, unstreitig eine der ältesten Schönburgischen Besitzungen, grenzt nördlich an die Herrschaften Waldenburg und Glauchau, östlich an die Aemter Stollberg, Grünhain und das Gericht Oelsnitz, südlich an die niedere Grafschaft Hartenstein und westlich an die Aemter Wildenfels und Zwickau. Die grösste Länge derselben beträgt in der Richtung von Westen nach Osten drei und eine halbe Stunden, die Breite von Süden nach Norden hingegen kaum zwei Stunden. Berge und Anhöhen sind: der Schlossberg, Chemnitzer Berg, Galgenberg und Mülsnerberg bei Lichtenstein; namentlich aber geniesst man eine herrliche Aussicht in das Voigtland und die westlichen Gegenden von dem Pfaffenberge bei Ernstthal. Die bemerkenswerthesten Waldungen befinden sich zwischen Gersdorf, Hohndorf und Bernsdorf, auch ist das Mühlholz und der Eisenberg zwischen Kuhschnappel und Russdorf zu erwähnen. Der Neudörfler Wald und das Burgholz liegen südwestlich von Callnberg, der Stadtwald zwischen Lichtenstein und Bernsdorf und der Streitwald zwischen Lössnitz und Stollberg. – Der vorzüglichste Bach ist die sogenannte Lungwitz, welche sich mit dem Erlbach, dem Gersdorfer Bach, Bernsdorfer Bach und der Rödlitz vereinigt und oft über ihre Ufer tritt, sowie der Mülsner Bach, der, wie auch die Lungwitz, in die Mulde fällt. Der Boden der Herrschaft Lichtenstein ist bergig und war vormals sehr bewaldet, jetzt sind die Thäler und Ebenen fruchtbar und trefflich zum Feldbau geeignet. Auf den Dörfern wohnen viele Strumpfwirker.

Die Herrschaft Lichtenstein wird schon im zwölften Jahrhundert als Reichslehn, seit 1212 aber als böhmisches Lehn erwähnt, bis sie durch den Recess von 1740 in den sächsischen Lehnsverband überging. Den Namen Lichtenstein nennt zuerst eine Urkunde von 1212, wo Kaiser [87] Friedrich II. den König Ottokar von Böhmen nebst anderen Besitzungen auch das Schloss Lichtenstein nebst Zubehör überliess. Diese Burg findet sich in späterer Zeit auch bisweilen unter dem Namen Pyrsenstein und Pirschenstein. Im Jahre 1534 fiel die Herrschaft an die obere Linie der Familie von Schönburg und als 1702 in derselben eine brüderliche Theilung stattfand, bildete sich die Lichtensteiner Linie, welche jedoch 1750 mit dem Grafen Wilhelm Heinrich von Schönburg erlosch, worauf die Herrschaft an die Steinsche und Hartensteinsche Linie gemeinschaftlich, und nach Absterben der letzteren im Jahre 1786 an den einzigen, von den 1702 entstandenen Zweigen übrig gebliebenen Lehnserben, den Fürsten Otto Carl Friedrich von Schönburg gelangte. Die Söhne dieses Fürsten beschlossen im Jahre 1813 eine Theilung, bei welcher zu der Herrschaft Lichtenstein geschlagen wurden: Die Städte Lichtenstein und Callnberg, die Dörfer Gersdorf, Bernsdorf, Hohndorf, Mülsen, St. Micheln, Stangendorf und Streitwald (auch Neudörfchen genannt), ein Theil von Oberlungwitz und Mülsen St. Jacob, die Dörfer Rödlitz und Neudörfel, Ortmannsdorf, Schönburgischen Antheils Russdorf und Kuhschnappel.

Das hochgelegene stattliche Schloss wurde im Jahre 1538, wo ein Brand das alte Gebäu vernichtete, von Grund aus neu erbaut. Dasselbe war der Wittwensitz der Gemahlin des im Jahre 1800 im kräftigsten Mannesalter verschiedenen Fürsten Otto Carl Friedrich von Schönburg, dessen Hülle in einem Souterrain des Schlosses beigesetzt wurde. Zur Zeit befindet sich in dem Schlosse das fürstliche Justizamt, in dem höher gelegenen Vorwerke aber das Rentamt.

Die Stadt Lichtenstein zählt etwa vierhundert Häuser, mit dreitausend Einwohnern, die sich hauptsächlich mit Manufakturarbeiten und zum Theil mit Ackerbau beschäftigen. Nach den vielen in und bei der Stadt befindlichen Felsenkellern zu urtheilen muss hier in früherer Zeit auch die Bierbrauerei von Erheblichkeit gewesen sein. Zu der Stadt gehören das westlich von Lichtenstein erbaute Rümpfgut mit einem eleganten Sommerhause und das nördlich von hier befindliche, an der Strasse nach Waldenburg gelegene Schellergut, fünf Mahlmühlen, zwei Bretmühlen und eine Papiermühle. Der diese Mühlen treibende Rödlitzer Bach trennt die Stadt von Callnberg und enthielt früher viele und schöne Forellen.

Die Stadt Lichtenstein ist in den Jahren 1519, 1598, 1610, 1632, 1630, 1755 und 1771 von bedeutenden Feuersbrünsten heimgesucht worden. Im Jahre 1306 fand bei Lichtenstein ein Gefecht statt, in welchem Markgraf Friedrich der Gebissene Friedrichen von Schönburg und dessen Bundesgenossen gänzlich aufs Haupt schlug. Die Kriege des siebzehnten, achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts waren ebenfalls mit grossen Nachtheilen und Beschwerden für Lichtenstein verbunden. Seit 1632 hat die Stadt einen Wochenmarkt, und ausserdem besitzt sie einige Jahrmärkte.

Die hiesige Stadtkirche war früher dem heiligen Laurentius geweiht und brannte 1771 nebst allen öffentlichen Gebäuden und siebzig Bürgerhäusern nieder. In der neuerbauten Kirche befindet sich ein treffliches, vom Hofmaler Vogel herrührendes Altarbild, die Scene enthaltend wo Christus seinen Jüngern ein Kind als Muster vorstellt. Herrlich ist namentlich die Figur des Petrus dargestellt. Zum Modell des Kindes wählte der Künstler den damals im Kindesalter stehenden jetzt regierenden Fürsten Otto Victor. Zu den öffentlichen Gebäuden gehört auch die uralte Hospitalkirche zum heiligen Kreuz. Lichtenstein war ehemals der Sitz des im zehnten Jahrhundert gestifteten, bischöflich Naumburgischen Dekanats trans Muldam, zu welchem dreissig Pfarren gehörten. – In dem östlich von der Stadt, an der Strasse nach Chemnitz hin, liegenden sogenannten Stadtwalde liess der verstorbene Fürst eine sich vierfach kreuzende Allee anlegen und den Weg ebnen. Auf dem höchsten Punkte des Berges hatte man früher eine köstliche Aussicht von einer Spitzsäule, die im Jahre 1800 ein Orkan niederstürzte. Filial von Lichtenstein ist Rödlitz, das Küchengut des Schlosses. Eingepfarrt nach Lichtenstein ist Hohndorf.

O. M.