Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen: Roitzsch

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Textdaten
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Autor: O. Moser
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Titel: Roitzsch
Untertitel:
aus: Leipziger Kreis, in: Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen. Band I, Seite 87b–88b
Herausgeber: Gustav Adolf Poenicke
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Expedition des Albums Sächsischer Rittergüter und Schlösser
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Commons = SLUB Dresden
Kurzbeschreibung:
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Album der Schlösser und Rittergüter im Königreiche Sachsen I 125.jpg
[87b]
Roitzsch
bei Wurzen.


Roitzsch, in Urkunden auch Röitzsch, Retschitz, Reetsch und ganz früh auch Rothschatz genannt, liegt eine Viertelstunde nordöstlich von Wurzen, eine halbe Stunde vom Muldenstrome entfernt an dem Rietschke- oder richtiger Roitschkebache, 450 Pariser Fuss über der Nordsee in einer Ebene, welche im Norden die Lüptitzer Berge begrenzen. Ausser dem Rittergute befinden sich in Roitzsch sechsundzwanzig Feuerstätten und hundertsiebzig Einwohner, die zum Theil in der nahen Stadt Wurzen beschäftigt sind. Nördlich vom Dorfe zieht sich die Leipzig-Dresdner Chaussee hin. Eingepfarrt ist Roitzsch in die St. Wenzelskirche zu Wurzen. Nahe bei dem Orte befinden sich drei schöne Teiche.

In den ältesten Zeiten war das Rittergut zu Roitzsch nur ein Vorwerk, das einer adligen Familie gehörte die sich von Retschitz und bisweilen auch von Ratzig schrieb. In zwei Urkunden aus dem dreizehnten Jahrhundert wird unser Roitzsch sogar einmal Rotschwitz und ein anderes Mal Tryschütz genannt. Die Herren von Retschitz scheinen sehr fromme Leute gewesen zu sein, denn eine ziemliche Anzahl von Urkunden erwähnen von ihnen herrührende Schenkungen. Heinrich von Retschitz sass auf hiesigem Vorwerke von 1334 bis 1380 und einer seiner Söhne oder Enkel überliess das Gut um 1429 dem adligen Geschlecht von Lussk (Laussigk) aber schon 1472 verkaufte Balthasar von Lussgk dasselbe nebst Zubehör für 1260 Gulden an seinen Lehnsherrn, den Bischof zu Meissen, der Roitzsch zum bischöfflichen Küchengute erhob. Johann von Saalhausen, dem die Wurzner Pflege unendlich viel Gutes verdankt, liess in der Zeit von 1491 bis 1493 die drei noch vorhandenen Teiche graben. [88b] Nach dem Ableben des letzten Bischofs von Meissen Johann IX (von Haugwitz) fiel Roitzsch dem Landesherrn als offenes Lehn zu und dieser verkaufte das Gut 1618 an Oswald aus dem Winkel, der es dem Gefreiten des heiligen Römischen Reiches, Stiftsrath und Canzler zu Wurzen, auch Herrn auf Mühlbach Dr. Daniel von Döring, dem neunten Sohne des Geheimeraths und Günstlings Churfürst Johann Georg I. David von Döring überliess. Der Reichsgefreite starb im achtzigsten Lebensjahre 1665, und beide Güter erbte sein Sohn, der Geheimerath und Stiftskanzler Wolf David von Döring, welcher 1714 mit Tode abging. Von 1720 bis 1758 gehörte Roitzsch dem Rittmeister Hans Christoph von Döring und bis 1780 dem Domherrn Gottlob Heinrich von Döring, worauf das Gut später an die Familie von Lorenz gelangte, der auch Wäldchen und Mühlbach gehörte und von welcher es Christian Heinrich Grünler erkaufte. In neuerer Zeit besass Roitzsch der churhessische Rittmeister aus dem Winkel, derzeitiger Besitzer aber ist Herr Ulbricht.

Das Rittergut Roitzsch besitzt ein hübsch gebautes Wohnhaus und sehr zweckmässig angelegte Wirthschaftsgebäude. Die Gerichtsbarkeit, Hufengelder und andere Gerechtsame hat es erst im Jahre 1618 erhalten, wo das bisherige Amtsvorwerk und die Schäferei an Roitzsch vererbt wurden; die Dienste aber blieben beim Amte. Das Gut stellte früher keine Ritterpferde, sondern zahlte nur Donativgelder. Nicht unbedeutend sind hier die Schafzucht, Fischerei und Ziegelbrennerei. Der Amtshauptmann Freiherr August Gottfried von Lorenz trieb zum Betrieb einer Zuckerfabrik sehr starken Runkelrübenbau, womit zugleich bedeutende Viehmastung verbunden war. – Das Dorf hat eine eigene Schule.

Nur wenige Gegenden unseres Sächsischen Vaterlandes sind durch die Kriege der letzten vier Jahrhunderte so schwer heimgesucht worden wie die hiesige. Ueber die Einfälle der Hussiten sind nur wenige Nachrichten auf unsere Zeit gekommen, ausführlicher aber sind die Schilderungen der Leiden welche der dreissigjährige Krieg über Wurzen und seine Umgebung brachte. Der Superintendent zu Wurzen, Buläus, hat über die sogenannte Wurzener Marterwoche im Kirchenbuche bemerkt: Anno 1637 alsobald mit angehendem neuen Jahr ist die feindliche Schwedische Armada unter Generalfeldmarschallen Johann Bannern in das Churfürstenthum Sachsen, und also auch in das Stift und Stadt Wurzen gefallen und hat darauf am Dienstag in der Marterwoche ohne einige gegebene Ursach, ja wider Banners und anderen Schwedischen Offizieren gegebene Parol und Versprechung das Schwedische Volk aus dem Lager bei Torgau die Stadt Wurzen öffentlich überfallen mit Plündern, Rauben, Schänden der Weibesbilder mit Morden und unzähligen ungläubigen über Türkischen barbarischen Tyrannisiren unmenschlich verfahren bis auf den Charfreitag, da Sie vollends die Stadt in Brand gesetzt und mit Strumpf und Stiel exscindiret haben. In diesen exscindio der Stadt Wurzen sind so viele Mannes- und Weibes-Personen, Junge und Alte durchs Schwerdt, durchs Feuer und durch die erfolgte Pest hier in den Kellern und auch anderswo in exilio gestorben und umbkommen, dass Sie von Niemand haben können gezehlet oder angeschrieben werden, ja es ist die Stadt von Einwohnern fast gar entblösset worden. Darümb ist wegen allzugrossen Elends selbiger Zeit das Todten-Register ungehalten blieben. – Noch einige Male kamen die racheglühenden Schweden hierher um den unglücklichen Einwohnern entgelten zu lassen was eine falsche Politik verschuldet, bis das Jahr 1648 den heissersehnten Frieden brachte. Als Karl XII. Sachsen feindlich überzog, lag hier über ein Jahr lang königliche Leibgarde im Quartier, aber die Enkel jener entmenschten Rotte die 1637 die Stadt vernichtete, waren gute harmlose Leute, welche sogar unter sich zum Besten der Wenzelskirche eine Sammlung veranstalteten, die hundert Thaler einbrachte. In dem siebenjährigen und dem letzten französischen Kriege, wo Sachsen der Tummelplatz aller Nationen war, litten namentlich die an der Heerstrasse gelegenen Orte ausserordentlich viel. – Möchten jene Schreckenszeiten nimmer wiederkehren! –

O. Moser.